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Christian: Von der Straße zum „TikTok-Jesus“

Lustige Tänze, virale Trends und Christian, der mit einer Dornenkrone auf dem Kopf Jesus parodiert. Unbeschwert ist sein Content auf TikTok aber nicht. Christian blickt auf Jahre der Obdachlosigkeit, Drogenexzesse, Knast und Depressionen zurück. Eine Geschichte von der Flucht in die Kreativität 

Text: Henry Lührs

„Brauche Geld für Gras” hat Christian mit dunkelgrüner Farbe auf ein massives Holzschild gesprüht, mit dem er sich fast täglich in die Fußgängerzone setzt. Im Jahr 2016 hat er noch blondierte, wuschelige Haare und lebt auf der Straße. Damals immer mit dabei: sein Becher für Kleingeld. Häufig bleiben Leute stehen, fotografieren ihn und werfen ihm eine Münze zu. Die Fotos landen auf Social Media und in der Zeitung. In der Schanze wird Christian eine kleine Berühmtheit. Manche Menschen kommen damals extra ins Viertel, nur um ihn und das Schild zu sehen, berichtet Christian ungläubig, aber mit Stolz in der Stimme. „Die Leute finden es lustig, kreativ, provokant, aber eben auch ehrlich“, blickt er zurück.

Wie ehrlich, ist den meisten dabei gar nicht so bewusst. Christian hat seit Jahren eine schwere bipolare Störung mit depressiven Episoden. Mit CBD, einer nicht-psychoaktiven Substanz aus Cannabis, versucht er seine Symptome zu lindern.

„Ehrlich sein reicht auf der Straße aber nicht aus“, sagt Christian. Ein Schild mit „Ich habe Hunger“, sei viel zu unkreativ. Das Gefühl von schlimmem Hunger kennt er, aber weiß auch: „Die Menschen wollen unterhalten werden.“ Natürlich gebe es auf der Straße immer Menschen, die einen nachahmen würden, erzählt er: „Ich habe dann aber einfach die verschiedensten Sachen und Sprüche ausprobiert.“ Unweit der S-Bahn-Station Sternschanze setzt er sich zum Beispiel auf einen großen Stromkasten, tauscht sein Schild gegen eine Angel und befestigt daran seinen Becher. Für jede geangelte Münze gibt er den Menschen noch einen netten, lustigen Spruch mit auf den Weg. Die Idee geht auf, wieder finden die meisten Leute Christian lustig und kreativ. „Dieser Typ mit der Angel. So behalten die Leute mich im Kopf.“

Das Gefängnis bringt Veränderung

Während er tagsüber auf seinem Stromkasten sitzt, schläft er nachts im Schanzenpark unter freiem Himmel oder sucht sich Unterschlupf unter einer Brücke. Auch in der Kneipe „Clochard“ auf der Reeperbahn findet er gelegentlich einen Schlafplatz. Um von A nach B zu kommen, nutzt er die öffentlichen Verkehrsmittel. Eine Fahrkarte hat er dabei oft nicht. Dass ihm das zum Verhängnis werden sollte, ahnt Christian nicht.

Mit einer normalen Ausweiskontrolle ändert sich für ihn alles. „Wegen des Schwarzfahrens war eine vierstellige Summe fällig“, sagt er. Verurteilt wurde er dazu in Abwesenheit. Die Geldstrafe kann er nur zu einem kleinen Teil begleichen. „Eineinhalb Jahre habe ich eine sogenannte Ersatzfreiheitsstrafe absitzen müssen.“ Auch wenn die Zeit im Gefängnis für Christian mit vielen Ungerechtigkeiten zusammenhängt, berichtet er von dieser Lebensphase mit Fassung.

„Das einzig Gute am Knast war, dass ich das erste Mal in meinem Leben einen Betreuer zur Seite gestellt bekommen habe. Durch ihn habe ich es auch geschafft, Grundsicherung zu beantragen.“ Das Gefängnis verändert ihn, er möchte raus aus der Obdachlosigkeit, auch mit dem Becher soll Schluss sein: „Ich bin weg von den harten Drogen und habe alle Kontakte abgebrochen, die nicht gut für mich waren.“

Direkt bei der Sternbrücke findet er ein kleines WG-Zimmer. Die Wände sind unverputzt und es bebt, wenn ein Zug vorbeifährt. „Mein Computer-Bildschirm fängt dann immer an zu flackern“, erzählt Christian. Für ihn ist das aber mehr oder weniger zweitrangig: „Endlich ein Raum, in dem ich alleine bin und mich zurückziehen kann.“ Mittlerweile weiß er, dass der ständige Stress auf der Straße und die Schutzlosigkeit starke Trigger für seine Krankheit sind.

