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Krisengespräch: Wie sozial ist Hamburg, Melanie Leonhard?

Melanie Leonhard, die Senatorin für Arbeit, Gesundheit, Soziales, Familie und Integration im Gespräch über die derzeit größten Herausforderungen der Stadt 

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Melanie Leonhard, Pandemie, Krieg, Inflation, Energiekrise: Können Sie aus Senatorinnenperspektive derzeit überhaupt noch ruhig schlafen?

Melanie Leonhard: Jedenfalls ist es schwierig. Wenn man ein Thema einigermaßen im Griff hat, kommt schon ein neues. Aber da geht es mir als Senatorin nicht anders, als allen anderen Menschen: Man muss damit umgehen.

Gibt es denn aktuell ein Thema, das bei Ihnen besonders im Fokus steht?

Was uns zu Beginn des Herbstes sehr fordert, ist die Unterbringung von Geflüchteten. Schon im Sommer hatten wir eine erhebliche Zuwanderungsdynamik. Und auch wenn wir in Rekordzeit Plätze in öffentlichen Unterbringungen geschaffen haben, haben wir jetzt die Situation, dass wir gar nicht so schnell Immobilien oder Container in Betrieb nehmen können, wie die Menschen sie brauchen. Deswegen haben wir jetzt auch die ersten Zeltplätze in Betrieb genommen. Das ist nicht unser Anspruch, deswegen versuchen wir auch, schnell wieder andere Unterkünfte zu finden.

 

„Es fehlen vor allem Flächen“

Titelstory Leonhard Foto SK Daniel Reinhardt-klein

„Wir tun als Stadt sehr viel“, sagt Senatorin Leonhard (©Senatskanzlei/Daniel Reinhardt)

Erleben Sie eine generelle Willkommenskultur in der Stadt? Oder würden Sie sagen: Da geht noch mehr?

Mein Eindruck ist, dass es eine ganze Menge Hamburgerinnen und Hamburger gibt, die ganz unabhängig von eigenen Einschränkungen echt viel tun und sich enorm anstrengen in dieser schwierigen Zeit. Das reicht vom Bereitstellen von Unterkünften über die Hausaufgabenhilfe bis zum Vorbeibringen von Kinderspielzeug. Manchmal kann man sehen, dass es den Menschen gar nicht so leicht fällt, derzeit etwas abzugeben. Aber sie tun es und geben sich wirklich große Mühe.

Sie sagen, es mangelt an Unterkünften. Worauf ist dieser Mangel zurückzuführen? Auch auf fehlende Gelder?

Uns fehlen schlicht und ergreifend die Flächen. Wir sind in einem engen Stadtstaat, in dem die Fläche begrenzt ist. Wir haben auch keine großen Industriebrachen oder leer stehende Wohnblöcke in Hamburg. Und wo Wohnungsbau geplant ist, wird er auch erfolgen, alles andere wäre kontraproduktiv. Es sind also trotz der hohen Kosten, die wir stemmen müssen, nicht in erster Linie die Gelder, die fehlen, sondern vor allem fehlende Flächen.

Wir erzählen im November auch von Hamburgerinnen und Hamburgern, die sich besonders sozial engagieren. Gibt es Menschen, die Ihnen momentan sehr imponieren?

Ja, viele! Ich mag eigentlich niemanden besonders hervorheben, nur Beispiele nennen, etwa die Ukraine-Hilfe. Was da an ehrenamtlichem Engagement entfaltet wird, ist wirklich enorm. Zudem gibt es schon seit 2015 Initiativen, die sich für Geflüchtete einsetzen, im ganzen Stadtgebiet von „Harvestehude hilft“ bis „Willkommen in Süderelbe“. Auch viele dieser Initiativen haben nie nachgelassen. Das finde ich sehr beeindruckend. Ebenso wie den Förderverein Winternotprogramm, der Winter für Winter das Abendbrot für obdachlose Menschen zubereitet.

 

„Wir unternehmen große Anstrengungen, allen Obdachlosen zu helfen.“

Apropos Winternotprogramm an. Sie haben mal gesagt, niemand müsse im Winter auf der Straße schlafen …

… das ist so. Wir unternehmen große Anstrengungen, allen Obdachlosen zu helfen. Wer keine Möglichkeit hat, sich selbst zu helfen, bekommt von uns einen Schlafplatz angeboten. Aber Obdachlosigkeit hat häufig nicht nur mit einem fehlenden Dach über dem Kopf zu tun – es gibt oft verschiedene Gründe, warum Menschen das Angebot nicht annehmen können, darunter schwere psychische oder Suchterkrankungen.

„Wenn man ein Thema einigermaßen im Griff hat, kommt schon ein neues“, sagt Senatorin Melanie Leonhard

Ihr Satz, niemand müsse draußen schlafen, suggeriert letztlich, dass viele Hundert Menschen in Hamburg dies freiwillig tun.

Im Rahmen des Winternotprogramms machen wir eine Beratung, die darauf zielt, dass man seine Sozialleistungsansprüche auch realisiert, wieder zu Geld kommt und eine Meldeadresse erhält. Aber nicht immer sind die Menschen auch bereit dazu. Es gibt Dinge, die der Annahme von Hilfe entgegenstehen. Zum Beispiel, wenn man außerhalb der EU beheimatet ist und in Hamburg ohne Arbeit keinen Aufenthaltsstatus hat. Oder wenn man erhebliche Probleme hat, aber noch nicht bereit ist, sich diesen zu stellen.

Rund 50 Prozent der Menschen, die in Hamburg auf der Straße leben, haben keine Krankenversicherungskarte, sind aber wie alle anderen weiterhin von der Pandemie betroffen. Dürfen diese Menschen sich Hoffnung auf eine Auffrischungsimpfung gegen die Omikron-Variante machen?

