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Partyzone Stadtpark: Zeit für Solidarität

Während ein Teil der Hamburger Jugend in den Grünanlagen feiert, überlegen Stadt und Politik, was dagegen zu tun ist – ein bisschen mehr gegenseitige Rücksicht könnte helfen

Kommentar: Felix Willeke

 

Die Inzidenz sinkt, die Politik lockert die Corona-Maßnahmen und auch das Wetter sorgt für gute Stimmung. In Hamburg wird diese Stimmung leider vielerorts getrübt: Nachdem die Polizei Ende Mai das Schanzenviertel nach einem „Rave“ geräumt hatte, versammeln sich die Partygänger mittlerweile in den Grünanlagen der Stadt. Sei es am Elbstrand mit den angrenzenden Parks, am Winterhuder Kai oder im Stadtpark – an fast jedem Abend treffen sich hier tausende junge Menschen zum Feiern. Die Folge sind Lärm, Beschwerden von Anwohnern, große Polizeieinsätze – und viel Müll. 

 

Die Sehnsucht von vielen

Junge Menschen sehnen sich nach dem Feiern und Zusammensein – wie wir alle. Seit März 2020 ist besonders das Leben der Jugend stark eingeschränkt. Das beginnt beim Homeschooling und endet bei Ausgangsbeschränkungen. Wir erinnern uns alle an die wilden Jahre und die Zeit nach der Schule: Party, Freiheit und Lebenslust – uns stand die Welt offen. Jetzt stelle man sich genau diese Zeit nach dem März 2020 vor: Angst vor dem Virus, Isolation von deinen Freunden und ein Lockdown folgt auf den nächsten. Dass sich dabei Frust anstaut und die Angst aufkommt, etwas zu verpassen, kann ich verstehen. Aber muss ich das auf diese Weise ausleben, und deswegen den Stadtpark in eine Müllkippe verwandeln?

Diese Massenpartys sind keine gute Idee. Denn es ist immer noch Pandemie. Das Infektionsgeschehen geht zwar langsam zurück, aber es sind noch lange nicht alle geimpft – erst recht nicht die jungen Menschen zwischen 12 und 24. Ich weiß, es fällt schwer, aber auch dank der Delta-Variante sind wir noch nicht über den Berg.

 

Exzess muss nicht bekämpft werden

Am Winterhuder Kai wird in Hauseingänge gepinkelt, die Jogger im Stadtpark laufen morgens „Glasscherbenslalom“ und am Elbstrand stapeln sich die Einweggrills. Das ist ziemlich widerlich. Vergangenen Samstag wurden im Stadtpark circa 7.000 Feiernde gezählt. 7.000 von fast 250.000 Hamburgern zwischen 12 und 24. Das sind nicht mal drei Prozent der jungen Menschen in der Stadt. Aufgrund von nur drei Prozent alle jungen Menschen als unvernünftig oder partywütig zu bezeichnen, wäre falsch. Die meisten halten sich an die Maßnahmen und üben sich in Geduld.

Dass dann vor dem Hintergrund der medialen Aufregung Politiker im Wahlkampf leicht auf dieses Thema aufspringen und mehr Sicherheit oder Kontrolle fordern, spitzt die Situation nur weiter zu. Auch mehr Polizeipräsenz, eine eigene Kontrolleinheit oder Schilder mit Verhaltensregeln werden kaum helfen. Das sorgt nur für mehr Konfliktpotential. Es kommt vielleicht mehr denn je in dieser Pandemie auf Solidarität an: Solidarität mit den vulnerablen Gruppen, mit Anwohnern, aber genauso mit den Menschen, die gehofft haben, ihre Jugend ausleben zu können. Lasst uns deshalb abends im Park mit Freunden sitzen, ohne jemanden zu stören. Lasst uns draußen grillen und den Müll danach mitnehmen. Und lasst uns die gewonnenen Freiheiten genießen, aber dabei auch an morgen denken und nicht nur an heute.


