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„Ich suche die Wahrheit“

Der neue Fatih Akin-Film „Rheingold“ feierte auf dem 30. Filmfest Hamburg seine Weltpremiere. Mit SZENE HAMBURG traf sich der Hamburger Regisseur gemeinsam mit Hauptdarsteller Emilio Sakraya zu einem exklusiven Vorgespräch über den Gangster-Rapper Xatar, die eigene Herkunft und Hamburg als Drehort

Interview: Marco Arellano Gomes 

 

SZENE HAMBURG: Fatih, dein neuer Film „Rheingold“ feiert auf dem 30. Filmfest Hamburg seine Weltpremiere. Wann kam dir die Idee, die Geschichte des Gangster-Rappers Xatar alias Giwar Hajabi zu verfilmen?

Interview mit Fatih Akin und Emilio Sakraya_7919_©Jérome Gerull

SZENE HAMBURG im Gespräch mit Regisseur Fatih Akin (Foto: Jérome Gerull)

Fatih Akin: Die Idee kam mir, nachdem ich seine Autobiografie gelesen hatte. Das Leben, das er gelebt hat, ist einmalig. Die ersten Sätze in seiner Biografie lauten: „Die ersten Erinnerungen meines Lebens sind Erinnerungen an den Knast.“ Das ist erst mal ein Satz! Wenn du dir das visualisierst, spürst du direkt die Kraft, die hinter seiner Lebensgeschichte steckt.

Fatih Akin: Der Geschichtenerzähler

Was hat dich an dem Stoff am meisten fasziniert?

Akin: Als ich seine Lebensgeschichte entdeckte, dachte ich: „Okay das ist mal ein Narrativ! Das würde ich gern verfilmen.“ Ich meine, der Typ wurde während der Bombardierung kurdischer Freiheitskämpfer in einer Höhle geboren, dann floh er mit seiner Familie über Irak und Paris bis nach Bonn. Als Jugendlicher wird er kriminell, um zu Geld zu kommen – bis hin zum spektakulären Goldraub und der legendären Aufnahme seiner Platte „Nr. 415“ im Gefängnis. Das ist ein einmaliges, episches Leben. Ich bin Geschichtenerzähler und daher immer auf der Suche nach so was. Das Leben schreibt nun mal die besten Geschichten.

Man muss sich also nicht für Rap interessieren, um sich „Rheingold“ anzusehen?

Akin: Ich habe mich nicht für Deutsch-Rap interessiert, aber für Xatars Leben. Das Konzept war immer, dass der Film auch für Ü-60 funktioniert, Alter! (lacht)

„Wir sind an dem Punkt, an dem Känäks Teil der deutschen Mythologie sind“

Mit dem Titel „Rheingold“ wird auf eine der großen deutschen Mythen verwiesen. Was hat es damit auf sich?

Akin: Die Idee kam mir bei einem Besuch bei G (Giwar, Anm. der Red.). Wir sind durch Bad Godesberg gecruist, dem reichen Teil von Bonn. Er zeigte mir, wo er zur Schule ging und den ganzen Shit: Drachenfels und so weiter – der Ort, wo die Nibelungen herkommen. Die Parallele ist klar: Das Gold von Xatars Raub ist wie das der Nibelungen nie gefunden worden. Gleichzeitig gibt es im Mythos das Motiv, dass das Gold unsterblich macht und Ruhm gibt. Das trifft auf den Erfolg mit Musik auch zu. Wir sind an dem Punkt, an dem Känäks Teil der deutschen Mythologie sind.

Hat Xatar den Film bereits gesehen?

Akin: Ja. Es hat ihn sehr beeindruckt und emotional ergriffen. Er hat nie gesagt: „Ey, das möchte ich aber nicht, und das möchte ich nicht.“ Nichts! Er hat uns vertraut und sich fallen lassen, als wäre das eine Therapiesitzung – so fühlte es sich jedenfalls an. Das ist ja auch eine Nummer: Das Leben von jemanden zu verfilmen, der noch lebt und dann daneben sitzt und sich den Film anschaut.

Die wichtige Rolle der Musik 

Im Film spielt Musik eine große Rolle. Wann machst du dir im Prozess des Filmemachens um den Einsatz der Musik Gedanken – und war es bei diesem Film anders?

Akin: Der Film beginnt mit einem kurdischen Klagelied aus dem Morgenland, der Wiege der Zivilisation und der Musik in Mesopotamien und endet mit Wagner als Höhepunkt der abendländischen, klassischen Musik. Die Reise von Ost nach West ist auch eine musikalische. Gleichzeitig war es die Gelegenheit, die Entwicklung des Deutsch-Rap und des Gangster-Rap filmisch ein wenig zu verarbeiten. Auch die Musik des Vaters von Xatar spielt eine Rolle, der mit seinen Kompositionen Ost und West verbindet. Der Film ist also auch eine musikalische Archäologie.

Als du das Drehbuch geschrieben hast, hattest du da schon Emilio als Hauptdarsteller vor Augen?

Akin: Emilio kam früh ins Game. Dabei dachte ich, dass es sehr schwer sein würde, Xatar zu besetzen. Das ist ja ein Brocken. Ich dachte: „Wie mache ich das denn, Alter!“ Der Typ hat ja nicht nur eine unique Story, er sieht ja auch unique aus und hat diese Wahnsinnspräsenz. Bei der Recherche fürs Casting habe ich dann „4 Blocks“ geguckt. Ich hatte die Serie noch nicht gesehen. Da sah ich Emilio als hübschen Kleindealer, der abgezockt wird, also eigentlich eine schwächere Figur. Aber er hatte eine Präsenz, die mich umgehauen hatte …

… und in dem Moment wusstest du, dass er der Richtige ist?

Akin: Ich hatte mir bloß notiert, dass ich irgendwann mal mit dem Typen arbeiten wollte. Meine Frau Monique ist für den Cast zuständig – und eines Tages brachte sie mir eine Liste mit fünf, sechs Namen von Schauspielern, einer war Emilio. Da sagte ich zu ihr: „Monique, ist das dein Ernst? Der sieht doch viel zu … gut aus!“ (lacht)

Next-Generation-Schauspieler: Emilio Sakraya

Was überzeugte dich dann?

Akin: Irgendwann stand die Frage im Raum, ob man den Film eher dokumentarisch oder glamourös machen möchte – so wie bei „Gomorrha“ von Matteo Garrone, mit Typen, die Haare auf dem Rücken haben, oder so wie bei „GoodFellas“ von Martin Scorsese, mit eleganten Schauspielern wie Robert De Niro, Joe Pesci und Ray Liotta. Ich entschied mich für Großmeister Scorsese. Also rief ich Emilio an. Gleich beim ersten Casting überzeugte er uns mit Wucht.

Wie würdest du Emilio als Schauspieler beschreiben?

Akin: Emilio ist ein Next-Generation-Schauspieler. Das sind nicht so faule Säcke wie die Darsteller in den 1990ern und 2000ern. Das sind Arbeiter, richtige Macher. Die stürzen sich richtig rein und lernen, sich zu bewegen, trainieren sich Muskeln an und all so ein Shit.

„Ich bin nicht nur der Pferde-Junge von ‘Bibi und Tina’“

Emilio, was war deine erste Reaktion, als du wusstest, dass Fatih Akin dich besetzen möchte? 

Emilio Sakraya, Schauspieler und Musiker-8032_0002

Emilio Sakraya, Schauspieler und Musiker (Foto: Jérome Gerull)

Emilio Sakraya: Ich habe mich total gefreut und war unfassbar aufgeregt. Ich wollte schon immer etwas spielen, wo ich mich reinschmeißen, mich physisch verändern und aus meiner Komfortzone rauskommen muss. Ein Film, mit dem ich allen Leuten zeigen kann, dass ich nicht nur der Pferde-Junge von „Bibi und Tina“ bin. Das braucht man als Schauspieler einfach: eine Vision, ein nächstes Ziel, die nächste Figur.

Wie hast du dich auf die Rolle vorbereitet?

