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„Wir haben eine Verantwortung“

Die Solidarität mit der Ukraine und mit den vor dem russischen Angriffskrieg fliehenden Menschen ist groß. Auch aus der erst kürzlich wieder hochgefahrenen Club- und Veranstaltungsszene gibt es Hilfe. John Schierhorn vom Schrødingers im Schanzenpark berichtet

Interview: Ole Masch

Benefiz-Flohmarkt im PAL, Ukraine Fundraiser-Party im Edelfettwerk oder der „Peace Please Soli-Rave“ am 1. April 2022 im Fundbureau sind nur einige Beispiele, wie innerhalb der Clubszene geholfen wird. Auch die Crew um John Schierhorn vom Schrødingers packt kräftig mit an. Bereits im letzten Jahr wurde das Kulturzentrum mit dem Sonderpreis des Club Awards geehrt. Diverse Soli-Veranstaltungen, unter anderem für Sea Watch, eine wöchentliche Essensausgabe für bedürftige Menschen oder im Winter Platz für ein Zeltlager, um Obdachlosen einen Ort zum Verweilen zu ermöglichen, waren Gründe für die Auszeichnung. In der aktuellen Situation, wo täglich Tausende Geflüchtete in Hamburg ankommen, konnte das Schrødingers sein Netzwerk ebenfalls nutzen, um Menschen direkt zu unterstützen.

„Erst einmal muss es meist schnell gehen“

SZENE HAMBURG: John, woher kommt der Antrieb immer wieder zu helfen?

John Schierhorn: Es wird halt gerade einfach Hilfe gebraucht. Wir sind ja nicht nur Konzertort, sondern vor allem auch Stadtteilkulturzentrum. Als solches haben wir eine Verantwortung. Und wir wissen: Die Welt wird nicht besser, wenn nicht alle daran mitarbeiten. Also begreifen wir uns als Team und Ort, an dem jeder Mensch mithelfen kann!

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„Es wird gerade einfach Hilfe gebraucht“ sagt John Schierhorn vom Schrødingers (Foto: ohne Credit)

Welche Hilfsaktionen habt ihr im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine initiiert?

Wir unterstützen die Helfenden an der Registrierungsstelle in Wandsbek. Dort sind jeden Tag mehrere Hundert Menschen. Wir haben ein kleines Logistikzentrum gebaut und koordi­nieren die Versorgung mit warmen und kalten Speisen, Hygieneartikeln, Decken et cetera mit. Zusätzlich werden wir ab dem Monatswechsel im Schrødingers eine Kinderbetreuung einrichten, damit die geflüchteten Kids ein wenig auf andere Gedanken kommen und die Eltern sich um Orga und so weiter kümmern können.

Wie baut man so eine Hilfsaktion auf ?

Erst einmal muss es meist schnell gehen. Dann aber geht es viel um Logistik. Es braucht eine gewisse Infrastruktur vor Ort, das erleichtert jeden weiteren Schritt erheblich. Dazu zählt auch allerhand Organisation. Dabei ist die freiwillige Mitarbeit von Menschen, die idealerweise eine solide Vorbildung haben, megawichtig. Insbesondere Menschen aus dem Veranstaltungsbereich haben natürlich einen guten Überblick, wie viele Menschen zu versorgen und die Abläufe zu planen sind.

Wie schafft ihr das neben dem eigent­lichen Betrieb?

Wir teilen uns auf, arbeiten richtig viel und haben Mut zur Lücke.

„Kriege einfach nicht mehr führen, wäre ganz geil“

Wie schätzt du die Solidarität inner­halb der Club­ und Veranstaltungs­szene ein?

Die Clubs sind gerade alle mitten in der Eröffnung. Aber viele stellen zum Beispiel ihre Bandappartements zur Verfügung und die Mitarbeitenden vor Ort sind oft Clubmenschen. Lieblingskommentar gerade gestern: „Eigentlich fehlt hier nur noch der DJ.“

Wie kann man sich als Einzelperson beteiligen?

Es gibt an allen Hilfsorten mittler­weile Orgateams, die über Facebook, Padlet und Whatsapp vernetzt sind. Im Zweifel einfach vor Ort vorbeischauen und dort fragen, wie man in die Gruppen kommt.

Was sollte man vermeiden?

Einfach mit irgendwelchen Sachen kommen. Insbesondere Klamotten­ spenden werden fast nirgends mehr angenommen. Vor Ort oder in den Gruppen nach den tagesaktuellen Bedarfen fragen. Oder gerne auch einfach Geld spenden, damit kann meist am schnellsten auf die aktuellen Bedarfe reagiert und in großen Mengen eingekauft werden.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Kriege einfach nicht mehr führen, wäre ganz geil. Und dafür sorgen, dass alle Menschen ein Dach über dem Kopf und genug gesundes Essen haben. Das kann verdammt noch mal nicht so schwer sein, wenn alle mitmachen!

schroedingers.hamburg/spenden

Eine Übersicht über weitere Hilfsaktionen, Soli-Veranstaltungen der Kultur, Demonstrationen und Informationen für Geflüchtete und Helfende gibt es im Ukraine-Ticker der SZENE HAMBURG.


