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Große Empörung: Hermes Fulfilment entlässt Mitarbeiter

Die Otto Group entlässt im kommenden Jahr 840 Mitarbeiter ihres Tochterunternehmens Hermes Fulfilment in Bramfeld und stärkt die Standorte in Polen und Tschechien. Die Empörung ist groß, der Zeitpunkt ungünstig und die Politik beschwichtigt

Text: Marco Arellano Gomes

 

In der griechischen Mythologie gilt Hermes als Schutzgott des Verkehrs, der Reisenden, der Kaufleute, und sogar – man höre und staune – der Diebe. Schutzgott der Logistik-Beschäftigten ist er hingegen nicht. Mitten in einer Zeit, in der es gilt, den Coronabedingten wirtschaftlichen und sozialen Härten durch Solidarität zu begegnen, gibt die Otto Group – eines der größten und einflussreichsten Unternehmen Hamburgs (Umsatz: 14,3 Milliarden Euro) – bekannt, dass 840 Mitarbeiter beim Tochterunternehmen Hermes Fulfilment in Bramfeld entlassen werden.

Also: alle. Ab kommendem Jahr werden die zurückgesendeten Waren aus Europa ausschließlich zu den Retourbetrieben in Lodz (Polen) und Pilsen (Tschechien) gefahren. Dort werden die Rücksendungen in Zukunft angenommen, ausgepackt, geprüft, gereinigt, eingepackt und weiterverkauft. Die Beschäftigten in Bramfeld hingegen verlieren im Herbst 2021 ihren Job. Für viele bedeutet das den direkten Übergang in die Arbeitslosigkeit. Die aus etwa 69 Nationen stammenden, überwiegend weiblichen Mitarbeiter fühlen sich vor den Kopf gestoßen. Das ist Social Distancing der etwas anderen Art.

 

„20 Jahre Arbeit. Belohnung: Kündigung“

 

Am Montag, den 14. September, elf Tage nach der Bekanntgabe der Entscheidung, gingen knapp 200 Mitarbeiter in ihrer Mittagspause mit gelben Warnwesten vor der Konzernzentrale auf die Straße, um ihrem Ärger Luft zu machen. Sie hielten Schilder hoch, auf denen Sätze zu lesen waren wie: „20 Jahre Arbeit. Belohnung: Kündigung“, „Wie Müll entsorgt, danke Otto“, und „Otto – fand ich gut.“ Sie schlugen auf Trommeln und Plastikkübeln rhythmisch ihren Frust heraus. Auf die üblichen Trillerpfeifen wurde aufgrund der Maskenpflicht verzichtet.

Unter den Demonstrierenden war auch Dirk Schmidt, Betriebsratsvorsitzender bei Hermes Fulfilment: „Wir wollen ein Zeichen setzen und fordern den Vorstand der Otto Group auf, den Beschluss für das Aus des Retour- Betriebs in Hamburg zurückzunehmen.“, sagte er gegenüber dem NDR. „Die Otto Group spart jetzt richtig Geld, den Preis müssen wir, die alles mit aufgebaut haben, mit unseren Arbeitsplätzen bezahlen. Das passt nicht zu den Werten dieses Familienunternehmens. Tradition, Treue, Verbundenheit und Wertschätzung werden mit Füßen getreten.“

Heike Lattekamp, Verdi-Landesfachbereichsleiterin für Handel, pflichtet ihm bei: „Wir sind entsetzt und empört über das Verhalten des Unternehmens. Otto betont immer seine soziale Verantwortung. Davon ist jetzt nichts zu sehen. 840 Beschäftigte und ihre Familien sind in ihrer finanziellen Existenz bedroht.“ Die Mitarbeiter hatten seit 2006 Gehaltseinbußen in Höhe von zwölf Prozent hingenommen, um ihre Arbeitsplätze in Hamburg zu halten, erklärt Verdi in einer Mitteilung. Die nun verkündete Entscheidung fühle sich für die Betroffenen an wie eine unverschämte Retour-Kutsche.

 

Der Standort ist schon länger nicht rentabel

 

„Alle sind schockiert und traurig“, berichtet Olaf Brendel, Mitarbeiter bei Hermes Fulfilment, Mitglied im Hermes Europe Aufsichtsrat und bis vor Kurzem Vertreter der Arbeitnehmerschaft im Otto Aufsichtsrat. „Viele unter ihnen haben eine sehr lange Betriebszugehörigkeit. Fast die Hälfte der Belegschaft sei über fünfzig.“ Der Kommunikations-Chef der Otto Group, Thomas Voigt, verweist darauf, dass der Standort schon länger nicht mehr rentabel sei und alle namhaften Konkurrenten ihre Retouren in Osteuropa bearbeiten ließen. Es gehe darum, wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Konkurrenz im internationalen Onlinegeschäft sei beinhart.

Schon heute lasse Otto zwei Drittel aller Retouren nach Lodz und Pilsen senden. Der Zeitpunkt mag angesichts der Corona-bedingt guten Auftragslage zwar ungünstig erscheinen, aber Voigt weist darauf hin, dass das Plus an Aufträgen in den vergangenen Monaten auch zusätzliche Kosten verursacht habe und zeitlich begrenzt sei. Der Konzern rechnet damit, dass die Wirtschafts- krise sich bald negativ auf den privaten Konsum auswirken wird. Auf die Vorwürfe, unsozial zu sein, entgegnet der Kommunikations- Chef, dass es die Aufgabe eines Unternehmens sei, möglichst viele Arbeitsplätze zu sichern.

„Sozial ist, was Arbeit schafft“, so Voigt. Es scheint bloß keine Rolle mehr zu spielen, wo. Einen Sozialplan, mögliche Abfindungen, Optionen zur Weiterbeschäftigung und Vorruhestand-Regelungen für einige der Mitarbeiter könnten durchaus Teil der Verhandlungen zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung sein. Voigt möchte da aber „nicht vorgreifen“. Die Otto Group bemühe sich selbstverständlich darum, die Folgen abzumildern, versichert er. Es klingt, als sei die Entscheidung selbst unverrückbar. Die „Bearbeitung retournierter Waren steht in einem ganz besonders intensiven Wettbewerbsumfeld“, heißt es in der Pressemitteilung der Otto Group.

Das mag stimmen, es stimmt bald aber auch für die 840 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die sich nach einem neuen Job umsehen werden müssen – mitten in einer Krise, mit Wirtschaftsprognosen, die milde formuliert bescheiden ausfallen. Viele Unternehmen haben derzeit geringen bis keinen Anreiz, Mitarbeiter einzustellen. Einem Großteil dürfte es nicht nur schwerfallen, sondern geradezu unmöglich sein, überhaupt eine Weiterbeschäftigung zu finden.

 

„Stück für Stück unsozialer“

 

Olaf Brendel hat wenig Verständnis für die Entscheidung: „Die Bearbeitung einer Retoure in Hamburg habe eine bis zu zwei Tage kürzere Laufzeit. Er sehe inzwischen keinen Unterschied mehr zwischen Otto und Wettbewerbern wie Amazon und Zalando. Es zählt nur noch jeder gesparte Cent beim Personal. Ist das der Maßstab für das Familienunternehmen mit sozialer und ökologischer Tradition? „Vielleicht habe die Entscheidung mehr mit dem Verhältnis von Eigenkapitalquote und Verschuldung zu tun“, vermutet Brendel.

Das Portfolio sei viel zu spät gereinigt, Projekte im Ausland seien halbherzig und auf Schulden eingegangen worden – und sollen nun wohl durch die Vernichtung von Arbeitsplätzen in Deutschland wieder wettgemacht werden. Der Konzern werde „Stück für Stück unsozialer“, so Brendel. Dann zitiert er eine Kollegin: „Werner Otto würde sich im Grab umdrehen.“ Sein Mandat im Aufsichtsrat habe er aus Protest an Dr. Michael Otto zurückgegeben. Dem Betriebsrat der Otto Group gehöre er nicht mehr an. Er wurde dort freigestellt. Er erkenne das Unternehmen nicht mehr wieder.

