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Max Frisch fragt … Mia Oberländer

Autoren der Gegenwart antworten auf den berühmten Fragebogen von Max Frisch. Dieses Mal antwortet die Autorin Mia Oberländer. In ihrem zuletzt erschienenen Comic „Anna“ (Edition Moderne, 220 Seiten, 25 Euro) erzählt sie eine Geschichte über drei Generationen außergewöhnlicher Frauen in einem Dorf und wurde dafür sogar mit dem Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung 2021 ausgezeichnet

Text: Ulrich Thiele

 

Kennen Sie Tiere mit Humor?

Ich habe lange darüber nachgedacht und leider gibt es kein humorvolles Tier, das ich persönlich kenne. Ich glaube aber, dass Papageien Humor haben. Die lernen doch oft Türklingeln und Handy-Klingeltöne zu imitieren und sehen dann zu, wie ihre Besitzer:innen zur Tür rennen oder nach dem Handy suchen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die das nicht lustig finden.

Möchten Sie das absolute Gedächtnis?

Auf keinen Fall.

Möchten Sie unsterblich sein?

Vielleicht. Aber eigentlich nur in Begleitung meiner Freunde und meiner Familie. Das Problem ist, dass die dann sicher auch ihre Familie dabeihaben wollen usw. und dann müsste im Endeffekt über sieben Ecken die gesamte Weltbevölkerung unsterblich sein. Das würde wohl nicht klappen.

Träumen sie moralisch?

Ich denke schon. Schade eigentlich.

Wem empfehlen Sie, sich zu betrinken?

Menschen, die verliebt sind.

Wofür sind Sie dankbar?

Für alle Tage, an denen man zufrieden einschläft.

Mia Oberländer ist künstlerische Leiterin des Comicfestivals Hamburg. Das Festival existiert seit 2006 und fand vom 1. bis 3. Oktober 2021 nach einer Corona-bedingten Pause wieder statt.

Max Frisch: „Fragebogen. Erweiterte Ausgabe“, Suhrkamp, 127 Seiten, 10 Euro


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Goethe in den Kammerspielen: Geschlechterrollen auf dem Prüfstand

Mit ihrer eigenen Fassung von Goethes Schauspiel „Stella“ stellt die Berliner Regisseurin und Autorin Amina Gusner Geschlechterrollen auf den Prüfstand und untersucht mit viel Witz – und unter erschwerten Corona-Bedingungen – die kapitalistische Verformung romantischer Liebesmodelle

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Frau Gusner, Sie inszenieren Goethes Drama „Stella“: Cäcilie bittet im Haus von Stella um eine Anstellung für ihre Tochter Lucie. Dort trifft auch Fernando ein. Beide Frauen erkennen in ihm den seit vielen Jahren zurück­ ersehnten Ehemann beziehungsweise Liebhaber. Ist das Stück noch zeitgemäß?

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Will nie wieder unter Corona- Bedingungen arbeiten: Amina Gusner (Foto: Martin Mai)

Amina Gusner: Es geht um Menschen, die von der ständigen Sehnsucht nach Liebe angetrieben werden. Das passt in unsere neoliberalistische Zeit, in der wir immer die höchsten Gefühle haben wollen und enttäuscht sind, wenn sie sich nicht einstellen. Dann müssen wir weitersuchen, bis wir einen besseren Partner finden.

Der ewig suchende Mann und die ewig wartende Frau – unter diesem Aspekt habe ich auch meine eigene Fassung des Stücks erstellt.

Goethe selbst hat den Schluss seines Stücks dreißig Jahre später noch einmal umgeschrieben und quasi ins Gegenteil verkehrt …

Die erste Fassung endet mit einer Liebe zu dritt und wurde ausgebuht. Aber auch die Tragödienfassung, in der Stella und Fernando Selbstmord begehen, kam nicht gut an. „Stella“ war ein echter Flop.

 

„Ich glaube, dass wir von der romantischen Liebe aus dem 19. Jahrhundert träumen“

 

Goethe bietet unterschiedliche Liebeskonzepte an. Sind diese eins zu eins ins Hier und Jetzt übertragbar?

Heute stellt man natürlich die Genderfrage: Was ist typisch Mann, was typisch Frau? Ich glaube aber, dass wir immer noch von der romantischen Liebe aus dem 19. Jahrhundert träumen. Die Sehnsucht nach dem Happy End, dem richtigen Mann oder der richtigen Frau sitzt einfach in uns drin.

Ist Goethes Doppelehe aus der Früh­fassung ein Happy End?