Vom „Typ mit der Angel“ zum TikTok-Jesus 

Mit dem Beginn der Corona-Pandemie beschließt er, sich verschiedene Accounts auf Social-Media-Plattformen einzurichten. Vor allem auf TikTok steigt seine Reichweite rasant. Unter dem Nickname „TikTokJesus“ veröffentlicht er satirische Videos und berichtet aus seinem Alltag. Auf seine mittlerweile langen, lockigen braunen Haare setzt er sich gelegentlich eine Dornenkrone. In der Rolle von Jesus gibt er unterhaltsame Antworten auf die teils absurden Fragen seiner Follower: „Wird man im Himmel dick?“ oder „Ist es eine Sünde vor der Polizei zu furzen?“.

Die Kritik an der Kirche ist in seinen Videos dabei omnipräsent, mal offensichtlich, mal subtil. Provokation und Kreativität sind für Christian ein Ventil, um mit schwierigen Themen umzugehen. Die Idee der Jesus-Parodie sei durch seine eigene streng katholische Erziehung inspiriert worden, die Kirche verbindet er mit einer Reihe negativer Erlebnisse.

Neben einer schwierigen familiären Situation hat er lange mit heftigem Mobbing zu kämpfen. Die Kirche ist für ihn in dieser Zeit alles andere als ein Zufluchtsort: „Dieselben Leute, die mich schon den ganzen Tag über gequält haben, konnten damit nach Schulschluss im Kommunionsunterricht weitermachen.“

Besonders seine Jesus-Parodie führt aber mit steigendem Bekanntheitsgrad zu heftigen Reaktionen. Dass nicht alle gelassen auf seine Videos reagieren würden, war ihm bewusst, doch die negativen Nachrichten werden ihm irgendwann zu viel. Es geht so weit, dass er sogar auf der Straße angepöbelt wird. „Social Media ist schwierig: Einerseits gibt es viel Interesse und Zuspruch, andererseits wird man durchgehend bewertet und irgendwann kommt immer der Hass“, sagt er.

Sogar eine Morddrohung mit konkreten Ortsangaben bekommt Christian. Er erstattet Anzeige. Einschüchtern lassen möchte er sich davon aber nicht: „Von den Drohungen irgendwelcher Fanatiker, möchte ich mein Leben nicht beeinflussen lassen.“ Immer wieder würden seine Videos aber gemeldet werden. Sein Account mit über 90.000 Followern wird daraufhin immer wieder gesperrt. Dagegen kann Christian nichts ausrichten: „Die ständigen Sperren haben sich auf meine Reichweite ausgewirkt, sodass ich letztendlich niemanden mehr erreichen konnte.“ Die einzige Lösung für ihn – ein neuer Account.

Für Christian ist diese Entscheidung mit einem Neuanfang gleichbedeutend. Ihm ist wichtig, dass keiner glaubt, er selbst hätte aufgegeben aus Angst vor dem Hass. TikTok möchte er jetzt nutzen, um mehr von sich erzählen und über seine Krankheit und das Leben auf der Straße aufzuklären.

Social Media reicht zum Leben nicht aus

Auf seinem neuen TikTok-Kanal „MeinBrainundIch“ ist die schwierige Wohnungssuche in Hamburg gerade eines der wichtigsten Themen. Aus seiner WG muss er nämlich raus. Sein Mietvertrag ist bereits ausgelaufen, ausziehen möchte er aber vorerst nicht. „Das komplette Haus soll abgerissen werden und dem Neubau der Sternbrücke weichen“, vermutet er. Auf eine Abrissverfügung wartet er noch. Auch wenn seine Situation aktuell nicht einfach ist, geht es in seinen Videos längst nicht mehr nur um ihn. Die Mietenpolitik in Hamburg allgemein sei ein großes Problem: „Wie soll man in dieser Stadt noch eine bezahlbare Wohnung finden?“, sagt er empört.

