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StrassenWahl: Die Stimme der Obdachlosen

Der Hamburger Verein StrassenBLUES e.V. setzt für die Belange von obdach- und wohnungslosen Menschen ein. Vor der Bundestagswahl haben sie Fragen von Obdachlosen gesammelt und die Politik antwortet

Text: Felix Willeke

 

Obdachlose Menschen haben kaum eine Lobby. Obwohl sie auch ohne Personalausweis und ohne festen Wohnsitz wählen gehen dürfe, erreichen ihre Anliegen nur selten die Politik. Deswegen hat es sich der Hamburger Verein StrassenBLUES e.V. zur Aufgabe gemacht, die Stimme der obdach- und wohnungslosen Menschen hörbar und sichtbar zu machen. In sechs Videos stellen sie der Politik Fragen und die Parteien antworten.

 

„StrassenWAHL – deine Stimme zählt“

 

Unter dem Motto „StrassenWAHL – deine Stimme zählt“ haben Martina, Jürgen, Andy, Martin und Peter ihre Fragen an die CDU, SPD, GRÜNEN, LINKE und FDP gestellt. Bis zur Bundestagswahl werden die Videos mit den Fragen und Antworten auf dem dem Vimeo-Kanal des Vereins StrassenBLUES e.V. hochgeladen.

Nikolas Migut, Vereinsvorsitzender von StrassenBLUES e.V. sagt: „Wir geben obdachlosen Menschen eine Stimme in diesem Wahlkampf und ermöglichen durch unsere StrassenWAHL-Aktion einen Austausch auf Augenhöhe. Viel zu oft werden wohnungs- und obdachlose Menschen ausgegrenzt. Wir möchten sie teilhaben lassen und ihnen zeigen – deine Stimme zählt!”.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2021. Das Magazin ist seit dem 28. August 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Mundhalle: Handwerk und Kunst in der HafenCity

In der Mundhalle in der HafenCity ist eine breitgefächerte Interessen- und Arbeitsgemeinschaft aus 60 Akteuren aus den Bereichen Kunst, Handwerk, Technologie und Design tätig. Im Rahmen des Kultursommers findet die vielfältige Veranstaltungsreihe „LIFT ON LIFT OFF“ statt

 

Ursprünglich in einer Werkhalle in Rothenburgsort beheimatet, hat sich der Verbund der Genossenschaft Mundhalle eG nach der Gründung 2017 schnell zu einer umfangreich vernetzten und solidarischen Gemeinschaft entwickelt und ist Anfang 2021 in die HafenCity gezogen. Das berufliche Spektrum der vor Ort Beteiligten reicht von Studierenden über Soloselbstständige, Freiberufliche oder Handwerksmeister:innen, bis hin zu Unternehmer:innen. Das gemeinsame Anliegen ist es, selbstverwaltete Gestaltungs- und Arbeitsräume zu schaffen, die innerstädtisch angebunden, langfristig verfügbar und auch finanziell tragbar sind.

Während des Kultursommers lädt die Mundhalle eG zum Kulturfestival LIFT ON LIFT OFF ein. „Lift On, Lift Off“ beschreibt das Be- und Entladen von Containern mittels eines externen Krans und steht kurz („LoLo“) als Fachbezeichnung für den Großteil der Frachtschiffe auf den Weltmeeren.

 

Kultur-Container

 

Die Mundhalle eG mit ihren rund 60 Mitgliedern aus den Bereichen Handwerk, Bildende Kunst, Technologie und Design befindet sich bis Ende 2022 im ehemaligen Kreuzfahrtterminal in der HafenCity, dessen Architektur aus ebensolchen Überseecontainern besteht. Der temporäre Standortwechsel ins Entwicklungsgebiet „Überseequartier“ sei eine Herausforderung in ungewöhnlicher Umgebung für die junge Genossenschaft, so Insa, teil der Genossenschaft und Grafikerin mit Arbeitsplatz in der Mundhalle. Der neue Standort öffne durch seine spannungsgeladenen Kontraste zwischen der HafenCity als größte Baustelle Hamburgs, fertiggestellten Architekturvisionen und dem andauernden Frachtverkehr des Hafens, Freiräume für künstlerische Auseinandersetzungen, so die Grafikerin weiter.

