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10 Jahre Deine Freunde

Die selbst ernannte „coolste Kinder­band der Welt“ wird zehn – und spielt zum Bandgeburtstag gleich drei Stadtpark­ Shows. Deine Freunde ­Mitglied Lukas Nimscheck im Gespräch über das, was bisher geschah

Interview: Erik Brandt-Höge

SZENE HAMBURG: Lukas, Deine Freunde feiern Geburtstag. Gibt es ein Wort, mit dem du deine Gefühle bezüglich zehn Jahren Bandgeschichte beschreiben könntest?

Lukas Nimscheck: Überra­schend! Wir haben nicht gedacht, dass wir das zehn Jahre machen würden. Damals haben wir aus Jux und Dollerei zwei, drei Lieder aufgenommen und ins Netz gestellt, einfach um zu sehen, was passiert. Heute ist Deine Freunde unser Haupt­beruf und wir spielen vor Tausenden Leuten. Irrsinnig!

Weder wir, noch Kollegen aus dem Musikbereich haben es für möglich gehalten, dass musika­lische Familienunterhaltung in Deutschland so erfolgreich werden könnte. Ich glaube, bei uns liegt es daran, dass wir mit der Zeit eine ganz eigene Stimme gefunden haben, auch einen ganz eigenen Humor, den die Leute und wir selber lustig finden. Wir müssen uns dafür nicht verstellen.

Wann habt ihr gemerkt, dass Deine Freunde etwas auf Dauer sein könnte?

Nach fünf Jahren waren wir so groß, dass wir sagen konnten, uns etabliert zu haben. Wir hatten zu dem Zeitpunkt auch schon unser eigenes kleines Label, unser eigenes kleines Studio, ein Management. Dabei waren wir bereits eine mittelständige Firma – und alle sehr fleißig, alle Arbeitsbienen. Zudem hatten wir auch keine Produzenten, jeder Ton auf unseren CDs kam von uns. Das ist bis heute so.

Glaubst du, dass eure Band überhaupt mal ein Ablaufdatum haben wird?

Nein, das glaube ich nicht. Wir sind ja eine der Bands, die auch privat miteinander verbandelt sind. Wir sind alle sehr eng miteinander, vom Management bis zu den Menschen, die mit uns auf Tour gehen.

Wir verstehen uns sogar immer besser mit den Jahren und können uns gut vorstellen, das so lange zu machen, bis wir so alt sind wie Rolf Zuckowski. Dann vielleicht in einer anderen Form, aber wir möchten auch dann noch Musik für Kinder bis zwölf Jahre und ihre Familien veröffentlichen.

Am Anfang haben wir in Kitas vor 20 Leuten gespielt

Lukas Nimscheck, Deine Freunde

Ist die Motivation, die „coolste Kinderband der Welt zu sein“, wie ihr euch selbst mal genannt habt, mit den Jahren noch größer geworden?

Diesen großkotzigen Titel haben wir uns zu einer Zeit gegeben, als wir noch gar nicht so groß waren. Mit der Zeit hat sich der Titel aber schon ein bisschen bewahrheitet. Man muss sich das mal vorstellen: Am Anfang haben wir in Kitas vor 20 Leuten gespielt.

Wir haben nur davon geträumt, mal in bestimmten Hallen spielen zu können. Als wir dann zum ersten Mal vor 500 Leuten standen, dachten wir: „Größer kann es nicht werden!“ Genauso haben wir gedacht, als es zum ersten Mal 1000 Leute waren. Es wurden immer mehr, kürzlich haben wir in Köln vor 7000 gespielt. Unser Anspruch ist dabei immer gleich geblieben, wir wollen immer das Bestmögliche bieten – auf und neben der Bühne. Das bedeutet zum Beispiel bei großen Konzerten, dass jedes Kind, das kommt, ein Band um die Hand kriegt, auf das seine Eltern eine Telefonnummer schreiben können, falls man sich mal verlieren sollte.

Wir probieren, Kindern und Eltern eine Stimme zu geben, die die Realität abbildet

Lukas Nimscheck, Deine Freunde

Vermutlich hat sich euer Verständnis für Kinder und Familien mit der Zeit auch noch mal verändert.

Ja, das hat es auf jeden Fall. Am Anfang dachten wir, in unseren Songs müssten wir nur so Schulhofthemen wie Hausaufgaben oder die siebte Stunde behandeln. Mittlerweile wissen wir, dass wir auch über ganz Absurdes singen können und Kinder und Eltern auch dazu feiern können.

Es gibt Siebenjährige, die schon super- ironisch sind und bei denen zu Hause schon ein ganz eigener Humor herrscht. Es sind die Medien, die Kinder immer als ironiefrei und Eltern immer als ausschließlich liebevoll und fürsorglich darstellen. Wir probieren, Kindern und Eltern eine Stimme zu geben, die die Realität abbildet.

Deine Freunde spielen am 2., 3. und 4. September im Stadtpark Openair – wir verlosen auf Instagram noch Tickets!


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Sabiha: „Ein Schmuckladen voller Erinnerungen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Sabiha begegnet

Protokoll: Rosa Krohn

„Hier im ‚Süßen Pavillion‘ duftet es immer wunderbar nach Anis. Ich arbeite seit fast zehn Jahren fest in dem Süßwarenbetrieb meiner Eltern hier am U-Bahnhof Schlump. Wir haben rund 130 Sorten Süßes im Sortiment, von fruchtigen Mischungen über spezielle Lakritze bis zu traditionellen regionalen Süßigkeiten, wie Hamburger Speck und mittlerweile sogar einen zweiten Stand im Busbahnhof Wandsbek-Markt. Mein Vater kam damals als Gastarbeiter aus der Türkei nach Hamburg und arbeitete erst in Fabriken. Durch Kollegen kam er auf die Idee, einen Süßigkeiten-Stand zu eröffnen und begann sich – gemeinsam mit meiner Mutter – mit nicht einmal 30 Sorten selbstständig zu machen.

Das war vor 32 Jahren. Seither haben meine Eltern immer viel gearbeitet. Deshalb ging es für uns Kinder nach der Schule meist direkt hierher. Während meine Geschwister andere Wege gegangen sind, hat es mich ins Familienunternehmen gezogen. Nach der Schule habe ich deshalb auch eine Ausbildung zur Verkäuferin gemacht und Erfahrungen gesammelt. Ein Teil der Geschichte meiner Familie zu sein, ist eine Herzensangelegenheit. Ich bin stolz, an der Seite meiner Eltern zu stehen und sie zu unterstützen. Damit kann ich etwas zurückgeben, denn sie haben immer hart für die Zukunft ihrer Kinder gekämpft und dabei viel geopfert. 

Süße Geschichten

Für mich war auch schon früh klar, dass es mich in den Verkauf verschlagen würde. Ich liebe es, mit Menschen in Kontakt zu sein. Schüchternheit oder Berührungsängste waren dabei nie ein Problem. Ich liebe es auch länger mit den Kunden zu reden. Es bleibt meist nie beim einfachen Verkaufsgespräch, denn gerade Süßwaren wecken viele Erinnerungen. Ältere Menschen erzählen mir oft, wie sie genau diese Bonbons damals als Kind für drei Pfennig im Glas bekommen haben und heute kommen sie mit ihren Enkelkindern zu uns.

Vor Kurzem kam eine Mutter mit ihrem Kind und erzählte, wie sie vor vielen Jahren als Studentin herkam und sich was Süßes kaufte. Das ist schon verrückt. Alles hier hat seine Geschichte. Mein Papa nennt unser Geschäft immer einen Schmuckladen. Ich finde, das ist ein passender Vergleich: Der Laden erleuchtet besonders am Abend den U-Bahnhof, hinter den Vitrinen funkelt es und wenn man genauer hinschaut, sieht man einen Ort voller wertvoller Geschichten und Erinnerungen: Unsere Familiengeschichte, die Geschichte der Hersteller, der Kunden, ihrer Kinder und Enkel. Bis heute bereue ich keinen Moment, in unserem Betrieb zu arbeiten. Wenn ich noch mal neu auf dieser Welt anfangen müsste, würde ich den gleichen Weg gehen.“


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„Eine erhebliche Belastung“

Die Corona-Pandemie hat den Hamburger Schulalltag auf den Kopf gestellt. Ein Schulleiter, eine Lehrerin, ein Mitglied einer Elternkammer und eine Schülerin erzählen, wie sie die vergangenen fast zwei Jahre erlebt haben

Interviews: Rosa Krohn

 

Oliver Lerch

Schulleiter Gyula Trebitsch Schule, Tonndorf

Oliver Lerch_Credit Nathalie Beliaeff-klein

Oliver Lerch: „Bestehende Konzepte mussten weiterentwickelt werden“ (Foto: Nathalie Beilaeff)

SZENE HAMBURG: Herr Lerch, was war für Sie die größte Herausforderung während der Pandemie?