Durch Social Media zu merken, dass er mit seinen Problemen meistens nicht alleine ist, hilft Christian. Nicht nur unterstützende Worte bekommt er von seinen Followern, einige überweisen ihm auch etwas Geld per PayPal oder geben Hinweise auf eine Wohnmöglichkeit. Auch eine Amazon-Wunschliste hat Christian sich eingerichtet. Ausgewählte Produkte können ihm hier direkt an eine Packstation gesendet werden. Auf der Liste steht neben Lebensmitteln und Technik auch ein aufblasbares Kackhaufen-Kostüm. Er sagt schmunzelnd: „So was unterhält die Leute im Livestream“. Die schönste Sachspende, die ihm aber bisher von einem Follower zugeschickt wurde, ist für ihn ein Fantasyroman. „Über Bücher freue ich mich immer.“

Auch wenn ihm mittlerweile wieder über 15.000 Menschen folgen, ist es für Christian reines Wunschdenken von Social Media seinen Lebensunterhalt zu finanzieren: „Diesen Monat hat es gerade so gereicht zum Leben.“ Die nächsten Monate machen ihm in einer Zeit, in der sowieso alles teurer wird, große Sorgen. Er sei vor Kurzem das erste Mal seit zwei Jahren wieder mit dem Becher draußen gewesen, erzählt er beschämt. Für den Notfall hat Christian sich bereits im Männerwohnheim angekündigt.

Er spielt aber auch mit dem Gedanken, Hamburg komplett hinter sich zu lassen. Das 9-Euro-Ticket möchte er dazu nutzen, um auch Optionen außerhalb in Betracht zu ziehen. Reisen nach Bremen oder Köln wären sonst viel zu teuer gewesen. Wohin es Christian letztendlich verschlägt, davon wird er auf seinem TikTok-Kanal berichten.

@meinbrainundich auf TikTok


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Hamburgerin des Monats: Anne Krüger-Vonderau vom Mitternachtsbus

Im November feierte das spendenfinanzierte Projekt „Mitternachtsbus“ der Diakonie Hamburg seinen 25. Geburtstag – und Anne Krüger-Vonderau 20 Jahre Ehrenamt gleich mit. Ein Gespräch über gesellschaftliche Verantwortung

Text & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Frau Krüger-Vonderau, Gratulation zu 20 Jahren Mitternachtsbus!

Anne Krüger-Vonderau: Fast zwanzig Jahre. Ganz korrekt fehlen zwei Monate. Aber ich fühle mich schon als 20-Jährige (lacht). Ich wurde auch auf dem 25-jährigen Jubiläum, das wir vor dem Michel gefeiert haben, in die Gruppe aufgenommen, die schon seit 20 Jahren dabei sind.

Wie viele Einsätze sind Sie seit 2001 gefahren?

Wie die meisten fahre ich einmal im Monat. Wenn man berufstätig ist und denkt, ich will was für die Gesellschaft leisten, kann man das ganz gut machen. Also 20-mal 12 sind 240 Einsätze. So Pi mal Daumen (lacht).

Wie läuft ein Einsatz ab?

Wir bereiten gegen 18.45 Uhr die Tour vor. Um 20 Uhr starten wir, holen belegte Brötchen und Kuchen von einer Bäckerei, fahren zur Bahnhofsmission. Manchmal haben die Sachen für uns. Gegen 20.15 Uhr ab zur ersten Platte. Das geht tatsächlich bis Mitternacht. Manchmal auch bis 1 Uhr, je nachdem wie groß der Andrang ist. Und wie viele Gespräche stattfinden.

Platte ist der Ort, an dem Obdachlose schlafen?

Richtig. „Ich mach Platte“ heißt, ich schlafe, meist alleine, an einem Ort irgendwo versteckt. Das war ein Grund, warum der damalige Landespastor Dr. Stephan Reimers in den Neunzigern den Mitternachtsbus gegründet hat. Und das Spendenparlament und das Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“: Als Folge der Wende herrschte Wohnungsnot, die Leute lagen überall verteilt in der Stadt, es gab viele Tote. Wir versuchen, diese Orte rauszukriegen, fahren die Platten ab. Unsere Idee der Betreuung ist Grundversorgung und Ansprache als aufsuchende Hilfe: Wenn jemand in seinem Schlafsack liegt, fragen wir ihn: Sollen wir Ihnen was bringen?

 

Das Ziel: Wohnungen für alle

 

Haben Sie noch Gäste der ersten Stunde?

Man lebt nicht so lange auf der Straße. Wenn man jemanden länger kennt, beobachtet man, dass die Verwahrlosung in Wellen stattfindet. Wenn man keine Wohnung hat und ein Alkoholproblem, stirbt man häufig auf der Straße. Es gibt wenig ganz Alte. Zum Volkstrauertag war auch ein ökumenischer Gedenkgottesdienst in Eimsbüttel für die auf der Straße Verstorbenen. Da kommen einige zusammen über das Jahr.