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„Sicherheitszone“: Katrin Seddigs neuer Roman

Katrin Seddigs Familienroman „Sicherheitszone“ spielt vor dem Hintergrund des G20-Gipfels in Hamburg. Ein Gespräch über gesellschaftliche Brüche, die Unübersichtlichkeit der Welt und Wege aus der Ohnmacht

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Zu Beginn steht ein Zitat der polnischen Dichterin Wisława Szymborska: „Ich ziehe das Chaos der Hölle dem Chaos der Ordnung vor.“ In „Sicherheitszone“ zerfällt die Ordnung der Familie Koschmieder. Die 17-jährige Imke ist bei „Jugend gegen G20“ aktiv. Ihr großer Bruder Alexander steht als Polizist auf der anderen Seite. Thomas, der Vater, verlässt die Familie für eine jüngere Frau – die Ernüchterung folgt schnell. Während einer Demo gerät er auf der Suche nach Imke in einen Tumult und wird von einem Polizisten attackiert: „Er hatte die ganze Zeit gedacht, er könne außen vor bleiben, alles als Beobachter sehen, und sein eigener Irrtum wird ihm so kalt und klar, so höhnisch bewusst, als wäre er ein Irrtum nicht nur in diesem Moment, sondern seines ganzen Lebens.“

Seddigs Roman ist die Geschichte eines Umbruchs und der damit verbundenen Verunsicherung: „Die Welt, wie wir sie kannten, die ist vorbei. Sie ist schon länger vorbei, aber wir haben’s jetzt erst gemerkt“, konstatiert Thomas zum Schluss. Selten wurde das Chaos der Ordnung präziser seziert als in „Sicherheitszone“.

 

SZENE HAMBURG: Katrin, du hast Kultur einmal als lebenswichtig bezeichnet, weil mit ihrer Hilfe Krisen verdaut werden. Hast du G20 nun verdaut?

Katrin Seddig: Nein, ich spüre immer noch Wut und nicht aufgearbeitete Prozesse in mir. Aber während der Arbeit am Roman habe ich gelernt, Abstand zu nehmen und die Ausschreitungen wie ein historisches Bild zu betrachten.

Und kannst du die Ereignisse inzwischen irgendwie für dich einordnen?

Privat war das für mich ein Bruch. Mir wurde schlagartig klar, dass ich mich auf bestimmte Dinge nicht verlassen kann. Ich wusste schon vorher, dass es schwarze Schafe bei der Polizei gibt. Ich sehe auch ein, dass das eine schwierige Lage für die Polizisten war. Aber dass so massiv vorgegangen wird – etwa bei der Räumung des Camps – hat mich schockiert.

Ich habe da erst begriffen, dass man systematisch Gesetze brechen kann und dafür nicht belangt wird, wenn man Macht hat. Das ist vielleicht naiv, aber ich musste das wohl erst sehen, um es zu wissen.

 

Ein strukturelles Problem

 

Wo ist die Wurzel des Problems?

Das ist ein strukturelles Problem. Es ist keine Entscheidung von einzelnen Polizisten, dass es keine Folgen hat, wenn auf Menschen eingeprügelt wird, die schon am Boden liegen. Es gab damals noch keine Kennzeichnung von Polizisten, eine unabhängige Beschwerdeinstanz gibt es bis heute nicht. Und die Leute, die die Befehle geben, sind verantwortlicher als 20-jährige Polizisten, die die ganze Zeit angespuckt werden und irgendwann ausrasten.

Das entschuldigt nichts, ist aber menschlich nachvollziehbarer, als wenn fragwürdige Räumungsbefehle gegeben werden, obwohl man den Überblick hat und gar nicht physisch in Gefahr ist. Du hast die Ereignisse fiktiv verarbeitet.

Welche Rolle spielt das Narrative bei der Aufarbeitung?

Mir ist aufgefallen: Je weiter die Menschen weg von den Ereignissen waren, umso klarer war ihre Vorstellung davon, wie es gewesen ist. Diejenigen, die mittendrin waren, hatten gar keine Vorstellung, weil es so kompliziert und unübersichtlich war. Man kann immer nur einen Bruchteil sehen.

Manche Entwicklungen lassen sich durch Geschichten besser erfassen als durch Berichte. Ich biete nur eine Geschichte von vielen möglichen an. Deswegen war es mir wichtig, kein Sachbuch zu schreiben, sondern einen Familienroman.

Warum ein Familienroman?

