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Neuer Club: Aus Moloch wird die Anderswelt

Das Oberhafenquartier ist ständig im Wandel. Über fünf Jahre war das Moloch ein subkultureller Club-Stachel in der fortschreitenden Bebauung der HafenCity. Nun verkündete die Betreiber-Crew das Ende. Doch es geht spannend weiter. Für mindestens zehn Monate wird aus Moloch die Anderswelt.

Interview und Fotos: Ole Masch

Lange wurde gehofft, spekuliert, Gerüchte gestreut. Es folgte Abschiedsparty nach Abschiedsparty. Anfang September war es offiziell. Die Kerncrew des beliebten Underground Clubs Moloch, von Gästen liebevoll Mutti genannt, verkündete ihr „Closing ohne Closing“ und beendete damit nach fünf Jahren ein Projekt unzähliger legendärer elektronischer Nächte (und Tage). Man sei sich mit dem Gängeviertel, welches die Fläche verwaltet, nicht über die Modalitäten zur Fortführung einig geworden.

 

Neues Clubprojekt

 

Damit verliert Hamburg eines der innovativsten und mehrfach ausgezeichneten Clubprojekte der letzten Jahre – und gewinnt gleichzeitig etwas Neues. Wie das Gängeviertel mitteilte, geht im Oberhafen die Anderswelt an den Start: „Ein kollektiver, partizipativer und basisdemokratischer Ort für kulturelle und künstlerische Projekte und natürlich exzessive Clubkultur“.

Mehrere Wochen sei von zahlreichen Kollektiven und über 100 Beteiligten geplant, gebaut und entworfen worden. SZENE HAMBURG sprach mit Freya und Gwen vom Anderswelt-Kollektiv über das neue Kulturprojekt.

 

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Die Tür zur Anderswelt steht offen (Foto: Ole Masch)

 

SZENE HAMBURG: Freya und Gwen, wer genau macht die Anderswelt?

Freya: Es ist ein Projekt des Gängeviertel e. V., welches aus einem neuen internen Betreiber-Kollektiv und vielen weiteren ehrenamtlichen Helfern aus der subkulturellen Club- und Kreativszene besteht.

Wir als Kollektiv wollen einen Freiraum für Kunst und Kultur aller Art schaffen und sehen uns nicht nur als reinen Club-, sondern auch als Kreativbetrieb, den man in Form von Dekoration, Licht, Ton und Entertainment in zehn verschiedenen Welten erleben kann. Ein bisschen Hippie-Charme ist auch dabei (grinst).

Wofür steht der Name?

Freya: Anderswelt klingt so schön unkonventionell. Nach Utopie, nach Freiheit und nach Möglichkeiten. In unserem Fall durch Partizipation im Projekt in vielerlei Form, besonders bei der Gestaltung.

Die keltische Mythologie hinter dem Begriff haben wir erst danach entdeckt, finden sie aber auch sehr inspirierend – unsere erste Welt hatte diesen mystischen Look, die nächste wird ganz anders, versprochen!

 

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Arbeit im Kollektiv: neuer Außenbereich (Foto: Ole Masch)

 

Welche Veränderungen gibt es gegen­ über des Molochs?

Gwen: Musikalisch wollen wir ein breiteres Publikum ansprechen, das dennoch in die Location passt. Also Countrymusic wird es nie werden (lacht). Beim Opening hatten wir zum Beispiel das erste Mal eine reine Bassnight mit Trap, Grime und ordentlich Ghetto-Tech! Auch Psy-Trance, DnB, und eine Menge Live-Acts sind geplant.

Freya: Außerdem möchten wir die Diversität von Geschlechtern, Herkunft und so weiter zur Normalität werden lassen – das ist uns ein großes Anliegen.

Und räumlich?

Freya: Wie es bei uns aussieht? Kommt vorbei! Wir haben zwei neu gestaltete Floors und einen neuen Außenbereich, drei Bühnen, Installationen und interaktives Geschehen, das sich jeden Monat verändert und erweitert.

