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Gewalt, Geld – und Glück

Warum die erste Ausstellung in den neuen Räumen des Bucerius Kunst Forums von Krieg, Katastrophen und Konsumterror handelt und trotzdem glücklich macht

Text: Karin Schulze
Foto (o.): Peter Piller: Zungen / Tongues (10), 2002–2004

 

Mit dicken schwarzen Kopfhörern auf den Ohren und auf einem Wall aus Sandsäcken hockend – so hat man den Besucher des Bucerius Kunst Forums bisher noch nicht gesehen. Der Titel der aktuellen Ausstellung „Here We Are Today“ verweist denn auch gleich dreifach auf neues Terrain: Er lädt stolz ein in das von Gerkan, Marg und Partner hinter der alten Fassade neu gebaute Haus am Neuen Wall. Er deutet auf eine programmatische Öffnung des bislang eher dem Altehrwürdigen zugeneigten Hauses auch für Gegenwartskunst. Und er benennt das Thema, das die Arbeiten der 18 ausgestellten Künstler skizzieren: den heutigen Zustand unserer Welt.

So sitzt man also mit Kopfhörern auf Sandsäcken und lauscht dem Videovortrag von Hito Steyerl, die – nicht erst seit ihrer diesjährigen Ausstellung im New Yorker Park Avenue Armory – weltweit zu den inhaltlich entschiedensten und zugleich ästhetisch überzeugendsten Künstlern zählt. Ihre Lecture Performance mischt Fakten mit absurden Scheinargumenten, wichtigtuerischen Enthüllungsgestus mit schelmischen Blicken.

 

Kunst und Krieg

 

So gelingt ihr das Kunststück, eine Fake-Argumentation von nahezu Trump’scher Perfidie abzuliefern und doch ihren Gegenstand – den Zusammenhang von Kunst und Krieg, von Museumssponsoring und Rüstungsindustrie – ernsthaft zu beleuchten und über die Augen, die Ohren und die barrikadenartige Sitzfläche in den Betrachter einsickern zu lassen.

Ein paar Meter weiter in dem luftig mit Arbeiten bestückten Ausstellungsraum trifft man auf die S/W-Porträtfotos von Samuel Fosso. Sie zeigen stets ihn selbst – aber im Outfit und der Pose von Malcolm X, Patrice Lumumba, Nelson Mandela oder Angela Davies. Als African Spirits vermitteln sie durch das Verkleidungs- und Verkörperungsspiel hindurch ein würdevolles Bild dessen, was Aimé Césaire als „Négritude“ bezeichnete.

 

bucerius-Erkan_OEzgen_Wonderland_2016

Erkan Özgen: Wonderland (Filmstill), 2016

 

Den stärksten Eindruck aber hinterlässt die Videoarbeit „Wonderland“ des türkischen Künstlers Erkan Özgen. Die Kamera fokussiert einen dreizehnjährigen gehörlosen Jungen, der mit seiner Familie aus dem nordsyrischen Kobanê in die Türkei geflohen ist. Gestisch und mimisch berichtet er von den Taten des Islamischen Staats, von Bomben, Folter und Enthauptungen. Tief verunsichernd sind die Intensität des erlebten Terrors, die Fassungslosigkeit im Blick des Kindes, aber auch die bange Frage, welcher vielleicht unheilbare Schaden in seiner von Gräueln und Granaten perforierten Seele angerichtet wurde.

 

„Sie sieht hin, wo es weh tut“

 

Kathrin Baumstark, der neuen Direktorin des Hauses, ist mit der Auswahl der Projekte von 18 Künstlern eine starke Schau geglückt. Mit den Kapiteln „Verbrechen“ „Heimat“ (dort etwa Eva Leitolfs fotografische Erkundungen rassistisch motivierter Gewalt) oder „Kapital“ (mit Andreas Gurskys Konsumhorror-Collage „Amazon“) wird klug ein Panorama der Bruchstellen gezeichnet, an denen sich unsere Zukunft entscheidet. Dabei ist vor allem realistisch-dokumentarisch agierende Kunst zu sehen.

