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„Sicherheitszone“: Katrin Seddigs neuer Roman

Katrin Seddigs Familienroman „Sicherheitszone“ spielt vor dem Hintergrund des G20-Gipfels in Hamburg. Ein Gespräch über gesellschaftliche Brüche, die Unübersichtlichkeit der Welt und Wege aus der Ohnmacht

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Zu Beginn steht ein Zitat der polnischen Dichterin Wisława Szymborska: „Ich ziehe das Chaos der Hölle dem Chaos der Ordnung vor.“ In „Sicherheitszone“ zerfällt die Ordnung der Familie Koschmieder. Die 17-jährige Imke ist bei „Jugend gegen G20“ aktiv. Ihr großer Bruder Alexander steht als Polizist auf der anderen Seite. Thomas, der Vater, verlässt die Familie für eine jüngere Frau – die Ernüchterung folgt schnell. Während einer Demo gerät er auf der Suche nach Imke in einen Tumult und wird von einem Polizisten attackiert: „Er hatte die ganze Zeit gedacht, er könne außen vor bleiben, alles als Beobachter sehen, und sein eigener Irrtum wird ihm so kalt und klar, so höhnisch bewusst, als wäre er ein Irrtum nicht nur in diesem Moment, sondern seines ganzen Lebens.“

Seddigs Roman ist die Geschichte eines Umbruchs und der damit verbundenen Verunsicherung: „Die Welt, wie wir sie kannten, die ist vorbei. Sie ist schon länger vorbei, aber wir haben’s jetzt erst gemerkt“, konstatiert Thomas zum Schluss. Selten wurde das Chaos der Ordnung präziser seziert als in „Sicherheitszone“.

 

SZENE HAMBURG: Katrin, du hast Kultur einmal als lebenswichtig bezeichnet, weil mit ihrer Hilfe Krisen verdaut werden. Hast du G20 nun verdaut?

Katrin Seddig: Nein, ich spüre immer noch Wut und nicht aufgearbeitete Prozesse in mir. Aber während der Arbeit am Roman habe ich gelernt, Abstand zu nehmen und die Ausschreitungen wie ein historisches Bild zu betrachten.

Und kannst du die Ereignisse inzwischen irgendwie für dich einordnen?

Privat war das für mich ein Bruch. Mir wurde schlagartig klar, dass ich mich auf bestimmte Dinge nicht verlassen kann. Ich wusste schon vorher, dass es schwarze Schafe bei der Polizei gibt. Ich sehe auch ein, dass das eine schwierige Lage für die Polizisten war. Aber dass so massiv vorgegangen wird – etwa bei der Räumung des Camps – hat mich schockiert.

Ich habe da erst begriffen, dass man systematisch Gesetze brechen kann und dafür nicht belangt wird, wenn man Macht hat. Das ist vielleicht naiv, aber ich musste das wohl erst sehen, um es zu wissen.

 

Ein strukturelles Problem

 

Wo ist die Wurzel des Problems?

Das ist ein strukturelles Problem. Es ist keine Entscheidung von einzelnen Polizisten, dass es keine Folgen hat, wenn auf Menschen eingeprügelt wird, die schon am Boden liegen. Es gab damals noch keine Kennzeichnung von Polizisten, eine unabhängige Beschwerdeinstanz gibt es bis heute nicht. Und die Leute, die die Befehle geben, sind verantwortlicher als 20-jährige Polizisten, die die ganze Zeit angespuckt werden und irgendwann ausrasten.

Das entschuldigt nichts, ist aber menschlich nachvollziehbarer, als wenn fragwürdige Räumungsbefehle gegeben werden, obwohl man den Überblick hat und gar nicht physisch in Gefahr ist. Du hast die Ereignisse fiktiv verarbeitet.

Welche Rolle spielt das Narrative bei der Aufarbeitung?

Mir ist aufgefallen: Je weiter die Menschen weg von den Ereignissen waren, umso klarer war ihre Vorstellung davon, wie es gewesen ist. Diejenigen, die mittendrin waren, hatten gar keine Vorstellung, weil es so kompliziert und unübersichtlich war. Man kann immer nur einen Bruchteil sehen.

Manche Entwicklungen lassen sich durch Geschichten besser erfassen als durch Berichte. Ich biete nur eine Geschichte von vielen möglichen an. Deswegen war es mir wichtig, kein Sachbuch zu schreiben, sondern einen Familienroman.

