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Urban Gardening – Zurück zu den Wurzeln

Pflanzen, gießen, ernten – gemeinschaftliches Gärtnern liegt im Trend. Immer mehr grüne Oasen für Jedermann entstehen in der Stadt. Wir haben verschiedene Projekte besucht, die zeigen: Wer mitmacht, gewinnt mehr als eine handgezüchtete Zucchini.

Ein Stückchen hinter der Dove-Elbe, 20 Minuten mit der S-Bahn vom Hauptbahnhof und eine halbstündige Fahrradtour entfernt, haben die Tomatenretter ein kleines Paradies geschaffen. Das vorderste Gewächshaus des Vereins ist die perfekte Mischung zwischen Gärtnerei und Aufenthaltsraum: Neben der Eingangstür reihen sich alte Metallspinde, dahinter drängen sich bunt zusammengewürfelte Stühle um einen kleinen Tisch.

In der Mitte des Gewächshauses blüht ein Meer aus lilafarbenen Blumen, dahinter blitzt ein Sofa hervor, irgendwo dazwischen steht eine Tischtennisplatte. „Da entspannen wir uns immer nach der Arbeit“, erzählt Hilmar Kunath, ein Mitglied des fünfzehnköpfigen Teams, das hier, wie der Name schon sagt, Tomaten retten will. Dass Kunaths Herz für seine Pflanzen brennt, merkt man schnell – spätestens als er liebevoll mit einer Hand über die Blüten streicht. „Ein Heilkraut aus dem Mittelalter“, merkt er an. Durch das Blumenmeer in dem Gewächshaus zu laufen, mache ihn immer glücklich.

Gearbeitet wird auf dem Hof der Tomatenretter mit besonderer Sorgfalt. Die Pflänzchen werden einzeln hochgebunden und regelmäßig gepflegt. Jeden Sonntag kommt ein Teil der Mannschaft zusammen, um die Gewächshäuser zu bestellen. Aber nicht alles besteht hier aus Arbeit: Die Gruppe kocht zusammen in der Gemeinschaftsküche, oder springt nach getaner Arbeit zur Abkühlung in die Gose-Elbe.

Im vordersten Gewächshaus der Tomatenretter: wuchernde Blumen neben Spinden und Tischtennisplatte.

Vor knapp fünf Jahren wurde der Verein Tomatenretter e. V. gegründet, die Mitglieder setzen sich für den Erhalt der Artenvielfalt ein. Die Tomaten seien nur ein Beispiel, das sie sich herausgepickt hätten, erklärt Kunath, „Ein kleines Aufgabengebiet, um uns nicht zu überfordern.“ Im Saatgutarchiv des Vereins wurden inzwischen über 160 Sorten gesammelt, viele davon sind alt und werden aufgrund fehlender Zulassungen nur noch selten angebaut. Rund 80 weitere Experimentalsorten wachsen hier gerade in einem der Gewächshäuser.

Doch im Großen und Ganzen sei die Arbeit des Vereins eine praktische Kritik am Umgang der Menschen mit der Natur, wie Kunath sagt. „Ein paar wenige globale Unternehmen haben das Saatgut zu ihrer Privatsache und die Bauern davon abhängig gemacht. Es wird mit Fungiziden und Pestiziden produziert“, kritisiert er. „Diese Produktionsweise bedroht die Natur, unser Trinkwasser und damit auch uns.“ Im Gegensatz zu den kommerziellen Großunternehmen vertreiben die Tomatenretter ihr Saatgut gegen eine Spende nach Selbsteinschätzung.

Ausgefallene Namen für ausgefallene Pflänzchen: Die Tomatenretter sammeln das Saatgut alter Sorten.

Das allgemeine Konsumverhalten stößt auch bei anderen Gemeinschaftsgartenprojekten übel auf. „Wenn wir’s drauf anlegen, können wir unseren Planeten bestimmt noch einige Jahrzehnte weiter ausbeuten. Aber das kann ja nicht das Ziel sein“, betont auch David Keck vom Wurzelwerk. Doch ihm geht es vordergründig nicht um die große Vision, sondern um das Zusammenwachsen der Menschen in der Stadt. Das Projekt auf dem Gelände der Universität Hamburg wurde von Studierenden gegründet, richtet sich aber explizit auch an andere Bewohner des Viertels.

