Beiträge

Dokumentarfilmtage: LETsDOK

Vom 5. bis zum 18. September finden die Dokumentarfilmtage LETsDOK in Hamburg und Schleswig-Holstein statt und bieten dem Pubikum ein facettenreiches Programm

Zum Start gibt es eine vorgelagerte Live-Vertonungsprobe zu Vertovs Stummfilm „Der Mann mit der Kamera“ (1929), gespielt von ukrainischen Musikern in der Roten Flora (5.9., 21 Uhr).
Offizieller Auftakt ist eine Kino-Lesung mit Filmausschnitten von Dziga Vertov (12.9., 20 Uhr, Lichtmess). Vertov (1896–1954) gilt aufgrund seines experimentellen Stils als einer der wichtigsten frühen Regisseure von Dokumentarfilmen.

Abwechslungsreiches Programm 

Lets-Dok_Logo
Bundesweite Dokumentarfilmtage kommen nach Hamburg und Schleswig-Holstein (Logo: LetsDok)

Gezeigt werden zudem: „Red Cunt“ (13.9., 20 Uhr, Schanzenkino 73), „Der Mann mit der Kamera“ mit dem Vorfilm „Sieben ein- fache Phänomene“ (14.9., 21.15 Uhr, Metropolis), „Dancing Pina“ (15.9., 20 Uhr, Abaton), „Football under cover“ (16.9., 20 Uhr, Klappstuhlkino Kellinghusen), „Ritual der schwarzen Sonne“ (17.9., 17 Uhr, Flora-Kino), „Die Aufseherin – Der Fall Johanna Langefeld“ (18.9., 11 Uhr, Flora-Kino), „Bettina“ (18.9., 15 Uhr, Kino Koki, Lübeck) und „Alice Schwarzer“ (18.9., 17.30 Uhr, Kino Koki, Lübeck).

/ MAG

 

 

 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

https://szene-hamburg.com/film-evolution-woody-allen/
https://szene-hamburg.com/film-kino-alcarras/

„Man muss verstehen, warum Filme funktionieren.“

Helge Albers, Geschäftsführer der MOIN Filmförderung, über die derzeitige Lage der Filmbranche, die Bedeutung der Diversity Checklist und ökologische Mindeststandards

Interview: Marco Arellano Gomes

SZENE HAMBURG: Helge Albers, eigentlich wollte ich das Gespräch mit einem „Moin“ beginnen, aber seit die Filmförderung sich in MOIN Filmförderung umbenannt hat, habe ich den Eindruck, dass ich damit PR betreibe …

Helge Albers: Ja, das war auch so beabsichtigt (lacht).

Was war der Anlass für die Umbenennung?

Die Änderungen unseres Namens und auch unseres gesamten Erscheinungsbildes hängt sehr stark mit einem Prozess zusammen, den wir schon seit Längerem verfolgen. Im Mittelpunkt standen die Fragen: Wie agieren wir als Film förderung in Zeiten eines erkennbaren Strukturwandels? Wie wollen wir intern und extern kommunizieren? Die Umbenennung war eine notwendige und zeitgemäße Antwort auf diese und viele weitere grundsätzliche Fragen.

 

„MOIN ist mehr als nur Film“

 

Wofür steht das MOIN?

Wir wollen schon im Namen verankern, wer wir sind und was wir tun. MOIN ist hier im Norden ein Gruß, den wir alle kennen und bildet sehr prägnant unsere regionale Identität ab. Er steht aber auch als Abkürzung für unseren Claim „Moving Images North“ und reflektiert damit eine stärkere internationale Ausrichtung unseres Spektrums. Film ist ein globales Medium und wir wollen als Filmförderung auch dafür einstehen, dass internationale Produktionen und Co-Produktionen hier am Standort willkommen sind. Das wollen wir gerne ausweiten. Gleichzeitig steckt in „Moving Images North“ mehr als nur Film: Wir haben unser Förderspektrum hin zu Serien und neuen Medien erweitert. Wir sind auch in den Bereichen VR, AR und XR förderfähig. Das alles sind Bewegtbilder, also Moving Images. Darüber hinaus wollen wir natürlich Werke fördern, die in jeder Hinsicht bewegend sind, auch dies steckt in diesem Wortspiel.

Da haben Sie sich aber eine Menge vorgenommen. Bleiben Film und Serien dennoch die Schwerpunkte?

Film und Serien werden auf absehbare Zeit unsere Schwerpunkte bleiben. Ob sich das ändert, hängt davon ab, wie sich die anderen Segmente entwickeln. Wenn es einen extremen Boom in den Bereichen AR und VR geben sollte, dann sind wir strukturell vorbereitet und förderfähig. Wir sind nun deutlich flexibler, als wir es vor wenigen Jahren noch waren.

Wie geht es dem Filmstandort Hamburg nach zwei Jahren Pandemie?

Die Situation ist angespannt. Gerade angesichts der aktuell sehr hohen Inzidenzen und auch vieler Corona-Fälle an den Sets liegen die Nerven blank. Wenn man versteht, wie teuer und schwer zu bewältigen die Ausfallrisiken der Produzenten sind, ist das mehr als verständlich. Zusätzlich sorgen die hohen Anforderungen an die Hygienestandards für enorme Kostensprünge. Auch den Kinos bereitet die aktuelle Situation große Sorgen. Andererseits haben wir 2021 insgesamt einen Zuwachs an Dreharbeiten am Standort verzeichnet. Zum einen, weil viele Projekte wegen Corona verschoben wurden, zum anderen, weil es eine große Nachfrage nach Filmen und Serien gibt. Das führt allerdings zu einer sehr angespannten Situation im Fachkräftemarkt. Teilweise werden auch sehr hohe Gagenforderungen gestellt. Im Independent-Bereich führt dies zu deutlichen Engpässen. Es gibt eine hohe Nachfrage am Arbeitsmarkt, die aber nicht bedient werden kann.

 

„Die Suche nach Talenten ist die größte Herausforderung“

 

Wie kann man dem begegnen?

Die Suche nach Talenten ist die größte Herausforderung für den Film in den nächsten Jahren. Wir setzen uns als Filmförderung sehr intensiv damit auseinander. Ich hoffe, dass wir da kurzfristig zumindest Linderung schaffen können.

Ist das eine Chance für junge Menschen, in die Branche einzusteigen?

Insgesamt ist es schon eine sehr chancenreiche Zeit. Es gibt Möglichkeiten, die es vor drei bis vier Jahren so noch nicht gab – sowohl was das Tempo als auch die Finanzierungsmöglichkeiten angeht. Für den Sektor Kino besteht darin aber auch eine Gefahr, weil Kinofilme einen längeren Entwicklungsprozess haben. Kino ist ein langsameres Medium. Das ist Stärke und Schwäche zugleich. Das Kino steht in einer sehrherausfordernden Konkurrenzbeziehung zum Streaming und muss sich dazu verhalten. Das führt zu spannenden und manchmal schmerzhaften Veränderungen. Wir stehen vor der Frage, wie wir es schaffen, im „Ökosystem Kino“ Talenten spannende Angebote zu machen.

 

Der Filmstau als Problem

 

Wie geht es den Kinos derzeit?

Natürlich haben angesichts der aktuellen Entwicklungen auch die Kinos Befürchtungen, ein Déjà-vu zu 2020 zu erleben, obwohl sich immer wieder sehr klar belegen lässt, dass Kinos absolut sichere Orte sind und die Hygienekonzepte gut greifen. Aber zunächst können wir festhalten, dass alle Kinos in Hamburg im Sommer wieder öffnen konnten und es aufgrund der Hilfsmaßnahmen der Stadt Hamburg keine dauerhaften Schließungen gab. Was die Besucherzahlen angeht, haben wir durchaus gute Ergebnisse zu verzeichnen. Es ist klar zu erkennen, dass das Hamburger Publikum ihren Kinos die Treue hält und oft und gerne ins Kino geht. Was wir aber feststellen, ist, dass die unabhängigen, kleinen Filme es schwer haben, eine kritische Masse zu erreichen.

Woran liegt das?

Es ist insgesamt immer schwerer, Sichtbarkeit zu erzielen. Die Marketing-Budgets werden immer höher, dennoch verschwinden die kleinen Filme schnell wieder aus dem Programm. Das liegt auch daran, dass es zu einem Filmstau kam. Viele Filme, die für 2020 geplant waren, wurden auf 2021 verschoben, sodass eine große Anzahl an Filmen um die begrenzten Spielzeiten im Kino konkurrieren. Da kommt es zu einer Kannibalisierung, bei der nur noch die Spitzenfilme gut laufen. Im Arthouse-Bereich waren das „Der Rausch“ und „Nomadland“. Danach wurde es aber eng.