Auf jeden Fall ist sie sehr modern. Cäcilie hat als Ehefrau einen ziemlich realistischen Blick auf die Sache. Wie viel Sex hat man nach so vielen Ehejahren noch? Sollen sie sich wirklich scheiden lassen, nur weil ihr Mann Fernando mit Stella eine Affäre hat? Stella hat das Geld, das Cäcilie fehlt, und Cäcilie hat das Kind, das Stella fehlt. Warum also nicht eine große WG aufmachen, in der jeder jeden mag und versteht? Das ist die positive Vision einer weitergedachten Patchworkfamilie. Ich kenne Leute, die gar nicht mal so unähnlich leben.

 

Moderne Geschlechterrollen

 

Sie haben „Stella“ ja schon einmal im Jahr 2014 inszeniert und an der Neuen Bühne Senftenberg und am Volkstheater Rostock aufgeführt. Nun proben Sie das Stück mit komplett neuer Besetzung …

Und ich inszeniere es auch anders – allein schon wegen Corona. Damals sind die Schauspieler in einem goldenen Käfig aufgetreten und waren deutlich jünger. Heute können wir auch nicht mehr so tun, als gäbe es die #MeToo-Debatte nicht.

Die Gender- und Rollen-Thematik greife ich vor allem mit der Figur von Cäcilies und Fernandos Tochter Lucie auf. Wir erzählen die Geschichte aus ihrer Perspektive. Lucie, die sich erinnert und das Ende erträumt, das sie sich wünscht.

Wenngleich das schöne Ende bei Goethe wie aus dem Hut gezaubert wirkt …

Goethe lässt sich oft schwer spielen, weil er immer lebensphilosophisch oder utopistisch denkt und die
Figuren dadurch oft sehr behauptet und hölzern wirken. Unser Anliegen ist es aber, den Zuschauern das Gefühl zu vermitteln, dass hier ihre eigenen Nachbarn zu ihnen sprechen. Wir wollen verstanden werden und sind dabei, Goethes Sprache für uns zu entdecken und sie so klingen zulassen, als würden sie uns gerade aus dem Maul fallen.

Hört man trotzdem den Originaltext?

Ja, wobei etwa ein Drittel des Textes von mir stammt. Mir war es wichtig, in diesem Zusammenhang das neoliberale Prinzip „besser, mehr und irgendwie schöner“ zu untersuchen. Gründet es in der unserer Biologie, im Narzissmus oder in der Konsumgesellschaft?

Kann es nach diesem Prinzip noch so etwas wie Treue, tiefes Vertrauen und langfristige Bindungen geben?

Das steht alles auf der Kippe. Früher fand ich es immer ganz furchtbar, wenn alte Menschen gesagt haben, Liebe ist auch Arbeit. Heute glaube ich, nirgendwo hat man so viele Möglichkeiten, sich als Mensch zu entwickeln, wie in einer Beziehung.

Niemand ist so ehrlich zu dir, wie dein Liebster – im Guten wie im Schlechten. Ich glaube, wir brauchen es, dass jemand uns spiegelt und wachsen lässt. Wenn ich aber das Interesse an dem anderen verliere, weil er plötzlich nicht mehr so ist, wie ich mir das wünsche, dann ist das auch eine Art Faulheit, an sich selbst zu arbeiten.

Sind die Frauen im Stück bereit, sich auf ihren Partner einzulassen?

Ich denke nicht. Sie wollen gerettet werden. Beiden Frauen wurden verlassen und haben schreckliche Schicksale hinter sich. Stellas Kind ist gestorben, sie lebt fern von ihren Eltern und schrammt latent am Wahnsinn vorbei. Sie ist total fokussiert auf Fernandos Rückkehr und bleibt dabei vollkommen passiv.

Ein sehr klischeehaftes Rollenbild …

Schrecklich! So ein Frauenleben scheint offensichtlich so unwichtig und langweilig zu sein, dass es darüber nicht mal ein Theaterstück gibt. Es gibt nur Stücke über Frauen, die sich in irgendeiner Weise mit Männern beschäftigen, während man den Männern immer tolle Ideen zuschreibt.

Das thematisieren wir auch auf der Bühne. Diese Selbstaufgabe, dieses Gerettet-werden-Wollen mit Liebe zu verwechseln, führt zu unmündigen Frauen, die Fernando gegenüber nur noch hochgradig indirekte Vorwürfe äußern können. Das ist das Klischee der Frau, die Kopfschmerzen hat, weil der Mann sie nicht so liebt, wie sie geliebt werden will. Das alles findet auf einer ganz kindlichen Ebene statt.

Keiner ist erwachsen. Eine neoliberale Gesellschaft, die sehr komisch wirkt, weil man ja auch selbst oft ganz unerwachsen ist und sich da wiedererkennt.

