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Einwohnerverein St. Georg: Gegen die Verdrängung

St. Georg ist ein vielfältiger und chaotischer Stadtteil. Während der Ruf nach Ordnung bei vielen lauter wird, kämpft Michael Joho, Vorsitzender des Einwohnervereins, gegen die Verdrängung

Interview und Fotos: Sophia Herzog

 

SZENE HAMBURG: Michael, wie ticken die Menschen in St. Georg?

Michael Joho: Lan­ge Zeit galt St. Georg als besonders bunter und toleranter Stadtteil, bedingt durch die Lage direkt am Hauptbahnhof und der Auseinandersetzung mit den sozialen Problemen hier vor Ort. Letzteres ist immer noch der Fall, allerdings hat durch den Bevölkerungswandel im Viertel auch der Druck zugenommen, St. Georg umzumodeln.

Wie zeigt sich der Wandel im Viertel?

Das Einkommen und die Mietpreise lagen hier jahrelang unter dem Hamburger Durchschnitt. Das ist schon lange nicht mehr so, es sind in den letzten Jahren viele besserverdienende Menschen hergezogen. Mit einem mittleren Einkommen von rund 45.000 Euro im Jahr verdienen die Menschen in St. Georg inzwischen deutlich mehr als der Hamburger Durchschnitt.

Der Mietpreis ist hier so hoch wie in Hoheluft. St. Georg ist dadurch ein Stadtteil geworden, der für viele unbezahlbar ist. Hier am Hansaplatz sind inzwischen rund ein Drittel des Wohnraums Eigentumswohnungen, die vor Jahren günstig erworben wurden und im Wert zwischenzeitig massiv zugelegt haben.

 

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Michael Joho vor seinem Büro

 

Und deren Bewohner wollen in Ruhe ihren Wohnsitz genießen?

Genau. Aber, von den ursprünglichen günstigen Eigentumspreisen mal abgesehen, warum zieht man denn überhaupt in ein Viertel, von dem man weiß, dass es mit den typischen Problemen eines Bahnhofsviertels zu kämpfen hat, und will dann, dass alle Störer sofort verschwinden? Das halte ich allein moralisch für daneben.

Welche Bedeutung hat der Hauptbahnhof denn für St. Georg?

Wenn Menschen in einer Stadt stranden, dann erst mal am Hauptbahnhof. Für Obdachlose oder Drogenabhängige, Menschen, die entwurzelt sind, die einsam sind, ist St. Georg seit Jahrzehnten Heimstatt. Auch Prostitution hat im Hauptbahnhofumfeld natürlich eine lange Tradition.

Der Hauptbahnhof ist nun mal Lebensmittelpunkt für Hunderte, wenn nicht einige Tausend Menschen. Das müssen Stadt- und Bahnhofsmanagement endlich anerkennen – und durch geeignete Maßnahmen flankieren. Und damit meine ich nicht die Verdrängung der Szenen ins benachbarte Wohnquartier St. Georg.

 

Die Welt direkt vor der Haustür

 

Ist das Viertel Abbild einer Zweiklassengesellschaft?

Die hat es hier schon immer gegeben. Aber die Widersprüche und Gegensätze sind größer geworden. Einkommensdurchschnitt und Mieten steigen, aber auch die Armut wird hier größer – und sichtbarer. Was wiederum manches bürgerliche Näschen stört.

Was macht St. Georg für dich trotzdem lebenswert?

Die Vielfalt, die Unterschiedlichkeit. Hier leben viele verschiedene Nationen und Religionen nebeneinander. Ich muss das Viertel nicht verlassen, sondern nur vor meine Haustür treten, um die Welt kennenzulernen oder die Probleme der Welt zu erkennen. Aber ich kann auch Lösungen mitgestalten, um diese Probleme anzugehen. Ganz zentral sind für mich auch die Menschen, die sich im Viertel engagieren und nicht verdrängen lassen.

Und davon gibt es in St. Georg einige …

Ja, es gibt hier schon überdurchschnittlich viele Menschen, die sich engagieren. Das kommt mir entgegen, ich habe hier sozusagen Brüder und Schwestern im Geiste gefunden. Im Kreis der Menschen, die sich sehr für das Viertel einsetzen, gibt es ein ungeschriebenes Gesetz. Wenn einer wegziehen muss, weil er mehr Platz braucht oder die Miete nicht mehr stemmen kann, dann gibt es viel gegenseitige Unterstützung, auch dahin, vielleicht doch noch eine bedarfsgerechte, bezahlbare Wohnung zu bekommen.

Wenn nichts hilft, muss eben der Umzug mitorganisiert werden. Diese Art von Zusammenhalt ist ein wichtiges Motiv, das Leben im Bahnhofsviertel nicht nur zu ertragen und zu erdulden, sondern es auch menschengerecht zu beeinflussen und zu gestalten.

 

„Wir sind gegen die Verdrängung“

 

Setzt sich dafür auch der Einwohnerverein ein?

Seit der Gründung 1987 stehen wir dafür ein, das Neben­- und Miteinander zu organisieren. Das ist aber mit der Aufwertung des Viertels zunehmend schwerer geworden. In den 90er Jahren fuhr die Politik ein Konzept, nachdem der Hauptbahnhof aufgeräumt und zur „Visitenkarte Hamburgs“ gemacht werden sollte.

Das heißt was?

Hier kommen täglich Hunderttausende Leute an und stolpern dann hier und da erst mal über Bettler oder drogenabhängige Menschen. Der Begriff der Visitenkarte wird zwar nicht mehr so häufig verwendet, das Prinzip wird aber immer noch verfolgt.

St. Georg soll heute und in Zukunft schickisiert werden. Wir sind gegen die Verdrängung, und möchten auch den Menschen, denen es schlecht geht, die ausgegrenzt und benachteiligt sind, einen Anlaufpunkt und Aufenthaltsort bieten. Auch im Hauptbahnhofviertel.

