Triennale der Photographie Hamburg: Im Zeichen von Liebe und Verantwortung

Zwischen Dokumentation und Transformation kann uns die Fotografie kraft unzähliger Formen und Motive Ausschnitte diverser Wirklichkeiten nahebringen – ob im Kontext gegenwärtiger Kriege, historischer Ereignisse oder imaginierter Welten. Unter dem Titel „Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other“ setzt die Triennale der Photographie Hamburg nun in ihrer neunten Ausgabe den Fokus auf das fotografische Potenzial, Menschen zusammenzubringen und zur Reflexion über Gerechtigkeit, Solidarität und Verantwortung anzuhalten – mit einer gleichnamigen Hauptausstellung im Haus für aktuelle Kunst in den Deichtorhallen und zehn weiteren Shows in insgesamt acht Kunstinstitutionen. Vier davon hier im Kurzporträt
Indem sie historische Dokumente bearbeitet, befragt Marystela Camacho die Geschichte, hier etwa das bestickte Foto „Kreuzfest von Motupe” (1907) von H. H. Brüning
Indem sie historische Dokumente bearbeitet, befragt Marystela Camacho die Geschichte, hier etwa das bestickte Foto „Kreuzfest von Motupe” (1907) von H. H. Brüning (© Marystela Camacho)

Die Vergangenheit neu sehen lernen

MARKK Eine Zusammenkunft historischer Fotografien aus Peru und zeitgenössischer Positionen aus Wissenschaft und Kunst

Insgesamt ein halbes Jahrhundert verbrachte und arbeitete der Ingenieur Hans Heinrich Brüning (1848–1928) im Norden von Peru in der Region Lambayeque, für deren Menschen und Kulturgeschichte er sich leidenschaftlich interessierte – und die er mittels eindrücklicher Ton- und Fotoaufnahmen festhielt. Mal sind es persönliche Porträts, mal alltägliche Szenen, auf denen uns Wasserträgerinnen am Fluss, Mütter mit Kindern oder kostümierte Personen bei Karnevalsveranstaltungen begegnen. Viele von Brünings Aufzeichnungen befinden sich heute in der Sammlung des MARKK – wo sie aktuell in der Schau „Bilderecho aus Peru“ gezeigt und zum Ausgangspunkt gegenwärtiger künstlerischer und wissenschaftlicher Auseinandersetzungen mit der Identität und Geschichte der Menschen und des Landes werden, auch der kolonialen Vergangenheit. Dabei spielen ebenso afroperuanische und queere Perspektiven wie speziell für die Schau produzierte Arbeiten eine Rolle, die Brünings Bilder als Grundlage nutzen: etwa die mit Porträts bedruckten Keramiken von Enzo Miguel Matute oder die bestickten Fotos von Marystela Camacho. Nicht zuletzt ermöglicht diese produktive Wechselbeziehung aus Vergangenheit und Gegenwart neue, kritische Blickwinkel auf relevante Themen wie demokratische Teilhabeprozesse in der Kunst oder kulturelle Wiederaneignung – und zeigt darüber hinaus, dass die Beschäftigung mit einem Archiv wie dem von Brüning kreative Beziehungen erzeugen und wichtige Diskurse anregen kann.

Kultur und Gegenkultur

Sammlung Falckenberg Zahlreiche fotografische Positionen fächern auf, wie man dem Mainstream mit kreativer Sprengkraft begegnen kann
Gemischtes Doppel? Wer steckt hinter den Masken? Olaf Breunings Arbeit „Double“ von 2002 lässt Fragen offen © Olaf Breuning, Courtesy von Bartha, Basel/Copenhagen. Deichtorhallen Hamburg/Sammlung Falckenberg, (© Egbert Haneke)

Kulturen entwickeln meistens früher oder später ihre eigenen Konventionen und exklusiven Systeme, die mal mehr, mal weniger offen für alle bleiben. So entstehen an deren Rändern notwendigerweise auch Gegenkulturen, die ankreiden, anecken und nach Veränderung schreien – bis auch sie wiederum im Mainstream derart verankert sind, dass sie selbst zum Gegenstand kritischer Auseinandersetzung werden. Jeder Versuch also, Kulturgeschichte zu erzählen, muss beide historischen Stränge umfassen, ihre Entwicklungen und Verwicklungen zusammendenken. Dies hat sich derzeit die Sammlung Falckenberg im Kontext der zeitgenössischen Kunst vorgenommen. „Inner Mornings, or Forms of Counterculture“ untersucht in vier thematischen Kapiteln mittels überwiegend fotografischer Positionen ebensolche Bewegungen zwischen der Mitte und den Randgebieten diverser Gesellschaften. Zahlreiche Arbeiten renommierter Künstlerinnen und Künstler, darunter etwa Fischli & Weiss, Wolfgang Tillmanns, Valie Export und Joel Meyerowitz, hinterfragen politische Machtverhältnisse, soziale Rollenmuster und Entwicklungen ebenso wie sie ästhetische Strategien zwischen Widerstand, Irritation und Imagination beleuchten. Im Zentrum von alldem stehen dabei in der Schau Leben und Werk der französischen Schriftstellerin und Fotografin Claude Cahun (1894–1954) – die mit ihrem Aufbegehren gegen gesellschaftliche Konventionen und den Nationalsozialismus gewichtige Zeichen setzte, die bis heute nicht an Bedeutung verloren haben.