Es geht also auch draußen weiter?

Gwen: Ja! Wir hoffen, den goldenen Oktober nutzen zu können, um noch mal ein bisschen Festival-Feeling in den Herbst zu holen – ansonsten geht es im nächsten Frühjahr draußen weiter. Vielleicht überlegen wir uns auch noch was für den Winter, lasst euch überraschen!

 

„Die Anlagen sind der Shit und die Halle scheppert nicht mehr!“

 

Kämpft ihr für eine dauerhafte Nutzung?

Freya: Das ist geplant, ja. Wir sind in Gesprächen mit den entsprechenden Stellen wie Kreativgesellschaft oder Hafencity GmbH und generell daran interessiert, dass Hamburg wichtige subkulturelle Orte erhalten bleiben. Wie genau eine langfristige Nutzung der Fläche aussehen kann, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.

Wann endet die aktuelle Betriebs­erlaubnis?

Freya: Im Juni 2020.

Das Moloch hatte immer wieder mit Lärmbeschwerden zu kämpfen. Wie geht ihr damit um?

Gwen: Wir haben ein paar Dinge an der Soundtechnik und den Einbauten so verändert, dass wir Lautstärke einsparen können, aber nicht auf besten Klang verzichten müssen. In anderen Worten: Die Anlagen sind der Shit und die Halle scheppert nicht mehr!

Außerdem hoffen wir auf die Akzeptanz eines Clubbetriebs, der auf ein Veranstaltungswochenende im Monat reduziert ist und kommunizieren so viel wie möglich mit unseren Nachbarn im Oberhafen.

Und wie öffnet ihr an diesen Wochen­enden?

Gwen: Die Winteröffnungszeiten – je nach Wetterlage ab Oktober oder November – sind: Freitag 24 Uhr – Samstag 11 Uhr, dann wieder Samstag 24 Uhr – Sonntag 22 Uhr. Ab dem Frühjahr werden wir wieder durchgängig drei Tage geöffnet haben. Das Ganze von September 2019 bis Juni 2020. Zehn Monate, zehn Parallelwelten.

 

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Die Discokugel dreht sich schon (Foto: Ole Masch)

 

Welche Gäste wünscht ihr euch?

Freya: Wie schon erwähnt, versuchen wir musikalische Vielfalt anzubieten, daher auch ein breiteres Spektrum an Gästen. Das kann auch mal bunt werden, aber so und nicht anders, soll es ja auch sein. Das gilt auch für unsere Clubpolitik: Generell wollen wir die größtmögliche Freiheit für jeden; und niemanden – abgesehen von Rassisten, Sexisten, Homophoben und andere – aufgrund von Äußerlichkeiten oder Verhalten ausschließen.

Wir haben während der Veranstaltungen ein Awarenessteam, Psy-Care und Deutschlands einzige reine Frauentürstehercrew, die sich um Wohlbefinden und Sicherheit kümmern. Aber allem voran schreien wir „Rave on, Hamburg!“.

Anderswelt: Stockmeyerstraße 43 (HafenCity), Anderswelt #Zwei, 11.-13.10., 24 Uhr


Szene-Oktober-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Oktober 2019. Titelthema: Neu in Hamburg. Das Magazin ist seit dem 28. September 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Resozialisierung: Die Last der Freiheit

Wer aus der Haft entlassen wird, hat oft kein Geld, keinen Job und kaum Perspektiven. Auf dem Weg in ein geregeltes Leben braucht es viel Unterstützung, die nicht jeder bekommt – denn das System krankt

Text: Sophia Herzog

 

Für Stephan* ist es der „Ferrari unter den Hamburger Unterkünften“. Der 40-Jährige sitzt im Büro des „Hamburger Fürsorgeverein von 1948“, eine Kaffeetasse in der einen, einen Keks, den er sich gerade vom Konferenztisch geangelt hat, in der anderen Hand. Seine Wohnung liegt nur ein paar Stockwerke tiefer – im Wohnheim des Fürsorgevereins, in dem ehemalige Strafgefangene nach ihrer Entlassung bis zu eineinhalb Jahre ein temporäres Zuhause finden. Hier sollen sie mit enger Betreuung und Beratung in die Gesellschaft zurückintegriert werden.