Sakraya: Ich habe sofort angefangen zu essen und zu trainieren, um Muskeln aufzubauen und schaute mir die ganzen Sachen von G an. Ich verbrachte viel Zeit mit G. Fatih und G kannten sich schon, als ich ihn zum ersten Mal in Köln kennenlernte. Noch am gleichen Abend verbrachte ich vier bis fünf Stunden mit ihm. Von da an fühlte ich mich wie sein persönlicher Assistent. Ich habe ihm viele Fragen gestellt. Ich war die ganze Zeit bei ihm. Es war spannend, ihn zu beobachten. Er ist eine unglaublich interessante Person. Sein Gang war auch immer anders: Er läuft in Bonn anders als in Köln, drinnen anders als draußen.

„Angst hatte ich nicht, aber Respekt“

Gab es auch einen Moment, in dem du Angst vor dem eigenen Mut hattest?

Sakraya: Angst hatte ich nicht, aber Respekt. Der Film behandelt ja etwas viel Größeres als nur einen Menschen. Es geht darin auch um die Themen Migration und Integration. Der Film handelt von jemandem, der klug und musikalisch ist, dem aber nicht erlaubt wird, das auszuleben, weil er nicht deutsch ist. Es wird viele Leute geben, die sich in dieser Figur wiedererkennen werden.

Fiel es dir schwer, dich in diese Welt hineinzudenken?

Sakraya: Was mir in die Karten spielte, war, dass ich die Straße auch ein wenig kenne. Nicht so krass wie im Falle von G, aber es gibt Parallelen. Ich bin auch als Migrant großgeworden und habe mich durchgekämpft.

Fatih, wie wichtig ist es dir, dass es solche Parallelen zwischen Darsteller und Rolle gibt?

Akin: Es hilft. Ich hatte, bevor ich Emilio kennengelernt habe, ein Youtube-Video mit ihm gesehen. Ich kannte ihn ja nicht. Er labert da mit irgendwelchen Leuten und hängt auf der Straße ab. Da sah ich das erste Mal, dass er auch street ist.

„Irgendwann ist man nicht mehr auf der Street“

Würdest du dich denn noch als street beschreiben?

Akin: Irgendwann ist man nicht mehr auf der street. Ich habe eine Frau, ich habe zwei Kinder, ich habe einen Hund, ich habe zwei Firmen, aber ich fahre noch immer S-Bahn. Ich bin mit Jugendgangs aufgewachsen. Meine Eltern lebten im Eckernförder Straße-Ghetto. Das ist etwas ganz anderes als das, was Xatar kannte. Aber die Basic, dass die Straße ein anderes Narrativ hat als das Grundgesetz, kenne ich. Der Film war eine gewisse Rückbesinnung, da er wieder mit Känäks zu tun hat. Und ich merke, dass ich nach wie vor mit denen voll klarkomme.

Hatte Xatar deshalb Respekt vor dir?

Akin: Für Gangster-Rapper ist Erfolg wichtig. Ich komme zwar aus der Filmkunst-Welt, aber dennoch bin ich in deren Augen erfolgreich. Deswegen bin ich auch in deren Hood respected.

Emilio, stimmt es, dass Xatar dir die Glatze für die Rolle persönlich rasiert hat?

RHEINGOLD_Making of_©Warner Bros Germany

Making of „Rheingold“ (Foto: Warner Bros Germany)

Sakraya: Ja, das stimmt. Die erste Glatze in meinem Leben hat sich komisch angefühlt. (lacht) Aber es war wie der letzte Ritterschlag, die finale Verwandlung. Wenn ich in den Spiegel schaue und die Figur visuell sehe, hilft das ungemein. Dann fühle ich, wer diese Figur ist. Der erste Drehtag mit Glatze war der im Puff mit Schwesta Ewa. Da habe ich diesen langen Ledermantel an, den Bart im Gesicht und die Glatze … Akin: … Du sahst aus wie Samuel L. Jackson in „Shaft“, Alter! Sakraya: Das war schon ein geiles Gefühl!

Emilio, wie würdest du die Zusammenarbeit mit Fatih Akin beschreiben?

Sakraya: Für mich war es die Art, wie man Filme machen muss und sollte – das ist mit nichts zu vergleichen, was ich bisher gemacht habe.

Worin liegt der Unterschied?

Sakraya: Ich habe selten einen Film gedreht, bei dem es so sehr um den Film geht wie mit Fatih. Für alles wird sich Zeit genommen. Fatih kam jeden Morgen mit kleinen Zetteln in die Maske und erklärte, worum es für ihn in der jeweiligen Szene geht. Er ist immer offen für Ideen und Vorschläge – egal, von wem die kommen. Es geht ihm immer darum, das Beste für den Film rauszuholen. Das erlebt man selten. Ich würde ja gerne noch mal mit ihm zusammenarbeiten, aber er will ja nicht. Akin: Ey, das stimmt gar nicht. (lacht)

„Je älter ich werde, desto unsicherer werde ich“

Fatih, in einem Interview in der SZENE HAMBURG beschrieb dich Moritz Bleibtreu mit den Worten: „Fatih hat diesen absoluten Willen zur Wahrhaftigkeit – und wenn er sich dafür prügeln muss.“ Fühlst du dich damit gut beschrieben?

Akin: Je älter ich werde, desto unsicherer werde ich. Früher, in der guten alten Zeit reichten mir ein, zwei Takes (klatscht in die Hände) – und ab zum nächsten Set-up. Heute mache ich mehr Takes, weil ich auf der Suche nach etwas bin. Ich glaube, ich suche die Wahrheit. Ich weiß, das ist ein bescheuertes Wort. Wie hat Rainer Werner Fassbinder gesagt: „Film ist Lüge, 24 mal pro Sekunde.“ Vielleicht enthält das 25. Bild aber die Wahrheit. Filmen ist für mich irgendwie die Suche nach dieser Wahrheit.

Steht einem irgendwann auch die eigene Erfahrung im Wege?

Akin: Je mehr man weiß, desto weniger weiß man! Die eigene Sicht auf Film ändert sich permanent. Und jede Änderung erzeugt auch Zweifel.

Wenn man sich deine Karriere anschaut, dann gab es eigentlich nur mit „The Cut“ einen kommerziellen Misserfolg. Braucht es solche Dämpfer, um sich selbst neu zu erfinden?

Akin: Man erfindet sich mit jedem Film neu. Ich bin mit „The Cut“ im Reinen – der Film ist cool. Aber klar: Ich habe seither auch ein wenig gezweifelt. Und ja, ich musste auch die Richtung ein wenig ändern. „The Cut“ war vielleicht der Endpunkt des reinen Filmemachers – so fand ich in mir auch den Regisseur, der mal einen Film als Auftragsarbeit dreht, für den es bereits ein Drehbuch gibt.

Du hast als Regisseur mit deinen Filmen oft den Zeitgeist getroffen. Bei „Gegen die Wand“ war dies der Fall, bei „Soul Kitchen“, bei „The Cut“ und bei „Aus dem Nichts“. Was sagt dir dein Gefühl bei „Rheingold“?

Akin: Keine Ahnung. Vielleicht ist die Zeit gerade etwas gekrümmt. Kann auch sein, dass der Film als anachronistisch betrachtet wird, weil es eine patriarchale Welt beschreibt. Ich wache jedenfalls nicht morgens auf und denke darüber nach, was den Zeitgeist treffen könnte. Das hat viel mit Glück zu tun.

„Ich mache gerne Filme über amoralische Leute“

In deinen Filmen wird oft auch körperliche Gewalt gezeigt. Stehen diese Kämpfe für dich stellvertretend für das Leben oder ist es einfach ein effektives filmisches Erzählmittel?

