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„Werkhaus 2.0“: Obdachlosigkeit sichtbar machen

Noch bis Jahresende finden im ehemaligen Karstadt Sport Gebäude am Hauptbahnhof Künstler:innen einen Platz, um ihre Arbeit zu präsentieren. Eines der Projekte: Das „Werkhaus 2.0“, das über Obdachlosigkeit in Hamburgs Stadtzentrum informieren will

Text: Marina Höfker  

Rund um den Hamburger Hauptbahnhof prallen verschiedene Realitäten aufeinander: Es gibt viele Obdachlose und Geschäftsbetreiber:innen fürchten Einbußen aufgrund von ausbleibenden Touristen und Kund:innen. Ein Phänomen, das in vielen Großstädten rund um die Bahnhöfe zu finden ist. Doch eine wirkliche Alternative gibt es für Obdachlose meist nicht. Um auf das Problem verstärkt aufmerksam zu machen und sich für eine dauerhafte Lösung einzusetzen, rückt Günter Westphal vom Bündnis Stadtherz das allzeit aktuelle Thema wieder in den Fokus.

Denn in unmittelbarer Nähe zum Hamburger Hauptbahnhof hat das „Werkhaus 2.0“ einen Platz gefunden. Im ehemaligen Karstadt Sport Gebäude, das bis zum Jahresende von der Hamburger Kreativgesellschaft als „Raum für kreative Zwischennutzung“ genutzt wird, hat das Kunstprojekt um Initiator Günter Westphal einen Info- und Beratungskiosk für Obdachlose eingerichtet – direkt am Eingang im Erdgeschoss. Im Rahmen des Jubiläums „41 Jahre Kunst im öffentlichen Raum“ hat das „Werkhaus 2.0“ sich bei einer Ausschreibung durchgesetzt und eine Förderung erhalten. In dem Gebäude unweit des Hauptbahnhofs hat Günter Westphal einen Info- und Beratungskiosk eingerichtet – direkt am Eingang im Erdgeschoss.  

Werkhaus 2.0: Eine Anlaufstelle für Obdachlose

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Bis Ende Dezember 2022 gibt es den „Raum für kreative Zwischennutzung“ im ehemaligen Karstadt Sport Gebäude in der Mönckebgerstraße (©Felix Willeke)

Der Künstler und Fotograf versteht sein Projekt auch als Kunst, obwohl er ein ganz anderes Ziel im Visier hat. Er will eine dauerhafte Herberge für Obdachlose ganz in der Nähe einrichten – vor allem, nachdem das Wohnungslosenprojekt „Die Mission“ nach 25 Jahren vor dem Aus steht und der ambulante Stützpunkt der Caritas für Obdachlose im August 2018 aufgrund von Modernisierungsmaßnahmen weichen musste. Seit dem 20. Oktober 2022 und bis voraussichtlich Mitte Dezember ist der Kiosk geöffnet. Zunächst sollte es vor allem eine Anlaufstelle für junge Obdachlose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Erwachsene sein. Doch die Betroffenen nehmen das Angebot bisher kaum an. Verwundert ist Günter Westphal darüber nicht. „Wir haben hier kaum Toiletten und durch das Nebeneinander verschiedener Kunstprojekte ist es wahnsinnig laut. Die trauen sich hier nicht rein“, mutmaßt er. Man wolle die Obdachlosen auch nicht wirklich dort haben. Die gesamte Struktur innerhalb des Gebäudes funktioniere nicht: „Künstler, die Geld verdienen wollen, prallen auf Menschen, die sich Gedanken darüber machen, wie sie die Stadt sozial verändern können. Das ist absurd“, sagt er. Dabei ist das „Werkhaus 2.0“ nicht anderes als eine andere Version des 2013 von der Stadtteilinitiative Münzviertel gegründetem Werkhaus Münzviertel, das im Fall des „Werkhaus 2.0“ im Rahmen von „41 Jahre Kunst im öffentlichen Raum“  gefördert wird.  

Werkhaus Münzviertel als soziales Kunstprojekt

Mit dem Werkhaus Münzviertel, das sich im gleichnamigen Quartier befindet, will Günter Westphal beweisen, dass sich Kunst und Soziales nicht ausschließen müssen. Die Werkstätte versteht sich als ein nachbarschaftliches Netzwerk, vorwiegend aus Studierenden. Junge Wohnungslose und Geflüchtete, für die andere soziale Angebote nicht funktionieren, sollen dort möglichst niedrigschwellig einen Platz finden und sich ausprobieren. Die Arbeit unter Anleitung von Künstler:innen in den Bereichen Küche und Gartenbau oder das Werken mit Holz und Textilien soll sie zu einem möglichst selbstbestimmten Leben motivieren. „Im Grunde müsste sowas in jeder Nachbarschaft entstehen“, sagt Günter Westphal. Doch oftmals scheitere es an der Finanzierung. Um die Arbeit des Werkhauses näher vorzustellen, werden an dem zweiten Standort im ehemaligen Karstadt Sport Gebäude Produkte wie Marmeladen, gezüchtete Blumen und bedruckte Tragetaschen präsentiert, die gegen eine Spende erworben werden können. Zugleich soll ein öffentlicher Ort geschaffen werden, um mit Ausstellungen, Filmvorführungen und Diskursen auf die Situation rund um den Hauptbahnhof aufmerksam zu machen.

„Im Grunde müsste sowas in jeder Nachbarschaft entstehen“ Günter Westphal

 

Ausstellungen, Filmvorführungen und Diskurse

Für November hat das Zentrum für Zukunft, das aus dem Bündnis Stadtherz hervorgegangen ist, bereits einige Veranstaltungen geplant. Am Donnerstag, den 10. November, eröffnet um 19 Uhr eine Fotoausstellung des Straßenmagazins Hinz&Kunzt mit dem Titel „Blaue Betten auf Beton“. Am 17. November diskutieren Günter Westphal und der Konzept-Künstler Michael Kress ab 19 Uhr darüber, inwiefern Kunst und Soziales zusammenpassen. Und am 18. November sprechen Kunstvermittlerin Veronika Schöne und Günter Westphal ab 16 Uhr über das Werkhaus-Projekt. Am 19. November sind Interessierte um 18 Uhr zu einem Diskurs zum Thema „Künstlerische Maßnahmen gegen die Kälte“ eingeladen. Dabei soll auch die Dokumentation über den Aktionskünstler Christoph Schlingensief mit dem Titel „Freund! Freund! Freund“ vorgestellt werden, auch die Filmemacher werden zu Gast sein. Das Bündnis Stadtherz lädt am 23. November schließlich zu einem Diskurs zum Thema „Soziale Stadtplanung rund um den Hauptbahnhof“, bei dem Regisseure Irene Bude und Olaf Sobczak ihren Film „Alles muss raus“ aus dem Jahr 1999 vorstellen.


