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Niklas: „Damit entsteht so ein nostalgischer 90s-Vibe“ 

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Für SZENEzeigen fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Niklas begegnet

Protokoll: Katharina Stertzenbach

„Ich bin 30 und arbeite seit mittlerweile sieben Jahren in der „Parzelle“ hier auf St. Pauli. In diesem ausgelassenen Nachtleben auf dem Kiez fühle ich mich wohl. Am besten wäre es, ich könnte hauptberuflich als Barleitung arbeiten, aber das geht nicht. Dafür ist die Arbeit auf dem Kiez einfach zu schlecht bezahlt. Unter der Woche arbeite ich deswegen als Sales Manager bei einem IT-Betrieb. Das ist ein guter Job und von dem Geld kann ich mir mein Leben gut finanzieren. Die Arbeit erfüllt mich nicht, ich bin auch kein Computerfreak, aber kann gut schnacken und das hilft. 

Der Sozialpädagoge hinterm Tresen

Auch bei der Arbeit hinterm Tresen muss man viel schnacken. Doch für den Job in der Parzelle brenne ich tausendmal mehr. Vor allem wegen der Leute. Manchmal siehst du dich in der Kneipe auch selbst als Sozialpädagoge. Wenn die Leute anfangen, dir ihre Probleme und Geschichten zu erzählen oder wenn du Konflikte lösen musst – egal ob verbal oder körperlich. Du wirst immer wieder mit neuen Situationen konfrontiert. Auch deswegen mache ich den Job im Nachtleben so gerne.

Echter 90s-Vibe

Mittlerweile hat sich sogar noch mehr entwickelt. Mit einem unserer DJs habe ich das DJ-Duo Two Solala ins Leben gerufen. Im Moment legen wir hauptsächlich in der Parzelle auf. Wir möchten uns mit der Musik – einem Mix aus Oldschool- und 90er-HipHop – von den Mainstream-Playlisten anderer Läden abheben. Deswegen legen wir auch selbst gebrannte CDs auf und machen die Übergänge zwischen den Tracks selbst. Damit entsteht so ein nostalgischer 90s-Vibe. Und man bleibt immer kreativ. Bei uns gibt es keine computergesteuerte Warteschlange, sondern nur den eigenen Kopf. Wir gucken genau, welche Leute im Laden sind, und reagieren spontan, worauf die Bock haben. Vor Kurzem kam ein Gast aus Berlin in die Parzelle und meinte zu mir: ‚Ey, Alter das hab’ ich seit zehn Jahren nicht mehr gehört.‘ Das ist das schönste Kompliment, das ich als DJ je bekommen habe.“


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Meet the Resident – ATAVEM

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: ATAVEM von Front Left Records – präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman

SZENE HAMBURG : Wie würdest du deinen Sound beschreiben? 
Viel Ambient und experimentelle Musik. Das Ganze paare ich mit schnellen Rhythmen und hypnotischen Sphären. Das Wichtige für mich ist es, musikalische Grenzen zu überschreiten. 

Wie war es für dich wieder im Club zu spielen?
Das war am 7. Geburtstag des PAL. Ein sehr tolles Gefühl die Leute langsam in die Nacht zu begleiten und zu sehen wie sich der Club füllt.

Was sind für dich Hamburgs Stärken?
Sehr viele nette und herzliche Menschen, tolle Bars und einige schöne Clubs wie PAL, Pudel oder Südpol.

… und die Schwächen?

Schlechtes Wetter und teilweise schlimmer Sound der immer schneller und härter wird.

Auf wen sollte man momentan ein Auge haben? 

Piano Riffs, Lenard Klein, Space Drum Meditation und Stute für high quality Produktionen. Außerhalb von Hamburg: Assumption, Bidoben und Ikari.

Platte des Monats?
Arthur Robert – Metamorphosis Part 1 (Fav. Track: Mastermind).

Nachtleben Tipp im Juli?

Am 23.7. spielt FJAAK im PAL – hingehen! Und natürlich die Kinky Sundays.

