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Recap: 4 Wochen Kultursommer Hamburg

Vom 15. Juli bis 16. August 2021 ist die Kultur beim Kultursommer Hamburg eindrucksvoll zurück auf die festen und freien Bühnen der Stadt gekehrt. So war das Spektakel:

Foto: Andreas Hornoff

 

In Hamburg ist die Kultur vielfältig und bunt zurückgekehrt: Der am 16. August 2021 zu Ende gegangene Kulturmarathon beim Kultursommer Hamburg zieht eine beeindruckende Bilanz: Über vier Wochen wurden 1.800 Veranstaltungen von 185.000 Besucher:innen besucht. Es haben insgesamt 110 Kulturveranstalter:innen ihre Projekte realisiert und dabei 200 Veranstaltungsorte mit Kultur aller Sparten bespielt, verteilt auf 55 Stadtteile und meistens open air. Daran waren mehr als 5.700 Künstler:innen beteiligt, von denen 75 Prozent aus der Metropolregion Hamburg kamen.

Nach dem Kultursommer geht es kulturell berauschend weiter: In Hamburg starten die Theater und Konzerthäuser in die neue Saison und die großen Festivals wie das Reeperbahn Festival oder das Filmfest Hamburg stehen an. Nach dem Motto: Runter von den Screens, rein in den Raum, rauf auf die Bühnen. Zurück in die Stadt, zurück zum Publikum, zurück in die Zukunft markierte der Kultursommer Hamburg den Anfang des Neustarts der Kultur in Hamburg nach dem langen Lockdown im Winter und Frühling und wurde durch ein umfangreiches Förderprogramm der Stadt Hamburg ermöglicht. Letztendlich verwandelten 1.800 oft auch kurzfristig geplante Musik- und Kunstfestivals, Ausstellungen, Performances, Open-Air Kinos und Lesungen die gesamte Elbmetropole für einen Monat in eine Bühne für 5.700 Hamburger Künstler. Nach dem Kultursommer geht Hamburg einen weiteren Schritt in Richtung neue kulturelle Normalität.


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Ringelnatz: Ein Abend der Leichtmatrosen

Mit der Leichtmatrosenbigband ging es bei der Barmbeker Hofkultur im Rahmen des Kultursommers musikalisch von Hamburg nach Haiti und zurück, immer auf den Spuren des berühmten Dichters

Text: Felix Willeke

 

Es regnet leicht, dem Publikum ist es egal „das Wetter passt doch“, ruft Kapitän Heinecke von der Bühne. „Eigentlich waren wir für die Elbphilharmonie gebucht, doch das hier ist authentischer.“ Er grinst und stimmt mit seiner Leichtmatrosenbigband vom Theaterdeck Hamburg das erste Lied an. Die Combo aus Niklas Heinecke, Henner Depenbusch und Tim Niebuhr ist in der lokalen Theaterszene in Hamburg-Barmbek längst bekannt. Seit über zehn Jahren bringen sie in unregelmäßigen Abständen Lieder und Gedichte rund um den Dichter Joachim Ringelnatz auf die Bühne. Garniert wird das Ganze mit allerlei Seemannsliedern und solchen, die es werden wollen. Die Reise bei der Barmbeker Hofkultur der Zinnschmelze führt mit reichlich Seemannsgarn von „Kuddel Daddel Du“ von Achim Reichel, über der/die „Bademeister*in“ von der Kleingeldprinzessin alias Dota bis hin zum „Abschied der Seeleute“ von eben jenem Joachim Ringelnatz.

 

Multitalente bei der Arbeit

 

Die drei sitzen auf der Bühne und haben mindestens genauso viel Spaß wie ihr Publikum. Heinecke ist als Kapitän Conférencier, Sänger und Erzähler. Der Smutje Tim Niebuhr ist neben dem Rhythmus für sämtliche Geräusche zuständig – vom Flattern der Segel bis zum Platzen des Schlauchboots. Henner Depenbusch musiziert als Fliegengewichtsmatrose von Akkordeon über Klavier bis Saxophon mit allem, was ihm in die Finger kommt und der neue Leichtmatrose Jan Otto spielt Gitarre. Dauerte dieses Konzert offiziell nur eine Stunde, verlangt das Publikum nach mehr als anderthalb Stunden immer noch nach einer Zugabe. „Tanzen ist ja verboten“, sagt Heinecke, „aber, wenn ihr euch möglichst unrhythmisch bewegt, ist das laut Definition kein Tanzen.“ Das Publikum gehorcht. Alle, wenn sie nach den Standing Ovations nicht eh schon auf den Beinen sind, stehen auf, singen und schunkeln – bemüht unrhythmisch – zum Abschluss mit. Wer sich in Zukunft nach Comedy mit Seemannsflair und Anspruch sehnt, sollte ab jetzt nach Niklas Heinecke und seiner Leichtmatrosenbigband Ausschau halten. Ahoi!

