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Gastronomie und Corona: Zwischen Distanz und Exzess

Hygienevorschriften und Polizeikontrollen sind beim Restaurantbesuch neue Normalität. Hamburger Gastronomen berichten vom Umgang mit der Eindämmungsverordnung, der Gefahr, die von schwarzen Schafen und Corner-Kultur ausgeht und warum innerhalb der Branche Rückendeckung statt Denunziation gefragt ist

 

Text: Laura Lück 

Wenn Kultkneipenbesitzer Uli Salm Geburtstag hat, so dachte man sich Ende Mai, dann ist das Grund genug, Verantwortung und Abstandsgebote bei ein paar Bier über Bord des Pöseldorfer Zwicks zu werfen. 89 Gäste hatte die Polizei nach einem Anwohner-Hinweis in der Kneipe gezählt, die sich dem hedonistischen Exzess hingaben. Seit diesem ersten prominenten Fall der Schließung einer Gaststätte, kann sich Polizeisprecher Holger Vehlen spontan an keine vergleichbaren Verstöße gegen die Eindämmungsverordnungen innerhalb der Gastroszene erinnern. Die Branche scheint um ihre Verantwortung zu wissen. Verständlich, immerhin stehen Existenzen und die Gesundheit von Gästen und Mitarbeitern auf dem Spiel.

Ivan Pagel, Küchenchef im Bistro des Frischeparadies an der Großen Elbstraße, ist seit der Pandemie in Kurzarbeit und beobachtet den steigenden Druck am Fischmarkt, wo ohnehin ein großer Konkurrenzkampf herrsche. „Jeder schaut jetzt ein bisschen mehr auf sich selbst und einigen geht so langsam die Puste aus. Die ersten müssen dicht machen.“ Dass schwarze Schafe sich nicht an die verordneten Regularien halten, ärgert ihn. „Wir würden auch gerne mehr Umsatz machen, aber wenn wir nicht nach den Regeln spielen, sitzen wir schlimmstenfalls im Herbst wieder in häuslicher Quarantäne. Das bedeutet dann noch viel größere Einbußen.“  Dass Kollegen im Fischhandel während des Lockdowns auch mal einen Mittagstisch unter der Hand verkauft hatten, sei in der Nachbarschaft kein Geheimnis. Das Ordnungsamt hält Pagel trotzdem raus. „Ich bin auf St. Pauli aufgewachsen. Da lernt man ganz früh, dass Petzen gar nicht geht.“

 

Gastronomie auf St. Pauli hält zusammen

 

Hinweise bekommt die Polizei zumeist von Gästen, Anwohnern oder Passanten. Am Ausgeh-Hotspot Paul-Rosen-Straße hält die Szene-Gastronomie um Läden wie das Haebel, den Weinladen St. Pauli oder das Standard zusammen und ist gut vernetzt. Denunziation sei hier kein Thema, weil Unterstützung und Austausch in diesen Zeiten enorm wichtig sei, erklärt Stephanie Döring, Inhaberin des Weinladen St. Pauli, denn: „Wir haben in der Gastronomie so eine schlechte Lobby und der DEHOGA wird geführt von alten weißen Männern, die keine große Hilfe sind.“ Insbesondere der DEHOGA Hamburg habe in der Krise versagt und viele Gastronomen enttäuscht. Rat und Informationsfluss erreichten Döring und ihre Kollegen zu Beginn der Pandemie vorwiegend über den DEHOGA Bayern.

In der Paul-Rosen-Straße nimmt man die Dinge deshalb selbst in die Hand. Am 26. Juni freute sich die Straße über die mündliche Zusage zu ihrem gemeinsam gestellten Antrag zu Bestuhlung von Parkplätzen. Die Forderung gebe es schön länger, Corona sei aber aktuell ein gutes Druckmittel, um die Entscheidungsprozesse zu beschleunigen, denn: „Wir wissen nicht was der Winter bringt, wir brauchen zumindest die paar warmen Sommertage mit mehr Tischen, um eine Chance auf mehr Umsatz zu bekommen“, so Döring.