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Wir helfen! Heute: Lea Simberg von StrassenBLUES e.V.

Viel hilft viel – zumindest, wenn es um Soziales geht. An den ersten drei Montagen im November 2022 lassen wir an dieser Stelle immer eine:n von drei Hamburger:innen zu Wort kommen, die sich besonders einsetzen und von ihrer Arbeit erzählen. Heute: Lea Simberg von StrassenBLUES e.V.

Protokoll: Anarhea Stoffel

 

Lea Simberg

Sozialarbeiterin bei StrassenBLUES e.V.

Titelstory Foto Janine Meyer StrassenBLUES e.V.-klein

„Es existiert viel Unwissen über armutsbetroffene, wohnungslose und obdachlose Personen“, sagt Lea Simberg (©Janine Meyer/StrassenBLUES e.V.)

„Ich glaube daran, dass alles Wahre im Leben Begegnung ist. Gemeinschaft und einander wahrnehmen sehe ich also als zentral an. Menschen in Armut, wohnungslose und obdachlose Personen sind eine stark an den Gesellschaftsrand gedrängte und diskriminierte Gruppe. Gleichzeitig leben wir in diesem Teil der Welt in extremem Reichtum. Da juckt es mir in den Fingern, ich kann nicht nicht versuchen, etwas an diesem Umstand zu verändern.

Außerdem mag ich, dass die Menschen, mit denen ich arbeite, vielfältig sind und ich so unterschiedliche Lebensentwürfe kennenlernen darf. Meine Arbeit bei StrassenBLUES ist der Bereich Sozialarbeit. Das ist – ganz allgemein gesprochen – soziale Beratung und Begleitung von armutsbetroffenen Menschen sowie wohnungs- und obdachlosen Personen zu allerlei Terminen. Außerdem stehe ich im Kontakt mit Politiker:innen, anderen sozialen Diensten und Behörden.

„In Deutschland müsste kein Mensch in Armut und Obdachlosigkeit leben“

Mit all unseren zur Verfügung stehenden Ressourcen müsste kein Mensch in Deutschland in Armut und Obdachlosigkeit leben. Bei unserer ungeschickten Verteilung der Ressourcen allerdings leider schon. Das müssen wir besser hinbekommen! Dabei müssen wir weg von der Verwaltung von Armut und Wohnungs- sowie Obdachlosigkeit, hin zu schon existierenden Lösungsvorschlägen und ausgearbeiteten Konzepten. Hört den betroffenen Personen zu. Nichts über sie, ohne sie. Es existiert viel Unwissen über armutsbetroffene, wohnungslose und obdachlose Personen. Die darauf aufbauenden politischen Entscheidungen gehen teilweise an den Bedürfnissen der betroffenen Menschen vorbei.

Ich möchte mehr Teilhabe und ich möchte, dass Ressourcen und Macht sich gleichmäßiger verteilen. Ich verstehe das so, dass sich die Gesellschaft über die Zeit Regeln und Strukturen ausgedacht hat, die unser tägliches Verhalten, Tun und Lassen prägen. Diese Verhaltensweisen sind von Ausschluss und Bevorzugung geprägt. Ich möchte einen Teil dazu beitragen, dass die Hilfsangebote für von Armut betroffene Personen sich danach richten, was die tatsächlichen Bedürfnisse dieser Menschengruppen sind. Weniger Ausschluss und Ignoranz, mehr Teilhabe!“


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Christian: Von der Straße zum „TikTok-Jesus“

Lustige Tänze, virale Trends und Christian, der mit einer Dornenkrone auf dem Kopf Jesus parodiert. Unbeschwert ist sein Content auf TikTok aber nicht. Christian blickt auf Jahre der Obdachlosigkeit, Drogenexzesse, Knast und Depressionen zurück. Eine Geschichte von der Flucht in die Kreativität 

Text: Henry Lührs

„Brauche Geld für Gras” hat Christian mit dunkelgrüner Farbe auf ein massives Holzschild gesprüht, mit dem er sich fast täglich in die Fußgängerzone setzt. Im Jahr 2016 hat er noch blondierte, wuschelige Haare und lebt auf der Straße. Damals immer mit dabei: sein Becher für Kleingeld. Häufig bleiben Leute stehen, fotografieren ihn und werfen ihm eine Münze zu. Die Fotos landen auf Social Media und in der Zeitung. In der Schanze wird Christian eine kleine Berühmtheit. Manche Menschen kommen damals extra ins Viertel, nur um ihn und das Schild zu sehen, berichtet Christian ungläubig, aber mit Stolz in der Stimme. „Die Leute finden es lustig, kreativ, provokant, aber eben auch ehrlich“, blickt er zurück.

Wie ehrlich, ist den meisten dabei gar nicht so bewusst. Christian hat seit Jahren eine schwere bipolare Störung mit depressiven Episoden. Mit CBD, einer nicht-psychoaktiven Substanz aus Cannabis, versucht er seine Symptome zu lindern.

„Ehrlich sein reicht auf der Straße aber nicht aus“, sagt Christian. Ein Schild mit „Ich habe Hunger“, sei viel zu unkreativ. Das Gefühl von schlimmem Hunger kennt er, aber weiß auch: „Die Menschen wollen unterhalten werden.“ Natürlich gebe es auf der Straße immer Menschen, die einen nachahmen würden, erzählt er: „Ich habe dann aber einfach die verschiedensten Sachen und Sprüche ausprobiert.“ Unweit der S-Bahn-Station Sternschanze setzt er sich zum Beispiel auf einen großen Stromkasten, tauscht sein Schild gegen eine Angel und befestigt daran seinen Becher. Für jede geangelte Münze gibt er den Menschen noch einen netten, lustigen Spruch mit auf den Weg. Die Idee geht auf, wieder finden die meisten Leute Christian lustig und kreativ. „Dieser Typ mit der Angel. So behalten die Leute mich im Kopf.“

Das Gefängnis bringt Veränderung

Während er tagsüber auf seinem Stromkasten sitzt, schläft er nachts im Schanzenpark unter freiem Himmel oder sucht sich Unterschlupf unter einer Brücke. Auch in der Kneipe „Clochard“ auf der Reeperbahn findet er gelegentlich einen Schlafplatz. Um von A nach B zu kommen, nutzt er die öffentlichen Verkehrsmittel. Eine Fahrkarte hat er dabei oft nicht. Dass ihm das zum Verhängnis werden sollte, ahnt Christian nicht.