Hier sieht es anders aus als auf dem Gelände der Tomatenretter: Statt riesiger Gewächshäuser reihen sich Hochbeete aneinander. Ein Holzschuppen beherbergt das Gartenwerkzeug, und an seine Außenwände wurden Dosen genagelt, die jetzt darauf warten, neu bepflanzt zu werden. Selbst gebaute Sitzmöbel aus Paletten sind kreisförmig um eine Feuerstelle angeordnet. In den nahegelegenen Bäumen hängt eine Schaukel, und in einer Kräuterschnecke sprießt der Schnittlauch. Wo die Tomatenretter großflächige Bewässerungssysteme nutzen und die Beete systematisch bepflanzen, scheint beim Wurzelwerk alles mehr mit Do-it-yourself zu funktionieren.

Ein Hochbeet geht überall, auch auf dem Dach des Schuppens vom Wurzelwerk.

„Wir wachsen, wie ein Garten das ja auch sollte, mit den Jahren immer weiter“, betont Keck. Das Gärtnern alleine ist für ihn allerdings nicht der einzig wichtige Aspekt des Projekts. „Ich sehe den Garten auf zwei Ebenen“, erklärt er. „Zuerst natürlich als Garten im biologischen Sinne. Und dann als Raum, der offen für alle Menschen sein und Austausch fördern soll, denn in Zeiten der zunehmenden Privatisierung kann es davon nicht genug geben.“

Gerade wegen dieses Aspekts wächst der Trend der Gemeinschaftsgärten immer mehr. „Niemand kommt da hin, gießt sein Beet und geht dann wieder“, erläutert Fabian Berger. Er hat zusammen mit dem Stadtteilzentrum Motte in Altona die Plattform grünanteil.net ins Leben gerufen, die deutschlandweit Gartenprojekte wie die Tomatenretter oder das Wurzelwerk dokumentiert. Diese grünen Oasen leben eben genau davon: Gemeinschaft. Deswegen sind Interessierte bei solchen Projekten in der Regel mehr als willkommen, auch, wenn man nicht gerade einen grünen Daumen hat. Zusammen mit seinen Mitstreitern lässt es sich meistens am leichtesten lernen. Viele der Projekte hätten ihr Angebot inzwischen auch in andere Richtungen ausgeweitet, erzählt Berger. Statt der reinen Gartenarbeit fänden auch gemeinsame Kochabende statt, Gartenfeste, Bastelrunden oder Yogakurse.

Dass eine Gemeinschaftsleistung sogar wirklich etwas bewegen kann, beweist der Beet-Club in Altona. 2009 wollte der Energiekonzern Vattenfall eine Fernwärmetrasse für das Kohlekraftwerk Moorburg durch den Suttnerpark legen. Die Bürger wehrten sich, errichteten im friedlichen Protest ein Hochbeet und retteten den Park. Die Zahl der Beete ist seitdem stark gestiegen. Benjamin Bruno dokumentiert auf seinem „Suttnerblog“ inzwischen die Fortschritte des Gemeinschaftsgartens. Am schönsten ist es für ihn, wenn er von Passanten im Park auf die Hochbeete angesprochen wird. „Man lernt so viele Menschen aus dem Viertel kennen“, freut er sich, „es bringt hier alle näher zusammen.“

Zusammen gärtnern, die Erzeugnisse gemeinsam verwerten oder fair aufteilen: Sind Gemeinschaftsgartenprojekte also die Zukunft für einen bewussten und nachhaltigen Umgang mit Lebensmitteln? Bruno ist davon nicht überzeugt. „Es gibt sicherlich Projekte mit diesem Anspruch. Wir gehören auf jeden Fall nicht dazu.“ Auch Fabian Berger denkt nicht, dass Gartenprojekte die einzig wahre Lösung sind. „Wir können ja nicht mit einem Gemeinschaftsgarten einen ganzen Stadtteil ernähren.“ Viel wichtiger ist für alle der Lerneffekt: „Ich freue mich, wenn Kinder nach den Namen der Pflanzen fragen und sehen, dass das Gemüse nicht in den Theken vom Supermarkt wächst“, bestätigt Bruno. Solche Projekte würden dazu beitragen, dass Menschen die Herkunft und Verwertung der Lebensmittel reflektierter betrachten würden.