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André: „Es ist ein Land im dauerhaften Kriegszustand“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir André begegnet

Protokoll: Rosa Krohn

„Ich komme aus Syrien. Bevor ich 2015 mit meiner Familie nach Deutschland gekommen bin, war ich einer von 20 Millionen Einwohnern und einer von nur eine Million Christen. Meine Familie, das sind mein Sohn und ich hier in Hamburg. Meine Frau kümmert sich in Aleppo um ihre kranke Mutter und ist deswegen mit meiner Tochter zurück nach Syrien gegangen. Nach Deutschland können sie nicht mehr zurück, weil ihnen der Aufenthalt gekündigt wurde. Ich versuche gerade wieder Arbeit zu finden, um mich einbürgern zu lassen und dann als Sponsor meine Familie zurückzuholen. 

„Ich bin zu alt“

Vor Kurzem bin ich 60 geworden und suche jetzt schon seit fünf Jahren nach einem Job. Ich habe viele Deutschkurse gemacht und auch einen deutschen Führerschein. In Syrien habe ich Französische Literatur und Sprache studiert und ein hier anerkanntes Diplom. Ich wollte gern als Dolmetscher arbeiten. Das hat aber nicht geklappt. Deswegen bewerbe ich mich zum Beispiel als Busfahrer. Aber ich bekomme nur Ablehnungen und keine Begründungen. Ich glaube, ich bin zu alt. Sie wollen junge Leute. 

Dass ich schon so lange nicht mehr arbeiten kann, verletzt meine Ehre. Ich habe mein ganzes Leben mein Geld selbst verdient. In Syrien war ich Unternehmer, hatte eine Modefirma und bin regelmäßig nach Paris gefahren und habe Damenmode importiert. Die Firma gibt es heute nicht mehr. Sie wurde im Krieg zerstört. 

„Nach Syrien zurück ist für mich keine Option“

Wenn ich zurückginge, müsste ich von vorn anfangen. Doch die syrische Regierung unterstützt die Menschen nicht, wie hier in Europa. Es gibt viel Korruption. Menschen sterben vor Hunger – es ist ein Land im dauerhaften Kriegszustand. Wenn ich sehe, was in der Ukraine passiert, macht mich das sehr traurig. Ich fühle, was die Ukrainer fühlen. Jeden Moment kann eine Bombe einschlagen. Ich verstehe nicht, warum sich nicht an einen Tisch gesetzt und miteinander gesprochen wird – ohne Waffen. Sie sind verrückt. Die Menschen verlieren ihre Wohnung, ihre Arbeit, ihre Existenz und ich weiß auch, was sie erwartet, wenn sie flüchten. Auch dann ist es nicht leicht. Mein Plan ist es, es weiter zu versuchen. Nach Syrien zurückzugehen, ist für mich keine Option.“ 


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Neu im Kino: The Card Counter

Oscar Isaac spielt in Paul Schraders neuen Film „The Card Counter“ ein Black-Jack-Mastermind mit düsterer Vergangenheit

Text: Calle Claus

Robert De Niro als „Taxi Driver“ (1976) und „Raging Bull“ (1980) in den Martin-Scorsese-Klassikern, und nun, fast ein halbes Jahrhundert später, Oscar Isaac als traumatisierter Casino-Nomade: Die Drehbücher von Hollywood-Legende Paul Schrader kreisen immer wieder um tickende männliche Zeitbomben. Inzwischen führt er selbst Regie, doch auch Scorsese ist noch an seiner Seite, in diesem Fall als ausführender Produzent. Der „Card Counter“ ist ein weiterer „angry lone wolf “ in Schraders Figuren-Galerie: William Tell (Oscar Isaac) erlernte während einer achtjährigen Haftstrafe die komplexe Technik des „Kartenzählens“, mittels der man BlackJack-Spiele vorausberechnen kann. Mit dieser Superpower tingelt er von Casino zu Casino, immer umgeben vom gleichen tristen Interieur: Spieltische, Bars und Pokerfaces auf scheußlich gemusterter Auslegeware. Bezieht Tell ein neues Motel, frönt er einer seltsamen Routine: Er verpackt – Christo lässt grüßen – das gesamte Mobiliar akkurat in weiße Stofflaken. Reminiszenz an die Monotonie seiner Zelle? Ausdruck der Sehnsucht nach innerer Reinheit?

Ein Beispiel für den Umgang der USA mit Schuld

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„The Card Counter“, der neue Film mit Oscar Isaac, Tiffany Haddish und Willem Dafoe (Foto: Lucky Number Inc.)

