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Ines und David vom Welcome Dinner – Hamburger des Monats

Sich einfach mal kennenlernen, hilft sich zu verstehen, finden Ines und David. Dafür organisieren sie „Welcome Dinner“, um Hamburger und Geflüchtete für einen Abend an einen Tisch zu bringen.

SZENE HAMBURG: Ines und David, nach drei Jahren und mehr als 2.500 Dinner, die ihr organisiert habt, welche Bilanz zieht ihr?

David: Ich bin stolz darauf, was Welcome Dinner geleistet hat. 2.500 Dinner bedeuten etwa 10.000 Hamburger, Einwohner und Gäste, die mitgemacht haben. Davon haben sich laut unserer Umfrage mehr als die Hälfte der Teilnehmer ein zweites Mal oder öfter wiedergetroffen. Es sind Freundschaften und Beziehungen entstanden. Das hat eine enorme Wirkung.

Ines: Ich bin beeindruckt, wie viele Hamburger mitgemacht haben, dass so viele Leute bereit waren, zu sich nach Hause einzuladen. Denn das ist ja was sehr Persönliches. Und wir Deutschen sind oft keine großen Gastgeber und laden nicht wie in anderen Ländern sofort zu uns nach Hause ein. Aber auch, dass die Erlebnisse so positiv waren, hat mich überrascht. Als wir gestartet sind, habe ich eigentlich damit gerechnet, dass es auch mal heikel werden könnte.

Gab es noch nie Schwierigkeiten?

Ines: Nichts Gravierendes. Natürlich gab es mal Rückmeldungen, dass es dem Gast nicht geschmeckt hat oder dass er zu spät war. Es kam auch schon mal vor, dass Gäste kurzfristig abgesagt haben. Aber die allermeisten Dinner laufen sehr gut. Um Missverständnisse zu vermeiden, raten wir jedem Gastgeber, vorher kurz mit dem Gast zu sprechen. Wir schicken den Gastgebern vorab auch ein PDF mit Tipps, zum Beispiel steht da, was Halāl bedeutet. Aber Flüchtlinge definieren Halāl so unterschiedlich. Einige trinken sogar Alkohol, obwohl sie „halal“ angekreuzt haben.

Wie wird man Gastgeber?

David: Das geht ganz einfach. Auf unserer Internetseite kann sich jeder, der möchte, mit einem Wunschtermin eintragen. Wir melden uns dann etwa vier Tage vor dem Dinner und vermitteln den Gast. Es soll für alle einfach sein. Es reicht, beim üblichen Abendbrot einfach zwei Teller dazuzustellen. Es geht nicht darum, ein üppiges Essen zuzubereiten. Es zählt die Geste und das Zusammenkommen.

Ines: Die Dinner haben schon in verschiedensten Locations stattgefunden, bei Familien, einmal haben Bewohner eines Seniorenzentrums eingeladen, WGs, Firmen, Schulklassen. Zwar ist unser Ansatz, dass die Leute nach Hause einladen, weil es ein starkes Zeichen ist, die eigene Tür zu öffnen, aber wir sind offen für alles.

Ihr habt sicherlich auch Dinner bei euch veranstaltet?

David: Am Anfang haben wir einige Dinner gegeben und uns mit einer Familie, die wir darüber kennengelernt haben, oft getroffen. Aber wir haben uns schnell darauf konzentriert, all unsere Kapazität in Welcome Dinner als Organisation zu stecken. Weil wir da einen viel größeren Hebel unserer Wirkung haben.

 

„Das große politische Problem wird plötzlich menschlich“

 

Ines: Uns fehlte irgendwann die Zeit, weil wir so viel organisieren und auch das Team zusammenhalten und entwickeln wollten. Wir konnten jetzt gerade zwei Minijobber einstellen mit Geldern, die wir von der Robert Bosch Stiftung bekommen haben und mithilfe eines Preisgeldes der Google Impact Challenge. Wir erhoffen uns durch die zusätzliche Arbeitskraft, dass das Welcome Dinner noch mal einen Push bekommt. Denn momentan gibt es viel mehr Flüchtlinge, die gerne teilnehmen würden, als angemeldete Gastgeber.

Kann ein einzelnes Abendessen überhaupt etwas bewirken?

David: Das Abendessen dreht alles. Das große abstrakte politische Problem wird plötzlich menschlich. Die Hamburger haben nach den Begegnungen nicht mehr „die Flüchtlingswelle“ und „die Flüchtlinge“ im Kopf, sondern „ihren Mohamed“, von dem sie genau wissen, aus welchen Gründen er nach Deutschland gekommen ist. Sie kennen dann einen konkreten Menschen mit seinen Problemen, seinen Stärken und Schwächen. Wenn wir die Menschlichkeit in das Thema reinkriegen, haben wir gewonnen. Und dann können wir auch alle politischen Fragen diskutieren.