Selbst dort, wo man vor abstrakten monochromen Bildtafeln zu stehen meint, schaut man in Wirklichkeit auf Abbilder des Schreckens: Johanna Diehl hat die farbigen Einbände der Tagebücher aufgenommen, in denen ihre Großmutter die Verdrängungsleistung erbrachte, alle historischen oder familiären Katastrophen auszublenden, die sich zwischen 1936 und 2009 ereigneten.

Ausblenden – genau das macht die Ausstellung nicht. Sie sieht hin, wo es weh tut. Und beglückt damit. Denn sie sieht die Welt durch die Augen und die widerständige Anverwandlungskraft der Künstler. Nicht resignierend, sondern als Form handelnden Einspruchs.

Bucerius Kunst Forum: Here We Are Today. Das Bild der Welt in Foto- & Videokunst, 7.6.-29.9.19, Alter Wall 12 (Altstadt)


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats: Mohammed Ghunaim

Vor drei Jahren ist der Syrer Mohammed Ghunaim, kurz Ziko, nach Deutschland geflohen. Seit eineinhalb Jahren leitet der Journalist das Embassy of Hope – Café International vom Thalia Theater. Wie lokale Integration funktioniert, erzählt er in dem Gespräch.

SZENE HAMBURG: Ziko, was ist der größte Unterschied zwischen deinem Leben hier und dem in Damaskus?

Ziko: Sicherheit. Als der Krieg ausgebrochen ist, war ich 20 Jahre alt und in Damaskus zuletzt als Sanitäter beim Roten Halbmond, die Schwestergesellschaft des DRK, direkt in den Kriegsgebieten tätig.

Was hast du gemacht bevor der Krieg ausgebrochen ist?

Ich habe Arabische Literatur und Journalismus studiert. Kurz bevor der Krieg ausgebrochen ist, habe ich zusammen mit Freunden eine Internetseite für lokale Nachrichten aus Damaskus aufgebaut.

Du hast über deine Flucht einen Film gedreht …

Ja, genau, er heißt #myescape, eine 90-minütige Doku, die in der ARDMediathek zu sehen ist. Als ich alle Stationen und viele Momente während meiner Flucht dokumentiert habe, war mir noch nicht klar, dass daraus ein Film entsteht.

Wie war dein Gefühl als du in Deutschland angekommen bist?

Ich habe von Anfang dafür gekämpft, als Mensch anerkannt zu werden. Nicht als Flüchtling. Überall. Mit der Polizei an den Grenzen, in den Flüchtlingcamps und auch in Deutschland. Ich finde den Begriff Geflüchteter falsch, weil jeder Mensch grundsätzlich das Recht hat, woanders zu leben. Das ist in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert. Die Politik kategorisiert die Menschen mit Begriffen. Ich komme aus einem Kriegsgebiet, aber ich fühle mich nicht als Geflüchteter. Hamburg ist meine neue Heimat.

Was brauchen Menschen, die hier neu ankommen am dringendsten?

Sie brauchen Zeit. Und Geduld von der Gesellschaft. Denn alle, egal aus welcher Schicht sie kommen, fliehen, um zu leben. Sie möchten Frieden finden. Natürlich sind nicht alle gute Menschen, aber das ist überall so. Die Neuankömmlinge sprechen kein Deutsch, aber von dem Moment an, in dem sie ankommen, wird erwartet, dass sie sich integrieren. Wir haben keine Zeit, uns von der Flucht zu erholen und uns zu orientieren. Mein Bruder hat zwei Jahre gebraucht, um sein Trauma zu bewältigen. Ich wünsche mir, dass beide Seiten sich noch mehr verstehen, und sich dafür Zeit geben und nehmen.

Zeit und Geduld finden sie im Embassy of Hope?