Das Spielhallen-Phantom gibt Rätsel auf. Irgendwann läuft ihm Cirk (Tye Sheridan) über den Weg. Der junge Mann ist der Sohn eines einstigen Militär-Kameraden Tells und weiß, welcher blutigen Hölle dieser entstammt. Cirk versucht Tell in einen Rachefeldzug für seinen verstorbenen Vater zu involvieren, dessen Ziel ein schnauzbärtiger Kommandant namens John Gordo (Willem Dafoe) ist. Schon bevor er nämlich selbst hinter Gitter kam, war ein Gefängnis Tells Lebensmittelpunkt: Das berüchtigte Folter-Straflager Abu Ghraib im Irak, das nach 9/11 in die Schlagzeilen geriet. Tell setzt seine Reise zusammen mit Cirk fort und entwickelt etwas, das er bis dato nicht kannte: Vatergefühle. „The Card Counter“ ist eine beklemmende Studie über einen Mann mit erdrückender Vergangenheit, getragen von einem souverän aufspielenden Oscar Isaac. Wenn am Ende die Karten auf dem Tisch liegen und William Tell explodiert, steht das exemplarisch für den Umgang der USA mit Schuld in der jüngeren Geschichte.

„The Card Counter“, Regie: Paul Schrader. Mit Oscar Isaac, Tiffany Haddish, Willem Dafoe. 112 Min. Ab dem 3. März 2022 im Kino

Hier gibts den Trailer zum Film:


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Tocotronic: „Liebe war uns ganz wichtig“

Die Rockband Tocotronic hat ihr 13. Album „Nie wieder Krieg“ veröffentlicht. Ein Gespräch mit Bassist Jan Müller über „Pandemie-Konzerte“, Politik per Musik und ein Gefühl, das die neuen Songs unbedingt transportieren sollen

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Jan, Live-Konzerte fielen und fallen immer wieder aus, was zahlreiche Musikerinnen und Musiker auf mehreren Ebenen belastet. Wie schwer hat Corona Tocotronic getroffen?

Jan Müller: Wir haben zwar noch GEMA- und Streaming-Einnahmen, aber unsere wesentlichen Einkünfte stammen aus dem Live-Geschäft, was ja gerade nicht möglich ist. Die Corona-Hilfen gleichen nicht aus, was uns weggefallen ist. Vereinfacht gesagt, haben wir ein Jahr verloren. „Nie wieder Krieg“ sollte ja eigentlich auch schon im Januar 2021 rauskommen.

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Das neue Album von Tocotronic „Nie wieder Krieg“ ist am 28. Januar 2022 erschienen

Alternativen zur gewohnten Live-Show, etwa Autokino-Konzerte, schienen euch nicht zu reizen …

Das kann man so sagen. Wir haben 2021 einige Pandemie-Konzerte gespielt, wie ich sie mal nennen will, an die wir mit sehr geringen Erwartungen gegangen sind. Bestuhlte Konzerte mit unserem alten Programm aus der Hamburger Zeit – das kam uns schon sehr dialektisch vor. Letztlich hat es aber toll funktioniert. Es war auch schön zu sehen, dass sich die Leute darauf einließen. Am 28. Januar werden wir im SO36 unser Release-Konzert als Streaming-Konzert spielen, was die nächste Herausforderung ist. Als Band verkapselt man sich ja lange im Studio und Proberaum, um etwas zu erschaffen, das man irgendwann mit seinem Publikum teilt. Wenn das Publikum dann aber nicht da ist, ist das schon ein Manko. Ich persönlich bin jetzt aber nicht der Typ, der für sein Leben die Bühne braucht. Bei einigen Kolleginnen und Kollegen haben sich fast Entzugserscheinungen eingestellt. So ging es mir und den anderen in der Band nicht.

 

Haltung

 

Gab es weitere Erkenntnisse während der Pandemie?

Ich kann da nur für mich sprechen und sagen, dass ich froh bin, dass sich in der Pandemie in der Musikszene von wenigen Ausnahmen abgesehen sehr wenig Nihilismus breit gemacht hat. Unter anderem gab es eine tolle, von der Band Die Ärzte initiierte Impfkampagne. Die konstruktive Haltung der Musikszene ist vielleicht auch dadurch zu erklären, dass Musikerinnen und Musiker oft in Gruppen arbeiten und dadurch antiaufklärerische Schwurbelei, die ja meist auch viel mit Vereinzelung und Narzissmus zu tun hat, zurückgedrängt wird.

