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Zukunft der Hamburger Privattheatertage gesichert

Was im Sommer unsicher war, steht jetzt fest: Die 11. Ausgabe Hamburger Privattheatertage im Jahr 2023 ist gesichert

Text: Felix Willeke

 

Es war eines der Bühnenhighlights im Sommer in Hamburg: das 10. Jubiläum der Hamburger Privattheatertage. Doch über den Feierlichkeiten in den Hamburger Kammerspielen lag eine bleierne Unsicherheit. Denn im Juli 2022 war noch nicht klar, wie es mit dem deutschlandweit einzigartigen Theaterfestival weitergehen würde. Die Macher:innen um Festivalgründer und Intendant der Hamburger Kammerspiele und des Altoaner Theaters Axel Schneider forderten sogar die Gäste dazu auf, ein Statement für die Hamburger Privattheatertage abzugeben.

Jetzt hat das Hoffen und Bangen ein Ende, denn am 10. November 2022 beschloss der Deutsche Bundestag die Förderung der Privattheatertage für das Jahr 2023 in Höhe von 500.000 Euro.

Große Freude

Axel Schneider bezeichnet die Entscheidung als „ein wichtiges Zeichen in die Privattheaterszene. Wir empfinden es als Wertschätzung für alle Privattheater in Deutschland, dass die neue Koalition die Privattheatertage auch 2023 fördert.“ Der Hamburger Kultursenator Dr. Carsten Brosda ergänzt: „Hamburg ist eine starke Theaterstadt. Die Privattheatertage sind von hier aus zu einem bundesweit bedeutsamen Treffen der Privattheater entwickelt worden. Das wäre ohne das Engagement von Axel Schneider und seinem Team nicht möglich gewesen.“ Dank der Fördergelder kann sich die Stadt auch im kommenden Jahr wieder auf Produktionen aus ganz Deutschland freuen, die dann bei den 11. Hamburger Privattheatertagen auf den Bühnen der Stadt sehen sein werden – natürlich auch wieder mit der Verleihung der Monica Bleibtreu Preise.


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Ohnsorg Theater: Die Not muss bedient werden

Der Titel der Premiere ist von einer TV-Sendung inspiriert: „Bares is nix Rares“. Im neuen Stück am Ohnsorg Theater geht es also um Geld – illegal beschafftes, natürlich. Den fantasievollen Betrüger spielt Erkki Hopf

Interview: Dagmar Ellen Fischer

SZENE HAMBURG: Erkki, du spielst Erik, der seinen Job verloren hat, das aber vor seiner Frau verheimlichen will. Deshalb muss er auf andere Weise Geld beschaffen, und ist dabei ungewöhnlich kreativ.

Erkki Hopf: Dieser arbeitslose Erik versucht zunächst, einen Job zu bekommen, aber irgendwann wird die Not zu groß. Dann merkt er, wie einfach es ist, an Gelder zu kommen, zum Beispiel an das Arbeitslosengeld seines Untermieters, der nicht mehr bei ihm wohnt. Also erfindet er weitere Untermieter, deren Zuwendungen er einstreichen kann.

Er ist eigentlich kein Gauner, aber die Ämter scheinen das Geld gern zu geben, und das ermutigt ihn zu weiteren Missbräuchen. Das geht natürlich nur eine Weile gut, und dann? Steht eines Tages ein Beamter vor der Tür, der überprüfen will, wer denn tatsächlich dort wohnt. Und auf den ersten Prüfer folgende weitere, und jedem spielen die Anwesenden eine neue Version von Großfamilie oder Wohngemeinschaft vor.