Hört hier ein aktuelles Set von ATAVEM:

Instagram ATAVEM | Instagram hamburg elektronisch


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Richard von der Schulenburg: Über Orgelmusik

Richard von der Schulenburg ist als RVDS als Techno und House-DJ unterwegs – beherrscht aber auch die Orgel sehr gut und spielt im Rahmen des Kultursommers Hamburg ein Konzert mit dem besonderen Instrument

Text & Interview: Kevin Goonewardena

 

Vor mehr als zwanzig Jahren begann die Karriere des Musikers Richard von der Schulenburg in Hamburg an der Orgel – in der legendären Meanie Bar des alten Molotow spielte sich von der Schulenburg von ABBA bis Zappa je einen Abend durch das Werk bekannter Künstler:innen, deren Texte er vorher ins Deutsche übersetzt hatte.

Mittlerweile als DJ und House Music-Produzent RVDS, Mitglied der Jazz-Band 44HZ Trio von Jacques Palminger, Theatermusiker und sogar sein eigener italienischer Zwillingsbruder Riccardi Schola als Italo Disco-Musiker umtriebig unterwegs, kehrte Richard für einen Abend an die Orgel zurück. Auf dem Vorplatz der Hauptkirche St. Katharinen zeigte er am Abend des 19. Juli einmal mehr, dass er nicht nur ein versierter Musiker, sondern vor allem auch veritabler Entertainer Ist. Ein Gespräch über Orgelmusik.

 

SZENE HAMBURG: Richard, die Orgel taucht immer wieder in deiner Karriere auf. Deine erste Veröffentlichung überhaupt (Top Banana Richard – „Die Meanie Bar Orgel 7”) versammelt Orgel-Versionen bekannter Popsongs, auch die Musik der Hamburger Schule-Band Die Sterne, bei der du fast zehn Jahre aktiv warst, zeichnete den Einsatz dieses Instruments aus. Erinnerst du dich noch an deine erste Berührung mit der Orgel?

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Foto: Jérome Gerull

Richard von der Schulenburg: Mein Onkel hatte damals in den 1970er Jahren eine Heimorgel bei sich zu Hause rumstehen, zu der Zeit war das gar nicht so ungewöhnlich, viele Familien besaßen damals ein solches Instrument. Diese Heimorgel hatte einen Begleitcomputer, das heißt der Rhythmus war vorgegeben, dazu hat man dann improvisiert – das fand ich als kleines Kind natürlich sofort total super.

Hast du das Orgelspiel dann im Anschluss richtig erlernt?

Nein, nur Klavier. In einem konservativen Elternhaus hat man Klavier, Geige oder Cello gelernt.

1995 bist du aus dem Raum Bielefeld nach Hamburg gezogen, hast zuerst in Bands wie Top Banana Trio und Soup de Nüll gespielt, ab Ende der Neunziger dann Solo Musik gemacht und begonnen in der damals noch existierenden Meanie Bar im Molotow die schon angesprochenen Themenabende mit Coversongs an der Orgel zu organisieren. Wie kam es dazu?

In der Meanie Bar gab es damals eine Orgel und als ich die damalige Besitzerin fragte, ob ich auf der mal spielen könne, hat sie gesagt, ich solle doch ein Konzert mit der Orgel geben. Das habe ich dann auch gemacht, der Orgel ein Lied gewidmet und so kam dann eins zum anderen. Man muss dazu aber auch sagen, dass das Instrument damals noch viel präsenter bei den Leuten war. Die Siebziger waren noch nicht lange her, viele kannten die Heimorgeln von Zuhause. Es existierten mehr funktionstüchtige Orgeln. Ich erinnere mich auch an einen mittlerweile legendären Orgelwettbewerb in Hamburg.

Erzähl …

Das war 1999 und ich glaube, da haben auch alle gespielt, die man so kennt. Felix Kubin, Carsten (Erobique, Anm. d. Red.) Meyer, Viktor Marek …

Viktor Marek hat glaube ich den ersten Platz gemacht, ich wurde disqualifiziert weil ich mit der Nase gespielt habe. Es gab richtige Hürden, man musste ein Stück covern, ein Stück präsentieren und man hatte ein Pflichtstück, weclhes man spielen musste. Nixe von den Mobylettes hat das moderiert.

 

„Die Orgel ist eine Art analoger Synthesizer“

 

Was fasziniert dich an der Orgel?