Auch die Politik meldet sich auf Anfrage von SZENE HAMBURG zu Wort: „Der Verlust von Arbeitsplätzen ist immer schmerzlich“, so Wirtschaftssenator Michael Westhagemann. „Die Otto Group hat zugesagt, gemeinsam mit dem Betriebsrat die Folgen für die betroffenen Beschäftigten so gut wie möglich abzumildern und wird sich an diesem Versprechen auch messen lassen müssen.

Die Logistik-Initiative Hamburg hat mir zugesichert, die Otto Group und die Arbeitsagentur bei Bedarf mit ihren guten Unternehmenskontakten dabei zu unterstützen, die Beschäftigten in Anschlussbeschäftigungen zu vermitteln.“ Der Pressemitteilung vom 3. September ist zu entnehmen, dass der Vorstand der Otto Group und die Geschäftsführung von Hermes Fulfilment „die Entscheidung schweren Herzens getroffen“ hat. Ob dabei Tränen flossen, ist nicht überliefert. Kurz danach dürfte Hermes, der Götterbote, entsandt worden sein, um die Botschaft aus dem Olymp nach Bramfeld zu überbringen. Die Botschaft ist unmissverständlich: Es wird keine Retour mehr in Hamburg geben.


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Steckbriefe: Hamburger Medienmacher im Interview

Hamburger Medienmenschen über ihren Werdegang, ihre Stärken und ihre Vorstellung von gutem Journalismus

Steckbriefe: Erik Brandt-Höge

 

Maik Koltermann von der Hamburger Morgenpost

Maik Koltermann, 45, Journalist/ Chefredakteur Hamburger Morgenpost

Werdegang: Als Teenager dem Grunge verfallen. Auch weil Journalisten Frei­tickets und Rezensionsexemplare bekamen, bei Musikmagazin beworben. Spä­ter als Volontär die Pop­-Seite der MOPO betreut. Dann: Lokales, CvD, Ressort­leiter, Stellv. Chefredakteur. Nach neun­monatiger Auszeit jetzt zurück als Chef.

Mein Job in einem Satz: Täglich raus­finden, was Hamburg bewegt und bewe­gen sollte, manchmal Löwenbändiger sein und manchmal Küchenpsychologe.

Meine größte Stärke: Ich mache einen exzellenten Schweinebraten und habe hin und wieder eine gute Idee.

Außer unserem konsumiere ich regelmäßig folgende Medien: Ach. Abend­blatt, Spiegel, Süddeutsche, Facebook, Instagram, ARD, Arte, Netflix und vieles mehr … zu viel, zu lang.

Zuletzt fand ich diese Veröffentlichung herausragend: Herausragend ist ein großes Wort, aber “Er will’s wirklich wissen” von Peter Unfried in der taz habe ich sehr gern gelesen. Liegt vielleicht auch daran, dass ich kurz zuvor fest­gestellt hatte, dass mein bisheriges Urteil über Markus Lanz überar­beitungswürdig ist.

Ganz allgemein ist für mich guter Journalismus: Ein hartes Stück Arbeit, die beste aller Aufga­ben.

 

Lars Haider vom Hamburger Abendblatt (Bild: Mark Sandten)

Lars Haider, 50, Journalist/ Chefredakteur Hamburger Abendblatt

Werdegang: Ich wollte immer Re­dakteur beim Hamburger Abendblatt werden, weil ich diese Zeitung und diese Stadt so liebe.

Mein Job in einem Satz: Für gute Laune und sehr gute Geschichten sorgen.

Meine größte Stärke: Verrückte Ideen.

Außer unserem konsumiere ich regelmäßig folgende Medien: Zu vie­le, um sie hier aufzuzählen.

Zuletzt fand ich diese Veröffentlichung herausragend: Markus Felden­kirchen: “Die Schulz­-Story”.

Ganz allgemein ist für mich guter Journalismus: systemrelevant

 

Carla Rosorius von der GEO

Carla Rosorius, 32, Bildredakteurin GEO Wissen/ GEO kompakt/ Wohllebens Welt

Werdegang: Meine Begeisterung für Fotografie und letztendlich das Jahr an der Ostkreuzschule für Fotografie haben in mir die Entscheidung gefestigt, den Berufsweg der Bild­redakteurin einzuschla­gen. Es folgten Stationen beim Magazin der Süddeutschen Zeitung, dem Spiegel, der Zeit und mittler­weile bin ich seit gut fünf Jahren Teil der großen GEO­-Familie.

Mein Job in einem Satz: Ich verstehe mich als Bildredakteurin als Schnittstelle zwischen den Fotografen und Illustratoren draußen sowie der Textredaktion und der Grafik innerhalb der Redaktion – in der Bildredaktion läuft alles zusammen.

Meine größte Stärke: Ich kommuni­ziere gerne, habe ein gutes Gedächtnis und behalte auch bei parallel laufenden Projekten den Überblick.

Außer unserem konsumiere ich regelmäßig folgende Medien: Als Angestellte bei Gruner + Jahr landen zig Magazine auf meinem Tisch, meine Top 3 aus an­ deren Häusern: Spiegel, British Journal of Photography, Bon appétit.

Zuletzt fand ich diese Veröffentlichung herausragend: Ich kann mich nicht auf eine Veröffentlichung festlegen und diese als herausragend bezeichnen. Mich können unterschiedlichste Themen und Ansätze begeistern, wenn sie überraschen und mir eine Welt zeigen, die ich so bislang nicht kannte.

Ganz allgemein ist für mich guter Journalismus: Journalismus ist für mich gut, wenn er sowohl optisch als auch textlich überrascht und ein mir bislang unbekanntes Thema von verschiedenen Seiten beleuchtet, erklärt und dabei gerne auch provokante Thesen aufstellt, die mich neugierig machen, mehr zu erfahren.

 

Jan Hildebrandt von den Eimsbütteler Nachrichten (Bild: Eimsbütteler Nachrichten)

Jan Hildebrandt, 40, Verleger Eimsbütteler Nachrichten

Werdegang: Ich habe während des Studiums abgeordnetenwatch.de gegründet. Anschlie­ßend habe ich an der TU Harburg in einem So­zionik­-Projekt ge­arbeitet und er­forscht, wie sich neue Kommunikations­medien auf gesell­schaftliche Strukturen auswirken. 2013 gründe­te ich die Eimsbütteler Nachrichten, um dabei ein tragfähiges Geschäftsmodell zur Finanzierung von unabhängigem lokalen Qualitätsjournalismus zu entwickeln.

Mein Job in einem Satz: Ich bin zu­ständig für die Geschäftsführung, Or­ganisationsentwicklung, Marketing, Kooperationen, Sales und Personal.

Meine größte Stärke: Eine gesunde Mischung aus Panik, Resilienz, Hek­tik und Geduld.

Außer unserem konsumiere ich regelmäßig folgende Medien: Über­medien, Die Zeit, Der Spiegel, Katapult, NDR, taz, Hamburger Morgenpost, Hamburger Abendblatt, Was­hington Post, New York Times, Horizont, MEEDIA, Der Postillon, Titanic.

Zuletzt fand ich diese Veröffentlichung herausragend: “Tausend Zeilen Lüge: Das System Relotius und der deutsche Journalismus”, Juan Moreno, Rowohlt Berlin. Für mich ist Moreno der Retter des deutschen Journalis­mus. Er hat persönlich Unglaubliches auf sich genommen und erduldet, um die Glaubwürdigkeit einer ganzen Branche wiederherzustellen.