Warum ein Familienroman?

Das kommt aus meiner persönlichen Situation heraus, weil ich in einer Familie lebe. Außerdem ist die Familie tatsächlich auch die kleinste Zelle der Gesellschaft, so klischeehaft das klingt. Darin spiegeln sich Konflikte vereinfacht wider. Und ich wollte ein Bild eines gesellschaftlichen Bruchs zeichnen.

Cover_Seddig_SicherheitszoneWie war das, dich in so unterschiedliche Charaktere hineinzudenken, die teilweise konträr zu deiner Einstellung stehen?

Unterschiedlich schwer. Mich in Jugendliche hineinzuversetzen, fällt mir schwerer, weil ich in dieser Gemeinschaft nicht mehr lebe und gerade Jugendliche sich stark von Erwachsenen abgrenzen durch ihre Sprache und sie sind untereinander ganz anders als vor Erwachsenen. Ich habe deswegen keine Jugendsprache verwendet, dieser Versuch hätte nur scheitern können. +

Natürlich ist es einfacher für mich, mich in Menschen meines Alters hineinzuversetzen, und leichter in Frauen als in Männer. Grundsätzlich kann man sich aber in alle Gedankengänge hineinversetzen, auch in böse. Man hat alle Regungen in sich, wenn man die konsequent weiterverfolgt, dann kann man sich alles denken.

Du sagst, es fällt dir leichter, dich in Frauen hineinzuversetzen als in Männer. Interessanterweise vertritt der Vater im Roman viele der Thesen und Meinungen, die du in deiner Taz-Kolumne vertrittst.

Das liegt vielleicht daran, dass der Vater die Hauptfigur sein musste, falls es überhaupt eine Hauptfigur in dem Roman gibt. Er ist der erste Handelnde, indem er die Familie verlässt. Er ist auch die tragischere und zugleich komischere Figur, weil er viel mehr der Lächerlichkeit preisgegeben wird als die anderen Figuren.

Warum eignet sich der Vater am besten für die Rolle der Hauptfigur?

Ich beobachte in meinem Umfeld, dass feinfühlige Männer meines Alters mit dominanten Vätern aufgewachsen sind. Sie haben größere Schwierigkeiten als Frauen, sich in der heutigen Welt zurechtzufinden – gerade weil sie nicht so sein wollen wie ihre Väter, aber doch noch ungewollt in dieser Welt stecken. Es ist bezeichnend, dass Frauen immer noch mehr im Haushalt machen. Der Mann ist also am besten geeignet für diese Art von ambivalenter Figur.

Außerdem ist es als Mann einfacher, auf komische Art zu scheitern. Männern wird mehr zugestanden, sie können großspurig scheitern. Frauen müssen ihren Weg gehen – wenn sie scheitern, ist das tragisch.

Warum ist das deiner Meinung nach so?

Weil die Frau immer als die Mutter gesehen wird. Wenn sie als Mutter scheitert, ist das tragisch für die Kinder. Wenn der Vater scheitert, gibt es für die Kinder noch die Chance, dass die Mutter gut für sie sorgt. Natürlich gibt es auch Fälle, in denen die Frau schwach ist und die Männer einspringen müssen, aber das sind eher die Ausnahmen.

Dein Blick auf die Menschen ist erst einmal desillusionierend, aber nicht verurteilend. Gehst du so an deine Figuren heran – mit kaltem Blick und Menschenliebe?

So kann man das nennen. Ich muss auf jeden Fall genau sein und darf nichts beschönigen. Gerade wenn man präzise auf einen Menschen blickt, kann man verzeihend sein. Wie man auch mit sich selbst umgehen sollte, so gehe ich mit den Figuren um.

Wie blickst du auf Alexander?

Er ist kein schlechter Mensch. Er ist liebevoll und der Familie zugeneigter als Imke. Er kümmert sich um die Großmutter und hat ein warmes Verhältnis zur Schwester. Er sucht eben nach Orientierung. Sein Problem ist eher, dass er zu wenig Einstellung hat.

 

„In der Schnelligkeit liegt der Teufel, dadurch ist der Blick auf die Welt oberflächlicher“

 

Was andeutungsweise mit einer Grundverunsicherung einhergeht, weil er adoptiert ist. War das eine bewusste Entscheidung von dir?