Mit einer normalen Ausweiskontrolle ändert sich für ihn alles. „Wegen des Schwarzfahrens war eine vierstellige Summe fällig“, sagt er. Verurteilt wurde er dazu in Abwesenheit. Die Geldstrafe kann er nur zu einem kleinen Teil begleichen. „Eineinhalb Jahre habe ich eine sogenannte Ersatzfreiheitsstrafe absitzen müssen.“ Auch wenn die Zeit im Gefängnis für Christian mit vielen Ungerechtigkeiten zusammenhängt, berichtet er von dieser Lebensphase mit Fassung.

„Das einzig Gute am Knast war, dass ich das erste Mal in meinem Leben einen Betreuer zur Seite gestellt bekommen habe. Durch ihn habe ich es auch geschafft, Grundsicherung zu beantragen.“ Das Gefängnis verändert ihn, er möchte raus aus der Obdachlosigkeit, auch mit dem Becher soll Schluss sein: „Ich bin weg von den harten Drogen und habe alle Kontakte abgebrochen, die nicht gut für mich waren.“

Direkt bei der Sternbrücke findet er ein kleines WG-Zimmer. Die Wände sind unverputzt und es bebt, wenn ein Zug vorbeifährt. „Mein Computer-Bildschirm fängt dann immer an zu flackern“, erzählt Christian. Für ihn ist das aber mehr oder weniger zweitrangig: „Endlich ein Raum, in dem ich alleine bin und mich zurückziehen kann.“ Mittlerweile weiß er, dass der ständige Stress auf der Straße und die Schutzlosigkeit starke Trigger für seine Krankheit sind.

Vom „Typ mit der Angel“ zum TikTok-Jesus 

Mit dem Beginn der Corona-Pandemie beschließt er, sich verschiedene Accounts auf Social-Media-Plattformen einzurichten. Vor allem auf TikTok steigt seine Reichweite rasant. Unter dem Nickname „TikTokJesus“ veröffentlicht er satirische Videos und berichtet aus seinem Alltag. Auf seine mittlerweile langen, lockigen braunen Haare setzt er sich gelegentlich eine Dornenkrone. In der Rolle von Jesus gibt er unterhaltsame Antworten auf die teils absurden Fragen seiner Follower: „Wird man im Himmel dick?“ oder „Ist es eine Sünde vor der Polizei zu furzen?“.

Die Kritik an der Kirche ist in seinen Videos dabei omnipräsent, mal offensichtlich, mal subtil. Provokation und Kreativität sind für Christian ein Ventil, um mit schwierigen Themen umzugehen. Die Idee der Jesus-Parodie sei durch seine eigene streng katholische Erziehung inspiriert worden, die Kirche verbindet er mit einer Reihe negativer Erlebnisse.

Neben einer schwierigen familiären Situation hat er lange mit heftigem Mobbing zu kämpfen. Die Kirche ist für ihn in dieser Zeit alles andere als ein Zufluchtsort: „Dieselben Leute, die mich schon den ganzen Tag über gequält haben, konnten damit nach Schulschluss im Kommunionsunterricht weitermachen.“

Besonders seine Jesus-Parodie führt aber mit steigendem Bekanntheitsgrad zu heftigen Reaktionen. Dass nicht alle gelassen auf seine Videos reagieren würden, war ihm bewusst, doch die negativen Nachrichten werden ihm irgendwann zu viel. Es geht so weit, dass er sogar auf der Straße angepöbelt wird. „Social Media ist schwierig: Einerseits gibt es viel Interesse und Zuspruch, andererseits wird man durchgehend bewertet und irgendwann kommt immer der Hass“, sagt er.

Sogar eine Morddrohung mit konkreten Ortsangaben bekommt Christian. Er erstattet Anzeige. Einschüchtern lassen möchte er sich davon aber nicht: „Von den Drohungen irgendwelcher Fanatiker, möchte ich mein Leben nicht beeinflussen lassen.“ Immer wieder würden seine Videos aber gemeldet werden. Sein Account mit über 90.000 Followern wird daraufhin immer wieder gesperrt. Dagegen kann Christian nichts ausrichten: „Die ständigen Sperren haben sich auf meine Reichweite ausgewirkt, sodass ich letztendlich niemanden mehr erreichen konnte.“ Die einzige Lösung für ihn – ein neuer Account.

Für Christian ist diese Entscheidung mit einem Neuanfang gleichbedeutend. Ihm ist wichtig, dass keiner glaubt, er selbst hätte aufgegeben aus Angst vor dem Hass. TikTok möchte er jetzt nutzen, um mehr von sich erzählen und über seine Krankheit und das Leben auf der Straße aufzuklären.

Social Media reicht zum Leben nicht aus

Auf seinem neuen TikTok-Kanal „MeinBrainundIch“ ist die schwierige Wohnungssuche in Hamburg gerade eines der wichtigsten Themen. Aus seiner WG muss er nämlich raus. Sein Mietvertrag ist bereits ausgelaufen, ausziehen möchte er aber vorerst nicht. „Das komplette Haus soll abgerissen werden und dem Neubau der Sternbrücke weichen“, vermutet er. Auf eine Abrissverfügung wartet er noch. Auch wenn seine Situation aktuell nicht einfach ist, geht es in seinen Videos längst nicht mehr nur um ihn. Die Mietenpolitik in Hamburg allgemein sei ein großes Problem: „Wie soll man in dieser Stadt noch eine bezahlbare Wohnung finden?“, sagt er empört.

