Gastronomie und Corona: Zwischen Distanz und Exzess

Hygienevorschriften und Polizeikontrollen sind beim Restaurantbesuch neue Normalität. Hamburger Gastronomen berichten vom Umgang mit der Eindämmungsverordnung, der Gefahr, die von schwarzen Schafen und Corner-Kultur ausgeht und warum innerhalb der Branche Rückendeckung statt Denunziation gefragt ist

 

Text: Laura Lück 

Wenn Kultkneipenbesitzer Uli Salm Geburtstag hat, so dachte man sich Ende Mai, dann ist das Grund genug, Verantwortung und Abstandsgebote bei ein paar Bier über Bord des Pöseldorfer Zwicks zu werfen. 89 Gäste hatte die Polizei nach einem Anwohner-Hinweis in der Kneipe gezählt, die sich dem hedonistischen Exzess hingaben. Seit diesem ersten prominenten Fall der Schließung einer Gaststätte, kann sich Polizeisprecher Holger Vehlen spontan an keine vergleichbaren Verstöße gegen die Eindämmungsverordnungen innerhalb der Gastroszene erinnern. Die Branche scheint um ihre Verantwortung zu wissen. Verständlich, immerhin stehen Existenzen und die Gesundheit von Gästen und Mitarbeitern auf dem Spiel.

Ivan Pagel, Küchenchef im Bistro des Frischeparadies an der Großen Elbstraße, ist seit der Pandemie in Kurzarbeit und beobachtet den steigenden Druck am Fischmarkt, wo ohnehin ein großer Konkurrenzkampf herrsche. „Jeder schaut jetzt ein bisschen mehr auf sich selbst und einigen geht so langsam die Puste aus. Die ersten müssen dicht machen.“ Dass schwarze Schafe sich nicht an die verordneten Regularien halten, ärgert ihn. „Wir würden auch gerne mehr Umsatz machen, aber wenn wir nicht nach den Regeln spielen, sitzen wir schlimmstenfalls im Herbst wieder in häuslicher Quarantäne. Das bedeutet dann noch viel größere Einbußen.“  Dass Kollegen im Fischhandel während des Lockdowns auch mal einen Mittagstisch unter der Hand verkauft hatten, sei in der Nachbarschaft kein Geheimnis. Das Ordnungsamt hält Pagel trotzdem raus. „Ich bin auf St. Pauli aufgewachsen. Da lernt man ganz früh, dass Petzen gar nicht geht.“

 

Gastronomie auf St. Pauli hält zusammen

 

Hinweise bekommt die Polizei zumeist von Gästen, Anwohnern oder Passanten. Am Ausgeh-Hotspot Paul-Rosen-Straße hält die Szene-Gastronomie um Läden wie das Haebel, den Weinladen St. Pauli oder das Standard zusammen und ist gut vernetzt. Denunziation sei hier kein Thema, weil Unterstützung und Austausch in diesen Zeiten enorm wichtig sei, erklärt Stephanie Döring, Inhaberin des Weinladen St. Pauli, denn: „Wir haben in der Gastronomie so eine schlechte Lobby und der DEHOGA wird geführt von alten weißen Männern, die keine große Hilfe sind.“ Insbesondere der DEHOGA Hamburg habe in der Krise versagt und viele Gastronomen enttäuscht. Rat und Informationsfluss erreichten Döring und ihre Kollegen zu Beginn der Pandemie vorwiegend über den DEHOGA Bayern.

In der Paul-Rosen-Straße nimmt man die Dinge deshalb selbst in die Hand. Am 26. Juni freute sich die Straße über die mündliche Zusage zu ihrem gemeinsam gestellten Antrag zu Bestuhlung von Parkplätzen. Die Forderung gebe es schön länger, Corona sei aber aktuell ein gutes Druckmittel, um die Entscheidungsprozesse zu beschleunigen, denn: „Wir wissen nicht was der Winter bringt, wir brauchen zumindest die paar warmen Sommertage mit mehr Tischen, um eine Chance auf mehr Umsatz zu bekommen“, so Döring.

 

Gastronomen bemühen sich um Einhaltung der Regeln

 

Im Alten Mädchen in den Schanzenhöfen bietet die Außenfläche zwar genug Platz für eine Sitzordnung mit Sicherheitsabständen, an Regentagen sieht es wirtschaftlich aber schlecht bis dramatisch aus. Die Grundstimmung sei laut Geschäftsführer Holger Völsch trotzdem positiv. Man halte sich an die Regeln, um unter allen Umständen die zweite Welle zu vermeiden. Kontrollen gibt’s durch die Polizei, oder vom Amt für Arbeitsschutz, das Abstands- und Mund-Nasen-Schutz-Regeln innerhalb des Teams prüft. In angrenzenden Bundesländern ist der Mundschutz inzwischen nicht mehr verpflichtend. Das wünscht man sich in Hamburg auch, Abstand sei sinnvoll, aber die Masken sehr belastend für die Mitarbeiter – vor allem in der Küche und bei den aktuellen Temperaturen. Die kürzlichen Eskapaden drüben auf dem Schulterblatt hält Völsch nicht nur für gefährlich, sondern auch für ungerecht. „Während man selbst versucht alles zu tun, um verantwortungsbewusst zu handeln, stellen andere ihr wirtschaftliches Interesse über den Ruf der Branche und die Sicherheit der Gesellschaft. Das ist kein fairer Wettbewerb.“

An beliebten Treffpunkten wie Schulterblatt oder Paul-Rosen-Straße ist die Polizei derzeit zwar oft präsent, aber das hat vor allem einen Grund, auf den Gastronomen keinen direkten Einfluss haben: die Corner-Kultur. Warmer Asphalt und kühles Bier lassen so manchen Haushalt die 1,50 Meter schnell vergessen. Dass die Polizei Schließungen verordnen musste, sei deshalb auch eher bei Kiosken vorgekommen, bestätigt Polizeisprecher Vehren und hat den Eindruck, dass sich Gastronomen generell bemühen, die Regelungen einzuhalten. Die Hamburger Bußgeldstelle hat (Stand 26.6.) seit Öffnung 57 Fälle bearbeitet. Nicht jeder Verantwortliche Gastronom wird dabei auch zur Kasse gebeten, oft bleibt es bei Verwarnungen.

Wenn nun mehr Stühle auf Parkplätzen genehmigt werden, könnte das im besten Fall mehr Corner-Publikum an Tische mit Sicherheitsabstand verlagern.

Einer der schönsten dieser Art steht derzeit wohl in der Schlankreye 73. Am Eingangsbereich des geschlossenen Holi-Kinos kommt die gehypte Küche des Nachbarrestaurants Klinker unter Filmplakaten und der großen Kinotafel auf den Teller. Die vielen Tische auf dem Gehweg sorgen für mediterranen Marktplatz-Flair und verantwortungsvolle kleine Genuss-Exzesse ­– wärmste Empfehlung für den nächsten lauen Sommerabend!

 

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