 

„Wir waren relativ schnell“

 

Haben Sie den Eindruck, dass die Politik den Film- und Kinostandort gut durch die Pandemie gebracht hat, oder gibt es rückblickend Punkte, bei denen man besser oder schneller hätte reagieren können?

Klar hörten wir hin und wieder Kritik – und oft war diese ja auch berechtigt. Gleichzeitig finde ich, dass wir in einer Situation wie Corona, die wir alle noch nie erlebt haben, die in kürzester Zeit bewältigt und abgewickelt werden musste, mit Abstrichen gut und effizient gehandelt haben. Wir mussten – bei aller Notwendigkeit, schnell Geld zu vergeben – auch daran denken, dass dieses zu einem späteren Zeitpunkt oft wieder zurückgezahlt oder abgerechnet werden muss.

Selbst wenn es um Existenzen geht?

Dass es immer auch Härtefälle gibt und man, wenn die Not es erfordert, auch möglichst unbürokratisch vorgehen sollte, ist richtig. Da wir aber mit Steuermitteln agieren, ist es auch wichtig, jede Entscheidung auf ihre Rechtmäßigkeit und Wirksamkeit zu hinterfragen. Zum Glück gibt es bei allen Regeln aber auch Abstufungen und Ausnahmen. Aus Sicht der Filmförderung kann ich sagen, dass wir unser Bestes gegeben haben und relativ schnell waren.

 

„Der Standort hat ein großes Potenzial“

 

Sind Sie zuversichtlich, dass der Filmstandort sich erholen wird, wenn die Pandemie irgendwann ein Ende findet?

Der Standort hat ein großes Potenzial. Es gibt eine vitale Kinolandschaft, ein treues und wachsendes Publikum, unzählige spannende Drehorte und ein Netz an Produzenten, das wachstumsfähig ist. Wir haben außerdem jede Menge Talente am Standort, die sich gut entwickeln können. Das alles stimmt mich sehr zuversichtlich.

Wo gibt es noch Luft nach oben?

Ich glaube, dass wir ein größeres Publikum finden können und müssen. Wir müssen beispielsweise ein jüngeres Publikum in die Kinos holen. Dazu gehört auch, die Kinos in einer vernetzten Welt sichtbarer zu machen. Das betrifft die Ansprache, das Ticketing, aber auch Synergien zwischen den einzelnen Lichtspielhäusern.

 

Man muss verstehen, warum Filme funktionieren

 

Viele Filme, die von der MOIN Filmförderung mitfinanziert wurden, haben auch in diesem Jahr Preise gewonnen: „Niemand ist bei den Kälbern“, „Curveball“, „A Symphony of Noise“ und „Vengeance Is Mine, All Others Pay Cash“. Was ist das Erfolgsgeheimnis?

Wenn es ein Erfolgsgeheimnis gibt, dann ist es die Zusammensetzung unserer Gremien. Wir achten darauf, dass alle, die in den Gremien vertreten sind, eine sehr hohe Expertise mitbringen, begeisterungsfähig sind und den Standort verstehen, selbst wenn sie nicht aus Hamburg kommen. Wir versuchen vor allem auch Anreize dafür zu schaffen, dass gute Geschichten hier vor Ort gedreht werden, weil es Identifikation für das Publikum schafft.

Wie laufen die Auswahlprozesse in den Gremien ab?

In unseren Gremien finden kontroverse und inhaltlich harte Auseinandersetzungen statt, die zu den offensichtlich richtigen Entscheidungen führen, sodass Filme mit hoher Qualität gefördert werden. Das gilt für alle Bereiche – von Arthouse bis High End. Da sitzen Leute, die sehr genau verstehen, warum Filme in ihren Bereichen funktionieren können und wie deren Chancen stehen.

Im vergangenen Jahr war die Suche nach einem großen Studio für High-End-Serienproduktionen ein großes Thema. Wie steht es darum?

Das ist nach wie vor ein wichtiges Thema, an dem wir ein großes Interesse haben. Wenn sich da ein Betreibermodell und eine passende Immobilie finden, dann wäre ich froh. Die Nachfragesituation gibt das jedenfalls her. Ich sehe und höre, dass viel mehr gedreht werden könnte, wenn wir ein adäquates Angebot hätten. Wir brauchen ein Studio, das für High-End-Serien und gleichzeitig für aufwendige Kinoproduktionen genutzt werden kann. Das Thema treibt uns nach wie vor um.

 

Hamburg auf Platz vier

 

Helge Albers ist Geschäftsführer der MOIN Filmförderung (Foto: Jasper Ehrich Fotografie)

Helge Albers ist Geschäftsführer der MOIN Filmförderung (Foto: Jasper Ehrich Fotografie)

Insgesamt verfügt die Filmförderung über 15,7 Millionen Euro an Fördermittel pro Jahr. Alles auf Kurs, oder dürfte es etwas mehr sein?

Das ist eine rhetorische Frage (lacht). Wir haben viel Ambition und wollen möglichst viele Produktionen nach Hamburg und Schleswig-Holstein holen und gut ausstatten. Davon profitieren letztlich alle.

Wie steht die Filmförderung damit im bundesweiten Vergleich da?

Hamburg/Schleswig-Holstein ist derzeit der viertgrößte Film- und Medienstandort in Deutschland, nach Berlin/Brandenburg, Bayern und NRW. Allerdings hat Hamburg einen erheblichen Abstand zum besagten Trio. Das spiegelt sich auch in den Förderetats wieder. Hier befindet sich unsere Förderung etwa auf Augenhöhe mit den Förderungen von Hessen, Baden-Württemberg und der Mitteldeutschen Medienförderung.

Müsste Hamburg nicht mit der Spitzengruppe gleichziehen?

Ich glaube, dass der Standort das leisten könnte, aber das hieße, dass man deutlich größere infrastrukturelle Anstrengungen unternehmen müsste. Das betrifft alle Themen: Fachkräfte, Studio, finanzielle Ausstattung, Standortmarketing, Nachwuchsarbeit – HFBK und HMS sind ja unsere beiden Ausbildungsstätten – und vieles mehr. Man muss das als Portfolio betrachten: Ein Standort ist besonders leistungsfähig, wenn das gesamte Bouquet vorhanden ist und eine hohe Substanz hat.

Auf welche MOIN-Highlights dürfen sich die Zuschauer 2021/2022 besonders freuen?

Ich kann jetzt schon sagen, dass ich mich sehr auf den neuen Film von Sonja Heiss, die Meyerhoff-Verfilmung von „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“, freue. Auch die Romanverfilmung „Mittagsstunde“ mit Charlie Hübner wird sicher großartig und „Last Song for Stella“ von Kilian Riedhof wird bestimmt sehr stark. Aber diese Aufzählung kratzt nur an der Oberfläche. Es gibt so viele tolle Projekte, da reicht der Platz in Ihrem Heft nicht.

 

Die Diversity Checklist

 

2020 hat die MOIN Filmförderung die Diversity Checklist eingeführt. Viele fanden den Schritt mutig und richtig, aber es gab auch vereinzelt die Kritik, dass es sich um einen Eingriff in die Kunstfreiheit handelte – unter anderem in einem Kommentar eines Kollegen in der SZENE HAMBURG.

Ja, der war relativ klar in seiner Haltung (lacht).

Warum halten Sie die Liste für richtig?

Die Checklist ist mit zwei Universitäten, mehreren Berufsund Behindertenverbänden erarbeitet worden und hat sich seit Einführung in der Praxis sehr bewährt. In der Branche wird die Liste vor allem als ein Ausrufezeichen wahrgenommen, als ein Arbeitsmittel im Antragsprozess, das wir zur Verfügung stellen, um ihre Projekte und Strukturen auf das Thema Diversität zu hinterfragen.

Aber erzeugt das nicht automatisch eine unterbewusste Erwartungshaltung, die wiederum Einfluss auf die künstlerische Gestaltung haben kann?

Zum Glück leben wir in einem Land, das komplette künstlerische Freiheit bietet. Die ist garantiert und wird auch durch eine Diversity Checklist in keiner Weise berührt. Die Entscheidungsprozesse leiten sich nicht von den Listen ab. Die finden bei uns in den Gremien statt. Deswegen ist es auch so wichtig, dass auch die Gremien divers besetzt sind. Wir merken in den Diskussionen in den Gremien sehr genau, dass das einen Unterschied macht und wir dadurch zu interessanten und mutigen Entscheidungen kommen. Ich freue mich darüber, dass wir den Weg mit der Diversity Checklist gegangen sind und fühle mich bestätigt durch die Reaktionen, die ebenfalls divers sind.

Was sind das für Reaktionen?