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Das Wohnheim an der Max-Brauer-Allee

Stephan kam im Oktober des letzten Jahres in dem Wohnhaus in der Max-Brauer-Allee an, direkt aus der Haft. Es war nicht seine erste. Viermal wurde Stephan bereits wegen Diebstahl, Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz und Körperverletzung verurteilt. Das erste Mal, 2002, sei es für ihn fast ein Segen gewesen, erzählt er heute, „Ich war damals völlig auf Drogen“. Gleich nach der Entlassung ist er „wieder rein ins alte Leben“. Es folgte ein zweiter Gefängnisaufenthalt, anschließend zog er zu seiner Freundin. „Wir hatten sehr viel Kindesverlust“, erzählt Stephan. „Neun Mal.“ Es kam oft zu Streit, „Ich bin dann ausgerastet, in die Stadt gefahren, hab das ganze Wochenende durchgemacht, Drogen und Alkohol konsumiert, mich in Kneipen geprügelt, eine Anzeige nach der anderen kassiert“, so Stephan. „Und dann kam die nächste Haft.“

Fälle wie der von Stephan sind für Deutschland nicht ungewöhnlich: Wer hierzulande einmal in Haft landet, der sitzt mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann wieder hinter Gitter. Laut einer Untersuchung des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz wird jeder zweite Straffällige in den neun Jahren nach seiner Entlassung rückfällig – davon wiederrum die Hälfte sogar innerhalb des ersten Jahres.

 

„Freiheit kann überfordern“

 

Ein Blick ins nördliche Europa zeigt, dass das auch anders geht: In Norwegen liegt die Rückfallquote von ehemaligen Häftlingen bei rund 20 Prozent. Dabei ist die Resozialisierung von Straftätern in Deutschland sogar als wichtigstes Vollzugsziel im Strafvollzugsgesetz aufgeführt. Gleich im zweiten Paragraphen des Gesetzestexts steht: „Im Vollzug der Freiheitsstrafe soll der Gefangene fähig werden, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen.“ Aber: Was macht das so schwer?

„Freiheit kann überfordern“, findet Sozialpädagogin Elena Massaro, die im Wohnheim des Fürsorgevereins entlassene Strafgefangene betreut. Viele Männer, mit denen sie hier zu tun habe, kämen aus schwierigen Verhältnissen, haben Beziehungsabbrüche zu Vätern oder anderen nahestehenden Personen erlebt und wären mit Armut, Gewalt und frühestem Drogenkonsum aufgewachsen. „Wenn ich früher nicht gelernt habe, wie ich mein Leben gut organisiere, dann lerne ich das natürlich auch nicht im Knast.“ Denn dort, so Elena, sei alles organisiert. Tagesabläufe sind strukturiert und vorgegeben, Insassen müssen sich um wenig selbst kümmern. „Wer sich im Gefängnis anpasst und an die Regeln hält, findet sich nicht automatisch in der Freiheit zurecht“, so Elena.

„Selbstbestimmung, Frustrationstoleranz oder Entscheidungsfindung sind Eigenschaften, die man im Gefängnis nicht braucht oder lernt.“ Aber mit der Freiheit nach der Entlassung kommen auch die Verpflichtungen: Ex-Inhaftierte müssen Arbeitslosengeld beantragen, mit der Krankenversicherung sprechen und sich bei den Behörden ummelden. Das ist kompliziert und dauert oft mehrere Wochen. „Ein ganz großes Paket, mit dem viele überfordert sind“, so Elena. „Nachdem sie zum Teil lange Zeit eingesperrt waren und dann plötzlich wieder aktiv und eigenverantwortlich handeln müssen, geben manche auf und gehen wieder klauen oder dealen, um sich über Wasser zu halten.“ Andere flüchten sich, wie Stephan nach Haft Nummer eins, in alte Lebensmuster – Menschen mit einer Drogenvergangenheit beispielsweise finden in Rauschmitteln eine Zuflucht, die ihnen die Realität nicht bieten könne.

