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Meet the Resident – Budiratsch

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: Budiratsch, auch bekannt als Gerald Steyr – präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman
Foto: Ben Zin

Wer ist Budiratsch?

Mit diesem Alter-Ego-Projekt öffne ich mir die Tür zu einem musikalischen Kosmos jenseits des Drum’n’Bass. Ich umarme damit meinen Wunsch, sich verstärkt der grenzenlosen Vielfalt in der Clubmusik zu widmen. Budiratsch steht für FuckGenre, Gerald Steyr für Drum’n’Bass.

Kannst du den Begriff FuckGenre näher definieren?

Der Begriff steht für keine Einsortierung, keine Schublade möglich. Auf Regeln und jegliche Schranken wird verzichtet. Die FuckGenre-Bewegung verbindet Künstler ausschließlich aus einem freiheitlichen Denken und einer Spiritualität heraus. Ich sehe es als einen Aufruf zu einer gelebten Diversität in der Musikkultur. Als Budiratsch spiele ich Shows quer durch elektronisches BämBäm zwischen BumBum und TschakTschak.

Warum wählst du dafür ein Pseudonym?

Es ist die ewig selbst gestellte Frage von Artists, die ein breites Spektrum abbilden, ob sie sich für verschiedene Ausdrucksarten Pseudonyme erschaffen, oder nicht. Wenn sich ein Musikprojekt extrem weit vom vorherigen Schaffen abgrenzt, ist eine zusätzliche Identität sehr hilfreich. So kann ich mich meinem bisherigen Selbst weiter widmen und zeitgleich neue Wege mit diesem Alias erschließen. Wir beide profitieren voneinander, Budiratsch inspiriert Gerald Steyr und andersherum.

 

Shows rocken und im Studio schrauben

 

Wo siehst du dich in einem Jahr?

Ich sehe tolle und unfassbar gut aussehende Menschen. Ich sehe Leidenschaft, die Farbe Orange. Die Grünen stellen die Bürgermeisterin und keiner singt mehr mit Autotune. Ha ha, nee. Im Ernst, neue Musikprojekte sind immer offen im Prozess. Ich liebe es, Shows zu rocken und im Studio zu schrauben. Die erste Budiratsch EP ist in Arbeit, im Herbst ist eine Clubnacht angedacht.

Welcher Auftritt ist dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Mein fünf Stunden FuckGenre-Gig bei Maschine Brennt im Gängeviertel vor ein paar Monaten, in der Nacht ist Budiratsch gezeugt worden. Und eine Show vor ein paar Jahren im Pudel, wo ich die Audience mit syrischer Hochzeitsmusik zum Extremtanz verführt habe – sehr sexy.

Deine Platte des Monats?

Die neue archaische Ambient Electronica EP von Cid Poitier ist der perfekte Ein- und Ausstieg rasanter Nächte.

Welchen Act würdest du gerne mal (wieder) in Hamburg sehen?

Ich habe mich immer gewundert, warum Deekline noch nie in Hamburg gespielt hat. Er ist für mich der Inbegriff des Multistyle Artist. Sein Output umfasst House, UK Funky, Tropical, Jungle, Oldskool, Dubstep, Breaks und Garage – sehr stark. Wenn ihn jemand nach Hamburg einlädt, bin ich in der ersten Reihe. Roska möchte ich auch gerne wieder sehen. Und immer wieder Omar Souleyman.

Was sind für dich Hamburgs Stärken?

Hamburg ist sehr überschaubar, es scheinen sich irgendwie alle zu kennen, oder man kennt jemanden, der den anderen kennt und vernetzt einen. Wer aktiv aufgechlossen ist, kann schnell andocken.

Und die Schwächen?

Hamburg ist sehr überschaubar.

 

Hier hört ihr ein aktuelles Set von Budiratsch – im Podcast von hamburg elektronisch

Budiratsch: 26.7., Kinky Galore, Waagenbau, ab 23 Uhr


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2019 im Handel und zeitlos im 
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Magdalena bringt neue Partyreihe Shadows ins PAL

Bookerin, Festival-Veranstalterin, Produzentin: Magdalena, die Hamburger DJ und ehemalige Ego-Chefin, ist mittlerweile weltweit unterwegs. Im Februar kommt sie mit ihrer Ibiza-Partyreihe Shadows ins PAL.

Interview: Ole Masch
Foto: Randy Rocket

SZENE HAMBURG: Magdalena, wir erreichen dich in Tulum, Mexiko. Was führt dich dortin?

Magdalena: Ich bin gerade auf Tour. Hinter mir liegen sieben Gigs, unter anderem in Mexico City, Guadalajara, Acapulco und Puerto Escondido. Morgen steht hier der wichtigste Gig an. Es geht um die Shadows-Reihe. Die Gäste die ich begrüßen darf sind meine guten Freundinnen Nicole Moudaber und Anja Schneider sowie Art Department und Radio Slave.

Was ist „Shadows“?

Eine Partyreihe die ich ursprünglich mit meinem Team entworfen habe, um eine wöchentliche Residency auf Ibiza zu spielen, freitags im Blue Marlin. Am späten Nachmittag geht es mit einem Gast los, die Sonne geht langsam unter, die Schatten werden länger, es gibt eine tolle Lichtshow. Zum Schluss des Abends gibt es häufig noch ein b2b von dem Gastkünstler und mir. Nun übertragen wir das Konzept in andere Länder.

Wo geht’s hin?

