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Kunst im öffentlichen Raum: Gefährliche Nachbarschaften

„Wie verändert sich die Skulptur, wenn ein Polizist daneben steht?“ Diese Frage ist das Leitmotiv für die neue Kunstausstellung des Park Fiction Komitee. Unter dem Titel „Gefährliche Nachbarschaften“ werden auf St. Pauli Werke von 17 internationalen Künstler:innen gezeigt

Text: Felix Willeke

 

2005 wurde der Park Fiction eröffnet und zur gleichen Zeit begann der damals CDU-geführte Senat damit, Gefahrengebiete einzurichten. Diese gibt es seit 2014 nicht mehr, denn sie heißen heute „Gefährliche Orte“ und sind polizeirechtlich leicht verändert. Dazu kommt auf St. Pauli seit 2014 auch die „Task Force Drogen“, die regelmäßig durch den Stadtteil geht und damit ist St. Pauli zusammen mit der Bezeichnung „Gefährlicher Ort“ stigmatisiert worden, sagt Margit Czenki. Sie ist Co-Kuratorin der neuen Ausstellung „Gefährliche Nachbarschaften“, die das Park Fiction Komitee zusammen mit 17 internationalen Künstler:innen auf St. Pauli eingerichtet hat. Vom 2. bis 27. November 2022 widmet sich die Ausstellung eben jener Stigmatisierung des Stadtteils.

Vom Neuen Pferdemarkt bis zum Fischmarkt  

Dabei spannen die Werke einen dramaturgischen Bogen vom Neuen Pferdemarkt bis zum Fischmarkt. Es beginnt mit einer Arbeit von Hans D. Christ. Der Direktor des Württembergischen Kunstvereins setzt am Neuen Pferdemarkt die Beleuchtungs- und Anti-Corner-Politik ins Verhältnis zum übergeordneten Kontrollregime zu den Protesten im Sommer 2020 im Stuttgarter Schlossgarten, die es anlässlich einer rassistische Polizeikontrolle gab.

Am Paulinenplatz fragt sich Autor Niels Boeing in seiner Arbeit: „Wie verändert sich das Treffen (das Gespräch), wenn ein Polizist daneben steht?“ Er nimmt dabei eine vermeintlich verloren gegangene informelle Freiheit im Viertel auf und verknüpft sie mit der hohen Polizeipräsenz.

Die Polizei mische „sich in unglaublich viele Dinge ein, was früher so nicht passiert ist“, sagt Christoph Schäfer, einer der Co-Kuratoren der Ausstellung. Er selbst zeigt in seiner Arbeit eine Alltagsszene entlang der Silbersacktwiete: Zwei Beamte der Task Force nehmen die gesamte Breite des Gehsteigs in Anspruch und die Bewohner:innen müssen mit Einkäufen in der Hand über die Straße ausweichen. 

Der Rundgang endet mit einem utopischen Blick zurück nach vorn. Die vier Bilder der Fotografin Simone Bergmann aus ihrem Zyklus „Isle of Wight“ aus dem Jahr 1970 zeigen Menschen, wie sie scheinbar magnetisch angezogen auf einem Punkt zusammenströmen. Damit soll das forderungslose Zusammenkommen symbolisiert werden. Dieses stehe am Ursprung fast aller demokratischer Bewegungen der letzten zwölf Jahre – sei es der Arabische Frühling, die Proteste im Gezi-Park oder die Besetzung von öffentlichen Plätzen in Spanien.

Gefährliche Nachbarschaften Hans D. Christ/Park Fiction Komitee

Hans D. Christ thematisiert die Beleuchtungs- und Anti-Corner-Politik im Gegensatz zum Einsatz der Polizei im Stuttgarter Schlossgarten im Sommer 2020 (©Hans D. Christ/Margit Czenki für Park Fiction)

Kunst im öffentlichen Raum

Für den 6. November um 15 Uhr ist ein Rundgang durch die Ausstellung mit dem Co-Kurator Christoph Schäfer geplant. Startpunkt ist der Neue Pferdemarkt. Die Führung wird mit englischer Übersetzung angeboten und ist kostenlos. 

Die Ausstellung „Gefährliche Nachbarschaften“ ist eine von sechs Kunstausstellungen im öffentlichen Raum, die im Rahmen des Programms „41 Jahre Kunst im öffentlichen Raum“ von der Behörde für Kultur und Medien gefördert werden. 


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Museum der Arbeit: Von der Vielfalt des Konflikts

Kaum etwas in dieser Welt ist so omnipräsent wie Konflikte. Ob auf persönlicher, beruflicher oder politischer Ebene – sie finden überall statt. Das Museum der Arbeit widmet dem Thema nun eine Ausstellung

Text: Rosa Krohn

 

„Ein Konflikt ist eine von mindestens einer Seite als emotional belastend und/oder sachlich inakzeptabel empfundene Interaktion, die durch eine Unvereinbarkeit der Verhaltensweisen der Interessen und Ziele sowie der Annahmen und Haltungen der Beteiligten gekennzeichnet ist.“, so eine Definition aus der aktuellen Ausstellung „Konflikte“ im Museum der Arbeit. Seit dem 3. November 2021 setzt sich die Ausstellung mit diversen Fragen rund um dieses Thema auseinander: Wann entsteht ein Konflikt? Wann lohnt es sich, Stellung zu beziehen und wann, nach Kompromissen zu suchen? Wie lassen sich unnötige Konflikte vermeiden und verhärtete Fronten aufweichen? „Konflikte“ ist eine multimediale Ausstellung mit kreativ aufbereiteten Informationen, Geschichten, Installationen und Raumbildern. Einen besonderen Schwerpunkt setzt die Ausstellung beim Blick auf historische und aktuelle Konflikte speziell in Hamburg: Sei es der Streit um Wohnraum, die Auseinandersetzungen rund um den G-20- Gipfel oder die Fridays-For-Future-Demonstrationen.