Das Stichwort Verdrängung fällt häufig bei der Diskussion um den Hansaplatz, der als besondere Problemzone im Viertel gilt. Jetzt installiert die Polizei dort 22 Kameras. Ist das der richtige Ansatz?

Nein, natürlich nicht. In der Politik und unter einigen Anwohnern herrscht der Glaube, dass mit den Kameras die Probleme vor Ort einfach verschwinden. Das ist Quatsch. Ein Drogenabhängiger verzichtet nicht auf seinen Schuss, nur weil auf dem Hansaplatz jetzt Kameras installiert sind. Der geht dann einfach ein, zwei Straßen weiter. Probleme wie Prostitution, Drogen und Ruhestörung lösen sich dadurch nicht, die werden, wenn überhaupt, nur verlagert.

 

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Kameras sollen neuerdings auf dem Hansaplatz für Ordnung sorgen

 

Videodatenspeicherung ist bei vielen Hamburgern sowieso ein wunder Punkt, seitdem sich Politik und Polizei weigern, den biometrische Datenabgleich mit dem G20-Material zu unterlassen …

Ja, Datenschutz ist auch ein großer Kritikpunkt. Niemand weiß, wo die Daten landen. Bei einigen Anwohnern steht der Pfosten mit der Kamera außerdem direkt vor den Wohnungsfenstern. Die Bilder in Richtung der Wohnhäuser sollen zwar verpixelt werden, ein mulmiges Gefühl hinterlässt das trotzdem.

Statt Überwachung und Verdrängung wären soziale Maßnahmen, das Schaffen einer Anlaufstelle für junge Geflüchtete zum Beispiel, viel sinnvoller. Klar, das braucht Geld. Aber die Kameras und ihr Betreibung kosten auch eine Million.

Die Polizei fährt hier stündlich Streife und ist auch zu Fuß unterwegs. Was macht diese Präsenz mit dem Stadtteil?

Schaut man nach St. Pauli oder in die Schanze, gibt es dort eine sehr polizeikritische Grundhaltung. Das ist in St. Georg in größeren Teilen der Bevölkerung anders. Den meisten gibt die Polizeipräsenz ein subjektives Sicherheitsgefühl. Doch eine erhöhte Kontrolle wie der Einsatz von noch mehr Beamten, oder erst recht durch eine Videoobservierung, ist höchst fragwürdig.

Wir haben hier in St. Georg bereits die höchste Polizistendichte Europas, und das schon seit den 90er Jahren. Statt diese noch weiter zu erhöhen, ist Ursachenbekämpfung, also zum Beispiel das Schaffen von Wohnraum für Obdachlose, viel nötiger und nachhaltiger. Um die sozialen Probleme zu lösen, brauchen wir alternative Konzepte.

Lässt sich das an einem Beispiel vertiefen?

Wir vom Einwohnerverein fordern zum Beispiel schon seit Jahr und Tag eine Anlaufstelle für junge Geflüchtete, um sie aufzufangen und ihnen Beschäftigungsmöglichkeiten zu geben. Sie halten sich am Hansaplatz und am Hauptbahnhof vermehrt auf, weil sie hier ihre Leute treffen. Was sollen sie auch sonst mit ihrer Zeit anfangen? Sie leben teilweise in unzureichenden Unterkünften, dürfen nicht arbeiten.

Anlaufstellen wie diese brauchen wir für jede an den Rand gedrängte Gruppe. Dinge, die wir hier anpacken können, lösen zwar nicht die großen Probleme unserer Zeit, aber sie tragen zur Entschärfung bei.

Einwohnerverein St. Georg: Hansaplatz 9


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
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Kulturchoc: Diese Schokolade hilft bei der Integration

Mona Taghavi Fallahpour ist Gründerin und Geschäftsführerin des Food-Start-ups Kulturchoc, das Frauen nach Flucht oder Migration einen beruflichen Neueinstieg ermöglicht

Text und Interview: Erik Brandt-Höge
Fotos: Felix Valentin

Schokolade als Integrationshilfe? Klingt nach einer so süßen wie naiven Idee, ist aber ein bestens funktionierendes Sozialunternehmen. Kulturchoc heißt das Projekt, das Mona Taghavi Fallahpour vor einem Jahr gegründet hat. Ihr Konzept: Geflüchtete Frauen und Migrantinnen, die 35 Jahre oder älter sind, kreieren gemeinsam Köstlichkeiten und schaffen sich dadurch eine Zukunftsperspektive.

Korrekte Konfekte nennt die Kulturchoc-­Macherin das, was ihre Mitarbeiterinnen in einer Altonaer Küche aus u. a. Mandeln, Datteln und Safran zaubern. Alle Zutaten sind fair gehandelt, viele stammen aus den Herkunftsländern der Köchinnen.

Mona, die bereits seit elf Jahren für Vereine, Stiftungen und Organisationen an Bildungsprojekten arbeitet und sie umsetzt, wurde für Kulturchoc kürzlich für den Deutschen Integrationspreis ausgezeichnet – und das soll erst der Anfang sein, sagt sie …

SZENE HAMBURG: Mona, Kulturchoc wirkt wie ein Integrationsprojekt par excellence. Aber: Ist alles so einfach, wie es aussieht?

Mona Taghavi Fallahpour: Es hat schon eine gewisse Zeit gebraucht, unsere Vorhaben umzusetzen. Sozialunternehmen sind in Deutschland noch nicht so anerkannt wie in anderen Ländern, etwa in Amerika. Da ist man auch rechtlich schon weiter, was gemeinnützige Unternehmerarbeit angeht.

Woran liegt das?