Kommen wir zum angesprochenen „Nie wieder Krieg“, dem mittlerweile 13. Tocotronic-Album. Daraus wurden bereits Singles veröffentlicht, etwa „Jugend ohne Gott gegen Faschismus“. Sicher kein Zufall, dass dieser Song kurz vor der Bundestagswahl 2021 und der damit verbundenen Entscheidung, wie viel Macht die AfD bekommen würde, erschienen ist …

Genau. Wir sind keine Band, die sich parteipolitisch engagiert, auch wenn wir viele Anfragen bekommen. Das ist nicht unser Stil. Aber gerade, wenn man in unserem Alter ist und noch Parteien wie die Republikaner miterlebt hat, die nur eine kurzlebige Vorankündigung waren, so ist es schon sehr schockierend, zu erleben, wie sich nun eine rechtsextreme Partei dauerhaft im Parlament festsetzt und dort ihre Zersetzungsarbeit betreibt. Die Veröffentlichung von „Jugend ohne Gott gegen Faschismus“ zur Bundestagswahl war daher auch ein bescheidener Versuch, ein Statement zu setzen.

Du hast von vielen Anfragen gesprochen. Kam auch mal eine von der AfD?

Nein – wenn die uns überhaupt kennen. Diese Partei hat ja auch kulturell keine große Kompetenz. Und wenn sie von uns wissen, dann wissen sie auch, dass wir am anderen Ende der Skala stehen.

 

Die Sensorik von Dirk von Lowtzow

 

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Tocotronic haben Lust auf die Live-Bühne, aber keine Entzugserscheinungen (Foto: Gloria Endres de Oliveira)

Der weitere textliche Inhalt von „Nie wieder Krieg“ handelt von einer grundsätzlichen Verwundbarkeit, Einsamkeit, von Existenzängsten – und dann doch von Liebe. Klingt ein bisschen wie eine ungewollt geschriebene Corona-Bilanz, und das sogar vor den pandemischen Ereignissen.

(lacht) Dirk hat ein Talent dafür, immer ein wenig früher Sachen zu kommentieren, als sie passieren. Ich denke da auch an das Album „Kapitulation“ (2007 erschienen; Anm. d. Red.), das mit seiner Kritik am neo-kapitalistischen System einen gewissen Zeitgeist schon vorweggenommen hat. Die Texte von „Nie wieder Krieg“ sind alle vor der Pandemie entstanden, insofern ist es wirklich eine Sensorik von Dirk, mit der er etwas erfasst hat, das so in der Luft schwebte. Wenn das Album denn eine Corona-Bilanz sein soll, wäre es natürlich schön, wenn Liebe das vorherrschende Gefühl beim Hören sein würde.

Liebe war uns auf diesem Album ganz wichtig. Es gibt so viel Hass in dieser Gesellschaft. „Freiburg“, das erste Stück auf unserem ersten Album, beginnt mit der Zeile: „Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse“ (erschienen 1995; Anm. d. Red.). Es war für uns damals sehr lustig, uns unserem Hass auf läppische Nervereien hinzugeben. Aber jetzt, wo der Hass vielerorts so dominant wütet, scheint es uns angebrachter, sanftere Saiten zum Schwingen zu bringen.

 

Es wird nicht mehr, wie es mal war

 

„Nie wieder Krieg“ wird hoffentlich schnellstmöglich auch vor Publikum live präsentiert werden. Entzugserscheinungen, hast du schon gesagt, gibt es nicht – aber womöglich bestimmte Tocotronic-Live-Szenarien, auf die deine Vorfreude besonders groß ist?

Ich freue mich auf Konzerte, wie wir sie immer gemacht haben – wenn es die Umstände denn zulassen: eng und schwitzig. Manche Sachen wird es aber nie wieder geben. Wir mögen es nicht, wenn es auf der Bühne zieht, also haben wir bisher immer die Lüftungsanlage im Saal ausstellen lassen. Deshalb war es bei unseren Konzerten auch immer besonders heiß. Es war toll, wenn dieses Körperliche, das die Rockmusik eh in sich hat, sich auch in der Raumtemperatur widerspiegelt. Wir haben nun mit Demut bilanziert, dass vermutlich nie wieder Konzerte mit deaktivierter Lüftungsanlage stattfinden werden.

„Nie wieder Krieg“ von Tocotronic ist am 28. Januar 2022 auf Vertigo Berlin/Universal Music erschienen

Live gibt es Tocotronic am 16. April 2022 in der Edel-Optics Arena zu sehen (es gibt noch Karten). Außerdem kommen sie am 19. August in den Hamburger Stadtpark (ausverkauft).

Das Release-Konzert im re-live gibt’s hier:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist ab dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Vakil-Mai: „Ich kann einfach nicht weggucken“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Vakil-Mai begegnet.

Protokoll: Kevin Goonewardena

 

„Ich bin ein Kriegskind, Themen wie Menschen, Umwelt und Krieg haben mich immer zutiefst berührt. Meine Welt hatte nie etwas mit Vertrauen zu tun. Ich hatte immer das Gefühl, ich sei daran mit Schuld. Es hat sehr lange gedauert, bis ich gelernt habe, mit diesem Thema und diesen Fragen anders umzugehen. Besonders an Tagen wie dem 9. November merke ich immer wieder, wie sehr mich die Geschichte berührt. Auch deswegen zieht sich dieser Blick nach links und rechts und das politische Engagement wie ein roter Faden durch mein Leben. Ich kann einfach nicht weggucken und weghören.