Wir nehmen vor allem wahr, dass Kreative mit Migrationshintergrund und aus dem LGBTQ-Spektrum, also diejenigen, die unterrepräsentiert sind, sich angesprochen, gehört und wahrgenommen fühlen. Das ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Wenn eine Gesellschaft in der Lage ist, unterrepräsentierten Gruppen dieses Gefühl zu geben, ist das erst mal ein richtiger Schritt – insbesondere durch eine Institution, die mit Steuergeldern agiert und damit auch die Aufgabe hat, darauf zu achten, dass es einen gleichberechtigten Zugang gibt. Wir können dieser Frage ja nicht ausweichen.

 

Es geht auch um Politik

 

In dem Film „Werk ohne Autor“ gibt es eine Szene, in der Oliver Masucci als Professor zwei Wahlplakate verbrennt und seinen Studenten sagt, dass Politik und Kunst nichts miteinander zu tun haben und die Kunst frei sein müsse. Sehen Sie diesen Grundkonflikt nicht?

Ich kann aus meiner Erfahrung als Filmproduzent sagen, dass jede Linie in einem Finanzierungsplan, die einen Finanzierungspartner benennt – also Verleiher, Vertriebe, private Investoren, Sender, Förderungen – eine Agenda hat, einen Wunsch an ein Projekt. Als Förderung haben wir für uns eine Haltung entwickelt, in der wir ganz klar sagen, dass wir einen sehr kompetenten Blick in Sachen Diversität auf die Projekte werfen, nämlich durch unsere Gremien. Wir exponieren uns da und machen uns in diesem Punkt sehr sichtbar. Genauso, wie wir uns in Sachen Regionalität klar sichtbar machen. Wir erwarten, dass ein Projekt mindestens 150 Prozent von der Summe, die wir als Förderung in ein Projekt hineingeben, in der Region lässt. Darunter machen wir es nicht. Wir haben da ganz klar definiert, unter welchen Bedingungen hier gearbeitet werden kann. Da geht es auch um Politik, da geht es auch um Steuergeld, da geht es auch um das Verhältnis zur Kunst …

… aber da bleibt der Aufschrei aus.

Im Bereich der Diversität haben wir uns auch positioniert. Nur sind wir da weit weniger hart in unseren Linien. Wir haben lediglich eine Frageliste erarbeitet, in der wir klar zu erkennen geben, dass diese Punkte wichtig sein könnten.

 

„Möglicherweise ist der eine oder andere Film bei uns nicht mehr richtig aufgehoben“

 

Sie bleiben also dabei, dass die Kunstfreiheit nicht berührt wird?

Noch mal ganz klar: Grundsätzlich kann jeder sagen, schreiben und filmen, was er möchte – solange diese Dinge innerhalb der Schranken der Gesetze stattfinden und man bereit ist, das Echo auszuhalten, das provokante Stoffe nun mal auslösen. Möglicherweise ist der eine oder andere Film bei uns nicht mehr richtig aufgehoben. Das kann schon sein. Es gibt kein Anrecht auf Förderung. Das ist nirgendwo verbrieft. Es gibt qualitative Entscheidungen, die bei uns in den Gremien gefällt werden. Und es kann sein, dass ein Projekt den gegenwärtigen Ansprüchen nicht mehr gerecht wird. Da sind wir ganz transparent und klar.

Man spürt, dass Ihnen dieses Thema sehr am Herzen liegt …

Unsere Aufgabe als Förderung ist es, nach vorn zu denken. Wer sind die nächsten Talente? Für welches Publikum sollte erzählt werden? Welches kann noch erschlossen werden? Mit welcher Filmsprache wollen wir auf das neue Publikum zugehen? Wir wollen offen sein für alle Themen und Talente. Das ist der Grund, warum das Thema Diversität bei uns so hoch aufgehängt ist. Dafür braucht es den professionellen, unverstellten Blick. Wir fördern, weil wir richtig gute Filme sehen wollen. Wir wollen Filme, die uns überzeugen und umhauen.

 

„Veränderung braucht Zeit“

 

Die Hamburger Regisseurin, Kamerafrau und Oscar-Preisträgerin Zamarin Wahdat („Bambirak“), sagte kürzlich, dass sie sich vor einigen Jahren keine Hoffnungen auf eine Karriere in Deutschland gemacht hatte und ihre Ausbildung daher in New York absolvierte.

Das ist eine traurige Aussage (Pause). Das zeigt einmal mehr, dass man dranbleiben muss. Veränderung braucht Zeit, aber auch den Willen, immer wieder Strukturen aufzubrechen, Perspektiven zu öffnen. Mir scheint es wichtig und richtig, dass wir hier in Hamburg diesen Weg beschreiten und mit der Besetzung der Gremien, der Checklist und auch der gesamten Förderung entsprechend agieren. Wer Diversität einfordert, muss auch selbst dafür sorgen, dass sie zur Normalität wird.

Kürzlich hat ein breites Bündnis unter dem Label „Green Motion“ eine Selbstverpflichtung zur Einhaltung von ökologischen Mindeststandards unterzeichnet, die ab dem Januar 2022 gilt. Was bedeutet das für die Branche?

Zunächst ist es eine Bestätigung unseres bisherigen Kurses. Das Bündnis ist aus dem Arbeitskreis „Green Shooting“ hervorgegangen, an dem wir mit anderen Filmförderungen, aber auch Produktionshäusern, Sendern und Netflix beteiligt waren. Wir haben uns gemeinsam zu Mindeststandards verpflichtet. Wir waren ja schon sehr lange mit dem Thema unterwegs, schon seit 2012 – als erste Filmförderung in Deutschland. Wir waren dann mit dem ersten verpflichtenden Kriterienkatalog, dem grünen Filmpass, ebenfalls Vorreiter. Dieser Kriterienkatalog ist nun in die Mindeststandards eingeflossen.

 

Es geht auch um Politik

 

Worin bestehen diese Mindeststandards?

Die Standards betreffen die Technik, die Ausstattung, die Energieversorgung – und alle Bereiche, die ressourcenund emissionsintensiv sind. Es gibt 21 Kriterien, von denen 18 erfüllt sein müssen, um das Label „Green Motion“ zu bekommen. Ein wichtiger Punkt ist das Reisen: Alle Reisen unter 500 Kilometern dürfen nur noch mit der Bahn zurückgelegt werden, nicht per Flugzeug. Beim Catering gibt es mindestens einen vegetarischen Tag pro Woche. Für einige Bereiche gibt es Übergangsregelungen, weil man vieles nicht von heute auf morgen umstellen kann. Das ist für die Branche ja auch ein großer Umstellungsprozess, der in die einzelnen Abläufe eingearbeitet werden muss.

Wer prüft denn die Einhaltung?

Wir als Förderung ermitteln stichprobenartig, ob konkrete Vorgaben eingehalten wurden. In schweren Fällen, also wenn ein größerer Prüfaufwand besteht, wird ein Wirtschaftsprüfungsinstitut genauer prüfen.

Sanktionen sind nicht vorgesehen?

Im Moment ist es nicht so, dass sanktioniert wird, weil die Prüfsituation noch zu amorph ist. Mir erscheint es wichtiger, dass wir die Prozesse – gerade was den Emissionsverbrauch angeht – besser prüfen, klarer beziffern und möglichst gut steuern können, statt über mögliche Strafen nachzudenken. Mir ist es generell lieber, dass wir positive Anreize setzen, anstatt beispielsweise Förderraten zu kürzen. Strafen soll­ten immer die Ultima Ratio bleiben. Der Wille bei den Produzenten ist ja da, das Thema ist angekommen.

 

Hamburg soll als Drehort bekannter werden

Machen sich die Produzenten nicht Sorgen wegen steigender Kosten?

Das ist eine sehr berechtigte Frage, weil die Produzenten im Moment wirklich auf sehr schmalem Grat unterwegs sind. Die Ansprüche, die Corona an Produktionen stellt, treiben die Kosten, hinzu kommt der Fachkräftemangel – und auch das grüne Thema ist ja nur mit einem gewissen Aufwand an Zeit und Arbeit zu haben. Insofern muss es unsere Aufgabe sein, hier möglichst ressourcensparend zu agieren, also wenig Bürokratieaufwand einzufordern und nicht jedes Detail mit einzubeziehen, sondern nur das, was wirkmächtig ist.

Im Dezember startet die Ausstellung „Close-up. Hamburger Film- und Kinogeschichten“ im Altonaer Museum – was bedeutet diese Ausstellung für den Filmstandort?