 

Allgegenwärtigkeit von Konflikten

 

Demonstration gegen die Internationale Bau Ausstellung und Internationale Gartenschau in Hamburg 2013 (Foto: Daniel Nide)

Demonstration gegen die Internationale Bau Ausstellung und Internationale Gartenschau in Hamburg 2013 (Foto: Daniel Nide)

Konflikte sind ebenso häufig wie vielfältig. Sie sind der ständige Begleiter menschlicher Kommunikation und mal mehr und mal weniger zielführend wie konstruktiv. Auf persönlicher Ebene beeinflussen sie das Liebes- und Familienleben und somit unser Glück. Im Berufsleben bestimmen sie unseren Arbeitsalltag und unsere Karrieren. In politischen Fragen ist der Konflikt maßgeblich: Er führt zu konstruktiven Auseinandersetzungen, kann jedoch ebenso in Kriegen oder internationalen Krisen münden. Die heutige Zeit scheint zudem besonders konfliktreich zu sein: Politischer Extremismus, Shitstorms, Filterblasen und der voranschreitende Klimawandel sind Themen, mit denen sich die Gesellschaft konfrontiert sieht. Durch das Internet und den ständigen Austausch in sozialen Medien können heute sämtliche Konflikte öffentlich ausgetragen werden. Hier setzt die Ausstellung an: Besucher sollen informiert, sensibilisiert und im Idealfall dazu angeregt werden, sich am gesellschaftlichen Geschehen und Diskurs zu beteiligen.

„Konflikte“ im Museum der Arbeit, 3. November 2021 bis 8. Mai 2022; museum-der-arbeit.de


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Bundestagswahl 2021: Tendenzen und ein Königsmacher

Kein klarer Wahlsieger, außer in Hamburg. Dazu eine Regierungsbildung mit Königsmacher – das war die Bundestagswahl 2021. Ein Kommentar

Kommentar: Felix Willeke

 

„Das wird scheiße, stell dich darauf ein, du wirst deprimiert sein“, sagte meine Freundin noch eine Stunde vor der ersten Hochrechnung und was soll ich sagen, sie hatte recht. Die Wahl lässt einen im ersten Moment so zurück, wie ein kräftig versalzenes Abendessen: enttäuscht, ratlos und mit leicht verzogenem Gesicht. Auf Bundesebene gibt es keinen klaren Wahlsieger, die AfD verliert zu wenig, die Grünen gewinnen nicht so wie erhofft, und auch die Linke hält sich nur dank ihrer Direktmandate im Parlament.

In Hamburg hingegen ist das Ergebnis deutlich: Rot-Grün. Ganz nach dem Motto: „Wat de Buur nich kennt, dat frett he nich“ (Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht), teilen sich in der Hansestadt die Direktmandate nur unter der traditionell beliebten SPD und den im Aufschwung befindlichen Grünen auf. Zusammen haben die beiden Parteien hier zudem 9,2 Prozentpunkte mehr Zweitstimmen erhalten als alle anderen Parteien zusammen.

Doch Hamburg ist eine Stadt. Liberal, weltoffen, zukunftsgewandt und nur bedingt so traditionell wie einige ländliche Regionen. Deswegen lässt sich aus Hamburg zwar in der Tendenz der bundesweite Trend ablesen, aber hier schlägt er deutlich stärker zu Buche – so verliert die CDU mit ihrer zum Teil rückwärtsgewandten Politik über zehn Prozentpunkte im Vergleich zu 2017, bundesweit aber nur knapp acht.

 

Und jetzt?

 

Aber was fangen wir damit jetzt an? Zuerst das vielleicht Positivste: Mit 76,6 Prozent war die Wahlbeteiligung bundesweit so hoch, wie zuletzt 2005. In Hamburg waren es sogar 77,8 Prozent, so viel wie seit 2002 bei Bundestagswahlen nicht mehr. Das ist gut, damit war das Interesse an der ersten Nach-Merkel-Wahl sehr groß, aber das Ergebnis … das ist mindestens so unsicher, wie die Lage beim G20-Gipfel in Hamburg – looking at you, Olaf Scholz.

In den unvermeidlichen Talkshows nach der Wahl, mit ungefähr so viel Informationsgehalt wie in einem Schweigekloster, wurde immer wieder von Königsmachern geredet. Königsmacher sind Parteien, ohne die als Juniorpartner keine Koalition möglich ist. Und da wir nach dieser Wahl auf eine Drei-Parteien-Koalition zusteuern – außer es wird wieder eine Kombination aus CDU und SPD und das will wohl niemand – gibt es nur einen Königsmacher. Aber wer ist das? Die Linke? Nein, denn nachdem das Rote-Socken-Gespenst von der Union in den letzten Tagen wie eine Sau durch beinahe jedes Dorf getrieben wurde, bleibt ihr, statt dem Beweis auch regieren zu können wie in Thüringen, nur die Rolle auf der Oppositionsbank. Chance vertan. Die Grünen sind es auch nicht, denn mit ihrem klaren Profil und als deutlich dritte Kraft werden sie zwar zum Koalieren gebraucht, können aber theoretisch mit allen, wie Robert Habeck in Schleswig-Holstein schon bewiesen hat. Somit wird es an ihnen nicht scheitern.