Oliver Lerch: Die größte Herausforderung bestand sicherlich darin, die Kommunikation mit allen Beteiligten aufrechtzuerhalten. Es war uns wichtig, dass wir miteinander im Gespräch bleiben, alle notwendigen Informationen transportieren und Schule in dieser herausfordernden Zeit möglich machen. Hierzu mussten bestehende Unterrichtskonzepte weiterentwickelt und neue Bausteine angelegt werden. Hinzu kommt, dass wir gerade in der Anfangsphase schnell auf tagesaktuelle Anlässe reagieren mussten, zumal die Halbwertzeit von Informationen gerade in den ersten Monaten der Pandemie gering war. Später ging es dann darum, die Schule so sicher wie nötig zu machen und gleichzeitig so wenig Einschränkungen wie möglich zu schaffen: Wegekonzepte, Desinfektion, Masken und so weiter.

Wie gut waren Sie vorbereitet ?

Wir sind ein sehr engagiertes Kollegium und unsere Schülerinnen und Schüler liegen uns am Herzen. In den Phasen des Lockdowns, aber auch während der verschiedenen Wechsel-Modelle haben wir stark davon profitiert, dass wir bereits eine digitale Kommunikationsplattform etabliert hatten. Wir konnten unsere Schülerinnen und Schüler darüber via E-Mail erreichen, mit einem Aufgabentool Material und Arbeitsaufträge bereitstellen oder in Videokonferenzen Unterricht gestalten. Wir haben unsere technische Ausstattung schnell verbessert und konnten Laptops beziehungsweise Tablets in die Ausleihe geben, haben aber auch eine Präsenzbeschulung angeboten.

Was hat sich durch die Pandemie an Ihrer Schule verändert?

Das Kollegium hat sich auf dem Feld der Digitalisierung weitergebildet: Kompetenzen wurden gefestigt, neue Tools wurden entdeckt, Micro-Fortbildungen haben Kolleginnen und Kollegen vom Einsatz bestimmter Programme überzeugt und der Einsatz digitaler Medien ist noch selbstverständlicher geworden. Zudem haben sich alle Beteiligten noch mehr darüber gefreut, wenn sie vor Ort sein konnten und Schule als Begegnungsstätte wahrgenommen wurde.

 

Patrizia Rittich

Lehrerin und stellvertretende Schulleiterin Elisabeth Lange Schule, Harburg

Patricia Rittich Credit Gudrun Garke-klein

Patrizia Rittich: „Ganz ehrlich, vorbereitet war niemand“ (Foto: Gudrun Garde)

SZENE HAMBURG: Frau Rittich, was war für Sie die größte Herausforderung während der Pandemie?

Patrizia Rittich: Wir als Kollegium mussten mit ständigen Änderungen umgehen. Zwar wurden diese, so gut es ging, rechtzeitig kommuniziert, dennoch war es eine große Unsicherheit in der Schülerschaft, ob sie zum Beispiel am Montag wieder in die Schule kommen durften oder weiterhin im Fernunterricht bleiben sollten. Im Laufe der Zeit kamen die ganzen Bestimmungen von der Behörde immer frühzeitiger, sodass das Kollegium sich besser auf Änderungen einstellen konnte. Eine der großen Herausforderungen war ein einheitliches Vorgehen im Fernunterricht – die Verständigung auf ein Medium und nicht: „Jeder kocht seinen eigenen Brei!“ Die familiären Voraussetzungen waren so vielfältig und damit auch so unterschiedlich, dass die Schule zunächst auch viele Familien mit Leihgeräten versorgen musste. Immerhin ist dies in unserer Schule sehr gut durch großzügige erste Spenden und dann den Digitalpakt der Behörde gelungen.

Die größte Herausforderung letztlich war, der Bildungsgerechtigkeit gerecht zu werden, was viele aus unserem höchst engagierten Kollegium sehr stark belastet hat. Herausfordernd war ebenfalls, dass manche Familien nicht die Betreuung der Kinder zu Hause leisten konnten, sodass viele Schülerinnen und Schüler in der Schule beschult werden mussten. Für das Kollegium war dies natürlich eine zusätzliche Herausforderung, denn der Fernunterricht sollte dennoch nach einem reduzierten Stundenplan stattfinden. Herausfordernd war für das Kollegium aber auch, eine familiäre Situation mit einem parallelen Homeschooling der Klassen durchzuführen und nicht zu vergessen: große finanzielle Sorgen derer, die sich nicht im Beamtenstatus befanden!

Wie gut waren Sie vorbereitet?

Ganz ehrlich, vorbereitet war niemand. Wir gingen mit dem Wissen um einzelne Corona-Fälle in die Märzferien und in der zweiten Woche überschlugen sich die Ereignisse. Selbst die Schulleitung wusste erst am letzten Freitag der Märzferien, dass die Schulen vorerst geschlossen bleiben und hat am Wochenende alles vorbereitet, sodass das Kollegium gut informiert in die erste Phase der Schulschließung gehen konnte. An Vorbereitung war nicht zu denken. An unserer Schule war die Kommunikation über die Mails mit den Schülerinnen und Schülern gut gesichert, aber die Lehreraccounts brachen noch am letzten Sonntag der Märzferien vollständig zusammen. Durch die konstante Kommunikation mit der Schulleitung war das Kollegium im Boot und stets informiert, aber vorausgesehen hat niemand diese extreme Situation.

Was hat sich durch die Pandemie an Ihrer Schule verändert?

Besonders durch die digitale Ausstattung sind wir in der Digitalisierung Meilensteine vorangekommen, die sonst nicht stattgefunden hätten. Vor allem Teamzeiten und Konferenzen haben hervorragend nach anfänglichen Schwierigkeiten geklappt und werden auch heute noch teilweise digital durchgeführt. Die Unterrichtsentwicklung hat durch die Ausstattung mit iPads durch die Schulbehörde einen enormen Schub erhalten. Leider darf man aber auch eine erhebliche Belastung innerhalb des Kollegiums durch Quaran tänemaßnahmen innerhalb der Familien und die Schnelltests und psychische Belastung in der Bewältigung der Pandemie sowie der sozialen Kontaktarmut vieler Schülerinnen und Schüler nicht verschweigen.

 

Ulrich Matthies

Mitglied im Elternrat Stadtteilschule Helmuth Hübener, Barmbek-Nord

Ulrich Matthies Credit Jonny Matthies-klein

Ulrich Matthies: „Jetzt muss umgestellt werden“ (Foto: Jonny Matthies)

SZENE HAMBURG: Herr Matthies, wie schwierig war es für Sie, Ihre Kinder in der Pandemie zu begleiten?

Ulrich Matthies: Unsere Schule, die Stadtteilschule Helmuth Hübener, ist eigentlich gut im Digitalbereich aufgestellt. Allerdings gab es zum Anfang Probleme mit dem WLAN in der Schule. Die Schulleitung hat dieses Problem aber beseitigt. Ich habe drei Kinder. Unsere Wohnung ist für Distanzunterricht eigentlich nicht ausgelegt. Die Wohnung ist zu klein. Es gibt auch keine Arbeitszimmer für drei Kinder. Während des Distanzunterrichts waren wir mit fünf Personen zu Hause. Hierfür war unser privates WLAN zu schwach und wir haben aufgerüstet.

Konnten Ihre Kinder ihr Leistungsniveau halten?

Die Schule hat überwiegend Unterricht nach Stundenplan angeboten. Außerdem hat die Schule Kindern ohne Hardware Leihgeräte zur Verfügung gestellt. Kinder ohne WLAN haben Prepaid-Karten von der Schule für ihre Handys bekommen. Einige Lehrkräfte konnten besser als andere Lehrkräfte mit dem neuen Medium umgehen. Hier gab es durchaus Qualitätsunterschiede. Meine Kinder haben wohl nur überschaubare Lernlücken aufzuweisen. Der Distanzunterricht wurde auch ganz unterschiedlich von meinen Kindern aufgenommen. Einschätzung von „total gut“ bis „eher schlechter“.