Das kommt aus meiner persönlichen Situation heraus, weil ich in einer Familie lebe. Außerdem ist die Familie tatsächlich auch die kleinste Zelle der Gesellschaft, so klischeehaft das klingt. Darin spiegeln sich Konflikte vereinfacht wider. Und ich wollte ein Bild eines gesellschaftlichen Bruchs zeichnen.

Cover_Seddig_SicherheitszoneWie war das, dich in so unterschiedliche Charaktere hineinzudenken, die teilweise konträr zu deiner Einstellung stehen?

Unterschiedlich schwer. Mich in Jugendliche hineinzuversetzen, fällt mir schwerer, weil ich in dieser Gemeinschaft nicht mehr lebe und gerade Jugendliche sich stark von Erwachsenen abgrenzen durch ihre Sprache und sie sind untereinander ganz anders als vor Erwachsenen. Ich habe deswegen keine Jugendsprache verwendet, dieser Versuch hätte nur scheitern können. +

Natürlich ist es einfacher für mich, mich in Menschen meines Alters hineinzuversetzen, und leichter in Frauen als in Männer. Grundsätzlich kann man sich aber in alle Gedankengänge hineinversetzen, auch in böse. Man hat alle Regungen in sich, wenn man die konsequent weiterverfolgt, dann kann man sich alles denken.

Du sagst, es fällt dir leichter, dich in Frauen hineinzuversetzen als in Männer. Interessanterweise vertritt der Vater im Roman viele der Thesen und Meinungen, die du in deiner Taz-Kolumne vertrittst.

Das liegt vielleicht daran, dass der Vater die Hauptfigur sein musste, falls es überhaupt eine Hauptfigur in dem Roman gibt. Er ist der erste Handelnde, indem er die Familie verlässt. Er ist auch die tragischere und zugleich komischere Figur, weil er viel mehr der Lächerlichkeit preisgegeben wird als die anderen Figuren.

Warum eignet sich der Vater am besten für die Rolle der Hauptfigur?

Ich beobachte in meinem Umfeld, dass feinfühlige Männer meines Alters mit dominanten Vätern aufgewachsen sind. Sie haben größere Schwierigkeiten als Frauen, sich in der heutigen Welt zurechtzufinden – gerade weil sie nicht so sein wollen wie ihre Väter, aber doch noch ungewollt in dieser Welt stecken. Es ist bezeichnend, dass Frauen immer noch mehr im Haushalt machen. Der Mann ist also am besten geeignet für diese Art von ambivalenter Figur.

Außerdem ist es als Mann einfacher, auf komische Art zu scheitern. Männern wird mehr zugestanden, sie können großspurig scheitern. Frauen müssen ihren Weg gehen – wenn sie scheitern, ist das tragisch.

Warum ist das deiner Meinung nach so?

Weil die Frau immer als die Mutter gesehen wird. Wenn sie als Mutter scheitert, ist das tragisch für die Kinder. Wenn der Vater scheitert, gibt es für die Kinder noch die Chance, dass die Mutter gut für sie sorgt. Natürlich gibt es auch Fälle, in denen die Frau schwach ist und die Männer einspringen müssen, aber das sind eher die Ausnahmen.

Dein Blick auf die Menschen ist erst einmal desillusionierend, aber nicht verurteilend. Gehst du so an deine Figuren heran – mit kaltem Blick und Menschenliebe?

So kann man das nennen. Ich muss auf jeden Fall genau sein und darf nichts beschönigen. Gerade wenn man präzise auf einen Menschen blickt, kann man verzeihend sein. Wie man auch mit sich selbst umgehen sollte, so gehe ich mit den Figuren um.

Wie blickst du auf Alexander?

Er ist kein schlechter Mensch. Er ist liebevoll und der Familie zugeneigter als Imke. Er kümmert sich um die Großmutter und hat ein warmes Verhältnis zur Schwester. Er sucht eben nach Orientierung. Sein Problem ist eher, dass er zu wenig Einstellung hat.

 

„In der Schnelligkeit liegt der Teufel, dadurch ist der Blick auf die Welt oberflächlicher“

 

Was andeutungsweise mit einer Grundverunsicherung einhergeht, weil er adoptiert ist. War das eine bewusste Entscheidung von dir?