Das Problem ist, dass sich niemand merken kann, welche Rolle er für welchen Besucher spielte. Eriks Onkel hat zudem eine weitere Einnahmequelle aufgetan: Er stiehlt im Krankenhaus, wo er als Raumpfleger arbeitet, BlankoFormulare, mit denen man diverse Hilfsmittel beantragen kann. Und so sammeln sich Still-BHs, Umstandskleider, Leistenbruchslips und ähnliche Dinge, die später auf Flohmärkten verkauft werden sollen. Doch bevor es dazu kommt, entdeckt Eriks Frau diese absurde Sammlung und hält ihren Gatten für einen Fetischisten.

Die Farbe der Rolle

Das klingt nach einer Rolle, die wie für dich gemacht scheint …

Ja, Männer in Nöten, mit denen werde ich gern besetzt. Erik ist mit den Nerven am Ende, sein Lügengebäude stürzt ein. Das ist eine sehr dankbare Rolle, aber auch ganz schön anstrengend. Wenn man da nicht voll einsteigt und die Not bedient, ist das nur halb so komisch, man muss hundert Prozent geben in solchen Rollen.

Wie gehst du an eine solche Figur heran?

Zuerst finde ich heraus: Welche Farbe hat Erik? Ich fasse in meine Kiste mit Buntstiften, PolychromosStifte – mit solchen hat auch Horst Janssen gezeichnet – und greife intuitiv eine Farbe heraus. Es ist ein bisschen wie das Orakel der Krake.

Welche Farbe hat Erik?

Das habe ich noch nicht entschieden. Aber ich kann es jetzt gleich tun. (kurze Pause, raschelndes Geräusch) Es ist ein dunkler TürkisTon, kobaltgrün steht auf dem Stift. Damit markiere ich alle meine Textstellen. Danach suche ich eine zweite, etwas blassere Farbe für alle meine Stichworte, die muss ich ja mitlernen, und dann geht es los.

Volkstheater macht glücklich

Hast du beim Textlernen schon Ideen zum Sprechtempo deiner Figur, zum Gang?

Solche Dinge schreibe ich vorab auf einen Zettel. Im Fall von Erik schaue ich gerade, inwieweit er am Anfang noch cool ist mit diesen illegalen Aktionen, bevor alles auf ihn einstürmt und er am Rad dreht. Ich überlege mir ein inneres Tempo und auch einen typischen Gang. Gerade bei diesen Kloppern muss alles authentisch sein.

Du bist seit 28 Jahren am Ohnsorg-Theater, was macht dieses Haus so attraktiv?

Ich merke, wie sehr man ein Publikum beglücken kann: Es ist Volkstheater, man ist einfach nah dran, und da kommt was zurück!

„Bares nix Rares“, ab dem 27. Februar 2022 (Premiere) am Ohnsorg-Theater


Die März-Ausgabe der SZENE HAMBURG erscheint am 26. Februar 2022.

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„Seine Bücher haben mich geprägt“

David Foster Wallace war Mathematikgenie, Tennis-Ass, Hochschullehrer und Autor. 2008 nahm er sich im Alter von 46 Jahren das Leben. Seine Erzählung „Neon in alter Vertrautheit“ bringt Thalia-Schauspieler Sebastian Zimmler nun auf die Bühne an der Gaußstraße

Text: Dagmar Ellen Fischer

 

SZENE HAMBURG: „Neon“ erzählt vom Selbstmörder Neal, der einen Abschiedsbrief nach (!) seinem Tod schreibt und darin gesteht, dass er zeitlebens ein Heuchler war, immer gierig nach Bewunderung und dem Applaus der anderen. Warum dieser Text jetzt?

Sebastian Zimmler: Als ich „Neon“ das erste Mal las, hatte ich sofort (Theater-) Bilder im Kopf. Ich sah den Protagonisten dieser Story als eine Art Alter Ego: einen Spieler, der auf der Bühne steht und viel Zeit und Mühe investiert, um vor anderen als beeindruckend und „authentisch“ dazustehen, daran aber schmerzvoll scheitert. Mit diesem Stoff hatte ich vor längerer Zeit ans Intendantenbüro geklopft, aber erst die Pandemie öffnete mir dieses Jahr die Tür zur Studiobühne.