Inwieweit konnten die Lehrer Ihren Kindern durch diese Zeit helfen?

Die Schule hat sich relativ schnell auf MS Teams eingestellt. Hier gibt es fertige Strukturen und dieses Programm ist in der Wirtschaft weit verbreitet. Allerdings muss unsere Schule jetzt umrüsten. Die weitere Nutzung von MS Teams wird vom Hamburger Datenschutzbeauftragten untersagt. Bei Nichtumsetzung werden der Schulleitung private Konsequenzen angedroht. Also muss jetzt umgestellt werden.

 

Maya Lucia Freiesleben

Schülerin Gymnasium Altona

Maya Lucia Freiesleben Credit Motionphotos-klein

Maya Lucia Freiesleben: „Ich habe gelernt, selbstständiger zu arbeiten“ (Foto: Motionphotos)

SZENE HAMBURG: Maya Lucia, was habt ihr am meisten vermisst in der Pandemie?

Maya Lucia: Am meisten vermisst in der Pandemie beziehungsweise den längeren Lockdown-Phasen, habe ich den Kontakt zu meinen Freunden und Freundinnen und sonstigem sozialen Umfeld, Rausgehen, meinen alten Alltag, Abwechslung, die Unbefangenheit und Leichtigkeit. Eine der längeren Lockdown-Phasen war ja von Dezember 2020 bis Mai 2021, und gerade da war es sehr schwierig für uns Schüler und Schülerinnen, positiv und motiviert zu bleiben. Erst hieß es, wir blieben nur ein paar Wochen im Lockdown und dann zog sich das Ganze über Monate. Also hat teilweise auch eine Art von Perspektive gefehlt. Die Schüler und Schülerinnen haben sich den alten Alltag und Unterricht zurückgewünscht, da es für viele schwieriger war, von zu Hause allein zu arbeiten und viele schöne Aspekte am Schulalltag, wie die gemeinsamen Pausen, sind natürlich auch weggefallen.

Habt ihr euch mit euren Sorgen und Nöten von den Lehrern und Lehrerinnen immer verstanden gefühlt?

Alle Lehrer und Lehrerinnen hatten einen sehr unterschiedlichen Umgang mit den Sorgen und Nöten der Schüler und Schülerinnen. Dennoch haben die meisten darauf geachtet, sehr offen zu kommunizieren, sodass wir immer mit unseren Problemen auf sie zukommen konnten. Einige Lehrer und Lehrerinnen haben Einzel-Telefonate angeboten, oder kleine „Check-up“-Runden gemacht, wo jeder mal was beitragen sollte und konnte. Andere haben im Unterricht in Breakout-Räumen ein wenig Zeit zum privaten Austausch gelassen, oder sich auch mal Feedback zum Unterricht geben lassen. Ein paar Lehrer und Lehrerinnen haben sehr darauf geachtet, unseren Schulalltag abwechslungsreicher zu gestalten und haben auch mal alternative und kreativere Aufgaben gestellt und sind auf das gegebene Feedback eingegangen. Ich glaube, viel war am Anfang auch noch echt holprig im Online-Unterricht, weil alle noch sehr unsicher waren und niemand wirklich einschätzen konnte, wie lange wir noch zu Hause bleiben müssen. Aber das hat sich auch mit den Wochen eingespielt.

Was habt ihr aus dieser Zeit für die Zukunft gelernt?

Ich habe für mich persönlich gelernt, selbstständiger zu arbeiten, mir meinen Alltag besser zu strukturieren und mir auch mal kleine Pausen einzubauen, in denen ich mal rausgehe und mich mit Freunden und Freundinnen treffe. Gerade jetzt, in der kommenden Abiturphase und auch später für das Studium, ist das sehr hilfreich. Ich habe auch gelernt, meinen Alltag ein bisschen mehr wertzuschätzen und mir dann Hilfe zu holen, wenn ich sie brauche und generell offener über meine Probleme zu sprechen.

Mehr über das Hamburger Schulleben in der neuen SZENE HAMBURG Schule. Das Magazin ist seit dem 10. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Caroline: „Läuft das jetzt noch zehn Jahre so weiter?“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Caroline begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Am Wochenende war ich mit ein paar Freunden das erste Mal wieder auf einem kleinen Festival. Wir waren mit meinem Bus unterwegs, den ich mir vor drei Monaten gekauft habe. Den musste ich erstmal entrosten, er ist noch überhaupt nicht ausgebaut, im Fußboden ist ein Loch und außer einem Teppich und einer Matratze ist da gar nichts drin. Aber trotzdem war es unheimlich schön.

Draußen schlafen, gemeinsam aufstehen, schwimmen gehen, zusammen kochen und abends auf einen kleinen Dancefloor im Wald: Es hat sich angefühlt wie aus einer anderen Zeit. Und auf einmal sitze ich am Montagmorgen wieder in der Bibliothek und schreibe Bachelorarbeit. Wenn ich könnte, würde ich sofort in meinen Bus steigen und Richtung Portugal fahren.

Oft habe ich das Gefühl, dass ich im Hier und Jetzt mit meinem Leben sehr gut bin, aber dass es nirgends drauf hinausläuft. Wenn ich dann versuche, mir einen Überblick zu verschaffen, kommen mir immer wieder die Gedanken: Läuft das jetzt noch zehn Jahre so weiter oder kommt da noch was? Und was kommt da überhaupt?

 

„Psychologen wissen gar nicht mehr”

 

Um einige Dinge besser zu verstehen, habe ich vor ein paar Jahren mit Psychologie angefangen. Ich wollte auch wissen, warum so vieles blöd zwischen uns Menschen läuft. Tatsächlich ist das Studium dann aber sehr viel theoretischer und wissenschaftlicher, als ich gedacht hatte. Gefällt mir aber auch. Ganz ehrlich, Psychologen wissen gar nicht so viel mehr über andere Menschen. Wir bekommen bloß Theorien als Handwerkszeug mit auf den Weg.

So genau weiß ich auch noch gar nicht, was ich letztendlich damit machen möchte. Ich glaube einfach, dass ich ein Bedürfnis habe, andere Menschen zu verstehen. Das ist so ein bisschen mein Antrieb.“


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Anna: „Da habe ich fast angefangen zu weinen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Anna begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Wir waren viereinhalb Jahre zusammen und ich möchte nichts davon missen, aber es hat einfach nicht mehr funktioniert. Man muss sich auch eingestehen, dass beide irgendwann aufgehört haben, in die Beziehung zu investieren. Jetzt bin ich gerade dabei, meine Sachen aus seiner Wohnung zu holen. In die neue kann ich erst in zwei Wochen. Klamotten kommen jetzt erst einmal bei meinen Eltern unter, ich bei einer Freundin.

Das ist gerade alles nicht so toll, zwischen Corona und Urlaubstagen fühle ich mich ein wenig alleine. Deshalb musste ich jetzt mal ein paar Tage raus und bin hier nach Hamburg gefahren. Zu Bachelor-Zeiten bin ich für ihn aus Hamburg weggezogen, in die Nähe von Osnabrück. Dort arbeite ich mittlerweile in einer forensischen Psychiatrie mit suchtkranken Straftätern zusammen. Das heißt, ich gestalte deren Alltag mit, führe Gespräche, mache Therapiegruppen oder wir sitzen abends einfach nur zusammen und spielen Karten. Ich mag den Job, man lernt viel über Menschen, sich selbst und vor allem mit Rückschlägen umzugehen.

 

Das Gefühl von früher

 

Wenn ich hier so entlanglaufe, kann ich mir aber gut vorstellen, zurück nach Hamburg zu ziehen. Eben bin ich an meiner alten Wohnung vorbeigegangen und habe so ein bisschen das Gefühl von früher gespürt. Das war schön.

Man sagt zwar immer, dass man sich in der Beziehung auf keinen Fall für den anderen verändert, das ist aber Quatsch! Natürlich verändert man sich. Man verändert sich durch jeden anderen Menschen, der einem näherkommt. Manche merken es bloß nicht. Oder erst zu spät.