Hier ist es einfach nicht üblich, etwas für soziale Projekte zu erwirtschaften. Es ist deshalb anfänglich gar nicht so leicht, die passenden Unterstützer für solche Unternehmen zu finden.

 

„Das Interesse ist riesig!“

 

Wie war es denn bei der Teamfindung für Kulturchoc: Haben sich schnell interessierte Frauen bei dir gemeldet?

Ich hatte und habe immer noch viel mehr Bewerbungen, als ich bewerkstelligen kann. Das Interesse ist riesig! Das habe ich schon zu Beginn gemerkt, als ich Kulturchoc noch ehrenamtlich als Workshop in einem Stadtteilzentrum in Altona angeboten habe.

Bei den Frauen kam das super an – genau wie bei den Kunden. Es lief so gut, dass ich im Oktober 2018 entschied, Kulturchoc hauptamtlich zu leiten.

Und nach welchen Kriterien suchst du die Mitarbeiterinnen aus?

Zunächst bekomme ich einen Lebenslauf von den Frauen, dann vereinbare ich einen Kennenlerntermin, bei dem wir auch gemeinsam in unsere Küche gehen. Dort können sich die Bewerberinnen mit den Frauen unterhalten und austauschen, die schon länger dabei sind und natürlich auch schon ein paar erste Konfekte rollen.

Danach setze ich mich mit allen zusammen, und wenn es passt, probieren wir es sechs bis acht Wochen aus und denken über eine längere Zusammenarbeit nach.

 

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Kulturchoc-Künstlerinnen bei der Handarbeit

 

Momentan sind sechs Frauen in unserer Küche, zwei von ihnen bereits festangestellt. Übrigens bietet Kulturchoc den Teilnehmerinnen auch neben der Arbeit einiges an, um ihr Selbstbewusstsein zu stärken und ihre Teilhabe an der Gesellschaft zu fördern, z. B. Fahrrad­- und Selbstverteidigungskurse, Stimm-­ und Präsentationstraining.

Das alles braucht eine Finanzierung. Wer unterstützt euch?

Im vergangenen Jahr haben wir eine Anschubförderung vom Bezirksamt Altona bekommen. Die Mitarbeiter dort haben sich dafür eingesetzt, dass Kulturchoc in Altona bleibt. Auch bei einem Crowdfunding haben wir erfolgreich mitgemacht und über 11.000 Euro an Spenden gesammelt. Und kürzlich sind wir von der Jury des Deutschen Integrationspreises auf den zweiten Platz gewählt worden, dafür gab es ein Preisgeld.

Die Weichen für weitere Erfolge sind also gestellt. Was ist das nächste Ziel?

Wir wollen wachsen. Wir wollen mehr Teilnehmerinnen aufnehmen und größere Maschinen anschaffen, um die Produktion zu verbessern. Und langfristig wollen wir uns natürlich selbst finanzieren.

Ich wünsche mir, dass wir irgendwann so weit sind, dass die Frauen den Laden selbst schmeißen können und ich mich Stück für Stück heraus­ziehen kann. Um das zu erreichen, haben wir u. a. vor, einen Webshop einzurichten, damit die Korrekten Konfekte auch bundesweit verschickt werden können. Momentan sind wir ja nur lokal unterwegs, z. B. auf Märkten in Hamburg. Der Webshop ist also der nächste große Schritt – und an neuen Produkten tüfteln die Frauen auch schon.

Kulturchoc.de


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
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Europa-Wahl: Das wünschen sich Hamburger für Europa

Europawahl 2019: Am 26. Mai wird das Europäische Parlament gewählt. Acht Hamburger sagen, was sie sich für ihr Europa wünschen.

Protokolle: Erik Brandt-Höge
Fotos: Sophia Herzog / Foto (o.): Christian Wiediger via Unsplash

Die Zahlen vorab: Durch den Brexit wählen voraussichtlich 27 Mitgliedsstaaten der EU nur noch 705 statt 751 Abgeordnete ins Europäischen Parlament, 96 davon kommen aus Deutschland. Klar dreht sich deren Arbeit vor allem um den zukünftigen europäischen Haushalt und Gesetzesbeschlüsse. Aber auch Themen wie Umwelt- und Bildungspolitik sowie Integration kommen bei ihnen garantiert auf den Tisch.

Nur: Was wünschen sich die Wähler konkret? Wo sehen sie Handlungsbedarf? Und wer sollte ihrer Meinung nach besser keine Rolle im Parlament spielen? Wir haben auf Hamburgs Straßen nachgefragt.

 

Sarah, 34

Europawahl-2019-Sarah-c-Sophia-HerzogSchön wäre, wenn Europa wieder mehr zueinanderfindet. Wir sind gerade in einer Zeit, in der vieles auseinander driftet. Wir sollten uns wieder als Einheit präsentieren.

 

 


 

Joel, 29

Europawahl-2019-Joel-c-Sophia-HerzogEuropa müsste eine stärkere Wertegemeinschaft werden, um die Lebensqualität der Menschen insgesamt zu verbessern. Außerdem sollte Verständnis dafür aufkommen, dass bestimmte Probleme nur in einem größeren Kontext betrachtet und gelöst werden können, und dass Europa der erste Schritt dahin ist.

 


 

Marion, 67

Europawahl-2019-Marion-c-Sophia-HerzogIch habe zwei Wünsche für Europa. Der erste ist, dass es Steuererleichterungen für den fairen Handel gibt. Und der zweite, dass auf Menschenrechte in den Lieferketten geachtet wird.

 

 


 

Hans, 74

Europawahl-2019-Hans-c-Sophia-HerzogIch wünsche mir, dass sich das Parlament mehr um die sozialen Fragen in Europa kümmert und einheitliche Standards schafft. Außerdem hoffe ich, dass den rechten Parteien die Grenzen aufgezeigt werden.