Rechnen Sie damit, dass das Publikum den Autor und seine Bedeutung kennt?

Ich kenne tatsächlich nur wenige Menschen, die ihn gelesen haben, dennoch ist er längst kein Geheimtipp mehr. Und wenn ich den Text zum Anlass nehme, die Figur des Heuchlers zu performen, sollte das natürlich auch exklusiv, ohne Hintergrund von Werk und Autor, funktionieren.

 

David Forster Wallace und die Intimität

 

In „Neon“ geht es um einen Selbstmörder, es gibt also diese Parallele zum Leben des Autors. Wie gehen Sie damit um?

Auch wenn für mich der Suizid von David Foster Wallace in dieser Erzählung eine Gänsehaut verursachende Präsenz hat, ist es mir doch wichtig, zwischen Werk und Biografie des Autors zu unterscheiden. Das Geschriebene ist groß und stark und bedarf gewissermaßen keiner Perspektivierung auf den Autor.

Wie würden Sie den eigenen Maßstab formulieren, dem Autor mit dieser Inszenierung gerecht zu werden?

Ich bin ein großer David-Foster-Wallace-Fan und habe alle seine Bücher gelesen. Sie haben mich geprägt, verändert und mein Schaffen als Schauspieler beeinflusst. Ich würde gerne so spielen können, wie er geschrieben hat: eine Intimität herstellend, der man sich schwer entziehen kann und die so unterhaltsam ist und doch immer ernsthaft, moralisch aufgeladen und stets unironisch.

In „Neon“ heißt es: „In Wahrheit ist das Sterben nicht schlimm; es dauert nur ewig lange. Und ewig nimmt keine Zeit in Anspruch.“ Kommentieren Sie solche Sätze durch Ihr Spiel?

Es geht um die Behauptung, „dass die Nano-Sekunde zwischen dem Eintreten des klinischen Todes und ‚dem, was danach passiert‘, in Wirklichkeit unendlich ausgedehnt ist“. Den Gedanken, dass die Zeit in Wirklichkeit nicht entlang einer Geraden verläuft, muss ich als Spieler zunächst gar nicht kommentieren. Ihn zu denken, ist schon schwer genug.

 

Nähe und Gleichzeitigkeit durch Projektion

 

Sie arbeiten mit Projektionen, welche Funktion erfüllen sie?

Die Projektionen sollen helfen, eine Nähe und Gleichzeitigkeit zu erzeugen, in der Vergangenheit und Zukunft Illusionen der Gegenwart sind. Wenn man so will, eine Art Doppelbelichtung und auch eine Lupe, unter der wir den Blender sehen.

Dass Texte – oder Kunst allgemein – aus eigenem persönlichem Leiden geboren werden, würde der Autor vermutlich nicht gelten lassen, wie schauen Sie auf dessen schriftstellerisches Werk unter diesem Aspekt?

Seinen hyperempfindlichen Sinn für Bilder, in denen lässiges Beobachten und äußerste Verletzbarkeit zusammenfließen, finde ich phänomenal. Ich sehe David Foster Wallace auf einer Linie mit Balzac und Dostojewski!

„Neon in alter Vertrautheit“, Thalia Gaußstraße, 12. November 2021 (Uraufführung), 24. November und weitere Termine

Hier gibt’s den Trailer zu „Neon in alter Vertrautheit“:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares: Das sind die Preisträger

Die Preisträger des diesjährigen Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares stehen fest. Acht Preise wurden verliehen – an elf Theaterschaffende, die in ihrer Verschiedenartigkeit die Bandbreite der Hamburger Theaterlandschaft abbilden. Der Sonderpreis geht in diesem Jahr an alle Theater Hamburgs, die in der schwierigen Zeit der Schließung ihren Zuschauer*innen künstlerisches Material per Streaming zur Verfügung gestellt haben.