Akin: Ich mache gerne Filme über amoralische Leute – schon seit „Kurz und schmerzlos“. Ich habe Film immer als ein Mittel der Erforschung des Menschen gesehen. Das ist meine Form von Anthropologie. Es ist natürlich visueller, wenn jemand einem anderen aufs Maul haut, als wenn alles ausdiskutiert wird. In „Rheingold“ gibt es eine Figur, die Xatar trainiert, um auf der Straße zu überleben. Das ist kein Schauspieler. Das ist der Bodyguard von Xatar. Der war früher Türsteher. Das ist ein echt harter Hund. Den habe ich ausgefragt: Warum machst du das? Und wie machst du das? Und er: „Ich hau dem auf die Nase oder breche ihm den Daumen.“ Und ich sagte nur: „Erzähl das im Film, erzähl das im Film.“

Im Film gibt er die perfekte Anleitung zum Straßenkampf …

Akin: … voll! Ich habe ihn gefragt: „Wie schaffst du es, kein Mitleid zu haben?“ Ich kann niemanden verprügeln. Irgendwann setzt bei mir das Gefühl von Mitleid ein. Und was hat er gesagt? Akin: Er sagte: „Es geht am Ende darum: Er oder ich! Deswegen muss ich den ersten Schlag machen, deswegen muss ich ihn auseinandernehmen, deswegen muss ich ihn so aufs Maul hauen, dass er mir nichts antun kann.“ Und ich dachte nur: „Wow! Das ist mal eine Ansage.“ Ich versuche das alles zu verstehen.

„Gewalt ist einfacher als Sex“

Gewalt funktioniert in der Unterhaltungsindustrie ähnlich gut wie Sex. Sex scheint in Filmen aber zunehmend eine geringere Rolle zu spielen. Woran liegt das?

Akin: Sexszenen sind auch wirklich schwierig. Wir haben eine derart sexualisierte Welt, dass ich meist versuche, die Dinge auf einer anderen Ebene zu erzählen. Ich mache gerade eine Serie über Marlene Dietrich, da geht es viel um Sex. Da ist Sex Mittel zum Zweck, ein reines Werkzeug. Da braucht es diese Szenen, um die Handlung voranzubringen. Gewalt ist einfacher als Sex. Aber das bitte nicht als Überschrift wählen. (alle lachen)

Hamburg: Der beste Drehort Deutschlands

„Rheingold“ ist in Teilen in Hamburg gedreht worden: Was bedeutet es für dich in Hamburg zu drehen?

Akin: Ich habe in Berlin, NRW, Baden-Württemberg und in Hamburg gedreht. Und ich kann ganz objektiv sagen – und das nicht, weil ich Hamburger bin –, dass Hamburg der beste Ort zum Drehen in Deutschland ist.

Woran liegt das? Akin: Hamburg ist wie ein Studio. Ich kann eigentlich mehr oder weniger in jeder Straße drehen. Du kannst in Hamburg in Ruhe und für preiswertes Geld drehen. Es ist pragmatischer, effektiver und kostengünstiger.

Wirst du irgendwann wieder einen richtigen Hamburg-Film drehen, oder bist du damit vorerst durch?

Akin: Ja, natürlich. Damit bin ich nicht durch! Das ist ja auch irgendwie ein Marketing-Tool, wie Woody Allen und New York oder Tom Tykwer und Berlin. Ich kenne die Stadt. Ich habe bereits die eine oder andere Geschichte in Vorbereitung. Zum Beispiel würde ich wahnsinnig gern etwas übers Cuneo machen. Da gibt’s schon Pläne, vielleicht eine Serie.

„Rheingold“  läuft ab dem 27. Oktober 2022 in den Kinos

 

Hier gibt’s den Trailer zum Film:

 


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Max Frisch fragt … Bjarne Mädel

Autoren der Gegenwart antworten auf den berühmten Fragebogen von Max Frisch. Dieses Mal antwortet der Schauspieler Bjarne Mädel. Am 7. April 2022 um 20 Uhr liest er im Schauspielhaus aus Sven Strickers „Sörensen am Ende der Welt“. Für die Verfilmung des ersten Teils der Sörensen-Reihe, „Sörensen hat Angst“, übernahm Mädel Regie und Hauptrolle.

Welche Erfahrungen, die Sie unter Alkohol gemacht haben, möchten Sie keinesfalls missen?

Den Salto damals und mit geschlossenen Augen Motorrad fahren, aber ich kann mich nur dunkel erinnern …

Irritieren Sie die Leute, die nichts trinken?

Mich irritieren eher die Leute, die trinken und nicht merken, dass sie keinen Alkohol vertragen und dann Dinge tun, an die sie sich später nicht erinnern können.

Möchten Sie lieber mit Bewusstsein sterben oder überrascht werden von einem fallenden Ziegel, von einem Herzschlag, von einer Explosion usw.?

Sollte ich schmerzvoll sterben, gern schnell und ohne Vorankündigung. Sollte ich das große Glück haben, friedlich zu gehen, dann stelle ich mir das Ableben vor, wie das Einschlafen nach einem extrem langen und anstrengenden Tag, das kann dann in Ruhe zwei Minuten dauern … und gern mit Applaus.

Wissen Sie, was Sie brauchen?

Oft. Mehr Zeit.

Wenn Sie spüren, dass Ihnen jemand mit Antipathie begegnet: was gelingt Ihnen dann eher, Witz oder Humor?

Bei grundloser Antipathie bin ich ratlos und mir fehlt der Humor. Ich erlebe das zum Glück sehr sehr selten. Ich nehme das dann aber auch nicht persönlich, da bei den Hassern dann ja oft große Mengen Alkohol im Spiel sind.

Was ertragen Sie nur mit Humor?

Interview-Fragebögen im Speziellen und das Leben im Allgemeinen.

Bjarne Mädel liest am 7. April 2022 um 20 Uhr im Schauspielhaus aus Sven Strickers „Sörensen am Ende der Welt“

Max Frisch: „Fragebogen. Erweiterte Ausgabe“, Suhrkamp, 127 Seiten, 10 Euro


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Volker Lechtenbrink ist gestorben – ein Nachruf

Mit ihm verliert Hamburg einen seiner beliebtesten Schauspieler – er wollte einfach nur spielen

Text: Felix Willeke

 

Eines Tages beim Schlachter Striga in der Alsterdorfer Straße: Drei Damen stehen in der Schlange und der Schlachter sagt: „Meine Damen, sie sind dran“, „ne, ne, danke“, entgegnen diese, „wir warten noch ein bisschen, bis Herr Lechtenbrink bestellt hat, wir hören seine Stimme so gern.“ Kaum eine Anekdote wie diese, die Volker Lechtenbrink 2018 in der NDR-Talkshow „3nach9“ erzählte, beschreibt den Schauspieler so gut. Volker Lechtenbrink ist am 22. November 2021 im Alter von 77 Jahren im Kreise seiner Familie verstorben.

 

Theater, Film und Musik

 

Volker Lechtenbrink in „Der Hauptmann von Köpenick“ 2010 am Ernst Deutsch Theater (Foto: Oliver Fantitsch)

Volker Lechtenbrink in „Der Hauptmann von Köpenick“ 2010 am Ernst Deutsch Theater (Foto: Oliver Fantitsch)

Das Multitalent, das nur „spielen“ wollte, wie er selbst einmal sagte, wuchs in Hamburg auf und besuchte die Gelehrtenschule des Johanneums. Mit nur 14 Jahren feierte er als Schauspieler 1959 in dem Film „Die Brücke“ unter der Regie von Bernhard Wicki, seinen Durchbruch. Es folgte eine Schauspielausbildung an der Hochschule für Bildende Künste und am Hamburger Schauspielstudio Freese.
Danach hatte Lechtenbrink Engagements an Theatern in Hannover, Köln, Berlin, München und Hamburg. Er trat auch immer wieder in Fernsehserien auf, darunter „Derrick“, „Ein Fall für zwei“ oder in den Verfilmungen der „Rosamunde Pilcher“- und „Inga Lindström“-Reihen. Dazu lieh er vielen großen Schauspielern seine Stimme, beispielsweise als deutsche Synchronstimme für Kris Kristofferson und Burt Reynolds. Neben Theater und Film war das Multitalent Lechtenbrink auch als Musiker erfolgreich, er schrieb Lieder für Peter Maffay und veröffentlichte selbst über zehn Alben.

