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Ohnsorg Theater: Die Not muss bedient werden

Der Titel der Premiere ist von einer TV-Sendung inspiriert: „Bares is nix Rares“. Im neuen Stück am Ohnsorg Theater geht es also um Geld – illegal beschafftes, natürlich. Den fantasievollen Betrüger spielt Erkki Hopf

Interview: Dagmar Ellen Fischer

SZENE HAMBURG: Erkki, du spielst Erik, der seinen Job verloren hat, das aber vor seiner Frau verheimlichen will. Deshalb muss er auf andere Weise Geld beschaffen, und ist dabei ungewöhnlich kreativ.

Erkki Hopf: Dieser arbeitslose Erik versucht zunächst, einen Job zu bekommen, aber irgendwann wird die Not zu groß. Dann merkt er, wie einfach es ist, an Gelder zu kommen, zum Beispiel an das Arbeitslosengeld seines Untermieters, der nicht mehr bei ihm wohnt. Also erfindet er weitere Untermieter, deren Zuwendungen er einstreichen kann.

Er ist eigentlich kein Gauner, aber die Ämter scheinen das Geld gern zu geben, und das ermutigt ihn zu weiteren Missbräuchen. Das geht natürlich nur eine Weile gut, und dann? Steht eines Tages ein Beamter vor der Tür, der überprüfen will, wer denn tatsächlich dort wohnt. Und auf den ersten Prüfer folgende weitere, und jedem spielen die Anwesenden eine neue Version von Großfamilie oder Wohngemeinschaft vor.

Das Problem ist, dass sich niemand merken kann, welche Rolle er für welchen Besucher spielte. Eriks Onkel hat zudem eine weitere Einnahmequelle aufgetan: Er stiehlt im Krankenhaus, wo er als Raumpfleger arbeitet, BlankoFormulare, mit denen man diverse Hilfsmittel beantragen kann. Und so sammeln sich Still-BHs, Umstandskleider, Leistenbruchslips und ähnliche Dinge, die später auf Flohmärkten verkauft werden sollen. Doch bevor es dazu kommt, entdeckt Eriks Frau diese absurde Sammlung und hält ihren Gatten für einen Fetischisten.

Die Farbe der Rolle

Das klingt nach einer Rolle, die wie für dich gemacht scheint …

Ja, Männer in Nöten, mit denen werde ich gern besetzt. Erik ist mit den Nerven am Ende, sein Lügengebäude stürzt ein. Das ist eine sehr dankbare Rolle, aber auch ganz schön anstrengend. Wenn man da nicht voll einsteigt und die Not bedient, ist das nur halb so komisch, man muss hundert Prozent geben in solchen Rollen.

Wie gehst du an eine solche Figur heran?

Zuerst finde ich heraus: Welche Farbe hat Erik? Ich fasse in meine Kiste mit Buntstiften, PolychromosStifte – mit solchen hat auch Horst Janssen gezeichnet – und greife intuitiv eine Farbe heraus. Es ist ein bisschen wie das Orakel der Krake.

Welche Farbe hat Erik?

Das habe ich noch nicht entschieden. Aber ich kann es jetzt gleich tun. (kurze Pause, raschelndes Geräusch) Es ist ein dunkler TürkisTon, kobaltgrün steht auf dem Stift. Damit markiere ich alle meine Textstellen. Danach suche ich eine zweite, etwas blassere Farbe für alle meine Stichworte, die muss ich ja mitlernen, und dann geht es los.

Volkstheater macht glücklich

Hast du beim Textlernen schon Ideen zum Sprechtempo deiner Figur, zum Gang?

Solche Dinge schreibe ich vorab auf einen Zettel. Im Fall von Erik schaue ich gerade, inwieweit er am Anfang noch cool ist mit diesen illegalen Aktionen, bevor alles auf ihn einstürmt und er am Rad dreht. Ich überlege mir ein inneres Tempo und auch einen typischen Gang. Gerade bei diesen Kloppern muss alles authentisch sein.

Du bist seit 28 Jahren am Ohnsorg-Theater, was macht dieses Haus so attraktiv?

Ich merke, wie sehr man ein Publikum beglücken kann: Es ist Volkstheater, man ist einfach nah dran, und da kommt was zurück!

„Bares nix Rares“, ab dem 27. Februar 2022 (Premiere) am Ohnsorg-Theater


Die März-Ausgabe der SZENE HAMBURG erscheint am 26. Februar 2022.