Was mir jedenfalls momentan hilft, ist unglaublich viel Spazierengehen. Ich bin heute den ganzen Tag ziellos durch die Gegend gelaufen. Gerade saß ich in der Bahn und habe eine Sprachnotiz von einer Freundin bekommen, in der ihre Mutter sich nach mir erkundigt hat, wie es mir denn jetzt geht, was ich mache und mir gewünscht, dass ich glücklich werde. Die Nachricht ging ein paar Minuten und ich habe echt fast angefangen zu weinen, weil ich so gerührt war. Solche Herzenswünsche sind irgendwie das Schönste, was man jemandem sagen kann. Und sie helfen. Mehr noch als Spazierengehen.“


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„Systemsprenger“ als bester Film ausgezeichnet

„Systemsprenger“ werden im Amtsjargon Kinder genannt, die in keiner Familie, keinem Heim klarkommen. Regisseurin Nora Fingscheidt hat ein berührendes Drama über solch ein Mädchen geschaffen, das beim deutschen Filmpreis 2020 als bester Film des Jahres ausgezeichnet wurde.

Text und Interview: Sabine Danek
Foto: Yunus Roy Imer – Port au Prince Pictures

 

Gleich mit ihrem ersten Spielfilm hat die Hamburger Regisseurin Nora Fingscheidt es in den Wettbewerb der Berlinale geschafft – und den Silbernen Bären gewonnen. Mit einem Drama wie eine Urgewalt, das von einem Mädchen erzählt, wie man es zuvor nicht kannte.

Von der neunjährigen Benni, die von ihrer überforderten Mutter der Fürsorge übergeben wurde, die Bobby-Cars durch die Gegend schmeißt, die tobt, schreit und abhaut. 27 Heime und Wohngruppen hat sie hinter sich, denn sie will einzig an einen Ort zurück: zu ihrer eigenen Mutter. Bennis Kampf um Liebe ist eine Tour de Force, die weit über die Geschichte hinausreicht, die einen zutiefst berührt, bestürzt und atemlos zurücklässt.

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Mehrfach ausgezeichnet: Nora Fingscheidt (Foto: Philip Leutert)

SZENE HAMBURG: Nora Fingscheidt, Sys­temsprenger ist ein so kalter und ungewöhnlicher Begriff. Wie wurde er Titel?

Nora Fingscheidt: Als ich das Wort das erste Mal gehört habe, ging es mir genauso. Das war während der Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm für die Caritas. Wir haben in einem Heim für wohnungslose Frauen gedreht, einem nicht sehr hoffnungsvollen Ort, wo eines Tages ein 14-jähriges Mädchen einzog.

Ich war schockiert darüber! Aber die Sozialarbeiterin erklärte uns gelassen, sie sei eben ein Systemsprenger. Das Wort ist so hart wie eindrücklich, es klingt nach Explosion und beschreibt gleichzeitig etwas sehr Tragisches. Von da an hat der Begriff mich begleitet.

Du hast auch das Drehbuch geschrie­ben. War es bei dieser Geschichte besonders wichtig, sie von Anfang an zu entwickeln?

Es gibt Stoffe, denen muss man sich einfach selber annähern. Ich hätte das Drehbuch gerne mit jemandem zusammen geschrieben, aber es gab Zeitprobleme. Es alleine zu schreiben war schon recht anstrengend.

War das Mädchen aus dem Haus für wohnungslose Frauen Vorbild?

Auf eine Weise schon, denn sie war der Ausgangspunkt für eine vierjährige Recherche. Die habe ich aber nicht nonstop betrieben, sondern zwischendurch immer wieder geschrieben. Ich war für zwei Wochen in einer Wohngruppe und habe anschließend an dem Drehbuch gearbeitet, dann eine Woche in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, wieder geschrieben, zehn Tage in einer Schule für Erziehungshilfe und so weiter.

Am Ende war ich noch einmal zehn Tage in einer Inobhutnahmestelle. Das war hart. Dorthin kommen die Kinder direkt aus den Familien, wenn es Zuhause eskaliert.

 

„Mein Weltbild hat sich ziemlich verdüstert“

 

Wie nahe geht einem so ein Projekt?

Sehr nahe. Mir ist es schwer gefallen, die vielen tragischen Fälle zu verarbeiten, die furchtbaren Familiengeschichten der Kinder, ihre Traumata und ihre Hilflosigkeit. Mein Weltbild hat sich ziemlich verdüstert und irgendwann konnte ich nicht einmal mehr U-Bahn fahren, ohne mögliche Fälle von Kindesmissbrauch zu sehen.

Ich habe dann ein Jahr pausiert und einen Dokumentarfilm über Mennoniten in Argentinien gedreht. Das Eintauchen in eine so andere Welt ohne Strom, ohne Internet und weltpolitische Überlegungen, in der nur das demütige Leben Gott gegenüber zählt, war gut. Auch wenn es dort andere Konflikte und Kindheitsprobleme gab, hat es die Dinge wieder etwas ins Verhältnis gerückt.

Die damals zehnjährige Helena Zengel, die im Film Benni spielt, war eine der ersten, die für diese Rolle vorgesprochen hat. Dennoch hast du noch viele andere gecastet.

Als ich das Drehbuch geschrieben habe, dachte ich, dass ich nie ein Kind finden werde, das diese Rolle spielen kann. Geschweige denn, dass ich Eltern finde, die das erlauben. Als wir schließlich das erste Casting hatten, war Helena tatsächlich das siebte Kind, das vorgesprochen hat. Ich war beeindruckt, aber habe mich nicht getraut, schon aufzuhören. Michael Haneke hat für „Das weiße Band“ 6.500 Kinder gecastet. Ich konnte mir wirklich nicht vorstellen, dass es so einfach sein kann.

Doch sie ist es dann geworden.

Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich alle anderen Mädchen mit Helena vergleiche. Die Aggression immer auch mit einer solchen Not zu spielen, mit etwas Verletzlichem und gleichzeitig Gefährlichem, das habe ich bei keiner anderen gefunden.

Wie geht man mit einem Kind um, das solche Extreme spielen muss?

Man lässt sich viel Zeit. Sechs Monate vor Beginn der Dreharbeiten haben Helena und ich angefangen, Bennis Charakter zu erforschen, wir haben zusammen Bennis Klamotten ausgesucht. Bennis kleiner Drache war Helenas Idee. Wir haben aufgelistet, wie Benni in verschiedenen Situationen reagiert und wie Helena, damit sie das nicht vermischt.

Gleichzeitig hatten wir so viele Drehtage, dass wir nur ein, zwei Filmminuten am Tag drehen mussten. Komprimiert in zwei Stunden Film sieht es schon so aus, als würde Benni ständig ausrasten, aber wir hatten auch ruhige und lustige Drehtage.

 

 

Wenn Benni ausrastet, wird die Leinwand pink und zu einem Kaleidoskop aus Bildsplittern. Wie kam es dazu?

Ansätze gab es schon im Drehbuch, in das ich Träume, beziehungsweise Albträume hineingeschrieben habe. Aber irgendwie steckten sie voller Klischees. Weil Helena als Kind nur fünf Stunden am Tag arbeiten darf, haben der Kameramann Yunus Roy Imer und ich damit begonnen, nach ihrem Drehschluss mit bunten Glühbirnen und Makroobjektiven zu experimentieren. Der Schnittmeister hat das weitergesponnen und so ist Schritt für Schritt diese Filmsprache entstanden.

Der Film baut eine unglaubliche Span­nung auf, alles scheint möglich. Wie schwer war es, da einen Schluss zu finden?

Das war wahnsinnig schwer. Es gab viele verschiedene Versionen, manche waren ganz ruhig. Aber schließlich wollten wir es knallen lassen. Wir haben versucht, Bennis Energie in alle Ebenen des Films zu übertragen, in die Farben, den Schnitt, die Tongestaltung und in die Dramaturgie. Auch das Ende entspricht ihrer Intensität. Es wird sehr ambivalent aufgenommen, aber ich möchte nicht zu viel verraten.

Für wen ist der Film?

Für Menschen, die sich für Kinder interessieren, ab 20 Jahren aufwärts bis in die hohen 70er. Auf den Festivals habe ich beobachten können, wie die unterschiedlichsten Leute von dem Film berührt sind.

Er handelt auch von der Liebe selbst, davon, was sie kann und wie viele Facetten sie hat.

Ja, von dem Bedürfnis des Menschen nach bedingungsloser Liebe und was passiert, wenn einem diese entzogen oder verweigert wird. Bis heute hat der Film 19 Preise gewonnen und das auf der ganzen Welt, in Taiwan, Portugal, der Ukraine oder auf dem Balkan. Auch wenn er im deutschen Sozialsystem angesiedelt ist, scheint er etwas ganz Universelles zu berühren.