Ja! Seit es das Impfen gibt, haben wir immer große Anstrengungen unternommen, um auch diese Menschen zu erreichen. Wir haben von Beginn an spezielle Impfangebote für obdach- und wohnungslose Menschen gemacht, die auch gut angenommen wurden. Man kann auch ohne Krankenversicherungskarte ins Impfzentrum kommen, und es gibt laufend mobile Einsätze unserer Impfteams.

 

Kommen die „Verbesserungen“ für Beschäftige im Gesundheitssystem zu spät?

Titelstory Leonhard Foto Erik BRandt-Höge-klein

Viele Hamburgerinnen und Hamburger zeigen Flagge, bleiben solidarisch (©Erik Brandt-Höge)

Bleiben wir beim Thema Pandemie. Vor mehr als zwei Jahren wurden Hamburgerinnen und Hamburger, die im Gesundheitssystem arbeiten, von Balkonen aus beklatscht. Finden Sie, dass die Beklatschten vom Senat ausreichende und vor allem nachhaltige Wertschätzung erhalten haben?

Es liegt auf jeden Fall seitdem ein viel stärkerer Fokus auf ihrer Arbeit. Ob sich das immer in der Wertschätzung ausdrückt, die diese Menschen verdienen, ist schwer zu sagen. Es gibt eine Menge Menschen, die zum Beispiel in Pflegeheimen arbeiten, die sich nicht ausreichend gesehen fühlen. Es wird ihnen aber helfen, wenn wir die politischen Reformen jetzt zum Abschluss bringen.

Denken Sie nicht, dass „jetzt“ ein bisschen spät ist?

Es waren ja schon zu Beginn von Corona eine Menge Reformen in Kraft beziehungsweise angestoßen, etwa zum Thema Personaluntergrenzen. Durch Corona konnte eine solche Reform aber keine Wirkung entfalten, sie fiel weg, weil man sonst nicht so viele Patientinnen und Patienten hätte aufnehmen können. Jetzt kann das und einiges andere aber passieren.

Sie meinen also, dass aus politischer Sicht ausreichend für zum Beispiel Pflegekräfte getan wird?

Die ersten Schritte sind getan und die nächsten müssen jetzt getan werden. Unter anderem geht es darum, mehr Entlastung für das Personal in allen pflegerischen Bereichen zu schaffen. Und die tarifliche Bezahlung in der Altenpflege tritt auch jetzt erst in Kraft.

 

Corona: „Wir haben eine hohe Dunkelziffer“

Glauben Sie, die pandemische Lage in der Stadt wird sich im Herbst und Winter verbessern, wenn die Bürger weiterhin für Tests zahlen müssen und bereits fünf Tage nach einer Corona-Erkrankung wieder in der Öffentlichkeit unterwegs sein dürfen, wie es die aktuelle Pandemie-Politik besagt?

Es gibt auch heute nur noch wenige Bereiche, in denen man überhaupt noch Tests braucht. Wo man einen braucht, wird er weiterhin bezahlt, zum Beispiel bei Besuchen in Krankenhäusern oder nach einem positiven Schnelltest. Viele politische Kräfte meinen zwar, dass alle Vorgaben zur Isolationsdauer wegfallen sollten. Gesundheitsminister Karl Lauterbach ist einer der Wenigen, die überhaupt noch finden, dass Erkrankte fünf Tage in Isolation gehen sollen. Welche Entscheidung dazu getroffen wird, muss sich aber aus der wissenschaftlichen Einschätzung ergeben, und weniger eine politische Entscheidung sein.

Aber durch diese Politik können die vom Gesundheitsamt herausgegebenen Zahlen doch gar kein realistisches Abbild des Pandemiegeschehens sein.

Ja, es gibt kein exaktes Abbild: Wir haben eine hohe Dunkelziffer, weil wir nur noch die Test-Befunde erfassen, die im Labor bestätigt wurden. Das ist – so sagen es auch viele Wissenschaftler – aber ein Teil des Lebens mit der Pandemie.

 

Melanie Leonhard sagt: „Die Hamburgerinnen und Hamburger sind sehr sozial“

Leben müssen Hamburgerinnen und Hamburger auch mit explodierenden Energiekosten. Politische Maßnahmen gibt es, um ihnen zu helfen. Nur: Wie wollen Sie langfristige Unterstützung sichern?

Neben den Hilfen, die der Bund leistet, tun wir als Stadt sehr viel. Wir tragen zum Beispiel mit einem Notfallfonds für Energiekosten ab Dezember dazu bei, dass diejenigen, die nicht mehr wissen, wie sie ihre Rechnungen bezahlen sollen, Hilfe bekommen. Und diese Hilfe ist dauerhaft. Für alle Hilfeempfängerinnen und -empfänger zahlen wir die Heizkosten übrigens aus kommunalen Mitteln der Stadt sowieso. Auch damit tragen wir dazu bei, dass die Menschen sicher durch die Krise kommen.

Abschließend noch die Frage: Wie sozial ist Hamburg? Vielleicht können Sie Ihre Antwort auf einer Skala von eins bis zehn ansiedeln, wenn zehn sehr sozial ist.

Die allermeisten Hamburgerinnen und Hamburger sind sehr sozial. Deshalb: acht oder neun!