Ich verstehe die Orgel als eine Art analogen Synthesizer. Die Pfeifen und die Register, die es bei der Orgel gibt, waren natürlich etwas total Neues und Spannendes. Etwas, das es beim Klavier nicht gibt, im Gegensatz zu den Tasten. Der Klang wird durch den Luftstrom, den der Organist durch die Pfeifen ziehen lässt, erzeugt. Das fasziniert viele Leute, wie etwa Phillip Sollmann (alias DJ & Produzent Efdemin, Anm. d. Red.), der zusammen mit Konrad Sprenger ein eigenes Orgelsystem entwickelt hat: Das Modular Organ System.

Du spielst sowohl Orgel, als auch Synthesizer. Wann greifst du zumm einen, wann zum anderen?

Das Instrument, das ich benutze, spielt für mich keine große Rolle. Genauso wenig wie das Musikgenre, das ich damit produziere. Es geht immer um das, was in mir drinnen ist, was ich sagen möchte, was raus soll. Was dann auf welche Weise entsteht ist das Richtige, wenn es sich gut anfühlt.

Was wirst du heute beim Konzert auf dem Vorplatz der Hauptkirche St. Katharinen spielen?

Ein paar Stücke meines Albums Moods&Dances und ich werde ein wenig improvisieren. Dafür habe ich ein paar Geräte dabei, die ich sonst nicht oder nur selten mithabe. Zum Beispiel eine Wersimatic-Orgel aus den 1970ern, also aus der Blütezeit der Heimorgel und ein paar andere. Das neueste Gerät ist übrigens eines des Herstellers Casio von 1983. 

Musstest du viel arrangieren und wie hast du dich vorbereitet?

Erst einmal musste ich mich darauf vorbereiten überhaupt wieder ein Konzert zu geben, ganz unabhängig von der Pandemie-bedingten Pause. Das ich als Bandmitglied oder Solo-Musiker in einem Konzertrahmen auf der Bühne stand, ist ja schon ewig her, ansonsten spiele ich live nur Techno. Durch das letzte Album und die Pandemie ist die Möglichkeit wieder ein bisschen entstanden, ein Indie-Konzert zu geben. 

Ich bereite mich auf jedes Konzert einzeln vor, probe die Stücke mit Original-Instrumenten. Wenn das nicht geht, verwende ich Playback-Aufnahmen. Die werden heute auch bei zwei Stücken zum Einsatz kommen, da mir die entsprechende Orgel kaputt gegangen ist. Das werde ich vorab auch kommunizieren. Und dann gibt es Sachen, die ich komplett frei auf der Bühne improvisiere.

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Richard von der Schulenburg beim Konzert auf dem Vorplatz der Hauptkirche St. Katharinen am 19. Juli 2021 (Foto: Jérome Gerull)

 

Richard von der Schulenburg ist im Rahmen des Kultursommer Hamburgs noch mehrmals auf der Bühne in der Hansestadt zu sehen. Zum Beispiel als Teil des Duos Cosmic Cars am 24. Juli 2021 beim Auftakt zur Pudel Open Air-Reihe „Pudel Garden Live“ oder im Rahmen von „Hans Resonanz: Decoder Ensemble“, als RVDS in der Hanseatischen Materialverwaltung am 13. August 2021.


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Meet the Resident – Usus

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: Usus von Step2 und WobWob  – präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman

 

SZENE HAMBURG: Wie würdest du deinen Sound beschreiben?

UK Bassmusik: Wilde Mischung aus Garage, Jungle, Breaks, Dub(step), Halftime und am liebsten alles dazwischen.

Wann ist deine Lieblingsplaytime?

Die Abenddämmerung im Freien und sonst zwischen 2 und 5 Uhr.

Wann war dein letzter Gig vor Live-Publikum?

WobWob im Januar 2020.

Was war dein größter Moment als DJ?

Am schönsten waren immer spontane B2B-Sessions mit holprigen Übergängen am Ende der Nacht im Goldenen Salon (Hafenklang). Und natürlich der Fakt dieses Jahr mein erstes Vinyl Release in den Händen halten zu können!

 

Was ist für dich die Platte des Monats?

Proc Fiskal – Lothian Buses

Hast du einen Wochenend-Tipp im Club-Lockdown?

Lecker kochen, Musik machen oder anderweitig kreativ werden. Zum Beispiel mit Freunden ein eigenes Hörspiel kreieren.