Die Leichtmatrosenbigband (v.l.n.r) Tim Niebuhr, Henner Depenbusch, Kapitän Niklas Heinecke und Jan Otto; ©Nick Pompetzki

Die Leichtmatrosenbigband (v.l.n.r) Tim Niebuhr, Henner Depenbusch, Kapitän Niklas Heinecke und Jan Otto; ©Nick Pompetzki


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Easterfield Festival: Stelldichein der Kunstszene

In den Gärten der ehemaligen Galerie Levy in Eppendorf treffen beim Festival im Festival Kunst und Kreativwirtschaft der Hansestadt aufeinander. Das interdisziplinäre Programm vereint verschiedene Formen und hochkarätige Protagonisten der hiesigen Szene und dient als Status Quo-Bestimmung in Post-Lockdown-Zeiten

Text: Kevin Goonewardena
Fotos: Jérome Gerull

 

Nicht in die üblichen Viertel, sondern an die Nahtstelle der Stadtteile Eppendorf und Lokstedt lädt der Hamburger Kunstverein, unter dessen Schirmherrschaft die Veranstaltung steht, zum erstmals ausgetragenen Easterfield Festival. Der Name leitet sich von der Osterfeldstraße ab, an der sich der Festivalort, das Gelände der ehemaligen Galerie Levy, befindet. 

Nicht nur einen Querschnitt durch das in der Lockdown-Zeit entstandene Schaffen Hamburger Künstler:innen wolle man abbilden, lässt sich dem Programm entnehmen, sondern vielmehr auch die Richtung zeigen, in die die Hamburger Kunst- und Kreativwirtschaft nun steuern könnte.Easterfield_Festival_Kultursommer_Foto_Team_Szene-2

Am Donnerstagabend, 5. August, fanden sich aus diesem Grund Timo Blunck (u.a. Musiker Palais Schaumburg, Autor), Sabine Cole (u.a. Art Directors Club Deutschland), Fabian Frese (Werber) und Birgit Gebhardt (Trendforscherin) auf der Bühne im Hof des etwa 6000 Quadratmeter großen Geländes wieder und diskutierten unter dem Motto Ideas anyone? den Wert der Idee, dessen Veränderung und die dafür verantwortlichen Ursachen, bevor die Hamburger Band Miu um die gleichnamige Sängerin die Bühne betrat. 

 

Qualität vor und hinter den Kulissen

 

Verantwortlich für die einzelnen Schwerpunkte des Easterfield Festivals (Performance, Skulptur, Kino, Musik und Diskurs) der sechstägigen Veranstaltung sind jeweils einzelne Teams bestehend aus Kulturschaffenden der Stadt. Im Filmprogramm beispielsweise werden unter anderem Arbeiten von Katharina Duve und dem bisher zweifach für Preise bei der Berlinale nominierten US-Amerikaners Ricky D’Ambrose gezeigt. Konzipiert wurde diese Sparte unter Beteiligung des Abaton Kinos und des Kurzfilmfestivals.Easterfield_Festival_Kultursommer_Foto_Team_Szene-11

Die Auswahl der Teilnehmer:innen aber auch Verantwortlichen hinter den Kulissen, weist dabei durchweg eine hohe Qualität auf. Interessante Köpfe mit spannenden Vitas treffen sich – auch über die Disziplinen hinweg. Akteur:innen von Rang kommen mit Nachwuchs-Künstler:innen zusammen, kleine Vereine arbeiten Hand in Hand mit großen Firmen. 

 

Hochkultur trifft Subkultur

 

Die Macher:innen des Easterfield-Festivals und ihre Partner:innen – etwa die Millerntor Gallery, der Kunstverein Harburger Bahnhof, die HFBK oder auch die avantgardistische Rapgruppe Deichkind – haben ein Festival konzipiert, dessen Veranstaltungen durch interessante Themen, Gäste und Kombinationen besticht. Genau dieser Umstand sorgt dafür, dass mehrere Tagesbesuche lohnenswert sind.

Zu den Auftretenden und Ausstellenden bis Mitte August gehörten und gehören neben anderen etwa: Andreas Dorau, Axel Loytved, Henning Besser (Deichkind), Schauspieler Paul Behren, Bestseller-Autorin Kübra Gümüşay, die Multimedia-Künstlerin, Michaela Melián (Künstlerin, Mitglied der Avantgarde-Band F.S.K. und Professorin an der HFBK), Melissa Logan (Chicks On Speed), Hoda Tawakol, Paul Spengemann, Melanie Jame Wolf, Dr. Katja Wolframm, (Hamburg Kreativ Gesellschaft) und Prof. Dr. Gesa Ziemer (Hafen City Universität)

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Programmpunkte finden noch am 06., 11. und 12. August statt. Der Skulpturengarten auf dem Gelände ist auch unabhängig von Veranstaltungen für Besucher:innen zugänglich.