Wir starten mit Francesca Lombardo am 14. Februar in Berlin, im Watergate. Dann weiter nach Zürich ins Hive und zu guter Letzt in meine Heimat Hamburg, ins PAL. Alles an einem Wochenende. Das Ganze wiederholen wir am 14. März mit La Fleur. Es ist ziemlich schwierig, eine Tour mit einem Gast in so kurzer Zeit in drei Venues zu veranstalten. Die Clubs müssen ihr ok geben, die Gage muss hinhauen, die Künstler müssen rechtzeitig angefragt werden. Es war wirklich ein schwieriges und zeitaufwendiges Unterfangen. Ich bin froh, dass jetzt alles steht.

Was kannst du über die Künstlerinnen erzählen?

Seit ich La Fleur im Ego-Club gebucht habe, kreuzten sich unsere Wege unregelmäßig aber stetig. Ich habe sie im letzten Jahr zu „Shadows“ in Ibiza eingeladen, jetzt freue ich mich besonders, dass sie wieder mit am Start ist. Francesca Lombardo lernte ich vor circa zwei Jahren im Lost Beach Club in Ecuador kennen. Ich habe freitags gespielt, sie samstags. Sonntags haben wir eine lange Afterparty b2b gespielt, seitdem sind wir tief verbunden.

 

„Irgendwann habe ich angefangen, mit dem Mixer zu experimentieren“

 

Hast du bewusst zwei Frauen dafür ausgewählt?

Ich würde nicht sagen, dass ich Frauen generell Männern vorziehe, aber schon, dass ich Freunde eher einlade als mir unbekannte Künstler.

Du bist seit Beginn ein Teil der Diynamic-Label-Familie. Wie bist du zum Auflegen gekommen?

Da ich lange Zeit den Ego-Club geleitet habe, war ich oftmals bis zum Schluss da, um zu schauen, dass alles gut läuft. Irgendwann habe ich angefangen mit dem Mixer zu experimentieren. Da habe ich schnell bemerkt, wie viel Spaß mir das macht – und so kam eins zum anderen.

Was macht das Label für dich aus?

Es ist halt Familie für mich. Innerhalb von Diynamic sind wir alle sehr eng miteinander verwachsen, es gibt einen regen Austausch über Musik, wir sehen uns alle häufig bei den Diynamic Events, die Diynamic Festivals oder Showcases. Ich fühle mich einfach sehr eng mit diesem Label und deren Künstlern verbunden.

Bei Diynamic bist du die einzige Frau. Was meinst du, ist der Grund dafür?

Das ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit. Noch vor einigen Jahren gab es nicht so viele Frauen, die produzierten. Mittlerweile werden es immer mehr, was ich sehr begrüße. Ich denke nicht, dass es sehr lange dauern wird, bis eine weitere Frau auf Diynamic releasen wird.

Welche Erfahrungen hast du mit Sexismus im Nachtleben gemacht?

Ich bin in Hamburg aufgewachsen und hatte mit dem „Ego“ einen Club mitten auf dem Kiez. Mitten im Rotlichtmilieu, habe ich früh gelernt, mich mit dummen Sprüchen auseinanderzusetzen und auch zu kontern. Ich fühle mich auf dem Gebiet ziemlich abgehärtet.

Vermisst du das „Ego“?

Einerseits ja, andererseits habe ich durch die Schließung auch viele neue Freiheiten bekommen. Da ich sehr viel Herzblut in den Laden gesteckt habe, habe ich auch viele Stunden dort verbracht – denn wenn ich mir etwas vorgenommen habe, gebe ich immer 100 Prozent. Jetzt ist meine Passion das Auflegen, und ich darf jetzt in der Welt umherreisen, was natürlich auch wunderschön ist.

Verschiedene Länder, unterschiedliche Feierkulturen. Jede Nacht ein anderer Club. Was für viele traumhaft klingt, ist sicher auch anstrengend. Wie erholst du dich davon?

Hin und wieder nehme ich mir ein Wochenende frei, aber generell bin ich noch zu „hungrig“ und möchte so viel spielen wie möglich. In der Woche kann man sich kurz ausruhen, aber meistens liegen dann viele andere Sachen an: Man möchte ins Studio, dort arbeiten oder mit seinem Team über die nächste Schritte sprechen. Ich versuche wenigstens am Montag für niemanden erreichbar zu sein, auch wenn das leider häufig nicht klappt …

 

Magdalena live in Beirut

 

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Wie häufig bist du überhaupt noch in Hamburg?

Ich würde sagen, dass ich circa sechs Mal im Jahr vorbeischaue. Manchmal länger, manchmal kürzer. Meine Familie lebt zum Teil noch dort und meine Agentur hat ihren Sitz in Hamburg. Manchmal bin ich auch zum Auflegen dort. Das Ego-Air veranstaltete ich die letzten Jahre ja außerdem auch noch. Ich nehme quasi jede Gelegenheit wahr um meiner Lieblingsstadt einen Besuch abzustatten.

Wird es dieses Jahr wieder ein Ego-Air geben?

Dazu kann ich leider noch nichts sagen. Ehrlich gesagt, hatte ich noch keine Zeit das final zu besprechen.

Neben dem Auflegen, hast du angefangen zu produzieren. Wie kam es dazu?

Nico Plagemann von Kollektiv Turmstrasse half mir auf die Sprünge. Er hat mich in sein Studio eingeladen, mir alle Basics erklärt und mir ans Herz gelegt, mit Ableton zu arbeiten. Damit ist man einfach schneller und kreativer und kommt zu einem super Ergebnis.

Stimmst du der Aussage zu, dass, wer als DJ wahrgenommen werden will, auch produzieren muss?

Generell schon. Das Publikum wünscht sich nicht nur DJs, sondern Musiker. Ausnahmen bestätigen hierbei natürlich wie immer die Regel.

Was hat dich bei deiner ersten EP Elementum inspiriert?

Die Vocals aus dem Track „Mountains of Es Cubells“ kamen von meinem Freund Steve. Er hatte mir eine Whats-App-Nachricht geschickt, die mich total an die Afterparty-Kultur von Ibiza erinnert hat – da musste ich einfach einen Track draus machen.

