Virginia Keller feiert Debüt in der Walking-Football Nationalmannschaft

Die frühere Profispielerin Virginia Keller feiert ihr Nationalmannschaftsdebüt. Im Walking Football. Mit 70 Jahren
Nationalmannschaftsdebüt mit 70: Virginia Keller beweist beim Walking Football, dass es für sportliche Höchstleistungen und das Nationaltrikot nie zu spät ist
Nationalmannschaftsdebüt mit 70: Virginia Keller beweist beim Walking Football, dass es für sportliche Höchstleistungen und das Nationaltrikot nie zu spät ist (©mikaniemeck.sportfotografie)

Wenige Minuten vor dem Anpfiff geht Virginia Keller zum kleinen Büfett vor den Kabinen. Viele Spielerinnen und Spieler haben hier ein paar gesunde Speisen und Süßigkeiten platziert. Keller stellt ihre dazu. „Wir sollen uns hier umeinander kümmern. Deshalb habe ich gerne etwas Leckeres für alle zubereitet“, sagt sie. Und nach einer kurzen Pause: „Puh, jetzt bin ich doch ganz schön aufgeregt.“

Nur wenige Minuten später steht Keller im deutschen Nationaltrikot auf dem Kunstrasen des Hamburger Fußball-Verbandes (HFV) an der Wilsonstraße in Wandsbek und stimmt mit ihrem Team an: „Einigkeit und Recht und Freiheit…“ Es wirkt, als glänzten ihre Augen dabei ein wenig. „Today we are writing history“, hat der deutsche Bundestrainer Jean Künzel die Teams aus Polen, Schweden und Deutschland vor dem Singen der Hymnen begrüßt. Immerhin richtet der HFV hier das erste internationale Turnier im Walking Football (Gehfußball) mit deutscher Beteiligung in gleich drei Kategorien (Frauen 40+, Männer 50+ und 60+) aus. Doch es ist nicht nur ein großer Tag für den deutschen Sport. Es ist auch Kellers großer Tag. Bis zum 31. Oktober 1970 war es Frauen in Deutschland offiziell durch den Deutschen Fußball-Bund (DFB) verboten, Fußball zu spielen.

Als der DFB diese 1955 mit der Begründung, eine „Kampfsportart widerspricht der Natur der Frau“, eingeführte Diskriminierung endlich beendete, war Virginia Keller eine der Fußball-Pionierinnen der ersten Stunde. Die gebürtige Köthenerin aus Sachsen-Anhalt hatte als junge Frau in Dortmund mit dem Fußballspielen begonnen und ging Anfang der 70er-Jahre mit einer Freundin nach Berlin. Dort rockte die linke Außenbahnspielerin den Frauenfußball.

Virgina Keller: Eine Pionierin des Frauenfußballs

(©mikaniemeck.sportfotografie)

Zwölfmal wurde sie mit ihren Teams Berliner Meisterin, achtmal Berliner Pokalsiegerin, stand dreimal im Finale um die deutsche Meisterschaft. „Am Anfang haben wir meist von den männlichen Zuschauern am Seitenrand so einige Sprüche abgekriegt. Die merkten dann jedoch schnell, wie gut wir Fußball spielen können. Dann wurden sie stiller“, sagt Keller im Rückblick.

In der Spätphase ihrer Karriere arbeitete Keller in Hamburg, fand beim SC Poppenbüttel nach einigen kleineren Stationen noch einmal den Spaß am Leistungssport zurück. In der neu gegründeten Bundesliga der Frauen lief sie für den SCP 36 Mal auf. Das große Rätsel für die Beobachter von Kellers Karriere lautete aber zweifellos: Warum durfte eine so starke Spielerin nie für die deutsche Nationalmannschaft auflaufen? „Das hat mit dem damaligen Bundestrainer Gero Bisanz zu tun“, sagt Keller heute. „Er lud mich und einige andere Spielerinnen aus dem Norden in den 80er-Jahren zu einem Lehrgang für die deutsche Nationalmannschaft ein. Nur war er leider der Ansicht, Spielerinnen aus dem Süden Deutschlands könnten grundsätzlich besser Fußball spielen als Spielerinnen aus dem Norden.“ Die Folge laut Keller: Sie wurde wie alle ihre Mitspielerinnen aus dem Norden auf dem Feld positionsfremd eingesetzt. „Hinterher hieß es dann, wir hätten unsere Leistung nicht gebracht. Eine Kommunikation mit ihm war kaum möglich. Er trat verbal recht dominant auf. Das hat uns alle damals sehr getroffen. Denn wir waren wirklich gute Spielerinnen“, so Keller. Ihre Karriere in der deutschen Nationalmannschaft blieb somit eine kurze Episode.