Auf der Berlinale hat der Film den Silbernen Bären gewonnen. Wie war es, auf Anhieb im Wettbewerb zu sein? Und ab wann denkt man, dass man vielleicht gewinnen könnte?

Es war natürlich total großartig, aber gleichzeitig ist das alles auch ziemlich an mir vorbei gerauscht. Ich bin aus der völligen Überarbeitung in die Berlinale geschlittert. Der Film wurde nur drei Tage vorher fertig, erst am Tag vor der Premiere konnte ich mir ein Kleid besorgen.

Bevor ich mich besinnen konnte, war die Berlinale vorbei und plötzlich stand ein Bär in unserer Küche. Im Nachhinein kann ich das sehr genießen, aber währenddessen habe ich mich eher wie in einem Tornado gefühlt. Und damit gerechnet, wirklich einen Preis zu gewinnen, haben wir sowieso nie.

Systemsprenger: Ab 19.9.2019 im Kino


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Diese Hamburger Kitas lassen der Fantasie freien Lauf

Kinder sind nicht gleich Kinder, Kita nicht gleich Kita. Drei Porträts von Hamburger Einrichtungen, die auf ganz unterschiedliche Sozialisierungskonzepte setzen

Text und Fotos: Erik Brandt-Höge

Kita Küstenkinder: Der Gang-Gedanke

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In Gruppen kreativ: die Küstenkinder

Erste und einzige Regel: Um neun Uhr da sein. Denn dann beginnt der Tag gemeinsam beim Frühstück. Mehr Vorgaben macht die Leitung der Kita Küstenkinder nicht. Auch dann nicht, wenn die Eltern weg und alle Kinder in ihren Gruppen gelandet sind. Für die lockere pädagogische Haltung gibt es zwei Gründe. Erstens: Die blühenden Kinderfantasien sollen nicht eingeschränkt werden. „Kinder sollen ihre Freiräume haben und sich in ihrem Tempo bewegen“, sagt Florian Berends, einer der beiden Kita-Leiter. „Schreibt man ihnen zu viel vor, nimmt man ihnen diese Möglichkeit.“ Und Zweitens: die erwähnten Gruppen.

Die Küstenkinder setzen auf ein geschlossenes Konzept, das den derzeit 80 Kindern im Haus schon genug Struktur sei, erklärt Berends: „Wir glauben, dass sich Gleichaltrige mit ähnlichen Interessen am besten in altershomogenen Kontexten beschäftigen können. In den Gruppen entscheiden dann die Kinder, was passiert. Und wenn jemand mal die Gruppe wechseln möchte, ist das gar kein Problem.“

Inklusive ist Trumpf

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Kinder fördern durch Kunst

Auf den drei Kita-Ebenen, zu denen auch eine tennisplatzgroße Dachterrasse mit Spielplatz zählt, ist für die kleinen Küsten-Gangs einiges zu entdecken. Da gibt es Bewegungs- und Ruheräume, Konstruktions- und Lesezimmer, und die langen Flure mit den vielen feinen Holzbauten. Krippen- bis Vorschulkinder können auf jedem Kita-Quadratmeter Mini-Abenteuer erleben.

Dabei arbeiten Berends und seine 16 Kolleg:innen konsequent nach dem Inklusionsansatz. Ihre Überzeugung: „Jedes Kind ist anders, nur darin sind sie alle gleich.“ Es gibt den Richtwert, drei Integrationskinder in jeder Gruppe (16–18 Kinder) zu haben, abhängig von der Gruppendynamik. Sie sollen genauso am Geschehen teilnehmen können wie alle anderen. Und da sämtliche Kinder und Eltern durch die Gruppen feste Bezugspersonen haben, entsteht eine fast familiäre Atmosphäre – nicht unwichtig für die 0–6-Jährigen, wenn es um ihre Orientierung im Alltag gehe, so Berends.

Kita Küstenkinder: Holstenstraße 156 (Altona-Nord)

WABE-Kita Jenfelder Au: Die All-inclusive-Erziehung

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Volles Kinderverwöhnprogramm in der WABE-Kita Jenfelder Au

„Zwei Dinge hatten wir, die unsere Kindheit zu dem machten, wie sie war – Geborgenheit und Freiheit.“ Ein Astrid-Lindgren-Zitat, das nach großem Glück in jungen Jahren klingt.

Für ausreichend Kinderglück wollen Kita-Leiterin Danielle Klook und ihre 17 Mitarbeiter:innen mit dem Konzept der Offenen Pädagogik der Achtsamkeit sorgen. Bei den Konzept, das in den 1970er Jahren von Elementarpädagogen entwickelt wurde, geht es darum, den verschiedenen Bedürfnissen und Entwicklungsständen individuell gerecht zu werden. Dabei sind auch in der Jenfelder Au gängige Kita-Rituale angesagt: Vom Rausschubsen der Eltern am Morgen übers Spielen, Toben, Essen, Zähneputzen und Aufräumen bis zu den Elterngesprächen am Tagesende.

Aber in dem dreistöckigen und unter Denkmalschutz stehenden Gebäude am Kuehnbachring ist es voll und ganz den Kindern überlassen, was sie wann, wo und mit wem machen. „Alle Pädagogen bei uns haben eine offene Haltung gegenüber den Kindern, die, sobald der Kita-Tag startet, frei entscheiden, in welchen Raum sie gehen und welches Angebot sie nutzen“, so Klook. Und Räume gibt es einige, alle hell gehalten, alle hochwertig ausgestattet. Allein die detailverliebten Holzkreationen, vom Maltisch bis zur Abenteuerrutsche, machen ordentlich was her.

Alles ziemlich Lindgren-mäßig

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Eine Bewegungsbaustelle für die Kinder der WABE-Kita

Das Angebot an Aktivitäten gleicht dem eines Fünf-Sterne-All-Inclusive-Hotels – natürlich mit ausgebildeten und regelmäßig fortgebildeten Fachkräften anstelle von Animateuren. Kinder können Klettern, Wippen, Basteln, Bauen, in Bällchen baden, sich mit Büchern vergnügen, Tanzen, Musik machen und, und, und. Es gibt eine Kinderküche und ein Kinderrestaurant, Schlaf- und Rückzugsräume und – Achtung! – einen Gesundheitsbereich mit Kneippbecken und Infrarotsauna.

Natürlich gibt es auch Regeln, die etwa während der täglichen Kinderkonferenz besprochen werden. Klook: „Jedes Kind hat einen Bezugserzieher, der unter anderem für die Eingewöhnung zuständig ist und die Elterngespräche führt. Zu ihm gehen die Kinder in der Konferenz. Jedes Kind kommt zu Wort, es kann über alles geredet werden: Probleme, Geburtstage, das Wetter.“ Partizipation wird in der Jenfelder Au großgeschrieben, wo sich derzeit 82 Kinder in einer Krippe, einem Elementarbereich und einem Eltern-Kind-Zentrum (Beratung und Spiele für Eltern und Kleinkinder) ziemlich Lindgren-mäßig wohlfühlen.

WABE-Kita Jenfelder Au: Kuehnbachring 6 (Jenfeld)
*WABE e. V. steht für Wohnen, Arbeiten, Betreuen, Entwickeln und ist anerkannter Hamburger Kinder- und Jugendhilfeträger, überparteilich und überkonfessionell. WABE ist Mitglied in den Paritätischen Wohlfahrtsverbänden Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern sowie im Forum Sozial e.V. in Schleswig-Holstein

Lorenzini Kunst-Kita Frieda: Selbst ist das Kind

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Pyramiden-Puzzle: Auch beim Spielzeug setzt die Frieda auf Transparenz

Licht an, und es wird bunt. Transparente Plastikquadrate strahlen auf einem extragroßen LED-Pad in Grün, Gelb, Blau, Orange und Rot. Zusammengesteckt werden sie zu einer Pyramide. Nur eine von zig Beschäftigungsmöglichkeiten in der Lorenzini Kunst-Kita Frieda, die von den 17 Mitarbeiter:innen vorbereitet werden. Überhaupt: Vorbereitung, das ist hier die halbe Miete, wie Jana Berndt, pädagogische Leiterin der Einrichtung, erklärt: „Wir sind davon überzeugt, dass jedes Kind immer lernen möchte, und zwar von ganz alleine. Erzieher arbeiten hier eher begleitend, motivieren die Kinder in verschiedene Richtungen und eröffnen neue Themen, sobald es notwendig ist.“

Soll heißen: Der Raum funktioniert in der Frieda wie ein gedeckter Tisch, essen dürfen die Kleinen völlig selbstständig. Spezialität des Hauses: natürlich Kunst. Berndt: „Die Kunst ist bei uns immer anwesend, weil sie eine tolle Möglichkeit für die Kinder ist, sich auszudrücken.“ Herzstück der Frieda ist deshalb neben einem Rollenspiel- und Theaterraum sowie einer Vorschul-Lernwerkstatt im Gebäude gegenüber ein riesiges Atelier. Unzählige Maltuben, Pinsel, Leinwände, eine Ton- und eine Holzwerkstatt: Alles da, um sich kreativ auszutoben.