Ja, schon. Als Komposition in der Familie. Es gibt keine Familie, in der alle Kinder gleich behandelt werden. Aber bei einem Adoptivkind kommt es insofern zu Problemen, als es sich einbilden kann, dass es zurückgesetzt wird. Im Roman wird auch immer wieder angedeutet, dass Alexander dunkler ist, dass er eventuell migrantische Wurzeln hat. Er kann auch als Abbild der Gesellschaft für migrantische Kinder gesehen werden, die nie als ganz angenommen gesehen werden. Das ist ein gesellschaftliches Problem, wie damit umgegangen wird, wenn jemand nicht zu 100 Prozent dazu passt. Bei der Polizei findet Alexander Zugehörigkeit.

Macht die Unübersichtlichkeit dir auch zu schaffen?

Es macht mich fertig. Vor allem die Schnelligkeit der Nachrichten überfordert mich, gerade weil ich genau hinsehen und die Zusammenhänge verstehen will. Man muss aushalten, dass in dem, was man ablehnt, auch richtige und gute Anteile enthalten sein können. Und zugleich muss man immer die eigene Einstellung hinterfragen, weil man in seiner eigenen politischen Position immer auch selbstgefällig ist. Das ist eine große Arbeit, die die Medien nicht leisten könnten. In der Schnelligkeit liegt der Teufel, dadurch ist der Blick auf die Welt oberflächlicher. Die Zersplitterung führt auch zur Handlungsunfähigkeit. Aber auch im Zweifel muss man sich für eine Handlung entscheiden, sonst kann man nicht politisch aktiv sein.

Was glaubst du, wie man in 100 Jahren mit dem Segen der Spätgeborenen auf unsere verunsicherte Gesellschaft blickt?

Ich lese gerade die großen Gesellschaftsromane von Balzac, darin kann man sehen, wie die Menschen im 19. Jahrhundert lebten und dachten. Und wenn man Jane Austen liest und sieht, wie die Menschen in ihren Romanen miteinander umgehen – das sind die gleichen Peinlichkeiten wie heute. Austen ist so originell, weil man zwischendurch vergisst, dass ihre Romane in einer anderen Zeit und Gesellschaftsschicht spielen. Ich glaube, was im Menschen gleich bleibt, sind seine Schwächen. Die sind universell, auch wenn es regionale und zeithistorische Färbungen gibt.

Katrin Seddig: „Sicherheitszone“, Rowohlt Berlin, 464 Seiten
Autorenlesung am 5.9. in der Bücherhalle Elbvororte, 19 Uhr


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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„Il Traditore“: Man stirbt und basta

Regisseur Marco Bellocchio widmet sich in seinem Film „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ den gewaltvollen Auseinandersetzungen der Mafia­organisation und bringt über die Figur des Kronzeugen Tommaso Buscetta die Frage von Schuld und Verrat vor Gericht – und vors Kinopublikum

 

Text: Marco Arellano Gomes

Es gehört schon Finesse dazu, einen Film über den wohl bedeutendsten Kronzeugen gegen die italienische Mafia zu drehen und den Film „Il Traditore“ („Der Verräter“) zu nennen. Denn wer hier eigentlich der Verräter ist, bleibt letztlich eine Frage der Perspektive. Der Film des erfahrenen Regisseurs Marco Bellocchio, 81, dreht sich genau um diese Frage – und selten ist diese im Kino spannender verhandelt worden.

Erzählt wird die Geschichte von Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favino), einem charismatischen und einflussreichen Mafioso aus Palermo, der sich mit seiner dritten Ehefrau Cristina (Maria Fernanda Candido) und den gemeinsamen Kindern nach Brasilien absetzt und seither als „Boss der zwei Welten“ gilt – also diesseits und jenseits des Atlantiks.