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Kunst im Phoxxi: The New Abnormal

Die Fotoausstellung im Phoxxi, dem temporären Haus der Photographie der Deichtorhallen vermittelt einen Eindruck vom gegenwärtigen Leben in der Ukraine mit Werken von zwölf ukrainischen Fotograf:innen

Vom 3. September bis zum 6. November läuft die Ausstellung, die in Kooperation mit dem Odesa Photo Days Festival stattfindet. „The New Abnormal“ zielt darauf ab, mit den Fotografien der ukrainischen Dokumentarfotograf:innen und Fotokünstler:innen, das Leben im Angesicht des
Krieges zu vermitteln.

Das Odesa Photo Days Festival wurde 2015 auf künstlerische Reaktion auf den Krieg gegründet, den Russland im Osten der Ukraine begonnen hatte. Sieben Jahren lang fand das Festival statt. Aufgrund des russischen Angriffs im Februar fiel es dieses Jahr allerdings aus. Umso wichtiger ist, dass die Fotografien jetzt in der Ausstellung im Phoxxi zu sehen sind.

deichtorhallen.com


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Kalte Füße in Hamburg?

Je näher die kalte Jahreszeit rückt, desto größer wird bei vielen Menschen die Sorge vor einem Gasmangel. Wie reagiert die Politik auf bevorstehende Engpässe und steigende Kosten für Verbraucher:innen? Ein Interview mit Jens Kerstan, Senator der Hamburger Umweltbehörde

Interview: Anna Meinke

SZENE HAMBURG: Jens Kerstan, wie lautet Ihre Prognose für die kommenden
Herbst- und Wintermonate hinsichtlich der Versorgungsengpässe? Wird Heizen in Hamburg zum Luxus?

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Jens Kerstan, Senator der Umweltbehörde (Foto:Florian Besser)

Jens Kerstan: Wir befinden uns in einer schwierigen Lage. Deutschland bezieht mittlerweile 40 Prozent des Gasbedarfes aus Russland, die Lieferungen wurden um 80 Prozent gekürzt. Aber wir bekommen auch Gas vor allem aus Norwegen und Niederlande geliefert. Durch die vier geplanten LNG- Terminals könnten wir die Kürzungen des Russland-Gases im Wesentlichen ausgleichen. Aber von den vier Terminals gehen jetzt erst zwei an den Start. Wir müssen also wesentliche Einsparungen im Gasverbrauch vornehmen. Der EU-Notfallplan sieht eine Senkung des nationalen Gasverbrauchs um 15 Prozent vor. Dadurch könnten die Füllstände der europäischen Gasspeicher im Durchschnitt eine Höhe von etwa 80 Prozent erreichen. Wir in Hamburg wollen unseren bestmöglichen Beitrag leisten, diese Ziele zu erreichen.

„Ich gehe fest davon aus, dass niemand in Hamburg frieren müssen wird“

Jens Kerstan

Ich gehe fest davon aus, dass niemand in Hamburg frieren müssen wird. Die Haushaltskunden sind nach EU-Recht geschützte Kunden, das heißt, wenn nötig wird zuerst in der Industrie und der Wirtschaft rationiert. Aber auch dort wird niemandem das Gas komplett abgedreht. Erst wenn das nicht ausreicht, also quasi alle Stricke reißen, würde auch bei den Haushaltskunden rationiert. Aber das sehe ich zurzeit nicht.

Uns ist allen bewusst, dass die Energiepreise durch die Decke gehen. Und ich kann nur an alle Hamburgerinnen und Hamburger appellieren, den Energieverbrauch zu reduzieren und wenn möglich, monatlich einen Betrag zurückzulegen, um sich auf die Jahresabrechnungen in diesem Bereich vorzubereiten. An dieser Stelle möchte ich davor warnen, Heizlüfter anzuschaffen. Denn Strom zum Heizen kostet vier Mal so viel wie Gas. Und wenn Heizlüfter im großen Stil eingesetzt werden, kann es in einzelnen Straßenzügen das Stromnetz überlasten.

Auf der Website der Umweltbehörde werden den Hamburger:innen Energiespartipps für zu Hause ans Herz gelegt. Werden die Anstrengungen von Privathaushalten allein ausreichen, um ohne kalte Füße durch die Wintermonate zu kommen?

Nein, es wird eine gemeinsame Kraftanstrengung vonnöten sein – von Politik, Industrie, Wirtschaft und von allen Hamburgerinnen und Hamburgern. Wir haben zu Beginn der Woche den 25-Punkte-Energiesparplan der Stadt vorgestellt. Anfang September werden wir eine große Kampagne starten, an der sich neben der Stadt unter anderem auch die Kammern, die Wirtschaft und die Verbände beteiligen werden. Dabei geht es auch darum, mehr Informationen und Hilfestellungen für die Hamburgerinnen und Hamburger und Gewerbetreibenden zu bieten.

„Es ist klar, dass alle an einem Strang ziehen müssen, damit wir gut durch den Winter kommen“

Jens Kerstan

Es ist klar, dass alle an einem Strang ziehen müssen, damit wir gut durch den Winter kommen und um einer drohenden Gasmangellage entgegenzuwirken. Wir wollen aber auch vermeiden, dass Hamburg als Industriestandort und große Unternehmen in unserer Stadt in Schwierigkeiten geraten, weil sie im Falle einer Gasmangellage nur noch gedrosselt produzieren können.

Energiesparen hin oder her – wenn die Bürger:innen demnächst die rasant steigenden Energiekosten zahlen müssen, werden viele vor großen finanziellen Problemen stehen. Wie wird den Hamburger:innen bei explodierenden Kosten geholfen?

Es werden generelle finanzielle Hilfen wie zum Beispiel das Energiegeld von der Bundesregierung bereitgestellt. Wir in Hamburg prüfen derzeit, ob es rechtlich möglich ist, die vom Bund beschlossene Gas-Umlage nicht auf die Fernwärme und Gaskunden der städtischen Energiewerke (HEnW) umzulegen.