Durch Social Media zu merken, dass er mit seinen Problemen meistens nicht alleine ist, hilft Christian. Nicht nur unterstützende Worte bekommt er von seinen Followern, einige überweisen ihm auch etwas Geld per PayPal oder geben Hinweise auf eine Wohnmöglichkeit. Auch eine Amazon-Wunschliste hat Christian sich eingerichtet. Ausgewählte Produkte können ihm hier direkt an eine Packstation gesendet werden. Auf der Liste steht neben Lebensmitteln und Technik auch ein aufblasbares Kackhaufen-Kostüm. Er sagt schmunzelnd: „So was unterhält die Leute im Livestream“. Die schönste Sachspende, die ihm aber bisher von einem Follower zugeschickt wurde, ist für ihn ein Fantasyroman. „Über Bücher freue ich mich immer.“

Auch wenn ihm mittlerweile wieder über 15.000 Menschen folgen, ist es für Christian reines Wunschdenken von Social Media seinen Lebensunterhalt zu finanzieren: „Diesen Monat hat es gerade so gereicht zum Leben.“ Die nächsten Monate machen ihm in einer Zeit, in der sowieso alles teurer wird, große Sorgen. Er sei vor Kurzem das erste Mal seit zwei Jahren wieder mit dem Becher draußen gewesen, erzählt er beschämt. Für den Notfall hat Christian sich bereits im Männerwohnheim angekündigt.

Er spielt aber auch mit dem Gedanken, Hamburg komplett hinter sich zu lassen. Das 9-Euro-Ticket möchte er dazu nutzen, um auch Optionen außerhalb in Betracht zu ziehen. Reisen nach Bremen oder Köln wären sonst viel zu teuer gewesen. Wohin es Christian letztendlich verschlägt, davon wird er auf seinem TikTok-Kanal berichten.

@meinbrainundich auf TikTok


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Park Fiction – Stadt sein lassen

Die einen fühlen sich übergangen und die anderen können wegen Lärm nachts nicht schlafen. Am Park Fiction scheinen die Fronten zwischen Anwohner:innen und dem Park Fiction Komitee verhärtet, doch das Problem liegt tiefer

Text: Felix Willeke

 

Sonne, Palmen und der Blick aufs Wasser. Das ist nicht die Karibik, sondern der Park Fiction am Hamburger Hafen, auf der Grenze zwischen St. Pauli und Altona. Den Park, der auch Antonipark genannt wird, gibt es seit 2006. Er entstand nach Anwohner:innenprotesten gegen eine Bebauung in den 1990er-Jahren.

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Einer der schönsten Blicke auf den Hamburger Hafen: Park Fiction (Foto: Felix Willeke)

Von Bürger:innen geplant, ist der Park heute Verweilort für Anwohner:innen, Veranstaltungsort für Kultur – nicht nur dank des Golden Pudel Clubs – und einer der beliebtesten Aussichtspunkte am Hafen. Sogar die Stadt macht auf ihrem Tourismusportal Werbung für den Park: Man könne „hier den Blick auf die Elbe und den großflächigen Hamburger Hafen genießen oder sich bei einer Runde Basketball auspowern.“

 

Probleme

 

Heute kann man hier Basketball spielen oder herumliegen. Dabei ist sicher: Man ist nur selten allein. Denn der Park wurde mit der Zeit bei Hamburger:innen aus der ganzen Stadt und Tourist:innen immer beliebter. Das brachte Probleme mit sich, da sind sich alle einig. In seiner Stellungnahme vom 23. Januar 2022 nennt das Park Fiction Komitee unter anderem „Polizeistreifen im Zehnminutentakt, Racial Profiling, Obdachlosigkeit, Gentrifizierung und Verdrängung, fehlende Freiräume für Jugendliche und Bluetooth-Boxen“. Das Komitee ist aus einigen an der ursprünglichen Planung Beteiligten hervorgegangen. Heute kümmert es sich um die Organisation von Aktionen und versteht sich als Scharnier zwischen Anwohner:innen und Behörden.

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„Still loving Park Fiction“, sagen das Park Fiction Komitee und seiner Unterstützer:innen (Foto: Felix Willeke)

Eines der Probleme hat jetzt zum offenen Konflikt geführt: Der Lärm im Park, meistens verursacht durch Bluetooth-Boxen. „Es sind meistens viele und alle spielen unterschiedliche Musik“, so beschreibt es Alfons Lukas. Er ist Teil von „Lärm im Park“, einer Initiative von Anwohner:innen. Das Problem gäbe es nicht erst seit Corona. Ziel der Initiative sei es, den ursprünglich angedachten Zweck des Parks wiederherzustellen. Die Stadt beschreibt den Zweck des Parks so, dass er „eine Ausweitung des nahen Vergnügungsviertels St. Pauli und die damit verbundenen Ruhestörungen und Verkehrsbelastungen vor allem in den Abend- und Nachtstunden verhindern“ soll.

 

Eine Chronologie der kleinen Fehler

 

Doch das passiert aktuell nicht. Themen der Reeperbahn schwappen laut Christoph Schäfer in den Park. „Auf der Reeperbahn weiß man damit umzugehen, jetzt muss man das am Park verhandeln“, sagt er. Auch deswegen wollten sich das Komitee und die Initiative schon im Herbst 2020 zusammensetzen und gemeinsam Lösungen erarbeiten. Doch dann kam die zweite Corona-Welle. Das Treffen wurde verschoben und die Problematik verstärkte sich weiter. So war der Park Fiction im Sommer 2021 einer der Orte – neben dem Jenischpark und dem Stadtpark – an dem Abend für Abend Jugendliche feierten. Es ging so weit, dass sich laut Alfons Lukas, die ersten Anwohner:innen aufgrund des Lärms krankmeldeten.

„Lärm im Park“ traf sich im Sommer 2021 mit Stefanie von Berg, Bezirksamtsleiterin aus Altona. „Warum reden die nicht mit uns, bevor sie zur Politik gehen?“, fragt Christoph Schäfer. Traditionell würden Probleme auf St. Pauli zuerst innerhalb der Nachbar:innenschaft geklärt. Man habe diskutiert, ob man sich nach dem Treffen mit Frau von Berg erstmal mit Park Fiction zusammensetzen soll, sagt Alfons Lukas. Doch letztendlich habe man sich anders entschieden und sei nach dem Gespräch mit Frau von Berg an die Bezirksversammlung Altona herangetreten.

