Serie: Ach Kiez. Der Absurde Sparkassenclub zu kukuun

Sparclub zu kukuun

Ein Text aus unserer Titel-Serie „Ach Kiez. Zwischen Abscheu & Liebe“, erschienen in der SZENE HAMBURG, August 2017. 


In den 60er Jahren gab es in Hamburg 2.800 Sparclubs. Dann fielen sie dem Sterben der Eckkneipen und den niedrigen Zinsen auf der Bank zum Opfer. Aber seit rund zwei Jahren erleben die Sparclubs in Hamburg ein Comeback. Einer von ihnen ist der „Absurde Sparkassenclub zu kukuun“. Das Motto hier: Sparen ist gut. Aber Spaß haben ist besser!

Der Titel lässt erahnen: So richtig ernst nimmt sich der „Absurde Sparkassenclub zu kukuun“ (ASZK) nicht. „Wir sind schließlich auch kein Verein“, betont Gründungsmitglied Mara L. Burmeister. „Bei uns gibt es keine Vereinssatzung, Festbeträge oder Ähnliches. Wir wollen keinen Zwang. Hier geht es vor allem um den Spaß an der Sache.“

Neben Mara gehören Marc Müller und Julia Staron vom kukuun zum Gründungsteam. Die drei sind schon lange befreundet, echte Kiezgewächse. Vor rund fünf Monaten besuchten sie gemeinsam die Vorführung von Christian Hornungs Film „Manche hatten Krokodile“, eine Doku über St. Paulianer, die in ihren Stammkneipen in den Sparclubs ihre Notgroschen bunkern. Mara, Julia und Marc waren sofort angefixt von dem Gedanken, einen eigenen Sparclub zu gründen. Zuerst, so Julia, wäre der Gedanke gewesen, dieses im St. Pauli Museum umzusetzen. „Aber das erschien mir dann zu museal. Und so setzten wir es im kukuun um.“

Rasch ergatterte sie einen Sparkassen-Schrank bei eBay – rechteckig, grau, mit kleinen Schlitzen und Nummern darunter und einem flachen Schieber, an einer Kette an der Seite baumelnd, mit dem man das Geld durch den Schlitz in das dahinterliegende Fach stopfen kann.

„Homophobe, Blogger, Couponfreaks, Hundehasser … Alles, was man auf dem Kiez nicht haben will, kommt hier nicht rein“

96 Fächer hat das gute Stück, 50 sind bereits belegt. Die Nachfrage, dabei mitzumachen, sagt Marc, sei groß. „Ich stelle fest, dass das Thema wieder total angesagt ist.“ Und das altersunabhängig. „Überraschend und schön“, ergänzt Julia, „bei uns sparen die unterschiedlichsten Leute, seien es jene vom Spielbudenplatz, Gäste und Mitarbeiter des Hauses, aber auch Kiezgrößen wie Olivia Jones sind dabei.“ Bei der Auswahl der Mitglieder ist das Team kritisch, nicht jeder darf mitmachen. „Homophobe, Blogger, Couponfreaks, Hundehasser … Alles, was man auf dem Kiez nicht haben will, kommt hier nicht rein“, sagt Mara. „Schließlich soll es ja Spaß machen.“

Alles liegt in den Händen der Schatzmeister

Mitglied in einem Sparclub zu sein, das heißt vor allem, den Schatzmeistern zu vertrauen. Denn die sammeln das Geld und protokollieren die ersparten Summen. Im ASZK haben Mara und Marc diesen wichtigen Job übernommen. Mit allen Regeln und Rechten. „Wir als Schatzmeister sind ermächtigt, uns mit dem Geld davonzumachen, müssen allerdings mit den Konsequenzen rechnen“, lacht Mara. Das steht in den Statuten, die sie formvollendet mit einem Hauch Ironie versehen formulierte und die auf der Facebook-Seite des ASZK einsehbar sind. Schließlich sollen die potentiellen Mitglieder ja wissen, worauf sie sich einlassen. „Nämlich auf nichts“, sagt Julia lachend.

Ein Job mit Veranwortung also. Ungefähr alle vier bis sechs Wochen treffen sich Mara und Marc im kukuun, um unter den wachsamen Augen der Hausherrin Julia die eingesparten Beträge zu zählen und zu dokumentieren. Das Ganze ist ein Ritual und erfolgt unter streng geregelter Alkoholzufuhr.