 

Sound und Simulation

 

In diesem Sinne werden sowohl die Außen- als auch die Ausstellungsfläche des Terminals vom 22. Juli bis zum 04. August 2021 von Künstler:innen und Performer:innen der Mundhalle in einen Raum für wechselnde Ausstellungen, Performances und künstlerische Workshops verwandelt, welche in engem Bezug zur Umgebung stehen: Die Soundinstallation KEIN SCHIFF leitete mit einer Schiffshorn-Simulationsanlage lautstark den Beginn des Kulturevents ein. 

Das städtebauliche und landschaftsgärtnerische Werk der neuen HafenCity wird unter anderem auf dem Kunstspaziergang „Hafenpipi“ auf alternative Ideen und Konzepte der Erleichterung untersucht. Ebenfalls mit der urbanen Vegetation der Umgebung befasst sich der künstlerische Workshop „Nachtgärtnern – I would prefer not to“, der nur bei Dunkelheit und schlechtem Wetter stattfindet. An Fahnenmasten neben dem Terminal hinterfragt die flüssige Installation „dissolve“ die Bedeutsamkeit nationaler, image- und identitätsstiftender Symbolik.

Kinder und Erwachsene können sich im Voraus per Mail für eintägige Workshops anmelden um gemeinsam mit den Künstler:innen eigene Ideen in die Tat umzusetzen. Für das künstlerische Programm muss keine Voranmeldung getätigt werden. Die Teilnahme und der Besuch der Events ist kostenlos. Auch außerhalb der Programmpunkte kann von 12:00 bis 22:00 Uhr täglich an der neu gestalteten, öffentlichen Freifläche am Chicagokai verweilt werden.


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StrassenBLUES: Draußen ist noch wer

In Zeiten menschenleerer Straßen kümmert sich der Verein StrassenBLUES auf verschiedenen Wegen um Obdachlose

Text: Erik Brandt-Höge

 

Einfache Geschichte: Wer während der Corona-Krise zu Hause bleiben kann, der bleibt auch zu Hause. Ist nicht immer toll, aber es gibt Schlimmeres als Homeoffice im Wohnzimmer, in der Küche, auf dem Balkon, im Garten. Schwieriger wird es, wenn kein Zuhause vorhanden ist.

Obdachlose haben es durch die Pandemie noch schwerer, ans Nötigste zu gelangen – es sind schließlich kaum noch Menschen da, die direkt auf der Straße mit Geld, Essen oder Kleidung helfen. Die Macher des gemeinnützigen Vereins StrassenBLUES e. V. haben sich einmal mehr Gedanken gemacht, wie den Mittellosen zur Seite gestanden werden kann.

Es wurden allerhand Aktionen ins Leben gerufen, etwa die StrassenSPENDE, die online abgegeben werden kann, und die von den ehrenamtlichen Vereinsmitgliedern in bar oder als Supermarkt-Gutscheine weitergeleitet wird. Wichtige, auch warme Mahlzeiten bringt das StrassenBLUES-Team ebenso direkt zu Menschen ohne festen Wohnsitz. Und es setzt sich dafür ein, dass Hotels leer stehende Zimmer zur Verfügung stellen, um Obdachlosen etwas Schutz zu bieten. Denn diese gehören aufgrund ihres schwachen Immunsystems zur Risikogruppe und haben auf der Straße nicht nur mit Armut und Hunger zu kämpfen, sondern auch mit Krankheiten und dem Virus, das die Welt gerade so sehr verändert.

www.strassenblues.de; www.strassenspende.de; www.strassensuppe.de; www.hotelsforhomeless.org; www.letmebesafe.org


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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MenschHamburg: „Anpacken fühlt sich gut an!“

Mit witzigen Ideen und einem großen Netzwerk unterstützt Lars Meier, Kopf der PR-Agentur Gute Leude Fabrik, Hamburger Bedürftige, die oft übersehen werden. Dafür hat er 2011 den Verein MenschHamburg gegründet

Interview: Karin Jirsak
Foto: Gute Leude Fabrik

 

SZENE HAMBURG: Lars, wie und wen unterstützt ihr mit MenschHamburg?