 

 


 

Ulf, 35

Europawahl-2019-Ulf-c-Sophia-HerzogIch wünsche mir echte Alternativen für den Pkw-Verkehr, damit es nicht mehr so viele Autos auf den Straßen gibt. Die Leute könnten doch zum Beispiel auch Roller oder Fahrrad fahren.

 

 


 

Jordan, 24

Europawahl-2019-Jordan-c-Sophia-HerzogEuropa sollte ein offener Kontinent bleiben und der kulturelle Austausch gut gepflegt werden. Für Studenten wie mich sind speziell die Erasmus- Programme interessant, über die man mit so vielen unterschiedlichen Menschen in Kontakt kommen kann. Das ist sehr bereichernd und sollte so bleiben.

 

 


 

Nils, 29

Europawahl-2019-Melissa-c-Sophia-HerzogMeinen Wunsch für Europa kann ich in einem Wort zusammenfassen: Geschlossenheit. Was den Brexit angeht, sollte es allerdings in der Hand der Briten liegen, was daraus wird.

 

 


 

Melisa, 38

Europawahl-2019-Melissa-c-Sophia-HerzogEin plastikfreies Europa wäre toll! Außerdem hoffe ich, dass der Fokus der Politiker mehr auf die Themen Integration und Bildung fällt. Schulen sollten finanziell noch mehr unterstützt werden.

 

 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Altona 93 vs. FIFA – Bürokratie behindert Integration

Eine Regel des Fußball-Weltverbandes FIFA behindert die Integrationsarbeit des Hamburger Kultvereins Altona 93.

Text: Mirko Schneider
Foto (o.): Frank Molter

Zum Auftakt der Rückserie der Oberliga Hamburg demonstrierte Fußballclub Altona 93 seine große Klasse. 4:1 siegte der AFC bei Titelverteidiger TuS Dassendorf und setzte sich an die Ligaspitze. Der Wiederaufstieg in die Regionalliga Nord am Saisonende ist eine sehr realistische Option. „Dort wollen wir Altona 93 etablieren, da ist unser Ziel“, sagt Altonas Trainer Berkan Algan immer wieder.

Dieses Ziel findet auch Altonas Integrationsbeauftragter Wladimir Bondarenko (54) gut. Er ist ein großer Fan der ersten Herrenmannschaft, die vor bis zu 1.000 Zuschauern spielt „Ich freue mich sehr über jeden Sieg“, sagt er. Dann legen sich ernste Sorgenfalten auf Bondarenkos Stirn: „Aber ich sage all meinen Jugendtrainern, sie sollen Kinder mit Migrationshintergrund bis spätestens Juni anmelden. Klappt bei den Herren der Aufstieg, ist es sonst vielleicht zu spät.“

 

 

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Um die aktuelle Betriebsamkeit in Altonas Fußball Jugendabteilung – mit 600 Kindern eine der Größten in Hamburg – zu verstehen, ist ein Blick in die Regularien des Fußball-Weltverbandes FIFA hilfreich. Auf Seite 22 findet sich dort unter Artikel 19 folgende Bestimmung: „Ein Spieler darf nur international transferiert werden, wenn er mindestens 18 Jahre alt ist.“ Der Regel, das sieht auch Bondarenko so, liegt ein durchaus sinnvolles Anliegen zugrunde. Im durchkommerzialisierten Profi-Business Fußball boten Anfang der Jahrtausendwende Weltclubs wie zum Beispiel der FC Barcelona Millionensummen für Kinderfußballer, um die Talente zu einem Wechsel zu bewegen.

Die FIFA deklarierte dieses Gebaren als unzulässigen Menschenhandel mit Minderjährigen, dem ein Riegel vorzuschieben sei. Nur setzte der Weltverband auf einen groben Klotz einen groben Keil, denn sein Artikel 19 bezieht sich auf die ersten vier Spielklassen. Dort verfährt man nach Auskunft des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), der die Regel über seine Landesverbände in Deutschland umsetzen muss, „deutlich restriktiver“.

Und so hatte im Sommer 2017 die Jugendabteilung von Altona 93 den Salat. Der Hamburger Amateurfußball-Kultclub, der von gigantischen Umsätzen nationaler Topclubs wie Barcelona, Manchester City oder Bayern München nur träumen darf, durfte nach dem damals gelungenen Aufstieg der Herrenmannschaft in die viertklassige Regionalliga Nord plötzlich keine Kinder mit Migrationshintergrund mehr aufnehmen. Außer, diese besaßen die deutsche Staatsbürgerschaft oder lebten seit mindestens fünf Jahren ununterbrochen in Deutschland.

 

„Nach dem Abstieg war die Anmeldung kein Problem“

 

An zwei Kinder erinnert sich Wladimir Bondarenko, selbst 1995 aus Kasachstan nach Hamburg eingewandert, besonders gut. „Bei uns spielte seit zwei Monaten ein geflüchteter syrischer Junge in der C-Jugend, die ich trainiere. Im August 2017 brachte er einen ebenfalls geflüchteten Freund mit“, wie er erzählt, „Nur war unsere erste Mannschaft eben gerade in die Regionalliga Nord aufgestiegen. Ich konnte den Freund unseres Spielers nicht anmelden, auch wenn ich es die ganze Saison versucht habe.“

Die Jungs hätten oft Tränen in den Augen. Sie verständen nicht, warum der eine bei uns spielen durfte und der andere nicht. Mittlerweile kicken beide gemeinsam in der B-Jugend des Vereins, da Altona 93 in der letzten Saison aus der Regionalliga Nord in die Oberliga Hamburg abstieg. Bondarenko: „Nach dem Abstieg war die Anmeldung des zweiten Jungen ja kein Problem mehr und ging ganz schnell.“

Ohne viel zu spätes Happy End blieb die Geschichte eines niederländischen Jungen, dessen Eltern aus beruflichen Gründen nach Hamburg zogen. Er fiel eigentlich unter die leichteste der sonst schwierig zu erfüllenden Ausnahmebedingungen des FIFA-Artikels 19: „Die Eltern des Spielers nehmen aus Gründen, die nichts mit dem Fußballsport zu tun haben, Wohnsitz im Land des neuen Vereins (…)“, heißt es dort. Das war eindeutig der Fall. „Trotzdem hat die Anmeldung nicht geklappt“, erklärt Bondarenko. „Der Junge hätte bei uns nur trainieren und nicht in Punktspielen mitmachen dürfen. Er ist traurig wieder gegangen.“
Ähnliche Fälle drohen dem Verein nun ab Sommer bei einem Aufstieg der ersten Mannschaft wieder.