Ganz allgemein ist für mich guter Journalismus: Guter Journalismus verliert nie den Bezug zu seinen Lesern. Eine Redaktion sollte sich im Dauerdiskurs mit ihren Lesern befinden.

 

Gabriele Fischer von brand eins (Bild: Andre Hemstedt & Tine Reimer)

Gabriele Fischer, 67, Journalistin/ Chefredakteurin brand eins

Werdegang: Studium: Politische Wis­senschaften, Soziologie und Germanistik, nach dem Magister zwei Jahre Autos vermietet, Einstieg in den Journalismus bei der Rotenburger Kreiszeitung, von dort zur G+J -Journalistenschule (hieß damals noch so, es war der erste Jahr­gang), von dort zurück in die Provinz, fünf Jahre Osterholzer Kreisblatt und Delmenhorster Kurier. Danach zehn Jahre Manager Magazin, Entwicklung des Tochtermagazins Econy, das nach zwei Ausgaben eingestellt wurde. Seit­ dem Unternehmerin zunächst mit Econy, nach dessen Verkauf Mitgründung von brand eins, das heute in der brand eins Medien AG erscheint.

Mein Job in einem Satz: Dafür zu sor­gen, dass die Kollegen dort gern und gut arbeiten können.

Meine größte Stärke: Weitgehend angstfrei, Menschen liebend und frustrationstolerant. Und ich erkenne ziemlich zielsicher, was eine Geschichte ist und was nicht.

Außer unserem konsumiere ich regelmäßig folgende Medien: Zeit, Spiegel, SZ und immer wieder Independents wie Zenith oder Katapult.

Zuletzt fand ich diese Veröffentlichung herausragend: Die Zeit: “Würden Sie diesen Mann entlassen?” von Noemi Harnickel und Anna­-Sophie Barbutev, Begründung: Weil man nach dem Foto schon alles zu wissen glaubt – und dann eine ganz andere Geschichte liest.

Ganz allgemein ist für mich guter Journalismus: Wenn Journalisten nach Antworten suchen, auch wenn sie ihnen nicht gefallen – und nicht nur eigene Vor­urteile bestätigen wollen.

 

Wolf-Hendrik Müllenberg vom NDR (Bild: NDR/ Christian Spielmann)

Wolf-Hendrik Müllenberg, 37, Cross-medialer Redakteur NDR Info

Werdegang: Nach dem Volo auf der Evangelischen Journalistenschule, Einsatz als trimedialer Reporter im NDR Studio Braunschweig. Danach Wechsel nach Hamburg als Autor im Aktuell­-Team von NDR.de sowie als Berater im Social Media Team des NDR. Heute: Redakteur für Online, Social Media, Hörfunk und Fernse­hen.

Mein Job in einem Satz: Was bewegt den Norden heute?

Meine größte Stärke: Gespür für Themen, crossmedial denken, Team­fähigkeit.

Außer unserem konsumiere ich regelmäßig folgende Medien: SZ, taz, FAS, Bild und Bildblog, Social Me­dia Watchblog, Dummy, „Tracks“ von Arte und die Podcasts „Hotel Matze“ sowie „ZEIT Verbrechen“.

Zuletzt fand ich diese Veröffentlichung herausragend: “Leonora – Wie ein Vater seine Tochter an den IS verlor” (Volkmar Kabisch, Britta von der Heide, Amir Musawy, ARD). Ein Film, der mit außergewöhnlicher Nähe er­zählt wird und zudem auch als spannen­der Podcast umgesetzt wurde.

Ganz allgemein ist für mich guter Journalismus: … der den Menschen auf Augenhöhe begegnet, an seinem Publikum orientiert und nicht von Eitelkeit getrieben ist.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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System(ir)relevant: Jeder wird gebraucht

Sie sind die Helden Hamburgs und nicht erst seit der Corona-Pandemie für ein funktionierendes Gemeinwesen unerlässlich: die Systemrelevanten. Doch wer sich mit diesem Begriff betiteln darf, ist Ansichtssache

Texte: Marco Arellano Gomes & Basti Müller

 

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Landwirt

Henning Beeken, 45, Eigentümer vom Hof Eggers in Kirchwerder 

SZENE HAMBURG: Was ist dir durch den Kopf gegangen, als abends geklatscht wurde?

Dass man sich bei mir als Teil einer systemrelevanten Berufsgruppe bedan­ ken muss, habe ich nicht so empfunden. Wir haben hier unsere Sachen weiter­ produziert, so gut es ging. Wir haben die Blumen ausgeliefert, klar, da haben sich die Leute gefreut, zum Teil sehr, weil es für sie schön war, den Balkon bepflan­ zen zu können. Da gab es sehr positives Feedback. Bei uns auf dem Bauernhof hat niemand geklatscht, das hätte mich auch irritiert. In der Stadt mag dies ja für die Beklatschten ganz nett gewesen sein, ich könnte mir aber vorstellen, dass zum Beispiel den Pflegekräften eine ange­ messene Bezahlung wichtiger wäre.

 

„Ohne Bauern gibt es kein Essen auf dem Tisch“

Henning Beeken

 

Empfindest du dich als systemrelevant? 

Klar, die Produktion von Lebens­ mitteln ist systemrelevant. Ohne Bauern gibt es kein Essen auf dem Tisch.

Hattest du irgendeine Form von Angst?

Die ganze Zeit hatte ich kaum Angst. Meine Eltern sind beide fast 80, da macht man sich schon mehr Sorgen. Aber ich lebe, wo ich arbeite, also nein.

Was motiviert dich, deinen Beruf auszuüben?

Das ist meine Lebensaufgabe, ein Projekt, an dem ich selbst arbeiten und das ich selbst gestalten darf. Das ist eine ganz tolle Aufgabe, die Motivation kommt da von selbst.

Gibt es etwas, das du dir von der Gesellschaft wünschen würdest?

Was ich auch als sehr positive Be­ gleiterscheinung wahrgenommen habe, ist, dass das regionale Einkaufen deutlich an Bedeutung gewonnen hat. Da sind wir seit neuestem auch in der Regional­ wert Hamburg AG, ein Netzwerk aus regionalen Produzenten, Einzelhänd­ lern und Gastronomen und das funk­ tioniert sehr gut. Diese Zusammenarbeit finde ich sehr positiv und ich würde mir daher wünschen, dass die Menschen das regionale Einkaufen weiter wertschätzen und bereit sind, dafür auch ein paar Cent mehr auszugeben.
In diesem Sinne, würdest du dir wünschen, dass Regionalität stärker von der Politik gefördert wird?

Ja. Man hat das jetzt auch wieder gesehen, dass eben die kurzen Wege sehr krisensicher sind und weiterhin funktionieren. Alles, was mit langen Transportwegen zu tun hat, ist dann doch sehr anfällig.

Was möchtest du den Hamburgern mit auf den Weg geben?

Kauft regional in den kleinen Läden in der Nachbarschaft und kommt mal wieder zu uns ins Hofcafé, wenn die Beschränkungen aufgehoben werden.

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Busfahrer

 

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Foto: Pepe Lange

Imam Alkan, 48, Berufskraftfahrer bei der Verkehrsbetriebe Hamburg- Holstein GmbH

SZENE HAMBURG: Wie würdest du deinen Job beschreiben?

Ich war 30 Jahre lang in der Show­ branche tätig und bin es gewohnt, Ent­ scheidungen und den Tagesablauf selbst zu bestimmen. Das gleiche habe ich auch – fast – als Busfahrer. Niemand schaut mir über die Schulter und ich bin mein eigener Chef in meiner Schicht.

Warum ist dein Beruf aus deiner Sicht systemrelevant?