 

Millionen Bilder im Kopf

 

Ich bin blind, wodurch mir die visuelle Welt doch überwiegend verschlossen ist, und die akustische Welt ist oft nicht einfach. Es ist alles sehr laut und gerät durcheinander. Seit gut 20 Jahren habe ich nun eine sogenannte Makuladegeneration. Bei mir löst sich die Netzhaut von innen nach außen. Ich kann nur noch Punkte abscannen, wenn sich etwas nicht bewegt, je nach Lichteinfall oder wenn etwas kontrastreich ist, kann ich ein bisschen mehr wahrnehmen. Aber ich kann nichts identifizieren. Die Millionen Bilder, die ich im Kopf habe, helfen mir, mir eine Vorstellung von dem zu machen, was ich nicht sehe. Darüber hinaus versuche ich auch am Ball zu bleiben, so gut es geht, ich bin bis vor Corona beispielsweise in verschiedenen Arbeitsgruppen aktiv gewesen und ich habe viel Kontakt mit Leuten von Fridays for Future, mit Hanseatic Help, teile gerne mein Netzwerk und gebe Erfahrungen weiter.

 

„Als Einzelhandelskauffrau war ich kreuzunglücklich“

 

Nach der Schule habe ich eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau gemacht. Damals in den 1960er-Jahren war es noch üblich, einen Beruf zu lernen und den dann bis zur Pensionierung durchzuziehen. Als Einzelhandelskauffrau war ich kreuzunglücklich. Ich habe mich parallel immer engagiert und zum Beispiel mit anderen das Kinderhaus Heinrichstraße aufgebaut. Irgendwann hat mich eine Freundin gefragt: ‚Warum arbeitest du eigentlich im Büro? Das ist doch gar nicht dein Ding, wieso gehst du nicht in Richtung Kinder und Jugendliche?‘ Das war der Anstoß, überhaupt erstmal in eine andere Richtung zu denken. Ich habe dann als ihre Kollegin völlig ungelernt in den Alsterdorfer Anstalten angefangen. Später habe ich als Heilerziehungspflegerin in der Psychiatrie gearbeitet.

 

Nepal und Nicaragua

 

1985 hat es mich dann weggezogen aus Deutschland. Ich habe meinen Besitz verschenkt und bin nach Nepal, um dort zu arbeiten. In diesem Moment hatte ich immer das Bild einer Schale vor Augen gefüllt mit allem, was meine westliche Kultur ausmacht. Bevor ich mich auf fremde Kulturen einlasse, bin ich in ein Kloster gegangen und habe diese Schale in meinem Kopf geleert. Erst dann war ich in der Lage, die neue Kultur zu verstehen. Nach einem halben Jahr bin ich zurück nach Hamburg und habe mich hier einer Gruppe aus Leuten aus Nicaragua angeschlossen. Weil ich unglaublich viel Lust auf Arbeit hatte, war innerhalb von zwei Monaten klar: Ich gehe nach Nicaragua und habe mich so 1986 einer sogenannten Brigade angeschlossen. Mein politisches Engagement hat mir geholfen, so zu arbeiten, wie ich es mir vorstellte. Das habe ich nicht immer tun können.“


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Naseri: „Mein Sohn kennt mich nicht“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Naseri begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Ich war kein normaler Mensch in Afghanistan, ich war Soldat. Ich habe dort gegen die Taliban gekämpft. Mit Anfang 20 bin ich in ein Camp in Pakistan gekommen, in dem wir ausgebildet wurden. Da ging es im Wechsel: eine Woche in den Kampf, eine Woche Training. Wenn du Pech hattest, bist du nicht wieder ins Camp zurückgekehrt. Was es so schwierig im Krieg macht, ist, dass du nicht erkennst, wer dein Feind ist. Da kommt ein junger Typ, der aussieht wie ich, mit der gleichen Kultur, trägt die gleichen Klamotten und auf einmal schlägt er zu. Es sind so viele Freunde um mich herum gestorben, dass wir sie irgendwann nicht mal mehr beerdigt haben, weil die Bomben ihre Körper zerfetzt haben.

Vor fünf Jahren bin ich geflohen. Meine Mama hatte ihren Goldschmuck verkauft und dadurch 12.000 Dollar zusammenbekommen. Das hat sie mir für die Flucht gegeben. Mit 30 anderen Menschen bin ich in den Iran gegangen, von dort in die Türkei und über Bulgarien und Serbien nach Hamburg gekommen. Mit 12.000 Dollar hätte ich in Afghanistan alles machen können – stattdessen bin ich hier.