 

„Der Drogenkonsum geht auch auf die Vertreibungspolitik der Polizei zurück“

 

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Park Fiction, ein Brennpunkt? (Foto: Felix Willeke)

Nachdem die Politik das Thema auf dem Tisch hatte, folgte ein Antrag der CDU in der Bezirksversammlung Altona, dem sich die Grünen anschlossen. Unter dem bewusst scharf formulierten Titel „Brennpunkt Park Fiction – sozial- und ordnungspolitische Maßnahmen gegen Partylärm und offene Drogenszene“ wurde die Sache öffentlich. Gefordert werden unter anderem Straßensozialarbeiter:innen, Schilder mit Verhaltensregeln und mögliche Polizeikontrollen für den Park. Problematiken, wie der „Drogenkonsum gehen auch auf die Vertreibungspolitik der Polizei zurück“, sagt Gabriele von Stritzky (CDU), die den Antrag in der Bezirksversammlung maßgeblich angeschoben hatte. Es ginge bei dem Konflikt „nicht um offene Fronten und um politischen Aktionismus. Es geht darum, dass das, was sich dort entwickelt hat, konstruktiv und mit allen Beteiligten wieder entspannt wird und das gute Miteinander zurückkehrt.“ Ein Wunsch, der Wirklichkeit werden könnte.

 

„Wurstschwenkgrill-Eventisierung“

 

„Wir sind bereit, über alles zu reden. Wir können Forderungen fallen lassen. Wir wollen Veränderung mit allen“, sagt Alfons Lukas. Auch Christoph Schäfer setzt auf Gespräche, möchte aber den Kontext erweitern. „Wir möchten nicht nur mit dem Lärmfokus weitersprechen – das Problem sehen wir.“ Es ginge, laut Schäfer, auch um eine Erweiterung des Parks und um ein neues Management des öffentlichen Raums. Denn was beide Seiten beklagen, ist eine zunehmende „Wurstschwenkgrill-Eventisierung“ des Viertels, wie es Schäfer formuliert. Neben der Werbung seitens Hamburg Tourismus für den Park finden auf St. Pauli in jedem Jahr Hafengeburtstag, Schlagermove und Harley-Days statt – große Veranstaltungen mit vielen Besucher:innen.

Im Moment gibt es das Thema Lärm. Vermeintlich nur ein Symptom, für das weder das Park Fiction Komitee noch die Initiative „Lärm im Park“ Verantwortung tragen. „Eigentlich geht es dem Park gut“, sagt Christoph Schäfer und Alfons Lukas ergänzt: „Wir mögen diesen Park, es war ein so wunderbarer Ort.“ Den Wert von Park Fiction sehen beide Parteien. Letztendlich geht es bei diesem Konflikt, wie an vielen Orten einer Großstadt, um Rücksichtnahme. Aber nicht nur Rücksichtnahme unter den Anwohner:innen und Gästen, sondern auch um Rücksichtnahme seitens der Stadt.


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Hilfe für Obdachlose: der Kältebus fährt wieder

Es ist wieder kälter und viele verziehen sich in die eigene Wohnung. Doch in Hamburg gibt es über 2.000 Menschen ohne Wohnung. Mit dem Kältebus ist am 1. November 2021 wieder eines von vielen dringend benötigten Hilfsangeboten gestartet

Text: Felix Willeke

 

Für viele beginnt mit einer warmen Decke und einem Buch auf dem heimischen Sofa langsam die Vorfreude auf Weihnachten. Doch während es vielen drinnen kuschelig warm wird, ist die kalte Jahreszeit besonders für die über 2.000 Obdachlosen in Hamburg gefährlich. Hilfe bietet dabei unter anderem der Kältebus. Seit dem Winter 2020/2021 wird dieser vom CaFée mit Herz auf St. Pauli betrieben und fährt vom 1. November 2021 bis März 2022 wieder täglich von zwischen 19 bis 24 Uhr durch die Stadt. Wenn man in diesen kalten und nassen Tagen hilfsbedürftige Menschen auf der Straße sieht, kann man den Kältebus unter der Telefonnummer 0151/65 68 33 68 erreichen. Tagsüber steht die Hotline der Stadt Hamburg unter 040/428 28 5000 zur Verfügung.

 

Das Gesundheitsmobil

 

Im letzten Winter haben die etwa 70 freiwilligen Helfer:innen des Kältebusses nach eigenen angeben 587 Menschen in Notunterkünfte gebracht und 467 Schlafsäcke und 315 Isomatten ausgegeben. Dabei wurde 27-mal der Rettungsdienst gerufen, um Obdachlose medizinisch zu versorgen. Neben dem Kältebus stellt das CaFée mit Herz zusätzlich das Gesundheitsmobil. Hier erhalten jeden Sonntag von 14:30 bis 16:30 Uhr am Hamburger Hauptbahnhof und jeden zweiten Sonntag von 12 bis 14 Uhr auf der Reeperbahn Menschen ohne Krankenversicherung ambulante medizinische Leistungen.

Das CaFée mit Herz wird von Ehrenamtlichen getragen und finanziert sich aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden. Alle weiteren Informationen zu Arbeit des Vereins gibt es unter cafeemitherz.de.

 

Weitere Hilfen für Obdachlose

 

Neben dem Kältebus gibt es auch den Mitternachtsbus der Diakonie Hamburg. Dieser fährt täglich von 20 bis 24 Uhr durch die Innenstadt und verteilt Kaffee, Tee, Kakao, Brühe, Brötchen, Kuchen, Decken und Schlafsäcke an obdachlose Menschen. Die Stadt Hamburg stellt zudem fast 1.500 Übernachtungsplätze im Rahmen des Winternotprogramms zur Verfügung.


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Peppi: „Ich lebe seit 30 Jahren auf der Reeperbahn“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Im Juni 2021 sind wir Peppi begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Mich kennt hier jeder. Ich lebe seit 30 Jahren auf der Reeperbahn. Ich habe gesehen, wie sie das Schmidt Theater neu gebaut haben, den Abriss vom Schwimmbad am Spielbudenplatz und wie die Esso Tankstelle verschwand. Ich habe das alles aus erster Reihe erlebt. Sogar die Polizisten kenne ich alle. Und sie mich. Ich glaube, ich bin ganz schön kompatibel, kann mich gut unterhalten. Mehr zwar nicht. Aber das reicht doch fürs Erste.

1969 bin ich geboren, meine Mutter hat mich 1971 an eine Adoptivfamilie abgegeben. Ich hatte Angst vor ihnen, weil sie mich geschlagen haben. Also bin ich abgehauen und auf der Straße gelandet. Meiner richtigen Mutter habe ich irgendwann verziehen. Meinen Adoptiveltern nie.