 

Hört hier „Mountains of Es Cubells“ von Magdalena

 

Verarbeitest du auch deine Hamburger Herkunft in deiner Musik?

Nun ja, ich bin in Hamburg geboren und aufgewachsen – somit trage ich Hamburg immer im Herzen.

Wo kann man dich in diesem Jahr noch auflegen sehen?

Im Mai spiele ich beim Diynamic Festival in München, ansonsten spiele ich in nächster Zeit hauptsächlich außerhalb Deutschlands.

Und was sind deine aktuellen musikalischen Projekte und planst du sonst für 2019?

Im Februar kommt ein Remix auf Timeless raus, dann arbeite ich noch an einem Remix für Hot Since 82, der im März veröffentlicht wird. Außerdem gibt es ein Herzensprojekt von mir, welches klassische Musik kreuzen wird, aber das ist noch nicht ganz spruchreif!

„Shadows“ mit Magdalena und Gästen live in Hamburg: 16.2. und 16.3., PAL, 24 Uhr


 Dieses Interview stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Auf einen Song mit … Sepalot

Der einstige Blumentopf-DJ Sepalot führt mit dem Sepalot Quartet Beats und Jazz zusammen und gibt Empfehlungen aus beiden musikalischen Lagern.

Interview: Erik Brandt-Höge
Foto: Nico Reger

SZENE HAMBURG: Sepalot, wir brauchen Beats und Bässe! Welche drei Tracks hauen uns von jetzt auf gleich vom Hocker?

Son Lux: „Easy“. Ich liebe den arty und verspulten Ansatz von Son Lux. Ist einfach eine super interessante Band. Von „Easy“ gibt es auch eine gute Orchesterversion, zusammen mit Woodkid.

Uffe: „My Love Was Real“. Das ganze Album „Radio Days“ ist sehr fein. Ich mag die Mischung aus BoomBap-Sample-Ästhetik und UK Dance Music.

World’s Fair: „Elvis’ Flowers (On My Grave)“. Das ist der Rap-Song, der mich 2018 am meisten umgehauen hat. So schön durchgeknallt. Wie ein Update von „ The Pharcyde“.

 

„HipHop hat sich schon immer viel beim Jazz ausgeborgt.“

 

Okay, und jetzt wieder runterkommen – am liebsten mit Jazz! Hast du hierfür auch drei Stücke parat?

Web Web: „Land Of Arum Flower“. Web Web ist das Jazz-Projekt meines geschätzten Kollegen Roberto Di Gioia aus München. Roberto ist ein begnadeter Pianist. Diese Platte im Stil des Spiritual Jazz der 70er Jahre ist einfach fantastisch.

Fazer: „White Sedan“. Das Münchner Quintett um Martin Brugger (a. k. a. Occupanther) ist New Generation Jazz. Die Jungs sind sowohl mit Clubmusik als auch mit dem Jazz bestens vertraut.

Matthias Lindermayr: „Massave“. Schon wieder ein Münchner! Ja, es tut sich gerade was in der Stadt. Matthias hat nicht nur den schönsten Trompetensound, er ist auch ein Teil des Sepalot Quartets und hat 2018 sein zweites Soloalbum „New Born“ über Enja Records veröffentlicht.

Du mixt nun auf der Bühne die Vom-Hocker-Hauer-Beats mit Jazz. Warum gehören diese musikalischen Puzzleteile zusammen?

Ich war viele Jahre im HipHop zu Hause. Ein Genre, dass sich schon immer viel beim Jazz ausgeborgt hat. Und jetzt, da ich nach meiner Zeit bei Blumentopf ohne Rapper auf der Bühne stehe, ist wieder Platz in meiner Musik. Der Jazz schließt die Lücke, und es fühlt sich ganz natürlich an.

Sepalot: 15.2.19, Birdland, 20 Uhr

 

Hört hier „Rainbows“ von Sepalot


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Meet the Resident – VUUDUU

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Resident-DJs vor, diesmal: VUUDUU (Resource / Ohne kommerziellen Wert) – präsentiert von Hamburg Elektronisch.

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman
Foto: Katja Ruge

SZENE HAMBURG: Wie würdest du deinen Sound beschreiben?

Technoider, hypnotischer Ravesound.

Was war dein bisher größter Moment als DJ?

Im Tresor und in der Griessmuehle.

Deine Release des Monats?

OHNE 002 / Ohne kommerziellen Wert (Release 21.1. – Vinyl only).

 

 

Wen würdest du gerne mal (wieder) in Hamburg sehen?

Helena Hauff.

Was sind für dich Hamburgs Stärken?

Viele einzelne Underground-Crews bilden die Szene in Hamburg.

Und die Schwächen?

Konfetti und Seifenblasen.

Was ist dein Lieblings Ort in Hamburg?

Mein Studiokollektiv.

Auf wen sollte man in Hamburg momentan ein Auge haben?

RO/AD, Strathy, Katja Ruge (nicht nur für ihre Fotos), Marie Lung, Lucinee, Lifka, aitch, STUTE.

Welcher Gig war bisher dein Favorit?

Am meisten Spaß habe ich im PAL und natürlich bei meiner eigenen Reihe Resource.

Wo kann man dich als nächstes hören?

Am 25.1. im Uebel & Gefährlich mit Dr. Rubinstein.

 

 Hört hier ein aktuelles Set von VUUDUU


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2019. Das Magazin ist seit dem 21. Dezember 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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Donnerbar – Die Reinkarnation des Kleinen Donner

Reinkarnation: Der Kleine Donner ist zurück. In den Räumen der ehemaligen Bar Rossi öffneten David Struck und Felix Piechotta Anfang August ihr neues Wohnzimmer – die Donner Bar.