 

Gastronomen bemühen sich um Einhaltung der Regeln

 

Im Alten Mädchen in den Schanzenhöfen bietet die Außenfläche zwar genug Platz für eine Sitzordnung mit Sicherheitsabständen, an Regentagen sieht es wirtschaftlich aber schlecht bis dramatisch aus. Die Grundstimmung sei laut Geschäftsführer Holger Völsch trotzdem positiv. Man halte sich an die Regeln, um unter allen Umständen die zweite Welle zu vermeiden. Kontrollen gibt’s durch die Polizei, oder vom Amt für Arbeitsschutz, das Abstands- und Mund-Nasen-Schutz-Regeln innerhalb des Teams prüft. In angrenzenden Bundesländern ist der Mundschutz inzwischen nicht mehr verpflichtend. Das wünscht man sich in Hamburg auch, Abstand sei sinnvoll, aber die Masken sehr belastend für die Mitarbeiter – vor allem in der Küche und bei den aktuellen Temperaturen. Die kürzlichen Eskapaden drüben auf dem Schulterblatt hält Völsch nicht nur für gefährlich, sondern auch für ungerecht. „Während man selbst versucht alles zu tun, um verantwortungsbewusst zu handeln, stellen andere ihr wirtschaftliches Interesse über den Ruf der Branche und die Sicherheit der Gesellschaft. Das ist kein fairer Wettbewerb.“

An beliebten Treffpunkten wie Schulterblatt oder Paul-Rosen-Straße ist die Polizei derzeit zwar oft präsent, aber das hat vor allem einen Grund, auf den Gastronomen keinen direkten Einfluss haben: die Corner-Kultur. Warmer Asphalt und kühles Bier lassen so manchen Haushalt die 1,50 Meter schnell vergessen. Dass die Polizei Schließungen verordnen musste, sei deshalb auch eher bei Kiosken vorgekommen, bestätigt Polizeisprecher Vehren und hat den Eindruck, dass sich Gastronomen generell bemühen, die Regelungen einzuhalten. Die Hamburger Bußgeldstelle hat (Stand 26.6.) seit Öffnung 57 Fälle bearbeitet. Nicht jeder Verantwortliche Gastronom wird dabei auch zur Kasse gebeten, oft bleibt es bei Verwarnungen.

Wenn nun mehr Stühle auf Parkplätzen genehmigt werden, könnte das im besten Fall mehr Corner-Publikum an Tische mit Sicherheitsabstand verlagern.

Einer der schönsten dieser Art steht derzeit wohl in der Schlankreye 73. Am Eingangsbereich des geschlossenen Holi-Kinos kommt die gehypte Küche des Nachbarrestaurants Klinker unter Filmplakaten und der großen Kinotafel auf den Teller. Die vielen Tische auf dem Gehweg sorgen für mediterranen Marktplatz-Flair und verantwortungsvolle kleine Genuss-Exzesse ­– wärmste Empfehlung für den nächsten lauen Sommerabend!

 

„Bitte helft uns dabei, zu überleben“

Beim ersten Altonaer Kneipen-Krisengipfel appellierten Wirte an Politiker

Die Woche startete spannend – zumindest aus Sicht von Altonas Wirten. Beim ersten Altonaer Kneipen-Krisengipfel hatten Gastronomen in die Ottensener Laundrette geladen, um Politikern aus allen in der Altonaer Bezirksversammlung vertretenen Fraktionen (CDU, SPD, Grüne, FDP, Die Linke) die Notwendigkeit von Außenflächen vor Augen zu halten. Stephan Fehrenbach, Inhaber der Laundrette: „Meine klare Bitte an die Politiker lautet: Bitte helft uns dabei, zu überleben, macht euren Job und verstrickt euch nicht weiterhin in parteipolitische Debatten. Wir brauchen heute eine Zusage von weiteren Außenflächen, sonst wird es uns morgen nicht mehr geben.“

Hintergrund: Gefordert wird von den Gastronomen zunächst keine finanzielle Unterstützung, sondern eine schnelle, unbürokratische und bis zum 31.12.2020 befristete Genehmigung von Außenplätzen (z.B. auf Parkflächen), damit ihnen zumindest eine Chance gegeben ist, wirtschaftlich über die Runden zu kommen.

Und was sagten die in der Laundrette anwesenden Politiker? Die erklärten geschlossen, ihren Einfluss im nächsten Hauptausschuss der Bezirksversammlung Altona (am Donnerstag, den 9. Juli) geltend zu machen, sich also für die Wirte einzusetzen. Außerdem wollten die erschienenen Fraktionsmitglieder den Druck auf die verantwortlichen Verwaltungseinheiten, etwa Polizei und Wegewarte, erhöhen, um mehr Beweglichkeit und Flexibilität bei der Antragsbewilligung zu erreichen. Bleibt abzuwarten, ob Wort gehalten und den Altonaer Wirten auch wirklich geholfen wird. / EBH 

Laundrette Hamburg 

 

 

 

Wirtschaftsbremse: Klima & Corona

Von der Pandemie scheint vor allem eine zu profitieren: die Natur. Aber macht der Klimawandel wirklich Pause? Ein Gespräch mit dem gebürtigen Hamburger und Meteorologen Prof. Dr. Mojib Latif vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel

Interview: Basti Müller

 

SZENE HAMBURG: Mojib Latif, Sie sind in den 50er und 60er Jahren in Hamburg aufgewachsen und haben die Sturmflut 1962 mitbekommen. War dies ein ausschlaggebender Punkt, dass Klimaereignisse Teil Ihrer beruflichen Laufbahn wurden?