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Wohnheim und Anlaufstelle: Hier bekommen ehemalige Straffällige Unterstützung

Beim Hamburger Fürsorgeverein füllen Elena und ihre Kollegen Anträge aus oder begleiten bei Behördengängen. Wenn die vielen Formalien, die nach der Haft anfallen, abgearbeitet wurden, helfen sie bei der Zukunftsplanung oder der Job- oder Wohnungssuche. Auch nach dem Auszug aus dem Wohnheim bleiben die Pädagogen auf Wunsch noch länger Ansprechpartner. „Ich frage mich schon, wie die Menschen nach der Haft diese Hürden überwinden, wenn sie nicht die gleiche Unterstützung haben, die wir hier im Fürsorgeverein bieten“, so Elena.

21 Plätze bietet das Wohnheim – bei rund 3.500 Inhaftierten, die jährlich aus dem Hamburger Strafvollzug entlassen werden. Wer einziehen will, muss sich deshalb offiziell bewerben und in einem langen Vorstellungsgespräch eine entsprechende Motivation zur Veränderung zeigen. Neben dem Fürsorgeverein engagieren sich zwar auch noch andere Einrichtungen, wie der Integrationshilfen e. V., für die Resozialisierung, eine gesetzliche Regelung gab es bis vor Kurzem aber nicht.

 

Neue Gesetzgebung

 

Lange diskutiert wurde das im Januar in Kraft getretene „Hamburgische Resozialisierungs- und Opferhilfegesetz“ – mit dem Ziel „straffällige Klientinnen und Klienten zu befähigen, ein Leben in Eigenverantwortung ohne weitere Straftaten zu führen“. Die neue Gesetzgebung räumt jedem Strafgefangenen in Hamburg einen Rechtsanspruch auf einen Wiedereingliederungsplan ein.

Auf dem Papier liest sich die neue Maßnahme gut: Den Gefangenen soll in den sechs Monaten vor der Entlassung ein breites Angebot „von der Suchtberatung, der Schuldnerberatung über schulische- und berufsbildende Maßnahmen bis hin zu therapeutischen Angeboten“ offenstehen. Und auch nach der Haft sollen die Straffälligen laut Gesetz für ein weiteres halbes Jahr von einem „Fallmanager“ Unterstützung in Sachen Wohnungs- oder Jobsuche, Anträgen oder Gesundheitsfragen bekommen.

Dieses sogenannte „Übergangsmanagement“ soll so dem „Entlassungsloch“ entgegenwirken. „Das Gesetz stellt die Weichen richtig“, findet Prof. Dr. Bernd Maelicke, Experte für Kriminal- und Sozialpolitik und Honorarprofessor an der Leuphana Universität in Lüneburg. Dass ambulante Maßnahmen, also die Betreuung durch das Übergangsmanagement nach der Entlassung, überhaupt gesetzlich geregelt werden, sei modellhaft für andere Bundesländer – eine ähnliche gesetzliche Regelung gibt es bis jetzt nur im Saarland. Bisher wurde in Deutschland zu sehr auf die Reformation und Modernisierung des Strafvollzugs gesetzt. Aber das Gefängnis selbst kann die Aufgabe der Wiedereingliederung nach der Entlassung nicht übernehmen. Die ambulante Betreuung zur Resozialisierung sei nicht nur effektiver, sondern langfristig auch billiger, so Maelicke, „Dieser Blickwinkel setzt sich immer mehr durch.“