Ja, schon. Als Komposition in der Familie. Es gibt keine Familie, in der alle Kinder gleich behandelt werden. Aber bei einem Adoptivkind kommt es insofern zu Problemen, als es sich einbilden kann, dass es zurückgesetzt wird. Im Roman wird auch immer wieder angedeutet, dass Alexander dunkler ist, dass er eventuell migrantische Wurzeln hat. Er kann auch als Abbild der Gesellschaft für migrantische Kinder gesehen werden, die nie als ganz angenommen gesehen werden. Das ist ein gesellschaftliches Problem, wie damit umgegangen wird, wenn jemand nicht zu 100 Prozent dazu passt. Bei der Polizei findet Alexander Zugehörigkeit.

Macht die Unübersichtlichkeit dir auch zu schaffen?

Es macht mich fertig. Vor allem die Schnelligkeit der Nachrichten überfordert mich, gerade weil ich genau hinsehen und die Zusammenhänge verstehen will. Man muss aushalten, dass in dem, was man ablehnt, auch richtige und gute Anteile enthalten sein können. Und zugleich muss man immer die eigene Einstellung hinterfragen, weil man in seiner eigenen politischen Position immer auch selbstgefällig ist. Das ist eine große Arbeit, die die Medien nicht leisten könnten. In der Schnelligkeit liegt der Teufel, dadurch ist der Blick auf die Welt oberflächlicher. Die Zersplitterung führt auch zur Handlungsunfähigkeit. Aber auch im Zweifel muss man sich für eine Handlung entscheiden, sonst kann man nicht politisch aktiv sein.

Was glaubst du, wie man in 100 Jahren mit dem Segen der Spätgeborenen auf unsere verunsicherte Gesellschaft blickt?

Ich lese gerade die großen Gesellschaftsromane von Balzac, darin kann man sehen, wie die Menschen im 19. Jahrhundert lebten und dachten. Und wenn man Jane Austen liest und sieht, wie die Menschen in ihren Romanen miteinander umgehen – das sind die gleichen Peinlichkeiten wie heute. Austen ist so originell, weil man zwischendurch vergisst, dass ihre Romane in einer anderen Zeit und Gesellschaftsschicht spielen. Ich glaube, was im Menschen gleich bleibt, sind seine Schwächen. Die sind universell, auch wenn es regionale und zeithistorische Färbungen gibt.

Katrin Seddig: „Sicherheitszone“, Rowohlt Berlin, 464 Seiten
Autorenlesung am 5.9. in der Bücherhalle Elbvororte, 19 Uhr


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

G20: „Das ist nicht akzeptabel.“

Stress im Viertel: Ladenbesitzer und Gastronomen im Schanzenviertel und St. Pauli fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Von den versprochenen G20-Entschädigungen ist bis heute nichts zu sehen. Nun fordern sie endlich Gehör.

„Niemand versucht ernsthaft mit uns zu reden“, so Falk Hocquél, der Inhaber des Schmidt & Schmidtchen bei der Pressekonferenz am Dienstag, 19. September, im Haus 73. Er und 61 andere Betriebe der Schanze, des Karoviertels und St. Pauli Nord haben sich zum Gewerbebund „Schanze miteinander“ zusammengetan und fordern nun endlich eine Entschädigung für die Auswirkungen des G20-Gipfels.

Der Bund und die Stadt Hamburg versprachen, mit 40 Millionen Euro die Geschädigten des Gipfels finanziell zu unterstützen. Doch von dem Geld hat hier bisher niemand etwas gesehen. Dabei belaufen sich die zusammengetragenen Gipfel-Schäden laut Gewerbebund auf rund 400 000 Euro, also nicht einmal 1 Prozent des versprochenen Härtefallfonds. Dieser Betrag ergebe sich aus Ertragsausfällen, Versicherungsbeitragserhöhung oder den Kosten der Verbarrikadierungen.

„Eine lächerlich kleine Summe“, so Hocquél.

Die Stimmung kocht. Bei der Pressekonferenz machten sich einige Anwesenden des Gewerbebunds, wie das Restaurant Südhang, das Hotel St. Annen oder Taschendealer ihrem Ärger Luft. Durch den Umsatzausfall des Gipfelwochenendes sei die Existenz von einigen Unternehmern ernsthaft bedroht.

„Manche von uns mussten Kredite aufnehmen oder sich Geld von Freunden leihen.“, so Christine Arisoy-Freitas von Mr. Kebab.

