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Handelsbarriere: Baustelle vor dem Levantehaus

Nachdem die Händler im Levantehaus mit Corona zu kämpfen hatten, haben sie es nun mit einer Hochbahn-Baustelle zu tun. Die Inhaber rechnen mit massiven Einbußen und fürchten um ihre Existenz

Text: Marco Arellano Gomes
Interview: Erik Brandt-Höge

 

Auf der Website des Levantehauses steht noch immer der Hinweis, wie man mit Bus und Bahn zum Traditions-Kontorhaus in der Mönckebergstraße gelangt. Unter dem Stichwort „HVV Anfahrt“ werden alle Möglichkeiten penibel aufgeführt: U3 bis Mönckebergstraße, S- und U-Bahn bis Hauptbahnhof sowie die Buslinien 5, 6, 17, 34, 35, 36, 37, 109, und nicht zu vergessen: die Nachtbusse. An Optionen, zum Levantehaus mit seinen 48 inhabergeführten Geschäften sowie acht Restaurants und Bars zu gelangen, mangelt es also nicht. Schließlich profitieren von eben dieser guten Erreichbarkeit letztlich alle: das Levantehaus, die Hochbahn, die Einzelhandelsgeschäfte, die Gastronomie und die Kunden.

Doch nun gibt es zwischen dem Levantehaus und der Hochbahn einen Streitpunkt – in Form einer Baustelle, die den Besucherstrom der Mönckebergstraße vom Kontorhaus abzuschneiden droht.

Die Hochbahn plant bereits seit 2016 aufwendige Umbaumaßnahmen. Ziel ist es, die Tunnel vom Hauptbahnhof bis Baumwall von Grund auf zu sanieren und den modernen Sicherheitsstandards anzupassen sowie die U-Bahn-Stationen barrierefrei zu gestalten, damit Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwagen über gläserne Fahrstühle problemlos die Haltestellen erreichen können.

Seit anderthalb Jahren werden intensive Gespräche zwischen den Gewerbetreibenden, der Hochbahn und der Politik geführt. Seit Jahresbeginn werden die Elektro- und Wasserleitungen verlegt. Ab Juli geht es mit den Tiefbaumaßnahmen los. Das gesamte Unterfangen soll bis März 2022 andauern. Bereits unter normalen Umständen sind Baustellen für unmittelbar betroffene Geschäfte mit Einbußen verbunden.

Kunden machen erfahrungsgemäß einen Bogen um Geschäfte, vor denen gebohrt, gehämmert, geschweißt und gepflastert wird. Staub, Lärm und schmale, von Baugruben umgebene Wege sind nicht unbedingt einladend. Richtig brisant wird die Situation aber dadurch, dass der Einzelhandel aufgrund der Corona-Krise bereits wochenlang komplett lahmgelegt wurde. Jetzt kommt die Baustelle und verhindert – kurz nach Wiedereröffnung des Einzelhandels – eine Erholung von der wirtschaftlich harten Zeit. Ein für alle Seiten tragfähiger Kompromiss ist nach gegenwärtigem Stand noch nicht in Sicht.

 

Dietmar Hamm, Geschäftsführer des Levantehauses, zu der aktuellen Situation des Levantehauses, das durch Corona und eine Baustelle doppelt belastet ist

Dietmar Hamm, Geschäftsführer des Levantehauses (Bild: City Management Hamburg)

SZENE HAMBURG: Dietmar Hamm, wie hat sich die wirtschaftliche Situation vor der Co­rona­bedingten Schließung im Falle des des Kontorhauses dargestellt? In wel­cher Lage hat Corona den Einzelhandel erwischt?

Dietmar Hamm: Corona hat uns kalt erwischt. Eine Gesamtschließung der Innenstadt war vorher undenkbar. 2020 versprach ein gutes Jahr zu werden. Viele Gastronomen und Einzelhändler haben in ihr Unternehmen investiert, einige Neueröffnungen waren geplant. Von einem auf den anderen Tag keine Einnahmen zu erzielen, führt schnell zum Verlust der geschäftlichen Existenz und zu familiären Instabilitäten – vor allem beim kleinteiligen und inhabergeführten Einzelhandel.