Easterfield Festival: 30. Juli – 15. August 2021, Osterfeldstraße 6 (Eppendorf)


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Internationales Sommerfestival: An Bismarcks Sockel sägen

Vom 4. bis 22. August 2021 wird die „Togetherness“ beim Internationalen Sommerfestival Kampnagel mit prall gefülltem Programmplan gefeiert

Text: Sören Ingwersen

 

Zwei nackte Menschen schmiegen sich im öffentlichen Raum der Stadt aneinander – in ihrer intimen Begegnung wie abgekoppelt vom Rest der Welt. Lässt sich ein deutlicheres Bild finden für die drängende Sehnsucht, Corona endlich hinter sich und die Nähe zum anderen wieder schutzlos zuzulassen? „This Is Not Normal“ nennt das Konzeptkunst-Duo Juan Dominguez & Arantxa Martínez seine Performance lebendiger Skulpturen, die im Rahmen des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel an verschiedenen Orten der Hamburger Innenstadt für Überraschungen sorgen dürften. Ein so vielfältiges und umfangreiches Programm wie in diesem Jahr hat Festivalchef András Siebold schon lange nicht mehr aufgetischt: „Das hat damit zu tun, dass wir eine Akkumulation aus wegen Corona verschobenen, neu geplanten und zusätzlichen Projekten haben, die durch umfangreiche Fördermittel des Programms ,Neustart Kultur‘ und des Fonds Darstellende Künste möglich wurden. Dazu kommt noch der von Carsten Brosda ausgerufene ,Hamburger Kultursommer‘, in dessen Rahmen wir praktisch noch ein Extra-Festival mit 14 Projekten im Stadtzentrum machen.“

 

13 Uraufführungen

 

Das Kernprogramm findet aber wie gewohnt auf den Kampnagel-Bühnen statt. Allein hier werden fünf Uraufführungen gezeigt, acht weitere verteilen sich auf das Stadtgebiet. Dass das Festival diesmal so viele Welt- und Deutschlandpremieren verzeichnet, ist für Siebold eine unmittelbare Reaktion auf die Pandemie, „weil sich viele Menschen, die bei uns auftreten, mit der Gegenwart beschäftigen“. Und die bot in den vergangenen 15 Monaten für Kulturschaffende in der Tat genügend Reibungspunkte, an denen sich die Kreativität entzünden konnte. Das gilt auch für die kanadische Sängerin Leslie Feist, die das Sommerfestival eröffnet: „In normalen Zeiten spielt Feist Konzerte vor Tausenden von Menschen.

Leslie Feist eröffnet das Internationales Sommerfestival Kampnagel 2021; Foto: Leslie Crisp

Leslie Feist eröffnet das Internationales Sommerfestival Kampnagel 2021; Foto: Leslie Crisp

Durch Corona gab es plötzlich keine Auftrittsmöglichkeiten mehr. Jetzt wird sie die Bühne zurückerobern und sich wieder an eine Art ,communal joy‘ herantasten: In ihrer Produktion ,Multitudes‘ steht sie mit dem Publikum auf der Bühne und singt ins leere Theater hinein.“

Auch die Deutschlandpremiere „Licht und Liebe“ der norwegischen Theatergruppe Susie Wang kann im Kontext der Pandemie gelesen werden: Zwei deutsche Urlauber erleben, wie sich ihr exotisches Urlaubsparadies durch übernatürliche Kräfte in einen Hort des Horrors verwandelt. Klingt böse, ist aber lustig. Komische Regieeinfälle konterkarieren auch den Titel von Christoph Marthalers Inszenierung „Das Weinen (Das Wähnen)“ nach Texten von Dieter Roth. Mit seinen Schimmelbildern betonte der Schweizer Künstler die ästhetische Komponente biologischer Zerfallsprozesse. Marthaler wiederum lässt Roths Sprachkunst im keimfreien Raum einer Apotheke – und im beschwörenden Tonfall von Mozarts Requiem – aufblühen.

„Das Weinen (Das Wähnen)“ nach Texten von Dieter Roth; Foto: Gina Folly

„Das Weinen (Das Wähnen)“ nach Texten von Dieter Roth; Foto: Gina Folly

Ebenfalls mit einem Schweizer Autor setzt sich die französisch-österreichische Bühnenkünstlerin Gisèle Vienne in „Der Teich“ von Robert Walser auseinander. Der verstörende Psychotrip in den Kopf eines Jungen, der seiner Mutter gegenüber einen Selbstmord vortäuscht, wird mit zwei Schauspielerinnen, Elementen des Puppentheaters und einer mächtigen Bildersprache in Szene gesetzt.

 

 Von Illusionen bis Schwyzerdütsch

 