 

Hamburg als Heimat

 

Seine Liebe gehörte aber immer seiner Hamburger Heimat und dessen Theater. „Besonders die Hamburger Bühnen verdanken ihm unvergessliche Abende“, sagte Kultursenator Dr. Carsten Brosda. Verbunden war Lechtenbrink insbesondere dem Ernst Deutsch Theater. Hier arbeitete er immer wieder als Schauspieler und Regisseur. Von 2004 bis 2006 übernahm er sogar die Intendanz des Hauses. Carsten Brosda zitiert als Abschiedsgruß auf Twitter einige Zeilen aus Lechtenbrinks erfolgreichstem Lied „Ich mag“: „Ich mag Bilder von Margitte / Schwimmen ohne mit / Barfuß gehen durchs Watt / Hamburg, meine Stadt / All das mag ich und ganz doll dich.“


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„Eine Figur, wie ich sie noch nie gespielt habe“

Als Titelfigur in „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ nach dem Roman von Thomas Mann wird der Schweizer Schauspieler Flavio Kiener am Altonaer Theater zum Spiegel einer Gesellschaft, die betrogen werden möchte

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Im September ist die neue Verfilmung der Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ im Kino angelaufen, und nun kommt der Stoff auf die Bühne des Altonaer Theaters. Dabei reicht die Tradition der Schelmenfiguren von Till Eulenspiegel bis zu dem realen Hochstapler Frank Abagnale, den Leonardo Di Caprio 2002 in der Spielberg-Komödie „Catch Me If You Can“ verkörperte. Worin besteht der Reiz dieser Figuren, die andere Menschen austricksen und hinters Licht führen?

Flavio Kiener: Führt Felix Krull wirklich andere Menschen hinters Licht? Auch der Begriff Hochstapler klingt für mich zu negativ. Felix will nur aus seiner Welt, seinen engen Familienstrukturen ausbrechen. Er fühlt sich dort nicht zugehörig und zu etwas Besserem erwählt. Er reitet dann auf einer Welle von Begebenheiten und Möglichkeiten, die von außen an ihn herangetragen werden. Andere Menschen kommen auf ihn zu, weil sie etwas von ihm wollen und nicht umgekehrt. Felix nutzt die Gelegenheiten für sich aus, richtet dabei aber keinen großen Schaden an. Daher ist er für mich eine sympathische Figur.

Demnach ist Felix ein Spiegel der Gesellschaft, indem er zum Erfüllungsgehilfen dessen wird, was die anderen sich wünschen?

Er ist eine Projektionsfläche für das, was andere in ihm sehen. Oder wie sie durch ihn sich selber sehen. Man kann ihn fast beneiden: Er tritt auf, und sofort sind alle von ihm angetan. Da gibt es ein Verlangen nach körperlicher Nähe, aber auch emotionalem und intellektuellem Austausch.

 

Felix Krull, fast ein Schauspieler im realen Leben

 

Ist Krull ein Schauspieler im realen Leben?

Er beobachtet, wie die Menschen sich in höheren Gesellschaftsschichten verhalten, und übernimmt zunächst eine Rolle. Danach verwandelt er sich aber in neue Person und wechselt seine Identität. Darin besteht ein Unterschied zu dem, was wir als Darsteller tun, nämlich bloße Behauptungen aufstellen.

Ist es nicht ein urmenschliches Verlangen, einmal jemand anders sein zu wollen?

Als Schauspieler ganz bestimmt. Aber all die Erfahrungen, die man gesammelt hat und die einen ausmachen, legt man dabei nicht einfach ab. Krull versucht zwar, das alte Ich, das „ungültige Dasein“, wie er es nennt, abzulegen, merkt aber, dass es schwierig ist, nur noch als Marquis durch die Welt zu ziehen.

 

Der Wunsch auszubrechen

 

„Sein Inneres wird ausgewaschen und gefüllt neu gefüllt“ sagt Flavio Kiener über Felix Krull (Foto: Oliver Betke)

„Sein Inneres wird ausgewaschen und gefüllt neu gefüllt“ sagt Flavio Kiener über Felix Krull (Foto: Oliver Betke)

Wenn Felix nur das ist, was die anderen aus ihm machen, ist er doch eigentlich eine tragische Figur, die niemals zu sich selbst findet …

Total. Wenn Felix denkt, dass er etwas Besseres ist, heißt das ja auch, dass er in seinem alten Leben keinen Anschluss findet. Er hat keine Freunde, keine emotionale Bindung an die Familie. Deshalb ist sein Wunsch auszubrechen so groß. Aber nie das sein zu können, was man wirklich ist – das ist natürlich furchtbar tragisch.

Ist dieses Gefühl nicht sehr zeitgemäß? Leben wir nicht in einem Zeitalter, wo Identitäten infrage gestellt werden und die Selbstdarstellung eine große Rolle spielt?

Auf jeden Fall. So gesehen ist das eine sehr moderne Geschichte. Auch klassische Rollenverhältnisse werden von Thomas Mann infrage gestellt, etwa wenn die wesentlich ältere Madame Houpflé den jungen Felix verführt.

Kann man da nicht schon von Prostitution sprechen, wenn Felix als Liftboy gegen Bezahlung mit weiblichen Gästen des Nobelhotels ins Bett geht?

Das ist eine der Szenen, die häufig auf unserem Probenplan stehen, weil wir noch herausfinden wollen, wie viel Lust dabei von Felix’ Seite mit im Spiel ist. Warum lässt er sich auf eine solche Sache ein – wobei er ja auch seine Grenzen kennt?

 

Eine außergewöhnliche Umsetzung

 

Wie geht ihr damit um, dass der Stoff ursprünglich kein dialogisches Theaterstück, sondern ein Roman ist?

Wir spielen eine Theaterfassung von John von Düffel. Am Anfang wird viel im Rückblick erzählt, aber je weiter das Stück fortschreitet, desto dialogischer wird es. Felix zieht ja ständig das Begehren der anderen auf sich. Da ist das Spiel der anderen dann die treibende Kraft.

Treibende Kraft in Georg Münzels Inszenierung sind ja auch oft die schnellen Schnitte beziehungsweise Szenenwechsel, wie in „Absolute Giganten“, wo du den Floyd gespielt hast. Können wir bei „Felix Krull“ Ähnliches erwarten?

Zum Teil. Es wird auf jeden Fall eine außergewöhnliche Umsetzung. Wir spielen viele Szenen in unterschiedlich großen Bilderrahmen, wobei sich das Spiel dann überbordend aus den Rahmen herausbewegt. Auch die Kostüme sind sehr besonders …

Auf den ersten Blick wirkt der Roman „Felix Krull“ viel weniger komplex als vieles was Thomas Mann zu Papier gebracht hat. Man denke an den „Zauberberg“ oder den „Doktor Faustus“. Warum hat er sich trotzdem ein Leben lang mit diesem Stoff beschäftigt?

In diesem Roman steckt viel Autobiografisches. Ich glaube, dass Mann bis an sein Lebensende nach seiner eigenen Identität gesucht und sich immer wieder die Frage gestellt hat, wie viel er von seiner Homosexualität ausleben darf. Spannend wäre zu wissen, wie die Geschichte weitergehen sollte. Der Roman ist ja Fragment geblieben.

Das heißt, von Düffel hat das Ende ebenfalls offengelassen?

Bei ihm wird es zum Ende hin sehr anarchisch und chaotisch. Das übernehmen wir. Aber es gibt noch Spielraum für ein konkretes Ende.

 

„Sein Inneres wird ausgewaschen und neu gefüllt“

 

Noch bis zum 27. November ist „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ am Altonaer Theater zu sehen (Foto: G2 Baraniak)

Noch bis zum 27. November ist „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ am Altonaer Theater zu sehen (Foto: G2 Baraniak)

Was reizt dich persönlich an der Rolle des Krull?

