Ein Pfeil nach dem anderen fliegt auf eine bunte Scheibe mit Zahlenfeldern zu: Klack, Triple 20, klack, Doppel 1, klack, daneben, egal. Jeden Sonntag wird in der Bar Extratour in St. Georg zwischen 18 und 20 Uhr Darts gespielt – in geselliger Runde, ganz entspannt, ohne Performancedruck. Glück und Können dürfen hier ruhig so dicht beisammen liegen wie die 20 und die 1 auf der Zielscheibe, Anfängerinnen und Anfänger sind ebenso willkommen wie Fortgeschrittene. Und wer Tipps zu Positionierung und Wurftechnik haben möchte, kann gern Thomas fragen, den Gruppenleiter der Dart-Runde. Es handelt sich hier nämlich nicht um einen gewöhnlichen Kneipenabend, sondern um ein Kursangebot des gemeinnützigen Vereins Startschuss Queer Sport Hamburg, der queeren Menschen einen Schutzraum für gemeinsamen Sport bietet und so klare Zeichen gegen Diskriminierung setzt – und das seit über 30 Jahren.
„Begonnen hat alles Ende der 80er-, Anfang der 90er-Jahre“, erzählt Janko Zehe, der Erste Vorsitzende des Vereins. „Die Zeiten waren anders als heute: AIDS und HIV prägten den Alltag. Sich als schwul oder lesbisch zu outen, war für viele mit Stigmatisierung verbunden. Familien wandten sich ab, Nachteile im Job waren normal, öffentlich geoutete Menschen galten als exotische Außenseiter. Homosexuelle im Sport? Undenkbar. Damals wurde selbst der Berliner Verein ‚Vorspiel‘ nicht in den Leichtathletikverband aufgenommen, weil das Wort ‚schwul‘ im Namen als zu provokant galt. In diesem Klima gründeten 1990 ein paar schwule Hamburger Startschuss – damals noch als ‚Schwuler Sportverein‘.“ Das Ziel war von Beginn an klar: einen Safer Space zu schaffen, in dem man ohne Ausgrenzung, ohne gehässige Blicke oder Sprüche Sport treiben kann. Mittlerweile ist aus dieser kleinen Initiative ein dynamisches und stetig wachsendes Netzwerk geworden, mit über 1100 Mitgliedern, 25 Sportarten und 50 Trainingsprogrammen pro Woche.
Startschuss e. V.: Vielfältiges Angebot trifft auf vielfältiges Miteinander
Egal ob für die Fitness, die Gesundheit, die sportliche Laufbahn oder einfach aus Lust an der Bewegung: Das sportliche Angebot von Startschuss ist so vielfältig wie dessen Mitglieder, mit all ihren unterschiedlichen Voraussetzungen und Interessen. Von Basketball, Badminton und Fußball über Nordic Walking, Gymnastik und Kung Fu bis hin zu Raufen, Laufen, Schwimmen, Tanzen und Yoga ist alles dabei, sodass alle Interessierten eine passende Gruppe für sich finden können. „Wir entwickeln uns auch immer weiter“, so Zehe. „Obwohl wir als schwuler Sportverein gestartet sind, spiegeln wir heute die ganze Vielfalt der queeren Community wider. Wir haben spezielle Angebote für FLINTA*- oder TIN-Mitglieder, aber der Großteil unseres Programms ist offen für alle. Genau das macht die besondere Atmosphäre bei Startschuss aus: Wir bieten nach wie vor einen Safer Space – sind aber nach außen hin viel selbstbewusster und sichtbarer geworden.“
Obwohl wir als schwuler Sportverein gestartet sind, spiegeln wir heute die ganze Vielfalt der queeren Community wider
Janko Zehe, Erster Vorsitzender von Startschuss Queer Sport Hamburg e. V.
Sport mit Haltung und gemeinschaftsstiftender Kraft wird aber nicht nur in regelmäßigen Kursen, sondern auch in einzelnen Veranstaltungen geboten, etwa beim gemeinsamen Paddeln von Plön nach Eutin, bei der jährlichen Langlauftour nach Norwegen oder beim vereinsweiten Trainingslager in Brandenburg. Auch größere Turniere gehören dazu. Dieses Jahr etwa ging das Häschenturnier, bei dem Volleyball gespielt wird, in die 33. Runde. Zum neunten Mal wiederum fand der Hamburg Queer Cup statt, ein Schwimmwettbewerb, bei dem sowohl Europas queere Vereine als auch Hamburger Schwimmvereine teilnehmen. Und wenn nicht gleich selbst veranstaltet, nehmen Startschuss-Teams auch an Sportevents anderer Organisationen teil, wie etwa an den Gay Games in València, oder spielen in teils internationalen Ligen mit, wie der Queeren Badminton Liga (QUBALI), der ersten und bisher einzigen queeren Badminton Liga Europas.
Natürlich geht es bei den Wettbewerben auch um Ergebnisse und Leistung, bei den Trainingseinheiten um das Erreichen bestimmter Ziele – und doch stehen ebenso Dinge im Vordergrund, die weit über den Sport hinausgehen. Bei den Startschuss Masters etwa, einem der größten queeren Hallenfußballturniere Deutschlands, sticht der gesellschaftspolitische Aspekt besonders deutlich hervor, da der Profifußball im Bereich der Herren seit vielen Jahren von kontroversen Debatten um Akzeptanz, Diversität und Gleichberechtigung geprägt ist. Vielleicht klappt ja irgendwann auch auf großer Bühne das, was bei Startschuss schon funktioniert: sich gemeinsam auszupowern und zu empowern. „Diskriminierung und sogar Gewalt gegen queere Menschen sind nach wie vor ein Thema“, so Zehe. „In solchen Momenten stehen wir als Community zusammen und setzen uns füreinander ein. Anfang August sind wir in Hamburg natürlich auch beim Christopher Street Day dabei – mit einem großen Wagen auf der Demo und einem Stand am Jungfernstieg.“
Dieser Artikel ist zuerst in SZENE HAMBURG 08/26 erschienen