 

„Die Integrationskraft des Fußballs darf man nicht unterschätzen“

 

Dabei ist es geradezu paradox, dass es ausgerechnet Altona 93 trifft. Die Integrationsarbeit des Vereins gilt als vorbildlich. Der Verein ist durch die unermüdliche Arbeit von Menschen wie Wladimir Bondarenko und seinen Mitstreitern in seinem Multikulti-Stadtteil bestens vernetzt, Kinder aus 40 Nationen kicken hier. Über ein Drittel der Kids besitzen einen Migrationshintergrund. Aktionen wie Mini-Weltmeisterschaften oder die sogenannten Länderpaten im Verein, die aufgrund ihrer Biografie als Mitglied einer entsprechenden Community als Ansprechpartner für Kinder aus demselben Kulturkreis im Verein da sind, sorgten sogar bundesweit für Aufmerksamkeit. Im März 2018 gewann Altona 93 trotz der starken Konkurrenz von 111 Mitbewerbern den mit 45.000 Euro dotierten DFB-Integrationspreis.

„Die Integrationskraft des Fußballs darf man auf gar keinen Fall unterschätzen. Es ist so viel wert, wenn Kinder aus verschiedenen Nationen in einer Mannschaft gemeinsam auf dem Feld stehen“, sagt Bondarenko. Der frühere kasachische Zweitligaspieler spricht dabei aus tiefster Erfahrung. „Durch den Fußball habe ich in Deutschland meine ersten Kontakte bekommen, habe die Sprache gelernt, Anerkennung erhalten“, sagt er, „diese FIFA-Regel muss so geändert werden, dass sie nicht mehr zulasten der Kinder geht.“

 

„Wir erhalten Zustimmung und Verständnis“

 

Hoffnung gibt es immerhin. Viele betroffene Amateurvereine der insgesamt fünf Regionalligen in Deutschland haben sich an die Landesverbände in ihrem Bundesland und den DFB gewandt. Dieser versucht nun, seinen Einfluss in der FIFA zu nutzen, damit die Regel nicht mehr die Integration von Kindern torpediert. „Ich habe das Gefühl, das Problem wird nun ernst genommen“, sagt Bondarenko, „Wir erhalten Zustimmung und Verständnis vom Hamburger Fußball-Verband und vom DFB.“

Was aber, wenn Altonas erste Mannschaft es im Sommer nicht in die Regionalliga Nord schafft? Dann verschiebt sich das Problem wohl nur um 800 Meter Luftlinie zum Stadtteilrivalen Teutonia 05, der mit Altona in der Spitzengruppe der Oberliga Hamburg um den Aufstieg kämpft. Und dessen Jugend- und Integrationsarbeit ebenfalls einen sehr guten Ruf hat. Es ist also Eile geboten. Damit die Herren Tore schießen können, ohne ungewollt den Kindern im Verein zu schaden.

www.altona93.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats: Mohammed Ghunaim

Vor drei Jahren ist der Syrer Mohammed Ghunaim, kurz Ziko, nach Deutschland geflohen. Seit eineinhalb Jahren leitet der Journalist das Embassy of Hope – Café International vom Thalia Theater. Wie lokale Integration funktioniert, erzählt er in dem Gespräch.

SZENE HAMBURG: Ziko, was ist der größte Unterschied zwischen deinem Leben hier und dem in Damaskus?

Ziko: Sicherheit. Als der Krieg ausgebrochen ist, war ich 20 Jahre alt und in Damaskus zuletzt als Sanitäter beim Roten Halbmond, die Schwestergesellschaft des DRK, direkt in den Kriegsgebieten tätig.

Was hast du gemacht bevor der Krieg ausgebrochen ist?

Ich habe Arabische Literatur und Journalismus studiert. Kurz bevor der Krieg ausgebrochen ist, habe ich zusammen mit Freunden eine Internetseite für lokale Nachrichten aus Damaskus aufgebaut.

Du hast über deine Flucht einen Film gedreht …

Ja, genau, er heißt #myescape, eine 90-minütige Doku, die in der ARDMediathek zu sehen ist. Als ich alle Stationen und viele Momente während meiner Flucht dokumentiert habe, war mir noch nicht klar, dass daraus ein Film entsteht.

Wie war dein Gefühl als du in Deutschland angekommen bist?

Ich habe von Anfang dafür gekämpft, als Mensch anerkannt zu werden. Nicht als Flüchtling. Überall. Mit der Polizei an den Grenzen, in den Flüchtlingcamps und auch in Deutschland. Ich finde den Begriff Geflüchteter falsch, weil jeder Mensch grundsätzlich das Recht hat, woanders zu leben. Das ist in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert. Die Politik kategorisiert die Menschen mit Begriffen. Ich komme aus einem Kriegsgebiet, aber ich fühle mich nicht als Geflüchteter. Hamburg ist meine neue Heimat.

Was brauchen Menschen, die hier neu ankommen am dringendsten?