 

Ein aktuelles Set von Usus hört ihr hier:

https://soundcloud.com/hamburg-elektronisch/podcast-45-usus


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2021. Das Magazin ist seit dem 29. April 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Meet the Resident – Cine

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: Cine von Drumbule Crew Hamburg und Friek Out Crew Rostock  – präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman 

 

SZENE HAMBURG: Wie würdest du dein Sound beschreiben?

Drum and Bass (Neuro, Deep, Liquid).

Wann ist deine Lieblingsplaytime?

Jede Spielzeit hat seinen Charme und beinhaltet unterschiedliche Aufgaben. Am liebsten spiele ich aber ab zwei Uhr aufwärts.

Was war die bisher nervigste Gastfrage?

„Kannst du auch Musik aus den Charts spielen?“

Wann war dein letzter Gig vor Live-Publikum?

Bei der Drumbule im Hafenklang am 15.2.2020.

Welche ist deine Platte des Monats?

Die Platte „Gossip“ von Argonautiks.

Was war dein größter Moment als DJ?

Als ich gefragt wurde, ob ich Mitglied der Drumbule Crew werden möchte und alles was das mit sich brachte: Gemeinsame Momente bei Gigs, Festivals und privat.

Was ist für dich der (DJ-) Stream des Monats?

Der Drumbule Twitch-Kanal.

Hast du einen Wochenend-Tipp im Club-Lockdown?

Klubforward Hamburg.

Was vermisst Du aktuell am meisten?

Die vielen Menschen aus dem Hafenklang, lauter und fetter Sound aus guten Boxen, tanzen und auflegen vor einer tanzenden Meute.

 

Ein aktuelles Set von Cine hört ihr hier:

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Meet the Resident – Xenaia

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: Xenaia von female:pressure – präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman 

 

SZENE HAMBURG: Wie würdest du dein Sound beschreiben?

Meinen Sound würde ich mittlerweile als technoid, hypnotisch beschreiben. Ich arbeite mit repetitiven Elementen und baue gerne alte Klassiker in meine Sets ein. Grundsätzlich finde ich es aber schwierig in Schubladen zu denken und halte es mir offen, während eines Sets im Club anders zu reagieren, als ich es vielleicht geplant hatte.

Wann ist deine Lieblingsplaytime?

Main-Time und Closing.

Wann war dein letzter Gig vor Live-Publikum?

8. März 2020, im Rahmen des Weltfrauentages im Bahnwärter Thiel (München) mit Elliver und Nadine von Qualitytime Booking in Berlin. Die Veranstaltung bestand aus einer Podiumsdiskussion zum Thema Awareness Strukturen in Deutschland und einer Nacht mit viel guter Musik.

Was ist für dich der (DJ-) Stream des Monats?

Das kommt ganz auf die Stimmung an. Aber an dieser Stelle empfehle ich mal meine Freunde von der Bladehouse Crew die jetzt ihre zweite Platte rausgebracht haben und einen stabil groovigen Output an Podcasts haben. Außerdem erwähnenswert ist das Label „ohne kommerziellen Wert“. In der Lockdown Zeit habe ich wohl aber am meisten Sets von Jan Kinsey gehört.

Welche ist deine Platte des Monats?

Ich höre momentan viele Musikrichtungen. Corona made me do it! Aber mein absoluter uplifiting Track ist: „Bonobo & Totally Enormous Extinct Dinosaurs – Heartbreak (Kerri Chandler Remix)“

Was war dein größter Moment als DJ?

Schwierig zu sagen, da ich so ungern vergleiche. Es war mir eine Ehre 2014 nach Sven Väth den Club übernehmen zu dürfen. Selten so viel Aufregung vor einem Gig gehabt. Außerdem spiele ich immer wieder gerne im Südpol und hänge dort sehr an unserer Crew.

Hast du einen Wochenend-Tipp im Club-Lockdown?

Hamburg hat schöne Ecken die man mal erkunden sollte. Außerdem Projekte anfangen, die liegen geblieben sind: Musik machen, sortieren, entdecken und in Rave-Erinnerungen schwelgen, um die Zeit bis zum nächsten Club Besuch zu überbrücken.
 

Ein aktuelles Set von Xenaia hört ihr hier:

 


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Anahit Vardanyan: Orientalische Techno-Sets aus Hamburg

Anahit Vardanyan ist Pianistin, Produzentin und Techno-DJ. Vor vier Jahren zog sie von Armenien nach Deutschland. In SZENE HAMBURG spricht sie über den aktuellen Konflikt in ihrer Heimat, unterschiedliche Musikszenen und ihren künstlerischen Werdegang

Interview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Anahit, wie kam es dazu, dass du nach Hamburg gezogen bist?