Auch bereiten wir einen Härtefallfonds nach dem Vorbild Niedersachsens vor, um auch die Kundinnen und Kunden privatwirtschaftlicher Unternehmen zu unterstützen, wenn Sie die Umlage nicht zahlen können. Zudem sind wir in Gesprächen mit den Energieversorgern, dass es bei Zahlungsverzug zu keinen Sperrungen von Strom und Gas in diesem Winter kommen soll. Alle diese Maßnahmen dienen dazu, eine Notlage zu vermeiden. Wir werden niemanden im Stich lassen.

Der Bundeskanzler bezeichnete die aktuelle Energiekrise als „sozialen Sprengstoff “
– gerade die Ärmsten unserer Gesellschaft leiden unter den massiven Preissteigerungen. Befürchten Sie, dass sich soziale Ungleichheiten in Hamburg im Zuge der Krise verstärken werden?

Die Energiekrise, verursacht durch den Angriffskrieg in der Ukraine und den Erpressungsversuchen von Putin, betrifft jeden. Die Preissteigerungen sind allerorts spürbar. Wir werden in Hamburg alles tun, um diese Krise sozial gerecht zu meistern.

Andere Bundesländer legen bereits Energiesparpläne vor, die auch die Beheizung und nächtliche Beleuchtung öffentlicher Gebäude sowie die Industrie in den Blick nehmen. Wie sieht hier der Plan für Hamburg aus?

Wir als Senat, als Verwaltung, nehmen eine Vorbildfunktion in dieser dramatischen Situation ein und haben einen umfangreichen 25-Punkte-Plan zum Energiesparen vorgelegt. Darin geht es unter anderem um die Senkung der Raumtemperatur in den öffentlichen Gebäuden auf die gesetzlich vorgegebene Mindesttemperatur von 20 Grad, um das Abschalten von Warmwasser, um die Reduzierung der Beleuchtung an öffentlichen Gebäuden und in Parks- und Grünanlagen sowie bezirklichen Sportanlagen außerhalb der Nutzungszeiten.

Wir werden den Betrieb von Brunnenanlagen, der Alsterfontäne, der Wasserspiele in Planten un Blomen einstellen – um nur ein paar Punkte zu nennen. Als Industriestandort haben wir in Hamburg einen vergleichsweise hohen Energieverbrauch. Die Industrieunternehmen in Hamburg verbrauchen ein Drittel des Gases. Es ist also auch für unseren Wirtschaftsstandort wichtig, dass es nicht zu einer Gasmangellage kommt.


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„Wir haben eine Verantwortung“

Die Solidarität mit der Ukraine und mit den vor dem russischen Angriffskrieg fliehenden Menschen ist groß. Auch aus der erst kürzlich wieder hochgefahrenen Club- und Veranstaltungsszene gibt es Hilfe. John Schierhorn vom Schrødingers im Schanzenpark berichtet

Interview: Ole Masch

Benefiz-Flohmarkt im PAL, Ukraine Fundraiser-Party im Edelfettwerk oder der „Peace Please Soli-Rave“ am 1. April 2022 im Fundbureau sind nur einige Beispiele, wie innerhalb der Clubszene geholfen wird. Auch die Crew um John Schierhorn vom Schrødingers packt kräftig mit an. Bereits im letzten Jahr wurde das Kulturzentrum mit dem Sonderpreis des Club Awards geehrt. Diverse Soli-Veranstaltungen, unter anderem für Sea Watch, eine wöchentliche Essensausgabe für bedürftige Menschen oder im Winter Platz für ein Zeltlager, um Obdachlosen einen Ort zum Verweilen zu ermöglichen, waren Gründe für die Auszeichnung. In der aktuellen Situation, wo täglich Tausende Geflüchtete in Hamburg ankommen, konnte das Schrødingers sein Netzwerk ebenfalls nutzen, um Menschen direkt zu unterstützen.

„Erst einmal muss es meist schnell gehen“

SZENE HAMBURG: John, woher kommt der Antrieb immer wieder zu helfen?

John Schierhorn: Es wird halt gerade einfach Hilfe gebraucht. Wir sind ja nicht nur Konzertort, sondern vor allem auch Stadtteilkulturzentrum. Als solches haben wir eine Verantwortung. Und wir wissen: Die Welt wird nicht besser, wenn nicht alle daran mitarbeiten. Also begreifen wir uns als Team und Ort, an dem jeder Mensch mithelfen kann!

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„Es wird gerade einfach Hilfe gebraucht“ sagt John Schierhorn vom Schrødingers (Foto: ohne Credit)

Welche Hilfsaktionen habt ihr im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine initiiert?

Wir unterstützen die Helfenden an der Registrierungsstelle in Wandsbek. Dort sind jeden Tag mehrere Hundert Menschen. Wir haben ein kleines Logistikzentrum gebaut und koordi­nieren die Versorgung mit warmen und kalten Speisen, Hygieneartikeln, Decken et cetera mit. Zusätzlich werden wir ab dem Monatswechsel im Schrødingers eine Kinderbetreuung einrichten, damit die geflüchteten Kids ein wenig auf andere Gedanken kommen und die Eltern sich um Orga und so weiter kümmern können.

Wie baut man so eine Hilfsaktion auf ?

Erst einmal muss es meist schnell gehen. Dann aber geht es viel um Logistik. Es braucht eine gewisse Infrastruktur vor Ort, das erleichtert jeden weiteren Schritt erheblich. Dazu zählt auch allerhand Organisation. Dabei ist die freiwillige Mitarbeit von Menschen, die idealerweise eine solide Vorbildung haben, megawichtig. Insbesondere Menschen aus dem Veranstaltungsbereich haben natürlich einen guten Überblick, wie viele Menschen zu versorgen und die Abläufe zu planen sind.