Das ist natürlich eine großartige Würdigung. So eine Ausstellung ist ja immer auch ein Schnappschuss und eine ganz wunderbare Möglichkeit, alles Revue passieren zu lassen. Ein Blick zurück, der zeigt, wie viel Potenzial und Kreativität in einem Standort zu finden sind. Ich habe mich noch nicht mit den Aufbauten beschäftigt. Ich weiß aber, dass die Kulisse von „Der Goldene Handschuh“ noch im Aufbau ist. Die Ausstellung in Altona wird sicher deutlich machen, dass der Filmstandort bereits wahnsinnig viel kann.

Vielen ist gar nicht bewusst, wie viele großartige Filme in Hamburg gemacht wurden und werden. Woran liegt das?

Das hat verschiedene Gründe. Zum einen ist Hamburg zuallererst Hafenstadt und nicht Filmstadt. Wir arbeiten daran, dass sich das vielleicht etwas ausnivelliert. Es ist unser Ansporn, durch Standortmarketing dafür zu sorgen, dass Hamburg als Drehort mehr Sichtbarkeit bekommt. Darin liegt eine große Chance. Das Gesicht der Stadt ist vielseitig. Zudem ist es vergleichsweise unkompliziert, hier auf öffentlichen Plätzen zu drehen. Wir müssen ein Willkommensklima für Kreative schaffen.

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Jan: „Das ist für mich der Ursprung der Musik“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Jan begegnet.

Protokoll: Kevin Goonewardena

 

„Ich bin in Drage in Schleswig-Holstein aufgewachsen. Als ich ungefähr acht Jahre war, hat mich mein Vater auf mein erstes Konzert mitgenommen. Ein Irish Folk-Konzert im Nachbardorf von unserem 250 Seelen Nest. Das war nur ein Trecker mit einem Anhänger als Bühne, unglaublich intim. Die Musiker haben die Leute nur mit ihren Stimmen und Gitarren in ihren Bann gezogen. Ich kannte so was gar nicht. Aus dem Fernsehen kann ich nur große Pop-Konzerte und wusste nicht, dass es da noch andere Abstufungen gibt. Auch wenn ich noch klein war, fühle ich diese Stimmung heute noch und das Gefühl, was sie damals in mir auslöste.

Für mich ist es eines der schönsten Dinge bei der Kunst ein Gefühl zu vermitteln, dass man nicht unbedingt beschreiben können muss. Das möchte ich auch mit meiner eigenen Musik erreichen. Ich möchte, dass die Leute so nah wie möglich an mich rankommen und verstehen, was ich fühle und dass sie das fühlen, was ich als Kind auf diesen intimen Konzerten gefühlt habe.

 

Fernsehshow: Unauthentisch

 

Ich hoffe, ich ermutige die Leute, zu sein wie sie sind, indem ich ihnen zeige dass ich so bin, wie ich mich gebe. Zwischen mir und meiner Kunstfigur gibt es keinen großen Unterschied. Vor drei oder vier Jahren war ich in Köln, beim Vor-Vor-Entscheid des Eurovision Songcontest – quasi der Vorstufe zu der Fernsehsendung, bei der der deutsche Kandidat gekürt wird. Dort fragte mich eine Choreografin, ob ich eine Choreografie hätte und was ich denn auf der Bühne anziehen würde. Ich hatte ein schwarzes T-Shirt an und meinte: ‚Ja das hier, was ich jetzt auch gerade anhabe‘, eine Choreografie hätte ich nicht. Als mir dann eine angeboten wurde – ich sollte Halb-Playback spielen, ohne Gitarre –, habe ich schnell gemerkt, dass ich da nicht reinpasse. Ich bin kein Pop-Star, dessen Natur es mitbringt, unnahbar und unerreichbar zu sein.

 

Ein Kreis schließt sich

 

Auch heute noch liebe ich besonders die kleinen Konzerte. Da bin ich ganz nah am Publikum und kann nachher noch mit den Leuten schnacken. Ich spiele viele Sofa-Konzerte und Gigs in Kneipen, diese kleinen Sachen ohne Barriere zwischen Künstler und Publikum. Das ist für mich der Ursprung der Musik. Dieses Irish Folk-Konzert damals war sowas, wie ein Schlüsselmoment. Später hat sich dann auch ein ein Kreis geschlossen. ich habe irgendwann auf auf einem meiner eigenen Gigs eine Frau kennengelernt. Sie war damals auch auf diesem Folk-Konzert und kannte meinen Vater und mich.”


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Das Norden Festival: Top-Musik vor Top-Kulisse

Vom 26. August bis zum 12. September gibt es Live-Kultur an einem Ort der Idylle, beim Norden – The Nordic Arts Festival

Text: Andreas Daebeler

 

Es muss nicht immer der große Star von der Insel sein. Jedenfalls nicht von der britischen, Erhebungen im Meer haben wir ja auch. Das Norden – The Nordic Arts Festival bietet traditionell Künstlern aus Hamburg, Schleswig-Holstein und den skandinavischen Nachbarländern eine Bühne. Und das ist in diesem Jahr, in dem die Pandemie das Kulturleben und die Live-Musikszene noch immer lähmt, nötiger denn je. Darum haben die Veranstalter zusammen mit der Stadt Schleswig ein ausgeklügeltes Konzept erarbeitet, die Besucherzahl begrenzt und entschieden, das Gelände weitläufiger zu gestalten. Funktioniert.

Das Ambiente des Norden sucht fraglos seinesgleichen. Schließlich wird am idyllischen Strand des Ostseefjords Schlei gefeiert. Und zwar mit einem genreübergreifenden, aktuellen Programm, einer familiären und nachhaltigen Ausrichtung sowie günstigen Tagestickets für 9,50 Euro. Das Gelände ist in die Parklandschaft der Königswiesen eingebettet. Das Festival bietet bei kleinen Preisen einen Querschnitt aus aktueller Popmusik, Straßentheater, Literatur, DIY-Kursen, Film und sportlichen Aktivitäten. Dabei sind diesmal unter anderem die dänische Band Hvalfugl mit ihrem skandinavischen Folk und Nordic Jazz und das norwegische Theaterensemble Studium Actoris. Ganz aus Litauen reisen The Schwings an.

NORDEN Festival - Konzert auf Schlei-Bühne; Foto: Nora Berries, Norden Festival

NORDEN Festival – Konzert auf der Schlei-Bühne; Foto: Nora Berries, Norden Festival

Das Norden beginnt am 26. August, es steigt an zwölf Tagen. Und es bietet ein Festival im Festival, das sich Nordpop nennt. Die Idee ist, am Wochenende vom 26. bis 29. August bekannte Musiker mit Newcomern zusammenzubringen. Alle Bands und Solokünstler kommen aus Hamburg und Schleswig-Holstein. Auf zwei Bühnen können Besucher die ganze Bandbreite aktueller Popmusik aus dem Norden erleben. Mit dabei: Tonbandgerät, Lina Maly, Helgen, Bernd Begemann, Catt und viele andere. „Der Headliner für den Samstagabend bleibt vorerst eine Überraschung und wird erst zwei Wochen vor dem Festival verkündet“, berichten die Festivalmacher Manfred Pakusius und Marno Happ.

The Nordic Arts Festival: 26. August – 12. September 2021


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Juli 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

„tanz.nord“: Tanzszene in Hamburg und Schleswig-Holstein

„tanz.nord“ heißt das Pilotprojekt, das die freie Tanzszene in Hamburg und Schleswig-Holstein nachhaltig vernetzen will. Rund 30 von einer Fachjury ausgewählte Tanzprojekte präsentieren in diesem Rahmen ihre Arbeit. Ein Gespräch mit Jurorin Mable Preach und Projektkoordinatorin Marie Kassmann

Interview: Dagmar Ellen Fischer

 

SZENE HAMBURG: Warum startet die Initiative „tanz.nord“ jetzt?

Mable Preach: Der Austausch zwischen Schleswig-Holstein und Hamburg ist in vielerlei Hinsicht groß, auch kulturell. Nur die Nische des Tanzes hat bislang wenig von der geografischen Nähe profitiert. Das war den Akteurinnen und Akteuren in beiden Bundesländern bewusst.

Die Sonderausschreibung „Tanzpakt Reconnect“ als Teil von „Neustart Kultur“ – einem Konjunkturprogramm der Bundesregierung angesichts der pandemiebedingt schweren Lage für die Kultur –, war das Zündfeuer, um dieses Defizit auszugleichen.

Wer steht verantwortlich dahinter?

Marie Kassmann: Vier Partner aus Hamburg und Schleswig-Holstein: der Dachverband freie darstellende Künste, das K3 – Zentrum für Choreographie | Tanzplan Hamburg, das Kultur- und Bildungszentrum Bad Oldesloe und das Tanz und Performance Netzwerk Schleswig-Holstein.