Anahit Vardanyan: Nachdem ich mein Musik-Bachelorstudium in Jerewan erfolgreich abgeschlossen hatte, wollte ich neue Wege für meine Zukunft finden. Ich bin Pianistin und in Deutschland habe ich die Möglichkeit, mich als Musikerin weiterzuentwickeln.

Leider ist es in Armenien schwieriger als Künstlerin international Fuß zu fassen. Für niemanden ist es einfach, seine Heimat zu verlassen, weit weg von Familie und Freunden. Die größte Hürde war und ist die Sehnsucht nach meinem vergangenen Leben.

Hast du noch engen Kontakt in deine alte Heimat?

Obwohl ich in Hamburg wohne, ist meine Verbindung nach Armenien noch stärker geworden. Meine Familie und mein enger Freundeskreis leben dort. Ich besuche sie so oft wie möglich und freue mich jedes Mal da zu sein. Diese kurze, aber intensive Zeit gibt mir Kraft und ist sehr wertvoll für mich.

 

Ehrlich und geradeaus

 

Seit wann legst du auf?

Seit ungefähr zweieinhalb Jahren. In Hamburg hatte ich mein Masterstudium Multimediale Komposition begonnen und anschließend kam die Leidenschaft, aufzulegen. Ich habe dort auch erste Erfahrungen mit dem Produzieren von elektronischen Klängen gemacht, entwickle mich ständig weiter und versuche, meinen einzigartigen Sound zu finden. Dadurch, dass die elektronische Musik sehr vielfältig ist, kann ich meiner Kreativität freien Lauf lassen.

Wie würdest du deinen Sound beschreiben?

Mit einem starken Drang zur Dramatik, aber immer ehrlich und geradeaus. Gefüllt mit akustischem Klavierklang, melodischen und orientalischen Elementen.

Hast du schon in Armenien aufgelegt?

Mein letzter Gig war im März 2020 in Jerewan bei der Kitchen Label Night. Ein paar Tage vor dem Lockdown. Dies war auch mein erster Auftritt in Armenien. Es war so eine besondere Atmosphäre, die mir bis heute Gänsehaut bereitet. Das armenische Publikum schenkte mir so viel Liebe und positive Energie.

Kannst du die Technoszene dort in ein paar Sätzen beschreiben?

Die elektronische Musik in Armenien entwickelt sich in großen Schritten weiter. Immer mehr DJs und Producer legen international auf und gründen eigene Labels. Ich bin sehr stolz, wenn ich deren Arbeit sehe und habe die Hoffnung, dass unsere Techno-Community wächst.

Was sind die größten Unterschiede zur deutschen Community?

Berlin als Techno-Hauptstadt prägt das ganze Land und international. Wirtschaftlich ist Deutschland mit den großen Festivals sehr weit vorne. Auch die Hamburger Szene ist eine ganz besondere. Ich hatte schon viele Gigs in den großen Clubs wie Uebel & Gefährlich, Fundbureau, Waagenbau oder Docks.

 

„Ich glaube an die Kraft und den Mut meines Landes“

 

Dass Armenien in letzter Zeit vermehrt in den Schlagzeilen stand, hatte einen ernsten Hintergrund. Kannst du die aktuelle Situation beschreiben?

Letztes Jahr erlebten wir einen Krieg um die Region Berg-Karabach. Die Nachkriegszeit ist sehr schwierig für meine Nation und es ist schmerzhaft zu sehen, wie die Bevölkerung mit den Konsequenzen umgehen muss. Aber ich glaube an die Kraft und den Mut meines Landes. Wir haben schon sehr viele schwierige Zeiten erlebt und werden auch diese Situation meistern.

Welche Auswirkungen hat der Krieg auf dich und dein Umfeld?

Natürlich ist es sehr schmerzhaft, einen Teil deines Landes zu verlieren. Einen Ort, den ich selbst sehr oft besucht habe. Das ist unsere Geschichte und ein Teil unserer Kultur. Sich davon zu verabschieden, ist nicht einfach und die Hoffnung bleibt bestehen.