Wir veranstalten tolle Projekte, an denen jeder teilnehmen kann. Es haben sich Theater- und Musikgruppen gefunden, wir kochen zusammen und tauschen uns über unsere Kulturen aus. Viele Ehrenamtliche aus dem Viertel, geben Deutschkurse. Vor Kurzem haben wir eine neue Lesereihe gestartet, die regelmäßig im Thalia Gaußstraße stattfinden wird. Geflüchtete Menschen haben ihre Erfahrungen aufgeschrieben, die auf Deutsch und Arabisch vorgelesen werden. Wir versuchen die Sprache nicht nur über Bücher, sondern vor allem in der Praxis zu vermitteln.

Was für einen Ort möchtest du mit Embassy of Hope erschaffen?

Als wir 2015 eröffnet haben, waren wir ein Ort, an dem die Menschen aus den Erstunterkünften sich wohlfühlen sollten. Ein bisschen durchatmen konnten und zurück ins Leben fanden. Meine Vision ist, dass es nicht nur ein Ort bleiben wird, der Flüchtlinge willkommen heißt, sondern einfach Menschen. Es wäre toll, wenn wir alle einen Schritt weitergehen, und Menschen nicht mehr durch Begriffe definieren. Wir sollten uns alle, Neuankömmlinge und Deutsche, auf gleicher Augenhöhe begegnen. Denn wir können gegenseitig von uns lernen, wenn wir wollen. Nicht nur die Neuankömmlinge von den Hamburgern, auch umgekehrt. Hier im Café zum Beispiel, versuchen die Nachbarn, die kommen, auch auf Arabisch zu kommunizieren. Wir kommen uns alle entgegen.

Wie gut hat hier im Café die Integration funktioniert?

Wir arbeiten nach dem Prinzip des Austausches. Das Thalia Theater setzt Vertrauen in mich, auch wenn ich erst ein paar Jahre in Deutschland bin und die Sprache nicht perfekt beherrsche. Aber sie akzeptieren meine Vision und unterstützen diese. Ich kann hier meine Kultur einbringen. Und das möchte ich weitergeben. Wir haben viel dafür getan, dass sich die Kulturen im Embassy mischen. Und ab September wird der Samstag zum Familientag, damit auch Kinder mitkommen können, was zurzeit nicht möglich ist. Durch die vielen Möglichkeiten, die wir hier haben, konnten wir Impulse setzen und einige sind von hier in einen neuen Alltag gestartet. Zum Beispiel haben sich aus unserer Kochgruppe ein paar Leute zusammengetan und mittlerweile einen Catering-Service für arabisches Essen gegründet.

Was muss sich noch verändern?

Vieles läuft schon gut. Aber wir brauchen mehr Projekte, die sich um die Wohnungssituation der Neuankömmlinge kümmern. Ich habe sechs Monate lang in einer Erstunterkunft gelebt, was für den Zeitraum absolut akzeptabel war. Aber, wie einige, drei Jahre lang? Das ist schlimm. Das verhindert auch Integration. Ich hatte viel Glück, denn ich wohne in einem Umfeld, wo viele Deutsche wohnen. Deshalb habe ich die Sprache ohne Kurs und Lehrer gelernt. Aber die Menschen, die in den Containern leben, bleiben unter sich.

Du arbeitest auch noch bei der GWA St. Pauli e. V. …

Ja, ich leite dort das Projekt „Yalla – Rein in die Stadt“. Jugendliche produzieren Videos über Orte in Hamburg, die wir entdeckt haben und stellen diese ins Internet. Jeder, der wenig Geld hat und/oder neu in der Stadt ist, findet so tolle Möglichkeiten, trotzdem was zu unternehmen.

Was magst du an Hamburg?

Die Leute sind offen und nehmen teil. In Hamburg gibt es viele Vereine, wie Kampnagel und GWA St. Pauli, die offen sind für Integrationsprojekte. Viele Hamburger wollen etwas von mir lernen, es ist ein Geben und Nehmen. Ich kann hier ich selbst sein. Und fühle ich mich zu Hause.

Das Embassy of Hope – Café International findet ihr in der Gaußstraße 190 (Ottensen).

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Ana Maria Arevalo 

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 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!