Ihre Gäste sind alle obdachlos?

Manche haben eine eigene Wohnung und kommen wegen der sozialen Kontakte. Die schauen vorbei, holen sich einen Kaffee, klönen und fahren mit der letzten S-Bahn nach Hause. Das Ziel sollte sein, dass alle eine Wohnung bekommen. Jetzt gibt es das erste Projekt von „Hinz&Kunzt“, wo 24 Obdachlose eine Wohnung haben. Nach 25 Jahren! Das ist doch Wahnsinn. Housing First heißt das. Wir konnten kurz vor dem Einzug das Haus besichtigen. Toll, dass das mit unserem Jubiläum zusammenfällt.

Wie wurde das Haus finanziert?

Einzelheiten zur Finanzierung kenn ich nicht. Alle Bewohner haben unbefristete Hamburger Mietverträge. Das können sie über den Verkauf von „Hinz&Kunzt“ oder andere Sachen finanzieren. Das Wichtigste bei Housing First, wie ich von Sozialarbeitern gelernt habe: Sobald man einen festen Ort hat, kann man sich endlich um die anderen Sachen kümmern. Viele haben Ansprüche wie Renten oder Arbeitslosengeld, aber keinen „Perso“. Jetzt haben sie einen Ort, wo man mit ihnen planen kann. Wo sie selbst Ziele entwickeln können. Das geht auf der Straße nicht.

 

Frauen auf der Straße sind unauffälliger

 

Haben sich die Gäste geändert in den Jahrzehnten?

Durch die europäische Grenzöffnung sind es viele Männer aus Osteuropa. Die können kein Deutsch, haben keine Chance auf dem Arbeitsmarkt und fallen durch das Netz. Wir haben viele Ältere. Es gibt auch Frauen auf der Straße, aber die sind unauffälliger. Jüngere Leute weniger, kommt aber auch vor.

Was machen Sie, wenn Stammgäste verschwinden?

Wir machen uns Sorgen, informieren die Straßensozialarbeiter. Die starten einen Rundruf in den Krankenhäusern. Viele sind natürlich, wie man früher sagte, Tippelbrüder. Die sind unterwegs. Manche sagen, ich war jetzt zwei Monate Richtung Süddeutschland unterwegs. Dann kehren sie zurück in die Anonymität der Stadt.

Obdachlose machen auch innerhalb der Stadt ganz schön Strecke.

In Hamburg gibt es unheimlich viele Anlaufstellen. Dafür müssen sie sich bewegen. In Harburg wird ein Superfrühstück angeboten, dann fährt man morgens dahin. Später zum Mittagstisch nach Altona. Die müssen schon ein büschen plietsch sein, um sich zu organisieren und sind dann wirklich in ganz Hamburgs unterwegs.

 

„Ich versuche, mich aus Selbstschutz zu distanzieren“

 

Sind in den Jahrzehnten Freundschaften entstanden?

Ich versuche, mich aus Selbstschutz zu distanzieren. Ich habe in der Schule als Beratungslehrerin gearbeitet, und weiß, dass das ganz wichtig ist. Dass man sich nicht in seinem Helfersyndrom verliert. Man muss das professionell machen, wenn man was bewirken will. Ansonsten wird man aufgesogen von den Bedürfnissen des anderen. Ich bin voll da, wenn ich fahre, aber ich würde keine Beziehungen aufbauen, die darüber hinausgehen.

Sind Sie noch anderweitig sozial engagiert?

Ich arbeite in der Flüchtlingshilfe, bin in der Christianskirche in Ottensen aktiv, auch seit über 20 Jahren im Chor (lacht). Da gibt es das Willkommenskulturhaus, wo Geflüchtete Sprachunterricht nehmen können. Es soll politische Bildung auf Augenhöhe stattfinden. Man kann sich auch mit wenigen Sprachkenntnissen über die Situation in ihren Ländern und in Deutschland austauschen.

Was treibt Sie an?