Doch vor einigen Jahren entdeckte Keller den im Hamburger Fußball-Verband als Walking-Football-Team an den Start gehenden TuS Fleestedt. Da sie trotz der in ihrer Karriere erlittenen Kreuzbandrisse und ihres mittlerweile neuen rechten Knies weiterspielen wollte, schien ihr der schonende Gehfußball auf kleinerem Feld mit wenig Körperkontakt, einst in England erfunden und in Deutschland mittlerweile boomend, geradezu ideal. Keller meldete sich bei Fleestedt an – und überzeugte im Training sofort.  „Vom ersten Tag an haben wir gesehen, wie gut Virginia Fußball spielen kann“, sagt Bundestrainer Jean Künzel, der zugleich auch den TuS Fleestedt coacht. „Für mich ist Gini, wie wir sie alle nennen, der weibliche Lukas Podolski des deutschen Frauenfußballs. Sie hat eine linke Klebe, mein lieber Mann“, lobt Künzel Kellers harte und präzise Schussgewalt. „Ich ziehe absolut den Hut vor ihr“, so Künzel.

Sie ist ein sehr bescheidener Mensch. Es käme Gini nie in den Sinn, mit ihren Erfolgen zu prahlen

Jean Künzel 

„Ich bin 35 Jahre alt. Wenn ich mit 70 Jahren noch so spielen kann wie Gini, habe ich in meinem Leben alles richtig gemacht.“ Auch sozial sei Keller für das Team von hohem Wert. Künzel: „Als älteste Spielerin bei uns ist sie die Mutti im Team. Immer ansprechbar und für alle da. Und sie ist ein sehr bescheidener Mensch. Es käme Gini nie in den Sinn, mit ihren Erfolgen zu prahlen.“ Das Wort Genugtuung kommt Keller, die auch bei ihrem Debüt für Deutschland beim Walking-Football-Turnier auf ihrer gewohnten Position als Linksverteidigerin viele kluge Pässe spielt und sogar nach einem unabsichtlichen Schuss einer Gegenspielerin in ihren Bauch kurz darauf wieder auf dem Platz steht, daher nicht in den Sinn. Als späten Triumph über Gero Bisanz und den DFB sieht sie ihr Nationalmannschaftdebüt mit 70 Jahren nicht. „Ich finde es einfach schön, nun für Deutschland spielen zu dürfen“, sagt sie erfreut.

Freude empfindet Keller zudem daran, dass der Fußball in Deutschland längst auch weiblich ist. Sie und ihre Mitspielerinnen mussten sich noch allerhand blöde Sprüche anhören. Berühmt ist die peinliche und leider wahre Geschichte vom Kaffeeservice mit bunten Blümchenmotiven als Geschenk des DFB an die Spielerinnen der deutschen Nationalmannschaft für deren ersten internationalen Titel: den Gewinn der Europameisterschaft 1989.  Mittlerweile hat die deutsche Nationalmannschaft der Frauen elf große Titel geholt. Vier mehr als die Männer. Zu acht Europameisterschaften gesellen sich zwei Weltmeisterschaften und ein Olympiasieg.

Als ich angefangen habe, Fußball zu spielen, hätte ich solche gesellschaftliche Wertschätzung nicht für möglich gehalten

Virginia Keller 

Die Zuschauerzahlen im Frauenfußball sind enorm gestiegen. Manche Top-Partien wie beispielsweise das DFB-Pokal-Halbfinale Hamburger SV – SV Werder Bremen (1:3 nach Verlängerung) in der vergangenen Saison, zu dem 57.000 Zuschauer kamen, sind genauso ausverkauft wie bei den Männern. „Als ich angefangen habe, Fußball zu spielen, hätte ich eine solche Entwicklung des Frauenfußballs und damit verbunden eine solche gesellschaftliche Wertschätzung nicht für möglich gehalten“, sagt Keller. Und wie bewertet sie das? „Ich freue mich darüber“, sagt sie. Und blickt lächelnd auf den Bundesadler auf ihrem Nationaltrikot.

Dieser Artikel ist zuerst in der SZENE 05/26 erschienen.

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