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Zukunft der Hamburger Privattheatertage gesichert

Was im Sommer unsicher war, steht jetzt fest: Die 11. Ausgabe Hamburger Privattheatertage im Jahr 2023 ist gesichert

Text: Felix Willeke

 

Es war eines der Bühnenhighlights im Sommer in Hamburg: das 10. Jubiläum der Hamburger Privattheatertage. Doch über den Feierlichkeiten in den Hamburger Kammerspielen lag eine bleierne Unsicherheit. Denn im Juli 2022 war noch nicht klar, wie es mit dem deutschlandweit einzigartigen Theaterfestival weitergehen würde. Die Macher:innen um Festivalgründer und Intendant der Hamburger Kammerspiele und des Altoaner Theaters Axel Schneider forderten sogar die Gäste dazu auf, ein Statement für die Hamburger Privattheatertage abzugeben.

Jetzt hat das Hoffen und Bangen ein Ende, denn am 10. November 2022 beschloss der Deutsche Bundestag die Förderung der Privattheatertage für das Jahr 2023 in Höhe von 500.000 Euro.

Große Freude

Axel Schneider bezeichnet die Entscheidung als „ein wichtiges Zeichen in die Privattheaterszene. Wir empfinden es als Wertschätzung für alle Privattheater in Deutschland, dass die neue Koalition die Privattheatertage auch 2023 fördert.“ Der Hamburger Kultursenator Dr. Carsten Brosda ergänzt: „Hamburg ist eine starke Theaterstadt. Die Privattheatertage sind von hier aus zu einem bundesweit bedeutsamen Treffen der Privattheater entwickelt worden. Das wäre ohne das Engagement von Axel Schneider und seinem Team nicht möglich gewesen.“ Dank der Fördergelder kann sich die Stadt auch im kommenden Jahr wieder auf Produktionen aus ganz Deutschland freuen, die dann bei den 11. Hamburger Privattheatertagen auf den Bühnen der Stadt sehen sein werden – natürlich auch wieder mit der Verleihung der Monica Bleibtreu Preise.


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„Ich wäre in dieser Gesellschaft ein Niemand“

Mit der Titelrolle in dem dystopischen Beziehungsdrama „Die Laborantin“ der britischen Jungdramatikerin Ella Road gibt die 28-jährige Lilli Fichtner ihr Theaterdebüt

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Lilli, wie hast du die zwei Corona-Jahre erlebt?

Die Laborantin_ Lilli Fichtner (c) Lena Meyer

Lilli Fichtner gibt ihr Theaterdebüt im Stück „Die Laborantin“ (Foto: Lena Meyer)

Lilli Fichtner: Als Corona anfing, befand ich mich noch in der letzten Phase meines Studiums, in der man sich auf das Abschlussvorspiel vorbereitet. Wir haben unser Vorspiel für die Caster und Intendanten dann virtuell gemacht, was etwas ins Leere zielte. Ich hatte aber das Glück, dass ich vom Film kam und dieser Bereich schnell wieder weiterlief.

Und wie ist die Stimmung aktuell am Theater?

Weil Bea in „Die Laborantin“ meine erste Theaterrolle nach meinen Studium ist, ist für mich alles neu. Ich kenne keine Theaterabläufe ohne Corona. Dadurch vermisse ich nichts und habe auch keine Erwartungshaltung. Trotzdem merke ich, dass es überall kleine Brände gibt, die man zu löschen versucht.

Dein Theaterdebüt begehst du gleich mit einer Hauptrolle …

Das ist eine Herausforderung und gleichzeitig ein Geschenk.

Das Schauspiel ist ein Handwerk

Studiert hast du an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf …

Das ist etwas irreführend, denn das Schauspiel ist ein Handwerk, dessen Ursprünge so sehr im Theater liegen, dass auch an der Filmuniversität zu 80 Prozent das klassische Theaterhandwerk gelehrt wird. Zusätzlich haben wir den Bonus, dass wir uns technisch mit dem Film beschäftigen und mit Filmregiestudenten zusammen Projekte machen können.

