Post-Corona-Knigge: Der süße Traum der Normalität

Eine Lockerung des Lockdowns ist in greifbare Nähe gerückt. Vielleicht ist eines Tages dank der Impfungen wieder ein normales Leben möglich. Für den Fall, dass nach so vielen Monaten vergessen wurde, wie ein respektvoller Umgang miteinander aussehen kann, hier eine Anleitung für das Leben in der Stadt

Text: Marco Arellano Gomes

 

Ist tatsächlich schon ein Jahr vergangen? Ein Jahr mit Corona, jenem ominösen, zerstörerischen, tödlichen Virus? Antwort: Ja. Bilanz nach Angaben des Robert Koch Instituts (Stand: 15.2.2021) in Hamburg: 365 Tage, zwei Wellen, zwei Lockdowns, 48.983 Infizierte (bundesweit: 2.338.987), 1.196 Tote (bundesweit: 65.076). Ein Jahr kann eine verdammt lange Zeit sein – und verdammt schlechte Laune machen.

Wer das Virus ernst nahm, wem Gesundheit und das Leben der Mitmenschen bedeutsam waren, wird die eigenen Bedürfnisse in dieser Zeit stark bis komplett zurückgefahren haben. Da kann man schon mal verlernen, wie man sich in Gesellschaft zu benehmen hat. Für den Fall, dass irgendwann durch die Impfungen wieder ein normales Leben möglich sein sollte, gibt es hier eine Anleitung …

 

Shoppingmöglichkeiten in der Innenstadt

 

Zwölf Monate lang bestand das Leben in der Stadt für die meisten Menschen ausschließlich aus Arbeit, Lebensmittel-Einkäufen und Spaziergängen. In der hypothetischen, aber möglichen Post-Corona-Ära gilt es, in einem ersten Schritt vorsichtig zu entdecken, dass es weitere Shoppingmöglichkeiten gibt. Es gibt sogar einen Begriff dafür: Einzelhandel.

Das sind meist einzelne Geschäfte, die auf Teilbereiche spezialisiert sind: Modeboutiquen, Haushaltswaren- und Elektronikgeschäfte, Möbelhäuser, Bauhäuser, Gartencenter, Sport- und Spielzeugläden, Optiker und und und. Es gibt aber auch sogenannte Kaufhäuser, die all diese Aspekte in einem großen Gebäude vereinen. Ähnlich wie Amazon, nur in echt. Mitten in der Stadt – und begehbar.

Das Besondere an diesen Geschäften: Dort arbeiten Menschen, die einen freundlich begrüßen, die beraten und sich im besten Fall tatsächlich auch mit dem auskennen, was sie dort anbieten. Du kannst also als Kunde in diese Geschäfte gehen, darin umherschlendern und Dinge entdecken, die dort liebevoll ausgestellt sind. Dinge, die du im Onlineshop möglicherweise nie gesehen hättest, die auch der beste Algorithmus dir nie auf den Bildschirm gezaubert hätte.

Es kommt aber noch besser: Du kannst dem Verkäufer oder der Verkäuferin sogar Fragen stellen – von Angesicht zu Angesicht. Diese Fragen werden im besten Falle kompetent beantwortet, im schlechtesten Falle mit einem „Keine Ahnung“ quittiert. Das Tolle daran: Du hast die Möglichkeit, dich darüber so richtig zu ärgern und deinen Frust mit Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis zu teilen. Nicht per WhatsApp, Facebook und Instagram! In echt, bei einem Besuch zu Hause oder bei einem Treffen im Café oder in einer Bar. Und glaub’ es ruhig: Sich gemeinsam über das Shoppingerlebnis zu ärgern und zu freuen, macht doppelt so viel Spaß.

Die Stadt bietet natürlich viel mehr als nur Shopping. Was genau? Finde es heraus! Geh einfach in die Stadt und schau dich um! Du wirst überrascht sein, was dich dort alles erwartet. Wie man spazieren geht, weißt du ja inzwischen. Nur, dass du diesmal wieder ein lohnenswertes Ziel hast: die Innenstadt.

 

Essen & Trinken – jenseits der heimischen Küche

 

Wenn du nach längerem Schlendern Hunger bekommen sollten, dann musst du nicht extra nach Hause gehen und kochen oder etwas bestellen. Es gibt dafür eigens lokale Institutionen namens Restaurants. Das sind die Räume, in denen seit einiger Zeit die Lichter aus und schemenhaft Stühle auf den Tischen zu erkennen waren.