Wie schafft ihr das neben dem eigent­lichen Betrieb?

Wir teilen uns auf, arbeiten richtig viel und haben Mut zur Lücke.

„Kriege einfach nicht mehr führen, wäre ganz geil“

Wie schätzt du die Solidarität inner­halb der Club­ und Veranstaltungs­szene ein?

Die Clubs sind gerade alle mitten in der Eröffnung. Aber viele stellen zum Beispiel ihre Bandappartements zur Verfügung und die Mitarbeitenden vor Ort sind oft Clubmenschen. Lieblingskommentar gerade gestern: „Eigentlich fehlt hier nur noch der DJ.“

Wie kann man sich als Einzelperson beteiligen?

Es gibt an allen Hilfsorten mittler­weile Orgateams, die über Facebook, Padlet und Whatsapp vernetzt sind. Im Zweifel einfach vor Ort vorbeischauen und dort fragen, wie man in die Gruppen kommt.

Was sollte man vermeiden?

Einfach mit irgendwelchen Sachen kommen. Insbesondere Klamotten­ spenden werden fast nirgends mehr angenommen. Vor Ort oder in den Gruppen nach den tagesaktuellen Bedarfen fragen. Oder gerne auch einfach Geld spenden, damit kann meist am schnellsten auf die aktuellen Bedarfe reagiert und in großen Mengen eingekauft werden.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Kriege einfach nicht mehr führen, wäre ganz geil. Und dafür sorgen, dass alle Menschen ein Dach über dem Kopf und genug gesundes Essen haben. Das kann verdammt noch mal nicht so schwer sein, wenn alle mitmachen!

schroedingers.hamburg/spenden

Eine Übersicht über weitere Hilfsaktionen, Soli-Veranstaltungen der Kultur, Demonstrationen und Informationen für Geflüchtete und Helfende gibt es im Ukraine-Ticker der SZENE HAMBURG.


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André: „Es ist ein Land im dauerhaften Kriegszustand“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir André begegnet

Protokoll: Rosa Krohn

„Ich komme aus Syrien. Bevor ich 2015 mit meiner Familie nach Deutschland gekommen bin, war ich einer von 20 Millionen Einwohnern und einer von nur eine Million Christen. Meine Familie, das sind mein Sohn und ich hier in Hamburg. Meine Frau kümmert sich in Aleppo um ihre kranke Mutter und ist deswegen mit meiner Tochter zurück nach Syrien gegangen. Nach Deutschland können sie nicht mehr zurück, weil ihnen der Aufenthalt gekündigt wurde. Ich versuche gerade wieder Arbeit zu finden, um mich einbürgern zu lassen und dann als Sponsor meine Familie zurückzuholen. 

„Ich bin zu alt“

Vor Kurzem bin ich 60 geworden und suche jetzt schon seit fünf Jahren nach einem Job. Ich habe viele Deutschkurse gemacht und auch einen deutschen Führerschein. In Syrien habe ich Französische Literatur und Sprache studiert und ein hier anerkanntes Diplom. Ich wollte gern als Dolmetscher arbeiten. Das hat aber nicht geklappt. Deswegen bewerbe ich mich zum Beispiel als Busfahrer. Aber ich bekomme nur Ablehnungen und keine Begründungen. Ich glaube, ich bin zu alt. Sie wollen junge Leute. 

Dass ich schon so lange nicht mehr arbeiten kann, verletzt meine Ehre. Ich habe mein ganzes Leben mein Geld selbst verdient. In Syrien war ich Unternehmer, hatte eine Modefirma und bin regelmäßig nach Paris gefahren und habe Damenmode importiert. Die Firma gibt es heute nicht mehr. Sie wurde im Krieg zerstört. 

„Nach Syrien zurück ist für mich keine Option“

Wenn ich zurückginge, müsste ich von vorn anfangen. Doch die syrische Regierung unterstützt die Menschen nicht, wie hier in Europa. Es gibt viel Korruption. Menschen sterben vor Hunger – es ist ein Land im dauerhaften Kriegszustand. Wenn ich sehe, was in der Ukraine passiert, macht mich das sehr traurig. Ich fühle, was die Ukrainer fühlen. Jeden Moment kann eine Bombe einschlagen. Ich verstehe nicht, warum sich nicht an einen Tisch gesetzt und miteinander gesprochen wird – ohne Waffen. Sie sind verrückt. Die Menschen verlieren ihre Wohnung, ihre Arbeit, ihre Existenz und ich weiß auch, was sie erwartet, wenn sie flüchten. Auch dann ist es nicht leicht. Mein Plan ist es, es weiter zu versuchen. Nach Syrien zurückzugehen, ist für mich keine Option.“ 


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Neu im Kino: The Card Counter

Oscar Isaac spielt in Paul Schraders neuen Film „The Card Counter“ ein Black-Jack-Mastermind mit düsterer Vergangenheit

Text: Calle Claus

Robert De Niro als „Taxi Driver“ (1976) und „Raging Bull“ (1980) in den Martin-Scorsese-Klassikern, und nun, fast ein halbes Jahrhundert später, Oscar Isaac als traumatisierter Casino-Nomade: Die Drehbücher von Hollywood-Legende Paul Schrader kreisen immer wieder um tickende männliche Zeitbomben. Inzwischen führt er selbst Regie, doch auch Scorsese ist noch an seiner Seite, in diesem Fall als ausführender Produzent. Der „Card Counter“ ist ein weiterer „angry lone wolf “ in Schraders Figuren-Galerie: William Tell (Oscar Isaac) erlernte während einer achtjährigen Haftstrafe die komplexe Technik des „Kartenzählens“, mittels der man BlackJack-Spiele vorausberechnen kann. Mit dieser Superpower tingelt er von Casino zu Casino, immer umgeben vom gleichen tristen Interieur: Spieltische, Bars und Pokerfaces auf scheußlich gemusterter Auslegeware. Bezieht Tell ein neues Motel, frönt er einer seltsamen Routine: Er verpackt – Christo lässt grüßen – das gesamte Mobiliar akkurat in weiße Stofflaken. Reminiszenz an die Monotonie seiner Zelle? Ausdruck der Sehnsucht nach innerer Reinheit?