 

Der Königsmacher

 

Nein, der Königsmacher ist ein blonder Barde. Der Vorsitzende der FDP hat sich still und heimliche fast auf Höhe der Grünen gesungen. Nun wird er mit seinen Liedern vom freien Markt und der heiligen Schuldenbremse – vielleicht zusammen mit dem Grünen-Duo – vom Hof Scholz zum Hof Laschet wandeln und seine Dienste feilbieten. Waren es vor ein paar Jahren noch die Worte eines verlachten Hofnarren („Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren“), ist dieser in den letzten vier Jahren zum Barden gereift. Offensichtlich hören ihm heute viele Menschen gerne zu und müssen es nach dieser Wahl auch. Doch ob der neue Hof mit dem Barden und seinen Musikanten (und ja, es sind fast nur Männer) seine Freude haben wird, darf im Fall Rot-Grün durchaus bezweifelt werden. Fest steht hingegen: Ohne ihn wird nach dieser Bundestagswahl keine Musik gespielt.


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Wahlkampf: Kann man diesen Händen vertrauen?

Der amtierende Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz ist der erste Hamburger Politiker seit Helmut Schmidt, der sich um das Amt des Bundeskanzlers bewirbt. Lange schien das Ziel unerreichbar. Dann begann er die Wählergunst für sich zu gewinnen. Wird es fürs Kanzleramt reichen?

Text: Marco Arellano Gomes

 

In den vergangenen Monaten erschienen immer wieder Bilder vom amtierenden Vizekanzler, Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz, die ihn als Macher, als strahlenden Helden auf geheimer Mission präsentierten: Scholz telefonierend vor dem Kapitol in Washington D.C.; Scholz schmunzelnd vor dem Weißen Haus; Scholz auf einem Schnellboot beim G20-Treffen in Venedig; Scholz mit Allwetterjacke nach einer Geröll-Lawine im oberbayerischen Schönau; Scholz mit Sweatshirt in den überfluteten Gebieten Westdeutschlands. „007 – Keine Zeit zu Schlafen“. Es ist anzunehmen, dass die Fotografen nicht ganz zufällig dort standen. Der Wahlkampf geht in die Endrunde. Es schadet nicht, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Bilder bleiben hängen – und die besagten Bilder von Scholz sind sicherlich vorteilhafter als die eines feixenden Armin Laschet (CDU) im Flut-Katastrophengebiet oder einer grimmig dreinblickenden Annalena Baerbock (Grüne), die sich für ihr zusammengeschustertes Buch entschuldigt. Politik kann in Zeiten des Wahlkampfs gnadenlos und oberflächlich sein. Das wissen alle drei Kandidaten.

 

Wahlkampf mit Wumms

 

Scholz’ Bilder sind großes Kino mit „Wumms“ – und das kommt an: Auf die Frage, wem der drei Kanzlerkandidaten am ehesten das Amt des Bundeskanzlers zuzutrauen sei, stimmten laut ZDF-Politbarometer (Stand: 13. August) 59 Prozent für Scholz (SPD), 28 Prozent für Laschet (CDU) und 23 Prozent für Annalena Baerbock (Grüne). Die SPD konnte einen Anstieg in der Wählergunst von 19 Prozent (+3) verbuchen, während die CDU auf 26 Prozent fiel (-2) und die Grünen auf 19 Prozent (-2). Da vergeht selbst dem Kanzlerkarnevalisten Laschet das Lachen. Neben den vergleichsweise souveränen Auftritten von Scholz und den Patzern der politischen Kontrahenten sind es zwei Gründe, die den Hamburger Spitzenkandidaten im direkten Vergleich besser dastehen lassen: die umfangreichere politische Erfahrung auf Landes-, Bundes- und internationaler Ebene sowie die klareren Ziele.

Im Gegensatz zu anderen Kandidaten scheint Olaf Scholz ein Gespür dafür zu haben, wann ein Lächeln angebracht ist; Foto: Marco Arellano Gomes

Im Gegensatz zu anderen Kandidaten scheint Olaf Scholz ein Gespür dafür zu haben, wann ein Lächeln angebracht ist; Foto: Marco Arellano Gomes

 

Das SPD-Zukunftsprogramm

 

Im Mittelpunkt der mit „Zukunftsprogramm“ umschriebenen Wahlkampagne, die der Hamburger Werbe-Profi Raphael Brinkert für die SPD entwickelt hat, stehen die Begriffe „Respekt“ und „Kompetenz“. Die Kampagne ist stark auf den Spitzenkandidaten zugeschnitten. Er verkörpert das Programm, er steht für die SPD, er ist für alle da. SPD steht ab sofort für „Soziale Politik für Dich“ beziehungsweise für „Scholz Packt Das an“. Das ist die Botschaft, die auf allen Kanälen, an allen Touchpoints der Voter-Journey ausgespielt wird. Plakate, Broschüren, Karten und Social-Media-Posts sind im knalligen SPD-Rot gehalten. Und immer ist er drauf: Olaf Scholz, in Schwarz-Weiß, fotografiert mit speziellen WeitwinkelKameras, abgedruckt mit hohem Kontrast. „Little Olaf is watching you“.