Des Weiteren kann man mit den „Illusionen“ der drei Meisterzauberer Patrick Folkerts, Jan Logemann und Manuel Muerte dem Wesen der Täuschung auf den Grund gehen, das Ballet national de Marseille mit vier neuen Arbeiten erleben oder in die Fantasiewelt der belgischen Künstlerin Miet Warlop eintauchen, die mit ihrem anarchischen Bühnenhappening „After all Springville“ die Tücken des Objekts und der menschlichen Gemeinschaft erkundet. Und natürlich kommen auch Freiluftfanatiker im „Avant-Garten“ auf dem Kampnagel-Gelände wieder voll auf ihre Kosten: „Aufbauend auf den Erfahrungen im letzten Jahr, als wir draußen zum ersten Mal in größerem Stil Bühnen aufgebaut und Konzerte gemacht haben, haben wir unser Outdoor-Angebot im neuen Amphitheater, auf der Kanalbühne und auf weiteren Spielflächen noch erweitert. Die Gruppe JAJAJA wird jeden Abend ab 18.30 Uhr mit wechselnden Gästen Performances veranstalten, dazu kommen ein ausuferndes Konzertprogramm, Lesungen und Diskussionen wie ein Abend über Hate Speech mit Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski, Conférencier und Autor Michel Abdollahi und ZDF-Korrespondentin Nicole Diekmann“, verrät Siebold. Zusätzlich gibt es am Wochenende nachmittags ein Kinderprogramm. Außerdem hat man vier Veranstaltungen wieder zusammen mit und in der Elbphilharmonie ausgerichtet. So reist SingerSongwriter Rufus Wainwright diesmal mit seiner Schwester Martha an, um der 2010 verstorbenen gemeinsamen Mutter, der Folk-Sängerin Kate McGarrigle, mit eigenen und gecoverten Songs ein musikalisches Denkmal zu errichten, das zugleich eine Hommage an alle Mütter ist. Eine besonders reizvolle Verbindung sind auch Dino Brandão, Faber und Sophie Hunger für ihr aktuelles Programm „Ich liebe dich“ eingegangen. Die fein gesponnenen Lieder auf Schwyzerdütsch bilden für András Siebold „wahrscheinlich eines der schönsten Lockdown-Alben, die im letzten Jahr herausgekommen sind“. Überzeugen kann man sich davon im Großen Saal der Elbphilharmonie, wo die drei für lyrisch-intime Momente sorgen werden.

 

Das Kampnagel Sommerfestival zu Gast in der Stadt

 

Der „Brückenschlag zwischen dem eher klassischen Programm der Elbphilharmonie und dem eher popkulturell infizierten Programm auf Kampnagel“, wie Siebold die jährliche Kooperation der Festivalpartner beschreibt, strahlt derweil auch auf andere Bereiche ab. So ist in diesem Jahr auch die St.-Gertrud-Kirche in Uhlenhorst ein Spielort, an dem die klassische Musikkultur sich mit zeitgenössischen Ansätzen paart: Das Vokalensemble Graindelevoix aus Antwerpen feiert „The Liberation of the Gothic“ mit englischer Renaissancemusik und überraschender Besetzung: Anders als im 16. Jahrhundert, singen hier auch Frauen und man legt Wert auf den individuellen Ausdruck der beteiligten Stimmen. Ebenfalls dem Experiment verpflichtet sind Gewandhausorganist Michael Schönheit und Multiinstrumentalist P. A. Hülsenbeck, wenn sie im Kirchensaal auf der Grundlage musikalischer Improvisation die sakrale Klangsprache mit der des Pop verweben.

Vom Gotteshaus zum Konsumtempel: Im Gebäude des ehemaligen Kaufhofs in der Mönckebergstraße entfesselt das Hamburger Kollektiv LIGNA „Die Gespenster des Konsumismus“ mit einem performativen Audiowalk. „Es gibt kein besseres Symbol für die durch die Pandemie verschärfte ökonomische Krise als den leer stehenden Kaufhof “, findet Siebold. „Aber auch Diskurse über die Veränderung der Lebenswelten und die Zukunft der Innenstädte konzentrieren sich in dem Gebäude.“ Eine Änderung der Perspektive auf bestehende Lebenswelten fordert dagegen Yolanda Gutiérrez, wenn sie mit Videomappings und Performances rund um die Bismarck-Statue die deutsche Kolonialgeschichte aufrollt, während Nesterval & Queereeoké mit „Sex, Drugs & Budd’n’Brooks“ im Club Uebel & Gefährlich Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“ mit einem immersiven Theater-Game der bürgerlichen Spießigkeit entreißen. „So viele Impulse und Motivationsanker für freie Künstler*innen wie durch die Corona-Hilfen hat es in Deutschland wohl noch nie gegeben“, freut sich Siebold. Freuen können sich auch die Besucher des Internationalen Sommerfestivals.

4.–22.8., Kampnagel; kampnagel.de/sommerfestival

ART OFF Walks: Wege zur Kunst

Im Hamburger Kultursommer – und darüber hinaus – führt die Initiative ART OFF mit „Wir sind hier“ zu spannenden Kunstorten, zu Ausstellungen, Performances und Aktionen

Text: Sabine Danek

 

Von Ost nach West, bis in die Nähe des Sachsenwalds, nach Bergedorf und über die Reeperbahn wieder zurück: Mit ART OFF, der Initiative von 20 unabhängigen Ausstellungsorten der Stadt, kann man durch den Hamburger Kultursommer flanieren. Und zwar zu Kunstorten, die abseits der etablierten Museen und Ausstellungshäuser liegen – und die seit Jahren gemeinsam für ihre Sichtbarkeit kämpfen.

Was OFF-Orte wie die Gängeviertel-Galerien, das Westwerk, Oel-Frueh, die noroomgallery, das Frappant und die ganzen anderen Hamburger Kunst-Places to be ausmacht, was sie zu bieten haben und auf was für eine vielfältige Weise sie miteinander vernetzt sind, das zeigen die ART OFF Rundgänge, die den Kultursommer bis in den September hinein feiern: Mit drei verschiedenen Art Walks und zwei Ausflügen an den Rand der Stadt, zu Fuß oder mit dem Fahrrad, auf jeden Fall aber in Bewegung.