 

Kategorie: Bester Darsteller / beste Darstellerin

  • Ute Hannig bekommt den Theaterpreis für ihre Darstellung der Rolle der Ora in „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ am Deutschen Schauspielhaus Hamburg
  • Freja Sandkamm bekommt den Theaterpreis Hamburg für ihre Darstellung als Violetta in Verdis „La Traviata“ in der Inszenierung von Inken Rahardt am Opernloft
  • Maria Hartmann bekommt den Theaterpreis für ihre Darstellung als Fran in „Dinge, die ich sicher weiß“ am Ernst Deutsch Theater
  • Barbara Auer und Johannes von Bülow bekommen den Theaterpreis für ihre Darstellung als Judith / als Vernehmungsbeamter in dem Stück „Heilig Abend“ am St. Pauli Theater
  • Stephan Benson und Christian Nickel bekommen den Theaterpreis für ihre Darstellung des ungleichen Brüderpaars in „Bruder Norman“ im Polittbüro
  • Sebastian Zimmler bekommt den Theaterpreis für seine Rolle des Jakub Zapiro in „Der Boxer“ im Thalia in der Gaußstraße

 

Kategorie beste Regie / beste Dramaturgie

  • Clemens Mädge (Dramaturgie) und Kathrin Mayr (Regie) bekommen den Theaterpreis für ihre Arbeit „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ im monsun.theater.

 

Kategorie: Herausragendes Bühnenbild

  • In der Kategorie Herausragendes Bühnenbild wird Zita Schnábel für Ihre Bühne zu Kafkas „Das Schloss“ geehrt

Sonderpreis

  • Der Sonderpreis geht in diesem Jahr an alle Theater Hamburgs, die in der schwierigen Zeit der Schließung ihren Zuschauer*innen digitale Beiträge zur Verfügung gestellt haben.

 

Der Jury des Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares gehören an: Dr. Inge Volk – Juryvorsitzende, JanPeter Gehrckens, Patrik Giese, Christian Hanke, Gunther Mieruch, Maike Schäfer, Elke Westphal (beratend). Der Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares wird durch die Behörde für Kultur und Medien Hamburg unterstützt.

Hier erfahrt ihr mehr über den Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares 

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Premiere “Tussipark”: Das Ohnsorg-Theater ist zurück

Das plattdeutsche Ohnsorg-Theater kehrt mit der hochdeutschen Komödie „Tussipark“ zurück in den Betrieb

 

Es geht wieder los, endlich. Das Ohnsorg-Theater geht nach vier Monaten Zwangslockdown mit der Karaoke-Komödie „Tussipark“ von Christian Kühn wieder in Betrieb. Nebenbei gemerkt: Das erste szenische Theater in Hamburg seit dem Lockdown, denn das Tivoli eröffnete im Juli zwar als erste Theater, jedoch mit einer Show – wie auch Michael Lang nicht ohne Stolz am Premierenabend ankündigte.

Sichtlich erleichtert empfing der Ohnsorg-Intendant seine Gäste. Es sei so schön, endlich wieder Leben im Haus zu haben, sagte er. Und nein, das war keine Floskel, sondern aufrichtige Dankbarkeit. Den nur 123 Zuschauern (Abstandsregel…) bot sich daraufhin ein unbeschwerter Abend auf hochdeutsch mit vier Schauspielerinnen auf Hochtouren.

 

Tussipark: Das Stück hat einen hohe Gag-Dichte

 

Tanja Bahmani läuft im Brautkleid durchs Parkhaus, sie hat ihren Fast-Ehemann wegen vermeintlicher Untreue vor dem Altar stehen lassen. Caroline Kiesewetter ist die schlagfertige Lebensberaterin, deren Kalenderweisheiten ihr bei ihren Männerproblemen letztlich auch nicht weiterhelfen. Julia Holmes ist die schwangere Ehefrau, die nicht zurück zu ihrem unreifen Ehemann will. Und Rabea Lübbe spielt die verpeilte, liebenswerte Jennifer, die kein permanent Wörter verwechselt und Konversation und Konservation nicht unterscheiden kann.