Scholz möchte eine „Gesellschaft des Respekts“, in der Arbeit wertgeschätzt und entsprechend entlohnt wird, steht in der Broschüre. Der Mindestlohn soll hierzu auf 12 Euro erhöht, die Bildung der jungen Menschen gefördert, die Renten gesichert, bezahlbarer Wohnraum und eine gemeinsame Finanz-, Wirtschafts- und Sozialpolitik für Europa geschaffen werden. Deutschland soll klimaneutral, die Wirtschaft modernisiert, die Digitalisierung vorangetrieben und das Gesundheitssystem gestärkt werden – und hierzu sollen vor allem die finanziell besser gestellten über eine gerechtere Steuerverteilung einen größeren Beitrag leisten.

 

Die zündelnde SPD-Rakete

 

Scholz hat viel vor, will hoch hinaus. Nicht zufällig ist auf Seite 6 der Wahlbroschüre eine kleine rote Rakete abgebildet. Tatsächlich beginnt der Wahlkampf der SPD im August ein wenig zu zündeln. Aber reicht das für einen Höhenflug ins Kanzleramt? Scholz und sein Programm kommen zumindest an bei den Menschen. Am Donnerstagmittag, 5. August, war das in Eimsbüttel zu beobachten. Scholz ist zu Besuch. Um 13.12 Uhr erscheint er am Fanny-Mendelssohn-Platz, begrüßt die Flyer verteilenden Genossen und Genossinnen. Ein kurzer Plausch. Dann geht es weiter. Es stehen Gespräche mit den Einzelhändlern an. Kurz und pragmatisch, so kennt man Scholz. Es ist genau dieses Understatement und der zugrunde liegende Pragmatismus, die ihn in Hamburg so beliebt machten. Sieben Jahre (von 2011 bis 2018) regierte Scholz als Erster Bürgermeister die Hansestadt. Bis heute wird er liebevoll „König Olaf “ oder spöttisch „Prinz Valium“ genannt. Der 1958 in Osnabrück geborene, in Rahlstedt aufgewachsene, mit 17 Jahren in die SPD eingetretene, zwischenzeitlich als Anwalt arbeitende, seit 1998 mit SPD-Politikerin Britta Ernst verheiratete, leidenschaftlich joggende und in Potsdam und Altona wohnhafte Politiker konnte 2011 mit der sozialdemokratischen Partei in Hamburg die absolute Mehrheit erringen (48,4 Prozent). Bei seiner Wiederwahl 2015 reichte es noch immer für sagenhafte 45,6 Prozent – Werte von denen die SPD seither nur noch träumen kann.

 

Der Osterstraßenmarsch

 

Einige Personen sitzen an den Tischen einer Eisdiele und schauen neugierig herüber. Scholz trägt weißes Hemd, Maßanzug, Lederschuhe. Gemeinsam mit dem Eimsbütteler Bundestagsabgeordneten Niels Annen (SPD) spaziert er los, eine Traube Journalisten folgt, fotografiert und filmt ihn. Die Ampel an der Kreuzung Osterstraße/Heußweg schaltet auf Grün, Scholz und die Traube überqueren die Straße, die Ampel zeigt Gelb, dann Rot – wenn das mal kein Zeichen ist! Auf der anderen Straßenseite angekommen, entschwindet Scholz in einer Supermarktfiliale, dessen Logo erstaunlich dem der FDP gleicht. Eine versteckte Botschaft an Christian Lindner? Einige Journalisten folgen ihm, die meisten bleiben draußen und bringen sich für die nächsten Aufnahmen in Stellung. Für die Passanten gibts kein Durchkommen mehr: „Was ist denn hier los?“, fragt eine ältere Dame mit Einkaufskorb. „Olaf Scholz ist zu Besuch“, antwortet einer der Journalisten. „Och ja.“ Ein junger Mann stellt die gleiche Frage, erhält die gleiche Antwort, diesmal blitzt aber mehr Begeisterung auf: „Ach, echt, cool!“ Zum Einkaufen kommt der junge Mann aber nicht, die Bodyguards versperren den Eingang. Nach einigen Minuten tritt Scholz heraus, grinsend. Die Fotokameras klacken, die Traube gerät in Bewegung, vorbei an einer Parfümerie, einem Schuhgeschäft, einer Bäckerei. Die Passanten sind genervt: „Was soll denn das hier?“ Scholz begrüßt einen Arbeiter, der an einem der Außentische einen Kaffee trinkt. Ein anderer Gast ruft: „Finanzminister, Finanzminister,…“ – und nach einer kurzen Pause – „…wieso wird alles teurer?“. Scholz ist da schon einige Meter weiter, gibt Autogramme, lässt sich auf Selfies verewigen. Ein älterer Herr ruft von seinem Fahrrad herüber, dass Scholz sich schämen solle. Ein anderer mit Rauschebart ruft später, dass Scholz ins Gefängnis müsse. Sie spielen wohl auf die Cum-ExGeschäfte der Warburg Bank und den Wirecard-Skandal an, bei denen nicht ganz klar war, wieviel Scholz wusste und ob er möglicherweise hätte eingreifen können, wenn nicht gar müssen. Vielleicht ist aber auch der misslungene G20- Gipfel in Hamburg gemeint, oder die Mitwirkung an den Hartz-IV-Gesetzen – man weiß es nicht. Die meisten Passanten und Passantinnen in der Osterstraße begegnen ihrem ehemaligen Bürgermeister hingegen wohlwollend. Sie lächeln und freuen sich, dass er wieder zu Besuch ist: „Meine Stimme haben Sie“, ruft eine Frau mit Mund-Nasen-Schutz und hält ihren Daumen in die Höhe. Für Scholz ist der Besuch in Hamburg ein Heimspiel.