Wenn wir stehen, bleibt auch Ham­ burg stehen. Jetzt, in der Krise merkt man mehr denn je, wie dankbar die Fahrgäste sind. Wir sind die, die Ham­ burg bewegen – von A nach B. Man könnte uns auch als die fleißigen Bie­ nen der Stadt bezeichnen, die überall ausschwärmen, ihre Arbeit tätigen und zum Schluss wieder zum Bienenstock, dem Betriebshof, zurückkommen.

Was macht deinen Job für dich so besonders?

Was gibt es Schöneres, als die Ham­burger in der schönsten Stadt der Welt herumzukutschieren. Ich liebe es, Auto beziehungsweise Bus zu fahren.

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Entsorger

Önder Büyükhan, 28, Entsorger und Vorarbeiter bei der Stadtreinigung Hamburg in der Region Ost Volksdorf

SZENE HAMBURG: Was ist dir durch den Kopf gegangen, als abends geklatscht wurde?

Ganz ehrlich? Ich habe mich ziemlich gefreut, dass es Menschen gibt, die sich freuen, dass wir unsere Arbeit ma­chen. Viele ärgern sich eher, weil wir im Weg stehen.

 

„Ohne uns hätten wir sicherlich eine Rattenplage“

Önder Büyükhan

 

Empfindest du dich als systemrelevant?

Selbstverständlich! Ohne uns hätten wir sicherlich eine Rattenplage und es würde überall nur Müll herum­ liegen.

Hast du Angst, zur Arbeit zu fahren?

Nein! Ich fahre mit einem eigenen Pkw und wir haben sehr gute Hygiene­vorschriften auf der Arbeit. Unsere Vorgesetzten achten explizit auf unser Wohl.

Was motiviert dich, deinen Beruf auszuüben?

Die Arbeit, die ich ausübe und die Dankbarkeit der Bürger.

Was hat sich seit Corona verändert?

Wie das jetzt draußen in der Öffentlich­keit ist: Abstand halten, Mundschutz tragen et cetera, sonst hat sich für uns kaum etwas geändert. Vor allem in den Autos tragen wir die Masken, um uns gegenseitig zu schützen.

Habt ihr durch Corona in den letzten Wochen mehr zu tun gehabt?

Man merkt, dass die Eimer voller als sonst sind. Es gibt mehr Müll, weil die Leute mehr zu Hause als im Büro sind.

Hast du das Gefühl, dass die Leute etwas gereizter sind als zuvor?muellabfuhr

Die Autofahrer vielleicht. Das merkt man richtig. Die sind teilweise richtig aggressiv, privat oder auf der Arbeit. Sie drängeln mehr, die Leute sind angespannt. Man kann das nach­vollziehen, weil du aktuell nicht viel machen kannst. Die Leute, Familien und Paare sind schon alle ein bisschen gereizt.

Die meisten wollen im Straßen­verkehr Recht haben, sie müssen die ersten sein und suchen den Fehler bei den anderen, nicht bei sich selbst. Deswegen passieren auch die meisten Unfälle, auf der Autobahn oder sonst wo. Das „Wir“ gibt es dort nicht und das wird von Jahr zu Jahr immer schlimmer. Ich habe meinen Führerschein vor zehn Jahren gemacht, da war das Fahren noch entspannt. Jetzt ist das wie Krieg.

Gibt es etwas, das du dir von den Hamburgern wünschen würdest?

Dass die aktuellen Hygienemaß­nahmen eingehalten werden.

Was möchtest du Hamburg sagen?

Die letzte Zeit ist sehr schwer für uns alle gewesen. Haltet durch! Wir werden es alle zusammen schaffen. Hoffen wir auf bessere Tage. Seid froh, dass ihr gesund seid. Gesundheit ist mit keinem Geld dieser Welt zu ersetzen!

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Erzieherin

Melina Blechschmidt, 34, Erzieherin bei Wabe e. V. in Bergedorf

SZENE HAMBURG: Was ist dir durch den Kopf gegangen, als abends geklatscht wurde?

Es wurde für Verkäuferinnen und Verkäufer, Krankenschwestern und -­pfleger, Ärzte und so weiter geklatscht. Ich denke, die Menschen haben ihre Jobs gewählt, weil sie diese mögen. Sie machen ihn gerne und gerade in Zeiten, in denen sie gebraucht werden, noch lieber. Ich freue mich, dass diese Men­schen und Berufe nun endlich die An­erkennung bekommen, die ihnen auch vor Corona schon zustand. Das wurde wirklich Zeit!

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Foto: Heike Günther

Empfindest du dich als systemrelevant?

Ich empfinde mich und meinen Be­ruf als absolut systemrelevant. Neben dem Bildungsauftrag und der täglichen Verantwortung den Kindern gegenüber, verdeutlicht gerade diese Zeit noch einmal mehr, welche Wichtigkeit wir, als Mitarbeiter in Kindertageseinrich­tungen, in der Gesellschaft haben. Wir betreuen nicht nur Kinder! Wir beraten Eltern, entlasten Familien. Wir ermög­lichen Eltern, ihren Berufen nachzu­kommen, ohne sich Sorgen machen zu müssen, wie sie ihre Kinder für die vielen Stunden betreuen können. Damit helfen wir Menschen, die wiederum an­dere Sparten und Bereiche des Systems abdecken zu können.

Hast du Angst, zur Arbeit zu fahren?

Nein, keinerlei Angst. Wir halten uns an festgeschriebene und für alle verbindliche hygienische Abläufe. Diese wurden jetzt nochmals verschärft. Der Gedanke an Corona und eine mögliche Ansteckung spielt in meiner täglichen Arbeit keine Rolle. Kinder sind häufig krank und so werden auch wir als Fach­kräfte oft mit vielerlei Krankheiten kon­frontiert. Eine Sorge vor Ansteckung schwingt da nie mit.

Was motiviert dich, deinen Beruf auszuüben?

Dasselbe wie immer! Meine Arbeit ist mein Traumberuf, meine Berufung. Ich komme gern in die Kita, begleite Kinder bei ihren Lern-­ und Entwicklungsfortschritten. Für mich ist das immer eine schöne Zeit.

Für mich und meine Kollegen ist der pädagogische Alltag mit vielen Auflagen, Änderungen und Einschränkungen verbunden. Das ist eine Herausforderung und verlangt uns in der Planung und Umsetzung viel ab. Dennoch wird noch mal mehr deutlich, welch große Rolle wir als Kita in den Leben der Familien spielen und wie sehr sie auf unsere Arbeit angewiesen sind. Das motiviert auch noch mal.

 

„Wertschätzung geht oft im Alltag und der Hektik unter“

Melina Blechschmidt

 

Gibt es etwas, das du dir von den Hamburgern wünschen würdest?

Ich wünsche mir, dass sie den Er­zieherinnen, SPAs und pädagogischen Fachkräften in den Einrichtungen ihrer Kinder zeigen, dass sie sehen und wertschätzen, was sie tun. Oft geht das im Alltag und der Hektik unter.

Unsere Kita hatte ab dem ersten Tag der Corona-­Zeit geöffnet, ein Notgruppen­-Konzept entworfen, alle Eltern der Kita informiert, individuell beraten. Es wurden Angebote für die Kinder und Familien auf der Website hochgeladen, um auch die zu erreichen, die zu Hause bleiben. Wir sind immer ansprechbar, erreichbar und beraten, wenn Fragen oder Hilfen benötigt werden.

Die El­tern schätzen das sehr und wir wissen von vielen, dass wir sie damit enorm entlasten. Selbst, wenn ihr Kind gerade nicht in der Einrichtung betreut wer­den kann.

Was möchtest du Hamburg sagen?