Die Einführung des Gesetzes ist also generell eine positive Entwicklung – das System, in das es eingeführt wurde, hat laut Bernd Maelicke allerdings seine strukturellen Fehler. Erster Kritikpunkt: Die Gerichts- und Bewährungshilfe, also die Sozialen Dienste der Justiz, die sich um die Wiedereingliederung der Straffälligen kümmern, sind in Hamburg organisatorisch in die Behörde für Soziales integriert. In allen anderen Bundesländern liegen diese Aufgaben bei der Justizbehörde. Das sei sinnvoll, weil so die Zusammenarbeit mit Staatsanwälten, Richtern und dem Strafvollzug im Alltag weitaus effektiver gestaltet werden könne, so Maelicke. Denn: Gerichts- und Bewährungshilfe werden nur dann tätig, wenn sie einen Auftrag von der Staatsanwaltschaft oder von Gerichten erhalten. Weil diese Kommunikation in Hamburg nicht nur innerhalb der Justiz abläuft, führt das zu sinkenden Auftragszahlen. Dadurch gehen auch die Betreuungen durch die Bewährungshilfe nach der Entlassung zurück, kritisiert Maelicke. „Damit nimmt die Gefahr von Rückfällen zu, und das sollte unbedingt vermieden werden.“

Neben der Neuorganisation wünscht er sich von der Stadt Hamburg außerdem: mehr finanzielle Förderung für und eine engere Zusammenarbeit mit der freien Straffälligenhilfe, also den vielen Vereinen und Organisationen, die sich außerhalb des staatlichen Systems für die Resozialisierungshilfe engagieren. Diese leisten in Sachen Eingliederung sehr wichtige Arbeit, in dem neuen Gesetz haben sie aber nur eine nachrangige Bedeutung. „Diese Strukturprobleme werden durch das neue Gesetz nicht behoben.“

 

„Ich bin froh, hier zu sein“

 

Wie wirksam das Resozialisierungs- und Opferschutzgesetz also tatsächlich sein wird, zeigt sich wohl erst in einigen Monaten. Konkrete Zahlen, die den Erfolg der neuen Regelung belegen könnten, gibt es bisher noch nicht. In den ersten drei Monaten sind laut einer Kleinen Anfrage der CDU an den Senat 371 Strafgefangene für die Beratung des Übergangsmanagements in Frage gekommen, weil ihre Haftentlassung sechs Monate entfernt war. 274 von ihnen wurden tatsächlich beraten, der Rest wurde frühzeitig entlassen oder lehnte die Maßnahme ab. Inwiefern für diese Strafgefangenen aber tatsächlich ein Resozialisierungsplan erstellt wurde, kann der Senat noch nicht beantworten. Eine Evaluation befände sich in der Vorbereitung.

Auch, wenn es noch keine aussagekräftigen Statistiken gibt – was Resozialisierung für den Einzelnen bedeutet, zeigt ein Blick auf das Wohnheim des Fürsorgevereins. „Die Männer, die hier leben, strengen sich alle wahnsinnig an und geben sich richtig Mühe“, erzählt Elena. Einer davon ist Stephan: Jetzt, da er es bis zum Fürsorgeverein geschafft hat, will er dranbleiben. „Ich bin froh, hier zu sein“, sagt er. Im Wohnheim fühle er sich zwar wohl, ein richtiges Freiheitsgefühl habe er bei der engen Betreuung der Pädagogen allerdings nicht. „Ich weiß aber auch, dass ich meine Ziele nicht erreichen würde, wenn ich komplett frei wäre.“ Seine Ziele, das sind: ein fester Job, eine eigene Wohnung. Die Zukunft geht er Schritt für Schritt an, eins nach dem anderen. „Aber jetzt gerade, für den Moment, ist alles gut.“

*Name wurde geändert, aber ist der Redaktion bekannt


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Open-Air-Küche: Festivalfood kann mehr als Dosenravioli