Sie brauchen Zeit. Und Geduld von der Gesellschaft. Denn alle, egal aus welcher Schicht sie kommen, fliehen, um zu leben. Sie möchten Frieden finden. Natürlich sind nicht alle gute Menschen, aber das ist überall so. Die Neuankömmlinge sprechen kein Deutsch, aber von dem Moment an, in dem sie ankommen, wird erwartet, dass sie sich integrieren. Wir haben keine Zeit, uns von der Flucht zu erholen und uns zu orientieren. Mein Bruder hat zwei Jahre gebraucht, um sein Trauma zu bewältigen. Ich wünsche mir, dass beide Seiten sich noch mehr verstehen, und sich dafür Zeit geben und nehmen.

Zeit und Geduld finden sie im Embassy of Hope?

Wir veranstalten tolle Projekte, an denen jeder teilnehmen kann. Es haben sich Theater- und Musikgruppen gefunden, wir kochen zusammen und tauschen uns über unsere Kulturen aus. Viele Ehrenamtliche aus dem Viertel, geben Deutschkurse. Vor Kurzem haben wir eine neue Lesereihe gestartet, die regelmäßig im Thalia Gaußstraße stattfinden wird. Geflüchtete Menschen haben ihre Erfahrungen aufgeschrieben, die auf Deutsch und Arabisch vorgelesen werden. Wir versuchen die Sprache nicht nur über Bücher, sondern vor allem in der Praxis zu vermitteln.

Was für einen Ort möchtest du mit Embassy of Hope erschaffen?

Als wir 2015 eröffnet haben, waren wir ein Ort, an dem die Menschen aus den Erstunterkünften sich wohlfühlen sollten. Ein bisschen durchatmen konnten und zurück ins Leben fanden. Meine Vision ist, dass es nicht nur ein Ort bleiben wird, der Flüchtlinge willkommen heißt, sondern einfach Menschen. Es wäre toll, wenn wir alle einen Schritt weitergehen, und Menschen nicht mehr durch Begriffe definieren. Wir sollten uns alle, Neuankömmlinge und Deutsche, auf gleicher Augenhöhe begegnen. Denn wir können gegenseitig von uns lernen, wenn wir wollen. Nicht nur die Neuankömmlinge von den Hamburgern, auch umgekehrt. Hier im Café zum Beispiel, versuchen die Nachbarn, die kommen, auch auf Arabisch zu kommunizieren. Wir kommen uns alle entgegen.

Wie gut hat hier im Café die Integration funktioniert?

Wir arbeiten nach dem Prinzip des Austausches. Das Thalia Theater setzt Vertrauen in mich, auch wenn ich erst ein paar Jahre in Deutschland bin und die Sprache nicht perfekt beherrsche. Aber sie akzeptieren meine Vision und unterstützen diese. Ich kann hier meine Kultur einbringen. Und das möchte ich weitergeben. Wir haben viel dafür getan, dass sich die Kulturen im Embassy mischen. Und ab September wird der Samstag zum Familientag, damit auch Kinder mitkommen können, was zurzeit nicht möglich ist. Durch die vielen Möglichkeiten, die wir hier haben, konnten wir Impulse setzen und einige sind von hier in einen neuen Alltag gestartet. Zum Beispiel haben sich aus unserer Kochgruppe ein paar Leute zusammengetan und mittlerweile einen Catering-Service für arabisches Essen gegründet.

Was muss sich noch verändern?

Vieles läuft schon gut. Aber wir brauchen mehr Projekte, die sich um die Wohnungssituation der Neuankömmlinge kümmern. Ich habe sechs Monate lang in einer Erstunterkunft gelebt, was für den Zeitraum absolut akzeptabel war. Aber, wie einige, drei Jahre lang? Das ist schlimm. Das verhindert auch Integration. Ich hatte viel Glück, denn ich wohne in einem Umfeld, wo viele Deutsche wohnen. Deshalb habe ich die Sprache ohne Kurs und Lehrer gelernt. Aber die Menschen, die in den Containern leben, bleiben unter sich.

Du arbeitest auch noch bei der GWA St. Pauli e. V. …

Ja, ich leite dort das Projekt „Yalla – Rein in die Stadt“. Jugendliche produzieren Videos über Orte in Hamburg, die wir entdeckt haben und stellen diese ins Internet. Jeder, der wenig Geld hat und/oder neu in der Stadt ist, findet so tolle Möglichkeiten, trotzdem was zu unternehmen.

Was magst du an Hamburg?

Die Leute sind offen und nehmen teil. In Hamburg gibt es viele Vereine, wie Kampnagel und GWA St. Pauli, die offen sind für Integrationsprojekte. Viele Hamburger wollen etwas von mir lernen, es ist ein Geben und Nehmen. Ich kann hier ich selbst sein. Und fühle ich mich zu Hause.

Das Embassy of Hope – Café International findet ihr in der Gaußstraße 190 (Ottensen).

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Ana Maria Arevalo 

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 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Instrument statt Waffe

Im Kulturladen in St. Georg gibt es Deutschlands einziges Kindermandolinenorchester. Seit elf Jahren bringt Ali Shibly dort Kindern verschiedener Nationalitäten das Instrument näher.

