#6 Kellerkneipe: Nowa Huta

Zeit zum Luft holen, Abhängen und Runterkommen. Am besten bei einem kühlen Pils in einer lauschigen Bar. Wir zeigen darum unsere liebsten Kellerkneipen. #6 Nowa Huta.

Nowa Huta ist ein Stadtteil Krakaus, der dem Muster einer Planstadt folgend in Form eines halben Achtecks mit zentralem Platz angelegt wurde. Der zentrale Platz der Nowa Huta in Eimsbüttel ist selbstverständlich die Bar, die neben den typisch polnischen Spirituosen so besondere Schätze wie selbst gemachte Sirups (Sanddorn, Quitte, Cassis, Petersilie), Birkenschnaps und Moosbeersaft bereithält. Daraus werden fantasievoll klingende Drinks à la Rosa Albrecht, das letzte Einhorn und – als zeitgenössisches Special – Covfefe Royal (Gin Tonic mit Moosbeersaft) kreiert.

Wer sich einmal entschieden hat, kann sein Getränk direkt am Tresen, in kleinen gemütlichen Sitznischen oder im Sommer auch draußen auf dem großzügigen und mit bunten Lichterketten dekorierten Vorplatz einnehmen und den Klängen wechselnder DJs lauschen. Die Zeiten, in denen in der Huta Klassiker der polnischen Küche wie Borschtsch, Soljanka oder Bigos angeboten wurden, sind zwar vorbei, aber so ein Cocktail mit Dill und Gurke ist ja auch ’ne halbe Mahlzeit. Na zdrowie!

Kneipengründungsjahr: 2011
Fassbiere: Pilsener Urquell
Musikstil: Je nach Barkeeper oder DJ, meist HipHop, Soul oder Elektro
Rauchen: Nein
Besonderheit: Selbst gemachte Sirups und polnische Spirituosen-Spezialitäten

Text: Julia Kleinwächter 

Foto: Michael Kohls

Lindenallee 37 (Eimsbüttel), Mi-Sa 19–3 Uhr; www.facebook.com/HutaNowa

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


Emanzipation & Dogma

Was als notwendiger Kampf für die Rechte der Frau beginnt, entwickelt sich in den 1980er Jahren zur haarigen Frauenbewegung und erlebt im neuen Millennium einen fragwürdigen Zenit. Gedanken zu Simone de Beauvoir und der Frauenbewegung, ausgelöst von Julia Korbiks Buch „Oh, Simone!”

Will man über Feminismus reden, sollte man sich – wie bei allem – seine Entstehung ansehen. Die liegt Ende des 18. Jahrhunderts, noch begrifflos, im Kopf eines Mannes: Charles Fourier bemängelt die soziale Stellung der Frau. Der französische Sozialkritiker sieht einen direkten Zusammenhang zwischen der Befreiung des weiblichen Geschlechts und der gesamtgesellschaftlichen Emanzipation. Und genau darum geht es dann dem Feminismus die nächsten Dekaden: Um die Freiheit des Einzelnen zum Zwecke des gesamtgesellschaftlichen Fortkommens.

Aus weiblicher Sicht protestiert Olympe de Gouges 1791 gegen die Benachteiligung der Frau und fordert freies Rederecht für beide Geschlechter. Ihr Todesurteil. Der Kampf für Gleichberechtigung hat spätestens da sein argumentatives Fundament: die Guillotine für politische Meinungsäußerung? Aller sozialen Reformbewegung, aller Aufklärung zum Trotz? Eigentlich sollten Vernunft, Gleichheit und Objektivität im Denken angekommen sein. Zumindest im Denken der Philosophie. Doch wie Marx schon ähnlich sagte, kommt es nicht nur darauf an, die Welt philosophisch zu interpretieren, sondern auch, sie zu verändern. So setzt sich der Kampf für Frauenrecht fort und erhält 1882 endlich einen Namen: die französische Sozialistin Hubertine Auclert bezeichnet sich erstmals selbst als Feministin.