Ich habe fast 40 Jahre als Lehrerin gearbeitet. Ich habe eine gute Pension. Mir geht es gut. Ich finde, wir müssen mehr gesellschaftliche Aufgaben übernehmen. Auch wir Oldies. Ich muss nicht mit dem Wohnmobil durch Europa fahren. Ich denke: Ey, das kann doch nicht alles der Staat regeln. Früher haben wir immer diskutiert: Die Obdachlosen, das geht doch nicht, da müssen doch die Behörden was machen. Irgendwann legte sich der Schalter um: Wir sind Teil dieser Gesellschaft und dieser Behörde. Ich bin fit und will etwas zurückgeben. Ich will da auch kein Geld dafür. Wir würden sozial verwahrlosen, wenn wir alle nur noch individualistisch sind. Das soll jetzt nicht sozialromantisch klingen. Ich finde, man kann einfach was tun.

 

Das Angebot ist konstant

 

Hat sich das Angebot des Mitternachtsbusses im Lauf der Jahrzehnte verändert?

Das ist total witzig. Das ist konstant. Wir haben immer heiße Getränke an Bord. Kaffee, Tee, Kakao, alles Fairtrade. Korrekt und eine gute Qualität. Brühe und diese herrlichen, supersüßen Zitronentees (lacht). Coronabedingt zahlt die Sozialbehörde Lunchtüten. Dann gibt es immer Kleidung an Bord für den Notfall. Wenn da jemand liegt und der hat keine Socken an, dann kriegt er Socken von uns. Isomatten, Schlafsäcke und Decken natürlich. Damit die die nicht einfach liegen lassen, müssen sie einen kleinen Obolus entrichten.

Was gibt es an Weihnachten?

Da gibt es meist einen Schokoweihnachtsmann, wie an Ostern Ostereier. Heiligabend ist ja immer ein ganz besonderer Tag. Ich muss da natürlich mit meiner Familie feiern (lacht). Aber ich finde das so toll, dass einige sagen: Heiligabend bedeutet mir nichts, da fahr ich einfach in einem zusammengewürfelten Team die Platten ab.

mitternachtsbus-hamburg.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Volker: „Sie schützen die Menschenrechte vor den Menschen“

Volker ist seit sechs Jahren obdachlos und wohnt aktuell im Bedpark Hostel, einem Hotel, das auch Menschen ohne Zuhause beherbergt. Das Winternotprogramm der Stadt Hamburg lehnt er ab

Text & Foto: Markus Gölzer

 

Volker kommt bestens vorbereitet zum vereinbarten Gesprächstermin und händigt neben einer handlichen „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ der Vereinten Nationen ein selbst verfasstes Pamphlet zu dem Thema aus. Auf den ersten Blick wirkt er hinter seinem langen Bart jünger als 65. Auf den zweiten auch. Antworten kommen schnell und präzise, der Tonfall bleibt entspannt. Wenn er über eine Frage nachdenken muss, wiederholt er sie, um zügig druckreif Stellung zu beziehen. Dabei bewahrt er eine leicht ironische Distanz, auch zu sich selbst.

Wie bei der Schilderung seines Wegs vom Selbstständigen zum Obdachlosen: „Ich hatte ein nicht regelkonformes Hobby: Ich habe mich mit Schwarzfahren beschäftigt. Dann kam irgendwann der Haftbefehl. Für meine Logik und mein Rechtsverständnis muss erst ein Urteil da sein, bevor ein Haftbefehl ausgestellt wird. Ich hätte das die ganze Zeit abwenden können, weil ich immer Geld auf der Seite hatte. Aber die Gerichte haben sich einen Scheißdreck um meinen Widerspruch gekümmert.“ Volker tauchte unter, wurde nach einem halben Jahr am Altonaer Bahnhof abgegriffen, landete im Gefängnis, dann auf der Straße.

Sein altes Leben, samt Bauernhof als Altersruhesitz, ist vorbei. Er hat ein neues bekommen, von dem er hofft, dass er es nach seinen Wünschen gestalten kann. So gründete er einen „Mobilen Trommelkreis“, der gut lief, bis Corona kam. Als weitere Idee würde Volker gern eine Bewegung ins Leben rufen. Eine, die die Ursachen der Obdachlosigkeit bekämpft, nicht nur die Symptome.

 

Sich entfalten können

 

Die Menschenrechte sagen in Artikel 25, dass jeder ein Recht auf eine Wohnung hat. Volker fordert nicht nur Wohnraum, der bezahlbar ist, sondern bedarfsgerecht. Wo sich die Menschen entfalten können, ihr Selbstvertrauen zurückgewinnen: „Was bedarfsgerecht ist, muss jeder Mensch selbst entscheiden. Ich möchte eine Wohnung, wo ich lauter sein kann. Wegen dem Trommeln. Ist ja bekannt, dass das nicht unbedingt leise ist.“ Hierzu würde er gern eine Kundgebung organisieren vor dem Hamburger Rathaus. Seine Vision: Viele Obdachlose kommen zusammen und jeder baut ein Tiny House am Rathausmarkt. Drei Monate lang.