Im Fernsehfilm „Die Wannseekonferenz“ hast du vor zwei Jahren in einer Riege von männlichen Nazi-Größen die einzige Frau gespielt. War das nicht etwas gruselig?

Das war das erste große Drehprojekt während der Corona-Zeit –  bei dem es wirklich ans Eingemachte ging. Einen Tag nach meinem Studienabschluss ging es los. Auch als ich die Texte der Kollegen schon fünfzig Mal gehört hatte, hatte ich jedes Mal wieder einen Kloß im Hals und musste trotzdem stumm mit lächelndem Gesicht dasitzen. Es war trotz des schweren Themas ein Geschenk, mit Regisseur Matti Geschonneck zu arbeiten und Philipp Hochmair, Jakob Diehl und Johannes Allmayer beim Arbeiten zuzusehen.

In der „Tatort“-Folge „Du gehörst mir“ hast du eine psychisch kranke Mörderin gespielt. Machen solche Rollen Spaß?

Spaß ist in diesem Zusammenhang ein schwieriges Wort. Wir haben gerade eine sehr intensive Szene aus „Die Laborantin“ geprobt. Da kann die Probe noch so gut laufen, trotzdem fühlt man sich danach erst mal schlecht – als ob der Körper nicht genau weiß, ob etwas gerade echt ist oder nicht. Man sieht aber durch solche Rollen – ohne die Erfahrung wirklich durchleben zu müssen –  etwas von der Welt, was man sonst nicht gesehen hätte. Das ist sehr wertvoll.

„Ich persönlich verlasse mich auf keine feste Schauspielmethode“

Nach der Methode des Method Acting aus den USA, wo du auch sechs Monate unterrichtet wurdest, soll der Schauspieler seine Rolle aus dem eigenen Erleben und Erinnern gestalten. Wie soll das bei einer Figur funktionieren, die gemordet hat?

Ich persönlich verlasse mich auf keine feste Schauspielmethode. Wie ich an eine Rolle herangehe, hängt immer vom jeweiligen Projekt und der Rolle ab. Manchmal sogar von den Kollegen oder von dem Tag, an dem ich spiele. Roland Suso Richter, der Regisseur der „Tatort“-Folge, lässt die Darsteller überhaupt nicht proben, sondern wirft sie direkt in die Szene. Da war ich einfach sehr gut vorbereitet und habe viel mit Vorstellungskraft gearbeitet – mangels einer privaten mörderischen Vergangenheit.

Du hast ja schon vor deiner Ausbildung Filmrollen übernommen. Es heißt, du wurdest auf dem Schulhof entdeckt. Wie hat man sich das vorzustellen?

Ich war elf oder zwölf. Die Lehrer hatten uns gewarnt, weil sich ein fremder Mann auf dem Schulhof herumtrieb. Den habe ich dann ganz mutig gefragt, was er da macht. Er verteilte Zettel für ein Casting für „Das weiße Band“ von Michael Haneke und sagte, ich solle mal vorbeikommen. Das war mein erster Schritt ins Professionelle. Ich hatte ja von meiner Familie aus keinerlei Beziehungen zu Schauspiel und Film, habe aber mit vier Jahren im Kindergarten schon als Schneewittchen den anderen Kindern ihre Texte ins Ohr geflüstert.

„Ich komme aus einer Musikerfamilie“

Du bist ja auch als Singer-Songwriterin unterwegs und 2015 in der Casting Show „The Voice of Germany“ aufgetreten. Hat sich durch diesen Auftritt etwas für dich verändert?

Ich komme aus einer Musikerfamilie. Mein Vater ist Pianist. Ich habe aber irgendwann aufgehört, Klavier zu spielen und angefangen, Songs zu schreiben. „The Voice“ war eher ein Ausflug aus Interesse, weil ich damals für „Letzte Spur Berlin“ ein Mädchen gespielt habe, das an einer Castingshow teilnimmt. Das Tolle an meinem Beruf ist, dass ich alles ausprobieren kann und hinterher etwas zu erzählen habe.