Findest du die Berichterstattung in Deutschland hierzu angemessen?

Meine ehrliche Meinung dazu ist, dass Deutschland eine zu neutrale Position eingenommen hat. Insgesamt war für mich die Menge an Berichterstattung leider zu wenig. Trotzdem bin ich dankbar für Politiker, Journalisten und Künstler, die darauf aufmerksam geworden sind und ihre internationale Reichweite genutzt haben, um zu polarisieren.

Wie könnte man von Deutschland aus helfen?

Die größte Organisation, die ich empfehle, ist The Armenia Fund. 1994 in Los Angeles gegründet, steuerbefreit, nichtstaatlich und nichtpolitisch. Deren Vision ist ein globales armenisches Netzwerk aufzubauen und Entwicklung zu fördern. Und jeder Mensch, der sich mit diesem Thema auseinandersetzt und die Geschichte von Armenien versteht, ist wertvoll für unsere Zukunft.

Corona ist auch in Armenien ein Thema. Wie geht das Land damit um?

Die Maßnahmen und Beschränkungen sind ähnlich wie in Deutschland. Impfungen werden aktuell noch nicht durchgeführt. Aktuell sinkt aber die Zahl an neuen Fällen und das öffentliche Leben entwickelt sich zur Normalität.

 

Techno zu Corona

 

Du bist als Künstlerin in Deutschland besonders von den Maßnahmen betroffen. Wie hat Corona dein Leben verändert?

Es hat meinen Beruf sehr stark eingeschränkt. Von heute auf morgen wurden alle Auftritte abgesagt und es gab keine Möglichkeit, vor Publikum aufzutreten. Für eine Musikerin ist es sehr wichtig, die Verbindung mit den Menschen aufzubauen und die Musik zu teilen. Auch finanziell sind alle Einnahmen weggebrochen und ich habe lediglich ein paar Hilfen vom Staat erhalten, die von Monat zu Monat weniger wurden.

Hast du Alternativen gesucht?

Durch engagierte Eventmanager wurden großartige Projekte im Live-Stream umgesetzt. Dadurch ist die Branche weiterhin lebendig geblieben, es wurde sehr viel Herz und Fleiß investiert und durch kleine Spendenaktionen gezeigt, wie stark sie zusammengewachsen ist. Ich habe ein paar Live-Stream-Sets in Berlin, Hamburg und Jerewan gespielt.

Du kannst der Pandemie also auch Positives abgewinnen?

Ja, ich habe viel mehr Zeit gehabt, mich ins Studio einzuschließen, zu musizieren und viele Projekte für die Zukunft geplant. Aber ich kann für alle Künstler sprechen, dass es das Wichtigste ist, vor einem Live-Publikum zu stehen und dessen Reaktion und Liebe aufzusaugen.

Reaktionen erhältst du auch auf Instagram. Dein Account hat über 30.000 Follower. Wie wichtig sind soziale Netzwerke für dich?

Allgemein ist es als Künstlerin wichtig, eine große Reichweite aufzubauen. Ich erreiche Menschen aus verschiedenen Ländern, die Teil der Community sind.

Techno ist nicht nur eine Musikrichtung, sondern auch eine Philosophie, die Menschen zusammenbringt, die eine gleiche Weltanschauung teilt und friedlich kommuniziert. Meine Community gibt in der schwierigen Zeit so viel positives Feedback, was mich immer wieder aufs Neue motiviert.

Welche musikalischen Projekte verfolgst du zurzeit?

Ich habe kürzlich meine EP „Tatev“ auf dem Label Hydrozoa aus Los Angeles releast. Ein Freund und talentierter Produzent, André Winter, hat einen Remix für den Track beigesteuert. Dazu habe ich auch ein künstlerisches Musikvideo herausgebracht. Gebt mir gerne Feedback und schreibt mich an. Ich würde mich freuen.

 

 

Wo können wir im Februar mehr von dir hören?

Ich werde einen Live-Stream mit Oliver Huntemann im Uebel & Gefährlich spielen und ein einstündiges Set bei dem Label Octopus auflegen. Meine Musik ist auf allen Plattformen wie Spotify, Beatport, Apple Music oder Soundcloud zu hören.

 

 

Was planst du für 2021?

