Karin Beier, das Deutsche Schauspielhaus eröffnet die neue Spielzeit mit einem weiteren Antikenzyklus: „Fremde Sonne. Die Argonauten. Iason. Medea.“ Welche aktuellen Bezüge sehen Sie im Argonauten-Mythos, den Roland Schimmelpfennig in sechs neue Theatertexte übersetzt hat?
Karin Beier: Als wir vor mehr als zwei Jahren begonnen haben, an dieser Antikenserie zu arbeiten, hätten wir wohl kaum für möglich gehalten, dass unser Weltgeschehen heute in solchen Ausmaßen von einem rücksichtslosen Imperialismus bestimmt würde, wie wir es gerade erleben. Für mich ist die Argonautenfahrt die Ur-Erzählung schlechthin über den ersten imperialistischen Raubzug, der damals von Europa aus in eine fremde Welt unternommen wurde. Es geht im Kern dieser Serie um den Herrschaftsanspruch einer Zivilisation über die ganze Welt, eigentlich um die Herrschaft über das Universum.
Der Titel „Fremde Sonne“ erweitert den bekannten Medea-Stoff. Welche Bedeutung steckt hinter diesem Bild, und wie prägt es Ihre Inszenierung?
Die fremde Sonne ist wie das Goldene Vlies oder der Heilige Gral im Mittelalter ein Heilsversprechen. Sie symbolisiert eine glänzende Zukunft, weltbeherrschendes Wissen, Reparatur, Reichtum und ewige Jugend. Die „fremde Sonne“ bedeutet aber auch Gefahr, Verbrennung, Unberechenbarkeit, Tod. Das Höhlengleichnis von Platon ist dabei eine wichtige Referenz, es geht um die Erkenntnisfähigkeit einer Gesellschaft ebenso wie um ihr Verhältnis zu Wahrheit, Wirklichkeit und Täuschung.
Muss man den Zyklus komplett sehen, um die einzelnen Teile zu verstehen und richtig einzuordnen?
Nein. So ein Marathonbesuch ist ein ganz besonderes Theatererlebnis, aber man kann sich die Stücke auch einzeln anschauen, wenn einem die volle Ladung an einem Wochenende zu viel ist.