Innerhalb der sizilianischen Cosa Nostra gibt es zu dieser Zeit einen Zwist, der blutig ausgetragen wird. Totò Riina (Nicola Calì) und sein Clan, die Corleonese, liquidieren erbarmungslos rivalisierende Clans. Buscetta verliert 14 Verwandte, darunter auch seine beiden Söhne, seinen Bruder, seinen Schwiegersohn, seine Neffen und Vettern. Er wird in Brasilien verhaftet und nach Italien überführt, wo er die Entscheidung trifft, mit dem legendären Richter Giovanni Falcone (Fausto Russo Alesi) zu kooperieren und in einem groß angelegten Gerichtsprozess (Maxi-Prozess) gegen die Cosa Nostra auszusagen. Er bricht damit das eherne Schweigegelübde (omertá) – nicht ohne Folgen.

 

Spannend bis zur letzten Minute

 

Dieser Film kommt ohne große Erzählung, ohne dramatische Zuspitzung, ohne allzu viel Gewalt aus – und ist doch kraftvoll, von einer erhabenen Eleganz und filmischen Virtuosität. Er bleibt spannend bis zur letzten Minute. Diese Spannung entsteht aus Gesprächen, Blicken und den Emotionen, die sich plötzlich und unberechenbar Bahn brechen. Das macht den Film authentisch, unmittelbar, unvorhersehbar. Highlight ist die auf wahren Begebenheiten beruhende Gegenüberstellung von Bruscetta mit seinem ehemaligen Bekannten Pippo Calò (Fabrizio Ferracane), der zwischenzeitlich die Seiten gewechselt hat.

Schon in der allerersten Szene, auf einem Bergschloss in Palermo, ist eine Grundspannung zwischen den Familienclans spürbar. Die Blicke sprechen Bände. Hier brodelt und sprudelt es unter der Fassade des zur Schau gestellten Familienfriedens. Und letztlich findet diese Anspannung ihre Entladung nicht nur über die Läufe der Pistolen und Gewehre, sondern eben auch über das gesprochene Wort im Gerichtssaal. Hier finden die zentralen Stellen des Films statt. Hier wird die Frage nach Verrat und Schuld verhandelt, ohne in Juristerei zu entgleiten. Und hier sitzen auch all die Mafiosi wie Raubtiere in den Käfigen, um dem Treiben vor Gericht zu lauschen und ab und zu lautstark zu fauchen.

Durch Buscettas Geständnisse kam es allein in Italien zu über 360 Schuldsprüchen. Es war der größte Schlag gegen die Mafia. Ein Schlag, der von innen kam, von einem der ihren. Er sei ein Ehrenmann, kein pentito (wie Verräter unter Mitgliedern der Cosa Nostra genannt wurden), versichert Buscetta in einem Gespräch mit Falcone und fragt, wenig später, nachdem den beiden ein Espresso serviert wird, wer von beiden wohl als Erstes dran glauben muss. Falcone antwortet mit melancholischem Blick: „Der Tod ist schon immer um einen. Man stirbt und basta.“ Manchmal – und vielleicht ist das die Quintessenz dieses Films – kann auch das bloße Wort töten und vernichten. Doch gerade das erfordert genauso viel Mut, wie zu den Waffen zu greifen.

 

 

Marco Bellocchio. Mit Pierfrancesco Favino, Fabrizio Ferracane, Fausto Russo Alesi. 153 Min. Ab 13.8.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Einwohnerverein St. Georg: Gegen die Verdrängung

St. Georg ist ein vielfältiger und chaotischer Stadtteil. Während der Ruf nach Ordnung bei vielen lauter wird, kämpft Michael Joho, Vorsitzender des Einwohnervereins, gegen die Verdrängung

Interview und Fotos: Sophia Herzog

 

SZENE HAMBURG: Michael, wie ticken die Menschen in St. Georg?

Michael Joho: Lan­ge Zeit galt St. Georg als besonders bunter und toleranter Stadtteil, bedingt durch die Lage direkt am Hauptbahnhof und der Auseinandersetzung mit den sozialen Problemen hier vor Ort. Letzteres ist immer noch der Fall, allerdings hat durch den Bevölkerungswandel im Viertel auch der Druck zugenommen, St. Georg umzumodeln.

Wie zeigt sich der Wandel im Viertel?

Das Einkommen und die Mietpreise lagen hier jahrelang unter dem Hamburger Durchschnitt. Das ist schon lange nicht mehr so, es sind in den letzten Jahren viele besserverdienende Menschen hergezogen. Mit einem mittleren Einkommen von rund 45.000 Euro im Jahr verdienen die Menschen in St. Georg inzwischen deutlich mehr als der Hamburger Durchschnitt.