Kochbuchautor Stevan Paul beweist, dass Essen auf Festivals mehr sein kann als Dosenravioli und ruft zur Rettung der Camping-Kochkultur auf. Eine Ode an die Draußen-Küche

Text: Stevan Paul
Fotos: Daniela Haug

Dieser Moment: die Nacht noch kühl in Königsblau, am Ende der Straße kündet ein Streifen in Rot und Orange vom kommenden Sommertag, die letzten Taschen, Kisten und Boxen sind im Bus verstaut, alle da und Türen zu, die Musik geht an und los! Rauf auf die Straße, raus aus dem Alltag und rein ins Abenteuer. Unterwegs sein, auf Reisen.

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Stevan Paul kocht gegen die kulinarische Verwahrlosung unter freiem Himmel

Der Weg ist das Ziel und das Ziel ist die Freiheit für ein paar Tage ein anderes Leben zu leben, ein Leben unter freiem Himmel, draußen feiern, kochen, entspannen, mit Zelt und Rucksack, mit dem Bulli, dem Camper. Die Ruhe am See genießen, in den Bergen, am Strand – oder die Musik, den Lärm und die Lebensfreude auf einem Musikfestival. Egal wo und wie, einfach mal: rauskommen.

Ich bin süchtig danach. Ich liebe Kochen und am liebsten koche ich draußen. Schon als Kind war ich mit den Eltern und Geschwistern auf großer Fahrt mit unserem Campingbus, ein orangefarbener Dehler Profi, T3 Baujahr 1979. Es ist der Geschmack meiner Kindheit, auf französischen Campingplätzen: sonnenwarme Tomaten mit Olivenöl, ein knusprig splitterndes Baguette, dick bestrichen mit La vache qui rit-Frischkäse, „die Kuh die lacht“, wir Kinder haben es geliebt.

Und Abends, sonnenwarm-saftige Pfirsiche, fettschwitzende korsische Wildschweinwürste vom Grill (hat uns keiner gesagt, dass das Wildschwein war!), Mama und Papa in Rotweinseligkeit knutschend (schlimmer als Wildschwein-Bratwurst!). Und schon damals die Erkenntnis: Wie einfach Draußen-Küche ist, es braucht nicht viel.

 

Ins Gespräch kommen, teilen und probieren

 

Irgendwann hab ich das alles mal kurz vergessen, ich bin nach Berlin gezogen, weil man das damals so gemacht hat, weil das früher mal zum gelungenen Lebenslauf gehörte, in Berlin gewohnt zu haben. Zumindest wenn man, wie ich, aus einer kleinen Kreisstadt kam. Alles war wichtiger in Berlin, der Job, der Look, die Nacht … Ich habe es in vier Jahren kein einziges Mal an den Wannsee geschafft, die brandenburgische Seenplatte und den Spreewald erst entdeckt, als ich endlich in Hamburg lebte.

Wissen Sie eigentlich wie schön der Sommer im Norden ist? Campen am Stocksee, Ausflug an den Hohwachter Strand, Picknick im Jenisch-Park, sandige Sandwiches vor der Strandperle mümmeln, Grillparty am Falkensteiner Ufer.

Und gern auch mit Musik: Früh entdeckte ich Open-Air-Festivals als ideale Auszeit zwischen Arbeitsalltag und Urlaub, kleine Fluchten, mit Lieblingsmenschen, Zelt und Campingkocher. Nur ein Umstand trübte anfangs die gute Stimmung: das schlechte Essen.

Ich habs nicht verstanden: Wir arbeiten alle so viel und verbringen dann aber die knappe Freizeit mit Freunden bei zumindest diskutabler Grundversorgung: Dosenfutter, Tütensuppen, verbrannte Würstchen vom Einweggrill.

Aus Notwehr, ich bin schließlich gelernter Koch, entwickelte ich im Laufe der Jahre eine Festival- und Campingküche, die bewies, dass es gerade auch unterwegs, nicht zur kulinarischen Komplettverwahrlosung kommen muss. Bis heute glaube ich, dass ich der Erfinder der trinkbaren Kühlelemente bin, ich entwickelte ein Drei-Tage-Festival-Grill-Programm, schrieb detailreiche Pack- und Einkaufslisten.