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Foto: Hart aber Fair

Prof. Dr. Mojib Latif: Nein, das war es nicht. Ich war ja nicht direkt betroffen, aber ich kann mich noch gut an das Heulen des Windes erinnern. In der Schule haben wir Hilfsgüter aus Griechenland bekommen, die haben uns Korinthen geschickt. Vielen Menschen musste geholfen werden und gerade heutzutage, was die Solidarität zwi­schen den Ländern angeht, finde ich das rückblickend ganz schön.

Wenn diese Län­der heute etwas haben wollen, dann kommt immer gleich die Frage: Muss das wirklich sein? Nach dem Abitur studierten Sie erst zwei Jahre BWL, bis Sie die naturwissenschaftliche Laufbahn einschlugen, Meteorologie wählten und bei Klaus Hasselmann promovierten, der ja belegt hat, dass der Klimawandel menschengemacht ist …

Die Klimaforschung reicht weit bis ins vorletzte Jahrhundert zurück. Die ers­ten Berechnungen zur Erder­wärmung stammen aus dem Jahr 1896, das weiß bloß kaum jemand. Was Hasselmann Anfang der 1990er Jahre gemacht hat, ist, dass er den Menschen als Hauptverursacher der Erderwärmung entlarvt hat.

Das sich die Erde erwärmt, war jedem klar, aber es gab die Diskussion, ob das natürlich oder menschengemacht ist. Er konnte zeigen, dass zum überwiegenden Teil der Mensch verantwortlich ist. Das war der Durchbruch.

Wenn Sie auf die vergangenen Jahre zurückblicken, wie hat sich der Klimawandel in Hamburg und Deutschland bemerkbar gemacht?

Das ist ein schleichender Prozess. Wir sehen, dass sich Deutschland seit Beginn der Messungen deutlich erwärmt hat, eine Zunahme der ho­hen Temperaturen und einen Rückgang der kalten Tage.

Der letzte Winter war kein Winter, ich weiß nicht, ob wir an irgendeinem Tag Schnee hatten. Ich erinnere mich sehr gut, als ich Kind gewesen bin, war der Winter ein Winter, da habe ich meinen Schlitten he­rausgeholt und es gab Eisgang auf der Elbe.

60 Jahre später wird es offensichtlich: Hitze­perioden mit Temperaturen weit über 30 Grad Celsius und zunehmende Trockenheit. Hinzu kommt ein allmählich ansteigender Meeresspiegel, das wird auch für Hamburg ein Problem werden.

 

klima-kapitalismus

Ursachen des Klimawandels sind auch auf Hamburgs Straßen weiterhin Thema

 

Ist die Corona-Zeit und das damit einhergehende Ausbleiben der Volkswirtschaft, also die CO2-Bremse, genau das, was das Klima und die Menschheit gerade brauchen?

Nein, man kann das Klimaproblem nicht lösen, indem man die Wirtschaft ge­gen die Wand fährt. Der we­sentliche Punkt ist, dass wir gerade große Geldmengen in die Hand nehmen, um die Wirtschaft wieder hochzufahren. Das ist richtig so, aber diese Mittel müssen verwendet werden, um die Wirtschaft auch zukunftsfähig zu machen. Klimaschutz ist auch ein Beitrag, die Welt zukunftsfähig zu machen.

Wir sehen es an der deutschen Automobilindustrie. Die Zeit des Verbrennungsmotors ist abgelaufen. Es braucht neue Antriebe und es wäre wichtig, das Geld in die neuen Technologien zu stecken. Der Trick ist, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Zukunftsprojekte fördern und nicht den SUV.

Haben Sie Beispiele?

Das muss man mit er­neuerbaren Energien ändern. Es benötigt einen massiven Ausbau, gerade der Wind­energie. Die Netze müssen intelligenter und engmaschiger werden, damit man mit den erneuerbaren Energien gut umgehen und sie optimal nutzen kann. Der öffentliche Nahverkehr muss ausgebaut werden, der Güterverkehr auf die Schiene und weg von der Straße. In der Digitalisierung sehen wir gerade, wie schlecht wir in Deutschland aufge­stellt sind.

Auch hier in Hamburg habe ich kein besonders schnelles Internet. Ein Ding der Unmöglichkeit. Die Di­gitalisierung und künstliche Intelligenz sind die Zukunfts­themen auch im Hinblick auf Umwelt­ und Klimaschutz.