Kinder können mehr

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Ein groß angelegtes Atelier gibt es im Zentrum der Kunst-Kita

Aktuell tun das 32 Krippen- und 52 Elementarkinder. Und wenn es mal keine Kunst-Action, sondern nur ein bisschen Herumlümmeln sein soll, geht das auf den überall in der Kita verteilten Polstermöbeln, watteweichen Sofas und Sesseln, die zusammen mit Stehlampen und Nierentischchen eine warme Wohnzimmeratmosphäre ergeben. „Es soll sich hier wie zu Hause anfühlen“, sagt Berndt.

2012 eröffnet, ist die Frieda eine von vier Lorenzini-Kitas in Hamburg – benannt nach der Gründerin Antje Lorenz – die sich nach der Reggio-Pädagogik richten, also der Annahme, dass Kinder von Beginn an in der Lage sind, sich selbst zurechtzufinden und im sozialen Kontext zu bilden.

Erzieher:innen agieren als Gastgeber:innen und Vertrauenspersonen, sind immer da, aber eben im Hintergrund. Außerdem wichtig im Reggio-Kontext: Transparenz. Alle Frieda-Türen sind verglast, jeder sieht jeden, alle inspirieren alle – zum Beispiel beim Bauen einer bunten Pyramide.

Lorenzini Kunst-Kita Frieda: Friedensallee 260 (Ottensen)


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Er liebt seinen Beruf: Schwimmmeister Frank Dobirr

Es gibt zu wenig Bade- und Schwimmmeister. Doch dass der Job alles andere als unattraktiv ist, beweist Frank Dobirr. Seit 40 Jahren sorgt er in Hamburgs Schwimmbädern für Sicherheit. Sein Wunsch: Lasst uns mehr Rücksicht aufeinander nehmen

Text: Felix Willeke
Interview: Ulrich Thiele

„Paule heißt er, ist Bademeister im Schwimmbad an der Ecke“, sangen schon die Ärzte 1984. Doch einen „Paul“ gibt es in Hamburg immer seltener: 2022 herrscht Bade- Schwimmmeistermangel. Das bestätigt ein Sprecher von Bäderland Hamburg SZENE HAMBURG. In Hamburg muss kein Schwimm- oder Freibad deswegen schließen, es komme jedoch schonmal zu eingeschränkten Öffnungszeiten.

„Der Job passt nicht mehr zur Lebensvorstellung der Menschen.“

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In Hamburg musste noch kein Schwimmbad wegen Bademeistermangel schließen (Foto: unsplash/Andreas Felske)

Das Problem: Es fehlt Personal. Einerseits im Nachwuchs, wo auch Qualität der Bewerber:innen zu wünschen übrig lässt: „Bei einigen sehen wir schon nach 15 bis 20 Metern beim Vorschwimmen, dass sie nicht ausreichend schwimmfähig sind“, so der Sprecher von Bäderland Hamburg. Und andererseits fehlen die Saisonarbeiter:innen. Alleine Bäderland Hamburg benötigt für die Freibadsaison 40 bis 50 zusätzliche Angestellte. Doch viele, die den Job früher als Saisonkraft im Sommer gemacht haben, haben sich während der Pandemie anderweitig umgeschaut. Es sei ähnlich wie in der Gastronomie, so der Sprecher von Bäderland Hamburg: Der Job als Schwimmmeister erfordere auch Arbeit am Abend, am Wochenende und an Freitagen und das passe nicht mehr zur Lebensvorstellung der Menschen.

Dabei gehören Schwimmbäder zur Daseinsvorsorge und Bäderland Hamburg ist ein städtischer Betrieb. Damit ist die Arbeit der Schwimmmeister sicher. Und dass sie auch erfüllend sein kann, beweist Frank Dobirr. Seit 40 Jahren sorgt er in Hamburgs Schwimmbädern für Sicherheit und „passt auf, dass niemand ertrinkt“, wie es schon die Ärzte sangen – ein Gespräch über Handys, Rücksicht und die Liebe zum Beruf.

„Ich liebe meinen Beruf“

SZENE HAMBURG: Herr Dobirr, sind Sie Schwimmmeister oder Bademeister?

Ich bin Schwimm­meister – und zusätzlich noch Saunameister.

Was ist der Unterschied?

Bademeister ist ein medizinischer Beruf. Das geht in Richtung Masseure und hat viel mit Wannen­ und Wasser­anwendung zu tun. Ein Schwimm­meister kümmert sich um die Wasser­aufbereitung, die Sicherheit, Verfah­renstechniken, die angewendet werden, um die Wasserqualität sicherzustellen, Schwimmunterricht, Kindergeburts­tage und Animation, Sauna, Kasse, Per­sonal. Im Alltagsgebrauch wird aber auch der Schwimmmeister als Bade­meister bezeichnet.

Warum wollten Sie Bade-, pardon: Schwimmmeister werden?

Ursprünglich wollte ich Masseur werden. Aber auf die 40 Ausbildungs­stellen kamen über 1.000 Bewerber, da habe ich mir nicht so viele Chan­cen ausgerechnet. Da ich aus dem Schwimmsport kam, haben mir Bekannte meiner Eltern die Hamburger Wasserwerke empfohlen, die damals für die Schwimmbäder zuständig waren. Also habe ich mich da beworben – zum Glück.

Von den 40 Jahren als Schwimm­meister haben mir 39,5 Jahre richtig Spaß gemacht. Ich liebe meinen Beruf, die Herausforderung, die Abwechslung. Das Arbeiten mit den Kunden und Kollegen ist sehr vielschichtig, was ich damals gar nicht so erwartet hatte. Letztendlich besteht der Beruf aus 15 verschiedenen Berufsfeldern.

„Wir müssen den menschliche Körper kennen“

Schwimmeister Frank Dobirr

Und zwar?

Wir Schwimmmeister müssen uns mit Reinigungstechniken auskennen, mit dem Kassenwesen, mit Verwaltungs­aufgaben, dem Wassergehalt, der Auf­sicht, der Sauna. Wir können auch handwerkliche Aufgaben übernehmen.

Besonders wichtig ist, das wir die Physiologie des menschlichen Körpers kennen, wie die Lage der Organe oder die Funktion der Leberwerte und welche Symptome ein Herzinfarkt hat, damit wir entsprechend reagieren können. Meine Frau ist Krankenschwester, als ich meinen Meister gemacht habe, hat sie nur gestaunt, was ich alles lernen musste.

Schwimmmeister: Ein vielfältiger Job

Wie sieht ein typischer Tagesablauf aus bei so vielen Aufgaben?

Das kommt darauf an, ob ich Früh-­ oder Spätschicht habe …

Sagen wir Frühschicht …

Meine Frühschicht fängt in der Wo­che um halb sechs an. Zuerst teile ich das Personal ein. Dann geht es mit den Reinigungsarbeiten los: Ich messe die Wasserparameter, überprüfe, ob die Temperaturen überall stimmen und ob die Betriebssicherheit gegeben ist. Dann reinige ich das Schwimmbad und gegen halb sieben kommen die ersten Gäste – ab dann machen wir zu zweit Aufsicht. Zwischendurch kommt die Ablösung und ich springe derweil in anderen Bereichen ein: Kassenablösung, Sauna­aufgüsse. Nachmittags um halb drei kommt die Spätschicht zur Übergabe.

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Die Freibadsaison ist eröffnet! (Foto: Joe Pizzio)

Ein sorgloser Umgang mit dem Leben der Kinder

Was sind die häufigsten Zwischenfälle?