 

Bürgergespräch

 

Ob Scholz sich bei Betten Sievers über Laschets Schlafwagen-Wahlkampf informierte?; Foto: Marco Arellano Gomes

Ob Scholz sich bei Betten Sievers über Laschets Schlafwagen-Wahlkampf informierte?; Foto: Marco Arellano Gomes

Als Scholz in ein Betten-Fachgeschäft entschwindet – mutmaßlich, um sich über Laschets „Schlafwagen-Wahlkampf “ zu informieren –, fragt Jörg Dembeck, 77, Rentner aus Lokstedt, hellblaues Hemd, Jeans-Hose, ob es die Möglichkeit gäbe, Herrn Scholz zu sprechen. „Leider nein“, entgegnet einer der Organisatoren. 10 Minuten später kommt die Traube erneut an der Kreuzung Osterstraße/Heußweg vorbei. Scholz grüßt drei Jugendliche, die an der Ecke herumstehen. Erst erkennen sie ihn nicht, dann rufen sie laut „Olaaaaaaaaf “. Scholz muss lachen. So gelassen sieht man ihn nicht oft. Auf der anderen Straßenseite steht wieder Herr Dembeck und ergreift die Gelegenheit für ein Gespräch. Es geht um die Beiersdorf AG, um zwölf Hektar Grün- und Kleingärtenflächen, die leichtfertig feilgeboten wurden. „Sie haben sich über den Tisch ziehen lassen“, so Dembeck. Scholz hört sich alles mit stoischer Ruhe an, umzingelt von neugierigen Journalisten. Seine Gesichtszüge sind nun ernster. Die Sonne strahlt beiden auf die Köpfe – es gibt angenehmere Gesprächssituationen. Aber der ehemalige Bürgermeister nimmt sich Zeit. Er erklärt, wieso er die Entscheidung damals für richtig hielt. Scholz scheint mit sich im Reinen. Das Gespräch endet mit der humoristischen Bemerkung von Herrn Dembeck, dass man froh darüber sein könne, dass der besagte Konzern aus Eimsbüttel für Sonnencreme sorgt – so blieben ihre beiden kahlen Oberhäupter geschützt. Scholz grinst, Dembeck lächelt. Für einen kurzen Moment scheint der ehemalige SPD-Wähler zufrieden – nicht, weil die Argumente ihn überzeugt hätten, sondern weil der Kanzlerkandidat sein Anliegen ernst nahm, ihm mit Respekt begegnete.

 

Ziel Kanzlerschaft?

 

Es geht weiter, in Richtung Karl Schneider Passagen. Hier stellt Scholz sich den Fragen der Journalisten: ZDF, NDR, dpa, RTL sogar Bloomberg TV. Scholz spricht übers Impfen, die Maskenpflicht, Kostenbeteiligung bei Selbsttests. Er erzählt, wie berührt er darüber sei, dass so viele Bürgerinnen und Bürger ihm zutrauen, das Amt des Regierungschefs in Deutschland auszuüben. Dann entschwindet er in ein Spielwarengeschäft – mutmaßlich um sich Matrjoschka-Puppen anzuschauen.

Rechnerisch könnte es tatsächlich für Olaf Scholz als Kanzler reichen. Wenn es der SPD gelänge, im Wahlkampf weitere Prozentpunkte zuzulegen und vor den Grünen zu landen, wäre eine Ampelregierung (Rot-Grün-Gelb) unter Führung von Scholz möglich. Wahlen gewinnen kann er, mit den Grünen regieren auch, Lindner zu umgarnen ist ihm zuzutrauen. Aber kann er auch verlieren? Was Scholz zum Verhängnis werden könnte, ist vor allem seine eigene Partei. Noch steht diese geschlossen hinter ihm, doch die Bevölkerung scheint diesem Burgfrieden nicht zu trauen. Scholz ist nicht der erste SPD-Kanzlerkandidat, der mit seiner Partei hadert. Auch Helmut Schmidt hatte mit den Sozialdemokraten seine Differenzen. Eines aber verband Partei und Spitzenkandidaten damals: Respekt. Schmidt wurde Kanzler – worauf die Hamburger bis heute stolz sind. Scholz ist immer noch im Spielzeugladen. Vielleicht kauft er sich ein Exemplar „Mensch ärgere Dich nicht!“ – zum Eigengebrauch oder als Geschenk für den lieben Armin.


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„Sicherheitszone“: Katrin Seddigs neuer Roman

Katrin Seddigs Familienroman „Sicherheitszone“ spielt vor dem Hintergrund des G20-Gipfels in Hamburg. Ein Gespräch über gesellschaftliche Brüche, die Unübersichtlichkeit der Welt und Wege aus der Ohnmacht

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Zu Beginn steht ein Zitat der polnischen Dichterin Wisława Szymborska: „Ich ziehe das Chaos der Hölle dem Chaos der Ordnung vor.“ In „Sicherheitszone“ zerfällt die Ordnung der Familie Koschmieder. Die 17-jährige Imke ist bei „Jugend gegen G20“ aktiv. Ihr großer Bruder Alexander steht als Polizist auf der anderen Seite. Thomas, der Vater, verlässt die Familie für eine jüngere Frau – die Ernüchterung folgt schnell. Während einer Demo gerät er auf der Suche nach Imke in einen Tumult und wird von einem Polizisten attackiert: „Er hatte die ganze Zeit gedacht, er könne außen vor bleiben, alles als Beobachter sehen, und sein eigener Irrtum wird ihm so kalt und klar, so höhnisch bewusst, als wäre er ein Irrtum nicht nur in diesem Moment, sondern seines ganzen Lebens.“

Seddigs Roman ist die Geschichte eines Umbruchs und der damit verbundenen Verunsicherung: „Die Welt, wie wir sie kannten, die ist vorbei. Sie ist schon länger vorbei, aber wir haben’s jetzt erst gemerkt“, konstatiert Thomas zum Schluss. Selten wurde das Chaos der Ordnung präziser seziert als in „Sicherheitszone“.