„Die Laborantin“ in den Kammerspielen ist eine Zukunftsvision, in der Bluttests Auskunft über Erbkrankheiten, Gendefekte und die Wahrscheinlichkeit psychischer und körperlicher Erkrankungen geben …

Vielleicht liegt die Vision gar nicht so weit in der Zukunft. Vor einigen Jahren wurde Anklage gegen Elizabeth Holmes, der Geschäftsführerin des Laborunternehmens „Theranos“ erhoben. Dort wurde angeblich ein Bluttest entwickelt, der mit einem Tropfen Hunderte von Krankheiten diagnostiziert. Das war eine Lüge, aber viele Menschen haben es geglaubt.

Welche Folgen ziehen die Ergebnisse dieser Tests im Stück nach sich?

Die Tests geben Information über jegliche vergangene, gegenwärtige und zukünftige Krankheitsbilder. Anhand dieser Bilder wird ein Rating erstellt, über das man sich definiert und das etwas über die Wertigkeit des Menschen aussagt. Das hat Auswirkungen auf den Beruf, auf die Partnerwahl und die Fortpflanzung.

Mit diesen Tests wird aber auch Missbrauch getrieben …

Die Figur, die ich spiele, fälscht einen Test für eine Freundin, die ein schlechtes Rating hat. Daraus entwickelt sie dann eine lukrative Geschäftsidee. Dabei geht es weniger um die kriminellen Machenschaften der Laborantin, sondern um die Folgen für das eigene Selbstbild, wenn man diesem Wahn der Gesellschaft zustimmt oder sich dagegen stemmt.

Die Beobachterposition

Wie viele Informationen sollte man generell über sich preisgeben? Eine Frage, die dich als Schauspielerin, als Person des öffentlichen Lebens, doch besonders betrifft …

Da befinde ich mich noch in der Beobachterposition. Ich habe Kollegen, die gar nicht bei Instagram sind, und andere, die ihr Leben sogar finanzieren über die Offenlegung ihres vermeintlichen Privatlebens. Mich selbst ermüdet es, mich ständig in den sozialen Medien zu präsentieren. Trotzdem finde ich es wichtig, meine Hintergründe beim Erarbeiten einer Figur darzulegen. Bekannte Theaterstoffe bleiben interessant, weil sie von wechselnden Persönlichkeiten gespielt werden. Deshalb sollten diese Persönlichkeiten sich auch zeigen.

Wie würdest du persönlich damit umgehen, wenn es Bluttests wie in „Die Laborantin“ gäbe?

Ich wäre in dieser Gesellschaft ein Niemand. Auf einer Skala von eins bis zehn hätte ich ein Rating von 0,7, weil bei mir sehr kurz nach meiner Geburt Krebs diagnostiziert wurde – mit allen psychischen und körperlichen Folgen. Dass ich jetzt eine Figur spielen kann, die fanatisch in diesem System aufgeht, ist aber toll. Das führt zu spannenden Explosionen.

„Die Laboratnin“ in den Kammerspielen, 1., 5. bis 8., 12. bis 15., 19. bis 22. Oktober 2022, Tickets ab 21 Euro (ermäßigt 14 Euro) 


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Privattheatertage: Ein Abschied?

Mit einer großen Gala gingen am 4. Juli die 10. Hamburger Privattheater zu Ende. Unter den Jubel der Gewinner:innen mischte sich Ungewissheit, denn die Zukunft des Theaterfestivals steht in den Sternen

Text: Felix Willeke

Moderiert vom Kabarettisten Christian Ehring gingen die 10. Hamburger Privattheatertage am 4. Juli 2022 mit einer großen Gala in den Kammerspielen zu Ende. Im Fokus stand dabei wie in jedem Jahr die Verleihung der Monica Bleibtreu Preise.

In der Kategorie (zeitgenössisches) Drama gewann die Produktion „Altes Land“ von der Theaterei Herrlingen. Als Adaption des Bestsellers von Dörte Hansen erzählt das Stück rund um die drei Darstellerinnen von Vererbung des Traumas der Vertreibung, Apfelbauern im Alten Land und die wirren Aussteigerideen saturierter Städter vom Landleben und das ausgerechten auf der Schwäbischen Alb.