 

Ausstellungen und Aktionen


All das startet mit dem Kunstweg OST (30.7.–1.8.), der zum Schimmelmann-Mausoleum und zu mehr als 20 Ausstellungen, Aktionen und Schaufensterperformances führt und von künstlerischen Spurensicherungen und von Art & Crime-Führungen flankiert wird. In der Akademie der Künste wird der Einstellungsraum aus Wandsbek sein 20-jähriges Jubiläum feiern, in der Fabrik der Künste ist der Berufsverband Bildender Künstler mit seinen „Positionen“ zu Gast. Und wer sich beim Gehen begleiten lassen möchte, kann dies mit dem gleichnamigen Podcast der noroomgallery tun.

Auch beim MITTE WALK (13.–15.8.), der vom Karoviertel aus zu Performances und Konzerten in Planten und Blomen führt, ins Gängeviertel und zum Wasser an dem das Westwerk liegt.
Überall weisen leuchtende gelbe ART OFF-Flaggen den Weg, es gibt eine interaktive Karte, Flyer, geführte Touren und ein Infomobil und immer ist der legendäre Kunst-Imbiss dabei – und hält auch bei den beiden Ausflügen an den Rand der Stadt Kunst für unterwegs bereit.

 

„Wir sind hier“

 

Der erste Ausflug bringt einen in die Nähe des Sachsenwalds zum Künstlerhaus Bergedorf (21.–22.8.), der andere ins Künstlerhaus Sootbörn (28.–29.8.) in Niendorf. Anfang September schließlich klingt der ART OFF Kultursommer mit dem Art Walk WEST (4.–5.9.) aus, der durch St. Pauli, Altona, Bahrenfeld und Ottensen führt, zum 8. Salon, dem Frappant und der Frise, durch die Große Bergstraße und die Reeperbahn, zu Ausstellungen und Aktionen – und zum Finale dessen genaues Programm noch bekannt gegeben wird.

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„If you love for“ für die Wendenstraße

So mitreißend und spannend das alles ist, heißt das ART OFF-Programm nicht ohne Grund „Wir sind hier“. Denn natürlich ist es auch eine Reaktion der erzwungenen Unsichtbarkeit der Künstlerinnen und Künstler und ihrer Arbeit während der Pandemie, und ihrem ökonomischem Desaster, das Covid-19 noch verstärkt – und erneut ans Licht gebracht hat. Das reicht von den Schwierigkeiten in die Künstlersozialkasse aufgenommen zu werden, zu Kunstförderungen, die gerade an diese Mitgliedschaft gebunden sind, von den Corona-Hilfen von Land und Bund, die viele Künstlerinnen und Künstler gar nicht erreicht haben zu der fehlenden Honorierung künstlerischer Arbeit und das auch von renommierten Museen. Dem allen stemmen sich die mehr als 400 Kulturschaffenden, Künstlerinnen und Künstler mit dem umfassenden Programm von „Wir sind hier“ entgegen. Und wie immer bei ART OFF ist der Eintritt frei!

ART OFF Kultursommer „Wir sind hier“: 30. Juli – 5. September


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Fast ein Spektrum Festival: Good Vibes Only

Nach der Absage im letzten Jahr, kehrt die Momentaufnahme der Beatkultur dieses Jahr an zwei Wochenenden zurück. Gerade wegen stark limitierter Besucher:innenzahl und übersichtlichem Programm, bleibt in Pandemie-Zeiten die wichtigste Erkenntnis eine alte: Der Vibe muss stimmen – das tat er und lässt uns so noch sehnsüchtiger das Ende der Pandemie erwarten

Text: Kevin Goonewardena
Fotos: Andreas Hornoff

 

Menschen, die nach Glück, Genuss und Lust streben, würden durchaus philosophisch handeln, so der Hamburger Philosoph Bernulf Kanitscheider. Wahrscheinlich den Wenigstens unter den 500 Gästen der diesjährigen, Pandemie-gerechten Ausgabe des Spektrum Festivals am Reiherstieg ein Name, haben sie doch alle unbewusst im Sinne des Autors von „Ein hedonistisches Manifest“ gehandelt.

Möglich gemacht haben das in erster Linie die Macher:innen des Spektrum-Festivals, dass sich in den 2010er Jahren vom Geheimtipp zum veritablen Ein-Tages-Festival der nationalen Szene entwickelt hat. Denn statt die Veranstaltung das zweite Jahr in Folge ausfallen zu lassen, konzipierten die Verantwortlichen ein ihrem altbewährten Konzept folgendes Event – mit Test- und Maskenpflicht in sensiblen Bereichen wie etwa Warteschlangen – zu denen es ob der geringen Anzahl der Gäste, dem Verzicht auf große Bühnen, dem limitierten Zugang zu den Auftrittsorten oder einer überschaubaren Anzahl von Künstler:innen, kaum kam.

 

Wir-Gefühl

 

Getreu dem selbst verordneten Anspruch der Orga, sich musikalisch zwischen Tradition und gegenwärtiger Grenzüberschreitungen zu positionieren, von Straßen- über Cloud- bis Boom Bap den verschiedensten Stilen Bühne und Gehör einzuräumen, und Newcomern und Local Acts zu fördern, ließen die Künstler:innen des ersten von zwei Wochenenden der diesjährigen Ausgabe, die Pandemie so gut es eben möglich war bei dem nach Live-Konzerten lechzenden Besucher:innen vergessen.