 

SZENE HAMBURG: Katrin, du hast Kultur einmal als lebenswichtig bezeichnet, weil mit ihrer Hilfe Krisen verdaut werden. Hast du G20 nun verdaut?

Katrin Seddig: Nein, ich spüre immer noch Wut und nicht aufgearbeitete Prozesse in mir. Aber während der Arbeit am Roman habe ich gelernt, Abstand zu nehmen und die Ausschreitungen wie ein historisches Bild zu betrachten.

Und kannst du die Ereignisse inzwischen irgendwie für dich einordnen?

Privat war das für mich ein Bruch. Mir wurde schlagartig klar, dass ich mich auf bestimmte Dinge nicht verlassen kann. Ich wusste schon vorher, dass es schwarze Schafe bei der Polizei gibt. Ich sehe auch ein, dass das eine schwierige Lage für die Polizisten war. Aber dass so massiv vorgegangen wird – etwa bei der Räumung des Camps – hat mich schockiert.

Ich habe da erst begriffen, dass man systematisch Gesetze brechen kann und dafür nicht belangt wird, wenn man Macht hat. Das ist vielleicht naiv, aber ich musste das wohl erst sehen, um es zu wissen.

 

Ein strukturelles Problem

 

Wo ist die Wurzel des Problems?

Das ist ein strukturelles Problem. Es ist keine Entscheidung von einzelnen Polizisten, dass es keine Folgen hat, wenn auf Menschen eingeprügelt wird, die schon am Boden liegen. Es gab damals noch keine Kennzeichnung von Polizisten, eine unabhängige Beschwerdeinstanz gibt es bis heute nicht. Und die Leute, die die Befehle geben, sind verantwortlicher als 20-jährige Polizisten, die die ganze Zeit angespuckt werden und irgendwann ausrasten.

Das entschuldigt nichts, ist aber menschlich nachvollziehbarer, als wenn fragwürdige Räumungsbefehle gegeben werden, obwohl man den Überblick hat und gar nicht physisch in Gefahr ist. Du hast die Ereignisse fiktiv verarbeitet.

Welche Rolle spielt das Narrative bei der Aufarbeitung?

Mir ist aufgefallen: Je weiter die Menschen weg von den Ereignissen waren, umso klarer war ihre Vorstellung davon, wie es gewesen ist. Diejenigen, die mittendrin waren, hatten gar keine Vorstellung, weil es so kompliziert und unübersichtlich war. Man kann immer nur einen Bruchteil sehen.

Manche Entwicklungen lassen sich durch Geschichten besser erfassen als durch Berichte. Ich biete nur eine Geschichte von vielen möglichen an. Deswegen war es mir wichtig, kein Sachbuch zu schreiben, sondern einen Familienroman.

Warum ein Familienroman?

Das kommt aus meiner persönlichen Situation heraus, weil ich in einer Familie lebe. Außerdem ist die Familie tatsächlich auch die kleinste Zelle der Gesellschaft, so klischeehaft das klingt. Darin spiegeln sich Konflikte vereinfacht wider. Und ich wollte ein Bild eines gesellschaftlichen Bruchs zeichnen.

Cover_Seddig_SicherheitszoneWie war das, dich in so unterschiedliche Charaktere hineinzudenken, die teilweise konträr zu deiner Einstellung stehen?

Unterschiedlich schwer. Mich in Jugendliche hineinzuversetzen, fällt mir schwerer, weil ich in dieser Gemeinschaft nicht mehr lebe und gerade Jugendliche sich stark von Erwachsenen abgrenzen durch ihre Sprache und sie sind untereinander ganz anders als vor Erwachsenen. Ich habe deswegen keine Jugendsprache verwendet, dieser Versuch hätte nur scheitern können. +

Natürlich ist es einfacher für mich, mich in Menschen meines Alters hineinzuversetzen, und leichter in Frauen als in Männer. Grundsätzlich kann man sich aber in alle Gedankengänge hineinversetzen, auch in böse. Man hat alle Regungen in sich, wenn man die konsequent weiterverfolgt, dann kann man sich alles denken.

Du sagst, es fällt dir leichter, dich in Frauen hineinzuversetzen als in Männer. Interessanterweise vertritt der Vater im Roman viele der Thesen und Meinungen, die du in deiner Taz-Kolumne vertrittst.

Das liegt vielleicht daran, dass der Vater die Hauptfigur sein musste, falls es überhaupt eine Hauptfigur in dem Roman gibt. Er ist der erste Handelnde, indem er die Familie verlässt. Er ist auch die tragischere und zugleich komischere Figur, weil er viel mehr der Lächerlichkeit preisgegeben wird als die anderen Figuren.

Warum eignet sich der Vater am besten für die Rolle der Hauptfigur?

