SZENE HAMBURG: Pheline, „Die Friesenjunkies“ entführt uns in eine Entzugsklinik an der Nordsee. Wenn du das Ganze in einem Satz beschreiben müsstest: Was ist das für eine Welt, in die ihr die Zuschauer da mitnehmt?
Pheline Roggan: Eine Welt, die ich vorher selbst noch nicht kannte und die extrem unterschiedliche Charaktere zusammenbringt. Es ist ein total interessanter Einblick in gesellschaftliche Verhältnisse, die im normalen Alltag oft gedeckelt werden. Aber auch die Therapie an sich ist spannend: Wir blicken sowohl in die Welt der süchtigen Patientinnen und Patienten als auch auf die Belegschaft, die vor Ort die Therapiearbeit leistet. Am Ende fragt man sich unweigerlich: Wer hat hier eigentlich das größere Problem.
Nach all deinen Jahren im Geschäft: Was muss ein Projekt heute haben, damit du Ja sagst?
Das hängt sehr stark von der Geschichte und den Menschen ab, die daran arbeiten. Ich habe immer Lust, neue Dinge auszuprobieren und dazuzulernen. Vor Kurzem musste ich zum Beispiel für eine Rolle Ballett lernen. Es gibt aber definitiv Erzählungen, die ich nicht mehr bedienen möchte: böse Mütter zum Beispiel. Ich finde, dieses Motiv haben wir auserzählt, und ehrlich gesagt kenne ich im echten Leben auch keine bösen Mütter. Gestresste und überforderte Mütter, na klar. Aber böse? Ich lege immer einen starken Fokus darauf, wie Frauen erzählt werden und welche Narrative dadurch entstehen. Wenn ich das Gefühl habe, dass ein Rollenbild überholt ist oder uns gesellschaftlich eher wieder zurückwirft, habe ich kein Interesse daran, Teil des Projekts zu sein.
Ich lege einen starken Fokus darauf, wie Frauen erzählt werden
Pheline Roggan
Bei den Beltons gibt es ja kein klassisches Drehbuch mit fertigen Dialogen. Wie muss man sich das vorstellen: Wie nähert man sich einer Suchttherapeutin an, wenn das Skript im Grunde erst im Moment am Set entsteht?
Die Produktionsfirma hat mich mit einer Suchttherapeutin aus dem UKE vernetzt. Außerdem habe ich selbst bereits Therapieerfahrung – wenn auch nicht im Bereich der Suchttherapie. Ich kannte also zumindest die andere Perspektive und habe mich zusätzlich intensiv eingelesen. Die Vorstellung, dass man als Therapeutin einfach nur zuhört und die Patient:innen mal machen lässt, entspricht auf keinem Fall der Realität. Dieses dauerhafte Zuhören macht etwas mit einem persönlich. Im Fachjargon nennt sich das Übertragung. Sich davon komplett zu lösen und sich ganz in den Dienst des Gegenübers zu stellen, ist wahnsinnig anspruchsvoll. Die Rolle hat mich extrem viel über den Beruf gelehrt und mein Respekt davor ist während der Dreharbeiten noch einmal deutlich gewachsen.
Komik baut Brücken

Die Serie behandelt das Thema der Sucht komödiantisch. Hat sich deine Sicht auf das Thema durch die Arbeit verändert?
Ja, die Serie nähert sich dem Thema komödiantisch, aber es steckt trotzdem sehr viel ernstes Drama in den einzelnen Schicksalen. Sich einer schweren Thematik über die Schiene des Humors anzunähern, kann sehr bereichernd sein. Es ist manchmal gar nicht so leicht, ein diffiziles Thema zugänglich zu machen. Genau da hilft die Komik ungemein, um eine Brücke zum Publikum zu schlagen.
Bei einer Impro-Serie fliegt der Plan oft aus dem Fenster. Gab es diesen einen Moment am Set, wo die Maske gefallen ist, du nicht mehr „spielen“ musstest, weil es einfach komplett real und aus dem Ruder gelaufen war?
Das ging ehrlich gesagt ziemlich schnell – Emil und Oskar wissen schon, wie sie eine richtig gute Gang zusammen casten. Es gab wahnsinnig viele Momente am Set, die richtig Spaß gemacht haben. Anfangs haben wir in Belgien gedreht und ganz zum Schluss auf Sylt. Als wir dann auf der Insel zusammenkamen, waren alle komplett angekommen im Klinik-Impro Modus, wir waren ein tolles, großes Team und sind im positivsten Sinne zusammen eskaliert. Das hat unheimlich viel Spaß gemacht und ich bin mir sicher, dass sich das überträgt und wir da ein richtig cooles Projekt geschaffen haben!
Sich einer schweren Thematik über die Schiene des Humors anzunähern, kann sehr bereichernd sein
Pheline Roggan
Du stehst nicht nur vor der Kamera, sondern machst deinen Mund auf – für Nachhaltigkeit, Haltung, eine bessere Welt. Wie bringst du diesen tiefen inneren Anspruch, die Welt verändern zu wollen, mit dem Filmgeschäft unter einen Hut?
Gut! (lacht) Mir hilft es total, die Aufmerksamkeit und Reichweite, die ich habe, für gesellschaftlich relevante Themen zu nutzen. Es macht mir Freude, diese Dinge anzugehen, dadurch mit anderen in Kontakt zu treten und mich zu vernetzen. Wenn man dann gemeinsam etwas anpackt und merkt, dass es Früchte trägt – wie zum Beispiel bei der Mitgestaltung des Filmförderungsgesetzes, durch das sich nun alle an ökologische Mindeststandards halten müssen –, bringt das ein unheimlich starkes Gefühl von Selbstwirksamkeit. Das hilft sehr, sich in Zeiten desaströser Nachrichtenlagen nicht mehr so ohnmächtig zu fühlen. Es gibt enorm viel Energie zu spüren, dass man kein machtloser Teil des Systems ist, sondern im Kleinen Dinge verändern und für bessere Verhältnisse einstehen kann. Man braucht wirklich keine Angst davor zu haben, öffentlich Haltung zu zeigen. Dafür muss man auch gar nicht über alles Bescheid wissen oder Experte auf politischem Gebiet sein. Aber sich hinzustellen und öffentlich zu sagen, dass man sich eine Politik ohne rechtsextreme Parteien wünscht oder eine Zukunft mit so wenig Klimakrise wie möglich – das kann wirklich jede und jeder von uns machen.