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Die Produktion „Altes Land“ der Theaterei Herrlingen gewann den Monica Bleibtreu Preis in der Kategorie (zeitgenössisches) Drama (Foto: Andreas Zauner)

In der Kategorie Komödie geht der Preis an das Stück „Der Kontrabass“ vom Hofspielhaus München. Michael A. Grimm verkörpert in dem Werk von Patrick Süßkind einen Orchestermusiker der abgeschottet in seiner schalldichten Wohnung über die Berufung zur Musik, das Wesen der Kunst und die Liebe sinniert – besonders nach den „Lockdowns“ ein treffendes Symbol.

Über den Monica Bleibtreu Preis in der Kategorie (moderner) Klassiker freut sich 2022 „Der Sandmann“ vom Wolfgang Borchert Theater Münster. Das Stück von E.T.A. Hoffmann handelt von Nathanael, dem Tod seines Vaters und der Macht des Unterbewussten – ein echter Klassiker der Romantik.

Schließlich gab es natürlich auch 2022 den Publikumspreis. Dieser ging an „Kitzeleien – Der Tanz der Wut“ von der Kulturbühne Spagat in München. 2018 gegründet, überzeugte die erst fünf Jahre alte Bühne mit einer Adaption des französischen Sücks „Les Chatouilles“, dass sich mit der Verarbeitung von sexuellem Missbrauch mit der Hilfe des Tanzes beschäftigt.

Zukunft der Privattheatertage? Ungewiss!

Nach der 10. Ausgabe der Hamburger Privattheatertage ist die Zukunft ungewiss. Setzte sich bis ins vergangene Jahr der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Rüdiger Kruse, der in diesem Jahr für seine Verdienste gesondert ausgezeichnet wurde, für die Förderung der Hamburger Privattheatertage ein, ist diese für die Zukunft ungewiss. Wie Festivalgründer und Intendant der Hamburger Kammerspiele und des Altoaner Theaters Axel Schneider sagte, sei die weiter Förderung des Theaterfestivals durch die aktuelle Bundesregierung ungewiss. Bisher habe man noch keine Zusage über die Förderung in Höhe von 500.000 Euro erhalten.

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Moritz Bleibtreu warb mit einem Appell für den Erhalt der Privattheatertage und erinnerte gleichzeitig an das Werk seiner Mutter, die Namenspatron für den alljährlich verliehen Monica Bleibtreu Preis ist (Foto: Bo Lahola)

Kampf ums Überleben

Auch wenn es in diesem Jahr weniger Besucher:innen gab, als noch vor der Pandemie, wäre das Aus für die Privattheatertage kein gutes Zeichen. Mit dem Monica Bleibtreu Preis werden Jahr für Jahr Produktionen ausgezeichnet, die sonst nur wenig im Lichte der Öffentlichkeit stehen. Die Privattheatertage sind ein Schaufenster für die kleinen Bühnen in ganz Deutschland. Natürlich sind 500.000 Euro viel Geld, aber die Hamburger Privattheatertage bieten den „Zuschauer:innen einen Einblick in die kulturelle Vielfalt im Land“ und stellen „bundesweit ein klares Statement zur Unterstützung privater Theater“ sagt Axel Schneider und er fordert alles Gäste dazu auf, sie zu unterstützen und selbst zu formulieren, warum die Privattheatertage wichtig sind.


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Privattheatertage: Von Puppenspiel bis Clockwork Orange

Dostojewskis „Aufzeichnungen aus einem Kellerloch“ in der Fassung des Bremer Figurentheaters Bühne Cipolla wurde für den Monica Bleibtreu Preis 2022 nominiert und ist mit elf weiteren Inszenierungen im Rahmen der Privattheatertage Hamburg zu erleben

Text: Dagmar Ellen Fischer

Bei dieser Rechenaufgabe steht das Ergebnis von vornherein fest: Zwölf Produktionen werden zu den Privattheatertagen vom 21. Juni bis 3. Juli 2022 nach Hamburg eingeladen, nachdem eine neunköpfige Jury 147.000 Kilometer zurücklegte, um 119 Bewerbungen zu begutachten. Alle zwölf Theater hoffen nun auf den Monica Bleibtreu Preis, der am letzten Abend in drei Kategorien – Komödie, (zeitgenössisches) Drama und (moderner) Klassiker – verliehen wird. 2022 feiern die von von Axel Schneider in Hamburg initiierten Privattheatertage ihr zehnjähriges Jubiläum.

