Kurzzeitig hat es gewirkt, als würde die neue Sternbrücke die Menschen der Hansestadt tatsächlich näher zusammenbringen. Seit dem Start des Transports am Morgen des 30. Juli treffen sich nicht nur Anwohnende, sondern auch Hamburgerinnen und Hamburger aus entfernteren Stadtteilen, um die zentimeterknappe Arbeit der Deutschen Bahn und der Transportfirma Mammoet zu beobachten. Die alte Sternbrücke konnte nach 100 Jahren Betrieb die Last der durchfahrenden Züge nicht mehr halten. Die neue Brücke wurde unweit der Max-Brauer-Allee auf der Brammerfläche vorgefertigt. Im Rahmen des Projekts und um die Brücke vom Bauplatz an ihren finalen Standort zu verschieben, mussten 86 Bäume gefällt werden und vier der Traditionsclubs der Sternbrücke haben ihren Standort verloren.
Die, die am Tag nach dem Transport am Wendehammer in der Max-Brauer-Allee zusammenkommen, sind aufgeregt: machen Fotos, reden lautstark, viele haben ihre Kinder dabei. Es herrscht beinahe Jahrmarktstimmung. „Ich fand es herrlich“, erzählt Anwohnerin Erika Peters. Sie hat von ihrer Wohnung aus den direkten Blick auf die Brücke und sieht das Projekt pragmatisch: „Es musste irgendwann gemacht werden. Wir können nicht warten, bis die Bahn hier zusammenbricht.“ Was sie als Nächstes beschreibt, überrascht: „Wenn ich oben von meiner Dachterrasse runterschaue, sehe ich nur noch die Brücke. Ich sehe nicht mehr die aufgehende Sonne.“ Trotzdem sagt sie: „Ansonsten war es ein tolles Projekt.“
Hohe Verluste und kein Sonnenlicht mehr: die neue Sternbrücke hat Gegner
Axel Bühler, Sprecher der Initiative Sternbrücke, sieht das anders: „Diese Brücke gehört hier nicht hin. Sie zerstört den Stadtteil. Es ist eine offene Wunde.“ Seit 2020 hat die Initiative für eine Sanierung der alten Brücke gekämpft, denn für das Projekt mussten 86 Bäume gefällt werden und vier Traditionsclubs an der Sternbrücke haben ihren Standort verloren. Neben Demos und Gesprächen gab es auch einen Gegenentwurf: Architekt Carsten Bauer hat zusammen mit Ulrich Meyer von der Ingenieurkammer Hamburg einen umsetzbaren Neubauentwurf durchgerechnet. „Wir konnten sagen, dass man eine viel bessere Brücke bauen könnte als dieses hässliche Monstrum“, so Bühler. Trotz allem ist die neue Sternbrücke am 31. Juli wie geplant in die Max-Brauer-Allee gezogen – für den monetären Preis von 125 Millionen Euro. Und einem sentimentalen Preis, der wohl unmöglich zu messen ist.
Hier ist ein Stück Identität und Kultur kaputt gegangen. Dieser besondere Ort ist zerstört worden und der lässt sich so nicht wiederbringen
Axel Bühler, Sprecher der Initiative Sternbrücke
Gastronom Christian Wrenkh, der seit 2009 Wrenkh Kochevents in der Max-Brauer-Allee betreibt, schätzt seinen Verlust durch die vier Tage, die er seinen Standort geschlossen halten musste, auf 40.000 Euro. Bei Stepha Zanella, Gründerin vom Café Mamalicious, das seit 15 Jahren kanadisches Frühstück anbietet, liegt der Verlust bei schätzungsweise 10.000 Euro. Der Betrag soll laut Aussagen der beiden Betreibenden nach einem formlosen Antrag an die Deutsche Bahn erstattet werden können. Allerdings sind sich beide nicht sicher, wo der Verlust startet und endet. Zanella berichtet von großen Mengen Baustaub: „Ich musste immer eine Stunde früher reinkommen, um den Laden zu putzen. Wenn das Projekt fertig ist, werden wir alle Lampen abmontieren, alle Bilder abhängen. Und ich weiß nicht, was ich dafür verlangen soll. Ich bekomme keine Zeit erstattet. Wie übersetzt man das in Geld?“ Es geht neben unzähligen Litern Wasser, Ventilatoren, die durch den Staub kaputtgegangen sind, und den Personalkosten auch um den kulturellen Verlust: „Ich kann immer noch nicht glauben, dass die Astra-Stube weg ist. Ich erinnere mich noch an die allerersten Partys im Fundbureau. Und auch Waagenbau. Solche coolen Läden kann man nicht nur mit viel Geld wiederholen.