Musik ist Ali Shiblys Hobby seit der Kindheit. Der Ira­ker träumte schon früh von einem Kinderorchester: „Nach dem Krieg herrschte ganz viel Chaos. Ich dachte mir: In je­dem Haus im Irak sollte lieber ein Musikinstrument statt einer Waffe sein.“ Es sollte allerdings noch ein paar Jahre dauern, bis er diesen Traum umsetzen konn­te. Zunächst zog es ihn nämlich nach Mazedonien, wo er Archi­tektur studierte und als Schau­spieler und Musiker arbeitete. 17 Jahre blieb er schließlich dort, bevor es ihn 1998 als Musiklehrer und Jugendbetreuer nach Ham­burg zog.
Hier musizieren heute im Kulturladen St. Georg 35 Kin­der und Jugendliche aus 14 verschiedenen Ländern, darunter auch zehn Flüchtlinge aus Sy­rien mit Ali. Sie lernen bei ihm Mandoline, Gitarre oder Per­kussion. Dass das Kinderorches­ter existiert, ist dabei einem Zu­fall zu verdanken. Ein Freund hatte den Musiker um Rat ge­fragt: Seine vier Kinder wollten ein Instrument lernen, wussten aber nicht welches. Ali schlug Mandoline vor, da sie – anders als die Gitarre – nur vier Seiten hat und so leichter zu erlernen ist. Was noch fehlte, war ein ge­eigneter Unterrichtsraum. Der Kulturladen St. Georg bot sich unter der Voraussetzung an, dass auch andere Kinder bei Ali das Musikinstrument lernen dürften.

,,Viele Kinder machen später im Profiorchester weiter – das macht mich sehr stolz”

„Danach entwickelte sich alles von selbst: Kinder brach­ten andere Kinder. Schnell wur­den wir eine große Gruppe“, er­zählt der Eppendorfer. Seit­dem wird unterrichtet, ganz un­kompliziert, jeden Samstag und Sonntag von 11 bis 15 Uhr. Das Angebot ist kostenlos und auch eine Anmeldung ist nicht nötig.Nach einer Weile wurde das Mandolinenorchester immer öfter zu Konzerten eingeladen, so wie jüngst zum einjährigen Geburtstag des Flüchtling-Magazins. Manchmal sind Auftritte auch weiter weg: 2009 war die Gruppe zum Beispiel in Ägypten. Die Konsulin von Ägypten hatte die Gruppe bei einem Konzert in der Uni Hamburg gesehen und sie kurzerhand zu einem Kinderfestival eingeladen. Drei Einladungen nach Dubai dagegen musste das Orchester allerdings ablehnen – während der Schulzeit sind solche Besuche nicht möglich.
Meist sind es Festivals und Veranstaltungen in Hamburg und Norddeutschland, auf denen das Orchester spielt. Gagen gibt es oft keine, wenn doch, dann fallen sie gering aus. Für das Orchester steht ohnehin der Spaß im Vordergrund. Die Stadt Hamburg belohnte Alis Arbeit 2012 mit dem Bürgerpreis für herausragendes Engagement in der Integrationsarbeit.

Ein Instrument kann bei Ali jeder lernen, egal wie alt, ob blutiger Anfänger oder eingerosteter Gelegenheitsspieler. Wer erst mal ausprobieren möchte, ob ein Instrument überhaupt etwas für einen ist, dem stellt Ali auch gerne eines zur Verfügung. Schließlich weiß der Iraker noch zu gut, wie sich die Sehnsucht nach einem Instrument anfühlt: „Ich wollte als Kind unbedingt ein Instrument haben, aber meine Eltern hatten kein Geld. Und es war auch schwer, einen Musiklehrer zu finden“, erinnert sich der 56-Jährige. Er selbst hat heute 15 Mandolinen, der Kulturladen zehn. Alis älteste Schülerin ist eine 57-jährige Witwe. Ihr Psychologe hatte ihr empfohlen, ein Instrument zu erlernen. Eine andere Schülerin von ihm studiert jetzt Musik, nachdem sie sechs Jahre bei Ali Mandoline lernte. Zwei weitere waren zehn Jahre dabei, musizieren heute professionell in Berlin und London. „Über 300 Kinder haben Mandoline bei mir gelernt. Viele machen später im Profiorchester weiter. Das macht mich sehr stolz.“

www.kulturladen.com/english-mandolinenorchester

Text: Melina Seiler 
Beitragsfoto: Jakob Börner


Als Ali Shibly 1998 nach Deutschland kam, gründete er sehr bald die Shiblyband. Das deutsch-arabische Gemeinschaftsprojekt macht Orientjazz und hat bereits drei Alben veröffentlicht. www.shiblyband.de

 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Sport: Parkour – Die Kunst der Fortbewegung

„Hier geht es nicht um coole Posen“ – Sebastian Ploog erzählt, was diese neue Sportart so besonders macht.

Ich stehe mit einem Freund auf einer abfallenden Straße circa 100 Meter oberhalb der Altonaer Norderelbe. Zwei Meter weiter ein breites Dach, dazwischen der Abgrund. Es ist Juli, die Sonne bescheint unseren in geruhsamen Bahnen verlaufenden freien Tag. Plötzlich nimmt ein durchtrainierter Athlet Anlauf, springt zielsicher einige Meter neben uns ab, landet locker auf dem Dach gegenüber und läuft gutgelaunt weiter. Wir starren ihm nach. Fassungslos, schockiert. „Der ist ja wohl bescheuert“, entfährt es mir augenblicklich.

Drei Monate später

Drei Monate später erzähle ich die Story Sebastian Ploog. Der 31-Jährige ist Vorsitzender des Vereins „Die Halle Hamburg – Parkour Creation“. Ansässig im Kreativquartier im Oberhafen der Hafen-City. Im Juli wurde Eröffnung gefeiert. Also in dem Monat meines Dachspringer-Erlebnisses. Ploog lacht. „Witzig, dass du gerade so was zum ersten Mal gesehen hast. Natürlich sieht so etwas spektakulär aus und ruft dann auch besorgte Eltern auf den Plan. Aber so etwas machen wirklich wenige von uns.“ Mit „uns“ meint Ploog Menschen wie ihn. Parkour-Läufer.