Und wir bleiben in Frankreich. Es sieht aus, als hätten uns die Nachbarn damals einiges voraus: Simone de Beauvoir, die heute vielleicht bekannteste feministische Literatin, setzt auf die befreiende Kraft der Bildung und bewegt sich damit auf einem undogmatischen Gemeinplatz, denn Wissen ist seit jeher für alle befreiend. Nur: Sie wird den Frauen damals nicht selbstverständlich zugestanden. „Schon früh hat Simone begriffen, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen muss – Bildung bot den Weg aus der Armut, Entschlossenheit den Weg zum Erfolg“, schreibt die Bloggerin Julia Korbik über die existenzialistische Philosophin in ihrem Buch „Oh, Simone“.

Dass de Beauvoir auch Idol von selbsternannten Rachegöttinnen ist, die ihre Zeitschrift Emma nennen, davon wollen wir hier nicht reden: Simone de Beauvoirs Sicht auf die Freiheit der Frauen hat nichts mit einer Absage an die sozial konstruierte Weiblichkeit zu tun. Ihre erste Gehaltsinvestition: rouge et poudre. De Beauvoir kauft sich Make-up! Überhaupt: Zum Geld hat sie eine für heutige feministische Verhältnisse unkonventionelle Einstellung: Mit ihrem Jean-Paul Sartre teilt sie nicht nur das Bett, sondern auch das Konto – gemeinsames Leben, gemeinsames Geld. Schließlich geht es bei der Selbstbefreiung nicht um die Abschottung von anderen, sondern um das Vertrauen in die eigene Stärke. Egal, was die Konvention sagt.

Man muss aber in der Lage sein, Möglichkeiten zu erkennen und Chancen zu ergreifen. Simon de Beauvoir, die weiß, dass sie damals noch eine „Ausnahmefrau“ ist, proklamiert deshalb, „dass es dem Menschen zusteht, und nur ihm allein, seinem Leben einen Sinn zu geben, und dass er dieser Aufgabe gewachsen ist“. Dieser Sinn kann viel sein: Schreiben, Auto fahren, Bier trinken, Kunst, Liebe … Frauen wie de Beauvoir haben verständig, respektvoll und mit Blick auf das Wesentliche dafür gekämpft, dass Hedonismus, Bildung und Autonomie zum sinnstiftenden Selbstverständnis des weiblichen Geschlechts gehören.

Was den heutigen „Radikalfeminismus“ angeht … Es ist ein Trauerspiel. Von der kratzbürstigen Alice zum motzigen Globuli-Girl: Der negierte Gendersprech erfordert vor verschwörungsverliebten Opfern des Patriarchats eine permanente Rechtfertigung und Halleluja! mit dem Wort Blowjob im Mund blicken wir Hedonisten nolens volens auf Medusas Schlangenhaupt. Es scheint fast so, als sei heute nicht der Kampf für die Gleichheit, sondern für die Distinktion des Weiblichen, nicht gegen Sexismus, sondern gegen Sexualität up-to-date – eine „zeitgenössische hegemoniale Sexualfeindlichkeit“ attestiert der Sprachphilosoph Robert Pfaller treffend.

Um der Vernunft und der Lust willen sollten wir endlich zu einem Freiheitsbegriff zurückfinden, der nicht Geschlechter fokussiert, sondern den Menschen in seiner Menschlichkeit fordert. Keine Zeit mit sprachlichen Musthaves verlieren! Der Kampf für Humanität ist zu elementar, um Dogmen zu etablieren, die vom Wesentlichen ablenken: davon, das wir alle gleich verschieden sind.

Text: Jenny V. Wirschky 

Julia Korbik: „Oh, Simone“,Rowohlt Verlag, 320 Seiten, 12,99 Euro; Robert Pfaller: „Erwachsenensprache“, Fischer Verlag, 256 Seiten, 14,99 Euro

Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#5 Kellerkneipe: Mutter

Zeit zum Luft holen, Abhängen und Runterkommen. Am besten bei einem kühlen Pils in einer lauschigen Bar. Wir zeigen darum unsere liebsten Kellerkneipen. #5 Mutter.

Meine Mutter. Immer da, wenn man sie braucht. Umgibt einen mit ihrer Wärme. Hat ein Ohr. Stellt ein kühles Pilsner Urquell auf den Tisch und fragt, wie’s so läuft. Immer freundlich, nie aufdringlich. Aber besonders gastfreundlich: Die Bude ist immer voll. Nachbarn aus der Schanze, Musiker, Medienmacher, Bohemiens, manchmal auch Touristen. Das Szene-Volk, jung und alt, fühlt sich hier im Souterrain zu Hause. Ja, auf die Mutter ist Verlass. Öffnet abends um 20 Uhr. Schließt nie vor 4 Uhr morgens. „Und wenn wir hier nur einen Gast haben, die Mutter bleibt offen“, sagt Knut und zieht genüsslich an der Zigarette. Vor 19 Jahren hat er die Bar zusammen mit Eike, dem auch das Kitty und der Salon Stoer gehören, gegründet. Ihr Erfolgsrezept: Sein und sein lassen.