Ich beobachte in meinem Umfeld, dass feinfühlige Männer meines Alters mit dominanten Vätern aufgewachsen sind. Sie haben größere Schwierigkeiten als Frauen, sich in der heutigen Welt zurechtzufinden – gerade weil sie nicht so sein wollen wie ihre Väter, aber doch noch ungewollt in dieser Welt stecken. Es ist bezeichnend, dass Frauen immer noch mehr im Haushalt machen. Der Mann ist also am besten geeignet für diese Art von ambivalenter Figur.

Außerdem ist es als Mann einfacher, auf komische Art zu scheitern. Männern wird mehr zugestanden, sie können großspurig scheitern. Frauen müssen ihren Weg gehen – wenn sie scheitern, ist das tragisch.

Warum ist das deiner Meinung nach so?

Weil die Frau immer als die Mutter gesehen wird. Wenn sie als Mutter scheitert, ist das tragisch für die Kinder. Wenn der Vater scheitert, gibt es für die Kinder noch die Chance, dass die Mutter gut für sie sorgt. Natürlich gibt es auch Fälle, in denen die Frau schwach ist und die Männer einspringen müssen, aber das sind eher die Ausnahmen.

Dein Blick auf die Menschen ist erst einmal desillusionierend, aber nicht verurteilend. Gehst du so an deine Figuren heran – mit kaltem Blick und Menschenliebe?

So kann man das nennen. Ich muss auf jeden Fall genau sein und darf nichts beschönigen. Gerade wenn man präzise auf einen Menschen blickt, kann man verzeihend sein. Wie man auch mit sich selbst umgehen sollte, so gehe ich mit den Figuren um.

Wie blickst du auf Alexander?

Er ist kein schlechter Mensch. Er ist liebevoll und der Familie zugeneigter als Imke. Er kümmert sich um die Großmutter und hat ein warmes Verhältnis zur Schwester. Er sucht eben nach Orientierung. Sein Problem ist eher, dass er zu wenig Einstellung hat.

 

„In der Schnelligkeit liegt der Teufel, dadurch ist der Blick auf die Welt oberflächlicher“

 

Was andeutungsweise mit einer Grundverunsicherung einhergeht, weil er adoptiert ist. War das eine bewusste Entscheidung von dir?

Ja, schon. Als Komposition in der Familie. Es gibt keine Familie, in der alle Kinder gleich behandelt werden. Aber bei einem Adoptivkind kommt es insofern zu Problemen, als es sich einbilden kann, dass es zurückgesetzt wird. Im Roman wird auch immer wieder angedeutet, dass Alexander dunkler ist, dass er eventuell migrantische Wurzeln hat. Er kann auch als Abbild der Gesellschaft für migrantische Kinder gesehen werden, die nie als ganz angenommen gesehen werden. Das ist ein gesellschaftliches Problem, wie damit umgegangen wird, wenn jemand nicht zu 100 Prozent dazu passt. Bei der Polizei findet Alexander Zugehörigkeit.

Macht die Unübersichtlichkeit dir auch zu schaffen?

Es macht mich fertig. Vor allem die Schnelligkeit der Nachrichten überfordert mich, gerade weil ich genau hinsehen und die Zusammenhänge verstehen will. Man muss aushalten, dass in dem, was man ablehnt, auch richtige und gute Anteile enthalten sein können. Und zugleich muss man immer die eigene Einstellung hinterfragen, weil man in seiner eigenen politischen Position immer auch selbstgefällig ist. Das ist eine große Arbeit, die die Medien nicht leisten könnten. In der Schnelligkeit liegt der Teufel, dadurch ist der Blick auf die Welt oberflächlicher. Die Zersplitterung führt auch zur Handlungsunfähigkeit. Aber auch im Zweifel muss man sich für eine Handlung entscheiden, sonst kann man nicht politisch aktiv sein.

Was glaubst du, wie man in 100 Jahren mit dem Segen der Spätgeborenen auf unsere verunsicherte Gesellschaft blickt?

Ich lese gerade die großen Gesellschaftsromane von Balzac, darin kann man sehen, wie die Menschen im 19. Jahrhundert lebten und dachten. Und wenn man Jane Austen liest und sieht, wie die Menschen in ihren Romanen miteinander umgehen – das sind die gleichen Peinlichkeiten wie heute. Austen ist so originell, weil man zwischendurch vergisst, dass ihre Romane in einer anderen Zeit und Gesellschaftsschicht spielen. Ich glaube, was im Menschen gleich bleibt, sind seine Schwächen. Die sind universell, auch wenn es regionale und zeithistorische Färbungen gibt.

Katrin Seddig: „Sicherheitszone“, Rowohlt Berlin, 464 Seiten
Autorenlesung am 5.9. in der Bücherhalle Elbvororte, 19 Uhr


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G20: „Das ist nicht akzeptabel.“

Stress im Viertel: Ladenbesitzer und Gastronomen im Schanzenviertel und St. Pauli fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Von den versprochenen G20-Entschädigungen ist bis heute nichts zu sehen. Nun fordern sie endlich Gehör.

„Niemand versucht ernsthaft mit uns zu reden“, so Falk Hocquél, der Inhaber des Schmidt & Schmidtchen bei der Pressekonferenz am Dienstag, 19. September, im Haus 73. Er und 61 andere Betriebe der Schanze, des Karoviertels und St. Pauli Nord haben sich zum Gewerbebund „Schanze miteinander“ zusammengetan und fordern nun endlich eine Entschädigung für die Auswirkungen des G20-Gipfels.