Das Leben auf der Straße ist okay, die Leute mögen mich. Momentan schlafe ich in der U3. Irgendwann kommt Hilfe. Das sage ich mir zwar seit einer Ewigkeit, aber ich glaube immer noch dran. Manchmal kam die Hilfe auch schon, aber dann habe ich wieder irgendeinen Fehler gemacht. Neulich hatte ich einen Job, da habe ich für “Zwischenstopp Straße” gearbeitet. Dann habe ich was getrunken, jetzt sitze ich wieder hier. Sie haben mir daraufhin Dante weggenommen, meine französische Bulldogge. Bevor ich Dante bekommen habe, hatte ich einen Hund, der 17 Jahre bei mir gelebt hat. Sie war meine beste Freundin, immer an meiner Seite. Bis sie vor ein paar Jahren eingeschläfert werden musste.

 

Mit zwei Shetland Ponys an der irischen Küste

 

Meinen ersten Hund habe ich 1978 bekommen, ich weiß es noch genau, das war der schönste Tag in meinem Leben. Er hieß Asta, ich war neun und Asta war mein erster wirklicher Freund. Zu der Zeit habe ich noch bei meinen Adoptiveltern im Sauerland gelebt. Ich war jeden Tag mit Asta im Wald und er hat mir ein Gefühl gegeben, als würde er mich in den Arm nehmen und sagen „Ey Peppi, es ist alles gut!“

Aber wirklich gut ist es nur dann, wenn ich träume. Dann stelle ich mir vor, zwei Shetland Ponys zu haben und mit ihnen an der irischen Küste zu leben. Eins links, eins rechts und ich liege dazwischen im Gras. Mehr möchte ich gar nicht. Ich würde keinen Menschen vermissen, denn ganz ehrlich: Ich mag sie nicht. Es gibt tolle Menschen, aber ich kann mit ihnen nicht umgehen. Bei mir wurde eine posttraumatische Belastungsstörung festgestellt. Und obwohl ich mitten auf der Reeperbahn sitze, mich die Leute alle kennen, meine Brüder und Schwestern mich in den Arm nehmen, habe ich eine unheimliche Angst vor ihnen. Ich weiß, dass das paradox ist, aber ich habe so eine Angst vor Gewalt, das kannst du dir gar nicht vorstellen.

Dabei weiß ich ja eigentlich, dass mir keiner etwas tut. Ich tue ja auch keinem etwas. Vor mir braucht keiner Angst zu haben. Weil ich so groß und vielleicht manchmal auch ein bisschen komisch bin, haben das manche. Die meisten wissen aber, wie nett ich bin. Deswegen akzeptieren sie mich. Wollen wir noch eine rauchen, bevor du gehst?”


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1 Frage, 1 Antwort – mit Nikolas Migut

Nikolas Migut ist Filmemacher beim NDR und der ARD. Aus einer seiner Reportagen ist der gemeinnützige Obdachlosen-­Verein StrassenBLUES e.V. entstanden, der auf kreative Weise Menschen mit und ohne Zuhause verbindet. Dafür gab es den „Alternativen Medienpreis“ und eine Nominierung für den SMART Hero Award. Nikolas Migut weiß, was wirklich zählt. Darum freuen wir uns, dass er Teil unserer Kolumne ist.

SZENE HAMBURG: Wofür würdest du Karmapunkte vergeben?
Nikolas Migut: Meine höchste Anerkennung haben jene, die anderen Menschen helfen. In meiner Familie hat gerade die fast 90-jährige Großmutter ihren Mann verloren. Sie kann sich alleine nicht mehr um sich selbst kümmern. Es ist die Familie meiner polnischen Frau. In Polen ist es in der Gesellschaft fest verankert, dass sich die Nächsten um ältere Menschen kümmern und nicht in ein Pflegeheim geben. Ich habe gro­ßen Res­pekt vor meiner Schwieger­mutter, die jetzt ihre Mutter bei sich auf­genommen hat und bis zum Lebensende pflegen möchte. Ebenso bin ich tief beeindruckt, was Pfleger in Pflegeheimen leisten, wenn sie sich angemessen und würdevoll um ältere Menschen kümmern. In unserer Wirtschaft finde ich es höchst ehrenwert, wenn Sozial­unternehmer ein gesellschaftliches Problem lösen wollen und dabei nicht primär den Gewinn vor Augen haben, sondern einen positiven Wandel in unserer Gesellschaft ­erreichen möchten. Es gibt einen Sozialunternehmer, Josh Littlejohn, der in Schottland die ­Obdachlosigkeit lösen will. Im Kern betreibt er die hochwertigen Restaurants „Social Bite“, die sowohl Obdachlose als auch Gäste versorgen. Dabei hat ­einer von vier Mitarbeitern mit Obdachlosigkeit zu kämpfen. Beide Hilfen für Mitmenschen verdienen für mich massig Karmapunkte.

www.strassenblues.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2018. Das Magazin ist seit dem 29. Juni 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats: Dominik Bloh

Als Obdachloser kam Dominik Bloh 2015 in die Kleiderkammer, um den geflüchteten Menschen zu helfen, obwohl er selbst Hilfe brauchte. Dort fand er Anschluss und Unterstützung, und wurde Gründungsmitglied des Vereins Hanseatic Help. Mittlerweile hat der 29-Jährige einen Job, eine Wohnung und das Buch „Unter Palmen aus Stahl“ über seine Geschichte veröffentlicht. Er möchte für die Notleidenden auf den Straßen sensibilisieren

SZENE HAMBURG: Dominik, wenn du einen Wunsch frei hättest, mit dem du dem Leben von Obdachlosen mehr Perspektive geben könntest, welcher wäre das?
Dominik Bloh: Ich würde mir wünschen, dass jeder eine zweite Chance und ein Dach über dem Kopf bekommt.

In „Unter Palmen aus Stahl“ erzählst du von deiner Zeit als Obdachloser. Welche Reaktionen hast du bekommen?
Es gibt fast nur positives Feedback. Ich bekomme ganz viele Nachrichten oder erfahre in Gesprächen, dass tatsächlich Menschen mit anderen Augen durch ihre Stadt gehen und ihre Umwelt bewusster wahrnehmen. Das war auch mein Ziel für das Buch.

Also ist es dir gelungen, Menschen für das Thema zu sensibilisieren …
Vor Kurzem hat mir der Geschäftsführer der Tagesaufenthaltsstätte „herz as“ erzählt, dass er beim Amtsbesuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bürgermeister Olaf Scholz beiden mein Buch geschenkt und ihnen herzlich die Lektüre empfohlen hat. Das finde ich sehr verrückt. Das Buch soll eine Stimme sein für Leute, deren Stimmen nicht gehört werden. Dass jetzt sogar Politiker davon erfahren, ist ein schönes Gefühl.