“ Sie befürchtet, dass es nun genau andersherum sein wird und damit die gesamte Schanze immer cleaner wird. Ähnlich vermutet es auch ihr Nachbar Christian Wrenkh: „Einerseits ist es eine Professionalisierung, andererseits wird es viel langweiliger. Es gibt weniger Menschen, die etwas eröffnen, weil sie eine besonders gute Idee haben. So gibt es weniger Variation.“ Einer der betroffenen Clubs ist die Beat Boutique. Seit 2016 wurde sie von Marco Francke zusammen mit seinem Geschäftsführer an der Sternbrücke betrieben und ist im September 2024 in die Nähe der Deichtorhallen in die Altländer Straße gezogen. Francke beschreibt die Umgebung der Sternbrücke als „subkulturellen Glücksfall, der sich so nicht wieder herstellen lässt“. Er glaubt auch, dass „die Menschen ahnen, dass hier ein Schlusspunkt gesetzt wurde. Die alte Sternbrücke war das Symbol für ein inoffizielles Viertel Hamburgs, das es nun so nicht mehr gibt.“
Jetzt wird es anders. Jetzt ist offensichtlich, dass es egal ist, was gebaut wird und ob dafür denkmalgeschützte Gebäude abgerissen werden müssen. Es ist eine Grenzüberschreitung
Stepha Zanella, Gründerin von Mamalicious
Nicht nur Brücke, sondern Denkmal der Veränderung
Zanella empfindet die neue Sternbrücke, gegen die auch sie demonstriert hat, als „Denkmal der Veränderung“. Diese Veränderung möchte Axel Bühler mitgestalten und beschreibt die Möglichkeit eines Beteiligungsverfahrens mit dem Bezirk Altona als „die einzig positive Entwicklung“. Wie soll es also weitergehen? „Wir wollen, dass hier wieder Clubkultur herkommt.“ Außerdem soll „um die Brücke herum ein Ort entstehen, wo die Leute sich wohlfühlen. Nicht kommerzielle Räume, die die Nachbarschaft und die Jugendlichen hier aus dem Viertel bespielen können. Vielleicht eine Bibliothek, vielleicht ein Beach-Club, wir wollen mal sehen.“ Bühler ist hoffnungsvoll, aber fordernd: „Es braucht Geduld und Zuwendung – also auch finanzielle Mittel. Die schuldet uns die Politik.“
Die Beobachtungen von Zanella und Bühler teilt ein weiterer Anwohner, der den „Koloss“, wie er ihn nennt, am Tag nach dem Transport begutachtet: „Ich hoffe, dass die Brücke schnell zugesprüht wird und viele Aufkleber kommen, damit sie von dem cleanen Look wegkommt. Und ich hoffe, dass nicht so teure, cleane Sachen reinkommen. Ich brauche keine großen Fensterscheiben mit Ledersesseln dahinter. Ich brauche etwas mit Charme.“ Die Clubs, die viele vermissen, mussten schließen oder konnten umziehen: Die Astra-Stube gibt es nicht mehr, das Fundbureau und die Beat Boutique sind an die Deichtorhallen gezogen. „Damit ist für die Schanze ein wichtiger Ort verloren gegangen. Ob er an den Deichtorhallen neu entstehen kann, wird sich zeigen“, mutmaßt Bühler. Die Beat Boutique hat durch den Standortwechsel eine größere Fläche bekommen und Francke berichtet, dass er sich dort bereits zu Hause fühle. Er blickt hoffnungsvoll in die Zukunft.
Mit dem alten Ort Sternbrücke haben wir einen clubkulturellen Hotspot verloren, an dem die Hamburger generationenübergreifend zusammen gefeiert haben. Mit der Altländer Straße haben wir einen Rohdiamanten bekommen, der hoffentlich das neue clubkulturelle Schmuckstück Hamburgs wird.
Marco Francke, einer der Geschäftsführer der Beat Boutique
In einem bescheidenen Punkt sind sich alle einig: Es muss wieder grüner werden. Wrenkh, Gastronom und Grünpate vom sogenannten Straßenbegleitgrün vor seiner Tür, träumt von einem Außenbereich für seine Gäste, Zanella von Schutz vor der Sonne. Bühler wünscht sich mehr Grün, weil es in den Städten immer wärmer wird. Ein Wunsch vieler Anwohnender wird sich nicht erfüllen: „Man hätte es kleiner machen können“, sagt Erika Peters. Worte, die am Donnerstagmorgen nach Ankunft der neuen Sternbrücke immer wieder fallen, sind: „überdimensioniert“, „ein schlechter Witz“, „zu gewaltig“, „riesig“, „Koloss“. Aber auch: „Wir müssen uns dran gewöhnen.“