Ein Beispiel für den Umgang der USA mit Schuld

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„The Card Counter“, der neue Film mit Oscar Isaac, Tiffany Haddish und Willem Dafoe (Foto: Lucky Number Inc.)

Das Spielhallen-Phantom gibt Rätsel auf. Irgendwann läuft ihm Cirk (Tye Sheridan) über den Weg. Der junge Mann ist der Sohn eines einstigen Militär-Kameraden Tells und weiß, welcher blutigen Hölle dieser entstammt. Cirk versucht Tell in einen Rachefeldzug für seinen verstorbenen Vater zu involvieren, dessen Ziel ein schnauzbärtiger Kommandant namens John Gordo (Willem Dafoe) ist. Schon bevor er nämlich selbst hinter Gitter kam, war ein Gefängnis Tells Lebensmittelpunkt: Das berüchtigte Folter-Straflager Abu Ghraib im Irak, das nach 9/11 in die Schlagzeilen geriet. Tell setzt seine Reise zusammen mit Cirk fort und entwickelt etwas, das er bis dato nicht kannte: Vatergefühle. „The Card Counter“ ist eine beklemmende Studie über einen Mann mit erdrückender Vergangenheit, getragen von einem souverän aufspielenden Oscar Isaac. Wenn am Ende die Karten auf dem Tisch liegen und William Tell explodiert, steht das exemplarisch für den Umgang der USA mit Schuld in der jüngeren Geschichte.

„The Card Counter“, Regie: Paul Schrader. Mit Oscar Isaac, Tiffany Haddish, Willem Dafoe. 112 Min. Ab dem 3. März 2022 im Kino

Hier gibts den Trailer zum Film:


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Tocotronic: „Liebe war uns ganz wichtig“

Die Rockband Tocotronic hat ihr 13. Album „Nie wieder Krieg“ veröffentlicht. Ein Gespräch mit Bassist Jan Müller über „Pandemie-Konzerte“, Politik per Musik und ein Gefühl, das die neuen Songs unbedingt transportieren sollen

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Jan, Live-Konzerte fielen und fallen immer wieder aus, was zahlreiche Musikerinnen und Musiker auf mehreren Ebenen belastet. Wie schwer hat Corona Tocotronic getroffen?

Jan Müller: Wir haben zwar noch GEMA- und Streaming-Einnahmen, aber unsere wesentlichen Einkünfte stammen aus dem Live-Geschäft, was ja gerade nicht möglich ist. Die Corona-Hilfen gleichen nicht aus, was uns weggefallen ist. Vereinfacht gesagt, haben wir ein Jahr verloren. „Nie wieder Krieg“ sollte ja eigentlich auch schon im Januar 2021 rauskommen.

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Das neue Album von Tocotronic „Nie wieder Krieg“ ist am 28. Januar 2022 erschienen

Alternativen zur gewohnten Live-Show, etwa Autokino-Konzerte, schienen euch nicht zu reizen …

Das kann man so sagen. Wir haben 2021 einige Pandemie-Konzerte gespielt, wie ich sie mal nennen will, an die wir mit sehr geringen Erwartungen gegangen sind. Bestuhlte Konzerte mit unserem alten Programm aus der Hamburger Zeit – das kam uns schon sehr dialektisch vor. Letztlich hat es aber toll funktioniert. Es war auch schön zu sehen, dass sich die Leute darauf einließen. Am 28. Januar werden wir im SO36 unser Release-Konzert als Streaming-Konzert spielen, was die nächste Herausforderung ist. Als Band verkapselt man sich ja lange im Studio und Proberaum, um etwas zu erschaffen, das man irgendwann mit seinem Publikum teilt. Wenn das Publikum dann aber nicht da ist, ist das schon ein Manko. Ich persönlich bin jetzt aber nicht der Typ, der für sein Leben die Bühne braucht. Bei einigen Kolleginnen und Kollegen haben sich fast Entzugserscheinungen eingestellt. So ging es mir und den anderen in der Band nicht.

 

Haltung

 

Gab es weitere Erkenntnisse während der Pandemie?

Ich kann da nur für mich sprechen und sagen, dass ich froh bin, dass sich in der Pandemie in der Musikszene von wenigen Ausnahmen abgesehen sehr wenig Nihilismus breit gemacht hat. Unter anderem gab es eine tolle, von der Band Die Ärzte initiierte Impfkampagne. Die konstruktive Haltung der Musikszene ist vielleicht auch dadurch zu erklären, dass Musikerinnen und Musiker oft in Gruppen arbeiten und dadurch antiaufklärerische Schwurbelei, die ja meist auch viel mit Vereinzelung und Narzissmus zu tun hat, zurückgedrängt wird.