Die vier Frauen verbringen eine Nacht im Parkhaus eines Einkaufszentrums (schönes Bühnenbild von Katrin Reimers) und teilen in rasanten Dialogen ihre Enttäuschung über die Männerwelt. Zum Ende schlucken sie Wunderpillen und mischen im Rausch das Einkaufszentrum auf – „Hangover“ lässt grüßen. Das Stück hat eine hohe Gag-Dichte, bisweilen mit Einpark-Kalauern auf Mario-Barth-Niveau, meist aber pointiert und mit Mut zum Quatsch: „Ständig kamen meine älteren Verwandten auf Hochzeiten zu mir und sagten: ‚Du bist die Nächste!‘ Bis ich anfing, auf Beerdigungen das gleiche zu ihnen zu sagen.“

 

Abstandsregeln auf der Bühne

 

Dazu gibt’s viele Hits: „Baby One More Time” von Britney Spears, „Wannabe” von den Spice Girls”, “Dancing Queen” von Abba, „Survivor“ von Destiny’s Child. Gesungen wird allerdings nur Playback (danke, Corona) – macht aber nichts, funktioniert trotzdem bestens. Überhaupt: Charmanter, humorvoller kann man mit den Abstandsregeln, die auch auf der Bühne eingehalten werden müssen, nicht umgehen, als es die vier Schauspielerinnen an diesem Abend augenzwinkernd tun. Das Publikum dankt’s mit langem Applaus.

Eine Premierenfeier konnte unter den aktuellen Umständen nicht stattfinden. Stattdessen gab’s draußen vor der Tür Gespräche mit Abstand und Eis mit Stil – was ja auch ganz gut passt nach einer Sommerkomödie. / UT

Ohnsorg-Theater
Weitere Termine bis zum 26. Juli 2020

„Paradiso!“ im Schmidts Tivoli: St. Paulis Südsee-Oase

Seit dem 2. Juli hat das Schmidts Tivoli seinen Betrieb wieder aufgenommen. Auf dem Programm steht die Show „Paradiso!“. Wir waren für euch in der Samstagsvorstellung auf abenteuerlicher Expedition

 Text: Michelle Kastrop

 

The show must go on – das Schmidts Tivoli auf dem Spielbudenplatz ist das erste deutsche Theater, das nach dem Corona-bedingten Shutdown seinen Spielbetrieb wieder aufnimmt. Und gerade angesichts der langen kulturellen Durststrecke ist die bei der – natürlich Corona-konformen – Show „Paradiso!“ der Name umso mehr Programm. Denn in dieser tropischen Oase präsentiert sich eine Artenvielfalt aus Artistik, Comedy, Gesang und Magie.

Vor dem Spielhaus erwarten uns schon die Schauspieler der Show „Heiße Ecke“. Trotz Mundschutz sieht man ihnen die Freude über die offenen Türen des Theaters deutlich an. Unsere Plätze sind auf der linken Seite des Theatersaals. Wir werden unter Einhaltung der Mindestabstände auf direktem Weg zu unserem Platz gelotst: Es geht durch die linke Eingangstür, den linken Treppenaufgang hinauf und schließlich – in Begleitung eines Platzeinweisers – durch die linke Tür des Theatersaals zu unserem Platz.

Der Saal ist im pompösen Dschungel-Stil dekoriert. Überall sind Grünpflanzen, Schmetterlinge hängen von den Wänden und das Bühnenbild zieren Flamingos und subtropische Blumen. In dieser bunten Umgebung fallen die durchsichtigen Trennwände zwischen einigen Tischen gar nicht auf.