 

„Der CO2-Gehalt der Luft hat einen historischen Höchststand erreicht“

 

In einem NDR-Interview haben Sie davon gesprochen, dass die 2007 groß entfachte Klimadebatte durch die Wirtschaftskrise 2008 überschattet wurde. Ein Phänomen, das sich gerade wiederholt?

Die Debatte wurde damals durch Al Gore und seinen Film „Eine unbequeme Wahr­heit“ ausgelöst. Dann kam die Finanz­-, anschließend die Weltwirtschaftskrise. 2019 kam es wieder hoch durch Fridays for Future.

Auch der extreme Sommer 2018 in Deutschland, die Europawahl und Rezos Video haben dazu beigetragen. Jetzt ist das The­ma relativ weit weg. Bleibt das so, wäre das eine Katastrophe, der CO2­-Gehalt der Luft hat nämlich einen historischen Höchststand erreicht, trotz Corona und Lockdown. Na­türlich sinkt der Ausstoß, aber CO2 ist langlebig.

Nach er­sten Schätzungen werden wir 2020 vielleicht acht Prozent Reduktion beim weltweiten CO2-­Ausstoß haben. Das müssen wir aber jedes Jahr haben, ohne Corona, wenn man die Pariser Klimaziele einhalten will.

Experten meinen, dass wir durch Corona die Klimaziele 2020 der Bundesregierung erreichen könnten …

Das wäre vielleicht auch ohne Corona passiert. Das wird oft falsch dargestellt und alles auf Corona geschoben. Der entscheidende Schritt war im Jahr 2019, als der Preis pro Tonne CO2 im Rahmen des Europäischen Emissionshan­dels auf deutlich über 20 Euro pro Tonne stieg, in den Jah­ren davor krebste er bei fünf Euro herum.

Die Bepreisung hat dafür gesorgt, dass Kohle unrentabler und Gas rentabler wurde. Deswegen sind 2019 die Emissionen so weit gesun­ken, dass zu Beginn 2020, die Aussicht bestand, die 40 Pro­zent Minderung der Treib­hausgasemissionen gegen­ über 1990 zu erreichen.

Jetzt gehe ich davon aus, dass die Ziele mit Sicherheit erreicht werden. Das zeigt, wie wichtig eine CO2­-Bepreisung für alle Bereiche ist, die es ab 2021 in Deutschland geben wird.

 

„Die Sache ist seit 30 Jahren bekannt“

 

Wie könnte unsere Gesellschaft dazu gebracht werden, sich schneller zu verändern?

Wir müssen die Vorteile deutlicher machen. Gerade für Hamburg. Stellen Sie sich vor, der innerste Ring wäre autofrei. Natürlich würde es für Menschen mit Handicap und Lieferdienste Ausnahmen geben, aber eine autofreie Innenstadt hat doch etwas. Es stinkt nicht, es ist ruhig, man kann sich begegnen und hat mehr Fläche.

Der öffentliche Nahverkehr ist schon ganz gut, müsste aber weiter aus­gebaut werden. Andererseits finde ich, müssten die Prei­se dafür aber runter. Bus und Bahn sind schweineteuer in Hamburg. Das geht nicht, da muss man deutlich herunter, sonst wird das nicht attraktiv. Ich glaube, mit solchen Maß­nahmen könnte man Ham­ burgs Innenstadt wirklich autofrei bekommen und die Menschen würden es lieben, da bin ich mir sicher.

Können wir Rückschlüsse aus der Corona-Pandemie ziehen?

Erstens: Globale Krisen können nur alle Länder ge­meinsam meistern. Zweitens: Es gibt Rückschlüsse über Verschwörungstheoretiker und Klimaleugner. Bestes Bei­spiel ist Donald Trump, der gesagt hat, dass Corona „ein Scherz“ sei. Das Resultat se­hen wir, 90.000 Tote in den USA, die meisten weltweit. Da sieht man, dass die Plauderer und Populisten in Wirklichkeit keinen Plan haben.

Drittens: Diese Corona-­Krise ist nicht vom Himmel gefallen, die Wissenschaft hat lange gewarnt. Bestes Beispiel: Schutz­kleidung. In den Pandemie­ plänen steht, dass sie knapp werden kann. Trotzdem hat man die nicht eingekauft. Das steht alles in einer Bundes­tagsdrucksache aus dem Jahr 2013. Das gleiche gilt für die Klimakrise. Die Sache ist seit 30 Jahren bekannt. Trotzdem passiert, weltweit betrachtet, das Gegenteil.

Die beliebtesten Urlaubsziele der Hamburger sind die türkische Riviera, Mallorca, Ägypten. Was empfehlen Sie für dieses Jahr?

Die Ostsee. Am Schön­berger Strand gibt es weißen Sand und das Meer. Was will man mehr? Gut, das Wasser ist nicht so warm wie im Sü­den – aber dafür spart man sich die Flugreise.