Was wollt ihr mit dem Pilotprojekt im Idealfall erreichen?

Mable Preach: Das Projekt zielt darauf, durch den Austausch zwischen beiden Bundesländern ein nachhaltiges regionales Touring-Netzwerk zu schaffen und die freie Tanzszene im Norden durch neue Strukturen zu stärken. Ein anderes Ziel betrifft die Publikumsentwicklung: „tanz.nord“ will neue Spielorte erschließen und richtet sich explizit an Menschen, die bis dahin wenig Kontakt zu Tanz hatten.

Wer konnte sich für eine Teilnahme bewerben?

Mable Preach: Die Ausschreibungen richteten sich ausdrücklich an professionelle Tanzschaffende, die Interesse an regionaler Vernetzung haben. Also deutsche oder internationale Künstler, die ihre Arbeit teilweise oder vollständig in einem der beiden Bundesländer verorten.

 

„Diversität ist für mich essenziell“

Mable Preach

 

Gingen viele Bewerbungen ein?

Mable Preach: Ja, es wurden fast 30 Projekte eingereicht, das entspricht einer Beteiligung von ungefähr 80 Künstlern. Die Jury wählte drei bereits fertige Produktionen als Gastspiele aus, zudem drei neue Produktionen und zwei partizipative Formate für Tanzinteressierte.

Wie kam die Jury-Besetzung zustande?

Marie Kassmann: Die vier Projektpartner schlugen Namen vor, um die am besten legitimierte Jury für „tanz.nord“ zu finden. Es war sehr wichtig, dass alle drei Mitglieder eine vielfältige Erfahrung und Expertise im Bereich Tanz haben: Mable Preach („Formation Now!“) aus Hamburg, Dörte Wolter (Perform[d]ance e. V.) aus Mecklenburg- Vorpommern sowie Emil Wedervang Bruland vom Schleswig- Holsteinischen Landestheater.

Welche Kriterien legte die Jury an, um die Teilnehmer zu ermitteln?

Mable Preach: Neben anderen Kriterien haben wir auf die Zugänglichkeit beziehungsweise Transparenz des Prozesses und den Aspekt der Innovation geachtet, aber eben auch die Nachhaltigkeit der Projekte bewertet.

Mable, was ist dir persönlich wichtig als Jurymitglied?

Mable Preach: Mir persönlich war wichtig, neben der Professionalität und den künstlerischen Aspekten, Projekte mit unterschiedlichen Perspektiven auszuwählen. Repräsentation der Diversität ist für mich essenziell in der Kulturlandschaft Norddeutschlands und darüber hinaus.

An welchen neuen Orten wird Tanz zu sehen sein?

Marie Kassmann: In der aktuellen Situation ist es schwierig, Tanz zu zeigen. Verlässlich kann ich momentan nur das Kultur- und Bildungszentrum Bad Oldesloe als Aufführungsort nennen.

Gibt es einen Plan B, falls weiterhin Beschränkungen gelten?

Marie Kassmann: Ja, die Teilnehmer erkunden digitale Alternativen. Wir hoffen sehr, im Sommer entweder im Freien oder mit limitiertem Publikum aufführen zu können. Wenn Aufführungen nicht stattfinden können, werden wir zur üblichen Alternative greifen: filmen. Egal, wie und wo: „tanz.nord” richtet sich an alle, jung oder alt, tanzbegeistert oder tanzfremd. Und alle Veranstaltungen sind kostenlos!

tanznord.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Mai 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

#MOINKINO: Kostenlos Hamburger Kinos besuchen

Bei #MOINKINO gibt es zur Wiedereröffnung Freikarten in 16  Hamburger Kinos

Text: Felix Willeke

 

Unter dem Motto „MOIN – Die erste Runde geht auf uns“ startet eine besondere Aktion zur Wiedereröffnung der Kinos. Vom 1. bis 4. Juli 2021 gibt es in Hamburg und Schleswig-Holstein in insgesamt 50 Filmhäusern Freikarten für eine Vorstellung. „Mit der Kampagne möchten wir den Neustart des Kulturortes Kino zu einem Fest machen und Hamburgerinnen und Hamburger nach der langen Zeit der leeren Leinwände zum ersten Kinobesuch einladen“, sagt der Hamburger Senator für Kultur und Medien, Dr. Carsten Brosda.

Das Kontingent an Freikarten ist begrenzt. Tickets gibt es bei den teilnehmenden Kinos, bei NDR 90,3, dem Hamburg Journal und NDR 1 Welle Nord. Aus Hamburg sind folgende 16 Kinos mit dabei:

Unter den gezeigten Filmen sind neben der neuen Komödie „Catweazle“ mit OTTO als verrücktem Magier auch zwei Premieren: Das Animationsabenteuer „Die Olchis – Willkommen in Schmuddelfing“ und die Politsatire „Curveball – Wir machen die Wahrheit“. Beide Filme laufen exklusiv bei der Aktion „#MOINKINO“ und starten erst im Laufe des Sommers in den anderen deutschen Kinos.

 

Seht hier den Trailer zu „Curveball – Wir machen die Wahrheit“

 

Mit der Aktion feiert die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein nicht nur die Wiedereröffnung der Kinos; gleichzeitig läutetet sie ihren eigenen Relaunch ein: Ab sofort heißt es nicht mehr Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, sondern MOIN Filmförderung, das MOIN steht dabei für „Moving Images North“. „Wir möchten für die Bewegtbildbranche in Hamburg und Schleswig-Holstein die bestmögliche Partnerin sein und die besten Filme und Serien in den Norden holen“, sagt Geschäftsführer Helge Albers.


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Schattenplätze in Hamburg

Es wird endlich richtig warm und bald geht es auch über 30 Grad. Bei so viel Hitze braucht es aber auch dringend eine Abkühlung. Diese zehn Plätze versprechen Schatten und vielleicht auch die Chance auf ein kühles Nass

Das Elbufer

elbufer_falkenstein-c-felix_willeke-klein
Vorne Strand und hinten Schatten: das Elbufer (Foto: Felix Willeke)

Das Falkensteiner Ufer mit seinem Leuchtturm kennen viele. Doch wer der Elbe den Rücken zuwendet, findet nicht nur im Waldpark Falkenstein viel Schatten. Das gesamte Ufer des Geesthanges zwischen Teufelsbrück und Wedel ist von kleinen Wäldern und Naturschutzgebieten gesäumt. Dazu gehören das Naturschutzgebiet Wittenbergen, der Schinckels Park oder der Hirschpark.

Waldpark Falkenstein

Die Harburger Berge

FischbekerHeide_2-c-FelixWilleke-klein
Am Rande der Hamburger Berge blüht ab Mitte August die Fischbeker Heide (Foto: Felix Willeke)

Im Süden der Stadt hat die Eiszeit den Hamburger:innen ihre „Berge“ geschenkt. Die Harburger Berge erstrecken sich in Hamburg von Harburg bis in die Fischbeker Heide und sind nahezu komplett mit Wald bedeckt. An einem der südlichsten Zipfel kann man mit dem Hasselbrack (116,2 Meter hoch) den höchsten „Berg“ der Stadt besteigen. Bis Ende der 1970er-Jahre gab es am Reiherberg sogar einen Skilift. Die ehemalige Piste ist heute noch zu sehen und wird von Wandernden, Mountainbiker:innen und im Winter von Schlitten genutzt.

Reiherberg

Die kleinen Gewässer

Kupferteich-pano-c-FelixWilleke-klein
Am Kupferteich an der Mellingbek gibt es neben Schatten auch ein kühles Nass (Foto: Felix Willeke)

Hamburg ist neben Fleeten, Kanälen und der Alster auch von vielen kleinen Gewässern durchzogen. Wer diese entdeckt, wird feststellen: Hier gibt es viel Schatten und ein kühles Nass dazu. Neben der Wandse, der Bille oder der Tarpenbek gibt es viele unbekannte wie die Saselbek, die Kollau, die Wedeler Au oder die Mellingbek. Fast alle sind am kompletten Verlauf von Bäumen gesäumt und zwischendurch gibt es auch den ein oder anderen Teich.

Mellingbek

Billetal & Sachsenwald

Billetal-5-c-FelixWilleke-klein
Im Billetal begegnen einem auch historische Bauten – zum Glück alles im Schatten (Foto: Felix Willeke)

Direkt hinter der S-Bahn-Station Reinbek beginnt das Billetal. Hier kann man entweder in Richtung Westen und damit nach Bergedorf durch den Wald wandern oder man nimmt die andere Richtung. Nach Osten geht es bald vorbei am Sachsenwaldbad, einem wunderschönen Freibad in Richtung des Sachsenwald. Das mit fast 60 Quadratkilometern nicht nur größte zusammenhängende Waldgebiet in Schleswig-Holstein bietet besonders bei schönem Sommerwetter reichlich Möglichkeiten zum Wandern im Schatten der Bäume. Teile des Waldes gehören dabei auch heute noch der Familie Bismarck und werden von ihr bewirtschaftet.