Pläne sind schwer zu verwirklichen, wenn es um Auftritte geht. Es gibt einige Booking-Anfragen, nur muss auch der Veranstalter die Situation mit Corona abschätzen. Deshalb nutze ich die Zeit für ein Projekt, welches ich ab Februar in Armenien verwirkliche. Hoffentlich wird es wieder möglich sein, vor einem Live-Publikum zu spielen, denn dies ist meine Leidenschaft und werde ich auch in Zukunft verfolgen.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Meet the Resident – Jagu

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: Jagu von Kaetana Records– präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman 

 

SZENE HAMBURG: Wie würdest du deinen Sound beschreiben?

Techno, Deep, und hypnotisch. Teilweise von Trance beeinflusst.

Wann ist deine Lieblingsplaytime?

Ich spiele gerne immer ab 4:00 Uhr.

Wann war dein letzter Gig vor Live-Publikum?

Das war im KitKat Club in Berlin. Eine Woche danach mussten sie schließen wegen Corona. Ich muss immer noch weinen, wenn ich daran denke.

Hast du einen Stream des Monats?

Inhalt der Nacht @ Altes Kraftwerk Rummelsburg, Berlin.

Und eine Platte des Monats?

ANO V-I von Cadency und Hector Oaks

Was war dein größter Moment als DJ?

Das war im Room II vom PAL und ich habe spontan mit DJ Tennis B2B gespielt. Er war, als ich jünger war, einer meiner Idole.

Wochenendtipp im Club-Lockdown?

Alleine schöne Musik hören, gute Drinks genießen und hoffen, dass die Clubs bald wieder aufmachen.

Ein aktuelles Set von Jagu hört ihr hier:

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Meet The Resident – POSH

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: POSH – präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman 

 

SZENE HAMBURG: Dein Sound?

POSH: Die Essenz bewegt sich zwischen klassischem und Industrial-Techno. Ich erzeuge gerne eine dynamische, körperbetonte und düstere Atmosphäre, in dem ich treibende und hypnotische Tracks spiele. Außerdem stehe ich auf analogen Sound, daher habe ich mich entschieden ausschließlich Vinyl zu spielen. Das macht mir am meisten Spaß und gibt meinen Sets einen besonderen Kick.

Schrecklichste Gastfrage?

Ich bin sehr konzentriert und in meinem eigenen Flow, deshalb spricht mich auch eigentlich niemand an, wenn ich auflege.

Größter Moment als DJ?

Alle meine DJ-Erlebnisse waren einzigartig und besonders, aber der größte Moment muss noch kommen.

Platte des Monats?

„Sentence One“, welche am 30. Oktober auf dem italienischen Label „Sacred Court“ veröffentlicht wurde. Es ist eine Various Artist EP und jeder Track ist ausdrucksvoll und stark.

Auf wen sollte man momentan ein Auge haben?

Ich habe dieses Jahr den DJ/Produzent „Sugar“ für mich entdeckt. Seine Produktion und Sets sind sehr intelligent und das ist ganz nach meinem Geschmack 🙂

Hamburgs Stärken?

Das Publikum. Es ist sehr dankbar und herzlich. Man kann mit Hilfe der Musik eine gewisse Intimität auf dem Dancefloor erreichen und genießen.

Und die Schwächen?

Es mangelt der Stadt an Vielfalt und Alternativen der Clubs.

 

Ein aktuelles Set von POSH hört ihr hier: 


Cover_Szene_Hamburg_Dezember_2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2020. Das Magazin ist seit dem 28. November 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Meet The Resident – Fabian Ziemer

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: Fabian Ziemer (PAL) – präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman 

 

SZENE HAMBURG: Dein Sound?

Fabian Ziemer: Techno

Schrecklichste Gastfrage?

Keine: Bis jetzt gab es nur nette Fragen.

Größter Moment als DJ?

Als ich Resident im PAL geworden bin und das Opening für Marcel Dettmann

Platte des Monats?

Stef Mendesidis – Memorex

Auf wen sollte man momentan ein Auge haben?

L Ʌ V Σ N, Gerald VDH, Nene H

Hamburgs Stärken?

Familiär und zugleich vielseitig

Und die Schwächen?

So gut – wie vor Corona – war es meiner Meinung nach nur selten, von daher alles gut.

 

Ein aktuelles Set von Fabian Ziemer hört ihr hier 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2020. Das Magazin ist seit dem 29. Oktober 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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