Deshalb haben wir unseren Geschäften und Gastronomien die Mietzahlung in der Lockdown-Zeit und darüber hinaus erlassen. Wir halten es für richtig, zusammenzuhalten und zu helfen, wo es uns möglich ist.

Wie haben sich Covid­-19 und die damit einhergehenden Maßnahmen auf das Levantehaus ausgewirkt?

Das Levantehaus ist ein Ort des Verweilens, des Genusses und der Lebensfreude. Unser gastliches und besonderes Angebot in einer einzigartigen Architektur ist von einer liebevollen Atmosphäre und Nähe geprägt. Da passen Kontaktbeschränkungen, Mindestabstände und Mund-Nasen-Schutz nicht rein – auch wenn sie derzeit unabdingbar sind. Die sehr kleinen, familiären Gastronomien und Geschäfte geben ihr Bestes, um den Levantehaus-Besuchern auch in dieser Zeit eine Freude zu bereiten.

Aktuell macht Ihnen vor allem die Bau­stelle der Hochbahn – direkt vor der Haustür – zu schaffen, bei der, so kurz nach Wiedereröffnung, mit den Tief­ baumaßnahmen begonnen wird. Sie fordern eine Verschiebung der Bauar­beiten, um die Geschäfte vor drohenden Insolvenzen zu schützen. Warum ist es nicht dazu gekommen?

Der Zeitplan der Hochbahn ist den Verantwortlichen wichtiger als die Familien und die Unternehmen, die bereits durch Corona in eine bedrohliche Situation gekommen sind und um ihre Existenz fürchten. Die Verhinderung einer Selbstheilung des Handels und der Gastronomie in der Mönckebergstraße – nach Corona – ist ein Indiz für die Prioritäten, die die Stadt und ihr Unternehmen Hochbahn setzen.

Für die Betroffenen ist das eine bittere Wahrheit. Für die Innenstadt hat das schwerwiegende Folgen.

Sie befinden sich in intensiven Gesprä­chen mit der Hochbahn, dem City­management und der Politik. Gibt es Verständnis für die dramatische Lage der Händler oder gar Anzeichen eines Entgegenkommens?

Verständnis gibt es schon, aber trotzdem wird das Vorhaben den neuen Corona-bedingten Problemstellungen nicht angepasst. Wir müssen nun versuchen, die dramatische Lage zu überstehen und werden nicht müde, die Kommunikation mit allen Beteiligten und der Stadt zu suchen. Bisher haben wir kein Entgegenkommen erreichen können, aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Levantehaus, Mönckebergstraße 7 


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Kommentar zur Maskenpflicht: Trügerisches Sicherheitsgefühl

Ab heute (27. April) gilt in Hamburg die Maskenpflicht: Im Einzelhandel und im öffentlichen Nahverkehr muss ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden. Unser Autor Basti Müller schreibt über das Pro und Kontra der Maßnahme.

Text: Basti Müller

 

Ich sitze in der Bahn und schaue in mein Tagebuch. Mein Atem wird von meinem Schal geblockt, er steigt empor und beschlägt meine Brille. Eine „richtige“ Maske habe ich noch nicht, so fühle ich mich ein bisschen wie ein Verbrecher. Ich habe Angst – nicht vor dem Coronavirus – sondern davor, dass der Schal herunterrutscht und mich die Sicherheitsleute ansprechen.

Maskenpflicht – das ist ja schön und gut. Es gilt, Mitmenschen durch das Tragen der Maske zu schützen, die Ansteckungsrate zu minimieren und somit das Gesundheitssystem zu entlasten. Eine wichtige Aufgabe, zu der man nun mehr oder weniger gezwungen wird. Das ist zu verkraften, der Chefarzt der Stadt, Peter Tschentscher, hat das schließlich angeordnet. Auch zumal der Hamburger Justizsenator, Till Steffen, ankündigte, (noch) keine Bußgelder auszusprechen. Wer dagegen verstoße, dürfe – einfach gesagt – nicht mitfahren oder einkaufen.