In diesen Restaurants werden dir Getränke und Speisen serviert. Nein, nicht zu dir nach Hause – im Raum selbst! Du setzt dich an einen der Tische oder wirst von einer Servicekraft dorthin begleitet. Dort sagst du höflich, was du dir von den auf der Karte aufgedruckten Speisen und Getränke wünschst – und der nette Herr oder die nette Dame bringt dir das Gewünschte an den Tisch. Die Menschen, die in der Küche stehen und das Essen für Sie zubereiten, nennt man übrigens Köche. Die haben ihr Handwerk professionell gelernt und können es meist besser als du. Unfassbar, oder?

Da du nicht alleine dort sein wirst, gibt es bestimmte Regeln, die einzuhalten sind. Es beginnt damit, dass du dich nicht wie zu Hause benehmen kannst. Also: keine Jogginghose, kein lautes Aufstoßen und keine Bitte, dieses italienische Gedudel auszuschalten, weil du deine Playlist ja so viel besser findest! Bring auch bitte nicht deine eigenen Zutaten mit!

Noch was: Das Essen kostet. Ein Nachschlag auch. Nachspeisen ebenfalls. Jedes Getränk zusätzlich – und teilweise nicht wenig. Die Menschen, die alles zubereiten und an den Tisch bringen, leben nun mal davon. Ach ja: Wenn wir schon bei den Imperativen sind. Falls du dich fragst, wo du am besten essen gehen solltest: Check unseren Genuss-Guide: genussguide-hamburg.com!

 

Kulturerlebnisse ganz ohne Smartphone

 

Du willst nach deinem Restaurantbesuch ausgehen und etwas erleben? Etwas Großes? Etwas Unvergessliches? Wie wäre es mit einem Film?! Nein, nicht per Stream auf ihrem mickrigen Smartphone, Tablet, Laptop oder Flachbildschirm. Die Rede ist von einem echten Filmerlebnis auf der großen Leinwand, mit bombastischem, glasklarem Sound, mit Emotionen, die man mit allen Zuschauern im Raum teilt. Kurz: im Kino.

Es ist ein Unterschied, ob das Gesicht eines Marlon Brando in „Apocalypse Now“ eine überdimensionale Leinwand füllt oder ein Tablet im Bett, direkt neben der Chipstüte. Um es auf den Punkt zu bringen: Man kann Filme sehen oder sie erleben. Nur im Kino kann der Besucher sich ungestört von Messages, E-Mails und Social-Media-Posts, Anrufen und nervigen Nachbarn dem Film widmen.

Aber auch hier gelten Regeln: Hat man einmal einen Film ausgesucht, muss man diesen auch zu Ende gucken. Es nützt nichts, das Handy zu zücken, auf Stopp zu drücken und die weitere Zeit damit zu verbringen, die unzähligen Netflix-Listen durchzugehen, nur um am Ende festzustellen, dass der Abend schon rum ist. Auch ist es nicht erlaubt, sich selbst sein Popcorn und Getränke mitzubringen. Weingläser und Weinflaschen haben im Kino nichts zu suchen – es sei denn, du sitzt in der ASTOR Filmlounge und eine Servicekraft hat dir das Getränk gegen Bezahlung an den ledernen Luxussessel gebracht. In allen anderen Lichtspielhäusern gibt es Verkaufstresen, an denen Snacks und Getränke zu Preisen erworben werden können, die sich an der Größe der Leinwände zu richten scheinen.

Im Kino gibt es auch eine weitere bewährte Regel, an die man sich nach monatelangem Netflix, Amazon Prime, Disney+ und Apple TV+ gewöhnen muss: Wenn die eigene Freundin oder der eigene Freund zu Hause nicht sonderlich an deinen Zwischenbemerkungen interessiert war, dann kannst du dir sicher sein, dass es sich mit den Kinozuschauern nicht anders verhält.

Zu den im Falle einer wieder erlangten „Normalität“ gehörenden Freiheiten (nicht zu verwechseln mit „Freizeitaktivitäten“!) gehören: Musikkonzerte, Theaterstücke, Literaturlesungen, Kunstausstellungen, Museen, Festivals, Klubs, Sport, Reisen. Du kannst dich auch sozial engagieren, Familie und Freunde in großer Anzahl besuchen und treffen, mit anderen Menschen ins Gespräch kommen, diese kennenlernen, vielleicht sogar mit ihnen ausgehen – ganz ohne Tinder, Parship und Elitepartner.