Es gibt immer mal wieder Unfälle, wenn Gäste barfuß am Beckenrand zu schnell laufen und ausrutschen. Oder wenn ein Gast rückwärts schwimmt und mit einem anderen zusammenstößt – dann gibt es mal eine Beule. Manch­mal gibt es auch Meinungsverschieden­heiten zwischen Badegästen.

Hören die Gäste auf Sie?

Wenn ich dem Gast in einer sach­lichen Sprache erkläre, warum das, was er macht, jetzt gerade nicht angesagt ist, dann hört er in der Regel auf mich. In den seltensten Fällen muss ich mir mal Unterstützung bei den Kolle­gen in Uniform holen. Ich bin jetzt fast 40 Jahre dabei. Wenn unsere Badegäste in die Halle kommen, erkenne ich schon, wen ich im Auge behalten muss.

„Die Smartphone-­Zombies laufen nicht nur auf der Straße herum

Schwimmeister Frank Dobirr

Woran erkennen Sie das?

Das ist einfach ein Bauchgefühl, erfahrungsbedingt. Mit der Zeit habe ich gelernt, Menschen anhand ihrer Körpersprache zu beurteilen.

Was ist die auffälligste Veränderung in den 40 Jahren?

Handys. Die Smartphone-­Zombies laufen nicht nur auf der Straße herum. Eltern kommen mit ihren Kindern zu uns, scrollen dabei permanent auf ih­ren Smartphones. Manchmal sehe ich, wie Kleinkinder mit Windeln unbeauf­sichtigt am Beckenrand herumlaufen oder sich über das Wasser beugen – da müssen sie nur das Gleichgewicht ver­lieren, um kopfüber ins Wasser zu fallen. Dieser sorglose Umgang mit dem Leben der Kinder ist schon auffällig.

„Wir sind keine Kita“

Wie reagieren Sie in so einem Fall?

Wenn wir feststellen, dass ein vier­jähriges Kind allein herumläuft, spre­chen wir es an und fragen, wo seine Eltern sind. Die stellen wir dann zur Rede: „Sie haben Ihre Aufsicht vernach­lässigt. Wenn was passiert, werden Sie Ihres Lebens nicht mehr froh.“ Meist kommen die Eltern ganz schön ins Schwitzen, wenn man ihnen die Kon­sequenzen klar aufzeigt.

Es ist nicht so, dass wir keine Lust haben, auf die Kinder aufzupassen – aber das ist die Verantwortung der Eltern.

Sind die Eltern überhaupt einsichtig?

Viele reagieren empfindlich, des­wegen muss ich mit viel Fingerspitzen­gefühl das Gespräch versachlichen. Dann zeigen sich die meisten Eltern auch einsichtig. Es gibt aber auch sol­che, die das nicht einsehen, nach dem Motto: „Wir haben Sie ja schließlich be­zahlt.“ Wir sind aber keine Kita. Und im Schwimmbad müssen kleine Kin­der einfach besonders gut beaufsichtigt werden, vor allem wenn sie noch nicht schwimmen können.

„Es dauert nicht lange, bis ein Kind ertrunken ist“

Mussten Sie schon rettend eingreifen?

Einmal ist ein zwölfjähriges Mäd­chen auf der Beckenkante abgerutscht und ins Wasser gefallen. Zum Glück konnte ich schnell eingreifen. Das Mäd­chen hatte einen Stimmritzenkrampf, deswegen ist kein Wasser in die Lunge gekommen. Aber ihr Gesicht war schon taubengrau. Das ist ein schrecklicher Anblick.

Es dauert nicht lange, bis ein Kind ertrunken ist, und genau deswe­gen ist die Aufsichtspflicht der Eltern so wichtig. In diesem Fall haben die Eltern allerdings ihre Aufsichtspflicht nicht verletzt, da das Mädchen schon zwölf und allein im Schwimmbad war.

Was ging in dem Moment in Ihnen vor?

In solch einem Moment kippt ein Schalter um – klack – und dann gilt nur noch: Reagieren. Machen. In dem Mo­ment war ich ganz klar und der Erste­-Hilfe­-Film lief wie automatisiert vor meinen Augen ab. Alle Sinne liefen auf Hochtouren. Entspannen konnte ich mich erst wieder, als die Entwarnung aus dem Krankenhaus kam. Leider be­kommen wir nicht immer eine Info, wie es den Gästen nach einer Rettung geht. Das ist dann sehr heftig für meine Kol­legen und mich, weil wir ja keine Ent­warnung erhalten.

„Die Zwischenmenschlichkeit, die Wärme, das Miteinander­nett­umge­hen – das wird leider immer weniger.“

Schwimmeister Frank Dobirr

Wie haben die Eltern reagiert?

Ich meine mich zu erinnern, dass die Eltern sich bei mir gemeldet und bedankt haben. Aber früher kam öfter, auch mal nach kleineren Unfällen, ein Dankeschön. Heute wird das immer seltener.

Woran liegt das?

In dem Hollywood­-Film „Avatar“ gibt es einen Schlüsselsatz, der die Ent­wicklung ganz gut verdeutlicht. Die Figuren in dem Film sagen dort: „Ich sehe dich als Wesen.“ Das verschwindet in unserer Gesellschaft. Es wird nicht mehr die Person gesehen, sondern nur noch der Nutzen, der Vorteil, der aus ihr gezogen werden kann. Und was man an die Person abgeben, damit man sich selbst aus der Verantwortung ziehen kann.

Die Zwischenmenschlichkeit, die Wärme, das Miteinander­nett­umge­hen – das wird leider immer weniger. Und seien es nur kleine Gesten im All­tag, wie auch einem Fremden die Tür aufzuhalten.

„Ich hole die Menschen aus ihrem Alltag heraus“

Was tun Sie dagegen?

Wenn ich an der Kasse sitze, mache ich mir oft einen Spaß mit den Leuten. Wenn eine Familie kommt und 13,70 Euro bezahlen muss, sage ich 1370 Cent. Sie gucken dann erst mal erschrocken, weil die Summe so riesig ist, ehe es ih­nen klar wird. Ich hole sie erst mal aus ihrem Alltag heraus. Die Menschen sind oft im Kopf noch ganz woanders, sodass sie völlig hektisch hier herein­ kommen und sofort in die Sauna stür­men wollen. Ich sage ihnen dann: „Kommen Sie erst einmal an, die Sauna ist ein Bereich der Ruhe.“

Das Leben ist so schnell, was auch wieder mit den Smartphones und der permanenten Errreichbarkeit zu tun hat, dass die Leute sich überhaupt nicht mehr erholen.

Was geben Sie den Hamburgern mit auf den Weg ins Bad?

Nehmt Rücksicht auf die anderen. Alle sollen Spaß haben. Aber es gibt Spielregeln. Wer von der Kante ins Was­ser springt, sollte vorher nachsehen, ob da auch niemand im Wasser ist. Er­wachsene sollten ein positives Vorbild für die Kinder sein. Und hört bitte auf die Anweisungen des Personals. Wir wollen nur sichergehen, dass jeder wie­der heil nach Hause kommt.

Dieses Interview ist erstmalig im Juli 2019 erschienen


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Sternenkinder: Jasmin Schreiber fotografiert tote Babys

Die Bloggerin Jasmin Schreiber macht ehrenamtlich Fotos von Babys, die vor oder kurz nach der Geburt sterben. Warum das ein wichtiger Teil der Trauerarbeit der Eltern ist, erzählt sie im Interview

Text und Interview: Ulrich Thiele
Foto (o.): Privat

SZENE HAMBURG: Jasmin, du bist Biologin, Journalistin und Fotografin. Auf deinem Blog schreibst du über den Tod: „Ich weiß wenig von alldem, hatte bislang kaum Todesfälle in meinem engeren Umfeld.“ Wie bist du trotzdem dazu gekommen, dich so intensiv mit dem Thema zu konfrontieren?

Jasmin: Ein paar Fälle in meinem Umfeld gab es doch. Als vor einigen Jahren in meinem Freundeskreis ein Kleinkind gestorben ist, haben mich die Eltern gefragt, ob ich das Kind für sie fotografieren kann. Ich fand die Vorstellung seltsam, habe es aber trotzdem gemacht. Und als die Nichte einer Freundin von mir im Grundschulalter an Krebs erkrankt ist, habe ich sie oft besucht und gesehen, wie viele ehrenamtliche Sterbebegleiter es gibt und was für wertvolle Arbeit die leisten.