Dröhnende HipHop Beats, Schweiß, der von der Decke tropft, ein von Zigarettenrauch verqualmter, überfüllter Raum. Das sind Erinnerungen an den Kleinen Donner, den Kellerclub unter dem Haus 73 in der Sternschanze. Im Dezember 2017 musste die beliebte Underground-Disco schließen. Grund waren andauernde Lärmbeschwerden der Nachbarn.

Nun kommt die Hamburger Hip-Hop-Perle im neuen Gewand zurück: Etwa 200 Meter weiter öffnete der Donner endlich wieder seine Türen. Und es hat sich viel verändert. Die neue Location, direkt an der Max-Brauer-Allee, Ecke Schulterblatt sieht mit einladenden Glasfronten und hübsch dekorierter Außenterrasse so gar nicht mehr nach dem etwas ranzigen, authentischen Untergrund-Club von früher aus. Einzig das schlichte Blitz-Logo über dem Eingang lässt Besucher wissen: Der Donner ist wieder da.

Donnerbar: Schwingende Hüften trotz kleiner Tanzfläche

Auch von Innen erinnert nur wenig an den Kleinen Donner: Der einladende Tresen, ordentlich bestückt mit einer großen Auswahl an Spirituosen bildet das Herzstück der Donner Bar. Die Einrichtung ist dunkel und schlicht aber stilvoll gehalten. Die Tanzfläche verhältnismäßig klein. Auch eine Woche nach der großen Eröffnung ist die Bar am Samstag schon zu früher Stunde gerappelt voll.

Das Konzept scheint aufzugehen: Der Übergang von entspannter Afterwork-Atmosphäre zum ausgelassenen Feiern verläuft fließend. Dass die Musik nicht ganz so laut ist, wie man es aus dem Donner kennt, scheint niemanden zu stören. Die kleine Tanzfläche platzt auch so aus allen Nähten. Musikalisch setzt der DJ an diesem Abend auf eine gute Mischung aus bekannten Tracks und Underground. Amerikanischer Hip-Hop, durchbrochen von dem einen oder anderen deutschsprachigen Song lässt das Publikum die Hüften schwingen.

Alte Leuchter, neue Bar.

SZENE HAMBURG: David, ihr seid mit dem neuen Laden von Club auf Barbetrieb umgestiegen. Warum?

David Struck: Als klar wurde, dass wir den Kleinen Donner am Schulterblatt nicht weiterführen können, haben wir den Laden zur Cocktail-Bar Chambre Basse umgebaut und trotzdem weiterhin nach einer Clubfläche gesucht. Das hat leider nicht geklappt. Entweder stimmte der Preis oder die Lage nicht. Nach einigen Exilveranstaltungen über dem PAL hatten wir schon mehr oder weniger damit abgeschlossen den Donner weiterzuführen – bis wir über diese Location gestolpert sind.

Wie ging es weiter?

In erster Linie wollten wir einfach die Fläche übernehmen, ohne zunächst ein Konzept zu haben. Nach langen Verhandlungen konnten wir den Laden bekommen und haben angefangen uns Gedanken zu machen. Den gleichen Club konnten wir nicht machen, weil wieder zu viel Nähe zu den Nachbarn besteht. Wir sind dann zu dem Schluss gekommen, den Donner wieder aufzumachen, aber eben als Bar und Nachbarschaftskneipe. Wir öffnen sieben Tage die Woche ab 17 Uhr. Am Wochenende werden wir spielen, worauf wir Bock haben, um auch die Leute abzuholen, die unsere Musik hören wollen – nur eben etwas leiser. Im Prinzip also ein neues Konzept aus dem Alten heraus.

Könnt ihr musikalisch dann noch das gleiche liefern wie im Kleinen Donner oder passt ihr euch dem Mainstream an?

Josi Miller, Trettmann-DJ, die auch am Eröffnungswochenende aufgelegt hat, war schon früher oft bei uns. Die würde ich musikalisch eher in den Underground einordnen. Im Prinzip haben wir in dem Bereich nicht viel verändert. Natürlich gibt es die Schwierigkeit, unser altes Booking fortzuführen. Im Donner hatten wir oft internationale Gast-DJs, die wir gerade so mit dem Clubeintritt querfinanzieren konnten. Das wird uns hier nicht mehr möglich sein, weil wir keinen Eintritt nehmen. Das Ambiente hat sich schon verändert.

Wolltet ihr weg vom Kellerclub-Image?

Weiß ich gar nicht. Das war alles recht ungeplant. Wir haben keinen Innenarchitekten beauftragt und gesagt, was wir haben wollen oder so. Ein Kumpel, der Architekt ist, hilft uns da ein bisschen. Im Prinzip schauen wir uns einfach die Fläche an und gucken, was möglich ist und unseren Geschmack trifft. Wir greifen zum Beispiel mit dem Holz das Donner-Thema ein bisschen auf. Aber wollen uns natürlich auch weiterentwickeln. Die Kronleuchter sind tatsächlich noch aus der Bar Rossi, die einfach so geil sind, dass wir sie haben hängen lassen. Wir wollen mit unserer Einrichtung nicht irgendein Image verkörpern – machen das eher so, wie wir auch unsere Wohnungen einrichten würden.

Das Schulterblatt weist eine immense Bardichte auf. Gerade mit Läden wie der Katze nebenan eine riesen Konkurrenz. Wie wollt ihr euch durchsetzen?