Kommen wir zum angesprochenen „Nie wieder Krieg“, dem mittlerweile 13. Tocotronic-Album. Daraus wurden bereits Singles veröffentlicht, etwa „Jugend ohne Gott gegen Faschismus“. Sicher kein Zufall, dass dieser Song kurz vor der Bundestagswahl 2021 und der damit verbundenen Entscheidung, wie viel Macht die AfD bekommen würde, erschienen ist …

Genau. Wir sind keine Band, die sich parteipolitisch engagiert, auch wenn wir viele Anfragen bekommen. Das ist nicht unser Stil. Aber gerade, wenn man in unserem Alter ist und noch Parteien wie die Republikaner miterlebt hat, die nur eine kurzlebige Vorankündigung waren, so ist es schon sehr schockierend, zu erleben, wie sich nun eine rechtsextreme Partei dauerhaft im Parlament festsetzt und dort ihre Zersetzungsarbeit betreibt. Die Veröffentlichung von „Jugend ohne Gott gegen Faschismus“ zur Bundestagswahl war daher auch ein bescheidener Versuch, ein Statement zu setzen.

Du hast von vielen Anfragen gesprochen. Kam auch mal eine von der AfD?

Nein – wenn die uns überhaupt kennen. Diese Partei hat ja auch kulturell keine große Kompetenz. Und wenn sie von uns wissen, dann wissen sie auch, dass wir am anderen Ende der Skala stehen.

 

Die Sensorik von Dirk von Lowtzow

 

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Tocotronic haben Lust auf die Live-Bühne, aber keine Entzugserscheinungen (Foto: Gloria Endres de Oliveira)

Der weitere textliche Inhalt von „Nie wieder Krieg“ handelt von einer grundsätzlichen Verwundbarkeit, Einsamkeit, von Existenzängsten – und dann doch von Liebe. Klingt ein bisschen wie eine ungewollt geschriebene Corona-Bilanz, und das sogar vor den pandemischen Ereignissen.

(lacht) Dirk hat ein Talent dafür, immer ein wenig früher Sachen zu kommentieren, als sie passieren. Ich denke da auch an das Album „Kapitulation“ (2007 erschienen; Anm. d. Red.), das mit seiner Kritik am neo-kapitalistischen System einen gewissen Zeitgeist schon vorweggenommen hat. Die Texte von „Nie wieder Krieg“ sind alle vor der Pandemie entstanden, insofern ist es wirklich eine Sensorik von Dirk, mit der er etwas erfasst hat, das so in der Luft schwebte. Wenn das Album denn eine Corona-Bilanz sein soll, wäre es natürlich schön, wenn Liebe das vorherrschende Gefühl beim Hören sein würde.

Liebe war uns auf diesem Album ganz wichtig. Es gibt so viel Hass in dieser Gesellschaft. „Freiburg“, das erste Stück auf unserem ersten Album, beginnt mit der Zeile: „Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse“ (erschienen 1995; Anm. d. Red.). Es war für uns damals sehr lustig, uns unserem Hass auf läppische Nervereien hinzugeben. Aber jetzt, wo der Hass vielerorts so dominant wütet, scheint es uns angebrachter, sanftere Saiten zum Schwingen zu bringen.

 

Es wird nicht mehr, wie es mal war

 

„Nie wieder Krieg“ wird hoffentlich schnellstmöglich auch vor Publikum live präsentiert werden. Entzugserscheinungen, hast du schon gesagt, gibt es nicht – aber womöglich bestimmte Tocotronic-Live-Szenarien, auf die deine Vorfreude besonders groß ist?

Ich freue mich auf Konzerte, wie wir sie immer gemacht haben – wenn es die Umstände denn zulassen: eng und schwitzig. Manche Sachen wird es aber nie wieder geben. Wir mögen es nicht, wenn es auf der Bühne zieht, also haben wir bisher immer die Lüftungsanlage im Saal ausstellen lassen. Deshalb war es bei unseren Konzerten auch immer besonders heiß. Es war toll, wenn dieses Körperliche, das die Rockmusik eh in sich hat, sich auch in der Raumtemperatur widerspiegelt. Wir haben nun mit Demut bilanziert, dass vermutlich nie wieder Konzerte mit deaktivierter Lüftungsanlage stattfinden werden.

„Nie wieder Krieg“ von Tocotronic ist am 28. Januar 2022 auf Vertigo Berlin/Universal Music erschienen

Live gibt es Tocotronic am 16. April 2022 in der Edel-Optics Arena zu sehen (es gibt noch Karten). Außerdem kommen sie am 19. August in den Hamburger Stadtpark (ausverkauft).

Das Release-Konzert im re-live gibt’s hier:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist ab dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Vakil-Mai: „Ich kann einfach nicht weggucken“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Vakil-Mai begegnet.

Protokoll: Kevin Goonewardena

 

„Ich bin ein Kriegskind, Themen wie Menschen, Umwelt und Krieg haben mich immer zutiefst berührt. Meine Welt hatte nie etwas mit Vertrauen zu tun. Ich hatte immer das Gefühl, ich sei daran mit Schuld. Es hat sehr lange gedauert, bis ich gelernt habe, mit diesem Thema und diesen Fragen anders umzugehen. Besonders an Tagen wie dem 9. November merke ich immer wieder, wie sehr mich die Geschichte berührt. Auch deswegen zieht sich dieser Blick nach links und rechts und das politische Engagement wie ein roter Faden durch mein Leben. Ich kann einfach nicht weggucken und weghören.