Große Namen

Und wieder sind große Namen unter den Bühnenautoren: Zeitgenossen wie Patrick Süskind, Lutz Hübner und Dörte Hansen werden gespielt, aber auch Klassiker, so Molière, E. T. A. Hoffmann, Maxim Gorki. Und Dostojewski: Aus dessen 1864 veröffentlichten „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ entwickelt die in Bremen ansässige Bühne Cipolla Figurentheater für Erwachsene mit Live-Musik. „Wir nehmen prinzipiell Prosa-Vorlagen, keine fertigen Theaterdramen, weil die Beschäftigung mit der Literatur, das Erstellen einer Spielfassung und die Diskussion darüber, welche Themen wir erzählen wollen, zu unserem Arbeitsprozess gehören“, erklärt Schau- und Puppenspieler Sebastian Kautz.

Menschliche Abgründe erforschen

Bislang entstanden theatrale Bearbeitungen bekannter Texte von Edgar Allan Poe, Stefan Zweig, Heinrich von Kleist und Friedrich Schiller. Nun Dostojewski, warum? „Seine Texte beschäftigen sich mit den großen Themen Schuld, der ständigen Sinnsuche, den Schwierigkeiten, sich selbst und die Mitmenschen mit ihren Wünschen, Egoismen und Ansprüchen zu verstehen. Mit unserer Puppenästhetik und den musikalischen Mitteln erforschen wir gerne diese menschlichen Abgründe.“

Auf dem Weg zum zweiten Monica Bleibtreu Preis?

Dostojewskis Aufzeichnungen kreisen um die Gedankenwelt eines Ich-Erzählers, sind eine Art Innenschau, die nicht nach einer Performance schreit. Trotzdem: „Viele der kruden Gedankengebilde sind in meine Spielfassung eingeflossen. Das Schöne ist, dass sich dieser seltsam geschlechts- und namenlose Protagonist ständig selbst widerspricht in seinem Ringen um ein sinnerfülltes Leben. Das finde ich zutiefst menschlich, und es entbehrt nicht einer gewissen bizarren Komik. So war von Anfang an klar, dass wir den Dostojewski nicht als dunkles, graues russisches Klischee-Stück inszenieren, sondern eher als buntes, abwechslungsreiches, skurriles Biografie-Tableau.“ 2019 gewann die Bühne Cipolla mit Poes „Der Untergang des Hauses Usher“ bei den Privattheatertagen in der Kategorie (moderne) Klassiker den begehrten Monica Bleibtreu Preis. 2022 tritt sie mit „Keller“ (am 29. Juni, 19.30 Uhr im Altonaer Theater) in der gleichen Kategorie an.

Privattheatertage: 12 Mal Theater und eine Gala

Den Abschluss macht am 3. Juli 2022 um 19 Uhr die Gala mit der Verleihung der Monica Bleibtreu Preise in den Hamburger Kammerspielen.


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Musical „Once“: „Ich will den Highscore knacken!“

In den Hamburger Kammerspielen spielt Delio Malär neben Sybille Lambrich die männliche Hauptfigur im Musical „Once“ nach dem gleichnamigen Filmerfolg mit Glen Hansard und Markéta Irglová über einen Straßenmusiker in Dublin

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Delio Malär, „Once“ erzählt eine klassische Boy-meets-Girl-Geschichte. Die Protagonisten finden über die Musik zusammen. Aber ihre jeweilige Vergangenheit steht einer gemeinsamen Liebesverbindung im Weg. Eigentlich ein unspektakulärer Plot. Warum war der Film 2006 so ein Überraschungserfolg?