Parkour ist eine Trendsportart, die gerade in Hamburg boomt. Auch dank Ploog und seinen Mitstreitern. Eine 800 Quadratmeter große Halle haben sie hier in vierjähriger Präzisionsarbeit in zwei Räume mit diversen Hindernissen verwandelt. Auf Matten rollen, über Böcke springen, Holzwände hochklettern, sich aus einigen Metern Höhe in luftige Schaumstoffkissen fallen lassen – so gut wie alles ist möglich. Während unseres Gesprächs schlägt ein kleiner Knirps unter Aufsicht von Trainern ein paar Saltos. Es sieht kinderleicht aus. Nun bin ich offen dafür, Neues zu erfahren. Worum geht es beim Parkour genau?

Es ist eine Kunst der Fortbewegung

„Es ist eine Kunst der Fortbewegung“, sagt Ploog. Ursprünglich komme die Sportart aus Frankreich. Ein Fremdenlegionär übertrug seine Fluchttechniken in den Stadtraum Paris. Per Internet verbreiteten sich Videos der sich ungewöhnlich fortbewegenden Menschen, die über Zäune springen oder mit Überschlägen Hindernisse überwinden, Anfang dieses Jahrtausends. Da setzte der Boom ein. „Parkour ist einfach die freie Art der Fortbewegung durch den urbanen Raum. Es geht darum, sich selber individuell in Bewegung mit seiner Umwelt auszudrücken. Ein Parkour- Läufer lebt die Freude an der Bewegung aus, aber ohne Gegner. Es ist kein Wettkampf “, sagt Ploog. Er selbst kam durch die berühmten „Matrix“-Filme dazu. „Ich fand die Filme super und dann hörte ich, es gibt Menschen, die können das ohne Seile und Computereffekte. Da fing ich an, mich für den Sport zu interessieren.“ Der ständige Nervenkitzel durch das dauernde Springen von Dach zu Dach werde aber nicht gesucht. „Wer so etwas tut, hat vorher jahrelang dafür trainiert. Kontrolle wird in der Szene sehr hoch angesehen. Statistisch gibt es auch wenige Verletzungen. Es gibt eben keine externen Einwirkungen wie beim Fußball, wo einem einer die Beine wegzieht oder man einen Ball ins Gesicht bekommt.“ Die Bandbreite der Sportler ist daher sehr hoch. Vom coolen Breakdancer bis zur Couch-Potato, die ihrem Leben einen neuen Drive geben will, ist alles dabei. Und seinen Körper in Schwung bringen kann letztlich jeder. Es müssen ja keine Tore erzielt oder Gegner gedeckt werden, jeder kann nach seinem Tempo lernen.

Gefördert wurde das Projekt

Gefördert wurde das Projekt durch aus einem Crowdfunding erlöste 28.000 Euro, diverse Mittel der Stadt Hamburg und durch den Hamburger Sportbund (HSB). „Die Stadt, die Poliktiker aller Parteien, der HSB – alle zeigten sich sehr aufgeschlossen und da haben wir wirklich zu danken“, erklärt Ploog. So ist der Verein „Parkour Creation“ beispielsweise Stützpunktverein im HSB-Programm „Integration durch Sport“ (IdS). Das IdS finanzierte zu einem großen Teil die beweglichen Sportgeräte und Ausrüstungsgegenstände für das Training sowie ein mobiles Parkour-Klettergerüst, um Integrationsprojekte auf diversen öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen vorzustellen. Sogar einen Integrationslotsen gibt es, der mit Geflüchteten Projekte aufbaut und weitentwickelt. Das vielfältige Angebot schlug nach der Eröffnung sofort ein. Schon in den ersten drei Monaten nach dem Start strömten Tausende Leute in die Halle. Es gibt mittlerweile sechs Kurse für Kinder, sechs für Teenies, fünf für Erwachsene, und diverse Integrationskurse für Flüchtlinge. Damit sich niemand überfordert, wurden qualifizierte Trainer eingestellt.

So wie Mido

So wie Mido. Der junge 21-jährige Syrier steht geradezu sinnbildlich für die philosophische Dimension des Parkour- Sports. Auf Hindernisse trifft schließlich jeder immerzu und überall. Diese spielerisch und kreativ zu lösen, einen gesunden Umgang mit der eigenen Angst und den eigenen Grenzen ohne Leistungsdruck zu erlernen, kann zur befreienden Lebensaufgabe werden. Selbst unter den widrigsten Bedingungen. „Mit Parkour habe ich schon in Damaskus angefangen. Zusammen mit einigen anderen Hip-Hoppern. Parkour ist mein Leben“, erzählt der junge Flüchtling. Er lacht viel. Schon seit jeher faszinierte ihn die Beweglichkeit des menschlichen Körpers. Über die Türkei und den Libanon kam er 2015 nach Brandenburg, durch einen SPIEGEL- Artikel namens „Parkour“, in dem sich Autor Alexander Osang begeistert von seinen „Überschlägen und gehockten Saltos“ zeigte, entstand der Kontakt nach Hamburg. Hier hat Mido nun sein Glück gefunden. Trotz allem, was ihm widerfuhr, strahlt er. „Das Wichtigste beim Parkour ist das Miteinander. Nicht irgendwie einfach etwas machen, sondern miteinander sprechen, vor allem mit dem Trainer. Sich gut warm machen, Stück für Stück und mit System dazulernen“, sagt er. Passend zum Gemeinschaftssinn, ergänzt Ploog, sei daher der Leistpruch des Parkour: „Sei stark, um anderen nützlich zu sein.“ Ploog: „Wir gehen hier alle sehr ruhig und bedacht miteinander um. Ums coole Posen geht es uns nicht.

Als er das sagt, muss ich wieder an mein Erlebnis in Altona denken. Plötzlich ist mir mein damaliges Verhalten etwas peinlich. Wie sehr der erste Eindruck doch täuschen kann.

www.diehalle.hamburg

Text: Mirko Schneider

Beitragsbild: Olaf Janko


Dieser Artikel erschien erstmals in SPORT – Das Magazin der SZENE HAMBURG und des Hamburger Sportbunds 4/2017