Sachsenwald

Das Alstertal

Alstertal-c-FelixWilleke-klein
Immer schön schattig: das Alstertal (Foto: Felix Willeke)

Wem speziell am Wochenende der Alsterlauf zwischen Ohlsdorf und Poppenbüttel zu voll ist, sollte nach Norden schauen. Zwischen der Burg Henneberg in Poppenbüttel und dem Naturschutzgebiet Hainisch Iland bietet das Alstertal viel Schatten und etliche Einkehrmöglichkeiten. Die ganz Sportlichen können über das Naturschutzgebiet Rodenbeker Quellental durch Duvenstedt noch weiter in den Wohldorfer Wald wandern.

Das Alstertal

Alter Elbtunnel

AlterElbtunnel-c-Mediaserver Hamburg_ThisIsJulia Photography-klein
Unter Wasser, kühl und historisch, das ist der Alte Elbtunnel (Foto: Mediaserver Hamburg/ThisIsJulia Photography)

1911 eröffnete der Tunnel von den Landungsbrücken auf die Südseite der Norderelbe. Damals sollte er Arbeiter den Weg zur Werft ermöglichen, wenn die Schiffe wegen Eis nicht über die Elbe fahren konnten. Heute ist der Tunnel ein Touristenmagnet und ein optimaler Zufluchtsort bei Hitze. Nirgendwo ist es so natürlich kühl wie im Alten Elbtunnel und auf der anderen Seite gibts zum schönen Ausblick auch noch gute Fischbrötchen. 

Alter Elbtunnel

U-Bahn Stationen

U4HafenCity-c-Mediaserver Hamburg:Ingo Boelter-klein
Nicht nur optisch eisig: In der U-Bahnstation HafenCity Universität bleibt es auch im Sommer kühl (Foto: Mediaserver Hamburg/Ingo Boelter)

Hamburg hat als eine von vier deutschen Städten eine klassische U-Bahn. Auch wenn weniger als die hälfte der Strecken in Tunneln verlaufen, bieten diese an heißen Sommertagen eine perfekte Abkühlung. Egal ob in den tiefen Stationen der U4 in der HafenCity oder bei dem Windzug der einfahrenden Bahn an der U-Bahn Stephansplatz, Abkühlung ist auf jeden Fall sicher. Dazu bieten die klimatisierten Wagen auch außerhalb der Tunnel die Möglichkeit zum Durchatmen und das beste: Ab dem 1. Juni 2022 kostet diese Abkühlung nur 9 Euro pro Monat.

U-Bahn HafenCity Universität

Speicherstadt

Speicherstadt-c-Mediaserver Hamburg_ThisIsJulia Photography-klein
Außen heißer Asphalt und innen kühle Räume, das gibt es nur im weltkulturerbe Speicherstadt (Foto: Mediaserver Hamburg/ThisIsJulia Photography)

Die Speicherstadt ist von Straßen durchzogen und besonders im Sommer fangen die Fleete bei Ebbe an zu stinken. Trotzdem gibt es hier richtig gute Schattenplätze und zwar in den Speichern. Egal ob Miniatur Wunderland,  Gewürzmuseum oder Speicherstadt Kaffeerösterei, hier ist es immer kühl. Der Grund ist historisch. In den Speichern wurden früher Waren gelagert, die nicht zu heiß oder kalt werden durften – eine Klimaanlage gab es damals noch nicht – deshalb wurden die Speicher so konstruiert, dass es nur selten wärmer als 18 Grad wird und die Temperatur fast nie unter 0 Grad fällt. 

Speicherstadt

Biergärten

Biergarten "Altes Mädchen" in Hamburg; Foto: Henning Angerer
Ein schöner Schattenplatz: der Biergarten des „Alten Mädchen“ (Foto: Henning Angerer)

Im Süden Deutschlands eine Tradition, im Norden noch selten, das sind Biergärten. Hier lässt es sich prima verweilen, bei einem kühlen Bier und herzhaftem Essen. Auch wenn Hamburg noch viel Nachholbedarf hat, gibt es auch in der Hansestadt schöne Biergärten. So zum Beispiels in der Factory Hasselbrook, beim Alten Mädchen oder den Klassiker am Landhaus Walter. Hier lässt sich wahlweise unter großen alten Bäumen oder riesigen Sonnenschirmen ein kühles Getränk genießen. 

Landhaus Walter

Moore

AhrensburgerTunneltal
Im Ahrensburger Tunneltal geht’s auf einem Floßweg durch’s Moor (Foto: Felix Willeke)

Hamburg hat fast 40 Naturschutzgebiete, darunter auch einige Moore. Diese feuchten Areale sind nicht nur ein Paradies für heimische Flora und Fauna, hier lässt es sich auch bei Hitze besonders gut aushalten. Egal ob das Wittmoor und das Raakmoor im Norden, das Schnaakenmoor im Westen oder das Ahrensburger Tunneltal im Osten, überall hier ist Abkühlung, schöne Landschaft und Natur pur garantiert. 

Ahrensburger Tunneltal


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Kommentar zur „Diversity Checklist“: Einfältige Vielfalt

Die Hamburger Filmförderung will mit verpflichtenden Fragebögen mehr Diversität in der Branche erreichen. An der Methode gibt es Kritik – zu Recht

Kommentar: Ulrich Thiele

 

Der Türke als Gangster, die Schwarzafrikane­rin als Putzhilfe, und der afro­-deutsche Schauspieler darf höchstens den Sidekick des weißen Hauptkommissars spie­len – die Filmbranche bedient zahlreiche Stereotype, das ist kein Geheimnis. Die Filmförde­rung Hamburg Schleswig-­Hol­stein (FFHSH) führt deswegen eine „Diversity Checklist“ ein. Ab sofort sind Antragstel­ler dazu verpflichtet, in einem Fragebogen Auskunft über die Diversität ihres gesamten Projektes zu geben. Ziel sei es unter anderem, Filmemacher für die kritische Überprüfung von Stereotypen zu sensibilisieren. Dazu gehören drei Bögen für die Kategorien Entwicklung, Pro­duktion und Verleih. Ich beziehe mich an dieser Stelle ausschließ­lich auf die Kategorie Produktion, in der auf die inhaltliche Ebene eingegangen wird.

 

Die Motive sind ehrenwert, die Mittel sind es nicht

 

„Mehr Vielfalt filmen und Geschichten erzählen, die sonst ungehört bleiben: Wir wollen unsere vielfältige, multikultu­relle Gesellschaft modern und in all ihren Facetten auf der Lein­wand sehen“, verkündet Ge­schäftsführer Helge Albers. In dem Fragebogen heißt es: „Wir denken, dass die Filmbranche Vorbild sein kann, um Vorur­teile gegenüber marginalisier­ten Gruppen in unserer Gesell­schaft abzubauen und ein selbst­verständliches Miteinander zu befördern.“

Die Motive sind ehrenwert, die Mittel sind es nicht. Meine Kritik ist nicht neu, und Albers hat sie offenbar bereits erwartet und versucht, sie zu entkräften. Natürlich werde es auch Filme ohne diversen Cast geben: Zum Beispiel bei historischen Stoffen. „Diversität zu fördern, bedeutet nicht, Kreativen strenge Vorga­ben zu machen“, sagte er im Interview mit der Zeit.

Das ist ein durchschaubares Manöver. Zu behaupten, nicht pädagogisch eingreifen, kei­ne Vorgaben machen, keinen Druck ausüben zu wollen – aber genau dies zu tun. Zumindest unterschwellig. Die Checkliste erinnert in ihrer Methodik an Eltern, die ihre Kinder vorder­gründig ohne strenge Regeln erziehen, sie dafür aber umso subtiler mit den Mitteln des schlechten Gewissens auf Li­nie bringen. Denn der Unter­ton wird seine Wirkung nicht verfehlen – die berühmte Schere im Kopf. Und der besagt klar: Filme mit simpler „Vielfalt ist gut“­-Message sind uns genehm, wenn du davon abweichen willst, dann kannst du das tun, aber rechtfertige dich gefälligst! Man unterschätze nicht die psychologische Wirkung, die in der Einführung einer Rechtfer­tigungsforderung liegt.

 

Kunstfreiheit?