Kraft schöpft er im Café Augenblicke, einem Begegnungscafé, wo er regelmäßig isst und Bekannte trifft. „So richtig Obdachlosentagesstätten mag ich nicht unbedingt. Ich glaube, das bekommt einem nicht so gut. Das hat mit den Gesprächsthemen zu tun. Es sind wenig Gespräche, wie man aus der Obdachlosigkeit wieder rauskommt. Viele haben das Hobby Alkohol. Ich selber trinke keinen Alkohol, auch wenn viele denken, das müsste man als Obdachloser. Das ist Quatsch. Es gibt viele Obdachlose, die keinen Alkohol trinken.“

Ein echtes Langzeitprojekt war die Bearbeitung seines Antrags beim Jobcenter auf Erstattung der Kosten der Unterkunft: über zwei Jahre. Gar nicht schlecht, wenn andere von sieben Jahren berichten. Doch schlecht, weil die Behörden die Situation der Antragssteller genau kennen. Als Hartz-IV-Empfänger bekommt Volker Geld für seinen Lebensunterhalt. Dazu gehören zwingend die Kosten für Unterkunft, die aber Obdachlosen vorenthalten werden. Pünktlich zur Weihnachtszeit wurde der Antrag abgelehnt. Volker geht jetzt in Berufung.

 

„Verbrechen gegen die Menschlichkeit“

 

Er findet: Der Staat maßt sich an, zu bestimmen, erfüllt aber selbst seine Pflicht nicht. Und zwar das Recht auf eine Wohnung. „Die EU hat die Konvention zum Schutz der Menschenrechte. Und genau das machen sie. Sie schützen die Menschenrechte. Vor den Menschen.“ Auf die Frage, ob das auch für das Winternotprogramm gelte, wird Volker fast ungehalten: „Wir reden hier über Menschenrechte. Ich glaube, da wird die Frage hinfällig. Werden in den Winternotunterkünften die Menschenrechte eingehalten? Haben die da eine Privatsphäre? Ist es ein Menschenrecht, eine Privatsphäre zu haben? Also, worüber reden wir hier?“

Die Antwort liefert er im Einstieg seines Pamphlets: „Die Bundesrepublik Deutschland und ihre Organe und die dafür arbeitenden Erfüllungsgehilfen haben sich dem Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht. Den Beweis können wir jeden Tag sehen: Tausende von Menschen, die obdachlos sind.“


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Mobil im Job: Hamburger erzählen vom bewegten Alltag

Ein Kurierfahrer, ein Rettungssanitäter, ein Eiswagenfahrer und ein Schiffsführer: Vier Hamburger erzählen, wie es ist, jeden Tag für den Job durch die Straßen der Stadt zu düsen

Text & Protokolle: Erik Brandt-Höge

 

Alex (40), Kurierfahrer

Fahrradkurier

Alex hat mit Bringbock seinen eigenen Kurierdienst gegründet.

“Arschloch!” Keine hundert Meter unterwegs, wird Alex schon beschimpft. Im Zickzacksprint hat er es durch eine Menschenmenge geschafft, und nicht alle in der viel belaufenen Fußgängerzone waren von seinen fahrerischen Fähigkeiten angetan. Egal, Alex muss weiter, ein Kunde wartet auf eine Lieferung, und Zeit ist in Alex’ Job buchstäblich Geld. Seit drei Jahren ist der gebürtige Stuttgarter in Hamburg, seit einem Jahr als Kurierfahrer unterwegs. Wichtigstes Arbeitsgerät: sein orangefarbenes Cargobike. Damit transportiert der 40-Jährige alle denkbaren Dinge von A nach B: Blutproben für Labore, vergessene Schlüssel, Ladekabel, Dokumente wie Gerichtsurteile, Kündigungen und Hafenfrachtscheine. Auch ein Blumenstrauß für Helene Fischer lag schon in der schwarzen Box, die vor Alex’ Lenker installiert ist.