 

Komiker, Zauber-Duo, betrunkene Opernsängerin

 

Das Formular für unsere Kontaktdaten liegt bereits auf dem Tisch vor uns und die Getränkekarte wird über einen QR-Code direkt auf unser Smartphone geladen. Zu Beginn der Show empfängt uns Henning Mehrtens in Leoparden-Anzug mit rotem Einstecktuch, roten Schuhen und roten Rüschenhemd. Normalerweise ist er Gastgeber und Hausherr im Schmidtchen nebenan. Kurz nach der Begrüßung folgt der erste Witz über Pinneberger, ganz nach typischer Tivoli-Manier. Dann der erste Künstler des Abends: Nik Breidenbach eröffnet die Show mit dem Song „Paradiso“. Und schon haben wir einen Ohrwurm.

Dekorierter Zuschauerraum (Bild: Morris Mac Matzen)

Es folgt der Komiker Corny Littmann in einem Anzug aus kurzer Hose und Jackett mit knallbunten Tropen-Muster. Er gibt dem Publikum auf seine freche Art zu verstehen, dass diese Show solange stattfindet, bis die ganzen Plastikpflanzen im Raum bezahlt sind – alle lachen. Das lustige Zauber-Duo Siegfried und Joy führt uns in verschiedenen magischen Darbietungen aufs Glatteis. Artistische Glanzleistung zeigt uns die Berlinerin Sina Brunner als Stangen- und Vertikaltuchakrobatik. Carolin Fortenbacher spielt unter anderem eine betrunkene Opernsängerin, die von ihrem Freund verlassen wurde.

Nach 75 Minuten Spielzeit kommt die Verabschiedung durch Mehrtens, und noch ein Witz über Pinneberger. Nach dem langen Jubel-Entzug saugen die Bühnenkünstler das Klatschen der Zuschauer auf. Auch der Weg nach draußen erfolgt wieder sehr geordnet.

Der Auslass aus dem Theater Saal findet in verschiedenen Gruppen statt und wird bestimmt durch unterschiedliche Songs. Wir hören als erste Gruppe unser zugewiesenes Lied „Griechischer Wein“ und verlassen das Spielhaus. Die Vorstellung, wird uns nach der Show versichert, findet auch noch im August und September statt – eben so lange, bis die Plastikpflanzen bezahlt sind.

Schmidts Tivolo 
“Paradiso!” vom vom 14.-31. Juli 2020 

Hamburger Theater: Hoffen auf Öffnung

Ralf Fiedler, Dramaturg am Schauspielhaus, über das, was ihm in dieser Zeit wichtig ist.

 

SZENE HAMBURG: Was war Ihre schönste Theatererfahrung?

Wenn das Theater zum Beruf geworden ist: fast nicht beantwortbar, weil sich irgendwann alles verbindet und verkettet und vergleicht. Das Erste, was aufleuchtet: „24 Stunden sind kein Tag“ von René Pollesch in der „Neustadt“ von Bert Neumann an Berliner Volksbühne. Einfach wegen der Wucht und Präsenz der Spielerinnen in diesem gigantischen Großraum, von dem man Teil war und sein wollte. Gleichzeitig das Gefühl totaler Relevanz der Themen und Theorien, Texte laut gerufen, ohne Psychologie, aber unmittelbar in Berührung mit dem Leben.

Ralf Fiedler, Dramaturg am Schauspielhaus (Bild: Dan Cermak)

Was ist die größte Herausforderung für Sie während der Corona-Krise?

Menschen, die mir nahestehen, physisch nicht mehr zu treffen – Freunde, weil sie im Ausland „EU“ leben, oder meine Mutter im Pflegeheim, mit der es gar nicht möglich ist, medial zu kommunizieren. Das ist hart, man wird das Gefühl nicht los, jemanden absolut alleinzulassen.

Was stimmt Sie momentan hoffnungsfroh?