Und vor allem kannst du dem Nichtstun frönen, was nur dann so richtig Spaß bringt, wenn es in Kontrast zu all den Möglichkeiten und Freiheiten steht, die das Leben in der Großstadt bietet. Irgendwann – das ist die große (Impf-)Hoffnung – wird es wieder so weit sein, auch wenn es zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch wie ein süßer Traum erscheint. Aber das Träumen wird ja mal erlaubt sein.


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Karsten Schölermann: „Konzerte können immer stattfinden“

Das Forum Veranstaltungswirtschaft will Konzerte auch während Corona möglich machen. Sechs Risikostufen sollen dabei helfen. Kurze Nachfrage bei Mit-Initiator Karsten Schölermann, Geschäftsführer des Knust

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Karsten, sechs Risikostufen sieht das „Manifest Restart“ vor, die abhängig vom Inzidenzwert bestehen. Bedeutet das: Jedes Konzert könnte stattfinden?

Karsten Schölermann: Richtig. Konzerte können immer stattfinden. Wir können sie mit Schnelltests ganz normal ausverkauft mit Publikum durchführen oder ganz und gar ohne Publikum als Stream. Dazwischen haben wir auch Lösungsvorschläge. Es geht um die richtigen Einschränkungen zur richtigen Zeit.

Im „Manifest Restart“ findet man auf die jeweilige Situation angemessene Einschränkungen. Wer viele Maßnahmen ergreift oder vorhält, darf auch mehr machen. Kurz: Förderung von Maßnahmen, statt Förderung von Stillstand. Und: Testen, testen, testen. Deutschland liegt weltweit nur im Mittelfeld bezüglich der Anzahl von Tests. Auch hier können wir mit einem sogenannten „Test & Rock“, also Schnelltests vor dem Konzertbesuch, helfen.

Welches Feedback bekommt ihr derzeit von Seiten des Senats für „Manifest Restart“?

Wir als LiveKomm (Bundes-Clubverband; Anm. d. Red.) haben das Konzept unseren Landesverbänden gegeben – und setzen nun darauf, dass diese es in ihren Bundesländern in die politische Debatte einspeisen. Hier in Hamburg gelingt das mit dem Clubkombinat Hamburg ganz gut.

 

Teil der Lösung

 

Mit den Senatoren Carsten Brosda und Andreas Dressel haben wir Empathie-begabte und gleichwohl schlaue Ansprechpartner. Ich habe den Eindruck, dass unsere Vorschläge es mühsam, aber stetig in die regionalen Verwaltungen schaffen werden.

Wir sind nicht das Problem – wir sind Teil der Lösung. Das haben wir schon letzten Sommer bewiesen, als wir in der ganzen Stadt Corona-gerechte Sitzkonzerte unter anderem auf dem Knust Lattenplatz veranstaltet haben. Es gab keine einzige nachgewiesene Infektion. Und das ist das Maß, um das es am Ende geht. Wir sind kein Treiber der Pandemie. Wir müssen die Gesellschaft wieder zurück ins Licht bekommen.


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Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

1000 Zeilen: Bully Herbig dreht Film über Relotius-Skandal

Michael Bully Herbig verfilmt mit „1000 Zeilen“ den Fall des Journalisten Claas Relotius, der für seine Reportagen gefeiert wurde – bis sich herausstellte, dass sie in großen Teilen erfunden waren

Text: Eira Richter

 

Michael Bully Herbig dreht eine Mediensatire über den größten Presseskandal Deutschlands. Aktuell laufen die Vorbereitungen zu den Dreharbeiten von „1000 Zeilen“, welche im Sommer in München, Berlin, Hamburg und Spanien starten. In den Hauptrollen: Elyas M’Barek („Fack ju Göthe“) und Jonas Nay („Deutschland 83“).

Das Drehbuch von Hermann Florin basiert auf dem Buch „Tausend Zeilen Lüge“ von Juan Moreno, das sich mit dem Relotius-Skandal beschäftigt. Die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein unterstützt die Produktion von UFA Fiction, Warner Bros. und Feine Filme. „Ähnlichkeiten mit unwahren Ereignissen könnten zufällig zutreffen. Die Fakten werden aber mit Sicherheit verdreht, damit’s am Ende stimmt! (Nach Diktat nicht verreist, wegen Lockdown)“, sagt Regisseur Bully Herbig.