Lars Meier: Ein großer Unterschied zwischen MenschHamburg und anderen Organisationen ist, dass wir Geld einsammeln mit dem Spaß der Spender und nicht mit der Not der Notleidenden. Die einzige Begrenzung ist im Grunde, dass das Geld, das wir mit verschiedenen, oft kreativen und ungewöhnlichen Aktionen sammeln, innerhalb des Stadtgebiets bei den Leuten ankommen muss, die es brauchen. Grundsätzlich unterstützen wir gerne Projekte, die sonst nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen.

Da sind wir bewusst sehr bunt aufgestellt – MenschHamburg ist ja auch ein buntes Team. Wir treffen uns regelmäßig und überlegen dann zusammen, wo und wie man helfen könnte. Mal setzen wir das Geld für ältere Leute ein, mal für Naturschutzprojekte, mal für Kinder. Einer Grundschule in Billstedt haben wir zum Beispiel eine neue Küche ermöglicht, in der die Kinder zusammen kochen und so den Umgang mit Lebensmitteln lernen.

Mit welchen Aktionen generiert ihr die Spenden?

Wir haben jedes Jahr drei große Events: das Kamelrennderby auf dem Frühjahrsdom, den Welttrinkgeldtag am 21. Mai und das MauMau-Turnier im Herbst, auf das ich mich schon sehr freue. Außerdem hatten wir zum Beispiel im Jahr 2015, als die Geflüchtetenkrise auf dem Höhepunkt war, die Idee zu unserem „Moin Moin Refugees“-Button, mit dem wir die Hamburger auffordern wollten, hanseatische Willkommenskultur zu zeigen – auch um dem Geschrei, das gerade damals von rechts kam, bewusst etwas entgegenzusetzen.

Ich wollte erst mal nur 500 von diesen Buttons machen lassen. Aber die Nachfrage war extrem hoch. Bis heute haben wir über 50.000 für einen Euro pro Stück verkauft. Vor ein paar Wochen habe ich eine junge Frau in der U-Bahn gesehen, die den Button immer noch getragen hat – nach vier Jahren! Ich hätte sie am liebsten umarmt.

Erzähl mal, wie bist du auf das Kamelrennderby gekommen?

Das Kamelrennen auf dem Dom ist auf jeden Fall Kult. Als Kind habe ich das sehr gerne, aber sehr schlecht gespielt. Irgendwann saß ich mit dem Welt-Hamburg-Redaktionsleiter Jörn Lauterbach bei einer Brause zusammen, dem es genauso ging, und wir kamen auf die Idee, eine Meisterschaft zu veranstalten, bei der Firmen gegen eine Spende von 300 Euro mit je einem Dreierteam mitmachen können. Das so eingenommene Geld kommt immer unterschiedlichen Projekten zugute. Seit 2015 findet das Derby einmal im Jahr statt, und es ist immer ein Riesenspaß.

 

Echtes Engagement findet offline statt

 

Du veranstaltest aber nicht nur Aktionen für MenschHamburg. Die Gute Leude Fabrik organisiert auch den sogenannten N Klub. Stichwort: Nachhaltigkeit …

Der N Klub ist ein Netzwerk für Leute, die sich mit den unterschiedlichsten Nachhaltigkeitsthemen befassen, zum Beispiel beruflich, oder sich in einer Initiative engagieren. Bei den N Klub-Treffen sind vom CSR-Manager mit Krawatte bis zum Aktivisten, der sich vor den Castor-Transport stellt, die unterschiedlichsten Menschen dabei. Wenn wir auf ein spannendes Projekt oder eine Idee stoßen, dann laden wir die Leute ein. Durch den intensiven Austausch bei diesen Treffen konnten schon viele tolle Ideen verbreitet und realisiert werden.

Auf der MenschHamburg-Website schreibst du: „Es gibt viele Gründe etwas zu tun, aber nur einen sich nicht zu engagieren: Bequemlichkeit!“ Muss man die Bequemlichkeit vielleicht akzeptieren und das Engagement entsprechend bequemer gestalten?