Als ich später nach Berlin gezogen bin, habe ich deswegen nach einem Ehrenamt in diesem Bereich gesucht. Dabei bin ich auf die Organisation „Dein Sternenkind“ aufmerksam geworden. Die Organisation schickt Fotografen los für Familien, bei denen das Baby im Mutterleib oder kurz nach der Geburt stirbt.

Wie war deine erste Begegnung mit einem Sternenkind?

Ich war aufgeregt und hatte Angst. Ich kam um zwei Uhr nachts im Krankenhaus an und war mit dem toten Baby allein in einem Raum, weil die Eltern nicht dabei sein wollten. Dadurch hatte ich zum Glück keinen Druck und meine Angst, den Eltern gegenüber etwas falsch zu machen, spielte keine Rolle. Ich konnte alles in Ruhe vorbereiten.

Wie gehst du mit den dunklen Momenten um? Wenn du auf deinem Blog schreibst, wie du auf Eltern triffst, die sich monatelang vorbereitet haben und wie der Großvater ganz klassisch ein Bett für das Baby selbst gebaut hat – das ist selbst als Leser schwer erträglich.

Klar, es gibt Situationen, die unfassbar traurig sind und wehtun. Ich bin kein Stein und ich blinzle hinter der Kamera auch meine Tränen weg. Aber ich muss diese Arbeit professionell angehen. Ich kann mich distanzieren und nehme nichts auf eine belastende Art und Weise mit nach Hause. Wenn ein Arzt jedes Mal zusammenbrechen würde, wenn ein Patient stirbt, dann könnte er nach drei Tagen nicht mehr weiterarbeiten.

 

 

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Ist deine Arbeit immer so dunkel, wie sich die meisten Menschen das vorstellen?

Nein, ich bin immer wieder erstaunt, wie viel gelacht wird. Bei meinem zweiten Sternenkind waren die Eltern dabei. Ich war fünf Stunden bei ihnen, weil im Krankenhaus eine Versorgungslücke herrschte und ich gemerkt habe, dass sie gerade jemanden brauchen. Am Anfang dachte ich, ich würde nur niedergeschmettert sein und weinen.

Aber da war auch viel Licht und Liebe im Raum. Denn letztlich treffen auch die Eltern eines Sternenkindes zum ersten Mal auf ihr Baby und sie schauen wie Eltern, deren Kind gesund zur Welt gekommen ist, wessen Augen es hat. Sie sind auch stolz, dass sie so ein schönes Baby haben.

Inwiefern helfen die Bilder?

In einer solchen Situation geht alles schnell und vieles rauscht an den Eltern vorbei. Vor allem die Mütter sind oft noch unter Medikamenteneinfluss. Ein Bild ist eine Erinnerung, eine Möglichkeit, den Moment festzuhalten und zu zeigen, dass alles real war. So können sie sich den Moment mit ihrem Baby immer wieder vor Augen führen – was auch wichtig für die Trauerbewältigung ist.

Beim Lesen deiner Blog-Texte fällt auf, was für ein großes Mitteilungsbedürfnis die Eltern dir gegenüber haben, obwohl du für sie eine Fremde bist. Woran liegt das?

Sie müssen mich nicht schonen. Mit einer Fremden können sie anders reden als mit medizinischem Personal oder mit Familienangehörigen, sie können alles herauslassen und mir Dinge sagen, die sie anderen Leuten nicht sagen würden. Am Anfang hat mich das überrascht und ich wusste nicht, wie ich damit umgehen soll.

 

„Die Eltern fragen mich dann, ob sie Schuld seien“

 

Was für Dinge sind das?

Viele der Sternenkinder haben genetische Defekte wie Trisomie 13, oft auch in Kombination mit einem Herzfehler. Die Eltern fragen mich dann, ob sie Schuld seien. Vor allem Mütter haben Angst, dass sie etwas gemacht haben könnten, was das Kind getötet hat. Ich zeige ihnen dann, wie eine Chromosomenteilung aussieht und dass sie darauf keinen Einfluss haben.

Deine Texte haben eine gesellschaftliche Dimension, wenn du schreibst, wie das Umfeld auf eine Fehlgeburt reagiert …

Diese Kinder, die in der 26. Schwangerschaftswoche sterben, sind winzig. Ein Bewusstsein dafür, dass so ein Kind dennoch eine richtige Person ist, ist noch nicht da. Das Umfeld sieht deswegen nur eine fehlgeschlagene Schwangerschaft. Dann kommen Sätze wie: „Na ja, ihr seid ja noch jung, dann probiert ihr es halt noch mal.“

Für die Eltern ist das schmerzhaft, weil dieses Kind für sie ein Individuum war. Wenn der Opa stirbt kommt schließlich auch niemand und sagt: „Halb so wild, du hast ja noch einen anderen Opa.“

Woran liegt das?

Es ist vermutlich ein Überbleibsel aus alten Zeiten, als eine Fehlgeburt noch schambehaftet war. Ganz früher war die Frau schuld, wenn etwas bei der Schwangerschaft schiefgegangen ist. Später hat man zwar erkannt, dass die Frau nicht schuld ist, aber eine fehlgeschlagene Schwangerschaft galt noch immer als peinlich und eklig.

Den Müttern wurden die Kinder auch gar nicht gezeigt – die Kinder wurden sofort in ein Tuch gewickelt und entsorgt. Diese Mütter haben ein Sternenkind und reden nie darüber, obwohl sie die Wunde auch 40 Jahre später noch spüren.

Der Tod ist in unserer Kultur generell noch ein Tabuthema, schreibst du auf deinem Blog. Warum?

Wir werden immer säkularer, die religiösen Rituale fallen weg. Nur wenige haben sich neue Rituale überlegt. Dementsprechend herrscht eine Leerstelle: Wie geht man mit dem Tod um, wenn man nicht an Gott glaubt? Wir leben in dieser technisierten Welt, in der ein Leben medizinisch in die Länge gezogen werden kann. Da wirkt der Tod fast schon wie ein Fehler. Deswegen sagen Ärzte: „Wir konnten Ihren Vater nicht mehr retten“, obwohl er 95 Jahre alt war.

 

„Da wirkt der Tod fast schon wie ein Fehler“

 

Was macht diese transzendentale Leerstelle mit dir?

Ich persönlich glaube nicht an Gott, aber die Vorstellung, nach meinem Tod einfach nicht mehr zu existieren, macht mir Angst. Diese Angst kann mir auch nichts und niemand nehmen.

Also auch nicht deine Arbeit mit dem Tod…

Viele romantisieren meine Arbeit und denken, ich hätte ein harmonisches Verhältnis zum Tod. So ist es aber überhaupt nicht. Der Tod versetzt mich nicht so sehr in Angst und Schrecken, dass ich gelähmt bin und mein Leben nicht mehr weiterleben kann. Ich steigere mich nicht hinein und sitze auch nicht den ganzen Tag zusammengekrümmt auf dem Boden und heule, weil ich sterblich bin – aber ich fahre auf Sichtweite mit dem Tod und mache mir bewusst, dass ich sterblich bin.

 

 

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Dein Blog heißt „Sterben üben“. Das „Üben“ läuft also nicht auf einen abgeschlossenen Punkt zu?

Das Leben ist ein ewiges Hadern und kein abgeschlossener Prozess. Mal denke ich mit Gelassenheit darüber nach, dass ich sterben werde. Dann denke ich wiederum: Oh Gott, ich werden sterben, wie furchtbar! Diese normale Grundangst ist etwas absolut Menschliches und wichtig, sonst würde ich nicht nach rechts und links schauen, bevor ich über die Straße gehe. Angst vorm Tod klingt so negativ, aber es heißt auch, dass ich gerne lebe.

Aber was bedeutet „Sterben üben“ konkret?

Sterben zu üben, bedeutet nichts anderes als zu leben. Wir werden sterben, und „Sterben üben“ bedeutet, dass man bewusst lebt. Das klingt total abgedroschen, aber so ist es. Wir sind oft leichtsinnig und denken, der Tod hätte nichts mit uns zu tun.

Aber je älter wir werden, umso näher kommen die Einschläge um uns herum – etwa, wenn die Eltern altern und gebrechlich werden oder wenn Freunde oder die Kinder von Freunden sterben. Wir sollten uns auch deshalb mit diesem Thema konfrontieren, um zu lernen, mit diesen Menschen umzugehen.

 Sterbenueben.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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