Das ist eine Figur, wie ich sie noch nie gespielt habe und die man sich durch ein sehr feines Spiel erschließen muss. Das absurde Spiel mit großen Gesten, das sonst eher meine Sache ist, kommt diesmal von den anderen Figuren. Außerdem spiele ich erstmals eine Figur, die deutlich jünger ist als ich. Auch das finde ich spannend.

Du sagtest, dass Felix Krull auf der Suche nach seinem Platz in der Gesellschaft ist. Siehst du eine Parallele zwischen dieser Figur und der des Floyd, die du in „Absolute Giganten“ gespielt hast? Floyd heuert ja als Seemann an und will seine Heimatstadt Hamburg verlassen.

Da gibt es tatsächlich Gemeinsamkeiten, was das Gefühl anbelangt, nicht dazuzugehören und sein Glück woanders versuchen zu wollen. Aber bei Felix handelt es sich um mehr als einen bloßen Tapetenwechsel. Sein Inneres wird regelrecht ausgewaschen und neu gefüllt.

 

Vom Wochenmarkt zurück auf die Bühne

 

Felix Krull ist die erste Rolle, die du nach dem Shutdown übernommen hast. Wie hast du die Corona-Zeit überstanden? Ich habe gelesen, du hast Käse verkauft …

Der erste Lockdown kam einen Tag vor der Premiere von Meyerhoffs „Alle Toten fliegen hoch – Amerika“. Das scheint ewig lange her. Andererseits kommt es mir nur wie ein Monat vor, weil inzwischen so viel passiert ist: Meine zweite Tochter wurde geboren, und ich bin jetzt Verkäufer auf dem Wochenmarkt. Die Leute mögen die Geschichte von dem Schauspieler im Lockdown, der Schweizer Käse verkauft. Sie fiebern mit und hoffen, dass es mit der Kultur weitergeht. Aber nur ein bisschen, damit es auch morgen noch Käse gibt. (lacht)

Das heißt, deine Kunden kennen deine Geschichte?

Die meisten. Ich glaube, von denen kommen jetzt auch viele ins Theater, um sich den Käseverkäufer einmal auf der Bühne anzugucken.

„Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“, Altonaer Theater, 9.–13., 17.–20., 24.–27. November


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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#allesdichtmachen: Berechtigte Kritik oder unangebrachter Zynismus?

Mit einer Videoaktion auf YouTube und Instagram unter dem Motto #allesdichtmachen haben Schauspielerinnen und Schauspieler die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie kritisiert. Berechtigte Kritik oder unangebrachter Zynismus?

Text: Anna Meinke

 

Mit einer Aktion unter dem Motto #allesdichtmachen haben rund 50 deutsche Schauspieler und Schauspielerinnen die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie vermeintlich kritisieren wollen. Dazu veröffentlichten sie am Donnerstagabend ironisch zugespitzte Videos auf Facebook und Instagram – und ernteten prompt massive Kritik. Vor allem Schauspielkollegen distanzierten sich von den Teilnehmenden der Aktion, unter denen beispielsweise Jan Josef Liefers, Volker Bruch, Ulrike Folkerts und Wotan Wilke Möhring sind. Die Aktion sei in der aktuellen Situation unangebracht, die Ironie für viele Menschen verletzend. Unter dem Hashtag #allenichtganzdicht machte sich die Empörung auf Twitter Luft.

 

Was Nora Tschirner & Christian Ulmen sagen.
(voia @DragonLi_) pic.twitter.com/CIjEZnSG18

— Armin Wolf (@ArminWolf) April 23, 2021

 

Lob für die Aktion kam hingegen aus den Reihen der AfD-Bundestagsfraktion und von Hans-Georg Maaßen. Diese Zustimmung veranlasste beispielsweise Heike Makatsch, die auch Teil der Aktion war, dazu, sich zu distanzieren und auch ihr Video zu löschen. Auch Jan Josef Liefers wies jegliche Nähe zu Querdenkern und zur AfD zurück. Und dennoch – eine solche Aktion spielt Querdenkern und Parteien wie der AfD wohl oder übel in die Hände.


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Thomas: „Macht mich das gerade glücklich?“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Thomas begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Meine Frau hat diesen natürlichen Blick auf alles, sie hat so eine Bodenhaftung. Genau das, was mir manchmal fehlt. Ich bin freier Schauspieler, habe meist einen künstlerischen Blick auf die Dinge und bin irgendwie auch ein ziemlich luftiger Typ. Sie erdet mich immer wieder. Gerade wenn es um die Selbstbetrachtung geht. Ich habe von ihr gelernt, dass du dein Leben immer mal wieder anhalten musst. Durchatmen. Gucken, was mache ich gerade eigentlich? Wie fühlt sich das an? Macht mich das glücklich?

Wir waren Nachbarn, haben untereinander gewohnt. Sie hatte eine Ehe hinter sich, ich eine Beziehung. Es hat ein paar Anläufe gebraucht, weil wir sehr verschieden sind, konnten uns damals wie heute aber schon viel vom anderen abgucken. Inzwischen haben wir drei Kinder: 10, 14 und 16 Jahre alt.

Mein ältester Sohn ist 28. Ihn habe ich aus meiner ersten Beziehung. Der macht sein Ding, dem geht’s gut, später kommt er noch auf einen Kaffee vorbei.

Genau wie er werden auch meine anderen Kinder nicht den Weg gehen, den ich gegangen bin und das ist vollkommen okay. Die sollen alle ihr eigenes Ding finden, sich frei entscheiden.

 

Als John F. Kennedy auf der Bühne

 

Mein Leben ist ziemlich schlangenlinienförmig verlaufen. Oft wird dir erst im Nachhinein klar, warum du so und so gegangen bist. Da waren bislang viele schöne Tage bei. Es sind aber die Tage, an denen ich anderen wehgetan habe, die ich noch einmal erleben möchte, wenn ich denn könnte. Einfach um es rückgängig zu machen.

In der realen Welt ist das leider schwer umsetzbar. Am Theater jedoch hast du die Chance, dich zwischen Raum und Zeit frei zu bewegen. Es ist faszinierend. Du kannst jemand in irgendeiner Zeit sein, der dir vorher nie in den Sinn gekommen wäre. Vorletztes Jahr war ich John F. Kennedy, ein richtig cooler, lockerer Typ. Das fand ich unheimlich schwer zu spielen, weil mir so eine Coolness oft fehlt. Bewegte Rollen, wo du dich durch den Dschungel schlägst oder mit Degen kämpfst, fallen mir schon leichter. Ich liebe die Artistik und das physische Theater. Ich mache auch jährlich den Zirkus im Schanzenpark.

Momentan ist offensichtlich nicht so viel mit Schauspiel. Ich bin die meiste Zeit zu Hause und kümmere mich um das Homeschooling, während meine Frau arbeitet. Außerdem lerne ich Klavierspielen, bringe mein Englisch in Form und habe das Einradfahren neu für mich entdeckt.

Unsere Zeit zu Hause ist okay, wir kommen durch. Und es wird auch wieder besser. Jetzt freue ich mich erst einmal auf den Frühling. Das riecht gerade so ein bisschen nach Aufbruch. Und ich liebe es, im Garten zu arbeiten, das hat auch so etwas bodenständiges. Man kehrt im wahrsten Sinne zum Boden zurück. Eben genau das, was mir manchmal etwas abgeht.“


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Prince Kuhlmann: „Wir brauchen Quoten“

Die ghanaisch-deutsche Filmproduktion „Borga“ wurde beim Filmfestival Max Ophüls mit vier Preisen (u. a. bester Film und Publikumsliebling) ausgezeichnet. Im Interview erzählt der Hamburger Schauspieler Prince Kuhlmann über seine Erfahrungen beim Dreh, die Schwierigkeit, als schwarzer Schauspieler in Deutschland engagiert zu werden und die Vorteile einer Diversity Checklist

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Prince Kuhlmann, du spielst in dem Film „Borga“ von York-Fabian Raabe mit, der im Januar auf dem Filmfestival Max Ophüls viermal ausgezeichnet wurde. Was macht den Film so besonders?