So auch heute. „Das steht in den Statuten“, sagt Mara und hebt lächelnd ihr Bier in die Höhe. „Die Schatzmeister sind aufgrund ihrer Tätigkeit einem extremen gesellschaftlichen Druck ausgesetzt, der ihnen jederzeit gestattet, ihre Arbeit zu unterbrechen, um eine Knolle oder Ähnliches zu verzehren.“ Kurz: Zählen geht nur mit frisch gezapftem Bier. Während Mara und Julia also die Hopfen-Kaltschalen vorbereiten und verteilen, holt Marc den Schrank von der Wand, legt ihn auf einen der Tische im Raum und öffnet ihn mit dem Schlüssel, der zusammen mit den eingezahlten Beiträgen der Sparclub-Mitglieder im Safe lagert. Mara zückt ihren Stift, greift zu ihrem Kassenbuch und los geht’s.

Nur wenn alle das gleiche Ergebnis haben, ist die Zählung offiziell beendet

Marc zieht die einzelnen Fächlein heraus, zählt das Geld, nennt Mara Fachnummer und die Summe und diese trägt es auf der entsprechenden Seite in ihrem Buch ein. Julia schaut aufmerksam zu. Sorgfältig arbeiten sie sich von Fach zu Fach. Das Fach 22 ist prall gefüllt mit Geldscheinen. Marc lächelt verzückt und ruft lobend den Namen in den Raum. Mara beantragt feierlich eine Zählpause, alle drei greifen zum Glas und gönnen sich einen Schluck Bier. „Puh, anstrengend“, sagt Marc und fährt sich mit dramatischer Geste über die Stirn. „Diese Verantwortung“, seufzt er. Er zieht das nächste Fächlein heraus. Schaut auch sehr gut aus, sagt er, und winkt in Richtung Tresen, wo kukuun-Mitarbeiterin Vicky steht. Vicky macht gerade eine Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau – und bunkert ihr Trinkgeld im Sparkassenschrank. „Dann kommt es gar nicht erst nach Hause und wird dann nicht gleich in Schuhe investiert“, grinst sie. Mit den eingezahlten Beträgen will sie ihren Führerschein im nächsten Jahr finanzieren. „Mal sehen, wie viel am Ende rauskommt.“

Vier Trinkpausen und fünfzig Sparfächer später: Marc und Mara haben ihre Aufgabe abgeschlossen und rechnen nun den Gesamtbetrag dieser Zählung zusammen. Das macht jeder einzeln, auch Julia. Nur wenn alle das gleiche Ergebnis haben, ist die Zählung offiziell beendet, sonst muss noch einmal neu gezählt werden. Angespannte Stille. „644,40 Euro“, ruft Mara. „Hab ich auch“, antworten Julia und Marc. Begeistertes Anstoßen, ein letzter Schluck Bier, dann hängen die Kassenwarte den Sparkassenschrank wieder an seinen Platz. Mit leeren Fächern, die viel Platz für neues Bares bieten.

Im Februar 2018 wird die erste Ausschüttung an die mehr oder weniger fleißigen Sparer stattfinden. Das wird natürlich gefeiert, mit einer fetten Party, auf der sich die Mitglieder alle treffen können. „Da werden natürlich die Schatzmeister für ihren ehrenamtlichen Einsatz belohnt und von jedem Mitglied mindestens auf eine Runde eingeladen“, sagt Mara mit strengem Ton. Keine Frage, das wird so sein. Denn schließlich steht auch das in den Statuten. 

/ Text & Fotos: Regine Marxen


Ihr seid neugierig und wollt euch ein Fächlein sichern? Dann könnt ihr hier mehr erfahren: www.facebook.com/ASCZK-648433505363249/

Norddeutsche Tradition

Die ersten Sparclubs in Deutschland entstanden um 1870 in Hamburg und Bremen. Seemänner und Hafenarbeiter brachten ihr Geld an einem festgelegten Tag zum Kassierer, um eine Notfall-Unterstützung anzusparen. Anfang des 20. Jahrhunderts kamen die Sparschränke auf, die in der Wirtschaft hingen. Die Sparkassen versorgten die Kneipen mit Schränken und boten günstige Konditionen an.