Was die Mutter nicht ist: ein Baggerschuppen. „#Metoo, so was gibt’s hier nicht“, sagt der 51-Jährige. „Frauen wissen, dass sie hier ihre Ruhe haben.“ Die finden sie in einer der vielen Ecken, denn die Mutter ist geschnitten wie alle Wohnungen in dem Haus: viele kleine Räume und ein langer Flur. Die begehrtesten Plätze sind die am Tresen. Mit Blick auf die Straße und nah am Zapfhahn. Das Glas in der einen Hand, den Kopf in der anderen, lässt sich hier die Zeit verquatschen. Der Job, die Liebe, das Leben. Und plötzlich ist es wieder morgen. Nur am Sonntag, da müssen wir leider woanders hin. 

Kneipengründungsjahr: 1998
Fassbiere: Jever
Musikstil: Wer hinterm Tresen steht, entscheidet, was läuft. „Zum Glück mag niemand von uns Schlager.“
Rauchen: Ja
Besonderheit: Zuverlässig bis 4 Uhr morgens geöffnet, „auch wenn wir hier allein sitzen“.

Text: Ilona Lütje

Foto: Michael Kohls

Stresemannstraße 11 (Sternschanze), Mo-Sa 20–4 Uhr; www.facebook.com/MutterHH

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


Neues Clubhaus an der Sternschanze?

Sobald die Deutsche Bahn die Sternbrücke saniert, müssen Waagenbau, Fundbureau und Astra Stube weichen. Derzeit wird über eine mögliche Alternative für die beliebten Schanzenclubs debattiert. SZENE HAMBURG sprach mit Waagenbau-Chef John Schierhorn über Pläne und Kritik.

SZENE HAMBURG: John Schierhorn, die Bezirksversammlung Altona hat sich kürzlich mit einer möglichen Ausweichfläche für die Sternbrückenclubs beschäftigt. Worum ging es genau?

John Schierhorn: Es ging um die Bebauung einer Fläche direkt am Bahnhof Sternschanze. Dort gibt es einen Bahndamm zwischen den Eingängen von U- und S-Bahn gegenüber vom Park. Diese könnte prinzipiell bebaut werden. Allerdings stehen dort viele Bäume und zudem werden neue Bauprojekte im Stadtteil aus gutem Grunde oft erst einmal kritisch beäugt. Im Moment liegt z. B. eine Idee einer privaten Immobilienfirma, der Steg (Stadtentwicklungsgesellschaft, Anm. d. Red.) vor.

Wie steht ihr zu diesen Plänen?

Erst einmal sind wir der Meinung, dass der Standort am Bahnhof für uns Clubs optimal wäre. Wir werden in zwei bis drei Jahren unsere Spielstätten an der Sternbrücke final verlieren. Dies ist der einzige Platz, an dem wir Clubs weiter zusammen und im Stadtteil bleiben können. Das ist natürlich eine großartige Chance. Allerdings sind wir der festen Überzeugung, dass wir zunächst mit dem Stadtteil zusammen schauen sollten, was genau dort wie gebaut werden kann und soll. Ich denke, dazu brauchen wir weder die Steg noch andere Unternehmen, die dort erst einmal Profit wittern. Entsprechend sind wir zu dem Thema mit dem Stadtteilbeirat und der Politik im Gespräch, nicht jedoch mit der Steg.

Welche Voraussetzungen gibt es für euch, damit ein Umzug in Frage kommt?

Wir möchten ein Konzept erarbeiten, das aus dem Stadtteil kommt und für konkrete Nutzer geplant wird. Dazu braucht es viele Gespräche und eine breit angelegte Beteiligung der Anwohner. Nicht als Informationsveranstaltung, sondern als echte Mitbestimmung. Außerdem sollte das Projekt vom Fleck weg gemeinnützig geplant werden.