Prince Kuhlmann: Als ich die Anfrage erhielt und hörte, dass es sich um eine deutsch-ghanaische Geschichte handelt, war mir sofort klar, dass ich dabei sein wollte. Das ist für mich eine Herzensangelegenheit. Es ist die Geschichte meiner Eltern und Großeltern – und es ist die Sprache, die ich noch immer spreche.

Das Besondere ist, dass wir endlich diese ungehörte Geschichte eines schwarzen, afrikanischen Mannes erzählen können, der auf die Reise geht, um sein Glück in der Fremde zu suchen. Dieses Narrativ sieht man in Deutschland in dieser Form und Qualität selten.

Was ist an diesem Narrativ so anders?

Die Reise, die die Hauptfigur Kojo (Eugene Boateng) durchlebt – als Schwarzer in Deutschland, als Borga in Ghana – kommt ohne die sonst übliche Form der Indirektheit aus. Wir sehen und erleben die Geschichte aus seiner Perspektive. Es ist wichtig, dass die Zuschauer diese Geschichte auf diese Weise miterleben.

Spiegelt der Film die Realität der ghanaischen Community gut wider?

Es ist natürlich etwas dramatisierter und zugespitzter, was in der Natur des Mediums Film liegt. Aber es gibt viele Aspekte, die sehr realitätsnah sind. Gerade die Odyssee, auf die Kojo sich einlässt, aber auch die afrikanische Community in Mannheim oder das Bild eines Borgas.

Wofür steht das Wort Borga?

Ein Borga ist ein erfolgreicher, wohlhabender Mann von Welt, der es schafft, Dinge zu ermöglichen, die in den Heimatländern normalerweise nicht möglich sind. Wenn du zu einem anderen Afrikaner sagst „Hey Borga! What up?!“, dann bestätigst du diesen quasi als gemachten Mann. Insbesondere in den 1980er und 1990er Jahren war die Zielsetzung vieler afrikanischer Auswanderer, nach Europa oder nach Übersee zu gehen und ein Borga zu werden.

 

„Größte ghanaische Community Deutschlands ist in Hamburg“

 

Stimmt es, dass der Begriff sich von Hamburg ableitet?

Ja, das stimmt. Aus „das ist ein Hamburger“, wurde „das ist ein Borga“. Die größte ghanaische Community Deutschlands ist in Hamburg. Meine Eltern kamen 1979 nach Hamburg. Es gab eine Welle von Westafrikanern, die damals nach Deutschland kam.

In dem Film geht es um die zwei Brüder Kojo und Kofi, die in Ghana aufwachsen und auf einer Elektroschrottmüllhalde nach wertvollen Stoffen suchen, um mit ihrer Familie über die Runden zu kommen. Als Kojo von einem Freund die Erfolgsgeschichten von dessen Onkel in Deutschland hört, entwickelt er den Wunsch, es ihm gleich zu tun. Als junger Erwachsener macht er sich auf nach Mannheim. Gibt es noch immer diese Vorstellung, dass man in Europa und speziell Deutschland leicht zu Wohlstand kommt?

Die Technik hat viel verändert. Durch das Internet, die Handys und Social Media bekommt man viel mehr mit, wie das Leben in den europäischen Städten wirklich ist. Niemand läuft dem noch so blauäugig hinterher. Lange Zeit hat man aber daran geglaubt, dass man nach Europa geht und ein Borga wird. In Wahrheit erwartete einen harte Arbeit – Tag und Nacht. Das durfte zu Hause aber keiner erfahren. Der Schein musste unbedingt aufrechterhalten werden. Da geht es um Prestige und Ansehen. Wer den Weg nach Europa einschlägt, muss erfolgreich sein. Der Druck der Familie, der Nachbarn, der Community ist groß.

In einer Schlüsselszene stößt Kojo auf den von dir gespielten Ebo, der kein Borga geworden ist, sondern ein etwas heruntergekommener, verbitterter älterer Mann. Was hat dich an dieser Rolle gereizt?

Ebo ist eine Art Antagonist von Kojo. Er gilt in Afrika noch als Borga, ist es aber nicht. Diese Scheinrealität zerbricht in dem Moment, in dem die beiden sich treffen. Das war eine sehr intensive, emotionale Szene. Ebo ist verletzt und verbittert, innerlich zerbrochen, weil ihm nicht gelang, was er sich so sehnlichst gewünscht hatte. Und mit der Ankunft von Kojo droht dieses Bild zu zerbrechen.

 

 

Wie hast du dich auf den Dreh vorbereitet?

Ich stieß zwei Wochen vor Drehbeginn zum Projekt dazu. Das war schon eine Herausforderung, in kurzer Zeit die Sprache, Emotion und Körperlichkeit in Einklang zu kriegen. Zudem musste ich der Figur eine Tiefe geben, die glaubhaft machte, dass er diese Reise bereits hinter sich hatte. Ich weiß noch, dass ich vor der Szene länger als sonst im Trailer saß und viel Musik gehört habe, um in eine bestimmte Stimmung zu kommen. Ich sauge die Emotionen über die Musik quasi auf und lasse sie dann in der Szene einfließen.

Wie war die Zusammenarbeit mit dem Regisseur York-Fabian Raabe?

Die Zusammenarbeit mit York war sehr intensiv. Er wollte das Extremste von uns herausholen. Es gibt Regisseure, die erklären detailliert, wie sie sich eine Szene vorstellen. York gehört eher zu denen, die sagen: „Spiel einfach!“ Durch dieses Machen-Lassen ist diese Figur überhaupt erst entstanden.

In solchen Momenten merkt man, dass es einen Zusammenhalt gibt, der über das Vertrauen entsteht. Irgendwann fängt man an, nicht bloß zu spielen, es passiert dann einfach. Man reagiert nur auf das, was der andere tut.

 

„Borga“ ist kein Film für die Black Community, sondern für alle.“

 

Du hast mit „T.H.U.G. – True Hustler Under God“ und „Borga“ gleich in zwei deutschen Filmen mitgespielt, die unter die Rubrik „Schwarzer Film“ in Deutschland gezählt werden können. Woran liegt es, dass nicht mehr dieser Filme produziert werden?

Ich glaube, dass die Ideen, Geschichten und Leute da sind, um diese Art Filme zu machen. Nach dem Film „Borga“ kann jedenfalls keiner behaupten, es gäbe nicht genug schwarze Schauspieler in Deutschland. Dieser Film ist der Beweis, dass hervorragende schwarze Schauspieler da sind und bereit sind, zu spielen. „Borga“ ist kein Film für die Black Community, sondern für alle.

Scheitert es auch an der Finanzierung?

Beim Film „T.H.U.G.“ hatten wir nicht viel Geld. Ich habe nicht mal eine Gage bekommen. Wir wollten eine Bewegung in Gang bringen und andere inspirieren. Das war ein Film, um zu zeigen, dass es möglich ist, einen Jugendfilm mit schwarzer Besetzung zu machen und in die Kinos zu bringen.

Die Preise beim Filmfestival Max Ophüls sprechen dafür, dass Deutschland reif für solche Geschichten und Perspektiven ist.

Ich habe auch den Eindruck, dass alle Bock darauf haben. Der Film zeigt eindrucksvoll die Menschen am Rand, die auch im Filmbusiness meist nur vom Rand zuschauen dürfen. Jetzt stehen wir mit diesem Film mittendrin – und sehen, dass es viele interessiert, was wir zu erzählen haben.

Wäre der nächste Schritt nicht, dass auch schwarze Regisseure ihre Geschichten erzählen? Borga ist zwar ein schwarzer Film, aber von einem weißen Regisseur.