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„Weddersehn maakt Freid …?“ im Ohnsorg Theater

Mit plattdeutschem Charme lässt Regisseur Harald Weiler in „Weddersehn maakt Freid …?“ die skizzierten Figurentypen genüsslich aufeinanderprallen und zeigt, wie man seine Komfortzone verteidigt

Text: Dagmar Ellen Fischer

 

Zwischen Anton und Mona sind die Aufgaben klar verteilt: Er verdient das Geld, sie gibt es aus. Während er sich eine Flasche Wein gönnt, für deren Preis man einen gebrauchten Kleinwagen bekäme, fliegt sie mal eben zum Shoppen nach New York. In diese Paarkonstellation platzt nun Antons „Jugendliebe“ (so die deutsche Übersetzung des französischen Originaltitels), die plattdeutsche Erstaufführung trägt den Titel „Weddersehn maakt Freid …?“.

 

Eine groteske Täuschung

 

Natürlich freut sich niemand über das Auftauchen der Verflossenen, da sie überraschend als Angetraute zurückkehrt: Die seinerzeit in Las Vegas vollzogene Heirat ist rechtsgültig. Nun möchte sie die Scheidung und hätte, falls sie nicht ihre Unterschrift unter einen Ehevertrag setzt, Anspruch auf die Hälfte von Antons inzwischen beträchtlichem Vermögen. Das muss verhindert werden: Kurzfristig ziehen Anton und Mona in die Einzimmer-Kellerwohnung von Antons Haushälterin und gaukeln der Ex Armut vor. Geradezu grotesk und genauso unterhaltsam ist die Verwandlung des Schickeria-Paars in zwei Prolls, die plötzlich Fertigprodukte aus Aldi-Tüten holen. Die Täuschung scheint zu funktionieren, leider zu gut: Die Jugendliebe verweigert die besagte Unterschrift und ist bereit, mit dem darbenden Anton ihr Erspartes von 6000 Euro zu teilen!

 

Reichlich plattdeutsches „Amüsemang“

 

Die Komödie von Autor Ivan Calbérac ist leicht, rasant und wortgewandt. Anders als oft in diesem Genre, ist der Ausgang keineswegs absehbar. Die Dreier-Konstellation wird zusätzlich aufgemischt von einem wunderbar trotteligen Anwalt und eben jener Haushälterin, die sich im Finale zur heimlichen Hauptrolle entwickelt. Denn wenn das reiche Paar ins Kellerloch zieht, bewohnt sie folgerichtig die Luxuswohnung … Mit leichter Hand lässt Regisseur Harald Weiler die skizzierten Figurentypen genüsslich aufeinanderprallen und sorgt so für reichlich plattdeutsches „Amüsemang“.

„Weddersehn maakt Freid …?“ im Ohnsorg Theater, noch bis zum 31. Dezember 2021


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Volker Lechtenbrink ist gestorben – ein Nachruf

Mit ihm verliert Hamburg einen seiner beliebtesten Schauspieler – er wollte einfach nur spielen

Text: Felix Willeke

 

Eines Tages beim Schlachter Striga in der Alsterdorfer Straße: Drei Damen stehen in der Schlange und der Schlachter sagt: „Meine Damen, sie sind dran“, „ne, ne, danke“, entgegnen diese, „wir warten noch ein bisschen, bis Herr Lechtenbrink bestellt hat, wir hören seine Stimme so gern.“ Kaum eine Anekdote wie diese, die Volker Lechtenbrink 2018 in der NDR-Talkshow „3nach9“ erzählte, beschreibt den Schauspieler so gut. Volker Lechtenbrink ist am 22. November 2021 im Alter von 77 Jahren im Kreise seiner Familie verstorben.

 

Theater, Film und Musik

 

Volker Lechtenbrink in „Der Hauptmann von Köpenick“ 2010 am Ernst Deutsch Theater (Foto: Oliver Fantitsch)

Volker Lechtenbrink in „Der Hauptmann von Köpenick“ 2010 am Ernst Deutsch Theater (Foto: Oliver Fantitsch)

Das Multitalent, das nur „spielen“ wollte, wie er selbst einmal sagte, wuchs in Hamburg auf und besuchte die Gelehrtenschule des Johanneums. Mit nur 14 Jahren feierte er als Schauspieler 1959 in dem Film „Die Brücke“ unter der Regie von Bernhard Wicki, seinen Durchbruch. Es folgte eine Schauspielausbildung an der Hochschule für Bildende Künste und am Hamburger Schauspielstudio Freese.
Danach hatte Lechtenbrink Engagements an Theatern in Hannover, Köln, Berlin, München und Hamburg. Er trat auch immer wieder in Fernsehserien auf, darunter „Derrick“, „Ein Fall für zwei“ oder in den Verfilmungen der „Rosamunde Pilcher“- und „Inga Lindström“-Reihen. Dazu lieh er vielen großen Schauspielern seine Stimme, beispielsweise als deutsche Synchronstimme für Kris Kristofferson und Burt Reynolds. Neben Theater und Film war das Multitalent Lechtenbrink auch als Musiker erfolgreich, er schrieb Lieder für Peter Maffay und veröffentlichte selbst über zehn Alben.

