SZENE HAMBURG: Wie ist das Projekt Frequencies entstanden?
Südpol Veranstaltungsgruppe: Das Projekt ist ursprünglich aus einer Beobachtung heraus entstanden, die wir in unserer täglichen Arbeit im Südpol immer wieder machen: Obwohl elektronische Musik für Offenheit, Freiheit und gesellschaftlichen Wandel steht, sind die Strukturen dahinter längst nicht so divers, wie es das Selbstbild der Szene vermuten lässt.
Zum Beispiel?
Gerade FLINTA*-Personen waren und sind auf Bühnen, in Line-ups und in Entscheidungspositionen noch immer unterrepräsentiert. 2025 wollten wir deshalb nicht nur über diese Problematik sprechen, sondern ganz konkret Räume schaffen, in denen FLINTA*-Perspektiven sichtbar werden und selbstverständlich Platz haben. Daraus entstand die erste Ausgabe von Frequencies „Make Us Visible“. Wir haben dabei Musik mit Workshops verbunden und versucht, unterschiedliche Ebenen zusammenzubringen.
Diesmal legt ihr den Schwerpunkt auf die historische Unsichtbarmachung von BIPoC-Artists. Warum?
Wir haben es als logische Konsequenz empfunden, wenn wir über Sichtbarkeit sprechen, auch über Unsichtbarmachung zu sprechen. Nach der ersten Frequencies-Ausgabe haben wir den Begriff „Make Us Visible“ weitergedacht mit der Fragestellung: Wer wurde in der Geschichte elektronischer Musik sichtbar gemacht – und wer nicht?
Warum spielt das bei Techno eine besondere Rolle?
Die Geschichte dieser Musik ist eng mit Schwarzer Kultur und der afro-diasporischen Community verbunden, insbesondere mit der Szene in Detroit. Gleichzeitig wird Techno heute weltweit als globale Clubkultur gefeiert, während die Schwarzen Künstler:innen und Communitys, die elektronische Musik maßgeblich geprägt haben, in vielen Erzählungen an den Rand gedrängt oder unsichtbar gemacht werden.
weiße und priveligierte Netzwerke: Echte Sichtbarkein bedeutet nicht nur, auf den Flyern zu stehen
Was bedeutet das für euch?
Nicht nur die historische Anerkennung einzufordern, sondern auch zu fragen, wie sich die Geschichte bis heute in Clubs, Line-ups, Medien und Strukturen widerspiegelt. In vielen Line-ups und Clubprogrammen in Deutschland sind BIPoC-Artists noch immer unterrepräsentiert. Uns geht es nicht darum, einzelne Künstler:innen symbolisch sichtbar zu machen, sondern Strukturen zu hinterfragen – denn Line-ups entstehen oft aus bestehenden, meist weißen und privilegierten Netzwerken. Sichtbarkeit bedeutet für uns deshalb nicht nur, auf einem Flyer zu stehen, sondern wirklich Teil der Erzählung, der Räume und der Entscheidungen zu sein. „The Invisibles“ ist deshalb keine Abkehr von dem ursprünglichen Ansatz, sondern eine konsequente Weiterentwicklung von „Make Us Visible“: Wir möchten den Blick auf die fehlenden Perspektiven richten und Räume schaffen, in denen BIPoC-Künstler:innen ihre eigenen Geschichten erzählen und die Zukunft selbst mitgestalten können.
Es reicht nicht, einmal im Jahr ein diverses Line-up zu machen – Sichtbarkeit muss dauerhaft mitgedacht werden.
Südpol Veranstaltungsgruppe
Was müsste sich verändern?
Wir wünschen uns vor allem mehr ernsthafte und langfristige Repräsentation von BIPoC-Artists in Clubs, auf Festivals, in Labels und in Booking-Strukturen. Es reicht nicht, einmal im Jahr ein diverses Line-up zu machen – Sichtbarkeit muss dauerhaft mitgedacht werden. Dafür braucht es mehr Räume, mehr Vertrauen, mehr strukturelle Veränderung und auch die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Gerade Clubs, Labels und Festivals haben die Möglichkeit, nicht nur Programme zu gestalten, sondern auch Narrative zu verändern.
Seht ihr Beispiele gelungener Gegen-Narrative?
In Hamburg sehen wir Hayat Sounds & SLIC Unit als spannende Beispiele: Durch Partys, Radioformate und Community-Arbeit geht es ihnen nicht nur um Musik, sondern auch um Sichtbarkeit und Vernetzung. In Berlin ist Refuge Worldwide ein gutes Beispiel: Der Radiosender gibt unterschiedlichen Stimmen eine Plattform. Auch Roots Berlin ist ein wichtiger Bezugspunkt – das Kollektiv stärkt BIPoC-Communitys durch Musik, Austausch und Empowerment.