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Anahit Vardanyan: Orientalische Techno-Sets aus Hamburg

Anahit Vardanyan ist Pianistin, Produzentin und Techno-DJ. Vor vier Jahren zog sie von Armenien nach Deutschland. In SZENE HAMBURG spricht sie über den aktuellen Konflikt in ihrer Heimat, unterschiedliche Musikszenen und ihren künstlerischen Werdegang

Interview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Anahit, wie kam es dazu, dass du nach Hamburg gezogen bist?

Anahit Vardanyan: Nachdem ich mein Musik-Bachelorstudium in Jerewan erfolgreich abgeschlossen hatte, wollte ich neue Wege für meine Zukunft finden. Ich bin Pianistin und in Deutschland habe ich die Möglichkeit, mich als Musikerin weiterzuentwickeln.

Leider ist es in Armenien schwieriger als Künstlerin international Fuß zu fassen. Für niemanden ist es einfach, seine Heimat zu verlassen, weit weg von Familie und Freunden. Die größte Hürde war und ist die Sehnsucht nach meinem vergangenen Leben.

Hast du noch engen Kontakt in deine alte Heimat?

Obwohl ich in Hamburg wohne, ist meine Verbindung nach Armenien noch stärker geworden. Meine Familie und mein enger Freundeskreis leben dort. Ich besuche sie so oft wie möglich und freue mich jedes Mal da zu sein. Diese kurze, aber intensive Zeit gibt mir Kraft und ist sehr wertvoll für mich.

 

Ehrlich und geradeaus

 

Seit wann legst du auf?

Seit ungefähr zweieinhalb Jahren. In Hamburg hatte ich mein Masterstudium Multimediale Komposition begonnen und anschließend kam die Leidenschaft, aufzulegen. Ich habe dort auch erste Erfahrungen mit dem Produzieren von elektronischen Klängen gemacht, entwickle mich ständig weiter und versuche, meinen einzigartigen Sound zu finden. Dadurch, dass die elektronische Musik sehr vielfältig ist, kann ich meiner Kreativität freien Lauf lassen.

Wie würdest du deinen Sound beschreiben?

Mit einem starken Drang zur Dramatik, aber immer ehrlich und geradeaus. Gefüllt mit akustischem Klavierklang, melodischen und orientalischen Elementen.

Hast du schon in Armenien aufgelegt?

Mein letzter Gig war im März 2020 in Jerewan bei der Kitchen Label Night. Ein paar Tage vor dem Lockdown. Dies war auch mein erster Auftritt in Armenien. Es war so eine besondere Atmosphäre, die mir bis heute Gänsehaut bereitet. Das armenische Publikum schenkte mir so viel Liebe und positive Energie.

Kannst du die Technoszene dort in ein paar Sätzen beschreiben?

Die elektronische Musik in Armenien entwickelt sich in großen Schritten weiter. Immer mehr DJs und Producer legen international auf und gründen eigene Labels. Ich bin sehr stolz, wenn ich deren Arbeit sehe und habe die Hoffnung, dass unsere Techno-Community wächst.

Was sind die größten Unterschiede zur deutschen Community?

Berlin als Techno-Hauptstadt prägt das ganze Land und international. Wirtschaftlich ist Deutschland mit den großen Festivals sehr weit vorne. Auch die Hamburger Szene ist eine ganz besondere. Ich hatte schon viele Gigs in den großen Clubs wie Uebel & Gefährlich, Fundbureau, Waagenbau oder Docks.

 

„Ich glaube an die Kraft und den Mut meines Landes“

 

Dass Armenien in letzter Zeit vermehrt in den Schlagzeilen stand, hatte einen ernsten Hintergrund. Kannst du die aktuelle Situation beschreiben?

Letztes Jahr erlebten wir einen Krieg um die Region Berg-Karabach. Die Nachkriegszeit ist sehr schwierig für meine Nation und es ist schmerzhaft zu sehen, wie die Bevölkerung mit den Konsequenzen umgehen muss. Aber ich glaube an die Kraft und den Mut meines Landes. Wir haben schon sehr viele schwierige Zeiten erlebt und werden auch diese Situation meistern.

Welche Auswirkungen hat der Krieg auf dich und dein Umfeld?

Natürlich ist es sehr schmerzhaft, einen Teil deines Landes zu verlieren. Einen Ort, den ich selbst sehr oft besucht habe. Das ist unsere Geschichte und ein Teil unserer Kultur. Sich davon zu verabschieden, ist nicht einfach und die Hoffnung bleibt bestehen.