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Matthias Günther: „Theater ist eine Glücksmöglichkeit“

30 Fragen, 30 Antworten: Matthias Günther, Dramaturg am Thalia Theater, über seine persönlichen Lieblingsstücke, die nicht anerkannte Systemrelevanz von Kultur und warum Tocotronic die passenden Worte zur aktuellen Lage gefunden haben

Fragebogen: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Welches kulturelle Ereig­nis hat Sie geprägt?

Matthias Günther: Seit frühester Kindheit die documenta in meiner Heimatstadt Kassel und insbesondere die Aktion „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ von Joseph Beuys 1982 (documenta 7).

Welches Theaterstück hat Sie als erstes zum Weinen gebracht?

Im Kasperltheater die Entführung der Großmutter im „Räuber Hotzenplotz“.

Und welches zuletzt?

Die erste Probe von „Ode an die Freiheit“ zwei Monate nach der Theaterschließung.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Thea­ terbesuch? Welches Stück haben Sie gesehen und was hat es in Ihnen aus­ gelöst?

Der Besuch des Weihnachtsmärchens „Der gestiefelte Kater“ im Staatstheater Kassel Anfang der 1970er Jahre und meine Empörung über die Pappkulissen. Aus dem Fernsehen kannte ich mehr Wirklichkeit.

Welches Theaterstück hat bei Ihnen vermeintliche Gewissheiten über den Haufen geworfen?

Christoph Marthalers Paraphrase „Goethes Faust Wurzel aus 1+2“ 1993 am Deutschen Schauspielhaus und der grandiose Faust-Monolog von Sepp Bierbichler aufgelöst in Vokale.

Was war Ihre schönste Theatererfahrung?

„Das achte Leben (Für Brilka)“ und „Die Katze und der General“ von Nino Haratischwili in den Adaptionen von Jette Steckel und ihrem Team am Thalia Theater. Diese beiden Arbeiten zeigen großes Menschentheater.

 

 

Und die schlimmste?

Keine. Theater ist für mich ganz großes Zuschauerglück. Selbst, wenn es mal nicht so gut ist. Ich komme immer gerne wieder.

Dieses Stück sollte jeder einmal in seinem Leben gesehen haben:

„Krippenspiel“ von Kindergartenkindern in der Weihnachtszeit.

Über welche Inszenierung haben Sie zuletzt heftig mit jemandem gestritten?

Immer wieder über die großartigen Arbeiten von Florentina Holzinger, die mit ihrem radikalen Körpertheater verstört. Performance, Porno, Provokation?

Die Welt geht in einem Jahr unter und Sie können nur noch ein Stück inszenieren: welches wäre das?

Das neue Stück, das Elfriede Jelinek dann schreibt: „Besser wird’s nicht“ – ein Abgesang!

Mein/e Lieblingsschauspieler:

Ich verliebe mich immer wieder und immer wieder neu. Max Reinhardt schrieb über Schauspieler: „Ihre Aufnahmefähigkeit ist beispiellos, und der Drang zu gestalten, der sich in ihren Spielen kundgibt, ist unbezähmbar und wahrhaft schöpferisch. Sie verwandeln alles in das, was sie wünschen. Und dabei das klare, immer gegenwärtige Bewusstsein, dass alles nur Spiel ist, ein Spiel, das mit heiligem Ernst geführt wird.“

Mein/e Lieblingsdramaturg/en:

Ivan Nagel.

Was bedeutet Kultur in diesen Tagen für unsere Gesellschaft?

Es wird uns klar, was fehlt. Sehr viel!

Was bedeutet Theater grundsätzlich für unsere Gesellschaft?

Eine Glücksmöglichkeit! „Verweile doch! du bist so schön!“ (Goethe).

Gibt es unpolitisches Theater?

Kunst- und Kultureinrichtungen sind offene Räume, die vielen gehören. In der „Erklärung der Vielen“ heißt es: „Demokratie muss täglich neu verhandelt werden – aber immer unter einer Voraussetzung: Es geht um Alle, um jeden Einzelnen als Wesen der vielen Möglichkeiten!“

Das perfekte Stück zur aktuellen Lage:

Die Stücke, die gerade von Dramatikern wie Thomas Köck, Enis Maci, Bonn Park, Felicia Zeller und vielen anderen geschrieben werden.

Was ist die beruflich größte Herausfor­derung für Sie während der Corona­-Krise?

Die bittere Erkenntnis, dass Kultur nicht als systemrelevant eingestuft wird und die Frage, wie wir unsere wunderbare Kunst in Krisenzeiten erhalten und weitermachen können, denn sie ist lebensrelevant.

Was stimmt Sie momentan hoffnungs­froh?