Und für diese Auswirkungen des Gipfels, da sind sich alle einig, übernehme die Politik keinerlei Verantwortung. Selbst eine Mail an den Fraktionsvorsitz und die Hamburgische Investitions- und Förderbank sei unbeantwortet geblieben. Dabei wünschen sich die Betroffenen nichts anderes, als einen Ansprechpartner, der sich ihrer Sache annimmt. Jetzt kommt die Dynamik in die Sache: Um ihren Protest öffentlich sichtbar zu machen, hängte der Gewerbebund am Haus 73, direkt neben der Flora, ein Banner mit einer klaren Botschaft auf:

Die „Zechenpreller“ sollen endlich Verantwortung übernehmen und ihre Schuld begleichen. 

/ JB

The People vs G20. Eine Film-Collage über den Gipfel

Ja, wir haben schon viele Bilder vom G20-Gipfel gesehen. Die Dokumentation “The People vs G20” von Film Fatal, einer Gruppe junger, kreativer Filmschaffender aus St. Pauli, ist dennoch sehenswert

Die Filmemacher haben die Ereignisse vor und während des Gipfels mit der Kamera begleitet, waren mittendrin – und haben daraus nun eine gekonnt aufbereitete, 27-minütige Collage geschaffen.

 

Keine wackeligen Handybilder, sondern hervorragend fotografierte Eindrücke mit einem fantastisch guten Blick für kleine, aber spannende Details. Mehr Infos zur Gruppe und aktuellen Screenings unter www.facebook.com/stpaulizoo

/Maike Schade / Bilder Premiere: Tobias Neugeschwender / Filmstills: Film Fatal

Wir empfehlen: Nehmt euch die Zeit und schaut rein. Lohnt sich!

 

Jannes Woche 17 25: Global Citizen

G20 allerorten. Wir planen eine Reihe von Aktionen, um die Politiker an die 17 Global Goals der UN zu erinnern. Start war Samstag, das Finale wird ein Hashtag-Takeover auf Twitter am Freitag.

Die Vertreter der mächtigsten Nationen sind zu Gast in unserer Stadt. Allerdings hermetisch abgeriegelt. Wir möchten sie dennoch daran erinnern, wofür sie politisch gewählt wurden. Budni als lokales Unternehmen möchte den Hamburgern dabei helfen. Mit Global Citizen als Partner mit prominenten Headlinern. Und einer digitalen Idee, die mit dem Bürger auf der Straße beginnt: »Think global, act local«.

Jeder, der Freitag auf den Hashtag #G20 klickt, wird dort unseren kreativen Protest sehen.

Wir haben fünf der drängendsten Global Goals mit Budni und Global Citizen ausgewählt und platzieren diese seit Samstag in Form von Toren in der Stadt. Die Hamburger lösen einen Tweet mit Foto aus, indem sie durch eins der Tore (Goals) gehen. Der Clou: In jedem Tweet sind G20-Politiker verlinkt. Die Posts werden also zu persönlichen Statements an die Staatschefs. Je mehr Menschen die Ziele erreichen, desto mehr Politiker werden an ihre Pflicht erinnert, aktiv an den Global Goals zu arbeiten.

Kein »gegen G20«, sondern – eben unsere Art – Tausende »freundliche Reminder« aus Hamburg: Jeder, der Freitag auf den Hashtag #G20 klickt, wird dort unseren kreativen Protest sehen. Und das heißt vor allem die Delegierten, Medienvertreter und Staatschefs vor Ort.

So wirkt sich die Haltung eines jeden Individuums positiv auf die globale Politik aus. Und das in Zeiten, wo der Einzelne, wo Demonstrationen, kaum noch gehört werden – in den sozialen Medien allerdings funktioniert das gerade… wir werden dort auftauchen, sobald Trump seinen Twitter-Kanal öffnet. Und das ist doch mal was…

Wir lesen uns Montag wieder, 

Jannes

 / Foto: Julia Schwendner

 


Who the fuck is… Jannes Vahl*?

Jannes Kolumne SZENE HAMBURGVision von und für Hamburg 
Kein Schwarz und Weiß, Kreativität Tag und Nacht, Natur grün und blau. 
 Rezept zum Runterkommen bei zu hohem Lebenstempo 
Meditation. Basketball. Radfahren. 
Karma-Cocktail für ein korrektes Leben 
Rumcola. Und jeden Tag versuchen, ein besserer Mensch zu sein.  ?