Halten Sie durch! Wenn Sie Unterstützung brauchen, sind wir als Kinder­tagesstätten für Sie da. Und auch ein Dankeschön an die Familien, die ihre Kinder weiterhin zu Hause betreuen können.

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Musikerin

Miu, 33, Sängerin, Songschreiberin und Kulturaktivistin mit eigenem Label in Lurup

SZENE HAMBURG: Wie würdest du deinen Job beschreiben?

Ich bin Sängerin, schreibe, produ­ziere Songs und spiele viel live. Im letz­ten Jahr habe ich mein Doppelalbum „Modern Retro Soul“ mit eigenem La­bel in die Albumcharts katapultiert. Ne­benbei mache ich mich für mehr Sicht­barkeit von Frauen in der Musik stark bei Ladies Artists Friends.

 

„Ohne Musik wäre die Welt überhaupt nicht auszuhalten“

Miu

 

Warum ist dein Beruf aus deiner Sicht systemrelevant?

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Foto: Elena Zaucke

Filme und Musik waren für die Menschen nie wichtiger als jetzt, in Zeiten sozialer Isolation. Ich hoffe, dass dies eine neue Diskussion anstößt, wie viel uns Kultur wert ist. Gerade, wo es der Kultur sehr schlecht geht.

Was macht deinen Job für dich so besonders?

Ohne Musik wäre die Welt überhaupt nicht auszuhalten. Ich mag, dass mein Job mich immer wieder aufs Neueste kognitiv und emotional fordert, dass Musik vermag, Gefühle auszudrücken, Menschen zu erreichen und zu begleiten – neue Sichtweisen anzustoßen. Wir alle hören Musik mehrfach am Tag – es ist immer wieder wichtig, dass unsere Gesellschaft sich dieses Geschenks bewusst ist und Kultur nicht als Selbstverständlichkeit hinnimmt.
Weitere Interviews findet ihr in der Juni-Ausgabe der SZENE HAMBURG 👇

Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Work-Life-Balance: „Stress ist total angesagt!“

Stress im Arbeitsalltag ist vielen nichts Unbekanntes – dabei ist Stress nicht immer ein Übel. Warum er auch ein Ansporn sein kann, erklärt Prof. Dr. Dr. Stephan Ahrens, medizinischer Leiter des Hamburger Fachzentrums für Stressmedizin und der Klinik Blomenburg in Selent

Interview: Sophia Herzog

 

SZENE HAMBURG: Stephan Ahrens, wann haben Sie sich das letzte Mal gestresst gefühlt?

Stephan Ahrens: Das ist etwa eine Woche her.

In welcher Situation war das?

Ich fühle mich gestresst, wenn sich Anforderungen ineinanderschie­ ben, die ich nicht erwartet habe, und die dann die Aufgabe mit sich bringen, mich wieder neu zu sortieren.

Was ist Stress denn überhaupt?

Stress ist immer die körperliche und psychische Reaktion auf eine Herausforderung. Viele nehmen Stress als etwas wahr, was sie vermeiden sollten. Dabei ist Stress etwas, das den Menschen guttut und sie beweglich hält, sowohl körperlich als auch geis­ tig. Druck kann auch ein Ansporn für höhere Leistung sein. Schwierig wird es nur, wenn wir Stress im Übermaß empfinden und die Passung zwischen dem Ausmaß einer Anforderung und der Fähigkeit, diese zu bewältigen, nicht mehr stimmt.

Stress ist also nicht immer nur schlecht.

Richtig. Ich finde, dass der arme Begriff mächtig überstrapaziert wird. Ich lebe aber auch davon, deshalb kann mir das eigentlich nur recht sein (lacht).

 

„Der arme Stressbegriff wird mächtig strapaziert“

 

„Ich habe gerade so viel Stress“ – das hören wir gefühlt immer häufiger. Warum beschweren wir uns denn so oft über Stress?

Stress ist total angesagt. Letztes Jahr habe ich in einem Wirtschaftsmagazin ein Interview zum Thema Burn­out gegeben. In der Folge kamen ganz viele Manager zu mir und sagten: „Profes­sor, schauen Sie mal, ich habe so viel Stress, ich habe doch einen Burn­out“. Sie wollten eine Art Orden von mir verliehen bekommen, weil sie das Burn­out auch als erfolgreiche Leistungs­träger definiert. Diese Profilierung als engagierter, fleißiger und kompetenter Arbeitnehmer vermischt sich immer wieder mit dem Stress­Begriff.

Haben wir denn tatsächlich immer mehr Stress?

Die Arbeitsbedingungen in Unternehmen haben sich in den letzten Jahren extrem gewandelt. Mitarbeiter bekommen mehr Aufgaben, alleine die quantitativen Anforderungen sind also gestiegen. Außerdem schrumpft die Zahl der mittelständischen Unternehmen, international agierende Arbeitgeber sind nichts Ungewöhnliches mehr. Hier können die Arbeitnehmer zwar Homeoffice machen oder haben Gleitzeit, das müssen sie aber auch, wenn beispielweise aus der Zentrale in New York zu später Stunde noch eine Aufgabe reinkommt.

Mir fällt aber auf, dass viele Arbeitsbereiche in großen Unternehmen so strukturiert sind, dass die Mitarbeiter fremdbestimmter arbeiten. Von oben kommt also ein Auftrag, der muss erledigt werden. Dabei gibt es viele Untersuchungen darüber, dass sich die Zufriedenheit und Leistungsfähigkeit der Arbeitnehmer erhöht, wenn sie eigene Bestimmungsbereiche haben.

Die Digitalisierung hat dabei sicherlich auch ihren Teil beigetragen …

Natürlich. Wo man früher um 17 Uhr seinen Stift fallen lassen konnte, bekommt man heute auch noch um 22 Uhr Arbeits-­Mails auf das Handy. Durch die Digitalisierung sind wir immer erreichbar und müssen die Balance zwischen Arbeit und Privat­ leben anders herstellen. Alleine an der Arbeitszeit im Büro lässt sich das nicht mehr festmachen.

Müssten also die Arbeitgeber ihre Unternehmensstrukturen anpassen, damit Mitarbeiter sich weniger gestresst fühlen? Oder müssen Arbeitnehmer einfach lernen, sich an diese neuen Anforderungen anzupassen?

Das lässt sich gar nicht so pauschal sagen. Viele vergessen häufig, dass es nicht die eine Lösung für alle gibt. Wie schnell jemand Stress empfindet, liegt auch in der Persönlichkeit des betroffenen Menschen. Da gibt es bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, die besonders stressempfänglich machen, also beispielsweise den Drang, es immer allen recht zu machen. Manche melden sich immer freiwillig, wenn Aufgaben verteilt werden, weil sie dem Chef signalisieren wollen, wie leistungsbereit sie sind. Andere können sich nicht von der Arbeit abgrenzen oder sind zu perfektionistisch. Das sind alles bestimmte Mechanismen, die Menschen ins Straucheln bringen und dann verhindern, dass sie ihre Arbeit bewältigen.

 

Die Work-Life-Balance

 

Woran liegt es denn, dass Arbeitnehmer diese Mechanismen entwickeln?

Das kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Eine Rolle spielt auch, dass Mitarbeiter eine viel geringere Bindung zu ihrem Arbeitgeber haben. Früher waren viele ihr Leben lang beim gleichen Unternehmen, mit dem haben sie sich richtig identifiziert. Dieses Familiengefühl gibt es heute weniger, weil es in den meisten Firmen einen schnelleren Durchlauf gibt und Menschen den Arbeitsplatz häufiger wechseln. Das führt zu einem geringeren Sicherheitsgefühl, das Arbeitnehmer anders kompensieren.