Ich glaube das passiert von alleine. Mir würde jetzt kein Laden auf dem Schulterblatt einfallen, der ein ähnliches Konzept hat. Klar, es ist eine Bar und es gibt Getränke, aber musikalisch gibt es nichts Vergleichbares hier auf der Ecke – außer vielleicht die Bernstein Bar, die großartig ist, aber selbst da sind jetzt keine wirklichen Überschneidungspunkte. Außerdem sehen wir das eher als Symbiose, nicht als Konkurrenz. Je mehr Läden in eine ähnliche Richtung gehen wie wir, desto besser eigentlich. Die Szene ist groß genug.

Am Eröffnungswochenende war der Laden gerammelt voll. Wie habt ihr das Publikum wahrgenommen?

Am Freitag war so ziemlich jeder da, den wir kennen. Ob vom Sehen oder persönlich. Das war wirklich krass. Samstag war es ein bisschen anders, weil das Spektrum Festival parallel lief. Es war schon ein bisschen mehr vom klassischen Schanzenpublikum am Start. Die haben natürlich auch mitbekommen, dass wir da sind und wollten den Laden mal auschecken. Aber grundsätzlich würde ich schon sagen, dass wir wieder mehr auf das Donner-Publikum zählen als mit dem Chambre Basse.

Ihr tretet ein großes Erbe an. Die Bar Rossi war jahrelang eine regelrechte Institution in der Schanze. Wie steht ihr mit eurem Laden zu den Veränderungen und der laufenden Gentrifizierung im Viertel?

Schwieriges Thema. Ganz klar treten wir hier in große Fußstapfen. Die Rossi war, würde ich behaupten, eine der erfolgreichsten Bars in ganz Hamburg. Das Thema Wandel des Viertels ist nicht einfach zu beurteilen. Alles verändert sich. Wir sind nicht die größten Kritiker was das angeht. Wir versuchen einfach das zu machen, worauf wir Bock haben und freuen uns, wenn es Leute gibt, die da auch Bock drauf haben. Solange das der Fall ist, machen wir weiter.

Text & Interview: Eylin Heisler
Fotos: Ole Masch

Donner Bar, Max-Brauer-Allee 279, Mo-So ab 17 Uhr


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

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Meet the Resident – Patlac

Jeden Monat stellen wir in der SZENE HAMBURG präsentiert von Hamburg Elektronisch Resident DJs vor. Diesmal mit Patlac (35), DJ seit 1999, beim Label liebe*detail.

Dein Sound?
House und Techno.

Größter Moment als DJ?
Immer dann, wenn sich etwas zwischen dir und dem Publikum entwickelt, eine Verbindung entsteht und die Gäste Spaß an der Musik haben die ich in dem Moment ausgewählt habe.

Wo gehst du in Hamburg hin um Spaß zu haben?
Mit Freunden kann ich überall Spaß haben. Wenn es um elektronische Musik geht würde ich wohl den Pudel oder das PAL ansteuern.

Welchen DJ würdest du gerne mal (wieder) in Hamburg sehen?
Eurokai! Toller Dj, mit tollem Geschmack.

Platte des Monats?
Afriqua – Vice/Principle / R&S Records

Hamburgs Stärken?
Die „Unaufgeregtheit“ die in der Stadt herrscht. Und damit meine ich nicht „emotionslos“ sondern eher die entspannte Grundstimmung.

Und die Schwächen?
Schlechte Radwege.

Lieblings-Ort in Hamburg?
Unten am Hafen wo die großen Schiffe schlafen.

Schrecklichste Gast-Frage?
Schwer zu definieren, denn wenn sich mal ein Gast ein Bier bei mir bestellt hat oder sich einen Track wünscht, der so gar nicht passt, empfinde ich es eher als witzig als schrecklich.

Auf wen sollte man in Hamburg momentan ein Auge haben?
Ich würde ungern einen einzelnen hervorheben wollen. Ich denke auf die ganze Hamburger Szene sollte man ein Auge haben.

Welcher Gig in Hamburg ist bisher dein Favorit?
Jeder Gig in Hamburg ist etwas Besonderes, denn es ist nicht immer leicht die Gäste sofort von dir zu überzeugen. Allerdings wenn du es schaffst bleiben sie treu bei dir.

Wo kann man dich als nächstes hören?

In Hamburg etwa alle zwei Monate im PAL, ansonsten werden Berlin, Barcelona, Kiel, San Francisco und New York die nächsten Stationen sein.

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman

 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2018. Das Magazin ist seit dem 29. Juni 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Meet the Resident – JmO

Jeden Monat stellen wir in der SZENE HAMBURG Resident DJs vor. Ab sofort präsentiert von Hamburg Elektronisch. Diesmal mit JmO (33), seit 2002 DJ, seit 2011 arbeitet er beim Hamburger Musikvertrieb Wordandsound.

Dein Sound:
Deep Vibes und Dope Grooves von damals bis heute die irgendwo zwischen House, Disco, Techno und Electro umher wandern. Insgesamt landet aber alles in meiner Auswahl, was für mich diese gewisse Magie hat.

Schrecklichste Gast-Frage:
Mal ganz davon abgesehen, dass die Versuche, Getränke am DJ Pult zu bestellen, ein wenig peinlich sind, war die unangenehmste Situation, als sich ein Gast mal mit mir darüber streiten wollte, dass das, was ich da spiele, keine House Music ist, nachdem ich nicht wie gewünscht David Guetta bedienen konnte… Sowas nervt tatsächlich, kommt aber glücklicherweise eher selten vor.

Platte des Monats:
Ex-Terrestrial – Portal Vision (Erschienen auf NAFF)

Größter Moment als DJ:
Ich glaube diesen EINEN Moment auszumachen, ist für mich nicht möglich. Es gab reichlich tolle, irre, herzliche und unvergessliche Momente. Das Schönste bleibt zu merken, welch universelle Sprache Musik sein kann und welche Verbindung sie zwischen Freunden und unbekannten Menschen herzustellen vermag. Egal, ob man an einem Abend zusammen in einem Club ist, oder durch das Internet über Kontinente hinweg eine Leidenschaft teilt – es ist immer wieder schön, wenn es zu diesem besonderen Austausch über die Musik kommt.