*Jannes Vahl ist Clubkinder-Gründer und Inhaber der Agentur Polycore. Und gibt jede Woche bei uns seine persönliche Sicht auf seine Woche. 

G20-Protest in Hamburg. Interview mit Innensenator Andy Grote

„Ein Festival der Demokratie.“ So bezeichnet Innensenator Andy Grote die nahenden G20-Protest-Aktionen. Sein Rat? Cool bleiben! 

Ilona Lütje: Macht Ihnen der G20-Gipfel Angst?

Andy Grote: Nein. Ich bin sicher, dass wir uns das als Stadt zutrauen können.

Der Tagungsort mitten im linken St. Pauli und nur einen Steinwurf von der Schanze entfernt bietet allerdings mächtig Zündstoff, oder?

Auch auf St. Pauli und in der Schanze können Dinge passieren, die nicht jedem inhaltlich gefallen. St. Pauli ist aber auch der internationalste, toleranteste und offenste Ort, den wir in der Stadt haben. Und ich finde es ehrlich gesagt ein schwieriges Signal, zu verlangen, dass sich hier keine Regierungen treffen sollen.

Was kommt auf die Hamburger zu?

Wir werden, ähnlich wie beim OSZE-Gipfel im Dezember 2016, die Einschränkungen für die Hamburger so gering wie möglich halten. Der Gipfel wird allerdings Verkehrsbehinderungen mit sich bringen, durch die – zwar nur sehr wenigen – Sperrungen und durch die An- und Abreise der Delegationen von und zum Flughafen. Das ist aber alles nichts, womit man als Hamburger nicht einigermaßen gelassen umgehen könnte.

Alles andere liegt in den Händen derjenigen, die von außen Gewalt und Militanz hereintragen wollen. Damit müssen wir leider rechnen. Es wird voraussichtlich nicht ganz störungsfrei verlaufen. Aber wir werden alles unternehmen, um die Hamburger und die Gäste des Gipfels zu schützen.

Der Vergleich mit OSZE hinkt möglicherweise ein wenig: Das G20-Treffen hat allein durch Teilnehmer wie Trump und Erdogan eine ganz andere Qualität …

Ich glaube, es hat noch nie einen Gipfel mit so viel zivilgesellschaftlicher Begleitung gegeben. Gerade durch die Teilnehmer sind natürlich viele Menschen besonders motiviert, auf die Straße zu gehen und zu zeigen, was man von ihnen hält. Das soll auch alles seinen Raum haben. Es wird mehr Versammlungen in kürzester Zeit und mit mehr Teilnehmern als jemals zuvor in Hamburg geben. Man könnte fast von einem Festival der Demokratie sprechen. Und das steht Hamburg auch gut zu Gesicht.

Sie erwarten 4.000 gewaltbereite Demonstranten …

Die 4.000 ist eine Richtgröße aus der Situation vom 21.12.2013 (an dem Tag eskalierte eine Demonstration für den Erhalt der Roten Flora, Anm. d. Red.). Aktuell schätzt die Polizei das Potenzial gewaltbereiter Extremisten sogar auf bis zu 8.000 ein. Im Verhältnis zur Gesamtzahl der Teilnehmer ist es natürlich nur eine deutliche Minderheit. Aber es ist eine hohe Zahl, wenn es darum geht, ein friedliches, gewaltfreies Bild wahren zu wollen. 4.000 bis 8.000 gewaltorientierte Extremisten können uns eine Menge Ärger machen.

Mit welchen Maßnahmen gehen Sie dagegen vor?

Vor allem durch eine hohe Polizeipräsenz. In dem Moment, in dem es zu Gewalt kommt, zu Störungen, zu militanten Aktionen, wird die Polizei mit großer Klarheit und Konsequenz auftreten.

Welche Sicherheitsmaßnahmen werden konkret getroffen?

Im Vorbereitungsstab der Polizei planen rund 85 Kollegen den Einsatz. Wir bauen dabei auf die Erfahrungen mit dem OSZE-Gipfel auf. Die Dimensionen sind dieses Mal zwar größer, aber wir haben ein bewährtes Fundament. Die Szenarien, auf die man sich ganz konkret einstellt, werden fortlaufend angepasst.

Wie viele Beamte werden im Einsatz sein?