Bei viel Stress wünschen sich Arbeitnehmer häufig eine bessere Work-Life-Balance. Ist das für Sie der Schlüssel zum Glück oder nur ein leeres Modewort?

Der Begriff „Work­-Life-­Balance“ sagt im Grunde etwas ganz Richtiges, weil er dazu anregt, sich genug Freiraum für die Gestaltung des Privatlebens zu erhalten. Wir sind alle ständig erreichbar, nach einem festen Zeittakt wie beim typischen Nine-­to-­five-­Job lässt sich das also nicht mehr strukturieren. Das muss man also anders regeln und sich inhalt­ lich anders sortieren.

Klingt leichter gesagt als getan. Gibt es Strategien, die helfen, wenn man merkt: Jetzt wird mir wirklich alles zu viel?

Das Innehalten als Grundprinzip ist wichtig, also hin und wieder zu pausieren und zu reflektieren: Was passiert gerade? Was habe ich auf dem Zettel? Kann ich das in dem Zeitkontingent, das mir vorgegeben ist, überhaupt schaffen oder muss ich meine Arbeitszeit anders portionieren?

Oft ist fehlende Struktur das Problem. Ich habe außerdem die Erfahrung gemacht, dass es gar nicht schlimm ist, mal Nein zu sagen. Eine Patientin beispielweise wollte immer Chefs und Kollegen gefallen und übernahm deshalb zu viele Aufgaben. Jetzt hat sie festgestellt, dass es ihr niemand übelnimmt, wenn sie etwas nicht schafft. Eine klare Ansage hilft immer.

stressmedizin-hamburg.de


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Bäume für Panama: Von Hamburg in den Regenwald

Tania Eke und Niklas Veltmann forsten Teile des Regenwaldes in Panama auf. Dafür haben sie in Hamburg eine Genossenschaft gegründet

Interview: Karin Jirsak

 

SZENE Hamburg: Tania und Niklas, könnt ihr das Konzept vom Generationenwald ein bisschen erläutern?

Niklas: Bei The Generation Forest steht die Idee im Vordergrund, den natürlichen Regenwald zu imitieren, der sozusagen mehrere Stockwerke von Bäumen besitzt. In der ersten Generation pflanzt man spezielle Baumarten, die ein schützendes Dach bilden. Darunter wird dann die zweite Generation gepflanzt – und so geht es immer weiter.

In Panama gibt es circa 1.600 Baumarten. Die können wir nicht alle pflanzen, aber wir haben inzwischen ein Portfolio mit 25 verschiedenen Baumarten. Das sollen natürlich noch mehr werden, aber das braucht Zeit.

Tania: Auf der einen Seite pflanzen wir neue Wälder. Aber wir versuchen auch, so viel Naturwald zu erhalten wie möglich, auch wenn es „nur“ Gebüsch ist. Dort, wo noch Bäume und Vegetation vorhanden sind, unterstützen wir auch die natürliche Rege­neration.

Welcher Gedanke stand da­hinter, das Projekt als Ham­burger Genossenschaft aufzuziehen?

Niklas: Viele unserer Gründungsmitglieder kommen aus Hamburg. Da lag es nahe, dass wir auch hier gründen. Wir als Projekt haben damals im Hamburger Social Impact Lab, einem Gründungsinkubator für Sozial­unternehmen, ein Stipen­dium gewonnen. Außerdem ist Hamburg als weltoffene Stadt sehr sympathisch und der Bezug zum Hafen verbindet uns mit unseren Projekten in Panama.

 

„Der Wald gehört allen“

 

Tania: Als Fundament für den Generationenwald brauchten wir ein Konzept, das die zentralen Werte, die dahinterstehen, dauerhaft absichert: Schutz und Lang­fristigkeit. Mitglieder der Genossenschaft können zwar ein­ und aussteigen, aber die Idee muss bestehen bleiben. Der Wald gehört allen, nicht nur einem Unternehmen oder einer Person, die einfach entscheiden kann, dass dort ein Golfplatz hingebaut wird. Das Projekt soll für so viele Menschen, wie möglich zugänglich sein und sie ge­gen einen geringen finanziellen Beitrag dazu einladen, ein Teil dieser globalen Idee zu werden.

Niklas: Bei der Wahl der Rechtsform war es uns wichtig, ein Gleichgewicht zu schaffen zwischen ökolo­gischen, ökonomischen und sozialen Ansprüchen. Das auszubalancieren ist die primäre Aufgabe des Generationenwaldkonzepts, und das funktioniert nur, weil wir nicht nach Gewinnmaximierung streben.

Deshalb geht es uns vor allem darum, Menschen zu überzeugen, die Lust haben, Wälder zu pflanzen und für die finanzielle Ge­winne nicht im Mittelpunkt stehen.

Seit wann besteht die Genos­senschaft und wie viele Mit­glieder hat sie?

Niklas: Die Genossen­schaft gibt es seit Anfang 2017. Seitdem haben sich uns über 550 Mitglieder angeschlossen.

Starker Zuwachs …

Niklas: Ja, das zuneh­mende Bewusstsein für den Klimawandel ist natürlich eine große Motivation. Viele Menschen denken sich: Ich kann mich vegetarisch er­nähren oder versuchen, das Fliegen zu vermeiden – aber das fühlt sich manchmal eben klein an. Unser Generationen­wald ist ein Angebot für die Menschen, die ganz konkret etwas tun wollen – über den Verzicht hinaus.

Wie seid Ihr zu The Genera­tion Forest gekommen?

Tania: Es ist einfach pas­siert (lacht). Ich bin die Tochter von Andreas Eke und Iliana Armien, den Gründern von Futuro Forestal, der panamaische Forstbetrieb, der auch das Forstkonzept des Generationenwaldes entwi­ckelt hat.

Ich bin in Panama aufgewachsen und vor fünf Jahren nach Hamburg gekom­men. Seit einem Jahr arbeite ich für The Generation Forest und koordiniere zwischen den Mitarbeitern in Panama und Deutschland und schlage eine organisatorische und kulturelle Brücke. Außer­dem bin ich bundesweit viel auf Messen und Konferenzen unterwegs und halte Präsen­tationen über den Genera­tionenwald.

Niklas: Ich habe Umwelt­wissenschaften an der Leu­phana Universität in Lüne­burg studiert und als Werk­student bei der Genossen­schaft angefangen. Durch Ta­nia und die Besuche bei ihrer Familie habe ich Panama ken­nengelernt.

Als ich das erste Mal mit Tanias Mutter durch den Wald gegangen bin, habe ich alles, was sie mir darüber erzählt hat, wie ein Schwamm aufgesogen und war total begeistert davon, was Futuro Forestal da schafft.

Seid Ihr auch selbst vor Ort und pflanzt Bäume?

Tania: Nein, das wäre nicht ökologisch sinnvoll, im­mer hin-­ und herzufliegen. Unsere Partner vor Ort, Futuro Forestal, pflanzen seit 25 Jahren nachhaltige Wäl­der und realisieren auch unsere Aufforstungsprojekte in Panama. Wir arbeiten haupt­sächlich hier in Deutschland und versuchen, unsere Vision bekannter zu machen, Men­schen davon zu überzeugen, und sie dazu zu bewegen, Mitglieder zu werden.

 

„Bewusstsein für die negativen Ursachen der Entwaldung entwickeln“

 

Wer arbeitet für Futuro Forestal und pflanzt die Bäume?

Niklas: Das sind vor allem Menschen aus ländlichen Gebieten, aus bildungsfernen Schichten, oft ohne Schul­abschluss und Ausbildung. 60 Prozent stammen aus verschiedenen indigenen Gemeinschaften. Man muss dazu wissen, dass gerade die Land­arbeiter in Panama normaler­weise sozial sehr schlecht gestellt sind.