 

Theater und Corona

 

Goethe und Humor? Passt das zusammen?

Klar. Es ist wirklich lustig, wie Fernando immer mehr in Not gerät und sich im Laufe des Stücks um Kopf und Kragen redet. Was mir aber auch gefällt: Eigentlich ist es ein Stück für junge Schauspieler, aber bei uns sind alle 45 plus – außer Lucie.

Selten sieht man im Theater Frauen um die 50, die nicht nur die Mütter, sondern komplexe Figuren spielen dürfen. Schön ist aber auch, dass wir einen älteren Fernando haben. Ich stelle mir vor: Wenn der früher in den Raum kam, musste er nur „hallo“ sagen und die Frauen lagen flach. Jetzt muss er sich richtig anstrengen und überzeugt trotzdem nicht.

Sozusagen ein verhinderter Don Juan …

Genau, und das ist extrem witzig. Ich lebe in Berlin-Mitte und die Jungs der 1990er Jahre sind alle mit mir älter geworden. Damals wollten sie cool sein, sich nicht binden und haben geraucht, was das Zeug hielt. Heute sitzen sie immer noch hier herum und sind ganz einsame Wölfe, weil sie niemand mehr umschwärmt. Alles alleinstehende Männer, die den Absprung verpasst haben.

In der Ankündigung zum Stück steht, Sie haben die unterschiedlichen Schlussteile der beiden Fassungen zusammengeführt. Wollen Sie Näheres verraten?

Das soll eine Überraschung bleiben.

Vielleicht nur so viel: Gibt es Tote auf der Bühne?

Vorübergehende Tote. Und auch Blut.

Dann wünsche ich Ihnen, dass die Premiere am 18. Januar trotz Corona stattfinden kann. (Anm. d. Red.: Das Theater ist Corona-bedingt bis 31. Januar geschlossen. Die Premiere von „Stella“ wurde auf den 3. Februar 2021 verschoben.)

Das hoffe ich sehr. In den Theatern wurden die Viren ja überhaupt nicht verbreitet, weil es dort gute Sicherheitskonzepte gibt. Dass die Häuser wieder schließen mussten, ist wirklich eine ungerechte Nummer.

Die Proben sind sicher nicht einfach …

Es ist eine große Herausforderung, ein Stück zum Thema Liebesumklammerungen mit Corona-Abständen
zu proben. Das ist eine total theaterfeindliche Sache, denn auf der Bühne geht es immer um Nähe und Austausch und gemeinsames Kreieren. Ich habe zwar ein tolles Ensemble, das alles ganz tapfer mitmacht, aber das sind Bedingungen, unter denen ich nie wieder arbeiten möchte.

Kammerspiele
03.02.2021, 19:30 Uhr (Premiere)


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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„Fälle und Fallen“: Der schöne Eigensinn von Worten

In „Fälle und Fallen“ entwirft Wolfgang Hegewald 20 vor Sprachlust übersprudelnde Capriccios

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Der Straßenhund Enrico will Opernsänger werden, aber daraus wird nichts. Am Ende schlägt er eine alternative Musikerkarriere ein und spielt in einem Krankenwagen das Martinshorn in den Straßen von „New Hamburg“. In einem anderen Capriccio erfährt man, dass Mittelmeergrillen, sobald sie zu zirpen beginnen, automatisch ihr Gehör ausschalten. „Was für eine durchtriebene Selbstoptimierung dieser mit scharfem Schall bewaffneten Krieger aus dem Süden!“ Auf einem Festball gehen die jungen Leute mit der Mode und zeigen sich „mit Vorliebe in der Tracht der Prügel“. Das sind nur wenige Beispiele aus Wolfgang Hegewalds kurzen, ungeheuer lustigen Capriccios.

 

SZENE HAMBURG: Herr Hegewald, was ist ein Capriccio?

Wolfgang Hegewald: Die Tradition des Capriccios findet sich eher in der Musik und in der Bildenden Kunst als
in der Literatur, wiewohl ein veritabler Meister wie E.T.A. Hoffmann da sofort missbilligend den Kopf schüttelt, zu Recht. Ich denke an Paganini und seine Capriccios; überbordende und zugleich formbewusste Virtuosität. Primat des Spiels vor der Bedeutung. Ich denke an Tiepolo und Goya, gerade noch in der Kunsthalle zu sehen.

Szenen, die einem durch ihre abgründige Mehrdeutigkeit zu denken geben. Elemente des Alltäglichen, Burlesken, Grotesken, Skurrilen und Fantastischen verquicken sich zu Tableaus, in denen sich auf ästhetische Weise ein Aufklärungsinteresse zu erkennen gibt. Aufklärungsinteresse auch an dem, was kategorisch unaufklärbar ist.