 

Ich will nach Hause

 

Es ist eine verrückte Welt. Heute arbeite ich als Abspüler in einem Restaurant. Vielleicht werde ich demnächst Pakete ausliefern oder als Securityguard arbeiten. Im Januar ziehe ich endlich in eine neue Wohnung in Barmbek. Und ich bete zu Gott, dass ich meine Aufenthaltsberechtigung bekomme. Dann kann ich meine Frau und meinen Sohn hierherholen. Er ist jetzt sieben Jahre alt und kennt mich nicht. Vielleicht kann er ja Ingenieur oder Arzt werden.

Was ich in Deutschland gelernt habe, ist, die Dinge nicht zu schwer zu nehmen. Hier sagen die Menschen immer: ‘Stück bei Stück.’ Und dann wird schon alles gut. Ich liebe die Leute hier. Die meisten waren sehr, sehr nett zu mir, das werde ich nie vergessen. Und keiner soll denken, wir wären hier, um Urlaub zu machen. Glaube mir, niemand von uns Afghanen wollte sein Land verlassen. Ich habe ein Haus in Kabul, eine Familie, Freunde, doch ich habe mein Leben dort aufgegeben und bin hier, weil ich überleben wollte.

Ich hatte viele Jahre ein richtiges Scheißleben, heute bin glücklich. Hamburg ist wunderschön, aber irgendwann will ich zurück nach Hause, in ein sicheres Afghanistan.“


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Yazan: „Es hat sich alles gelohnt”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Yazan begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Ich danke Deutschland so sehr, dass ich hier sein darf. Sieh mal, das ist euer Land, wir haben keins mehr, es ist zerstört. In Syrien ist Krieg und hier ist der Segen. Und das findet auf demselben Planeten statt. Ich bin vor fünf Jahren nach Deutschland gekommen. Zusammen mit meinem Cousin und einem Freund sind wir mit 30 weiteren Menschen geflüchtet.

Zunächst zu Fuß in die Türkei, dort habe ich ein Jahr gelebt, dann mit dem Boot nach Griechenland, zu Fuß bin ich durch Mazedonien gelaufen und in Serbien in einen Zug gestiegen, der mich nach Budapest gebracht hat. Dort hat mich ein Auto dann nach München gefahren. Aber für mich war klar: Ich will nach Hamburg. Schon in der Türkei hatte ich das beschlossen, als ich Fotos gesehen und Geschichten über die Stadt gehört habe. Also bin ich mit dem Zug aus dem Süden weiter nach Hamburg gefahren.

Die ganze Reise aus Syrien hierher war gefährlich und schwierig, aber, wenn ich an der Alster sitze und auf das Wasser schaue, weiß ich wieder: Es hat sich alles gelohnt. Heute arbeite ich in Barmbek in einem Hotel an der Bar. Ich spare mein Geld und suche eine Wohnung für zwei Personen, denn wenn alles gut läuft, kann ich bald meine Mama nach Deutschland holen. Ich habe sie seit sechs Jahre nicht gesehen.“


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Gewalt, Geld – und Glück

Warum die erste Ausstellung in den neuen Räumen des Bucerius Kunst Forums von Krieg, Katastrophen und Konsumterror handelt und trotzdem glücklich macht

Text: Karin Schulze
Foto (o.): Peter Piller: Zungen / Tongues (10), 2002–2004

 

Mit dicken schwarzen Kopfhörern auf den Ohren und auf einem Wall aus Sandsäcken hockend – so hat man den Besucher des Bucerius Kunst Forums bisher noch nicht gesehen. Der Titel der aktuellen Ausstellung „Here We Are Today“ verweist denn auch gleich dreifach auf neues Terrain: Er lädt stolz ein in das von Gerkan, Marg und Partner hinter der alten Fassade neu gebaute Haus am Neuen Wall. Er deutet auf eine programmatische Öffnung des bislang eher dem Altehrwürdigen zugeneigten Hauses auch für Gegenwartskunst. Und er benennt das Thema, das die Arbeiten der 18 ausgestellten Künstler skizzieren: den heutigen Zustand unserer Welt.

So sitzt man also mit Kopfhörern auf Sandsäcken und lauscht dem Videovortrag von Hito Steyerl, die – nicht erst seit ihrer diesjährigen Ausstellung im New Yorker Park Avenue Armory – weltweit zu den inhaltlich entschiedensten und zugleich ästhetisch überzeugendsten Künstlern zählt. Ihre Lecture Performance mischt Fakten mit absurden Scheinargumenten, wichtigtuerischen Enthüllungsgestus mit schelmischen Blicken.

 

Kunst und Krieg

 

So gelingt ihr das Kunststück, eine Fake-Argumentation von nahezu Trump’scher Perfidie abzuliefern und doch ihren Gegenstand – den Zusammenhang von Kunst und Krieg, von Museumssponsoring und Rüstungsindustrie – ernsthaft zu beleuchten und über die Augen, die Ohren und die barrikadenartige Sitzfläche in den Betrachter einsickern zu lassen.