Der Mietpreis ist hier so hoch wie in Hoheluft. St. Georg ist dadurch ein Stadtteil geworden, der für viele unbezahlbar ist. Hier am Hansaplatz sind inzwischen rund ein Drittel des Wohnraums Eigentumswohnungen, die vor Jahren günstig erworben wurden und im Wert zwischenzeitig massiv zugelegt haben.

 

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Michael Joho vor seinem Büro

 

Und deren Bewohner wollen in Ruhe ihren Wohnsitz genießen?

Genau. Aber, von den ursprünglichen günstigen Eigentumspreisen mal abgesehen, warum zieht man denn überhaupt in ein Viertel, von dem man weiß, dass es mit den typischen Problemen eines Bahnhofsviertels zu kämpfen hat, und will dann, dass alle Störer sofort verschwinden? Das halte ich allein moralisch für daneben.

Welche Bedeutung hat der Hauptbahnhof denn für St. Georg?

Wenn Menschen in einer Stadt stranden, dann erst mal am Hauptbahnhof. Für Obdachlose oder Drogenabhängige, Menschen, die entwurzelt sind, die einsam sind, ist St. Georg seit Jahrzehnten Heimstatt. Auch Prostitution hat im Hauptbahnhofumfeld natürlich eine lange Tradition.

Der Hauptbahnhof ist nun mal Lebensmittelpunkt für Hunderte, wenn nicht einige Tausend Menschen. Das müssen Stadt- und Bahnhofsmanagement endlich anerkennen – und durch geeignete Maßnahmen flankieren. Und damit meine ich nicht die Verdrängung der Szenen ins benachbarte Wohnquartier St. Georg.

 

Die Welt direkt vor der Haustür

 

Ist das Viertel Abbild einer Zweiklassengesellschaft?

Die hat es hier schon immer gegeben. Aber die Widersprüche und Gegensätze sind größer geworden. Einkommensdurchschnitt und Mieten steigen, aber auch die Armut wird hier größer – und sichtbarer. Was wiederum manches bürgerliche Näschen stört.

Was macht St. Georg für dich trotzdem lebenswert?

Die Vielfalt, die Unterschiedlichkeit. Hier leben viele verschiedene Nationen und Religionen nebeneinander. Ich muss das Viertel nicht verlassen, sondern nur vor meine Haustür treten, um die Welt kennenzulernen oder die Probleme der Welt zu erkennen. Aber ich kann auch Lösungen mitgestalten, um diese Probleme anzugehen. Ganz zentral sind für mich auch die Menschen, die sich im Viertel engagieren und nicht verdrängen lassen.

Und davon gibt es in St. Georg einige …

Ja, es gibt hier schon überdurchschnittlich viele Menschen, die sich engagieren. Das kommt mir entgegen, ich habe hier sozusagen Brüder und Schwestern im Geiste gefunden. Im Kreis der Menschen, die sich sehr für das Viertel einsetzen, gibt es ein ungeschriebenes Gesetz. Wenn einer wegziehen muss, weil er mehr Platz braucht oder die Miete nicht mehr stemmen kann, dann gibt es viel gegenseitige Unterstützung, auch dahin, vielleicht doch noch eine bedarfsgerechte, bezahlbare Wohnung zu bekommen.

Wenn nichts hilft, muss eben der Umzug mitorganisiert werden. Diese Art von Zusammenhalt ist ein wichtiges Motiv, das Leben im Bahnhofsviertel nicht nur zu ertragen und zu erdulden, sondern es auch menschengerecht zu beeinflussen und zu gestalten.

 

„Wir sind gegen die Verdrängung“

 

Setzt sich dafür auch der Einwohnerverein ein?

Seit der Gründung 1987 stehen wir dafür ein, das Neben­- und Miteinander zu organisieren. Das ist aber mit der Aufwertung des Viertels zunehmend schwerer geworden. In den 90er Jahren fuhr die Politik ein Konzept, nachdem der Hauptbahnhof aufgeräumt und zur „Visitenkarte Hamburgs“ gemacht werden sollte.

Das heißt was?