Das finde ich fair, weil ich auf die öffentlichen Verkehrsmittel und Lebensmittel angewiesen bin und die gleiche von mir an den Tag gelegte Rücksicht auch von meinen Mitbürgern verlange. Die Maske ist also weit mehr als ein einfacher Mund-Nasen-Schutz, sie wird auch zum Hilfswerkzeug, die die Bürger sensibilisiert, die verdammte Kurve abzuflachen. Wie paradox: Die Bahnfahrt ist nun trister als je zuvor, die Masken schaffen trotzdem eine Art „Wir-Gefühl“.

 

Schutzmasken schaffen ein trügerisches Gefühl der Sicherheit

 

Nach der Maskenpflicht sollte aber Schluss sein mit der Einschränkung der „allgemeinen Handlungsfreiheit“. Der Ellenbogen-Handschlag ist mittlerweile zur Standardbegrüßung mutiert, verständlich. Dass ich mit meinen Mitbewohnern nicht im Park sitzen kann, ohne von einer Streife nach dem Ausweis gefragt zu werden, nervt. Dass ich mir jetzt eine Maske für den öffentlichen Nahverkehr besorgen muss, hätte von den Verantwortlichen besser umgesetzt werden müssen. Zumal der Zeitpunkt, eine Woche nach Öffnung der kleineren Geschäfte, für mich widersprüchlich ist. Experten warnen sogar, dass Schutzmasken den sozialen Kontakt verharmlosen, sie somit ein trügerisches Sicherheitsgefühl erschaffen. Sollte das Social Distancing stark vernachlässigt werden, bringt eine Maske recht wenig.

Hinzu kommt, dass die Preise zu steigen scheinen. Unterdessen versuchen einige Bürger an einen hochwertigen Mund-Nasen-Schutz zu gelangen, die womöglich an anderen Orten mehr gebraucht werden. Effizienter Schutz wird somit auch irgendwie zum Privileg der Besserverdienenden. Obdachlose mit Schutzmasken habe ich jedenfalls noch nicht gesehen. Masken auf der Straße liegend aber schon. Die durch die Ansammlung der Erreger im Stoff übrigens zum Viren-Hotspot werden können. Da wären wir wieder in der Wegwerfgesellschaft, die wir alle so schrecklich vermisst haben.

 

Die Maskenpflicht polarisiert

 

Fazit: Naiv betrachtet ist jede Maske besser als gar kein Schutz. Ich passe mich den Vorschriften an, nicht, weil ich es besser wüsste, sondern weil ich es für richtig halte. Menschenleben zu schützen, und die damit einhergehende Dauer der Maßnahmen entgegen zu wirken, ist Priorität – um schnellstmöglich zum Friseur, eh, ich meine zur Normalität zurückzukehren.

Klar ist, dass die Maskenpflicht polarisiert. Ob unsere Grundrechte dadurch massiv eingeschränkt werden, sei aber dahingestellt. Rechtlich gesehen ist sie als „notwendige Schutzmaßnahme“ schon seit 2001 im Infektionsschutzgesetz geregelt. Übrigens: Meine Eltern, Kinder der DDR, wissen was „wahre“ Einschränkung bedeutet – nicht zu wissen, wem du deine Gedanken anvertrauen kannst, für Kritik am System möglicherweise in den Knast zu kommen oder bei Verlassen des Landes mit Schüssen zu rechnen.

Ich schneidere mir eine Atemmaske einfach selbst. Dann hat sich das auch mit der Angst und den beschlagenen Brillengläsern. Ich kann sie wiederverwenden und ganz nach meinem Geschmack gestalten. FCK CRN werde ich auf meine schreiben.


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