Cover-HegewaldWarum haben Sie diese Form gewählt?

Mir und meinem Schreiben entsprechen diese auskristallisierten Prosakobolde, die mal spielerisch, auch sprach- spielerisch, mal scharfkantig boshaft daherkommen. Bei Julio Cortázar heißt es einmal sinngemäß, das Fantastische sei eine Möglichkeit, das Wirkliche zu überprüfen.

Im ersten Capriccio heißt es: „Capriccios neigen nicht zur Flucht. Wohin auch.“ Sie mit einem Zaun, einer Form zu umschließen, sei deswegen sinnlos. Warum?

Capriccios neigen weder zur Sesshaftigkeit noch respektieren sie ihnen angewiesene Territorien. Sie einsperren zu wollen, ist sinnlos; ein Kategorienfehler der Verhaftung. Günter Eich hat Prosagedichte mit dem Untertitel „Maulwürfe“ veröffentlich. Da deutet sich womöglich eine Verwandtschaft an.

Sie haben Ihrem Buch ein Zitat von Samuel Beckett vorangestellt: „Bei den Ausdrücken ‚historische Notwendigkeit‘ und ‚deutsches Schicksal‘ kommt mir das Kotzen.“ Beckett verliebte sich zugleich in die deutsche Sprache. Ihre Sprachspiele zeugen auch von Freude an der deutschen Sprache – teilen Sie das gespaltene Verhältnis Becketts zu Deutschland?

Ich habe eine doppel-deutsche Biografie und kann Deutschland nicht im Singular denken. Deutschland an sich bedeutet mir nichts. Eine offene Gesellschaft, ein Rechtsstaat auf deutschem Boden eine Menge. Und die deutsche Sprache, das „portative Vaterland“, wie Heinrich Heine sagte, ist der einzige Heimatbegriff, an dem ich hänge. Als ich 1983 aus der DDR in die Bundesrepublik kam, habe ich mich aus Gründen der semantischen Präzision nie als Flüchtling rubriziert. Ich habe meine Sprache nicht verloren, und ich trat sofort in eine komfortable Staatsbürgerschaft ein.

Wird deswegen in Ihren Capriccios immer wieder völkisches Denken verspottet?

Wir sind, auch schon vor und jenseits von Corona, in eine Zeit geraten, in der allenthalben im Gemeinwesen und in der Welt tektonische Risse und Verwerfungen sichtbar und spürbar werden, Horizonteintrübungen und -verdunkelungen, für die wir noch keine Begriffe haben.

Schreiben heißt für mich auch und nicht zuletzt, dass ich ein spezifisches Erkenntnisinteresse verfolge, das mit den Mitteln und Möglichkeiten der Poesie agiert. In undeutlichen Zeiten scheint mir eine Form wie das Capriccio besonders dazu zu taugen.

 

„Das Groteske ist für mich Stilhaltung und Ausdrucksmittel“

Wolfgang Hegewald

 

Ist Sprache per se anti-identitär?

Ja! Literatur ist für mich in Sprache modellierte Menschheitserfahrung, die nie eindeutig ist. Ansonsten haben kluge Leute schon alles Nötige gesagt: Für Adorno ist Identität die Urform von Ideologie. Bei Lothar Baier las ich einst, im Begriff der Identität gäben sich Biologismus und Polizeisprache ein Stelldichein.

Können Rechte Humor haben?

Keine Ahnung. Komik als existentielle Kategorie, wie bei Kafka, Robert Walser oder Chaplin, eher nicht.

Ihre Capriccios sind oft irritierend grotesk. Was kann die Irritation bewirken oder ist sie bloßer Selbstzweck?

Das Groteske ist für mich Stilhaltung und Ausdrucksmittel, nicht Selbstzweck. Wenn Irritation bedeuten soll, die Leser lassen für die Dauer ihrer Lektüre einmal das Gängelband ihrer Sprachkonventionalität locker und beginnen zu staunen – warum nicht. Wir sind alle von Kindheit an sprachdressiert und auf Bedeutung und Sinn getrimmt und wenig darin geübt, den schönen Eigensinn von Worten und Sätzen zu entdecken.

Mögen Sie Ihren Humor?

In diese Falle, die Sie meinem Narzissmus stellen, tappe ich nicht!