Der Bund und die Stadt Hamburg versprachen, mit 40 Millionen Euro die Geschädigten des Gipfels finanziell zu unterstützen. Doch von dem Geld hat hier bisher niemand etwas gesehen. Dabei belaufen sich die zusammengetragenen Gipfel-Schäden laut Gewerbebund auf rund 400 000 Euro, also nicht einmal 1 Prozent des versprochenen Härtefallfonds. Dieser Betrag ergebe sich aus Ertragsausfällen, Versicherungsbeitragserhöhung oder den Kosten der Verbarrikadierungen.

„Eine lächerlich kleine Summe“, so Hocquél.

Die Stimmung kocht. Bei der Pressekonferenz machten sich einige Anwesenden des Gewerbebunds, wie das Restaurant Südhang, das Hotel St. Annen oder Taschendealer ihrem Ärger Luft. Durch den Umsatzausfall des Gipfelwochenendes sei die Existenz von einigen Unternehmern ernsthaft bedroht.

„Manche von uns mussten Kredite aufnehmen oder sich Geld von Freunden leihen.“, so Christine Arisoy-Freitas von Mr. Kebab.

Und für diese Auswirkungen des Gipfels, da sind sich alle einig, übernehme die Politik keinerlei Verantwortung. Selbst eine Mail an den Fraktionsvorsitz und die Hamburgische Investitions- und Förderbank sei unbeantwortet geblieben. Dabei wünschen sich die Betroffenen nichts anderes, als einen Ansprechpartner, der sich ihrer Sache annimmt. Jetzt kommt die Dynamik in die Sache: Um ihren Protest öffentlich sichtbar zu machen, hängte der Gewerbebund am Haus 73, direkt neben der Flora, ein Banner mit einer klaren Botschaft auf:

Die „Zechenpreller“ sollen endlich Verantwortung übernehmen und ihre Schuld begleichen. 

/ JB

The People vs G20. Eine Film-Collage über den Gipfel

Ja, wir haben schon viele Bilder vom G20-Gipfel gesehen. Die Dokumentation “The People vs G20” von Film Fatal, einer Gruppe junger, kreativer Filmschaffender aus St. Pauli, ist dennoch sehenswert

Die Filmemacher haben die Ereignisse vor und während des Gipfels mit der Kamera begleitet, waren mittendrin – und haben daraus nun eine gekonnt aufbereitete, 27-minütige Collage geschaffen.

 

Keine wackeligen Handybilder, sondern hervorragend fotografierte Eindrücke mit einem fantastisch guten Blick für kleine, aber spannende Details. Mehr Infos zur Gruppe und aktuellen Screenings unter www.facebook.com/stpaulizoo

/Maike Schade / Bilder Premiere: Tobias Neugeschwender / Filmstills: Film Fatal

Wir empfehlen: Nehmt euch die Zeit und schaut rein. Lohnt sich!

 

Jannes Woche 17 25: Global Citizen

G20 allerorten. Wir planen eine Reihe von Aktionen, um die Politiker an die 17 Global Goals der UN zu erinnern. Start war Samstag, das Finale wird ein Hashtag-Takeover auf Twitter am Freitag.

Die Vertreter der mächtigsten Nationen sind zu Gast in unserer Stadt. Allerdings hermetisch abgeriegelt. Wir möchten sie dennoch daran erinnern, wofür sie politisch gewählt wurden. Budni als lokales Unternehmen möchte den Hamburgern dabei helfen. Mit Global Citizen als Partner mit prominenten Headlinern. Und einer digitalen Idee, die mit dem Bürger auf der Straße beginnt: »Think global, act local«.

Jeder, der Freitag auf den Hashtag #G20 klickt, wird dort unseren kreativen Protest sehen.

Wir haben fünf der drängendsten Global Goals mit Budni und Global Citizen ausgewählt und platzieren diese seit Samstag in Form von Toren in der Stadt. Die Hamburger lösen einen Tweet mit Foto aus, indem sie durch eins der Tore (Goals) gehen. Der Clou: In jedem Tweet sind G20-Politiker verlinkt. Die Posts werden also zu persönlichen Statements an die Staatschefs. Je mehr Menschen die Ziele erreichen, desto mehr Politiker werden an ihre Pflicht erinnert, aktiv an den Global Goals zu arbeiten.

Kein »gegen G20«, sondern – eben unsere Art – Tausende »freundliche Reminder« aus Hamburg: Jeder, der Freitag auf den Hashtag #G20 klickt, wird dort unseren kreativen Protest sehen. Und das heißt vor allem die Delegierten, Medienvertreter und Staatschefs vor Ort.

So wirkt sich die Haltung eines jeden Individuums positiv auf die globale Politik aus. Und das in Zeiten, wo der Einzelne, wo Demonstrationen, kaum noch gehört werden – in den sozialen Medien allerdings funktioniert das gerade… wir werden dort auftauchen, sobald Trump seinen Twitter-Kanal öffnet. Und das ist doch mal was…

Wir lesen uns Montag wieder, 

Jannes

 / Foto: Julia Schwendner

 


Who the fuck is… Jannes Vahl*?

Jannes Kolumne SZENE HAMBURGVision von und für Hamburg 
Kein Schwarz und Weiß, Kreativität Tag und Nacht, Natur grün und blau. 
 Rezept zum Runterkommen bei zu hohem Lebenstempo 
Meditation. Basketball. Radfahren. 
Karma-Cocktail für ein korrektes Leben 
Rumcola. Und jeden Tag versuchen, ein besserer Mensch zu sein.  ?

*Jannes Vahl ist Clubkinder-Gründer und Inhaber der Agentur Polycore. Und gibt jede Woche bei uns seine persönliche Sicht auf seine Woche.