Verlieren die Clubs in einem Neubau nicht ihren eigentlichen Charme?

Die Gefahr besteht, wenn man es scheiße macht. Keine Frage. Dazu gibt es auf dem Kiez ja genug Beispiele zu bewundern. Aber dass es auch anders geht, haben die Kollegen vom Hafenklang vorgemacht. Dort ist es ja nach dem Exil sogar noch geiler geworden. Wir glauben daran, dass wir mit dem Umzug einen Schritt nach vorne machen und uns für die nächsten Dekaden aufstellen können. Und da wollen wir hin.

Der Stadtteilbeirat Sternschanze kritisiert, dass für das Projekt viele Bäume gefällt werden müssten. Wie geht ihr damit um?

Das ist eines der großen Probleme. Wenn dort gebaut wird, dann sollte es möglichst minimalinvasiv sein. Einfach alle Bäume fällen, kommt auf keinen Fall in Frage! Für die Clubs brauchen wir jedoch auf der anderen Seite eine gewisse Grundfläche. Hier gilt es in meinen Augen, einen Kompromiss zu finden. Und natürlich gefällte Bäume zu ersetzen. Auch dafür braucht es eine solide Planung abseits kommerzieller Interessen. An einigen Stellen wird zusätzlich behauptet, dass dort Grünfläche verschwindet. Wer die Fläche kennt, weiß sofort, dass so etwas nur von Menschen kommen kann, die den Stadtteil höchstens von Spaziergängen kennen.

Wenn es dort nicht klappt, was ist die Alternative?

Wollen wir zusammen und im Stadtteil bleiben, gibt es keine uns bekannte Alternative. Auch die Brammerfläche (heute Central Park und Bauwagenplatz Zomia, Anm. d. Red.) kommt nicht mehr in Frage und dann müssten wir jahrelang pausieren. Ein Todesurteil für Clubs. Einen Plan B haben wir auch noch nicht. Aber natürlich suchen wir parallel nach Alternativen, falls es am Bahnhof nichts wird. Für gute Ideen sind wir dankbar!

Interview: Ole Masch

 


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#4 Kellerkneipe: Menschenzoo

Zeit zum Luft holen, Abhängen und Runterkommen. Am besten bei einem kühlen Pils in einer lauschigen Bar. Wir zeigen darum unsere liebsten Kellerkneipen. #4 Menschenzoo.

Als ich vor vier Jahren nach Hamburg kam, war der „Menschenzoo“ eine der ersten Kneipen, die ich betrat und quasi mein erster Kontakt mit St. Pauli. Gut, damals hieß es noch Skorbut, wenn ich mich recht entsinne. Aber egal, wie der Schuppen heißt, sein Charakter (Charme klingt hier zu weichgespült) blieb mir in Erinnerung. Niedrige Decke, warm, laut, zwanglos, mit gemütlichen Ecken und gefestigten Menschen.

Ja, die Leute hier haben alle eine Richtung eingeschlagen, ziehen am selben Strang und rasten zur gleichen Musik aus. Sie verbinden gleiche Werte und ein Scheißsystem, wogegen es anzustänkern gilt. Ich fühle mich hier pudelwohl. Zum Lachen geh ich gern in den Keller. Denn der Menschenzoo hier drinnen ist mir viel lieber als so mancher Affe da draußen.

Kneipengründungsjahr: 2015. Der Keller in der Hopfenstraße 34 hat schon viel gesehen und gehört. In den 90ern war hier das Tiefenrausch – ein „flauschiger Technokeller“, wie Besitzer Dominik sagt. Es folgten unter anderem das Skorbut und der Kraken. Seit zehn Jahren steht der Laden für Punkrock
Fassbiere: Keine
Musikstil: Punkrock, Hardcore, Ska-Punk, Irish Folk-Punk
Rauchen: Ja
Besonderheit: Zugetaggt bis unter die Decke, ein Flipper (Attack from Mars), ein Kicker, veganer White Russian (6 Euro), Donnerstags gibt es entweder einen DJ auf die Ohren oder „Zoff im Zoo“ – die streiterprobte Podiumsdiskussion über Themen aus Politik und Musik

Text: Christiane Mehlig

Foto: Michael Kohls

Hopfenstraße 34 (St.Pauli), Di-Do 21–2, Fr-Sa 21–4 Uhr; www.menschenzoo.com


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!