Was im schuhkartongroßen Paket ist, das jetzt in der Box liegt, weiß Alex nicht, nur, dass es in wenigen Minuten beim Adressaten sein soll. Also düst er weiter durch die City, rasend schnell, aber den Rest des Stadtverkehrs immer im Blick. Umgekehrt ist das nicht immer so. „Einmal hat mich ein Auto voll erwischt“, sagt er, „vorne an der Box, und dann lag ich da. Ist eben so: Die ein oder andere Narbe haben alle Kurierfahrer.“ Was laut Alex auch alle Fahrer haben: zig Fahrstuhl-Selfies. „Alter Fahrertrick: Am Ziel angekommen, geht es im Fahrstuhl hoch zur angegebenen Etage, runter auf der Treppe – weil dort Funkempfang ist und schon der nächste Auftrag angenommen werden kann.“ Und genauso macht er es dann, als das Paket sicher beim Empfänger gelandet ist. Ein paar Knopfdrücke auf die umgeschnallten Geräte, und weiter geht’s, nun sollen Klamotten von einer Boutique in ein Hotel gebracht werden.

Dass Alex in der Kurierfahrerbranche arbeitet, ist übrigens nur konsequent. Im Saarland arbeitete er lange selbstständig im Bereich der E-Mobilität, half anderem dabei, Hoverboards in Europa zu etablieren, indem er sie gekonnt platzierte, etwa in Sendungen wie „Schlag den Raab“. Alex: „Durch die ständige Beschäftigung mit alternativer Mobilität habe ich mich auch privat verändert, mein Auto verkauft und mir ein Lastenfahrrad angeschafft. Und irgendwann dachte ich: Das wäre doch auch ein Job für mich, also das Übermitteln von Waren per Lastenfahrrad.“

Er fing bei der Kurier AG an, um ein Gespür für den Beruf zu entwickeln, und baute nebenher schrittweise seine eigene Firma Bringbock auf, über die er heute zusätzlich Aufträge zum Ausliefern von Paketen von einem Berliner Onlineshop annimmt, der auf der letzten Meile via Lastenfahrrad ausliefern lässt. Das Geschäft läuft gut und macht Alex weiterhin Spaß – mal abgesehen von seltenen Unfällen, starkem Materialverschleiß, Passantengemecker und dem nicht immer fahrerfreundlichen Wetter. Auch Hamburg habe er immer besser kennen- und lieben gelernt durch den Job: „Die Stadt ist überall anders, riecht sogar überall anders, hier nach vermodertem Wasser, dort nach süßem Sanddorn. Ich nehme alles war, verbinde jeden Ort mit einem Duft.“ Und womöglich mit dem nächsten Auftrag.

 

Finn (21), Rettungssanitäter

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Finn ist bereits seit fünf Jahren für das Deutsche Rote Kreuz tätig

Vor fünf Jahren habe ich angefangen, ehrenamtlich für das Deutsche Rote Kreuz zu arbeiten, zum Beispiel im Katastrophenschutz. Nach der Schule war ich ein Jahr mit dem DRK in Namibia, habe unter anderem Hygienekampagnen organisiert und gegen den Ausbruch von Hepatitis E gekämpft. Und seit sechs Monaten bin ich Rettungssanitäter und fahre einen Rettungswagen in Hamburg. Die Ausbildung hierfür dauerte drei Monate, außerdem brauchte ich einen Führerschein für kleine Lkw, weil der Wagen über dreieinhalb Tonnen wiegt.

Mein Arbeitsalltag sieht ungefähr so aus: Wenn ich die Frühschicht habe, die von 7 bis 19 Uhr geht, komme ich morgens zur DRK-Rettungswache und treffe die Kollegen aus der Nachtschicht, die mir und einem Kollegen das Auto übergeben. Das prüfe ich dann genau, zum Beispiel, ob genug Sprit vorhanden ist und alle medizinischen Geräte da sind. Sobald der Pieper, den wir immer an der Hose tragen, piept, geht es in den Einsatz – und manchmal auch um Leben und Tod. Wir fahren zu den Patienten, helfen ihnen und bringen sie gegebenenfalls ins Krankenhaus. Was wir versuchen, ist den Zustand des Patienten stabil zu halten und ihn dann einer Fachkraft zuzuführen.