Viele wissen nicht, wie sie mit einem Obdachlosen umgehen sollen, der um Geld bittet. Man kann ja nicht jedem Geld geben. Was rätst du ihnen?
Es geht immer darum, wie wir miteinander umgehen. Wir sollten mehr Empathie haben und aufeinander zugehen. Das braucht eine Prise Mut. Wir haben alle unsere vorgefertigten Bilder von Gruppen oder Menschen. Aber ich selbst lerne auch jeden Tag, dass, sobald man ins Gespräch kommt und jemanden näher kennenlernt, sowohl Ängste als auch das Gefühl von etwas Fremden verloren gehen. Und plötzlich werden aus Fremden Freunde. Ich gebe jedem Menschen Geld, der mich fragt. Ich bin nicht der Richter dieser Menschen und entscheide nicht, was sie damit machen. Für mich ist Betteln eine Form von um Hilfe bitten. Das kann mit am schwierigsten sein und deswegen habe ich Demut entwickelt vor Menschen, die das tun. Wer kein Geld geben kann oder möchte, kann trotzdem etwas tun: Das Schönste, was man schenken kann, kostet kein Geld und das sind Aufmerksamkeit und sich auf Augenhöhe begegnen. Ein bisschen Zeit miteinander zu verbringen, kann Hoffnung spenden und zum schönsten Moment des Tages werden.

Oft sind die Menschen aber auch nur in Eile …
Es ist wichtig, dass man etwas tut. Ich kann, wie jeder andere auch, nur bis zu meiner Grenze der Belastbarkeit helfen. Es gibt für mich auch Momente, in denen mir etwas zu viel ist und dann kann ich jemandem auch nicht weiterhelfen. Aber ich weiß, dass ich eine Minute am Tag überhabe. Die stört meine Termine nicht, wenn ich mich entscheide, jetzt hier eine Minute stehen zu bleiben, so gestresst kann ich gar nicht sein.

Aber wäre es nicht höhnisch, wenn man einen Obdachlosen anlächelt, der gerade bettelt?
Ein Lächeln ist kostbar und etwas Positives. Auf der Straße bist du die ganze Zeit mit negativen Gedanken beschäftigt, weil du das Gefühl hast, nicht wahrgenommen zu werden. Dann ist es etwas Besonders, wenn dich jemand anlächelt. Eine der schlimmsten Sachen auf der Straße ist die soziale Isolation, das Gefühl ganz unten zu sein und alle anderen sind darüber. Ich nehme mir die Zeit, jemandem mit Respekt zu begegnen. Für mich ist Respekt der kleinste gemeinsame Nenner im Umgang mit Menschen. Ich muss nicht gut finden, was jemand macht, aber ich respektiere jeden als Mensch. Wenn ich das auf Augenhöhe vermittle, kommt das nicht höhnisch oder zynisch rüber, sondern, dann ist es genau das: eine Geste der Menschlichkeit.

Als 2015 so viele Flüchtlinge ins Land kamen, forderten viele, die eigenen Notleidenden, die Obdachlosen, nicht zu vergessen. Wieso wolltest du trotz deiner Situation sofort helfen?
Menschen, die mal wenig hatten, die geben auch viel, das habe ich gelernt. Wahrscheinlich, weil sie die Erfahrung geteilt haben. In meinem Fall war das so, dass ich gesehen habe, wie die Menschen aus den Kriegsgebieten in der Wandelhalle ankamen. Sie hatten eine schlimme Flucht hinter sich und waren traumatisiert. Sie lagen dort auf Isomatten und ich wusste, wie sie sich fühlten, denn so lebte auch ich damals seit zehn Jahren. Aber ich wusste auch, dass es ein schwieriger Weg für die Menschen wird, hier anzukommen. Im Gegensatz zu mir können sie nicht die Landessprache. Ich wollte mit dem, was ich bereits erfahren hatte, etwas tun für diese Menschen. Am Ende des Tages war es die beste Entscheidung, die ich treffen konnte: Ich habe Gutes getan und seitdem kommt Gutes zurück. Für mich haben sich dadurch Türen geöffnet.

Welche anderen Erkenntnisse hast du aus deiner Zeit auf der Straße noch gewonnen?
Ich habe gelernt, dass es eine gute Kombination ist, die Wahrheit zu sagen, an sich selbst zu glauben und Gutes zu tun, um ein glückliches Leben führen zu können. In der Vergangenheit habe ich viel gelogen. Jetzt weiß ich, die Wahrheit ist das Wichtigste überhaupt. Und dank meiner Großeltern, die immer an mich geglaubt haben, habe ich dann auch wieder an mich glauben können.

Um ein Leben führen zu können, braucht man aber auch ein bisschen Geld für seinen Lebensunterhalt. Wie bestreitest du den jetzt?
Seit Mitte 2016 habe ich ein Konto, das hatte ich jahrelang nicht. Als ich mein erstes Gehalt überwiesen bekommen habe, war das ein verrückter Tag für mich. Heute habe ich drei Jobs: Ich bin Lehrdozent und arbeite mit verhaltensauffälligen Jugendlichen, die auch um die 15 und 16 Jahre alt sind, so wie ich früher, als ich zum ersten Mal auf die Straße gekommen bin. Ich sehe heute zum ersten Mal, wie jung ich war, dass eigentlich ein Kind mit zwei Koffern im Park geschlafen hat und morgens in die Schule gekommen ist und sich auf dem Schulklo noch kurz gewaschen hat. Es ist schön, dass ich den Kids jetzt helfen kann. Dieser Job bezahlt meinen Lebensunterhalt. Ich habe aber auch noch einen Job auf der Baustelle, der meine Krankenversicherung bezahlt. Durch das Veröffentlichen meines Buches und Blog Posts im Ankerherz Verlag kann ich die Miete zahlen. Ich habe endlich etwas zu tun.