Klar! Auf jeden Fall! Das ist die nächste Etappe, die gegangen werden muss. York hat mit „Borga“ aber großartige Pionierarbeit gemacht. Ich bin froh und so stolz darauf, dass er das mit so viel Leidenschaft und Können umgesetzt hat. Damit hat York uns alle nach vorn in die erste Reihe geschoben. Aber klar, es muss der nächste Step sein, dass auch schwarze Regisseure und Produzenten ihre Storys erzählen. Irgendwo muss man ja beginnen. „Borga“ könnte die Initialzündung sein. Ich hoffe, dass dadurch Türen für die kommenden Generationen geöffnet werden und sich diese Türen nicht wieder schließen. Das ist – gerade in der jetzigen Zeit – sehr wichtig.

 

Verbindliche Quoten

 

Ist die Diversity Checklist, die die Filmförderung Hamburg-Schleswig- Holstein im vergangenen Jahr eingeführt hat, ein Schritt in die richtige Richtung?

Das ist auf jeden Fall gut. Von mir aus hätte man sogar einen Schritt weiter gehen können. In anderen Ländern, wie beispielsweise UK gibt es verbindliche Quoten.

Was entgegnest du Kritikern, die eine Checklist als Eingriff in die künstlerische Freiheit betrachten?

Die Checklist ermöglicht doch, künstlerisch vielmehr neue Perspektiven und Möglichkeiten einzunehmen und in die Geschichten einzubauen. Wir haben hier in Deutschland eine Community von talentierten schwarzen Schauspielern, die gerne mitspielen wollen. Auch sie sind Teil von Deutschland. Es kann doch nicht sein, dass man diese Gruppen außen vor lässt.

Wenn ich auf der Berlinale bin, kann ich die schwarzen Schauspieler an einer Hand abzählen. Das liegt nicht daran, dass es keine gäbe. Ich selbst werde wiederum von einigen überrascht angestarrt. Wenn also jemand fragt, wozu eine Checklist sinnvoll ist, dann ist die Antwort ganz einfach: Es funktioniert nicht anders. Wir brauchen Quoten, um Dinge zu verändern.

Wie findest du die Idee, wie in „The Personal History of David Copperfield“, Schauspieler unterschiedlichster Hautfarben Rollen spielen zu lassen, die eigentlich weiß waren?

Das ist doch ein faszinierender, mutiger Ansatz. Warum sollte ein schwarzer Schauspieler nicht auch eine weiße Rolle spielen und umgekehrt. Viele werden sich dann fragen, warum man das macht. Nach dem Motto: „Das ist ja nicht die Realität.“ Aber wer entscheidet, was im Film möglich ist und was nicht?

Kann das nicht auch ins Absurde führen, wenn beispielsweise eine Frau George Washington spielt, oder ein Weißer Martin Luther King?

Klar, es gibt natürlich Bilder, die bereits fest in den Köpfen der Menschen sind und an denen schwer zu rütteln ist. Ich finde grundsätzlich, dass man Dinge ausprobieren sollte und dann wird man sehen, wie die Resonanz ist. Man sollte zumindest vorab keine feste Linie bestimmen, die besagt, dass es nur so oder so geht, weil die Realität nun mal so ist. Wir leben im Jahr 2021. Heutzutage ist alles möglich.

Es gibt einen Regisseur, den ich extrem feiere: Ryan Murphy. Er ist für einige Golden Globes nominiert worden. Murphy erzählt Geschichten, die sein könnten, aber nicht so sind. Unter anderem Geschichten aus den 1920er Jahren. Damals saßen schwarze Schauspieler bei den Academy Awards allesamt in den hinteren Reihen. Ryan ließ sie vorne sitzen. Das ist mutig, weil er sich einfach die Freiheit nimmt, das Narrativ zu ändern.

 

„Schwarzsein ist kein Trend“

 

Ist es schwieriger, als dunkelhäutiger Schauspieler an interessante Rollen zu kommen?

Es ist ein Armutszeugnis, das so klar zu sagen, aber es ist sehr wichtig, dass es eine Agentur wie „Black Universe Agency“ gibt. Wenn du als schwarzer Künstler in einer Agentur mit überwiegend hellhäutigen Schauspielern und Schauspielerinnen bist, dann bist du eine Karteileiche. Ich bin der Agentur von Bradley Iyamu sofort beigetreten, als er sie gegründet hat. Und ich bin ihm und der Agentur sehr zu Dank verpflichtet.

Wir leben in einer Gesellschaft mit unterschiedlichen Bewegungen wie „Black Power“, oder „Black Lives Matter“, die gerade im Fokus stehen. Aber das alles ist kein Trend. Schwarzsein ist kein Trend. Ich bin schwarz geboren. Das wird sich nicht verändern. Was sich aber verändern kann, ist die Einstellung der Menschen zueinander.

Glaubst du, dass sich das zum Positiven verändern kann?

Ja, aber es ist noch ein langer Weg. In England und Frankreich ist es inzwischen normal, dass in einer Serie ein Schwarzer Polizist ist oder Staatsanwalt. Hier muss darüber zunächst diskutiert werden. Da hilft jedes Positivbeispiel, weil es zeigt, dass es funktioniert. Florence Kasumba liefert als erste schwarze „Tatort“-Kommissarin neben Maria Furtwängler beispielsweise eine klasse Performance ab.

Das inspiriert und motiviert junge schwarze Kinder und Jugendliche. Ich hoffe nur, dass nicht gesagt wird: „Na ja, jetzt haben wir ja ein Beispiel. Das reicht dann erst mal.“

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Prince Kuhlmann, 1990 in Hamburg-Jenfeld geboren und aufgewachsen, ist Schauspieler und lebt in Wandsbek. Schon früh wusste Prince, dass er Schauspieler werden will. Mit zehnJahren nahm ihn seine Mutter zum Casting für das Musical „Der König der Löwen“ mit. Er bekam die Hauptrolle als Simba. Später lernte er im Schauspiel-Studio Frese in Altona drei Jahre lang das Schauspiel. Erste Auftritte hatte Kuhlmann in TV-Serien wie „Notruf Hafenkante“ oder „Nachtschicht“. Sein Durchbruch erfolgte mit dem Kinofilm „T.H.U.G – True Huster Under God“. Es folgte sein Auftritt in der Erfolgsserie „4 Blocks“ und die Nebenrolle in dem mit vier Max Ophüls Preisen ausgezeichneten Kinofilm „Borga“ von York-Fabian Raabe.

blackuniverseagency.com


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Das Thalia Theater wird zum „Neverland“

Antú Romero Nunes hat Schauspieler aus neun verschiedenen Nationen zusammengetrommelt, um sie ins „Neverland“ zu führen. Auf der Folie von James Matthew Barries „Peter Pan“ erzählt der Regisseur von einer entwurzelten Generation

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Warum hast du ausge­rechnet einen Stoff, der als Kinderbuch erfolg­reich wurde, als Vorlage für deine Inszenierung „Neverland“ ausgewählt?

Antú Romero Nunes: „Peter Pan“ war ja kein Kinderbuch, sondern ein Stück für Erwachsene, das nach der Uraufführung 24 Spielzeiten auf dem Programm stand. Ich nutze es aber nur als Blaupause, um meine eigene Geschichte zu erzählen mit einer Konstellation von Figuren, die in den letzten hundert Jahren fast schon zu Archetypen geworden sind: Peter Pan, Tinkerbell, Hook und Wendy.

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Von Hamburg demnächst nach Basel: Antú Romero Nunes (Foto: Armin Smailovic)

Worin liegt das Erfolgsgeheimnis von „Peter Pan“?

Es war damals ein totales Novum, so viele Welten in einem Stück unter­zubringen: die Indianerwelt, die Pira­tenwelt, die Waisenkinderwelt. Aber vor allem hat James Matthew Barrie wahnsinnig gute Szenen geschrieben, die in sich so schlüssig und knackig sind, dass man einfach seinen Spaß hat.

Er beschreibt ein sehr bürgerliches Milieu, in dem es zwar viele Regeln gibt, aber auch eine große Entwur­zelung. Das betrifft auch den Autor selbst, der wie Michael Jackson irgend­wann aufgehört hat zu wachsen, wie ein Kind weitergelebt und sich nur noch mit Kindern verstanden hat.