Auf keinen Fall. Viele Leute kritisieren ja heute sehr bequem in sozialen Netzwerken und denken, das wäre Engagement. Aber echtes Engagement, egal, ob man nun Bäume pflanzt oder auf Kinder aufpasst, das ist was ganz anderes, und kann eine ganz tolle Erfahrung sein. Wer zum Beispiel mal Samstagvormittags eine Stunde lang in der Kleiderkammer Hanseatic Help beim Sortieren geholfen hat, weiß: Anzupacken fühlt sich gut an. Und dabei kann man auch sehr gut den Kopf frei kriegen.

Mensch.hamburg


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Urban Gardening – Zurück zu den Wurzeln

Pflanzen, gießen, ernten – gemeinschaftliches Gärtnern liegt im Trend. Immer mehr grüne Oasen für Jedermann entstehen in der Stadt. Wir haben verschiedene Projekte besucht, die zeigen: Wer mitmacht, gewinnt mehr als eine handgezüchtete Zucchini.

Ein Stückchen hinter der Dove-Elbe, 20 Minuten mit der S-Bahn vom Hauptbahnhof und eine halbstündige Fahrradtour entfernt, haben die Tomatenretter ein kleines Paradies geschaffen. Das vorderste Gewächshaus des Vereins ist die perfekte Mischung zwischen Gärtnerei und Aufenthaltsraum: Neben der Eingangstür reihen sich alte Metallspinde, dahinter drängen sich bunt zusammengewürfelte Stühle um einen kleinen Tisch.

In der Mitte des Gewächshauses blüht ein Meer aus lilafarbenen Blumen, dahinter blitzt ein Sofa hervor, irgendwo dazwischen steht eine Tischtennisplatte. „Da entspannen wir uns immer nach der Arbeit“, erzählt Hilmar Kunath, ein Mitglied des fünfzehnköpfigen Teams, das hier, wie der Name schon sagt, Tomaten retten will. Dass Kunaths Herz für seine Pflanzen brennt, merkt man schnell – spätestens als er liebevoll mit einer Hand über die Blüten streicht. „Ein Heilkraut aus dem Mittelalter“, merkt er an. Durch das Blumenmeer in dem Gewächshaus zu laufen, mache ihn immer glücklich.

Gearbeitet wird auf dem Hof der Tomatenretter mit besonderer Sorgfalt. Die Pflänzchen werden einzeln hochgebunden und regelmäßig gepflegt. Jeden Sonntag kommt ein Teil der Mannschaft zusammen, um die Gewächshäuser zu bestellen. Aber nicht alles besteht hier aus Arbeit: Die Gruppe kocht zusammen in der Gemeinschaftsküche, oder springt nach getaner Arbeit zur Abkühlung in die Gose-Elbe.

Im vordersten Gewächshaus der Tomatenretter: wuchernde Blumen neben Spinden und Tischtennisplatte.

Vor knapp fünf Jahren wurde der Verein Tomatenretter e. V. gegründet, die Mitglieder setzen sich für den Erhalt der Artenvielfalt ein. Die Tomaten seien nur ein Beispiel, das sie sich herausgepickt hätten, erklärt Kunath, „Ein kleines Aufgabengebiet, um uns nicht zu überfordern.“ Im Saatgutarchiv des Vereins wurden inzwischen über 160 Sorten gesammelt, viele davon sind alt und werden aufgrund fehlender Zulassungen nur noch selten angebaut. Rund 80 weitere Experimentalsorten wachsen hier gerade in einem der Gewächshäuser.

Doch im Großen und Ganzen sei die Arbeit des Vereins eine praktische Kritik am Umgang der Menschen mit der Natur, wie Kunath sagt. „Ein paar wenige globale Unternehmen haben das Saatgut zu ihrer Privatsache und die Bauern davon abhängig gemacht. Es wird mit Fungiziden und Pestiziden produziert“, kritisiert er. „Diese Produktionsweise bedroht die Natur, unser Trinkwasser und damit auch uns.“ Im Gegensatz zu den kommerziellen Großunternehmen vertreiben die Tomatenretter ihr Saatgut gegen eine Spende nach Selbsteinschätzung.