 

Millionen Bilder im Kopf

 

Ich bin blind, wodurch mir die visuelle Welt doch überwiegend verschlossen ist, und die akustische Welt ist oft nicht einfach. Es ist alles sehr laut und gerät durcheinander. Seit gut 20 Jahren habe ich nun eine sogenannte Makuladegeneration. Bei mir löst sich die Netzhaut von innen nach außen. Ich kann nur noch Punkte abscannen, wenn sich etwas nicht bewegt, je nach Lichteinfall oder wenn etwas kontrastreich ist, kann ich ein bisschen mehr wahrnehmen. Aber ich kann nichts identifizieren. Die Millionen Bilder, die ich im Kopf habe, helfen mir, mir eine Vorstellung von dem zu machen, was ich nicht sehe. Darüber hinaus versuche ich auch am Ball zu bleiben, so gut es geht, ich bin bis vor Corona beispielsweise in verschiedenen Arbeitsgruppen aktiv gewesen und ich habe viel Kontakt mit Leuten von Fridays for Future, mit Hanseatic Help, teile gerne mein Netzwerk und gebe Erfahrungen weiter.

 

„Als Einzelhandelskauffrau war ich kreuzunglücklich“

 

Nach der Schule habe ich eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau gemacht. Damals in den 1960er-Jahren war es noch üblich, einen Beruf zu lernen und den dann bis zur Pensionierung durchzuziehen. Als Einzelhandelskauffrau war ich kreuzunglücklich. Ich habe mich parallel immer engagiert und zum Beispiel mit anderen das Kinderhaus Heinrichstraße aufgebaut. Irgendwann hat mich eine Freundin gefragt: ‚Warum arbeitest du eigentlich im Büro? Das ist doch gar nicht dein Ding, wieso gehst du nicht in Richtung Kinder und Jugendliche?‘ Das war der Anstoß, überhaupt erstmal in eine andere Richtung zu denken. Ich habe dann als ihre Kollegin völlig ungelernt in den Alsterdorfer Anstalten angefangen. Später habe ich als Heilerziehungspflegerin in der Psychiatrie gearbeitet.

 

Nepal und Nicaragua

 

1985 hat es mich dann weggezogen aus Deutschland. Ich habe meinen Besitz verschenkt und bin nach Nepal, um dort zu arbeiten. In diesem Moment hatte ich immer das Bild einer Schale vor Augen gefüllt mit allem, was meine westliche Kultur ausmacht. Bevor ich mich auf fremde Kulturen einlasse, bin ich in ein Kloster gegangen und habe diese Schale in meinem Kopf geleert. Erst dann war ich in der Lage, die neue Kultur zu verstehen. Nach einem halben Jahr bin ich zurück nach Hamburg und habe mich hier einer Gruppe aus Leuten aus Nicaragua angeschlossen. Weil ich unglaublich viel Lust auf Arbeit hatte, war innerhalb von zwei Monaten klar: Ich gehe nach Nicaragua und habe mich so 1986 einer sogenannten Brigade angeschlossen. Mein politisches Engagement hat mir geholfen, so zu arbeiten, wie ich es mir vorstellte. Das habe ich nicht immer tun können.“


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Naseri: „Mein Sohn kennt mich nicht“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Naseri begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Ich war kein normaler Mensch in Afghanistan, ich war Soldat. Ich habe dort gegen die Taliban gekämpft. Mit Anfang 20 bin ich in ein Camp in Pakistan gekommen, in dem wir ausgebildet wurden. Da ging es im Wechsel: eine Woche in den Kampf, eine Woche Training. Wenn du Pech hattest, bist du nicht wieder ins Camp zurückgekehrt. Was es so schwierig im Krieg macht, ist, dass du nicht erkennst, wer dein Feind ist. Da kommt ein junger Typ, der aussieht wie ich, mit der gleichen Kultur, trägt die gleichen Klamotten und auf einmal schlägt er zu. Es sind so viele Freunde um mich herum gestorben, dass wir sie irgendwann nicht mal mehr beerdigt haben, weil die Bomben ihre Körper zerfetzt haben.

Vor fünf Jahren bin ich geflohen. Meine Mama hatte ihren Goldschmuck verkauft und dadurch 12.000 Dollar zusammenbekommen. Das hat sie mir für die Flucht gegeben. Mit 30 anderen Menschen bin ich in den Iran gegangen, von dort in die Türkei und über Bulgarien und Serbien nach Hamburg gekommen. Mit 12.000 Dollar hätte ich in Afghanistan alles machen können – stattdessen bin ich hier.

 

Ich will nach Hause

 

Es ist eine verrückte Welt. Heute arbeite ich als Abspüler in einem Restaurant. Vielleicht werde ich demnächst Pakete ausliefern oder als Securityguard arbeiten. Im Januar ziehe ich endlich in eine neue Wohnung in Barmbek. Und ich bete zu Gott, dass ich meine Aufenthaltsberechtigung bekomme. Dann kann ich meine Frau und meinen Sohn hierherholen. Er ist jetzt sieben Jahre alt und kennt mich nicht. Vielleicht kann er ja Ingenieur oder Arzt werden.

Was ich in Deutschland gelernt habe, ist, die Dinge nicht zu schwer zu nehmen. Hier sagen die Menschen immer: ‘Stück bei Stück.’ Und dann wird schon alles gut. Ich liebe die Leute hier. Die meisten waren sehr, sehr nett zu mir, das werde ich nie vergessen. Und keiner soll denken, wir wären hier, um Urlaub zu machen. Glaube mir, niemand von uns Afghanen wollte sein Land verlassen. Ich habe ein Haus in Kabul, eine Familie, Freunde, doch ich habe mein Leben dort aufgegeben und bin hier, weil ich überleben wollte.

Ich hatte viele Jahre ein richtiges Scheißleben, heute bin glücklich. Hamburg ist wunderschön, aber irgendwann will ich zurück nach Hause, in ein sicheres Afghanistan.“


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