Die Hoffnung, dass die Maßnahmen sich ausdifferenzieren, spezifischer und treffsicherer werden und die „Öffnung“ weitergehen kann.

Wem sind Sie in diesen Zeiten besonders dankbar?

Wenn ich die vielen beiseite lasse, die geholfen haben, eine gewisse Normalität aufrechtzuerhalten und die wirklich Dank verdient haben, dann bin ich absolut all den Freunden dankbar, die sich bei mir wieder gemeldet und mir das Gefühl geben haben, noch „in Verbindung zu stehen“.

Wer hätte mehr Dankbarkeit verdient?

Dankbarkeit ist da vielleicht nicht ganz der richtige Begriff, aber ich bin berührt und beschämt all denen gegenüber, die sich jetzt noch um die Not der Menschen in den Flüchtlingslagern, Kriegsgebieten und an den Grenzen kümmern und für deren Belange tatsächlich „kämpfen“. Und die vielleicht sogar bereit waren, ein derart privilegiertes Land wie unseres und eine sichere Versorgung hinter sich zu lassen, um vor Ort etwas zu bewirken.

 


 Der Text stammt aus dem SZENE HAMBURG DANKE!-Magazin. Das Magazin ist seit dem 29. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Weihnachtsmärchen für Kinder

Es ist immer etwas Besonderes, Kinder in Weihnachtsmärchen zu erleben. Wie sie mitfiebern und laut aufschreien, wenn der Prinzessin oder einer*m anderen Held*in Gefahr droht, wie sie begeistert klatschen und sich freuen, wenn die Geschichte auf der Bühne doch noch ein gutes Ende nimmt.

Die Hamburger Theater starten in die Zeit der Weihnachtsmärchen und auch in diesem Jahr läuft wieder ein buntes Programm aus Märchen, Kinderbuch-Klassikern, Singspielen und Geschichten aus aller Welt. Ob Astrid Lindgrens Geschichten, Märchen für die ganz Kleinen oder die Klassiker der Gebrüder Grimm – auf den Hamburger Bühnen ist mit Sicherheit für jede*n das Richtige dabei!

Entdecken Sie die diesjährigen Weihnachtsmärchen in den Hamburger Theatern auf www.theater-hamburg.org und lassen Sie sich für den Theaterbesuch mit den Kleinen inspirieren.

Ring & Wrestling – Göttersoap in der Staatsoper

Eine Telenovela auf der Opernbühne nennt sich, logisch, „operanovela“. Das neue Serien-Format der Staatsoper „Ring & Wrestling“ startet mit fünf Folgen. SZENE HAMBURG sprach mit dem Regisseur Dominik Günther, selbst ehemaliger Wrestler.

SZENE HAMBURG: Dominik Günther, „Der Ring des Nibelungen“ mit jenem Ring zusammenzubringen, in den die Wrestler steigen, liegt nicht unbedingt auf der Hand. Ist der Begriff Ausgangspunkt für Gemeinsamkeiten?

Dominik Günther: Nein, da gibt es andere. Beides ist martialisch, kraftvoll und nutzt Pathos. Eine Soap dreht sich meist um eine Familie, in diesem Fall sind es die Götter aus Wagners Opern: Wotan, seine Ehefrau Fricka, Wotans Tochter Brünnhilde, die er allerdings mit Erda zeugte, und Donner, ein Security-Mann, der in Brünnhilde verliebt ist. Zu dieser Riege stoßen in jeder Folge neue Gäste, wie man das aus Telenovelas kennt. Freya, zum Beispiel, Frickas Schwester.

“die klassische Oper mit der Hamburger Subkultur verbinden”

Inhaltlich geht es ja da weiter, wo Wagner aufhört: Den Göttern dämmert’s, dass sie nicht mehr gebraucht werden, doch das wollen sie nicht hinnehmen…

Walhall ist abgebrannt, die Götter sind auf der Flucht, wollen aber ihre Macht unbedingt zurückgewinnen. Dabei soll ihnen ein Held, ein neuer Siegfried helfen. Hier kommen die Wrestler aus der Kultveranstaltung „Rock & Wrestling“ von St. Pauli ins Spiel. Kandidaten wie The One and Only und Pinkzilla bewerben sich, aber auch Haidi Hitler, die große Wagner-Kennerin.