Delio Malär: Weil seine Songs so umwerfend sind. Wenn jemand einen Song, den er selbst geschrieben hat, so echt erzählt wie Glen Hansard in diesem Independent-Film, hat man keine Chance, dem zu widerstehen. Authentizität spürt man. Dieser Singer-Songwriter stellt sich allein auf eine Festivalbühne und ist erst nur ein unscheinbarer Typ mit einer Gitarre. Dann legt er los und singt um sein Leben. Ich glaube auch nicht, dass es sich hier um eine klassische Boy-meets-Girl-Konstellation handelt, denn die beiden treffen sich zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Auch deshalb berührt uns diese Geschichte.

Wie geht ihr auf der Bühne, die ja anders als der Film keine Illusion von Wirklichkeit erzeugt, mit der Authentizität der Vorlage um und damit, dass die Hauptfiguren des Films so eng mit ihren Darstellern verknüpft sind? Glen Hansard spielt einen eher introvertierten Typ. Von dir hat man eher den gegenteiligen Eindruck.

Ich gehe bei dieser Rolle natürlich von mir aus und spiele meinen eigenen Typ. Bei Regisseur Gil Mehmert befinden wir uns diesbezüglich in besten Händen. Er richtet sich ganz danach, wer wir als Schauspieler sind. Aber auch ich habe, als ich vor zehn Jahren aus der Schweiz nach Hamburg gekommen bin, um die Schauspielschule zu besuchen, mein Geld als Straßenmusiker verdient und viele Eindrücke gesammelt, die ich für das Stück nutzen kann.

 

Die schauspielerische Herausforderung

Trotzdem spielst du einen Charakter, der lange zögert, ob er mit seiner Musik an eine größere Öffentlichkeit treten soll, und der die Unterstützung eines anderen Menschen braucht …

Dieser Charakterzug liegt meinem Naturell in der Tat etwas fern, aber diese Herausforderung gefällt mir. Eine einfache Rolle finde ich weniger interessant als eine schwierige. Das ist wie bei einem Video-Game: Ist das Rätsel schwieriger zu knacken, habe ich auch mehr Bock darauf.

Ihr singt komplett auf Deutsch. Oft ist es ja so, dass übersetzte Gesangstexte ziemlich peinlich klingen …

Anfangs dachte ich das auch. Aber als ich gesehen habe, wie feinfühlig und stimmig die Übersetzungen sind, habe ich erst recht Lust bekommen, die Rolle zu übernehmen. Außerdem haben wir wahnsinnig ausgefeilte Musiker, ein Ensemble, das auch acht Strebern besteht.

 

Ein inszenierter Song

 

Wie bindet ihr die Musiker in die Inszenierung ein?

Das Stück ist filmisch konzipiert und arbeitet mit vielen Schnitten. Alles ist so kunstvoll choreografiert, dass die schnellen Szenenwechsel kaum auffallen, mit einem singenden, musizierenden und gleichzeitig möbelschiebenden Ensemble. Das ganze Stück ist einziger inszenierter Song. Mit unserem Regisseur Gil Mehmert haben wir da eine echte Koryphäe am Start.

Spielst du im Stück, wie im realen Leben, verschiedene Instrumente? Oder nur Gitarre?

Lasst euch überraschen.

Oft spielst und singst du – auch mit deiner Band – deine eigenen Songs. Wie groß ist die Herausforderung für dich, diese fremden Songs zu interpretieren?

Rein stimmlich ist es viel Arbeit, an das heranzukommen, was Hansard macht. Zum Teil verwendet er auch eine andere Saitenstimmung. Aber die eigentliche Herausforderung besteht darin, die Songs zu meinen eigenen zu machen, damit alles ganz automatisch läuft. Das ist eine langwierige Arbeit, die mich als Künstler aber bereichert und mir neue Inspiration gibt. Es ist ein Privileg und ein Geschenk, diese Songs performen zu dürfen. Und eine Verantwortung, die ich gewissenhaft tragen möchte.

