Einen Roman über Russland – will man so was in der heutigen Zeit wirklich lesen? Die Antwort lautet: Sofern es sich dabei um „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ von Valeria Gordeev handelt, sollte man das unbedingt! Erzählt wird darin von Konstantin, der sich in einem Moskauer Forschungslabor um die Konservierung der sterblichen Überreste von Lenin kümmern muss. Trotz seiner Bedenken bezüglich des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine ist er in seinem Heimatland geblieben, gerät durch seinen Patenonkel, einen stinkreichen Oligarchen, aber zunehmend in Schwierigkeiten. Eigentlich würde er viel lieber bei seiner Schwester Lada sein, die nach Berlin geflohen ist und sich dort ein neues Leben aufgebaut hat. So weit, so „normal“: Doch dann entwickelt sich das Buch zu einer absurden und radikal-bissigen Satire, in deren Verlauf nicht nur Putin endlich den von vielen langerwarteten Tod findet, sondern dessen Platz am Ende ein Zwölfjähriger einnimmt, der das Land als Zar zu neuem Glanz führen soll. Diese Geschichte erzählt Valeria Gordeev dabei nicht chronologisch, sondern reiht Dialoge, Nachrichten, Online-Rezensionen und sogar Transkriptionen von Fernsehsendungen wie „Bares für Rares“ aneinander. Was für ein wilder Ritt!
Dieser Artikel ist zuerst in der Printausgabe 10/26 der SZENE HAMBURG erschienen.