Wolfgang Hegewald: „Fälle und Fallen“, Wallstein, 79 Seiten, 16 Euro


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Interview: Katrin Bauerfeind über die Liebe

„Liebe: Die Tour zum Gefühl“ heißt das aktuelle Stand-up-Programm der Journalistin, Autorin und Moderatorin Katrin Bauerfeind. Ein Gespräch über das höchste der Gefühle

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Katrin Bauerfeind, Sie sagten einmal, Sie wären sehr bedacht, wenn es um Liebe ginge. Der Verstand setzt bei Ihnen bei diesem Thema also nie aus?

Zumindest habe ich großen Respekt vor dem Wort „Liebe“. Als Kind dachte ich, dass man nur „Ich liebe dich“ sagen darf, wenn man es für immer so meint ­– sonst wäre es ja gelogen. Mittlerweile weiß ich natürlich, dass es bei diesem Satz oft nur darum geht, einen Moment emotional festzuhalten.

Es gibt Studien, die besagen, dass ein nicht gerade geringer Prozentsatz der Männer bereits in der ersten Woche eines Kennenlernens ein „Ich liebe dich“ herausbringt.

Warum machen viele Männer das wohl so früh?

Wenn ich das wüsste. Ich erinnere mich noch genau: Als Teenager habe ich im Italienurlaub Mario kennengelernt. Ich war schwer verknallt. Und nach vier Tagen und acht Ramazzotti, sagt er: „Ick liebe dich!“ Und ich wusste: „Liebe, das darf man nicht nur so dahinsagen, das muss man so meinen.“ Und er darauf: „Icke dachte, du willste das höre!“ Aber so ist es nicht. Man will das nur hören, wenn es stimmt! Das ist bis heute so geblieben.

Wobei sich viele Menschen ja tatsächlich sehr schnell und sehr oft verlieben.

Freut mich total für die Leute. Die Wissenschaft sagt ja, dass Verliebtheit fürs Hirn ungefähr dasselbe ist, wie Drogen zu nehmen. Die sparen sich einen Dealer.

 

„Selbstliebe ist die schwerste Liebe“

 

Sie haben das Buch „Alles kann, Liebe muss“ geschrieben, gehen nun mit dem Programm „Liebe: Die Tour zum Gefühl“ auf die Bühne. Wa­rum diese intensive Beschäft­igung mit der Liebe?

Als ich angefangen habe, mich mit dem Thema zu beschäftigen, gab es da draußen extrem viel Hass. Offenbar wollten einige hasserfüllt die Welt verändern. Und ich wollte dagegenhalten. Warum nicht mit Liebe?

Bei Wut und Hass glauben immer alle, es sei ernst gemeint, bei Liebe denken alle, es sei kitschig. Dabei muss es bei Liebe ja nicht zwangsläufig um einen Liebespartner gehen, sondern es können auch Familie, Freunde, Fremde, Haustiere und Dinge sein, für die man eine Art Liebe empfindet und äußert. Ich habe einige lustige Geschichten zum Thema gesammelt, viele Kuriositäten auch, und da­ raus dann ein Buch und ein Bühnenprogramm gemacht.

Und was hat diese lange Liebes-­Arbeit bei Ihnen be­wirkt?

Dass ich auf einmal sehr verschwenderisch mit Emotionen wurde. Ich habe plötzlich ständig Komplimente verteilt, auch an völlig un­bekannte Menschen auf der Straße – schöne Haare, tolle Stimme, nettes Lächeln.

Und was ist mit Selbstliebe? Kriegen Sie die gut hin?

Ich bin fein mit mir (lacht). Aber ganz allgemein ist Selbstliebe natürlich die schwerste Liebe, gegen die zudem von außen angearbeitet wird.

Was meinen Sie?

Allein wir Frauen bekommen von der Werbung suggeriert: Investieren Sie mal noch ein paar Euro in Kosmetika, dann sind Sie schöner, wer schöner ist, hat mehr Grund, sich selbst gut zu finden.

Noch mal zurück zum sehr großzügigen Umgang mit Liebe. Glauben Sie, das wird ein bleibender Effekt Ihrer Liebes­-Projekte sein?

Ich glaube schon. Wenn wir im Straßenverkehr be­schimpft werden und auch noch dagegen angehen, hinterfragen wir diese Vorgänge oft gar nicht mehr, weil sie uns als normal vorkommen. Ich hingegen habe durch das Buch gelernt, das zu reflektieren und anders zu handeln. Ich habe gelernt, den Fokus nicht ständig auf Negatives zu legen, sondern vor allem auf Positives.

Katrin Bauerfeind: „Liebe: Die Tour zum Gefühl“, 20.10., Markthalle, 19 Uhr


Szene-Oktober-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Oktober 2019. Titelthema: Neu in Hamburg. Das Magazin ist seit dem 28. September 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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