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Die Performance Yung Palos etwa, dem Hamburger Newcomer, der mit seinem Underground-Hit Tokyo Drift gleich auch noch ein zweites Mal die Zugabe Ace Tees gestalten durfte, war dermaßen energiegeladen, dass sich die meisten der Anwesenden nach einem Post-Pandemie-Auftritt, einem Auftritt ohne angezogene Handbremse, noch im gleichen Moment gesehnt haben dürften.

Während der Co-Headliner Ansu absagen musste, holte sich Ace Tee die erwartbare Verstärkung in Form ihres kollegialen Partners Kwam.E und Tom Hengst auf die Bühne, ein paar Tänzerinnen, Licht-Show und gekonnte Publikums-Interaktion standen einem Pre-Corona-Auftritt in nichts nach.

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Ace Tee bei „Fast ein Spektrum“ 2021 (Foto: Andreas Hornoff)

Die vielen loyalen Supporter unter den Anwesenden unterstrichen mit ihrer teils frenetischen Unterstützung das zwischen Künstler:innen und Fans herrschende Wir-Gefühl, wie es in dieser Form nur noch in der HipHop-Kultur existiert.

Denn auch das bildet den Vibe moderner Rap-Konzerte: Ein vor Selbstbewusstsein trotzender Teil des Publikums, der heute vor der Bühne die Künstler:innen supportet und morgen ohne Gedanken an Perfektion oder gar Versagen zu verschwenden, im Home Studio eigene Wege geht, um Übermorgen selbst von der Crowd gepusht zu werden.

Die Kulisse dieses einmaligen Festival-Geländes der dieses Jahr kleiner ausfallenden, dennoch weitläufigen Open Air Galerie des Artville-Festivals am Wilhelmsburger Ufer Park, sorgte ihrerseits für das lang vermisste, wohlige Gefühl, das weit über das eines gelungenen Live-Auftritts hinausgeht: Gelände, Artists und Publikum bilden hier die Symbiose, die auch ohne Pandemie für den besonderen, nachhaltig währenden Besuch sorgt.

Auch, weil hier ein großes Bedarfs-Spektrum eines Festival-Besuchs mitgenommen werden kann: Das Tanzen – wie etwa bei Ludwig Mausberg, dem Resident der Deeper-Partyreihe und Zwegatmann (Funk im Trunk), das Beisammensein, die Biergarten-Atmosphäre eines lauen Sommerabends mit Hintergrundmusik, die Neuentdeckungen, das Treibenlassen.

 

2. Runde

 

HipHop-Fans und alle anderen können sich am 22. August 2021 ein weiteres Mal von dem diesjährigen Vibe des Festivals überzeugen. Dann spielen unter anderem Eunique und die Kölner Underground-Rapper Lugatti & 9ine zur zweiten und letzten 2021er Ausgabe des Fast ein Spektrum-Festivals in Wilhelmsburg.

fasteinfestival.de


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Elbtonal Percussion: Mit Schlagwerk um die Welt

Das Hamburger Schlagwerk-Ensemble Elbtonal Percussion nahm die Zuschauer:innen beim Elbphilharmonie Hope ’n’ Air mit auf eine klangliche Reise um die Welt

Text: Felix Willeke

 

Nur Trommeln, das füllt einen Konzertabend? Ja, und wie. Aber zuerst ist wichtig zu wissen: Elbtonal Percussion trommelt nicht. Jan-Frederick Behrend, Sönke Schreiber und Francisco Manuel Anguas Rodriguez sind Schlagwerker. Das heißt egal ob Vibrafone, Gongs, Trommel, zweckentfremdete Alltagsgegenstände oder eigenartige Trash-Instrumente, Elbtonal Percussion machen Musik mit allem und auf allerhöchstem Niveau. Normalerweise treten Elbtonal Percussion als Quartett auf, am 20. Juli 2021 stehen sie jedoch als „Spezial Trio“ auf der Bühne. Beim Elbphilharmonie Hope ’n’ Air im Rahmen des Kultursommer Hamburgs nimmt das Ensemble die Zuschauer:innen mit auf eine Reise durch die Welt der Schlagwerke.

 

Zarte Klänge und starke Bilder

 

Los geht es in Japan: Ausgestattet mit Marimbas, chinesischen Trommeln und vielen weiteren Schlagwerken führen Elbtonal Percussion die Zuschauer:innen in die klangliche Vielfalt des fernöstlichen Landes. Die Marimba wird dabei mit derartig viel Gefühl und Emotionen gespeilt, dass schon vom ersten Moment an auf dem Platz alle gebannt lauschen. Der Rhythmus der großen Trommeln ist dabei zusätzlich am ganzen Körper zu spüren. Wer vor Konzertbeginn dachte, es bräuchte mehr Instrumente oder gar Gesang, ist spätestens jetzt vom Gegenteil überzeugt. Das Ensemble holt aus jedem Instrument das Maximale heraus: Von leisen, hohen, zarten Klängen bis hin zu imposanten, tiefen Rhythmen, die die Zuschauer:innen bis in den Bauch hinein spüren.