Ines: Für viele war der Abend horizonterweiternd. Die meisten Flüchtlinge finden es toll, eine deutsche Wohnung und ein deutsches Abendessen kennenzulernen und die Möglichkeit zu haben, einfach mal Fragen zu stellen und ihr Deutsch zu üben. Viele erzählen uns, dass sie seit Jahren hier leben, aber noch nie eingeladen wurden. Und dass der Abend für sie der schönste seit ihrer Ankunft war. Auch die Flüchtlinge sind verunsichert, was die Deutschen von ihnen denken. Die Stimmung ist aufgeheizt und es steht so viel in der Presse.

Also Integration auf kleinster Ebene …

Ines: Es stärkt das Verständnis füreinander. Wir sagen nicht, dass alles rosig ist, aber wir alle sind Menschen mit Problemen und Sorgen. Natürlich kann man auf politischer Ebene für Abschiebungen sein, aber der Mensch dahinter sollte trotzdem gesehen, seiner Geschichte mitfühlend begegnet werden, unabhängig von der politischen Meinung. Wir wollen das Menschliche im Miteinander stärken.

Braucht es dies vermehrt in Hamburg?

Ines: Es hat sich schon sehr viel in Hamburg und ganz Deutschland verändert. Es gibt viel Schwarz-Weiß-Denken, viel Ablehnung und auch Hass.

 

„Empathie wird schnell mit Naivität gleichgesetzt“

 

Woran machst du das fest?

Ines: Das, was Leute bereit sind zu sagen, und was mittlerweile toleriert wird, hat sich stark ausgeweitet. Gerade die „Merkel muss weg“-Demos zeigen auch, dass Hamburg nicht nur bunt und tolerant ist, sondern, dass die Stadt auch eine andere Seite hat.

David: Die Debatten sind viel schärfer und die Gräben sind tiefer geworden. Ich bemerke in jeder Diskussion eine Aggressivität, die es oft nicht mehr zulässt, dass man am Ende zusammen ein Bierchen trinkt, wie es früher möglich war. Egal, welche politische Meinung jeder hat.

Ines: Vor allem die Empathie geht momentan verloren. Jeder sollte anderen Menschen mit Respekt begegnen und erst einmal zuhören. Dann kann man sich immer noch eine Meinung bilden. Aber Empathie wird schnell mit Naivität gleichgesetzt. Und Verständnis mit Gutmenscherei. Das ärgert mich sehr oft.

Wer setzt das gleich?

Ines: Die Menschen, die skeptisch gegenüber Flüchtlingen sind, und die wir versuchen zu überzeugen, bei Welcome Dinner mitzumachen.

Kann man diese überzeugen?

Ines: Ja, wir haben auch schon öfter erlebt, dass den Leuten, die anfänglich skeptisch waren, ein Treffen die Augen geöffnet hat. Sie haben verstanden, womit die Menschen, die hierherkommen, zu kämpfen haben.

Liegt es an dem geschützten Raum, in dem die Dinner stattfinden?

Ines: Man muss schon sehr gefühlskalt sein, wenn man seinem direkten Gegenüber sagt: „Ich lehne dich ab.“ Diese Ablehnung passiert meist auf einer abstrakten Ebene, denn da ist es einfach.

David: Wir fordern gerade auch Menschen auf, ein Dinner zu geben, die kritisch gegenüber Grenzöffnungen sind. Denn auch die Menschen, die nicht Hurra schreien, wenn Merkel sagt, „Wir schaffen das“, sollten einen Abend lang mal ihr Herz aufmachen, denn am Ende des Abends sind sie schlauer und reicher.

Ein anderes Thema. Ihr habt euch für den Deutschen Nachbarschaftspreis beworben, der Anfang September an 48 Stunden Wilhelmsburg ging. Bis vor Kurzem war Horst Seehofer Schirmherr. Findet ihr den Gedanken nicht absurd, möglicherweise einen Preis entgegenzunehmen, dessen Schirmherr für Abschottung steht – also entgegengesetzt eurer Ziele?

Als wir uns beworben haben, stand noch nicht fest, dass Seehofer Innenminister und damit Schirmherr wird. Aber wir haben ein Ziel, das wir verfolgen, und finden das wichtiger als Herrn Seehofer. Und wenn uns die Nominierung für diesen Preis mehr Gastgeber bringt, lassen wir uns nicht von einem Herrn Seehofer ablenken, der meint, er müsse sich mit populistischen Sprüchen profilieren. Auf die Schirmherrschaft haben wir reagiert, indem wir ihn eingeladen haben, ein Dinner zu geben. Leider haben wir noch keine Antwort bekommen.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Michael Kohls

Anmeldungen und weitere Infos unter www.welcome-dinner.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2018. Das Magazin ist seit dem 29. September 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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