Tania: Faire Arbeit ist ein zentraler Baustein des Projekts. Wir versuchen, so viel Stabilität wie möglich zu schaffen. Einiges konnten wir schon erreichen: Wir bieten sozialversicherte Jobs, Aus-­ und Weiterbildungsförde­rung und bessere Löhne als viele andere in der Landwirtschafts­- und Forstbranche in Panama. Es gibt aber noch viel zu tun. Bildungsförderung ist für uns ein wichtiges The­ma. Viele Mitarbeiter haben die Schule nur bis zur dritten Klasse besucht.

Inwieweit wirkt sich euer Projekt auch positiv auf die Artenvielfalt aus?

Tania: Die Habitate bestimmter Tierarten werden wiederhergestellt und durch Vernetzung der einzelnen Aufforstungsgebiete erweitert. Vor ungefähr vier Wo­chen haben wir zum Beispiel Pfotenabdrücke von einem Jaguar gefunden, für den durch die Aufforstung wieder ein sicheres Habitat geschaffen wurde. Das war auf jeden Fall ein ganz großer Erfolg.

Plant ihr, ähnliche Projekte auch in anderen Ländern zu starten?

Niklas: Unser gesetztes Ziel ist, in den nächsten drei Jahren 1.000 Hektar in Pana­ma zu bepflanzen, und dann in andere Länder zu gehen. Gleichzeitig wollen wir an­dere inspirieren, ihre eigenen Generationenwaldprojekte umzusetzen. Wir hatten zum Beispiel schon Anfragen aus Kenia und dem Sudan, wo Menschen ihre eigenen Gene­rationenwaldprojekte umset­zen wollten.

Stoßt ihr mit eurer Arbeit auch auf Widerstände?

Niklas: Die letzten Regie­rungen in Panama haben Aufforstungsprojekte zum Glück unterstützt und diese teils auch gefördert. Panama hat auch ein ökonomisches Interesse an Aufforstungs­projekten, denn die Wälder stabilisieren den Wasserhaus­halt für den Panama­-Kanal.

Tania: In manchen Regio­nen merken die Menschen mittlerweile auch, dass es in der Trockenzeit kein Wasser mehr gibt. Das Bewusstsein für die negativen Ursachen der Entwaldung entwickelt sich mehr und mehr, daher stoßen wir allgemein auf we­nig Widerstand.

Niklas: Vielleicht würde ich eine Frage stellen, die auch Viktor Orbán mal im EU­ Parlament gestellt wurde: Wie möchten Sie in Erinnerung bleiben?

thegenerationforest.com


Szene-Oktober-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Oktober 2019. Titelthema: Neu in Hamburg. Das Magazin ist seit dem 28. September 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger Trendbüro – So verändert sich der Arbeitsmarkt

Mit seinem Hamburger „Trendbüro“ betreibt Peter Wippermann ein „Beratungsunternehmen für gesellschaftlichen Wandel“. Ein Gespräch über die Umbrüche auf dem Arbeitsmarkt, die daraus folgenden Spannungen und über die Spaltung der Gesellschaft.

Interview: Ulrich Thiele
Beitragsbild: Salvatore Vastano via Flickr, CC BY-ND 2.0

Im Jahr 1992 gründete Peter Wippermann das „Trendbüro“.

SZENE HAMBURG: Herr Wippermann, das Jahr 2019 hat gerade angefangen. Welche Entwicklungen haben Sie, sagen wir, vor 15 Jahren für heute vorausgesagt?

Das kann ich Ihnen relativ genau sagen. Damals war das Thema Globalisierung zentral, vor allem der Export deutscher Arbeitsplätze nach Asien.

Mit welchen Auswirkungen auf die Gesellschaft?

Steigende Arbeitslosigkeit und eine Veränderung der Arbeitsplätze im Land. Es hat sich insofern nicht viel verändert, als die qualifizierten Arbeitsplätze nach wie vor im Land bleiben, aber ein großes Thema war damals die Internationalisierung der Führungskräfte.

Wie sieht es heute, 15 Jahre später, aus?

Ich würde das ins Verhältnis zu damals setzen. Was sich verändert hat, ist, dass die Großunternehmen genauso unsichere Arbeitgeber geworden sind wie all die Start-ups, die wir heute haben. Die Konzentration auf die eigenen Fähigkeiten hat enorm zugenommen. Erstaunlicherweise hat sich der mittelständische Arbeitgeber kaum verändert.

Es hat also eine zunehmende Individualisierung stattgefunden?

Sie müssen sich das so vorstellen: Seit der Industrialisierung war es so, dass man seine Arbeitskraft perspektivisch sein Leben lang an eine Firma verkauft hat. Das nannte man Karriere und bedeutete: Je länger man dabeibleibt und je mehr Know-how man erwirbt, desto mehr Geld, Privilegien und Aufgaben kriegt man zugeteilt. Wenn man angefangen hat, gehörte man noch zu der Gruppe, die erst einmal etwas lernen muss. Es handelte sich also um ein relativ sicheres, hierarchisches System.

Und heute?

Was wir heute haben, ist ein sehr flexibles System, das sich permanent neu erfindet. „Agilität“, also Anpassungsfähigkeit, ist im Moment das Lieblingswort im Management. Das Überraschende ist, dass die jungen Menschen, die heute auf den Arbeitsmarkt kommen, schon Qualifikationen haben und digitale Infrastrukturen zu nutzen wissen. Die Älteren haben diese Qualifikationen mühsam erlernt oder müssen sie noch erlernen. Es gibt also einen Switch im Know-how zwischen Jung und Alt.

 

„Die alte, sichere Arbeitswelt verliert an Wert“

 

Welche Nachteile ergeben sich daraus?

Dass die lebenslange Planung zum künstlerischen Projekt geworden ist. Früher konnte man relativ genau absehen, in welchem Altersstadium man was genau erreicht haben muss und wo man hingehen muss, um mit seiner Grundausbildung und ein paar Updates genug Geld zu verdienen. Heute muss man damit rechnen, dass man sich mehrfach völlig andere Qualifikationen zulegen muss, um auf dem Arbeitsmarkt attraktiv zu sein.

Inwiefern haben diese Umbrüche mit der Polarisierung in unserer Gesellschaft zu tun, die wir heute erleben?

Die Polarisierung ist sozusagen eine Folge. Diejenigen, die sich gerne in der alten, sicheren Arbeitswelt aufhalten würden und nicht bereit sind, sich zu verändern, verlieren als Arbeitnehmer an Wert und werden ausgesondert. Auf der anderen Seite sind neue Arbeitsplätze entstanden, die vor allem von Jüngeren verstanden und ausgefüllt werden. Die Youtube-Bloggerin Bibi verdient über 100.000 Euro im Monat an Werbegeldern. Eine solche Ebene hätte man früher nicht der Jugend, sondern den Arbeitnehmern im letzten Drittel ihres Berufslebens zugerechnet.

Hat dieses flexible Modell auch Vorteile?

Klar, wenn Sie Spaß daran haben, Chancen zu suchen und auszubauen, dann haben sie eine traumhafte Zeit – weil sich viel verändert und immer wieder neue Möglichkeiten entstehen.

Sie sind Trendforscher, kein Hellseher. Haben Sie die Ereignisse der letzten Jahre überrascht? Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Trump, AfD …

Ja, besonders die Finanzkrise habe ich nicht kommen sehen. Ich will mich mit meiner persönlichen Meinung zurückhalten. Aber so viel: Sehen Sie sich die Finanzkrise an, die ihren Ursprung in den USA hatte, aber Auswirkungen auf den weltweiten Arbeitsmarkt hatte – diese Entwicklung macht deutlich, dass wir unterschiedliche Einflusssphären in der Wirtschaft haben, die unmittelbar durchschlagen auf jeden Arbeitsplatz. Die Jüngeren haben gelernt, mit diesen veränderten Umweltbedingungen gut zu leben und sich mehr auf sich selbst zu konzentrieren – während die Älteren das verdrängen und eher Angstgefühle haben.