Elbtonal Percussion beim Elbphilharmonie Hope ’n’ Air ©Andreas Hornoff

Elbtonal Percussion beim Elbphilharmonie Hope ’n’ Air; Foto: Andreas Hornoff

Die Reise um die Welt führt weiter nach Serbien. Zwei Marimbas sorgen für anspruchsvolle und ineinander fließende Melodien, bei denen sich metaphorisch ein Bach in einen reißenden Strom verwandelt. Am Ende geht es dann nochmal zurück nach Japan. Begleitet von zwei chinesischen Trommeln spielt einer der Drei ein Solo auf der Marimba und die Mal­lets – die Schlägel der Marimba – fliegen dabei regelrecht über das Instrument. Das Publikum ist begeistert und fordert eine Zugabe, in der das Ensemble dann noch seinen Humor unter Beweis stellt: Als Köche verkleidet kehren sie zurück und schlagen rhythmisch auf alles, was ihnen vor die Kochlöffel kommt. Diese Reise durch die Klangwelt hat nicht nur Spaß gemacht, sie lohnt sich auch immer wieder.

elbphilharmonie.de/hope-n-air


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MS Artville: Wie wir leben wollen

Nach der Corona-bedingten Verlegung in den digitalen Raum im letzten Jahr, starten die Macher:innen des MS Artville Festivals für urbane Kunst 2021 endlich wieder auf gewohntem Gelände in Wilhelmsburg durch. Noch mit Handbremse, aber voller Vorfreude, spannender Kunst und einigen Neuerungen

Text: Kevin Goonewardena | Fotos: Andreas Hornoff

 

Vor fast fünfzehn Jahren mit dem 2007 erstmals veranstalteten MS Dockville-Festival begann die all sommerliche Transformation des einst unscheinbaren Geländes gegenüber des architektonisch auffälligen Getreideterminals am Reiherstieg in Wilhelmsburg. Heute sind das Mutterfestival Dockville und deren in den folgenden Jahren entstandenen Geschwister-Veranstaltungen Spektrum, Vogelball, Butterland und Artville fest etablierte Termine für Popkultur-Begeisterte verschiedener Strömungen.

Längst kommen die Besucher:innen nicht mehr nur aus Hamburg, die Acts sind international. 2019 gelang mit der Verpflichtung des aufstrebenden Superstars Billie Eilish dem Dockville gar ein echter Coup – und dann kam Corona.

 

Die Kunst kommt zurück

 

Nach der, der Pandemie geschuldeten, Pause der Veranstaltungen und einer digitalen Ausgabe des MS Artville im letzten Jahr, ist nun erstmals wieder eine physisches Beisammensein möglich: Zum gemeinsamen Nachdenken über Gegenwart und Zukunft laden die Macher:innen, beteiligte Künstler:innen und Publikum ab dem 17. Juli 2021 auf das Gelände zum MS Artville-Festival für urbane Kunst, auf dem wie gewohnt aus den vorherigen Jahren erhaltene und neu angefertigte Werke unter freiem Himmel zu erleben ist.

Flankiert wird das Ganze von einem Begleitprogramm aus Workshops, Panels, Diskussionsrunden, Musik, auch ein Kinderprogramm ist darunter. Fast ein Festival nennt sich die Post-Lockdown-Ausgabe, für die sich die Verantwortlichen über mehrere Termine und Wochen erstreckende Mini-Festivals unter  Berücksichtigung der geltenden Hygieneregeln konzipiert haben – Fast ein Artville ist ein Teil davon.

 

Spieglein, Spieglein

 

Das wohl  hervorstechendste Werk dort ist der im Stile einer Discokugel umgestaltete alte Saab 900 der Künstlerin Sasha Gold. Why not? Everybody’s darling heißt ihre Arbeit, die auch schon auf Kampnagel die Besucher:innen begeisterte und in einem Video der Rapperin Haiyti zu sehen ist – die auch am Sonntag, 14. August 2021, auf dem Gelände auftreten wird.

 

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„Why not? Everybody’s darling“ der Künstlerin Sasha Gold funkelt in der Sonne auf dem Gelände des MS ARTVILLE

 

Gold, die dem schrottreifen Gefährt mit tausenden Spiegelscherben zu neuem Glanz verhalf, möchte mit der Transformation, die, die Bruchstellen der Scherben sichtbar lässt, auf den Umstand aufmerksam machen, dass weiblich gelesene Personen immer noch hauptsächlich nach ihrem Aussehen bewertet werden. Das Auto selbst, geschlechtslos, aber untrennbar mit der Männerwelt verbunden, bekommt von ihr wiederum eine weibliche Identität zugeordnet. Why not? Everybody’s darling wird sich definitiv ganz vorne unter den  meist fotografierten Arbeiten des Festivals einfinden.