Ein paar Meter weiter in dem luftig mit Arbeiten bestückten Ausstellungsraum trifft man auf die S/W-Porträtfotos von Samuel Fosso. Sie zeigen stets ihn selbst – aber im Outfit und der Pose von Malcolm X, Patrice Lumumba, Nelson Mandela oder Angela Davies. Als African Spirits vermitteln sie durch das Verkleidungs- und Verkörperungsspiel hindurch ein würdevolles Bild dessen, was Aimé Césaire als „Négritude“ bezeichnete.

 

bucerius-Erkan_OEzgen_Wonderland_2016

Erkan Özgen: Wonderland (Filmstill), 2016

 

Den stärksten Eindruck aber hinterlässt die Videoarbeit „Wonderland“ des türkischen Künstlers Erkan Özgen. Die Kamera fokussiert einen dreizehnjährigen gehörlosen Jungen, der mit seiner Familie aus dem nordsyrischen Kobanê in die Türkei geflohen ist. Gestisch und mimisch berichtet er von den Taten des Islamischen Staats, von Bomben, Folter und Enthauptungen. Tief verunsichernd sind die Intensität des erlebten Terrors, die Fassungslosigkeit im Blick des Kindes, aber auch die bange Frage, welcher vielleicht unheilbare Schaden in seiner von Gräueln und Granaten perforierten Seele angerichtet wurde.

 

„Sie sieht hin, wo es weh tut“

 

Kathrin Baumstark, der neuen Direktorin des Hauses, ist mit der Auswahl der Projekte von 18 Künstlern eine starke Schau geglückt. Mit den Kapiteln „Verbrechen“ „Heimat“ (dort etwa Eva Leitolfs fotografische Erkundungen rassistisch motivierter Gewalt) oder „Kapital“ (mit Andreas Gurskys Konsumhorror-Collage „Amazon“) wird klug ein Panorama der Bruchstellen gezeichnet, an denen sich unsere Zukunft entscheidet. Dabei ist vor allem realistisch-dokumentarisch agierende Kunst zu sehen.

Selbst dort, wo man vor abstrakten monochromen Bildtafeln zu stehen meint, schaut man in Wirklichkeit auf Abbilder des Schreckens: Johanna Diehl hat die farbigen Einbände der Tagebücher aufgenommen, in denen ihre Großmutter die Verdrängungsleistung erbrachte, alle historischen oder familiären Katastrophen auszublenden, die sich zwischen 1936 und 2009 ereigneten.

Ausblenden – genau das macht die Ausstellung nicht. Sie sieht hin, wo es weh tut. Und beglückt damit. Denn sie sieht die Welt durch die Augen und die widerständige Anverwandlungskraft der Künstler. Nicht resignierend, sondern als Form handelnden Einspruchs.

Bucerius Kunst Forum: Here We Are Today. Das Bild der Welt in Foto- & Videokunst, 7.6.-29.9.19, Alter Wall 12 (Altstadt)


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats: Mohammed Ghunaim

Vor drei Jahren ist der Syrer Mohammed Ghunaim, kurz Ziko, nach Deutschland geflohen. Seit eineinhalb Jahren leitet der Journalist das Embassy of Hope – Café International vom Thalia Theater. Wie lokale Integration funktioniert, erzählt er in dem Gespräch.

SZENE HAMBURG: Ziko, was ist der größte Unterschied zwischen deinem Leben hier und dem in Damaskus?

Ziko: Sicherheit. Als der Krieg ausgebrochen ist, war ich 20 Jahre alt und in Damaskus zuletzt als Sanitäter beim Roten Halbmond, die Schwestergesellschaft des DRK, direkt in den Kriegsgebieten tätig.

Was hast du gemacht bevor der Krieg ausgebrochen ist?

Ich habe Arabische Literatur und Journalismus studiert. Kurz bevor der Krieg ausgebrochen ist, habe ich zusammen mit Freunden eine Internetseite für lokale Nachrichten aus Damaskus aufgebaut.

Du hast über deine Flucht einen Film gedreht …

Ja, genau, er heißt #myescape, eine 90-minütige Doku, die in der ARDMediathek zu sehen ist. Als ich alle Stationen und viele Momente während meiner Flucht dokumentiert habe, war mir noch nicht klar, dass daraus ein Film entsteht.

Wie war dein Gefühl als du in Deutschland angekommen bist?

Ich habe von Anfang dafür gekämpft, als Mensch anerkannt zu werden. Nicht als Flüchtling. Überall. Mit der Polizei an den Grenzen, in den Flüchtlingcamps und auch in Deutschland. Ich finde den Begriff Geflüchteter falsch, weil jeder Mensch grundsätzlich das Recht hat, woanders zu leben. Das ist in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert. Die Politik kategorisiert die Menschen mit Begriffen. Ich komme aus einem Kriegsgebiet, aber ich fühle mich nicht als Geflüchteter. Hamburg ist meine neue Heimat.

Was brauchen Menschen, die hier neu ankommen am dringendsten?