Wird es eine Persiflage auf Wagner-Opern?

Nein, wir nehmen die Arbeit sehr ernst, das Genre wird keineswegs niedergemacht. Mich als Regisseur interessieren dabei verschiedene theatralische Ausdrucksformen. Wrestling hat viel von einer griechischen Tragödie, vom Kampf Gut gegen Böse. Es sind Haltungen, die gegeneinander antreten. Ich wollte die klassische Oper mit der Hamburger Subkultur verbinden.

“Richard Wagner hätte Quadrophonie genutzt”

Was passiert musikalisch oder: Wie viel Wagner bleibt?

Anteilig kann ich das nicht benennen. Der musikalische Leiter Leo Schmidthals, bekannt als Bassist der Band Selig, nimmt Puzzleteile aus Wagner-Kompositionen. Die spielt ein fünfköpfiges Orchester live, verfremdet durch elektronische Musik. Ich bin sicher, auch Richard Wagner hätte Quadrophonie genutzt, wenn er die Chance gehabt hätte – er war Künstler. Außerdem ist Punkrock aus der Westling-Szene zu hören sowie Rezitative aus den Opern, also in beiden Fällen extreme Musik.

Die einen singen göttergleich, die anderen bewegen sich in ihrem Metier, wie verbinden sie sich?

Die Opernsänger entwickelten während der Proben eine Affinität zum Wrestling, sie wollten wissen, wie es möglich ist, jemanden auf den Kopf zu knallen, ohne ihm das Genick zu brechen. Dahinter stecken ja Tricks, eine bestimmte Technik und choreografierte Bewegungsabläufe, wie beim Ballett. Darsteller aus beiden Metiers erzählen Geschichten auf der Bühne, spielen Theater.

Haben Zuschauer ohne Kenntnisse des Wagner-Kosmos den gleichen Genuss?

Ganz sicher, jeder Abend wird spektakulär. Wir erzäh­len keine Story à la Nibelun­gen. Vielleicht haben Wagner­-Kenner manchmal mehr da­ von, weil sie in Pinkzilla den Drachen Fafner oder Facetten von Alberich in Wotan er­kennen, aber andererseits gibt es auch Anspielungen auf die Wrestling­-Szene.

Für seinen „Ring des Nibelungen“ sah Wagner vier Abende vor, Sie planen fünf Folgen von „Ring & Wrestling“ an aufeinander folgenden Samstagabenden; wird erwartet, dass das Publikum dranbleibt?

Zu Beginn erzählt immer jemand, was bisher geschah, man kann also jederzeit ein­steigen.

“Das Publikum ist eingeladen, Position zu beziehen”

Wrestling hat eine große Fangemeinde, und Wagner-Musik Legionen von Anhängern – aber gibt es eine Schnittmenge im Publikum?

Vielleicht jetzt noch nicht. Aber das Publikum über­nimmt bei „Ring & Wrestling“ ja ebenfalls eine Rolle, es spielt die Fans der jeweiligen Helden und ist eingeladen, Position zu beziehen, seine Favoriten anzufeuern. Ich hoffe sehr, dass sich Zuschauer aus beiden Bereichen treffen.

Wird schließlich ein Siegfried-Nachfolger gefunden?

Ich will nicht zu viel ver­raten. Aber: Am Ende ist ein neues Walhall in Sicht!

Interview: Dagmar Ellen Fischer
Beitragsfoto: Frank Egel

Opera stabile, Premiere am 7.9., 15., 22., 29.9. www.staatsoper-hamburg.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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