Seit 2015 engagiert sich David Keck beim Wurzelwerk.

Auch David Keck glaubt daran, dass das Wurzelwerk eher Leuchtturm-Charakter als Weltverbesserer-Potenzial habe. Ein Garten würde den Menschen beibringen, Essen wieder wertzuschätzen. Denn wächst das Gemüse im eigenen Beet, weiß man genau, dass keine Chemikalien in der Produktion verwendet und keine Menschen ausgebeutet wurden. Nach wochenlangem Warten auf die Ernte würde man sich außerdem viel mehr bemühen, die Lebensmittel zu verbrauchen, bevor sie schlecht werden. „Wenn man selbst dafür gearbeitet hat, bekommt man natürlich einen ganz anderen Bezug dazu“, so Keck.

Doch ohne Spaß an der Sache geht gar nichts. Und merklich Spaß haben alle, sowohl die Tomatenretter, als auch die Mitglieder des Wurzelwerks oder die des Beet-Clubs. Dass Gemeinschaft, Beisammensein und Austausch dabei besonders wichtig sind, hat Kunath, trotz seiner Mission, natürlich längst verstanden: „Wir können zusammen ein Netzwerk bilden und uns für eine naturnahe, nicht-marktbezogene Produktions- und Lebensweise einsetzen“, erklärt er. „Denn man kann die Welt nicht alleine retten.“

Text & Fotos: Sophia Herzog

Mit oder ohne grünen Daumen – hier kann jeder in Hamburg gärtnern:

👉 TomatenretterReitbrooker Hinterdeich 291 (Reitbrook)

👉 Beet-Club: Suttnerstraße 14 (Altona)

👉 Wurzelwerk: Von-Melle-Park 11 (Rotherbaum)

👉 Gartendeck: Große Freiheit 62-68 (St. Pauli)

👉 Stephanusgarten: Lutterothstraße 100 (Eimsbüttel)

👉 Münzgarten: Rosenallee 9 (St. Georg)

👉 Venusgarten: Ditmar-Koel-Straße 4 (Neustadt)

👉 Keimzelle: Ölmühle (Karolinenviertel)

👉 Motte-Garten: Eulenstraße 43 (Ottensen)

👉 Interkultureller Gemeinschaftsgarten: Ottensen Bernadottestraße 7 (Ottensen)

👉 Minitopia: Georg-Wilhelm-Straße 322 (Wilhelmsburg)

👉 Interkultureller Garten Wilhelmsburg: Fährstraße 67 (Wilhelmsburg)

👉 Baluga: Holstenkamp 83 (Bahrenfeld)

👉 Interkultureller Garten Hamburg-Billstedt: Legienstraße 47-77 (Billstedt)

👉 Gartengruppe Wandsbek: Eydtkuhnenweg 10C (Wandsbek)

👉 Aktion Kürbisbeet: Bredstedter Straße 17 (Dulsberg)

Eine Übersicht über viele Projekte gibt es auf www.gruenanteil.net.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2018. Das Magazin ist seit dem 29. Juni 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Jodel – Eine App erobert den Campus

Die Uni Hamburg ist Jodel-Hochburg. Gemeint ist aber nicht der Gesang aus den Alpen, sondern eine App, die viele Studenten in ihren Bann zieht.

Anonym, offen und ungehemmt kann man auf Jodel Sprüche klopfen oder sich mitdem #jhj – Jodler helfen Jodlern – Rat holen. Vieles dreht sich hierbei um Karma. Wird dein Post mit Upvotes belohnt, gibt’s gutes Karma. Kaufen kann man sich dafür nichts, aber es fühlt sich gut an.

Jodler lieben ihre Stadt. Quelle: Jodel

Seit 2014 werden schon auf Jodel Sprüche geklopft, die jeder in einem Umkreis von 10 Kilometern lesen kann. Im letzten Jahr legte die App noch mal tüchtig an Beliebtheit zu. Gepostet werden Bilder oder knappe Texte. Über eine Million Nutzer schreiben bis zu 600.000 Kurznachrichten pro Tag. Inhaltlich erinnert das Ganze stark an eine digitale Uni-Klowand, Stand-up-Comedy oder Selbsthilfegruppe. Die Standortbegrenzung führt zu einer sehr starken Bindung zu der Stadt, in der man jodelt. Für alle, die Jodel Hamburg noch nicht verfolgen, sind hier die wichtigsten Grundlagen, die man wissen sollte.