Ausgefallene Namen für ausgefallene Pflänzchen: Die Tomatenretter sammeln das Saatgut alter Sorten.

Das allgemeine Konsumverhalten stößt auch bei anderen Gemeinschaftsgartenprojekten übel auf. „Wenn wir’s drauf anlegen, können wir unseren Planeten bestimmt noch einige Jahrzehnte weiter ausbeuten. Aber das kann ja nicht das Ziel sein“, betont auch David Keck vom Wurzelwerk. Doch ihm geht es vordergründig nicht um die große Vision, sondern um das Zusammenwachsen der Menschen in der Stadt. Das Projekt auf dem Gelände der Universität Hamburg wurde von Studierenden gegründet, richtet sich aber explizit auch an andere Bewohner des Viertels.

Hier sieht es anders aus als auf dem Gelände der Tomatenretter: Statt riesiger Gewächshäuser reihen sich Hochbeete aneinander. Ein Holzschuppen beherbergt das Gartenwerkzeug, und an seine Außenwände wurden Dosen genagelt, die jetzt darauf warten, neu bepflanzt zu werden. Selbst gebaute Sitzmöbel aus Paletten sind kreisförmig um eine Feuerstelle angeordnet. In den nahegelegenen Bäumen hängt eine Schaukel, und in einer Kräuterschnecke sprießt der Schnittlauch. Wo die Tomatenretter großflächige Bewässerungssysteme nutzen und die Beete systematisch bepflanzen, scheint beim Wurzelwerk alles mehr mit Do-it-yourself zu funktionieren.

Ein Hochbeet geht überall, auch auf dem Dach des Schuppens vom Wurzelwerk.

„Wir wachsen, wie ein Garten das ja auch sollte, mit den Jahren immer weiter“, betont Keck. Das Gärtnern alleine ist für ihn allerdings nicht der einzig wichtige Aspekt des Projekts. „Ich sehe den Garten auf zwei Ebenen“, erklärt er. „Zuerst natürlich als Garten im biologischen Sinne. Und dann als Raum, der offen für alle Menschen sein und Austausch fördern soll, denn in Zeiten der zunehmenden Privatisierung kann es davon nicht genug geben.“

Gerade wegen dieses Aspekts wächst der Trend der Gemeinschaftsgärten immer mehr. „Niemand kommt da hin, gießt sein Beet und geht dann wieder“, erläutert Fabian Berger. Er hat zusammen mit dem Stadtteilzentrum Motte in Altona die Plattform grünanteil.net ins Leben gerufen, die deutschlandweit Gartenprojekte wie die Tomatenretter oder das Wurzelwerk dokumentiert. Diese grünen Oasen leben eben genau davon: Gemeinschaft. Deswegen sind Interessierte bei solchen Projekten in der Regel mehr als willkommen, auch, wenn man nicht gerade einen grünen Daumen hat. Zusammen mit seinen Mitstreitern lässt es sich meistens am leichtesten lernen. Viele der Projekte hätten ihr Angebot inzwischen auch in andere Richtungen ausgeweitet, erzählt Berger. Statt der reinen Gartenarbeit fänden auch gemeinsame Kochabende statt, Gartenfeste, Bastelrunden oder Yogakurse.

Dass eine Gemeinschaftsleistung sogar wirklich etwas bewegen kann, beweist der Beet-Club in Altona. 2009 wollte der Energiekonzern Vattenfall eine Fernwärmetrasse für das Kohlekraftwerk Moorburg durch den Suttnerpark legen. Die Bürger wehrten sich, errichteten im friedlichen Protest ein Hochbeet und retteten den Park. Die Zahl der Beete ist seitdem stark gestiegen. Benjamin Bruno dokumentiert auf seinem „Suttnerblog“ inzwischen die Fortschritte des Gemeinschaftsgartens. Am schönsten ist es für ihn, wenn er von Passanten im Park auf die Hochbeete angesprochen wird. „Man lernt so viele Menschen aus dem Viertel kennen“, freut er sich, „es bringt hier alle näher zusammen.“