Barrie ist eine sehr rührende Figur, und ich setze ja immer bei der Person des Autors an, wenn ich einen Stoff auf die Bühne bringe.

Inwiefern ist die Entwurzelung auch heute ein Thema?

Wir sind Europäer, aber Europa stiftet keine Identität mehr. Deshalb er­zähle ich die Geschichte eines Mannes, der in der Mitte seines Lebens durch die Welt reist, aber eigentlich nirgends wirklich ankommt und nur darauf wartet, dass die Welt sich auflöst, so wie er selbst.

Dieses apokalyptische Gefühl hat ja auch mit unserer eigenen Leere zu tun. Es gibt keine neuen Inhalte mehr. Die endlose Wiederholung der Geschichte wird auf Dauer langweilig. Wie man innerlich ausbrennt, brennt auch die Welt um einen herum ab.

Wenn du von Entwurzelung sprichst und ich an die „Lost Boys“ aus „Peter Pan“ denke, liegt auch das Flüchtlings­thema auf der Hand …

Darum geht es mir überhaupt nicht. Ich will die Leute nicht aufklären. Po­litik ist keine Sache des Theaters. Sie ist das Ergebnis von menschlichen Zusammenhängen. Also geht es darum, sich im Leben zu positionieren. Man sollte Fragen, warum Menschen so handeln, wie sie handeln. Versuchen wir nicht immer nur, unseren körper­ eigenen Hormonhaushalt optimal aus­ zugleichen? Sind wir konditionierbar?

Oder: Was haben wir mit den Hunden gemeinsam? Warum lassen wir Hunde überhaupt zu? Was machen die mit uns? Und was steckt alles in einer Liebesbeziehung? Wie kann man sie vergleichen mit der Gentrifizierung einer Stadt? Solche Fragen führen zu hochemotionalen Ergebnissen, die zwar nichts beantworten, aber Türen aufmachen. Dann wird Theater intel­ligenter als ich selbst, und ich sage: Toll, jetzt fängt das Biest an zu leben und erzählt mit etwas!

 

„Das Kollektiv ist das Genie“

 

Wie positionierst du dich selbst als Regisseur? Bist du der Peter Pan, der die Zuschauer mit Feenstaub betäubt, um sie anschließend mit ihren Träumen und Ängsten zu konfrontieren?

Es wäre natürlich sehr schön, wenn man sich so sehen könnte. Ich sehe mich aber nicht als Inspirator, sondern sage nur: Hier sind die Türen. Für „Ne­verland“ habe ich – diesmal zusammen mit Anne Haug – auch den Text ge­schrieben, was ich schon häufiger getan, aber nie öffentlich gemacht habe.

Für mich ist nicht der Autor oder Regisseur, sondern das Kollektiv das Genie. Das besteht diesmal aus Schauspielern, die aus vier Theatern und sieben Schau­spielschulen unterschiedlicher Länder kommen und nicht einmal alle richtig Englisch verstehen. Daher geht es uns auch um die Sprache selbst, um ihren Klang und die Verständigungsmöglich­keiten.

Was macht die Erfindung des Leiselesens eines Buches mit deinem Kopf? Wie beschränkt uns die Tat­ sache, dass wir alles nur noch abstrakt begreifen und kaum noch agieren? Diese Fragen werfe ich in die Gruppe und schaue, was sich daraus entwickelt. Wir sind einfach ein Haufen charismatischer Menschen und zapfen uns alle gegenseitig an.

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„Neverland im Thalia Theater (Foto: Krafft Angerer)

Gibt es einen Weg, Neverland zu ver­lassen, um wieder zur eigenen Identität zu finden?

Vielleicht muss man nur begreifen, dass man sich in einem Neverland befindet und dass es Identität gar nicht gibt und sie auch nicht wichtig ist. Oft fragen mich die Leute: Wie lebst du seit sieben Jahren ohne Wohnung? In welcher Sprache denkst du? In welchem deiner drei Länder – in meiner Familie gibt es ja auch Fluchterfahrungen – fühlst du dich am meisten zu Hause?

Ich finde diese Fragen sehr merkwür­dig. Fragt mich doch lieber, was ich gerne esse oder für welches Buch ich mich interessiere.

Aber steht das alles nicht für eine bestimmte Identität?

Nein, das sind alles bewusste Ent­scheidungen. Man weiß doch, dass Menschen sich von einer zur anderen Sekunde komplett neu erfinden und alles hinter sich lassen können.

Das könnte aber auch heißen, dass Identität eben nur temporär ist. Wenn sie ins Wanken gerät und man einen Therapeuten konsultiert, ist die erste Frage: Was bedeutet Ihnen am meis­ten im Leben? Dahinter steht doch die Frage, was einen ausmacht, wohin man sich bewegen möchte.

Mein Vater ist ja Psychoanalytiker, ich bin damit aufgewachsen und arbeite auch ein bisschen so. Natürlich leben wir auf Grundlage bestimmter Voraussetzun­gen. Aber wichtig ist, dass man ständig Entscheidungen trifft. Und die Summe dieser Entscheidungen und Handlun­gen macht einen Menschen aus. Das be­inhaltet allerdings, dass man sehr wohl verantwortlich ist für das, was man tut.

Verantwortung wirst du ab der nächsten Spielzeit in noch größerem Umfang übernehmen. Stichwort: Basel.

Jörg Pohl vom Ensemble des Thalia Theaters und ich werden zusammen mit den Dramaturginnen Anja Dirks und Inga Schonlau Schauspieldirek­toren am Theater Basel. Nach unserem Leitsatz „Das Genie ist das Kollektiv“ wollen wir auch dort alles aus dem Ensemble und aus den Persönlichkeiten der Schauspieler heraus entwickeln.

Thalia Theater: Alstertor (Altstadt), „Neverland“: 12.10. (Premiere), 13.+17.+18.10.


Szene-Oktober-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Oktober 2019. Titelthema: Neu in Hamburg. Das Magazin ist seit dem 28. September 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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1 Frage, 1 Antwort – mit Michael Wanker

Michael Wanker ist Schauspieler, Regisseur und Coach. Auf der Theaterbühne spielt er weltweit das Solo „I will survive“ von Raoul Biltgen, das vor allem junge Menschen für das Thema AIDS sensibilisiert. Neben der Bühne coacht er Manager im Bereich Präsenz und Persönlichkeitsentwicklung. Er lebt in St. Georg und findet das richtig gut.

SZENE HAMBURG: Was ist deine Vision von einem gerechten Hamburg?

Denke ich über Gerechtigkeit und Hamburg nach, kommt mir der Umgang mit Wohnraum als Erstes in den Sinn. Denke ich über Wohnraum nach, kommt mir dessen Bezahlbarkeit in den Sinn. Denke ich über bezahlbaren Wohnraum in Hamburg nach, kommt mir Gentrifizierung und die bewusste soziale Selbstabgrenzung einzelner Stadtteile in den Sinn. Denke ich an dieses Selbstverständnis und die damit einhergehende Wagenburgmentalität, bin ich wieder bei der Gerechtigkeit angelangt. Und da beißt sich seit Jahren die Katze in den Schwanz.

Deshalb wird genau hier eine Vision dringend gebraucht. Wie wäre es mit der hier: Hamburg 2030. Der autonom fahrende SUV-Elektro-Shuttle holt den finanziell besser gestellten Spross von der Grundschule ab und nimmt die Kinder minderbegüterter Eltern mit. Natürlich alles per App vorher organisiert. Nun geht es durch die motorenfreie, grüne und (fast) emissionsfreie Innenstadt. Ja, Innenstadt. Denn die jungen Insassen wohnen allesamt in der Stadt. Trotz minderbegüterter Eltern. Übrigens auch die Studenten. Und die Alten. Wie ist dies nur möglich geworden? Durch eine radikale Reform des sozialen Wohnungsbaus gepaart mit allem Guten, was die Digitalisierung mit sich gebracht hat. Sensationell!

www.michaelwanker.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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