Die Solidarität des Publikums mit den Theatern.

Was stimmt Sie pessimistisch?

Diese miesen völkisch nationalistischen Zusammenrottungen.

 

„Wir forschen und erfinden das Theater der Zukunft.“

 

Werden virtuelle Möglichkeiten auch in Zukunft eine größere Rolle in der Kul­turlandschaft einnehmen?

Die Digitalisierung ist schon jetzt ein wichtiger Bestandteil für das „Storytelling“ von Kulturinstitutionen, kann aber das direkte Live-Erlebnis nicht ersetzen. Theater sind Orte kollektiver Erfahrung. Das Besondere des Theaters hat der Choreograf Jérôme Bel zusammengefasst in dem Satz: „Some people sitting in the darkness, watching other people sitting in the light.“

Wie wird sich die aktuelle Lage auf das Theater nach Corona auswirken?

Wir machen weiter. Wir forschen und erfinden das Theater der Zukunft. Hugo Ball, der erste Dramaturg der Münchner Kammerspiele und später berühmter Dadaist in Zürich schrieb: „Europa malt, musiziert und dichtet in einer neuen Weise. Das neue Theater wird wieder Masken und Stelzen benützen. Es will Urbilder wecken und Megaphone gebrauchen. Sonne und Mond werden über die Bühne laufen und ihre erhabene Weisheit verkünden.“ Das könnte ein Weg sein.

Wem sind Sie in diesen Zeiten beson­ders dankbar?

Den vielen Künstlern, die versuchen weiterzumachen.

Wer hätte mehr Dankbarkeit verdient?

Eltern, die in dieser Zeit eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe übernommen haben: die Schulpflicht ihrer Kinder durch Homeschooling zu gewährleisten.

Worauf freuen Sie sich in den nächsten drei Jahren am meisten?

Ich freue mich auf jeden neuen Tag und hoffe eine „Handbreit“ weiterzukommen.

Ich mag Hamburg, weil …

… es für mich die schönste Stadt Deutschlands ist.

Ich mag das Thalia Theater, weil …

… es ein Ensembletheater ist.

Die Hamburger Theaterlandschaft ist so besonders, weil …

… sie so vielfältig ist von A–Z (Altonaer Theater bis Theater das Zimmer).

Allgemein gesprochen: Sind Sie lieber dafür oder dagegen?

Meine politische Sozialisation ist eng verbunden mit der Friedenbewegung der 1980er Jahre. Damals war der Slogan: „Aufstehn“.

Wann haben Sie sich das letzte Mal ge­irrt?

„Kluge Irrtümer sind wichtiger als banale Wahrheiten“, hat Heiner Müller gesagt.

Welche Hoffnung haben Sie aufgege­ben?

Ich halte es mit Tocotronic: „Aus jedem Ton spricht eine Hoffnung auf einen Neuanfang.“

 


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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StrassenBLUES: Draußen ist noch wer

In Zeiten menschenleerer Straßen kümmert sich der Verein StrassenBLUES auf verschiedenen Wegen um Obdachlose

Text: Erik Brandt-Höge

 

Einfache Geschichte: Wer während der Corona-Krise zu Hause bleiben kann, der bleibt auch zu Hause. Ist nicht immer toll, aber es gibt Schlimmeres als Homeoffice im Wohnzimmer, in der Küche, auf dem Balkon, im Garten. Schwieriger wird es, wenn kein Zuhause vorhanden ist.

Obdachlose haben es durch die Pandemie noch schwerer, ans Nötigste zu gelangen – es sind schließlich kaum noch Menschen da, die direkt auf der Straße mit Geld, Essen oder Kleidung helfen. Die Macher des gemeinnützigen Vereins StrassenBLUES e. V. haben sich einmal mehr Gedanken gemacht, wie den Mittellosen zur Seite gestanden werden kann.

Es wurden allerhand Aktionen ins Leben gerufen, etwa die StrassenSPENDE, die online abgegeben werden kann, und die von den ehrenamtlichen Vereinsmitgliedern in bar oder als Supermarkt-Gutscheine weitergeleitet wird. Wichtige, auch warme Mahlzeiten bringt das StrassenBLUES-Team ebenso direkt zu Menschen ohne festen Wohnsitz. Und es setzt sich dafür ein, dass Hotels leer stehende Zimmer zur Verfügung stellen, um Obdachlosen etwas Schutz zu bieten. Denn diese gehören aufgrund ihres schwachen Immunsystems zur Risikogruppe und haben auf der Straße nicht nur mit Armut und Hunger zu kämpfen, sondern auch mit Krankheiten und dem Virus, das die Welt gerade so sehr verändert.

www.strassenblues.de; www.strassenspende.de; www.strassensuppe.de; www.hotelsforhomeless.org; www.letmebesafe.org


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburgs Programmkinos starten Spendenaufruf

Die Corona-Krise gefährdet die Existenz der Programmkinos. Unter dem Motto „The Show Must Go On“ haben sich die Kinos zusammengeschlossen und einen Spendenaufruf gestartet.