Im Verkehr müssen wir natürlich extrem wachsam sein und aufpassen, was wir tun, besonders wenn wir mit Blaulicht unterwegs sind. Wir können ja nicht einfach in hohem Tempo über Kreuzungen und rote Ampeln fahren, wir dürfen trotz der gebotenen Eile schließlich keine anderen Verkehrsteilnehmer gefährden. Wir müssen immer für andere mitdenken und auch damit rechnen, dass sich nicht alle vorschriftsmäßig verhalten. Das kann natürlich stressig sein. Bei den Autofahrern erleben wir zwei Extreme: eine Schockstarre, in die manche aufgrund der Ausnahmesituation verfallen, und ein Platzmachen der meisten, die alles versuchen, um uns nicht zu behindern. Zwischen den Einsätzen haben wir relativ entspannte Phasen unter Kollegen, was auch sehr viel wert ist. Wir ticken alle ähnlich, wollen alle das Gleiche: Menschen helfen.

 

Long (43), Eiswagenfahrer

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Eiswagenfahrer im Sommer, Taxifahrer im Winter

Seit über 20 Jahren bin ich schon Eisverkäufer in Hamburg und mit meinem Wagen unterwegs. Mein Arbeitsgebiet ist Altona, dort fahre ich so ziemlich überall hin, auch auf Bestellung zum Beispiel zu Betriebshöfen. Mein Auto ist alt, aber es läuft und läuft und läuft (lacht). Und wenn mal Kleinigkeiten anfallen, kann ich mittlerweile schon selbst die Reparaturen vornehmen. Hier mal ein bisschen flicken, da mal ein bisschen Silikon nachziehen – das ist alles kein Problem.

Wie ich zum mobilen Eisverkauf kam? Es war 1991, ich war erst 15 Jahre alt, fast noch Kind, als ich von Vietnam nach Deutschland kam. Damals habe ich angefangen, in einer Eisfirma zu arbeiten. Irgendwann habe ich gesehen, dass es Bedarf an Eiswagenfahrern gibt, da habe ich mich selbstständig gemacht und bin es bis heute.

Ich könnte das Eis auch selbst machen, aber dafür habe ich kaum Zeit, wenn ich den ganzen Tag herumfahre. Deshalb beziehe ich es von einer Firma. Ich habe übrigens noch einen zweiten mobilen Job, den allerdings in meiner Heimat. Von März bis Oktober fahre ich mit meinem Eiswagen durch Altona, im Winter fliege ich nach Vietnam – und arbeite dort als Taxifahrer.

 

Alexander (32), Schiffsführer

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„Wollte schon immer Kapitän sein“: Alexander

Ich bin gelernter Tischler, habe jahrelang in der Holzbranche gearbeitet – aber eigentlich wollte ich schon immer Kapitän sein. Es war vor gut vier Jahren, als meine Frau schließlich zu mir sagte: „Versuch’s doch einfach mal!“ Also habe mich umgehört, was machbar ist. Mit drei Kindern wollte ich ungern als Kapitän zur See fahren, aber die Fähren im Hafen haben mich sehr gereizt.

Ich habe dann eine Ausbildung zum Hafenschiffer und ein Hafenpatent gemacht, also alles gelernt, was zum nautischen Betrieb dazugehört: allgemeine Schifffahrtsgesetze und die besonderen Gesetze, die hier im Hafen gelten, Maschinenkunde und Englisch. Seitdem bin ich auf der Elbe unterwegs, fahre Linien wie die 62 (zwischen Landungsbrücken und Finkenwerder), 72 (zwischen Landungsbrücken und Elbphilharmonie) und 73 (zwischen Landungsbrücken und Ernst August Schleuse). Die frühste Schicht beginnt für mich um 4.15 Uhr und geht bis circa 13 Uhr, die späteste fängt um 15 Uhr an dauert bis 23 Uhr.

Stress kenne ich in diesem Job nicht. Das liegt sicher auch daran, dass es keine wechselnden Herausforderungen gibt, wie sie zum Beispiel ein Projektmanager zu bewältigen hat, der jeden Tag vor neuen Aufgaben steht. Ich mache einfach zu Arbeitsbeginn das Schiff klar, und dann fahre ich meine Touren. Klar, das ist manchmal ein wenig monoton, aber mir macht es trotzdem großen Spaß. Auch, weil ich eben im schönen Hamburger Hafen arbeite, in dem ich immer wieder neue Ansichten und tolle Sonnenauf- und -untergänge mitbekomme. Und ich meine: Ich fahre ein Schiff! Allein das ist schon toll. Maximal befördere ich 250 Personen. Das Schiff würde zwar 500 bis 600 Leute aushalten, aber solange nur ein Schiffsführer an Bord ist, sind laut Hafenfahrzeugattest maximal 250 Personen erlaubt. Mehr könnte ich im Notfall gar nicht evakuieren.


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich!


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