 

Mast und Stäbchen

 

Genau andersrum verhält es sich bei der begehbaren Installation Combi Ticket. Man könnte fast an dem Artwork des belgischen Künstlers Karl Philips vorbeilaufen – es würde jedenfalls nicht verwundern, wenn man es auf den ersten Blick nicht als solches registriert, denn die Arbeit besteht aus Dixi-Toiletten, Absperrzäunen, einem Flutlichtmast, einem Zelt. Also, aus einem für Festivalgelände nicht ungewöhnlichen Mobiliar. Hinter der scheinbar losen Ansammlung steckt jedoch bei genauerer Betrachtung System: Die Zäune stecken die Wege eines Labyrinths ab, als dessen Eingänge die Dixi-Häuschen fungieren.

 

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Dixie-Klos, Flutlicht und dazwischen das Zelt: Der Künstler Karl Philips installiert einen Festival-Moment

 

Das Zelt, aufgestellt am denkbar schlechtesten Schlafplatz: Unter greller Beleuchtung, in der Nähe von Dixies, eingehüllt in den Umgebungslärm, die Zeltenden jedoch nehmen den Platz in Kauf. Dafür wird nicht nur an physische und psychische Grenzen gegangen, sondern auch darüber hinaus: sie werden verschoben – nicht nur hier, auch anderswo.

Wie Philips für sein Werk, bedienen sich auch Vera Drehbusch und Daniel Wrede einem weltweit bekannten Gegenstand; genauer dem Mikado-Spiel beziehungsweise dessen Stäben. Sie fixieren bei ihrer aus riesigen Spielstäben bestehenden Installation den freien Fall des Anfangsmoment des beliebten Spiels und schaffen so ein Werk, das sich stets im Prozess befindet, anstatt in einen abgeschlossenen Zustand aufzugehen.

 

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Spiel und Spaß: Mikado der Künstler Vera Drehbusch und Daniel Wrede

 

Es scheint nur konsequent, dass die Arbeit Mikado durch die Künstler so geplant wurde, das es noch weitere Jahre im Rahmen des Festivals die Hamburger Kulturlandschaft bereichern kann.

 

Kunst in Zeiten der Pandemie

 

Für die Auswahl der vertretenen rund 20 internationalen Künstler:innen griff man sowohl auf jene zurück, die bereits für die 2020 Ausgabe eingeplant waren, die dann in Teilen digital stattfand, sprach aber auch neue Künstler.innen an, wie Martina Marschalk vom Organisationsteam verrät. Neben den behördlichen Vorgaben und einer lange Zeit unsicheren Finanzierung, die unter anderem Dank der Hamburger Kulturbehörde gestemmt werden konnte, hatte die Pandemie auch auf andere Bereiche der Festival-Vorbereitung erheblichen Einfluss und stellte die Organisator:innen vor neue Herausforderungen: So konnten bis auf Karl Philips keine:r der internationalen Künstler:innen nach Hamburg reisen, um ihre Werke selbst aufzubauen und instruierten deswegen teilweise per Videocall den Aufbau, nach vorheriger Begehung des Geländes auf die gleiche Art und Weise.

Die Künstlerin Taba geht für ihr zusammen mit ihrer Partnerin Shooki entstandenes Werk With(out) You gar noch einen Schritt weiter: Sie ruft die Besucher.innen dazu auf das über Videocall entstandene Werk zu vollenden und erörtert so nicht nur die Möglichkeiten wie wir trotz Pandemie-Beschränkungen über Ländergrenzen hinweg miteinander arbeiten können, sondern auch, ob es möglich ist Künstler:in zu sein, wenn man das Werk selbst nicht erschaffen hat.

MS Artville Festival: 17. Juli – 14. August 2021


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Abfahrt: Mit dem HVV die Hamburger Kultur unterstützen

Ab dem 15. Juli 2021 können Hamburger:innen mit dem Kauf eines HVV-Kulturtickets Künstler:innen beim Neustart unterstützen

Text: Felix Willeke

 

Der Hamburger Kultursommer, der am 15. Juli startet und bis zum 16. August geht, setzt mit mehr als 100 Veranstaltungen in allen sieben Bezirken ein Zeichen für die Hamburger Kulturszene. Hamburger:innen können ab heute die Künstler:innen unterstützen – mit dem HVV-Kulturticket.

Dieses kann ab dem 15. Juli zusätzlich zum regulären Angebot über die HVV-App und die hvv switch-App gekauft werden. Der preisliche Extra-Euro geht an den Verein MenscHHamburg, der das Geld an besonders förderungsbedürftige Solokünstler:innen weitergibt. Künstler:innen können sich auf eine Unterstützung in Höhe von 1.000 Euro auf hvv-switch.de bewerben.

 

Gemeinsam für die Kultur

 

„Wir als HVV möchten dazu beitragen, das Leben wieder zurück in Stadt und Region zu bringen. Wir hoffen, dass in den kommenden Wochen viele unserer Fahrgäste das Kulturticket nutzen werden und unser Vorhaben damit unterstützen“, sagt HVV-Gschäftsführerin Anna Korbutt.

Lars Meier, Vorstand bei MenscHHamburg e.V., ergänzt: „Das macht Hamburg aus, dass wir alle wissen, was wir an unserer großartigen Kulturszene haben und gemeinsam alles dafür tun, den Künstlerinnen und Künstlern durch diese Zeit zu helfen.“

 


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