 

Was wäre Hamburgs Kinolandschaft ohne seine Programmkinos? Die kleinen Lichtspielhäuser zaubern Filme jenseits des Mainstreams und aus allen Ecken der Welt auf ihre Leinwände. Und nicht nur das: Sie veranstalten Hintergrundgespräche, Podiumsdiskussionen und Film-Festivals. Damit das auch nach Corona so bleiben kann, sind die Kinos jetzt auf finanzielle Unterstützung angewiesen.

Aktuell sind aufgrund von Corona-Schutzmaßnahmen alle Kinos geschlossen. Die Betreiber haben seit Wochen keine Einnahmen, aber die Fixkosten laufen weiter. Wie bei vielen anderen Kulturbetrieben auch, haben die Programmkinos keine großen Rücklagen, auf die sie in der jetzigen Situation zurückgreifen könnten. In einem Online-Spendenaufruf bitten die Betreiber daher um finanzielle Unterstützung, um „die Hamburger Kinolandschaft in ihrer Vielfalt und Fülle zu erhalten, wie wir sie aus den letzten Jahren und Jahrzehnten kennen“ heißt es in dem Aufruf.

Ziel ist es, eine Spendensumme von insgesamt 400.000 Euro einzusammeln. Die Spendeneinnahmen werden dann an die teilnehmenden Hamburger Programmkinos aufgeteilt. Jedes Kino bekommt die gleiche Summe, um einen Teil ihrer Ausgaben decken können. Beteiligte Kinos sind: Abaton, Alabama, B-Movie, Blankeneser Kino, 3001, Elbe Kino, Filmraum, Koralle, Lichtmess, Magazin, Passage, Savoy, Schanzenkino, Studio Kino und das Zeise Kino. /NF

Unterstützen könnt ihr die Aktion unter www.startnext.com/hamburgerkinos

 

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Unsere Tipps gegen die Quarantäne-Langeweile

Zeit alleine zu verbringen, muss nicht unbedingt Langeweile bedeuten! Hier sind Tipps der Redaktion für eine erfolgreiche, gemeinsam einsame Zeit im Corona-Ausnahmezustand.

 

 

Angucken

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Foto: Ikhsan Sugiarto via Unsplash

 

Ich bin Old-­School-­Fernsehgucker: Was läuft, gucke ich. Also nicht alles, aber das, was mich im vorgegebenen Programm in­teressiert. Streaming mache ich nicht, Mediatheken nutze ich nicht. Ich vertraue den Sendern, dass schon was für mich dabei ist. Das zahlt sich in der Regel nur am Feierabend aus. Oder am Wochenende. In dieser unfassbaren Zeit hingegen muss ich nicht lange warten.

Aufstehen, einschalten. Und zappen, was das Zeug hält. Voll meins! Klar, anfänglich wollte ich nur Nachrichten sehen. Allerdings war der Overload schnell eingestellt und Corona durch die Info­flut gefühlt in jede Ecke meines Wohnzimmers gespült. Selbstauferlegte Regel seitdem: News täglich nur dreimal, nämlich morgens, mittags, abends. Dazwi­schen verzichte ich bewusst auf Absurdes und setze auf Dokus. Ehrlich: Noch nie so viele Dokus gesehen! Und so gute. Zum Beispiel über Politik kurz vorm 20. Jahrhundert. Über Mode der 1960er. Über Börse im Allgemeinen. Über Bachforellen im Speziellen. Corona­-Krisen-­Fernseh-­Fazit bisher: ungewollt, aber viel gelernt.

/ Erik Brandt-Höge

Buch: „Fast genial“ – Benedict Wells, Podcast: „Freistil“, Film: „Herr Lehmann“

 

Aufheben

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Vor einer Weile habe ich mir einen Müll­greifer für gut 15 Euro im Internet bestellt. Kurz nach Neujahr habe ich begonnen, da­mit an der Alster aufzuräumen. Konfetti, Raketenstile, Flaschen, Feuerwerkskörper und deren Verpackungen. Zu diesem Zeitpunkt sah es dort fürchterlich aus.