 

Hamburg als Heimat

 

Seine Liebe gehörte aber immer seiner Hamburger Heimat und dessen Theater. „Besonders die Hamburger Bühnen verdanken ihm unvergessliche Abende“, sagte Kultursenator Dr. Carsten Brosda. Verbunden war Lechtenbrink insbesondere dem Ernst Deutsch Theater. Hier arbeitete er immer wieder als Schauspieler und Regisseur. Von 2004 bis 2006 übernahm er sogar die Intendanz des Hauses. Carsten Brosda zitiert als Abschiedsgruß auf Twitter einige Zeilen aus Lechtenbrinks erfolgreichstem Lied „Ich mag“: „Ich mag Bilder von Margitte / Schwimmen ohne mit / Barfuß gehen durchs Watt / Hamburg, meine Stadt / All das mag ich und ganz doll dich.“


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Premiere “Tussipark”: Das Ohnsorg-Theater ist zurück

Das plattdeutsche Ohnsorg-Theater kehrt mit der hochdeutschen Komödie „Tussipark“ zurück in den Betrieb

 

Es geht wieder los, endlich. Das Ohnsorg-Theater geht nach vier Monaten Zwangslockdown mit der Karaoke-Komödie „Tussipark“ von Christian Kühn wieder in Betrieb. Nebenbei gemerkt: Das erste szenische Theater in Hamburg seit dem Lockdown, denn das Tivoli eröffnete im Juli zwar als erste Theater, jedoch mit einer Show – wie auch Michael Lang nicht ohne Stolz am Premierenabend ankündigte.

Sichtlich erleichtert empfing der Ohnsorg-Intendant seine Gäste. Es sei so schön, endlich wieder Leben im Haus zu haben, sagte er. Und nein, das war keine Floskel, sondern aufrichtige Dankbarkeit. Den nur 123 Zuschauern (Abstandsregel…) bot sich daraufhin ein unbeschwerter Abend auf hochdeutsch mit vier Schauspielerinnen auf Hochtouren.

 

Tussipark: Das Stück hat einen hohe Gag-Dichte

 

Tanja Bahmani läuft im Brautkleid durchs Parkhaus, sie hat ihren Fast-Ehemann wegen vermeintlicher Untreue vor dem Altar stehen lassen. Caroline Kiesewetter ist die schlagfertige Lebensberaterin, deren Kalenderweisheiten ihr bei ihren Männerproblemen letztlich auch nicht weiterhelfen. Julia Holmes ist die schwangere Ehefrau, die nicht zurück zu ihrem unreifen Ehemann will. Und Rabea Lübbe spielt die verpeilte, liebenswerte Jennifer, die kein permanent Wörter verwechselt und Konversation und Konservation nicht unterscheiden kann.

Die vier Frauen verbringen eine Nacht im Parkhaus eines Einkaufszentrums (schönes Bühnenbild von Katrin Reimers) und teilen in rasanten Dialogen ihre Enttäuschung über die Männerwelt. Zum Ende schlucken sie Wunderpillen und mischen im Rausch das Einkaufszentrum auf – „Hangover“ lässt grüßen. Das Stück hat eine hohe Gag-Dichte, bisweilen mit Einpark-Kalauern auf Mario-Barth-Niveau, meist aber pointiert und mit Mut zum Quatsch: „Ständig kamen meine älteren Verwandten auf Hochzeiten zu mir und sagten: ‚Du bist die Nächste!‘ Bis ich anfing, auf Beerdigungen das gleiche zu ihnen zu sagen.“

 

Abstandsregeln auf der Bühne

 

Dazu gibt’s viele Hits: „Baby One More Time” von Britney Spears, „Wannabe” von den Spice Girls”, “Dancing Queen” von Abba, „Survivor“ von Destiny’s Child. Gesungen wird allerdings nur Playback (danke, Corona) – macht aber nichts, funktioniert trotzdem bestens. Überhaupt: Charmanter, humorvoller kann man mit den Abstandsregeln, die auch auf der Bühne eingehalten werden müssen, nicht umgehen, als es die vier Schauspielerinnen an diesem Abend augenzwinkernd tun. Das Publikum dankt’s mit langem Applaus.

Eine Premierenfeier konnte unter den aktuellen Umständen nicht stattfinden. Stattdessen gab’s draußen vor der Tür Gespräche mit Abstand und Eis mit Stil – was ja auch ganz gut passt nach einer Sommerkomödie. / UT

Ohnsorg-Theater
Weitere Termine bis zum 26. Juli 2020