Wo gehst du in Hamburg hin um Spaß zu haben?
Wenn’s um musikalische Ausgehbedürfnisse geht, dann sind hier definitiv das Pal bzw. Moiré und der Pudel ganz weit vorne!

Welchen DJ würdest du gerne mal (wieder) in Hamburg sehen?
Zur Zeit bin ich absolut geflasht von C.K., Nicolas Lutz und The Ghost. Alles grandiose Selectors mit einer Plattenauswahl, zu der mir keine andere Beschreibung als mind-bending einfällt!

Was sind für dich Hamburgs Stärken?
Dass es eine Struktur bietet, die es erlaubt, ein familiäres Gefühl aufkommen zu lassen und gleichzeitig groß genug ist, um nicht langweilig zu werden.

Und die Schwächen?
Ich habe oft das Gefühl, dass es neue Projekte und Veranstaltungsreihen etwas schwer haben und so, trotz der eben erwähnten Größe, doch manchmal die Alternative fehlt.

Dein Lieblings Ort in Hamburg?
An der Elbe und mit Blick auf den Hafen ist es eigentlich immer schön… ansonsten meine Wohnung. Da ist meine ganze Musik, mein Bett und nebenan eine überdurchschnittlich verständnisvolle und tolerante Nachbarin. *haha

Auf wen sollte man in Hamburg momentan ein Auge haben?
Es gibt aktuell tatsächlich einige wirklich gute DJs und Producer. Zu nennen sind da auf jeden Fall die Lehult Gang mit Epikur, Eddie Ness, Liem, Lucky Charmz, DJ Assam …! Dann defintiv noch DJ Fips, BL Brixton, Jacobbe Knob, David Lenk, Momo, die Power Suff Girls, Levente, Oskar. … alles Menschen, die es verstehen ihre Begeisterung so zu teilen, dass sie beim Hörer in Bewegungsenergie umgesetzt werden möchte.

Welcher Gig in Hamburg ist bisher dein Favorit?
Meine liebste Partyreihe war wohl die Earlee. Der geilste Gig, der an meinem Geburtstag vor 2 ½ Jahren. Ich durfte nicht nur in meinen Geburtstag hinein auflegen, sondern dann noch außerplanmäßig einfach 3 Stunden (oder so) länger weiterspielen. Die Erinnerungen an das Zeitliche sind leicht vernebelt aber die Stimmung an diesem Abend war grandios… Definitiv ein selten erreichtes Highlight für mich!

Nächster Gig:
Erst zweimal Berlin, dann Magdeburg. Erst im Süß war Gestern am ersten Juni Wochenende und dann in einem super freaky frischen neuen Laden Namens Zur Klappe am 8.6.18 in der Yorkstraße 2. Die gesamte Location war früher mal eine öffentliche Toilette und man steigt eine recht unscheinbare Treppe von einer Verkehrsinsel aus hinab in den Club – sehr zu empfehlen! Danach kommt dann noch Madgeburg am 16.6.18.

PAL
15.6.18, 24 Uhr


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

Clubkultur – Doin’ the Hop

Seit Jahren erfährt Swingmusik ein großes Revival. Hamburg gehört zu den Hochburgen der Szene. Regelmäßig treffen sich Tanz- und Musikbegeisterte, um in den Clubs der Stadt stilecht zu feiern. Ein Ortsbesuch.

Sie trägt ein rotes 40er-Jahre-Wickelkleid mit Kreismuster und einen Cocktail-Hut mit Netz. Wie viele andere an diesem Abend im Nochtspeicher, erscheint Inga in Tanzschuhen mit leichtem Absatz. Sie hat sich schick gemacht. Ihr Freund Holger präsentiert sich passend dazu mit Hemd, Bundfaltenhose und Hosenträgern. Einmal im Monat verwandelt sich der Club in der Bernhard-Nocht-Straße 69 in einen „Ballroom“, ähnlich wie in den 20er, 30er und 40er Jahren des glamourösen New York. Dort entstand der Swingtanz Lindy Hop und die Gäste der Dockside Swing Party im Nochtspeicher sind hier, um zu tanzen. Viele sind wie Inga und Holger dem Zeitgeist entsprechend gekleidet. Inga erzählt: „Für mich ist es eine richtige Kultur. Ich trage schon seit vielen Jahren auch privat immer wieder Kleidung im 40er-Jahre-Stil.“ Seit zwei Jahren tanzen sie und ihr Partner Holger zusammen. „Wir sind oft auf Swingtanzveranstaltungen und genießen es sehr.“ Holger spielt Posaune, daher verbinden sie auch sonst viel mit der Musik.

Wie der 36-Jährigen geht es vielen Menschen in Hamburg.

Sie freuen sich über jede Swingtanzparty, die die Hansestadt zu bieten hat.

Das weiß auch Veranstalterin Nina Kamp. Zusammen mit ihrem Partner Konstantin betreibt sie die Swingwerkstatt. Wenn sie davon erzählt, was hinter der Swingtanzkultur steckt, kommt sie ins Schwärmen, fast so als sei sie bei der Entstehung dabei gewesen: „Lindy Hop ist die populärste Swingtanzart weltweit. Sie hat ihren Ursprung in Harlem, New York. Eine Tanzart, die nicht in Studios entstanden ist, sondern im Volk – genaugenommen durch afroamerikanische Jugendliche.“ Damals gingen die Menschen abends in Ballrooms, wo Bands spielten und sie dazu tanzen konnten. Der rhythmische Paartanz Lindy Hop bietet dabei viel Freiraum für Improvisation der Tänzer.