Hier kommen täglich Hunderttausende Leute an und stolpern dann hier und da erst mal über Bettler oder drogenabhängige Menschen. Der Begriff der Visitenkarte wird zwar nicht mehr so häufig verwendet, das Prinzip wird aber immer noch verfolgt.

St. Georg soll heute und in Zukunft schickisiert werden. Wir sind gegen die Verdrängung, und möchten auch den Menschen, denen es schlecht geht, die ausgegrenzt und benachteiligt sind, einen Anlaufpunkt und Aufenthaltsort bieten. Auch im Hauptbahnhofviertel.

Das Stichwort Verdrängung fällt häufig bei der Diskussion um den Hansaplatz, der als besondere Problemzone im Viertel gilt. Jetzt installiert die Polizei dort 22 Kameras. Ist das der richtige Ansatz?

Nein, natürlich nicht. In der Politik und unter einigen Anwohnern herrscht der Glaube, dass mit den Kameras die Probleme vor Ort einfach verschwinden. Das ist Quatsch. Ein Drogenabhängiger verzichtet nicht auf seinen Schuss, nur weil auf dem Hansaplatz jetzt Kameras installiert sind. Der geht dann einfach ein, zwei Straßen weiter. Probleme wie Prostitution, Drogen und Ruhestörung lösen sich dadurch nicht, die werden, wenn überhaupt, nur verlagert.

 

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Kameras sollen neuerdings auf dem Hansaplatz für Ordnung sorgen

 

Videodatenspeicherung ist bei vielen Hamburgern sowieso ein wunder Punkt, seitdem sich Politik und Polizei weigern, den biometrische Datenabgleich mit dem G20-Material zu unterlassen …

Ja, Datenschutz ist auch ein großer Kritikpunkt. Niemand weiß, wo die Daten landen. Bei einigen Anwohnern steht der Pfosten mit der Kamera außerdem direkt vor den Wohnungsfenstern. Die Bilder in Richtung der Wohnhäuser sollen zwar verpixelt werden, ein mulmiges Gefühl hinterlässt das trotzdem.

Statt Überwachung und Verdrängung wären soziale Maßnahmen, das Schaffen einer Anlaufstelle für junge Geflüchtete zum Beispiel, viel sinnvoller. Klar, das braucht Geld. Aber die Kameras und ihr Betreibung kosten auch eine Million.

Die Polizei fährt hier stündlich Streife und ist auch zu Fuß unterwegs. Was macht diese Präsenz mit dem Stadtteil?

Schaut man nach St. Pauli oder in die Schanze, gibt es dort eine sehr polizeikritische Grundhaltung. Das ist in St. Georg in größeren Teilen der Bevölkerung anders. Den meisten gibt die Polizeipräsenz ein subjektives Sicherheitsgefühl. Doch eine erhöhte Kontrolle wie der Einsatz von noch mehr Beamten, oder erst recht durch eine Videoobservierung, ist höchst fragwürdig.

Wir haben hier in St. Georg bereits die höchste Polizistendichte Europas, und das schon seit den 90er Jahren. Statt diese noch weiter zu erhöhen, ist Ursachenbekämpfung, also zum Beispiel das Schaffen von Wohnraum für Obdachlose, viel nötiger und nachhaltiger. Um die sozialen Probleme zu lösen, brauchen wir alternative Konzepte.

Lässt sich das an einem Beispiel vertiefen?

Wir vom Einwohnerverein fordern zum Beispiel schon seit Jahr und Tag eine Anlaufstelle für junge Geflüchtete, um sie aufzufangen und ihnen Beschäftigungsmöglichkeiten zu geben. Sie halten sich am Hansaplatz und am Hauptbahnhof vermehrt auf, weil sie hier ihre Leute treffen. Was sollen sie auch sonst mit ihrer Zeit anfangen? Sie leben teilweise in unzureichenden Unterkünften, dürfen nicht arbeiten.

Anlaufstellen wie diese brauchen wir für jede an den Rand gedrängte Gruppe. Dinge, die wir hier anpacken können, lösen zwar nicht die großen Probleme unserer Zeit, aber sie tragen zur Entschärfung bei.

Einwohnerverein St. Georg: Hansaplatz 9


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
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