Dieses Fleckchen Erde in Ottensen (Foto oben) war mir schon lange ein Dorn im Auge. Also die leeren Kippenpackungen, Bierdeckel, Plastikfolien, Einwegbecher und Schnapsflaschen, die in den toten Sträuchern fast schon eingewachsen wa­ren. Ich spreche aus Erfahrung, wenn ich sage, dass man beim Müllsammeln schnell schlechte Laune bekommt, schließlich macht man den Dreck anderer Menschen weg. Sehe ich zum Ende einer Aktion eine saubere Grünfläche, dann erfüllt mich das mit Stolz. Es geht aber um mehr als meinen Stolz. Und zwar darum, dass mich meine Mitmenschen sehen, dass sie dadurch an ihren eigenen Konsum erinnert werden und im eigenen Viertel oder Hinterhof vielleicht selbst zum Schnapper greifen. Schließlich sind Schmutz und Unsauberkeit auch Verursacher von Krankheiten, vom Anblick ganz abgesehen. Ich nutze die freie Zeit also gern, um meine Stadt etwas reiner zu machen.

/ Basti Müller

Buch: „Into Thin Air“ – Jon Krakauer, Podcast: „Jonna & Pumba“, Film: „Scary Movie“

 

Anhören

Zeitvertreib-Ulle-ohne-Credit

 

Mit 15 habe ich im Kinderzimmer meines Onkels seine alten Platten aus den 80ern gefunden. Darunter viel von Die Ärzte, zum Beispiel das Dreifach-­Live-­Album „Nach uns die Sintflut“ und die „Ab 18“­EP. Weil ich Ärzte-­Fan war und alles, was im Entferntesten mit der besten Band der Welt zu tun hatte, gesammelt habe, war ich völlig aus dem Häuschen, als mein Onkel mir die Platten einfach geschenkt hat. Da brach mein purer Materialitätsfetisch durch, diese riesigen Platten sind ja viel schöner als CDs und als MP3s sowieso und dann rochen die Platten meines Onkels auch noch so antik.

Ich habe mir dann jedenfalls vorgenom­men, eine Plattensammlung aufzubauen. 15 Jahre später besteht diese Sammlung aus sage und schreibe 30 (!) Platten, die bis vor einer Woche keine Verwendung fanden, weil ich die ganze Zeit keinen Plattenspieler hatte. Jetzt aber, haha!

Letzte Woche kam, nach 15 Jahren der Prokrastination, völlig aus dem Nichts die Einsicht aufgeploppt, dass ich mir jetzt sofort eine Vinyl­ Anlage kaufen muss. Hab’ ich dann auch gemacht. Konnte sie zum Glück noch rechtzeitig abholen, nur einen Tag später, und es wäre zu spät (höhöhö) gewesen, Co­rona hätte mir einen Strich durch die Rechnung gemacht – und ich hätte mein Anlie­gen wieder liegenlassen. Achso: Während der Quarantäne werde ich einfach die gan­ze Zeit schlafen.

/ Ulrich Thiele

Buch: „Naokos Lächeln“ – Haruki Murakami, Podcast: „Dear Reader“, Film: „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“

 

Ausmisten

Ausmisten_c_Sarah-Brown-_-Unsplash

Foto: Sarah Brown via Unsplash

 

Bett, Bücherregal, Kommode, Schreibtisch, Pflanze – mein Hab und Gut nimmt einen Großteil meines 14-Quadratmeter­-WG­-Zimmers ein. Das stört mich im Re­gelfall überhaupt nicht, es macht mein Zuhause sogar richtig gemütlich. Wäre da nicht die Quarantäne. Denn spätestens an Tag drei der selbstauferlegten Isolation rücken die Wände immer näher und der Hamburger Himmel beim Blick aus dem Fenster immer weiter weg. Die Lösung: Ausmisten.

Wenn die Klaustrophobie zu­nimmt, muss eben mehr Platz her. Wer braucht schon den zerknautschten Sessel in der Ecke, der sowieso immer unter einem Haufen Klamotten verschwindet? Und apropos Klamotten: Die alten Blusen ganz hinten in der Schublade kommen auch in fünf Jahren nicht mehr in Mode. Klar, der Schnickschnack im Wandregal sieht ganz nett aus – aber die eingerahmten Fotos von der Abi­-Fahrt und die ungelesenen Ratgeber fangen dort nur Staub. Was raus muss, wird auf dem Dachboden zwischengelagert und gespendet, wenn das Leben irgendwann wieder in gewohnten Bahnen verläuft. Außerdem: Wer hat im schnelllebigen Alltag die Zeit, sich durch sein ganzes akkumuliertes Eigentum zu wühlen? Ausmisten ist also nicht nur eine wunderbare Beschäftigungstherapie, sondern auch ein Projekt, das wir insgeheim schon alle viel zu lange aufschieben.

/ Sophia Herzog

Buch: „Alles Licht, das wir nicht sehen“ – Anthony Doerr, Podcast: „Your Own Backyard“ (Englisch), Film: „Lost in Translation“


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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