Doch Lindy Hop ist nicht die einzige Swingtanzart. In den frühen 20er Jahren tanzten die Menschen Twenty Partner Charleston. „Den kennt man aus Filmen“, sagt Nina, „da tragen die Frauen immer die Charleston Kleider.“ Die Tänzer haben twistende Füße und Knie und tanzen in einer sehr engen Position zum Partner. „Das ist ganz anders als beim Lindy Hop.“ Außerdem gibt es hier keine festen Partner, man wird aufgefordert und inspiriert sich gegenseitig. Zudem tanzt man Lindy Hop in einer „Open Positon“, steht also nur mit einer Hand mit dem Partner in Kontakt. „So viel Freiheit war damals völlig neu im Paartanz, auch im Vergleich zu Europa. Zu der Zeit sind auch schon Hebefiguren entstanden, die sich dann später im Rock ’n’ Roll wiederfanden. Damals in New York war Frankie Manning dafür bekannt.“

Swingen im Nochtspeicher: The Bandwagon Swing Orchestra. Foto: Sofia Jansson – Mokkasin

Heute wird Lindy Hop in vielen Tanzschulen angeboten. Bevor Nina zum Swing kam, tanzte sie Salsa und wagte irgendwann in ihrem Tanzstudio einen Schnupperkurs. Für sie war alles neu, die Musik und die Art sich zu bewegen. „Ich war aber schnell so begeistert, dass ich den Anfängerkurs mitmachte.“ So hat sie Konstantin kennengelernt, der schon seit mehr als 15 Jahren Swing tanzt. Heute betreiben beide neben ihren Berufen die Swingwerkstatt, um ihr Hobby auszuleben. Ihnen ist es wichtig, nicht nur in Studios zu tanzen, sondern den Ursprung der Tanzkultur zu leben. Denn die ist für beide fest in die Ausgehkultur verankert. Deshalb feiern sie Abende wie im Nochtspeicher, wo derweil The Bandwagon Swing Orchestra zu spielen beginnt.

Die Band ist extra aus Stockholm angereist: das dritte Jahr in Folge. Die neunköpfige Truppe ist noch sehr jung, einige tanzen selbst Swing und so sind auch sie zur Musik gekommen. Sie spielen Posaune, Trompete, Saxofon, Klarinette, Klavier, Schlagzeug, Banjo und Bass. Nina freut sich: „Es ist immer sehr besonders, wenn sie da sind. Sie machen Party auf der Bühne und für die Menschen auf der Tanzfläche.“ Voller Energie und Herzlichkeit, das finden auch Inga und Holger. Sie sind mitgerissen. Dockside Swing im Nochtspeicher gibt es einmal im Monat. Auch an den anderen Abenden, an denen die Stockholmer Band nicht spielt, geht es schwungvoll zur Sache. Swingbands und Jazzmusiker aus ganz Deutschland stehen bei den Events auf der Bühne.

Doch nicht nur Livemusiker, widmen sich dieser Musikrichtung, sondern auch DJs, mit denen die Swingwerkstatt zusammenarbeitet. Als Nina vor 17 Jahren auf den Tanz aufmerksam wurde lebte Swingin’ Swanee noch in Hamburg. „Sie ist ein bekannter Swing DJ und hat maßgeblich dazu beigetragen, dass in Hamburg die Swingtanzszene entstanden ist. Sie hat die Leute musikalisch nachhaltig geprägt“, so Nina.

Neben der Swingwerkstatt ist der Tanz auch in vielen Musikschulen der Stadt fest verankert. Und es gibt den Verein New Swing Generation, der ebenfalls dazu beigetragen hat, die Hamburger Swingszene aufzubauen und noch heute regelmäßig Veranstaltungen organisiert. Für Inga und Holger indes gibt es keine Swingtanzparty, die so so kultig ist wie heute im Nochtspeicher. Und so sind sie mit Sicherheit wieder dabei, wenn sich für einen Abend die Zeit 90 Jahre zurückdreht.

Text: Melina Seiler

Beitragsbild: Thomas Marek 

Swinging Ballroom Stage Club
25.5.18, 21 Uhr (mit 45-minütigem Crashkurs)

 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Meet the Resident: Melbo

Jeden Monat stellen wir in der SZENE HAMBURG Resident DJs vor. Im Januar 2017 ist Melbo an der Reihe. Gebürtig aus London, aufgewachsen in Wien, steht die 32-Jährige seit 2013 in Hamburg hinter den Decks.

Schrägster Gast- Kommentar: Du hast richtig gut aufgelegt, aber ich bin besser.

Platte des Monats: Ryan Murgatroyd – Something Said.

Lieblingsplatten:
Kruder & Dorfmeister – The K&D Sessions, Röyksopp – Melody A.M., Trentemøller – The Last Resort, Dj Shadow – Entroducing.

Größter Moment als DJ:
Ich habe einmal vor „nur“ drei Leuten aufgelegt, aber einer von ihnen ist nach meinem Gig zu mir gekommen und meinte, dass es wunderschön war und dass er sich so richtig fallen lassen konnte. Das hat diesen eigentlich bescheidenen Gig völlig aufgewertet und mich daran erinnert, dass es egal ist, vor wievielen Leuten man als DJ spielt. Das Wichtigste daran bleibt, dass man eine Geschichte erzählt, die jemanden berührt hat.

Was nervt in Hamburg:
Eindeutig das Wetter und der hohe Mietspiegel.

Party des Monats (Februar 2018): Recondite live (16.2.18, Uebel & Gefährlich, 24 Uhr) / Konzert: Mars Mobil im Jazz Café (1.2.18).