 

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Mit dem Campingkocher gekocht: Quesadillas und Salsiccia Bohneneintopf

 

Ich ließ mich auslachen, wenn ich zum frisch gebrühten Kaffee, Milchschaum aufschlug – am nächsten Tag standen auch die Zeltnachbarn Schlange. Auch darum geht es beim Draußen-Kochen: Mit anderen ins Gespräch kommen, teilen und probieren, sich überraschen lassen! Essen verbindet und bringt die Leute zusammen, gerade auch unterwegs. Unvergessen: der „Rolling Stone“-Redakteur, dem ich auf dem Melt-Festival ein Steak mitgrillte, worauf der in sein Zelt griff und für uns eine mitgebrachte Flasche Châteauneuf-du-Pape entkorkte. Haben wir dann aus den offiziellen Festivalpfandbechern getrunken – schmeckte himmlisch!

Dabei ist es nicht entscheidend, was man einpackt, auspackt, kocht oder grillt, keep it simple, zumindest am Anfang: ein Stück guter Käse, reife Tomaten, Salz und Olivenöl sind ein wunderbares Essen und die Welt ist schön.

Es ist wie so oft im Leben, es macht Spaß mit seinen Aufgaben zu wachsen. Und mit etwas Vorbereitung, einfachen Rezepten, Tricks und Kniffen, ist Open-Air-Küche ein müheloses Vergnügen. Feiern wir doch diesen Sommer miteinander und mit ein paar köstlichen Kleinigkeiten! Einfach loslegen und dann: alle mal raus jetzt!

 

Festival-Food zum Nachkochen

 

In seinem Kochbuch „Open Air“ präsentiert Stevan Paul über 100 Outdoor-Rezepte jenseits von Dosenravioli und Tütensuppe und gibt Tipps zu Ausstattung, Transport und dem richtigen Umgang mit Gaskocher und Grill.

 

Tomaten-Avocado-Quesadilla

 

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  • Für 4 bis 6 Quesadillas:
  • 1 bis 2 Tomaten
  • Salz, 1 Prise Zucker
  • 1 Avocado
  • etwas Zitronensaft
  • 8 bis 12 Tortilla-Fladen (16 cm ø)
  • 150 bis 200 g geriebener Cheddar
  • (wahlweise Bergkäse oder Gouda)
  • Pfeffer und Olivenöl

 

Zubereitung

Tomaten in Scheiben schneiden und mit Salz und Zucker würzen. Avocado halbieren, Stein entfernen, Fruchtfleisch aus der Schale lösen und in Streifen schneiden. Mit Salz würzen, mit Zitronensaft beträufeln.

Die Hälfte der Tortilla-Fladen mit der Hälfte des Käses bestreuen. Tomaten und Avocado drauf verteilen, pfeffern. Mit dem übrigen Käse bestreuen, mit den übrigen Tortilla-Fladen deckeln, leicht andrücken.

Die Quesadillas nacheinander in einer dünn mit Olivenöl ausgestrichenen Pfanne auf dem Gaskocher bei milder Hitze von jeder Seite 4 bis 6 Minuten „braten“. Dabei ab und zu leicht rütteln, damit nichts ansetzt. Zum Wenden Quesadilla auf einen Teller stürzen und auf der ungebräunten Seite wieder in die Pfanne gleiten lassen. Vierteln und sofort servieren.


OpenAir-kochbuchStevan Paul ist Kochbuchautor und freier Foodjournalist. „Open Air – das Festival- & Camping-Kochbuch“ ist im Brandstätter Verlag erschienen. Sein Online-Magazin NutriCulinary gehört zu den meistgelesenen im Netz.


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2019 im Handel und zeitlos im 
Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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