 

„In den 90ern sind wir auf die amerikanische Idee gekommen“

 

Sie machen also vor allem eine Jugend-Alter-Unterscheidung?

Nein, eigentlich mache ich eine Analog-Digital-Unterscheidung. Sehen Sie: Vor zwölf Jahren kam das iPhone auf den Markt. Damit ist ein anderes Businessmodell möglich geworden, nämlich global gesehen individuell mit Kunden zu handeln. Denken Sie an die Musikindustrie oder auch an Unternehmen wie Amazon. Dieses sich verändernde Businessmodell ist etwas, dass man als Umwelt aufnimmt, wenn man jünger ist, und deswegen wunderbar damit umgehen kann. Für Ältere bedeutet es das Entlernen alter Strukturen, um die neuen zu erlernen und zu meistern. Insofern gibt es eine unterschiedliche Standpunktlogik zwischen Jung und Alt.

Sie betonen, dass Sie Entwicklungen beschreiben und nicht bewerten wollen. Die von Ihnen beschriebene Flexibilisierung und Individualisierung wird scharf als neoliberal kritisiert, weil damit auch ein Sozialabbau einhergeht. Inwiefern ist dieser Vorwurf berechtigt, oder wäre Ihnen das zu viel Wertung?

Wie Sie bereits sagten: Ich versuche, Veränderungen zu beschreiben und nicht zu propagieren. Aber ich kann sagen: Ich finde diese Entwicklung interessant, weil wir in einer Gesellschaft leben, die ursprünglich mal nach dem Faschismus auf Ausgleich ausgerichtet war. Die Wiederaufbau-Phase und das Wirtschaftswachstum waren über viele Jahrzehnte davon geprägt, den großen Bauch der Gesellschaft, den Mittelstand, zu stärken. In den 90ern sind wir allmählich auf die amerikanische Idee gekommen: Wer nicht arbeitet, sollte auch nichts zu essen kriegen. Gott sei Dank sind wir von den amerikanischen Verhältnissen noch weit entfernt, trotzdem ist Eigenverantwortlichkeit heute für die Politik viel wichtiger geworden als sozialer Ausgleich.

Blicken wir in die Zukunft: Was werden die größten Umwälzungen der nächsten 15 Jahre sein?

Die größten Umbrüche sind relativ deutlich zu erkennen. Der erste kommerziell nutzbare Quantencomputer ist gerade auf der Computer-Elektronik- Show in Las Vegas vorgestellt worden – noch mit recht geringen Rechnerfähigkeiten. Die Beschleunigung und die Möglichkeiten der Kalkulation werden weiter zunehmen, immer mehr Prozesse werden in die virtuelle Welt verlagert. Denken Sie allein an die Auswirkungen, die das autonome Fahren auf die Automobilindustrie haben wird. Diejenigen, die in der virtuellen Welt aktiv sind, werden gewinnen. Gleichzeitig entsteht als Gegentrend eine neue Industrie. Ich verwende dafür den Arbeitsbegriff „Zuwendungsindustrie“.

Diese Industrie ist eng verknüpft mit den Entwicklungen unserer Gesellschaft, die sich immer stärker virtuell organisiert und gleichzeitig individualisiert. Die Familien nehmen ab, die Singlehaushalte zu. Menschen aber sind soziale Wesen und brauchen Zuwendung. Das schafft neue Arbeitsplätze in der Gesundheitspflege: über Therapien, Altenpflege bis hin zu Nagelstudios. Wir haben jetzt in Deutschland 60.000 Nagelstudios. Vor zehn Jahren hätte wohl niemand gedacht, dass man damit mal so gut seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Es wird also ein Spannungsfeld zwischen Analog und Digital geben.

Was noch?

Wir haben enorme Veränderungen zwischen Jung und Alt. Wir haben mehr Alte als Junge. 1960 hatten wir in Deutschland 14 Prozent Über-60-Jährige, heute sind es 23 Prozent. Und wir hatten damals 31 Prozent Unter-20-Jährige, heute sind es 16 Prozent. Das Verhältnis zwischen Jung und Alt hat sich umgedreht.

 

„Neue Berufe entstehen, die früher als skurril gegolten hätten“

 

Die Prognosen angesichts dieser Veränderungen sind meist beängstigend – auch in Bezug auf die Digitalisierung und ihre Auswirkung auf die Arbeitsplätze …?

Nein, das sind sie im Moment nicht. Die erste Studie der University of Oxford besagte, dass ein Großteil der Arbeitsplätze entfallen würde. Mittlerweile sagen viele kompetente Leute das Gegenteil, nämlich dass viele neue Arbeitsplätze entstehen werden. Die Mehrheit der Experten rechnet damit, dass viele Arbeitsplätze wegfallen und in der gleichen Größe neue entstehen.

Womit rechnen Sie?

Ich vermute, dass tatsächlich erst einmal mehr Arbeitsplätze verschwinden werden als neue entstehen. Aber am Beispiel der Influencer kann man sehen, wie neue Berufe entstehen können, die früher noch als skurril gegolten hätten.

Wie soll man die Übergangsphase bewältigen?

Eigentlich muss man das gesellschaftlich bewältigen – und genau das tun wir in Deutschland nicht.

Können Sie das konkretisieren?

Eine öffentliche Diskussion über das bedingungslose Grundeinkommen findet praktisch nicht statt. Auf den Konferenzen, die ich besuche, sagen sowohl technologisch versierte Leute, als auch Leute aus der Finanzszene, dass es absolut notwendig ist, eine Auffangsituation zu haben für all die Leute, die aus dieser Arbeitswelt herausfallen – einfach um die Gesellschaft ruhig zu halten. Die bisherigen Versuche mit einem bedingungslosen Grundeinkommen – zum Beispiel in Skandinavien – wurden positiv aufgenommen. Warum testet man ein solches Modell nicht auch mal in Deutschland?

 

„Bei Flut sollte man sich ein Boot anschaffen, anstatt Sandburgen zu bauen“

 

Welche Chancen gibt es für die Lebensqualität der Menschen?

Die Debatte über die Frage, wie wir eigentlich leben wollen, findet interessanterweise auch nicht statt. Man trifft meist nur auf Empörung, nach dem Motto: Um Gottes Willen, die Welt verändert sich, lasst uns am liebsten nach hinten gucken, Retrotrends nutzen und den Stillstand feiern. Die Politik unter Frau Merkel ist ein gutes Beispiel dafür: Solange wir uns nicht verändern müssen, ist die Welt in Ordnung. Oder sehen Sie sich die Re-Nationalisierung an, die wir in Deutschland mit der AfD erleben, in den USA mit Trump, in Ungarn mit Orbán oder in Brasilien mit Bolsonaro.

Wohin man auch schaut, kann man die gleichen Reaktionen beobachten: Es gibt Teile der Bevölkerung, die sich nicht ändern möchten, die Angst haben und versuchen, eine Festung zu bauen. Aber der Wandel wird kommen, ob man will oder nicht. Das ist wie Ebbe und Flut: Momentan haben wir Flut. Man sollte versuchen, sich ein Boot anzuschaffen, anstatt Sandburgen zu bauen.

Sie wirken ziemlich genervt von den Reaktionen auf Entwicklungen, die nicht aufzuhalten sind …

Ja! Es gibt einfach so viele Chancen, die nicht genutzt werden. Gerade in Deutschland herrscht eine Lust an der Empörung, die notwendige Debatten verhindert.


 Diese Topliste stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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