Zusammen gärtnern, die Erzeugnisse gemeinsam verwerten oder fair aufteilen: Sind Gemeinschaftsgartenprojekte also die Zukunft für einen bewussten und nachhaltigen Umgang mit Lebensmitteln? Bruno ist davon nicht überzeugt. „Es gibt sicherlich Projekte mit diesem Anspruch. Wir gehören auf jeden Fall nicht dazu.“ Auch Fabian Berger denkt nicht, dass Gartenprojekte die einzig wahre Lösung sind. „Wir können ja nicht mit einem Gemeinschaftsgarten einen ganzen Stadtteil ernähren.“ Viel wichtiger ist für alle der Lerneffekt: „Ich freue mich, wenn Kinder nach den Namen der Pflanzen fragen und sehen, dass das Gemüse nicht in den Theken vom Supermarkt wächst“, bestätigt Bruno. Solche Projekte würden dazu beitragen, dass Menschen die Herkunft und Verwertung der Lebensmittel reflektierter betrachten würden.

Seit 2015 engagiert sich David Keck beim Wurzelwerk.

Auch David Keck glaubt daran, dass das Wurzelwerk eher Leuchtturm-Charakter als Weltverbesserer-Potenzial habe. Ein Garten würde den Menschen beibringen, Essen wieder wertzuschätzen. Denn wächst das Gemüse im eigenen Beet, weiß man genau, dass keine Chemikalien in der Produktion verwendet und keine Menschen ausgebeutet wurden. Nach wochenlangem Warten auf die Ernte würde man sich außerdem viel mehr bemühen, die Lebensmittel zu verbrauchen, bevor sie schlecht werden. „Wenn man selbst dafür gearbeitet hat, bekommt man natürlich einen ganz anderen Bezug dazu“, so Keck.

Doch ohne Spaß an der Sache geht gar nichts. Und merklich Spaß haben alle, sowohl die Tomatenretter, als auch die Mitglieder des Wurzelwerks oder die des Beet-Clubs. Dass Gemeinschaft, Beisammensein und Austausch dabei besonders wichtig sind, hat Kunath, trotz seiner Mission, natürlich längst verstanden: „Wir können zusammen ein Netzwerk bilden und uns für eine naturnahe, nicht-marktbezogene Produktions- und Lebensweise einsetzen“, erklärt er. „Denn man kann die Welt nicht alleine retten.“

Text & Fotos: Sophia Herzog

Mit oder ohne grünen Daumen – hier kann jeder in Hamburg gärtnern:

👉 TomatenretterReitbrooker Hinterdeich 291 (Reitbrook)

👉 Beet-Club: Suttnerstraße 14 (Altona)

👉 Wurzelwerk: Von-Melle-Park 11 (Rotherbaum)

👉 Gartendeck: Große Freiheit 62-68 (St. Pauli)

👉 Stephanusgarten: Lutterothstraße 100 (Eimsbüttel)

👉 Münzgarten: Rosenallee 9 (St. Georg)

👉 Venusgarten: Ditmar-Koel-Straße 4 (Neustadt)

👉 Keimzelle: Ölmühle (Karolinenviertel)

👉 Motte-Garten: Eulenstraße 43 (Ottensen)

👉 Interkultureller Gemeinschaftsgarten: Ottensen Bernadottestraße 7 (Ottensen)

👉 Minitopia: Georg-Wilhelm-Straße 322 (Wilhelmsburg)

👉 Interkultureller Garten Wilhelmsburg: Fährstraße 67 (Wilhelmsburg)

👉 Baluga: Holstenkamp 83 (Bahrenfeld)

👉 Interkultureller Garten Hamburg-Billstedt: Legienstraße 47-77 (Billstedt)

👉 Gartengruppe Wandsbek: Eydtkuhnenweg 10C (Wandsbek)

👉 Aktion Kürbisbeet: Bredstedter Straße 17 (Dulsberg)

Eine Übersicht über viele Projekte gibt es auf www.gruenanteil.net.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2018. Das Magazin ist seit dem 29. Juni 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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