Welten festhalten

Hamburger Kunsthalle Eine ausgeklügelte Themenausstellung rund um die Frage, was die Fotografie seit Beginn ihrer Geschichte auszeichnet
Anonyme Gräber in der Umgebung von Cuito Cuanavale: Ein Foto aus Jo Ractliffes Serie „As Terras do Fim do Mundo“ von 2009 (© Jo Ractliffe)

Schon als sie in den Kinderschuhen steckte, zog die Fotografie Menschen durch ihre Fähigkeit in den Bann, Flüchtiges auf einem Trägermedium fixieren zu können. Teilweise werden durch sie Vorgänge erst sichtbar, die für das menschliche Auge sonst nicht wahrnehmbar gewesen wären, teilweise speichert sie Ereignisse, Personen oder Gegenstände, die ohne sie womöglich in Vergessenheit geraten oder gar nicht zur Ansicht gekommen wären. Unter dem poetisch anmutenden Titel „Aber ich die Welt ich sehe dich“ rückt die Hamburger Kunsthalle nun diese grundlegenden Qualitäten quer durch die ganze Fotogeschichte in den Fokus – und reflektiert in drei Teilen auch die damit verbundene inhaltliche und formale Diversität. Der erste Teil widmet sich Landschaften, häufiger auch Grablandschaften, in die sich Geschichten, Erinnerungen, Gefühle eingetragen haben, die mythisch, persönlich oder historisch aufgeladen sind. Im zweiten Teil spielt die künstlerische Nutzung von Schlagschatten, optischen Geräten und verschiedener fotografischer Aneignungsprozesse eine Rolle, während sich der dritte auf Bildbearbeitung, Protokollierung, Objektproduktion und Archivierung konzentriert. Im Rahmen der Schau gibt es auch eine Kooperation mit dem Internationalen Sommerfestival 2026 auf Kampnagel – mit neu in Auftrag gegebenen Performances ebenso wie mit Arbeiten der amerikanischen Foto-Ikone Nan Goldin.

Durch Raum und Form

Kunstverein in Hamburg Die erste institutionelle Einzelausstellung der Künstlerin Nina Porter
Nina Porter geht spielerisch und experimentell mit Fotografie um (© Nina Porter, Sample Question, Kunstverein in Hamburg, 2026)

Dass Fotografie längst nicht mehr nur das gerahmte Bild an der Wand ist, das uns – mal abbildhaft, mal verfremdet – einen Ausschnitt der Welt zeigt und dabei unter dokumentarischen oder künstlerischen Vorzeichen verschiedene Wirklichkeitsansprüche formulieren kann, dürfte bekannt sein. Fotografie kann selbst viele Formen annehmen, skulptural werden oder die Basis für Objekte und Installationen bilden und als Projektionsfläche enorme kreative Potenziale freisetzen – wie etwa bei der britischen Künstlerin Nina Porter. In der Vergangenheit hat sie etwa Kontaktbögen und Negative in ungewöhnlichem Hochformat, 240 cm auf 14 cm, gerahmt an die Wand gestellt. Auf spielerische Weise zeigt sie damit, wie Fotografie sich Räume aneignen und ein Medium von formaler Vielseitigkeit sein kann. In ihren jüngsten Arbeiten hat sie sich dem dynamischen Verhältnis von Kamera, Motiv und Bild gewidmet, um neue Perspektiven auf die inhaltlichen, materiellen wie räumlichen Qualitäten von Fotografie zu ermöglichen. Anlässlich der Triennale hat sie nun im Erdgeschoss der Galerie des Kunstvereins in Hamburg neue Werke produziert – die sich unter dem Titel „Sample Question“ zu ihrer ersten institutionellen Solo-Show zusammenfügen.

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