 

Der Sprung von weit oben

 

Zum Thema „Falling Slowly“ – dem Oscar-prämierten Song des Films – fällt mir das Video zu deinem eigenen Song „Bomba d’Amor“ ein, in dem du von einem Felsen ins Wasser springst. Das sieht ziemlich hoch aus …

Das waren zwanzig Meter. Ein Felsen in Ponte Brolla im Tessin.

Und du bist da wirklich selbst gesprungen?

Zwei Mal. Der erste Take sah nicht geil aus. Ich wollte noch einen haben. Bei dem habe ich mir dann das Knie verdreht, was ich teilweise heute noch spüre.

War der Sprung deine eigene Idee?

Ich wollte schon seit fünfzehn Jahren dort hinunterspringen und habe nur auf den richtigen Anlass gewartet. Der Song „Bomba d’Amor“ handelt von der Wiedergeburt, von der Rückkehr zu einem selbst. Vor einer Wiedergeburt muss man sterben. Da musste ich einmal kurz meine Höhenangst überwinden. Mit diesem Projekt wollte ich in jeder Hinsicht das Maximum aus mir herausholen, mich und meine Energie formulieren. Mit diesem Song habe ich geschafft zu sagen: Das bin ich! Das ist meine Visitenkarte! Ich bin wahnsinnig glücklich, dass ich aus eigener Kraft und Kreativität so etwas gemacht habe.

Sicher eine Grenzerfahrung …

Das war der krasseste Drehtag für uns alle: Der Kameramann und sein Assistent haben für eine vier Sekunden lange Szene fünf Stunden in dem kalten Bergfluss eine Kamera drei Meter unter Wasser mit Seilen und Gewichten befestigt. Das Schlimmste war dann der Moment vor dem Sprung von der Klippe. Aber dieses Bild war mir wichtig: sich herauswagen aus der Komfortzone.

 

Klosterschule mit viel Kultur

 

Woher kommt dieser Wille zum Ausbruch? Ein Aufbegehren gegen die Enge der Klosterschule, die du in der Schweiz besucht hast?

Überhaupt nicht. Die Stiftschule Einsiedeln ist das tollste Gymnasium in der Region, in dem übrigens auch Mönche unterrichten. Die Schule hat ein breites kulturelles Angebot und einen eigenen Theatersaal – da hat für mich alles angefangen. Wir haben von Anfang an richtige Produktionen mit einem professionellen Regisseur realisiert. Dort konnte ich mich ganz frei entfalten.

Dann liegt deine Energie in den Genen?

Zum Teil ganz bestimmt. Meine Eltern sind schon immer durch die Welt gereist. Ich habe eine italienische Familie, in der es immer laut und lustig war. Alles war bei uns immer viel. Das ist mein Normalzustand. Die Energie kommt aber auch aus der Liebe zu Theater und Musik. Als Gamer habe ich die Challenge, den Highscore zu knacken. Wenn ich maximal performe, ist die Befriedigung nicht nur für das Publikum, sondern auch für mich am größten. Und ich bin so gerne befriedigt. (lacht)

Der Erfolg, den du und deine Band Love Rockets mit der Show „Tag der Helden“ habt, bei der ihr ausschließlich Cartoon-Introsongs spielt, klingt auch nach Highscore …

Am 22. September 2016 haben wir den ersten „Tag der Helden“ als Band in der Albers Bar veranstaltet. Das Datum werde ich nie vergessen, denn der Auftritt war legendär! Die Bar war brechend voll. Wir haben Tonaufnahmen gemacht, die wir nicht verwenden konnten, weil die Gäste mit ihrem Gesang alles überpegelt haben. Irgendwann sind wir ins Schmidtchen umgezogen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon mein erstes Musical (für sein Duo mit Cornelia Schirmer, Anm. d. Red.) geschrieben, und wir haben dann eine richtige Show daraus gemacht. Der Rest ist Geschichte.

„Once“, Hamburger Kammerspiele, 31.10. (Premiere), weitere Termine bis zum 16. Januar 2022


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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