Gab es Erkenntnisse aus der 2025er-Ausgabe, die ihr für die aktuelle nutzt?
Eine wichtige Erfahrung aus der ersten Ausgabe war, dass Sichtbarkeit nicht nur auf der Bühne stattfindet. 2025 hatten wir im Südpol neben dem musikalischen Programm drei Workshops für FLINTA*-Personen angeboten. Die sehr positiven Rückmeldungen haben uns gezeigt, wie wichtig geschützte Räume sind, in denen Menschen Erfahrungen und Wissen teilen und sich gegenseitig stärken können. Dabei ist deutlich geworden, dass Empowerment nicht unbedingt bedeutet, jemandem etwas „beizubringen“. Oft geht es vielmehr darum, einen Raum zu schaffen, in dem bereits vorhandenes Wissen und unterschiedliche Perspektiven miteinander geteilt werden können – ohne dass man sich ständig erklären oder gegen bestehende Strukturen behaupten muss. Dieses Prinzip nehmen wir wieder auf: Auch in diesem Jahr gibt es einen Workshop, diesmal mit Fokus auf BIPoC-Nachwuchskünstler:innen und Vernetzung. Infos und Anmeldung findet ihr auf unserer Website.
In vielen Line-ups und Clubprogrammen in Deutschland sind BIPoC-Artists noch immer unterrepräsentiert
Südpol Veranstaltungsgruppe
Wir wollen echte Teilhabe und Vielfalt
Was ist noch geplant?
Wir möchten stärkere Räume für Diskurs schaffen. Wenn wir über die Geschichte elektronischer Musik sprechen, wollen wir sie nicht einfach vermitteln, sondern gemeinsam mit den Menschen diskutieren, die diese Geschichte geprägt und weitergeschrieben haben. Darum wird es bei dem Roundtable am 11.9. gehen: „Invisible Frequencies: Schwarze Wurzeln, weiße Bühnen – Wer erzählt Techno-Geschichte?“. Uns interessiert dabei nicht nur, wo Techno entstanden ist, sondern vor allem: Wer erzählt diese Geschichte? Welche Perspektiven werden sichtbar und welche verschwinden? Deshalb werden Schwarze und BIPoC-Künstler:innen nicht nur Gegenstand der Diskussion sein, sondern selbst erzählen, einordnen und widersprechen.
Und musikalisch?
Neben dem Panel ist eine Musikveranstaltung vom 12. bis 13.9. geplant, die sich klanglich an Detroit, Techno, House und elektronischer Musik mit Schwarzen Wurzeln orientiert. Uns ist wichtig, dass Theorie und Praxis zusammenkommen: Erst wird über Geschichte, Sichtbarkeit und Strukturen gesprochen, danach wird diese Musik auch gemeinsam erlebt und gefeiert. Das Wochenende soll also nicht nur ein Event sein, sondern ein Raum für Begegnung, Reflexion und Community. Make Us Visible bedeutet für uns: Geschichten sichtbar machen, Räume öffnen und die Menschen in den Mittelpunkt stellen, die diese Kultur geprägt haben und bis heute weitertragen.
Wie kam die Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern aus Detroit zustande?
Wir haben Menschen eingeladen, die diese Geschichte selbst erlebt und geprägt haben: Juan Atkins, der „Godfather of Techno“, und Detroits „First Lady“ DJ Minx. Gleichzeitig ist uns wichtig, eine Brücke von damals bis heute zu bauen und Künstler:innen aus verschiedenen Generationen zu repräsentieren, von internationalen Pionier:innen bis zu jüngeren Hamburger BIPoC-Künstler:innen wie A.B.U., Bushfya, DJ Dose und Shimmy Robin.
Sind weitere Ausgaben von Frequencies in Planung?
Ja, auf jeden Fall. 2027 soll es dabei um die Schnittstellen verschiedener Formen von Marginalisierung gehen. Unter dem Arbeitstitel „Intersections of Visibility“ möchten wir FLINTA*, BIPoC, queere, migrantische und neurodivergente Perspektiven zusammenbringen. Uns interessiert dabei vor allem: Wie entstehen Sichtbarkeit und Zugang in der elektronischen Musik – und welche kollektiven Strategien können marginalisierte Gruppen entwickeln, um strukturelle Ausschlüsse nachhaltig zu überwinden? Wieder soll es ein Panel, Workshops und ein musikalisches Programm geben, mit stärkerem Fokus auf Vernetzung. Denn Sichtbarkeit kann kein einmaliges Ereignis sein – es braucht kontinuierliche Räume, in denen Menschen zusammenkommen und gemeinsam Veränderungen anstoßen.

