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Schlager, move!

Corona ist „vorbei“ und der Schlagermove kehrt zurück. Am ersten Juliwochenende ist der Kiez wieder voll von kotzenden Prilblumen und schlechter Musik. Das zerstört den Stadtteil, eine Lösung muss her – ein Kommentar

Kommentar: Felix Willeke

Auf St. Pauli ist es DAS Wochenende. Nein, es geht weder um Fußball noch um ein hochkulturelles Highlight. Es ist das Wochenende, an dem einer der beliebtesten Stadtteile Hamburgs komplett durchdreht und das nur bedingt freiwillig: Es ist Schlagermove.

Man kann von dieser Veranstaltung halten, was man will. Nicht jedem gefallen die Lieder von Costa Cordalis oder Jürgen Drews und die Klischee-Bilder von kotzenden Menschen in Schlaghosen sind schon zu oft wiederholt worden. Fest steht: An diesem Wochenende kommen voraussichtlich über 300.000 Menschen nach St. Pauli. Das sind 15-mal mehr Menschen, als hier wohnen und genau da liegt das Problem: Diese Festivalisierung lässt den Stadtteil ausbluten.

St. Pauli: Der Eventstadtteil

Wir alle kennen den Kiez und wissen, wie sehr er in den letzten Jahren zur Ballermann-Amüsiermeile geworden ist. Neben den ganzen Touris kommt dazu, dass fast alle großen Events in Hamburg auf St. Pauli stattfinden: Seien es Marathon und Triathlon, die ihre Strecken über Kiez und am Hafenrand entlangführen, alle zwei Jahre ein Fanfest zu WM und EM und dreimal im Jahr der Dom auf dem Heiligengeistfeld. Und an diesem Wochenende eben der Schlagermove, der aus dem Kiez einen riesigen Open-Air-Bierkönig macht.

„Der Kiez wird ein riesiger Open-Air-Bierkönig“

Felix Willeke

Während das Partyvolk – von dem ein nicht unwesentlicher Teil von außerhalb anreist – über die Reeperbahn zieht, überlegen sich mutmaßlich deutlich mehr Menschen Vermeidungsstrategien. Für viele St. Paulianer:innen heißt es: Weg aus meinem Stadtteil und viele Hamburger:innen meiden das Gebiet um Kiez und Hafenrand am Samstag wie die Pril-Blume die Versenkung. Muss das sein?

Profit vs. Stadtteil

Bei der Antwort lohnt der Blick auf die Politik. Hamburgs Strategie für die Zukunft ist die Stärkung des Tourismus und der Schlagermove ist ein wahres Party-Flaggschiff. Schließlich spült er pro Jahr rund 250.000 Euro Tourismussteuer in die Kassen. Dazu kommt, dass die Hotels genau an diesem Wochenende die Preise erhöhen wie zu Zeiten des Hafengeburtstags oder während der großen Messen. Der Profit ist zweifelsohne da. Er geht aber ganz klar zulasten des Stadtteils.

Der SPD-Politiker Arik Willner sagte 2018 der Welt, dass „St. Pauli ein realer Stadtteil mit realen Bewohnern ist und keine Disney-Kulisse.“ Wahre Worte. Doch diese Stimme verhallt ungehört, denn in diesem Jahr „nach“ Corona wollen alle wieder feiern und die Strategie der Stadt für St. Pauli lautet scheinbar: „Den Kiez-Kult melken, bis er ausblutet.“ Doch wenn das passiert und die Großveranstaltungen dem Stadtteil endgültig den Garaus machen, können wir bald Eintritt für den Vergnügungspark verlangen. Die Menschen, die den Kiez „kultig“ machen, sind dann nämlich längst verschwunden.

Verlegt den Schlagermove!

Was tun? Die Antwort auf diese Frage soll nicht lauten, den Schlagermove zu streichen. Die Lösung ist die Verlegung der Veranstaltung. Das hat schon bei den Harley Days gut funktioniert, die mittlerweile am Großmarkt stattfinden. Für den Schlagermove wäre diese Fläche sicherlich zu klein. Hier müsste man über andere Orte nachdenken.

„Die Antwort ist nicht: Nie mehr Schlagermove“

Felix Willeke

Wie wäre es zum Beispiel mit dem Elbdeich in Wilhelmsburg, hier gibt es Platz, es ist weit genug von Wohnungen entfernt, sodass der Lärmschutz weniger eine Rolle spielt. Alternativ wäre zukünftige auch der kleine Grasbrook denkbar, hier sollen zwar irgendwann einmal Menschen wohnen, aber bis dahin könnte man die entstehende Brache prima als Eventfläche nutzen. Und dann ist da noch Billwerder-Moorfleet: Ein Gebiet voller Industrie, wenig Wohnraum und mit viel Platz. Das Festivalzentrum könnte man hier zum Beispiel bestens auf dem riesigen Parkplatz vor IKEA einrichten, mit sechs Kilometern wäre die Strecke für die Trucks sogar doppelt so lang wie bisher und wenn einmal die Schlickdeponie Feldhofe nicht mehr gebraucht wird, gibt es sogar noch mehr Platz.

Alles Ideen, über die man nachdenken könnte. Für 2022 ist das allerdings zu spät und kommendes Wochenende werden sich wieder Horden in schwitzigen und zu engen Schlaghosen über den Kiez schieben. Vielen St. Paulianer:innen bleibt dann nur die Flucht an den schattigen Alsterlauf, zum gemütlichen Bier in die Strandperle oder sie genießen die Vorzüge des Neun-Euro-Tickets. In diesem Sinne: Hossa!


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