/ OMA 

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Februar 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Die DJane ist tot, lang lebe der DJ

Sexismus: Nachts sind alle Katzen grau. Und im Club sind alle Menschen gleich? Schön wär’s. Noch immer gelten Frauen an den Plattentellern als Exoten. Doch zum Glück steigt der Anteil weiblicher DJs – auch in den Hamburger Clubs.

Das Jahr 2017 wird als das in Erinnerung bleiben, in dem zahlreiche Skandale in der Medienwelt die Sexismus-Debatte neu entfachten – und es gab kaum eine Branche, die davon nicht betroffen war. Auch das sich stets als liberal gebende Musikbusiness, so ungern seine Akteure es auch wahrhaben wollen, krankt seit jeher an einem starken Ungleichgewicht von weiblichen und männlichen Künstlern, ungerechten Gagen und Diskriminierung. Diese Probleme, die struktureller Natur sind, machen vor der Clubtür nicht Halt. Denn auch in der elektronischen Musikszene werden – abgesehen von einigen Ausnahmen – weibliche DJs immer noch weniger ernst genommen als ihre männlichen Kollegen. Und statt um Fähigkeiten, geht es in der Regel eher um Äußerlichkeiten.

Bestes Beispiel ist der Fall um Konstantin, Mitbegründer des Weimarer Techno-Labels Giegling. Im Sommer 2017 echauffierte er sich in einem Gespräch mit dem Groove-Magazin über die Ungerechtigkeit, dass weibliche DJs derzeit so sehr gefördert würden – obwohl sie ja meist schlechter auflegten als Männer. Demnach wäre es für Frauen also wesentlich einfacher, als DJ Erfolge zu feiern, weil sie unverhältnismäßig große Unterstützung erfuhren.

Nicht nur bei vielen weiblichen DJs stößt diese Aussage auf großes Unverständnis. Fathia, die seit etwa zwei Jahren in der Hamburger Pooca Bar regelmäßig Deep House und Techno auflegt, meint: „Ich sehe nicht, dass weibliche DJs großartig gehypt werden. Es gibt immer noch genügend Partys, bei denen gar keine Frauen gebucht sind.“

Dabei ist diese Entwicklung hin zur männerdominierten Branche, in denen Frauen, homosexuelle oder queere Personen nur eine Nebenrolle spielen, im Grunde paradox. Denn ihre Geburtsstunde feierte elektronische Clubmusik schließlich in den Schwulenbars von New York und Detroit. An Orten also, an denen die LGBTQ-Gemeinde Zuflucht fand und sich den Diskriminierungen des Alltags zumindest für ein paar Stunden entziehen konnte.

Dass die internationale Clublandschaft spätestens seit den 90er Jahren von heterosexuellen weißen Männern bestimmt wurde und Frauen und andere marginalisierte Personengruppen lange Zeit nahezu unsichtbar waren, bemerkte auch die Musikproduzentin Susanne Kirchmayr, die als Electric Indigo seit mehr als 20 Jahren in den Clubs dieser Welt auflegt. Um diesem Ungleichgewicht entgegenzuwirken, gründete die Österreicherin 1998 female:pressure – ein Verzeichnis von Künstlerinnen, DJs, VJs, Produzentinnen und Bookerinnen, die im Bereich der elektronischen Musik agieren und sich über eine Datenbank miteinander vernetzen können. Aktuell umfasst diese mehr als 2.000 Mitglieder aus 74 Ländern.

Yeşim Duman setzt sich für weibliche DJs ein.

Dass sich die Geschlechterverhältnisse jedoch langsam aber sicher verschieben, macht eine Studie deutlich, die alle zwei Jahre von female:pressure erhoben wird und die die Sichtbarkeit weiblicher Akteure in der internationalen Festival- und Clubszene beleuchtet. Aus der aktuellen Auflage aus dem Herbst 2017 geht hervor, dass der Anteil an weiblichen Acts, der 2012 noch bei 7,4 Prozent lag, sich 2016 auf 24,6 Prozent erhöht hat, auch in Hamburg.

Einen Teil dazu trägt Bruna bei, die mit dem Projekt „Bruna & Paul“ zum Hamburger Somnium-Kollektiv gehört und seit einigen Jahren unter anderem regelmäßig im Hafenklang an den Decks steht. Weil in unserer Gesellschaft Männer und Frauen eben noch nicht gleichgestellt seien, spiele der Feminismus und die Sensibilisierung dafür nach wie vor eine große Rolle, meint die 26-Jährige: „Ich habe, seitdem ich selbst auflege, immer versucht, mich mit anderen weiblichen DJs zu vernetzen, weil mir der Zusammenhalt und die Solidarität sehr wichtig sind. Ich halte auch nichts von Konkurrenzdenken, sondern sehe den Austausch mit anderen DJs viel mehr als eine Bereicherung an.“

Diesen Ansatz verfolgt auch Yeşim, deren selbst veranstaltete Partys, wie zuletzt „Erdogay“ im Golden Pudel, auch immer mal wieder mit einem rein weiblichen Line-up aufwarten – ohne dass sie das beabsichtigt hätte. Fathia dagegen sieht diese „Female DJ Partys“ kritisch, da sie die Gefahr eines umgekehrten Sexismus bergen, eben weil sie Männer komplett ausschließen. Worin sich jedoch alle einig sind: Die Lösung des Problems kann nur darin liegen, sich vom Schubladendenken zu verabschieden. Ein wichtiger Schritt ist vermutlich dann getan, wenn Menschen endlich aufhören das Wort „DJane“ zu benutzen, bei dem sich vielen weiblichen DJs die Fußnägel hochrollen und das (Geschlechter-)Grenzen aufbaut, wo doch eigentlich keine sein sollten. Fathia bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt: „Es geht doch bei der Musik um Vereinigung, um das Miteinander. Miteinander das Glück teilen. Und nicht um Egokram.“

Text: Katharina Grabowski

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!