 

Natürlich wird es ab sofort nicht ausschließlich „politisch korrekte“ Filme geben, natür­lich wird es auch ästhetisch radikale Filmkunst aus verschie­densten Perspektiven geben, die über Eindeutigkeiten und Mini­malkonsens hinausgehen. Doch diese Kunst wird es nicht we­gen, sondern trotz der Check­liste geben.

Dass die FFHSH die Wir­kung erzielen könnte, die Kunst­freiheit einzuschränken, hat sie sogar schon eingeräumt. Die Pressesprecherin der Filmför­derung wird in einem Artikel auf jetzt.de in Bezug auf die „Propaganda“­-Kritik folgendermaßen zitiert: „Wir starten damit jetzt erst mal. Nach spätestens einem Jahr werden wir die Ergebnisse evaluieren.“ Weiter heißt es im Artikel: „Dann solle sich zeigen, inwiefern sich die Diver­sity Checklist auf die Entschei­dung der zuständigen Gremien und womöglich negativ auf die Kunstfreiheit auswirke.“

Kurz: Man nimmt die mögliche Einschneidung der Kunstfreiheit bewusst in Kauf. Was treibt die FFHSH dazu? Vorauseilender Gehorsam? Oder die Angst, im Kampf um die Deutungshoheit Boden an die Rechtspopulisten zu verlieren? Langfristig scha­det die Instrumentalisierung der Kunst der offenen Gesell­schaft. Denn diese lebt auch von radikaler Kunst, die Narrenfrei­heit genießt, die ambivalent ist, die Möglichkeiten auslotet, die verstört und Gewohnheiten und Gewissheiten in Frage stellt.

Man kann es ganz einfach zusammenfassen: Stereotype durch Vielschichtigkeit bre­chen, unterschiedliche Perspektiven aus verschiedensten Mili­eus zeigen, weiße Machtstruk­turen hinterfragen – ja, all das ist wichtig und bereichert die Kunst. Und gesellschaftliche Debatten treiben dies bereits voran. Dafür braucht es keine staatlichen Vorgaben, die sich „Vielfalt“ auf die Fahne schrei­ben, aber gewollt oder unge­wollt darauf zielen, Filme weltanschaulich auf Linie zu brin­gen.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Film-Krise: „Ein schlechter Traum“

Helge Albers, Geschäftsführer der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, über die Situation der Filmbranche im Norden, das beschlossene Maßnahmenpaket zur Unterstützung der Filmbranche und das gespannte Verhältnis von Streaming und Kino

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Herr Albers, Sie haben vor knapp einem Jahr Ihre Karriere als Produzent aufgegeben, um Geschäftsführer der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein zu werden. Nun ist die Filmbranche aufgrund der Corona-Pandemie in argen Schwierigkeiten. Bereuen Sie Ihre Entscheidung?

Helge Albers: Ganz im Gegenteil. Es ist gerade jetzt wichtig, als Geschäfts­führer der Filmförderung die Situation der Produzenten zu kennen und ein Gespür für die Stimmungslage in der Branche zu haben. Das ist sicher von Vorteil, wenn es darum geht, über gezielte Förderungen und Hilfen zu entscheiden.

Das vergangene Jahr lief für den Filmstandort im Norden recht erfolgreich: „Systemsprenger“, „Der goldene Handschuh“, „Lindenberg! Mach dein Ding“ sind allesamt erfolgreiche, preisgekrönte Filme, Sie haben die Filmförderung neu aufgestellt und sogar Warner Bros. als Förderer gewonnen. Nun ist plötzlich die gesamte Filmbranche in Gefahr. Wie haben Sie die vergangenen Wochen erlebt?

Ich stehe jeden Morgen auf und denke: Das kann doch wohl nicht wahr sein! Das ist ein schlechter Traum! Corona trifft unsere Branche mit voller Härte – und zwar umfassend. In jedem Bereich, von der Produktion bis zur Auswertung in den Kinos und im Home Entertainment ist die Filmbranche be­troffen.

Ein Film entsteht in Teamar­beit, aber niemand darf mehr zusammen arbeiten. Wir sind auf Publikum angewiesen, aber niemand darf mehr ins Kino. Eine komplette Branche ist auf null heruntergefahren – und zwar von einem Tag auf den anderen.

Aus der Filmbranche ist zu hören, dass es sich um die größte Krise in der Geschichte des Films handelt. Wann haben Sie den Ernst der Lage erkannt?

Uns im Haus war sehr schnell klar, dass das ein absoluter Einschnitt ist, und wir uns schnell damit auseinander­setzen müssen. Wir haben direkt mit einer Umfrage in der Branche reagiert, um zu erkennen, welche Dimension an Ausfällen uns da erwartet.

Dann haben wir damit begonnen, die Hilfsprogramme aufzusetzen. Inzwischen sind wir mitten in der Umsetzung. Wir stehen in permanentem Kontakt zu unseren Antragstellern, ob Kinos oder Produzenten. Was wir nicht wissen, ist, wie und wann es weitergeht.

Stellen Sie denn durch das kürzlich beschlossene Maßnahmenpaket eine Beruhigung innerhalb der Branche fest?

Zum jetzigen Zeitpunkt können wir das noch nicht beurteilen. (Das Interview fand am 7. April statt, Anm. d. Red.) Wir hoffen aber, dass die Krise durch die Summe an Hilfsmaßnahmen auf ein erträgliches Maß reduziert wird. Wir müssen alle Maßnahmen so bündeln, dass sie wirklich helfen. Es muss helfen! Wir als Filmförderung leisten unseren Beitrag zur Stabilisierung. Wir können allerdings nicht alle Ausfälle komplett ersetzen.

 

„Die Ungewissheit macht es schwer, mit Corona umzugehen“

 

Das besagte Maßnahmenpaket, das Sie am 3. April gemeinsam mit den Kulturbehörden Hamburgs und Schleswig-Holsteins vorgestellten, hat einen Umfang von 3,7 Millionen Euro. Ohne die Summe kleinreden zu wollen: Für wie lange, schätzen Sie, reicht das?

Die Frage ist, bis wann muss es denn reichen? Da wir diese Größe nicht kennen, vermag ich die Frage auch nicht wirklich zu beantworten. Das Maßnahmenpaket ist eine Soforthilfe, gestrickt unter dem Eindruck einer akuten Schieflage, bei der sehr schnell gehandelt werden musste. Nicht mehr und nicht weniger. Der Faktor der Ungewissheit macht es schwer, mit Corona umzugehen. Das betrifft alle Beteiligten – nicht nur uns.

Worin besteht das Maßnahmenpaket denn?

Der Grundgedanke des Maßnahmenpaketes ist, dass man Ausfälle aus­gleichen muss. Im Produktionsbereich sind das zum Beispiel Ausfälle durch Drehabbrüche und -­verschiebungen. Ein Dreh ist ein sehr komplexes Gebilde, mit vielen Akteuren, und einem sehr hohen organisatorischen Aufwand und Vorlauf.

Es kann sein, dass die Produktionsteams bis zum Herbst oder Spätherbst warten müssen, bis sie wie­ der drehen können. Wir wollen ihnen, so gut es geht, unter die Arme greifen. Eine weitere Maßnahme sind die Soforthilfen für die Kinos in Hamburg: Hier sollen die aktuellen Erlösausfälle aufgefangen oder zumindest gemildert werden. Und die dritte Maßnahme – das sogenannte 3×3­-Programm – ist ein neues Förderprogramm mit dem wir in der Zeit des Stillstands mehr Drehbücher fördern und damit neue Filmprojekte anschieben.

Wie verhält es sich denn mit den Maßnahmen? Gilt das Prinzip, wer zuerst kommt, mahlt zuerst, oder wird nach konkreten Richtlinien priorisiert?

Wir haben zwei Grundsätze, nach denen wir alle unsere Entscheidungen treffen: Das ist zum einen die Qualität und zum anderen die Wirtschaftlichkeit. Wobei die Wirtschaftlichkeit in diesem Fall gesondert betrachtet werden muss: Anders als sonst, spielt hier die Frage der Bedürftigkeit eine Rolle. In einer konkreten Antragssituation schauen wir uns also Fall für Fall an, und wägen dann ab. Wir werden mit dem Geld, das bewilligt wird, nicht alle zu 100 Prozent befriedigen können. Das kann diese Summe einfach nicht leisten.

Sie sagten eingangs, dass sie in engem Austausch mit Produzenten stehen. Was sagen die zu den Maßnahmen?

Mein Eindruck ist, dass ein Großteil noch mit dem Sortieren und Analysieren der Lage zu tun hat, in der sie gerade stecken. Einige waren mitten im Dreh und mussten abbrechen, andere hatten den nächsten Dreh demnächst vor und müssen diesen nun auf unbestimmt verschieben. Andere wiederum waren erst im Development, und haben den Dreh ohnehin erst im Herbst geplant. Die rechnen entweder noch damit, dass sie weiter nach Plan arbeiten können, oder spekulieren damit, dass es anders kommt.