Mehr als 15.000 Polizisten aus verschiedenen Bundesländern. Zusätzlich ist die Bundespolizei deutschlandweit an Grenzen, Autobahnen oder Bahnhöfen im Einsatz. Die Bundeswehr übernimmt darüber hinaus Aufgaben wie Luftraumüberwachung und die Behandlung der beim Einsatz verletzten Beamten, um die Kapazitäten der zivilen Krankenhäuser zu schonen.

Im Netz werden bereits schlimme Szenarien gemalt …

Die Ankündigungen sind nicht alle realistisch. Wir nehmen zwar sehr ernst, was uns bereits an Gewalt angedroht wurde. Trotzdem: Wir hatten auch vor OSZE Szenarien wie „Die Stadt steht in Flammen“ und nichts ist passiert. Wir haben diesmal eine hohe Zahl an Gewaltbereiten, die sich nicht nur auf eine Parkbank setzen werden, aber die Polizei ist gut vorbereitet. Es gibt keinen Grund zur Hysterie. Mein Rat ist: Cool bleiben!

/ Interview: Ilona Lütje / Foto: Jakob Börner

Szene Hamburg 2017Das vollständige Interview mit Andy Grote über den G20 Gipfel lesen Sie in der Juni-Ausgabe der  SZENE HAMBURG. Erhältlich am Kiosk oder in unserem Online-Shop

#HHaltung & G20. Interview mit Nikolas Hill

Mit der Initiative Haltung.Hamburg wollen der ehemalige Staatsrat Nikolas Hill (Foto) und der langjährige Stadtvermarkter Thorsten Kausch eine friedliche Antwort auf G20 liefern. Jeder kann mitmachen

SZENE HAMBURG: Was steckt hinter der Initiative?

Nikolas Hill: Alles, was wir in der Vergangenheit als selbstverständlich erlebt haben – wie wir leben, mit all den Freiheiten und Rechten –, wird plötzlich infrage gestellt. Erst die Finanzkrise, dann die Flüchtlingskrise, dann die Entscheidung der Briten zum Brexit und jetzt die Sorge, dass die Franzosen bei der Präsidentenwahl im Mai die Kandidatin des Front National wählen.

Damit wäre die Europäische Union und die Idee dahinter nicht nur in der Krise, sondern könnte daran kaputtgehen. Als in den USA ein eigentlich demokratisch gewählter Präsident plötzlich als Autokrat die Freiheitsrechte seiner Bürger infrage stellte und seit seiner Wahl grundlegende Rechte – zum Beispiel die Pressefreiheit – immer mehr beschneidet, war das für uns der Auslöser zur Gründung von Haltung.Hamburg.

Ist der Zeitpunkt G20 also eher zufällig gewählt?

Das Treffen passt natürlich ganz gut in den Zusammenhang – ein Zeitpunkt, zu dem diese Stadt auf all die Themen und die Protagonisten genauer schauen kann. Andererseits wird auch die Welt auf diese Stadt schauen. Das ist genau die Gelegenheit, ein starkes Signal der Bürgergesellschaft gegen all diese Entwicklungen zu setzen.

Wie stehen Sie persönlich zu dem G20-Treffen?

Ich finde manche Kritik daran sehr nachvollziehbar: Der Aufwand ist unglaublich groß und rechtfertigt nicht das Ergebnis. Ursprünglich hatte Helmut Schmidt als einer der Initiatoren des G7-Formates etwas ganz anderes Sinn: Er wollte einen Rahmen schaffen, in dem die Staatschefs frei von Protokollarischem die Themen der Zeit diskutieren und damit vielleicht auch zu anderen Lösungen kommen können. Das alles ist ja längst passé. Stattdessen werden im Vorfeld über Tausende von Mitarbeitern in den unterschiedlichen Ländern irgendwelche Konsenspapiere erstellt, die dann am Ende zu nichts wirklich führen.

Wenn wir sehen, dass der OSZE-Gipfel im Dezember 2016 ohne gemeinsame Haltung zu irgendeinem Punkt abgeschlossen wurde, ist das völlig unbefriedigend. Dass dann das Format hinterfragt wird, ist logisch. Daraus auf der anderen Seite aber die Schlussfolgerung zu ziehen, G20 sei des Teufels, teile ich nicht. Ich halte es für richtig, dass die Verantwortlichen miteinander reden. Sie wurden gewählt oder beauftragt, die Welt – nach meinem Verständnis zumindest – friedlicher und besser zu machen. Und dazu müssen sie sich auch begegnen.