Damit so viele Jobs auch funktionieren, muss man auch seinen Alltag strukturieren können und Termine einhalten. Fällt dir das schwer?
Das geht immer zwei Schritte vor und einen zurück. Ich bin stolz, dass ich die Termine mit Buch und Arbeit ganz gut einhalte. Aber dann gibt es auch Tage, an denen gar nichts läuft und ich keine Briefe aufmache. Die Straße ist im Kopf. Sie ist schwer abzuschütteln. Auch das Ankommen ist nicht leicht. Wie ich im Buch schreibe, liegen meine Sachen immer noch in Taschen in der Wohnung und nicht im Regal. Ich schlage mich momentan auch immer noch mit meinen Schulden von früher rum und kann mich noch nicht so richtig auf längerfristige Zeiträume einstellen. Es braucht Zeit. Aber es geht in die richtige Richtung und das ist das Schöne.

Und in welche Richtung soll es sonst gehen? Wie möchtest du zukünftig über Obdachlosigkeit aufklären und informieren oder möchtest du mit dem Thema abschließen?
Ich werde nicht vergessen, wo ich herkomme. Das hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Ich möchte etwas für die Menschen tun, die noch da draußen sind. Für mich gingen die Türen auf. Mein Ziel ist es, für andere die Türen zu öffnen. Housing First Projekte (Anm. d. Red.: ein neuer Ansatz der Wohnungslosenhilfe, bei dem eine feste Unterkunft an erster Stelle steht, bevor alles andere Bürokratische geregelt wird) und der Duschbus, der durch die Stadt fährt und den Menschen die Gelegenheit gibt, sich zu waschen, sind mir sehr wichtig. Waschen ist Würde, das ist für mich eins der ganz großen Themen. Ich möchte natürlich auch weiterschreiben. Das mache ich, seit ich ein Kind bin und es gibt noch viel, was ich schreiben kann. Es hat sich also noch nicht ausgeschrieben.

Interview: Melina Seiler

Foto: Jakob Börner 

www.facebook.com/ankerschmerz; „Unter Palmen aus Stahl“, Ankerherz Verlag, 191 Seiten, 20 Euro

Dominik Bloh war elf Jahre lang überwiegend obdachlos. Mit 16 Jahren wurde er von seiner psychisch kranken Mutter rausgeworfen. Trotz Obdachlosigkeit hat er Abitur gemacht. Seit 2015 schreibt er beim Ankerherz Verlag einen Blog über das Leben auf der Straße


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Bedrohte Räume #19 – Tanz auf dem Vulkan in der Partystadt Hamburg

Welcome im neuen Jahr! Bienvenue chez Hamburg! Merhaba, in der besten Stadt der Welt! Heute biete ich dir ein top WG-Zimmer vom 12.1.2018 (10.00 Uhr) bis 13.1.2018 (17.00 Uhr), 12 Quadratmeter ohne Balkon, dafür Südseite. Ganze 27 Stunden heimeliges Glück. Ja, du bist gemeint: gutaussehende Frau, bis 30 Jahre, Nichtraucherin, Studentin ohne Haustier, vegan, Interesse an Platten, holistischer Ernährung, Yoga, Reisen und Apfelbäumen. Gerne aus den Stadtteilen Eimsbüttel, Altona, St. Pauli stammend und politisch eher links orientiert. Der Preis beträgt 150 Euro zzgl. Nebenkosten. Vorauskasse erbeten. Alle Daten per Mail an mich! Ja, diese Butze ist ein Schnäppchen! Bämm!

So oder so ähnlich heißt es auf dem Wohnungsmarkt der geilsten Partystadt der Welt, wie der Kölner Stadtanzeiger Hamburg nennt. Hello!?

Alternativ hätte wg-gesucht.de für dich aber auch 48 Quadratmeter für günstige 940 Euro kalt oder 52 Quadratmeter für 1.100 Euro kalt. Leider nur vom 12.1.2018 bis 30.3.2018. Woche um Woche kannst du in unseren überteuerten Wohnungen in schlichten Lagen mit Souterrain so richtig einen draufmachen! Oder willst du lieber was Eigenes mitten auf dem Kiez? Eine 90-Quadratmeter-Bude in der irren Friedrichstraße auf St. Pauli für nur 550.000 Euro, der Grundriss ist allerdings schon auf dem Papier die Hölle. Da hätten wir noch die 33 Quadratmeter Rottbude für 170.000 Euro, eher so fürs kleine Potschi, das müsste doch gehen?! Du hast Bock? Dann come along, hier tummeln sich Baulöwen und Immobilienhaie schon zum Breakfast auf deiner imaginären Dachterrasse, denn hier is’ richtig geil!

Morgens, wenn du das Haus verlässt, kann es allerdings ungemütlich werden, während du im Partyglimmer unter Brücken oder durch Parkanlagen schwankst – ob am Bahnhof, in Hauseingängen oder in der Hochglanz-City. Denn hier überleben 2.000 Obdachlose zwischen Flaschen, Kot und Hunden, davon hunderte Jugendliche, ohne Schutz und Perspektive. Jeden Tag, jede Nacht, krank, verelendet, aufgegeben von uns, von denen, von dir. Spätestens jetzt ist Schluss mit Party: Kinder und Erwachsene erfrieren auf der Straße, hungern, sind Opfer zunehmender Gewalt und Feindlichkeit, der sie täglich ausgeliefert sind. Diese Menschen und mit ihnen weitere 5.000 Obdachlose, die wenigstens für eine Nacht Unterschlupf finden, ist nicht nach Fete, so wie dir. Sie haben keinen Partykeller, keinen Kumpel im Arm, keine Wand im Rücken, weder eine eigene, noch eine teure oder eine temporäre Bleibe. Und während du morgens in deiner überteuerten Butze deinen Partykater kraulst, sind sie da draußen über Nacht halbtot gefroren.

Denn unsere obdachlosen Hamburger sind die echten Verlierer fehlgeleiteter Integrations-, Sozial- und Wohnungsbaupolitik. Sie sind die Opfer von Immobilienspekulationen, Wohnraumverknappung, Leerstand, Spekulation und hochgetriebenen Preisen in jeder Größenordnung in der geilsten Partystadt der Welt! Was? Echt? Dich interessiert das nicht? Du willst Party, Fete, Halligalli? Alles geil, fast wie in Vegas? Dann trink dir Mut an, Babe, bring den Boys & Girls was Warmes vorbei, spende einen Container oder stich der Immoblase am besten gleich die Luft aus dem Tank! Sei aktiv, damit die bedrohten Wohnräume morgen wieder den Wohnungslosen, den Armen, ja unseren Homies gehören und Hamburg die weltwärmste City wird!

Eure Raumsonde

Andrea

Beitragsbild: Michael Kohls


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf Ihrer Website