Insgesamt nehme ich eine große Unsicherheit wahr. Wir als Förderung sind deshalb gefragt, ein Stück weit Stabilität und Kontinuität zu gewährleisten und Pfeiler aufzustellen, die dabei helfen den Sturm zu überstehen.

Sprechen wir über einen dieser Pfeiler: Die Unterstützung für die Hamburger Kinos. Diese betrifft ja nur die Hamburger Lichtspielhäuser, die in den vergangenen drei Jahren mit dem Kinopreis ausgezeichnet wurden. Was ist mit den anderen?

Das Hilfsangebot gilt auch für Arthouse­ und Programmkinos, die keinen Kinopreis erhalten haben. Aus diesem Grund steht in der entsprechenden Passage auch ein weiterer Passus, der explizit weitere Kinos einbezieht.

In dem Absatz heißt es: „…sowie kulturell herausragenden stadtteilbezogenen Filmtheatern.“ Damit sind die UCI- und Cinemaxx-Gruppe wohl nicht gemeint, oder?

Das sind bundesweit agierende Unternehmen. Wir sind vor allem den kulturell agierenden Kinos gegenüber verpflichtet. Etwas überspitzt gesagt, denke ich, dass wir mit unserem Etat etwa die Monatsmieten der Cinemaxx­-Gruppe bedienen könnten. Das sind Player auf dem Markt, für die die Filmförderung nicht unbedingt gedacht ist und für die andere Hilfsmechanismen benötigt werden. Aber auch in diesem Segment möchte ich die Probleme nicht klein­reden. Corona ist da ein Gleichmacher, der die großen Häuser genauso trifft wie die kleinen.

 

„Ich rechne damit, dass wir ein tolles Filmfest in Hamburg haben werden“

 

Wird es in diesem Jahr eigentlich ein Filmfest in Hamburg geben?

Ich bin ein optimistischer Mensch. Ich rechne also damit, dass wir im September/Oktober ein tolles Filmfest in Hamburg haben werden. Das Kurz­filmfestival wurde bereits auf November verschoben und wird in kleinerer Form stattfinden.

VRHAM! – das Virtual Reality & Arts Festival erarbeitet eine Online­-Variante als Ersatz, auf die ich sehr gespannt bin. Bei aller Schwierigkeit, die die ganze Situation um Corona mit sich bringt, glaube ich, dass die digitalen Möglichkeiten sich bei einigen verstärkt entwickeln und auch langfristig Wirkung zeitigen werden.

Was im Moment mehr als gut läuft, ist das Streaming. Die Steigerungsraten der Streaming-Anbieter sind in Corona-Zeiten immens. Nutzen auch Sie Streaming-Angebote?

Ja, ich nutze verschiedene Stream­ing-­Angebote, je nachdem was mich gerade interessiert. Ich schaue auch oft bei den Öffentlich­-Rechtlichen vorbei. „Bad Banks“ ist eine Serie, die ich gern gesehen habe. Kürzlich habe ich die Se­rie „Unorthodox“ gesehen. Mochte ich sehr. Ich glaube, es ist unerlässlich, dass man ein Verständnis dafür hat, was auf den Streaming-­Plattformen stattfindet.

Man hat das Gefühl, es ist zu einer Glaubensfrage zwischen praktizierenden Cineasten und Streaming-Jüngern geworden. Wie sehen sie das als Filmförderer?

Grundsätzlich ist es so, dass sich die Branche durch die Streaming-­Anbieter verändert hat. Vorher gab es ein ein­gespieltes Muster: Es war klar, wer was finanziert oder eben nicht, es gab klare Entscheidungs-­ und Handlungsabläufe – und das blieb auch weitestgehend so.

Dann kam ein großer, neuer Mitspieler auf den Markt, der über sehr viel Geld verfügt, sehr schnell agiert und sehr viel Freiräume lässt – gerade was das kreative Arbeiten angeht. Einerseits eröffnet diese Entwicklung einen Raum neuer Möglichkeiten, andererseits zieht jede Positivmeldung oft auch eine Negativ­meldung mit sich, die oft aber nicht weit durchsticht.

Zum Beispiel?

Es ist deutlich schwerer geworden, qualifizierte Mitarbeiter zu wettbe­werbsfähigen Preisen zu bekommen und langfristig zu binden – gerade für unabhängige, kleinere Produktionen. Und die Vertragsbedingungen der Streamer lassen manchmal sehr zu wünschen übrig.

Einige in der Branche sind der Ansicht, man dürfe nicht zulassen, dass die Krise den endgültigen Durchbruch für Netflix, Amazon und all die anderen Plattformen bedeutet. Wenn die Leute sich erst einmal daran gewöhnt haben, dass sie das Kino nicht brauchen, könne es sehr hart werden, sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Die Entwicklung erhöht zumindest die Notwendigkeit, dass das Kino sein Alleinstellungsmerkmal stärker betont – und damit meine ich sowohl Filme, die im Kino laufen, als auch den Ort an sich. Wir stehen als Branche in der Pflicht, Filme zu produzieren, die kino­tauglich sind und nur an diesem Ort wirklich Sinn machen. Das Publikum weiß, dass man einige Erlebnisse nur im Kino voll genießen kann. Ich hoffe, dass nach der Zeit des Social Distancing die Leute wieder richtig Lust auf das Ge­ meinschaftserlebnis Kino haben.

Machen Sie sich Sorgen um das Kino?

Langfristig mache ich mir wenig Sorgen. Wir haben auch in den vergangenen zwei Jahren gesehen, dass das Kino durchaus widerstandsfähig ist, auch dem Streaming gegenüber.

Was macht Sie da so sicher?

Die große Stärke des Kinos ist das gemeinsame Erlebnis. Die Frage lautet für mich nicht ob, sondern wann das Publikum wieder in der Lage und bereit sein wird, ins Kino zu gehen. Ein Problem ist, dass die großen Filme alle erst mal nicht im Kino laufen werden, da sie in den Herbst oder gar ins nächste Jahr verschoben worden sind. Ein Kino braucht aber eine bestimmte Reihe starker Titel, die eine Masse an Publi­kum anzieht. Es wird für die Kinos also vorerst schwierig bleiben. Wichtig wird aber auch sein, dass die Kinos darüber nachdenken, wo digitale Geschäfte liegen, die in der Logik der Kinoaus­ wertung funktionieren.

Es gibt ja erste Angebote, wie Kino on Demand oder #hilfdeinemkino. Haben Sie da Rückmeldungen bekommen, inwieweit diese Aktionen den Kinos helfen?

Was ich weiß, ist, dass diese Aktio­nen ganz gut angenommen werden. Es gibt hohe Klickzahlen und eine wahn­sinnig große Bereitschaft vom Publikum, über Gutschein­-Käufe, Crowd­funding­-Aktionen, oder Video on Demand­-Kooperationen den Kinos zu helfen. Die Kundenbindung zwischen den Kinos und den Zuschauern erweist sich als sehr stark. Kinogänger sind sehr loyal.

 

Pelkanblut-filmszene

Der Starttermin des Kinofilms „Pelikanblut“ mit Schauspielerin Nina Hoss (Mitte) musste, wie viele andere auch, vorerst verschoben werden

 

Angenommen alles pendelt sich wieder ein: Wo möchten Sie mit der Filmbranche im Norden in fünf Jahren gern stehen?

(Längere Pause) Die Frage hätte ich vor vier Wochen sicherlich anders be­antwortet als im Moment. Vom jetzigen Zeitpunkt aus gesehen, wünsche ich mir vor allem eine stabile Branche, die klare, sichere Finanzierungs­ und Auswertungsperspektiven hat.

Grundsätzl­ich wünsche ich mir eine Branche, die am Puls der Zeit ist und sich offen zeigt für neue Modelle, die mutig ist in den Stoffen, die sie anfasst und in den For­maten, die sie wählt. Das betrifft sowohl die Produzenten als auch die Kinos und Verleiher. Es tut gut, immer wieder den Horizont zu erweitern und neue Ansät­ze zuzulassen, eine Veränderung zu akzeptieren und darauf zuzugehen statt sie sofort auszuschließen und abzublocken.

Auf welchen Film, der nun im Kino wäre, hatten Sie sich am meisten gefreut?

„Pelikanblut“ von Katrin Gebbe. Das ist ein Verlust. Der wird nun erst mal verschoben. Aber er wird ins Kino kommen, da bin ich mir sicher. Der lohnt sich wirklich. Ein toller Film.

Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?