Können Sie nachvollziehen, dass solche verkappten Autokraten wie Trump die Menschen dazu bringen, auf die Straße zu gehen?

Absolut! Ich bin auch dafür, dass die kritische Haltung ganz unterschiedlich ausgedrückt wird. Das können Demonstrationen sein, aber es lassen sich auch ganz andere Zeichen setzen – sowohl in der analogen als auch in der digitalen Welt. Dafür haben wir diese Plattform entwickelt.

Hamburg kann mehr und ist mehr. Und das sollte die Stadt auch zeigen.

Sie setzen hauptsächlich auf die virtuelle Welt?

Wir wollen in beiden Dimensionen Akzente setzen. Die Initiativen, die mit uns kooperieren, stellen ihre Aktionen ja auch bei uns ein, damit man sich damit in der realen Welt auseinandersetzen kann.

Sie wollen 1 Million Hamburger mobilisieren. Wie sieht das konkret aus?

Über die Plattform im Netz und unsere Aktionen. Wir touren zum Beispiel mit einem Videocube auf „Roadshow“ durch die Bezirke. Bis zum G20-Wochenende wird es 20 Stationen geben, an denen die Hamburger per Videobotschaft ihre Haltung zum Ausdruck bringen und sie auf die Website hochladen oder mit dem Aktions-Hashtag in ihren eigenen Social-Media–Kanälen teilen können. Außerdem werden wir die Fassade des Klubhaus Hamburg am Spielbudenplatz zur Social Wall machen: Unter allen bis dahin auf die Website hochgeladenen #HHaltungen werden ausgewählte auf der Klubhaus-Medienfassade gezeigt.

1 Million ist weitaus mehr als die erwarteten 150.000 Menschen, die auf die Straßen gehen werden. Ist das aber auch vergleichbar laut?

Das ist zumindest unser hehres Ziel: Wir wollen, dass sich die Menschen mit den Themen auseinandersetzen und sich diese Stadt nicht nur als Bühne missbrauchen lässt – sei es nun von den Protagonisten des G20-Gipfels oder von denen, die militant versuchen, ihre – wie ich finde – in der Sache falschen, weil gewalttätigen Positionen zu formulieren. Hamburg kann mehr und ist mehr. Und das sollte die Stadt auch zeigen.

Werden Sie im Juli auch auf die Straße gehen?

Ja.

Wie stehen Sie zu den geplanten Protesten?

Das kann ich gar nicht allgemein sagen, da es ganz unterschiedliche Formen des Protestes gibt – überzeugende auf der einen Seite, aber auf der anderen auch welche, die ich inakzeptabel finde, nämlich alles das, was gewaltbezogen ist. Wir können nicht einerseits diese Autokraten und andere dafür kritisieren, dass sie Menschen in ihren eigenen Ländern unterdrücken, und auf der anderen Seite mit der gleichen Gewalt antworten. Das geht nicht. In einer Demokratie wie unserer ist das auch gar nicht nötig, um sich Gehör zu verschaffen. Wir wollen uns bewusst abgrenzen von denen, die durch Gewalt sichtbar werden wollen.

Wie werden Sie mit #HHaltung sichtbar sein?

Wir wollen ja vor allem auch für die Menschen eine Plattform bieten, die sich – aus welchen Gründen auch immer – sonst nicht so einfach aktivieren lassen. Bei uns können sie niedrigschwellig und unkompliziert ihre Position formulieren. Das bedeutet auch, dass sie sich nicht umfangreich vorbereiten müssen, um ein sichtbares Signal zu setzen. Sie können schlicht durch weiße Kleidung (ein T-Shirt oder ein Hemd) zeigen, dass sie für eine friedliche, aber nicht kritiklose Form der Auseinandersetzung mit Teilnehmern und Themen einstehen. Ohnehin setzen wir auf positive Signale: Wir sind für eine pluralistische, weltoffene, demokratische Gesellschaft. Es fällt leicht, zu sagen, Trump ist doof. Aber wofür bist du eigentlich? Das wollen wir zum Ausdruck bringen und zeigen, dass sich die Menschen mit den Themen und den Protagonisten auseinandersetzen. Es ist wichtig zu wissen: Worüber reden die, worum geht es eigentlich und wie stehe ich dazu?

/ Ilona Lütje / Foto: Ingmar Thies

Mehr Infos unter www.haltung.hamburg