Die schönste Stadt der Welt

Hamburger Jodler sind sich in einer Sache einig: Hamburg ist die schönste Stadt der Welt. Und niemand kann uns etwas anderes erzählen. Egal ob hier geboren oder nur zu Besuch, wir lieben diese Stadt. An keinem anderen Ort bleibt man lieber im Bett liegen. Hier gibt es das beste Schietwetter, die schönste Hafenskyline und das beste Gebäck: Franzbrötchen. Ein Franz geht immer. Ob an einem stressigen Tag oder bei einem gemütlichen Sonntagsfrühstück: Franz muss mit. Und das halten wir in jede Menge (Foto-)Jodel fest, wenn wir von dieser Heimatliebe gepackt werden.

Das HVV Racing Team

Wenn du von A nach B möchtest: Unser HVV hat das beste Racing Team. Manni, so heißen die Busfahrer bei Jodel, fährt immer auf Bestzeit– am liebsten ein paar Minuten zu früh genau vor deiner Nase weg, den Blick auf die Rundenbestzeit gerichtet. Die Hochbahn macht auch mit – das Rennen der U1 und U3 an der Kellinghusenstraße ist ein Klassiker. Und mach dir keine Sorgen: Niemand findet den richtigen Ausgang am Jungfernstieg. In diesem Labyrinth aus Gängen und Treppen kommt man gern am falschen Ende der Stadt raus.

Typische Jodler. Quelle: Jodel

Jodel-Typologie

Die Erstis werden gern auf die Schippe genommen. Mit der perfekten Lunchbox und einer riesigen Kollektion Stifte stehen sie den Langzeitstudenten mit einem geliehenen Kuli gegenüber, die ihre Notizen auf einer Serviette machen. Und natürlich gibt es unter Studenten auch die ein oder andere Stichelei. Informatiker? Alles Jungfrauen. Jura-Studenten? Alle reich. Grundschullehramt? Malen in Klausuren nur Mandalas aus. Wer übermalt, ist durchgefallen. Aber eines haben alle Studenten gemeinsam: In der Klausurenphase sind alle lieber auf Jodel und jammern, wie schwer das Lernen fällt,wenn man durch Jodel abgelenkt wird. Schlussendlich sind Jodler auch nur ganz normale Studenten. Dank Jodel fühlt man sich weniger schlecht, wenn man sich am Ende des Monats das Geld für die letzten Nudeln mit zurückgegebenen Pfandflaschen zusammenkratzt. Eine Jodel-Weisheit: Am Ende des Geldes ist noch viel zu viel Monat über.

Möwen in der Jodel-eigenen Schreibweise. Quelle: Jodel

Katerstimmung

Trotzdem gehen wir am Wochenende feiern. Woran man das merkt? Die einzige Zeit, an der Jodel einmal schweigt, ist sonntagmorgens. Da ist eher Katerstimmung angesagt. Zeit für Bettgeschichten im Zeichen des #dlrh – einfachmal den Lörres reinhämmern. Ist ja schließlich alles anonym, da fallen die Hemmungen schnell. Oder Zeit, Bilder von seinen Haustieren zu posten. Und alle Tiere werden zu Katzen, in der Jodel-eigenen Schreibweise: Gadse, Bellgadse, Fluggadse, Nussgadse, Hoppelgadse (Katze, Hund, Vogel, Einhörnchen, Hase) – die Möglichkeiten sind endlos. Und damit bleibt nur noch zu sagen: Glückwunsch, du bist gerade zum Jodler geworden.

 

 

 

 

Text: Melina Morg

Quelle: Jodel

 


Uni Extra 2017Ein Beitrag aus der SZENE Hamburg Uni Extra Frühjahr/Sommer 2017. Das Magazin für Hamburgs Studenten liegt kostenfrei auf dem Campus aus und ist zusätzlich als Heft im Heft in der April-Ausgabe unseres Stadtmagazins SZENE Hamburg erschienen.