Sie brauchen Zeit. Und Geduld von der Gesellschaft. Denn alle, egal aus welcher Schicht sie kommen, fliehen, um zu leben. Sie möchten Frieden finden. Natürlich sind nicht alle gute Menschen, aber das ist überall so. Die Neuankömmlinge sprechen kein Deutsch, aber von dem Moment an, in dem sie ankommen, wird erwartet, dass sie sich integrieren. Wir haben keine Zeit, uns von der Flucht zu erholen und uns zu orientieren. Mein Bruder hat zwei Jahre gebraucht, um sein Trauma zu bewältigen. Ich wünsche mir, dass beide Seiten sich noch mehr verstehen, und sich dafür Zeit geben und nehmen.

Zeit und Geduld finden sie im Embassy of Hope?

Wir veranstalten tolle Projekte, an denen jeder teilnehmen kann. Es haben sich Theater- und Musikgruppen gefunden, wir kochen zusammen und tauschen uns über unsere Kulturen aus. Viele Ehrenamtliche aus dem Viertel, geben Deutschkurse. Vor Kurzem haben wir eine neue Lesereihe gestartet, die regelmäßig im Thalia Gaußstraße stattfinden wird. Geflüchtete Menschen haben ihre Erfahrungen aufgeschrieben, die auf Deutsch und Arabisch vorgelesen werden. Wir versuchen die Sprache nicht nur über Bücher, sondern vor allem in der Praxis zu vermitteln.

Was für einen Ort möchtest du mit Embassy of Hope erschaffen?

Als wir 2015 eröffnet haben, waren wir ein Ort, an dem die Menschen aus den Erstunterkünften sich wohlfühlen sollten. Ein bisschen durchatmen konnten und zurück ins Leben fanden. Meine Vision ist, dass es nicht nur ein Ort bleiben wird, der Flüchtlinge willkommen heißt, sondern einfach Menschen. Es wäre toll, wenn wir alle einen Schritt weitergehen, und Menschen nicht mehr durch Begriffe definieren. Wir sollten uns alle, Neuankömmlinge und Deutsche, auf gleicher Augenhöhe begegnen. Denn wir können gegenseitig von uns lernen, wenn wir wollen. Nicht nur die Neuankömmlinge von den Hamburgern, auch umgekehrt. Hier im Café zum Beispiel, versuchen die Nachbarn, die kommen, auch auf Arabisch zu kommunizieren. Wir kommen uns alle entgegen.

Wie gut hat hier im Café die Integration funktioniert?

Wir arbeiten nach dem Prinzip des Austausches. Das Thalia Theater setzt Vertrauen in mich, auch wenn ich erst ein paar Jahre in Deutschland bin und die Sprache nicht perfekt beherrsche. Aber sie akzeptieren meine Vision und unterstützen diese. Ich kann hier meine Kultur einbringen. Und das möchte ich weitergeben. Wir haben viel dafür getan, dass sich die Kulturen im Embassy mischen. Und ab September wird der Samstag zum Familientag, damit auch Kinder mitkommen können, was zurzeit nicht möglich ist. Durch die vielen Möglichkeiten, die wir hier haben, konnten wir Impulse setzen und einige sind von hier in einen neuen Alltag gestartet. Zum Beispiel haben sich aus unserer Kochgruppe ein paar Leute zusammengetan und mittlerweile einen Catering-Service für arabisches Essen gegründet.

Was muss sich noch verändern?

Vieles läuft schon gut. Aber wir brauchen mehr Projekte, die sich um die Wohnungssituation der Neuankömmlinge kümmern. Ich habe sechs Monate lang in einer Erstunterkunft gelebt, was für den Zeitraum absolut akzeptabel war. Aber, wie einige, drei Jahre lang? Das ist schlimm. Das verhindert auch Integration. Ich hatte viel Glück, denn ich wohne in einem Umfeld, wo viele Deutsche wohnen. Deshalb habe ich die Sprache ohne Kurs und Lehrer gelernt. Aber die Menschen, die in den Containern leben, bleiben unter sich.

Du arbeitest auch noch bei der GWA St. Pauli e. V. …

Ja, ich leite dort das Projekt „Yalla – Rein in die Stadt“. Jugendliche produzieren Videos über Orte in Hamburg, die wir entdeckt haben und stellen diese ins Internet. Jeder, der wenig Geld hat und/oder neu in der Stadt ist, findet so tolle Möglichkeiten, trotzdem was zu unternehmen.

Was magst du an Hamburg?

Die Leute sind offen und nehmen teil. In Hamburg gibt es viele Vereine, wie Kampnagel und GWA St. Pauli, die offen sind für Integrationsprojekte. Viele Hamburger wollen etwas von mir lernen, es ist ein Geben und Nehmen. Ich kann hier ich selbst sein. Und fühle ich mich zu Hause.

Das Embassy of Hope – Café International findet ihr in der Gaußstraße 190 (Ottensen).

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Ana Maria Arevalo 

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 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!