Findest du die Berichterstattung in Deutschland hierzu angemessen?

Meine ehrliche Meinung dazu ist, dass Deutschland eine zu neutrale Position eingenommen hat. Insgesamt war für mich die Menge an Berichterstattung leider zu wenig. Trotzdem bin ich dankbar für Politiker, Journalisten und Künstler, die darauf aufmerksam geworden sind und ihre internationale Reichweite genutzt haben, um zu polarisieren.

Wie könnte man von Deutschland aus helfen?

Die größte Organisation, die ich empfehle, ist The Armenia Fund. 1994 in Los Angeles gegründet, steuerbefreit, nichtstaatlich und nichtpolitisch. Deren Vision ist ein globales armenisches Netzwerk aufzubauen und Entwicklung zu fördern. Und jeder Mensch, der sich mit diesem Thema auseinandersetzt und die Geschichte von Armenien versteht, ist wertvoll für unsere Zukunft.

Corona ist auch in Armenien ein Thema. Wie geht das Land damit um?

Die Maßnahmen und Beschränkungen sind ähnlich wie in Deutschland. Impfungen werden aktuell noch nicht durchgeführt. Aktuell sinkt aber die Zahl an neuen Fällen und das öffentliche Leben entwickelt sich zur Normalität.

 

Techno zu Corona

 

Du bist als Künstlerin in Deutschland besonders von den Maßnahmen betroffen. Wie hat Corona dein Leben verändert?

Es hat meinen Beruf sehr stark eingeschränkt. Von heute auf morgen wurden alle Auftritte abgesagt und es gab keine Möglichkeit, vor Publikum aufzutreten. Für eine Musikerin ist es sehr wichtig, die Verbindung mit den Menschen aufzubauen und die Musik zu teilen. Auch finanziell sind alle Einnahmen weggebrochen und ich habe lediglich ein paar Hilfen vom Staat erhalten, die von Monat zu Monat weniger wurden.

Hast du Alternativen gesucht?

Durch engagierte Eventmanager wurden großartige Projekte im Live-Stream umgesetzt. Dadurch ist die Branche weiterhin lebendig geblieben, es wurde sehr viel Herz und Fleiß investiert und durch kleine Spendenaktionen gezeigt, wie stark sie zusammengewachsen ist. Ich habe ein paar Live-Stream-Sets in Berlin, Hamburg und Jerewan gespielt.

Du kannst der Pandemie also auch Positives abgewinnen?

Ja, ich habe viel mehr Zeit gehabt, mich ins Studio einzuschließen, zu musizieren und viele Projekte für die Zukunft geplant. Aber ich kann für alle Künstler sprechen, dass es das Wichtigste ist, vor einem Live-Publikum zu stehen und dessen Reaktion und Liebe aufzusaugen.

Reaktionen erhältst du auch auf Instagram. Dein Account hat über 30.000 Follower. Wie wichtig sind soziale Netzwerke für dich?

Allgemein ist es als Künstlerin wichtig, eine große Reichweite aufzubauen. Ich erreiche Menschen aus verschiedenen Ländern, die Teil der Community sind.

Techno ist nicht nur eine Musikrichtung, sondern auch eine Philosophie, die Menschen zusammenbringt, die eine gleiche Weltanschauung teilt und friedlich kommuniziert. Meine Community gibt in der schwierigen Zeit so viel positives Feedback, was mich immer wieder aufs Neue motiviert.

Welche musikalischen Projekte verfolgst du zurzeit?

Ich habe kürzlich meine EP „Tatev“ auf dem Label Hydrozoa aus Los Angeles releast. Ein Freund und talentierter Produzent, André Winter, hat einen Remix für den Track beigesteuert. Dazu habe ich auch ein künstlerisches Musikvideo herausgebracht. Gebt mir gerne Feedback und schreibt mich an. Ich würde mich freuen.

 

 

Wo können wir im Februar mehr von dir hören?

Ich werde einen Live-Stream mit Oliver Huntemann im Uebel & Gefährlich spielen und ein einstündiges Set bei dem Label Octopus auflegen. Meine Musik ist auf allen Plattformen wie Spotify, Beatport, Apple Music oder Soundcloud zu hören.

 

 

Was planst du für 2021?

Pläne sind schwer zu verwirklichen, wenn es um Auftritte geht. Es gibt einige Booking-Anfragen, nur muss auch der Veranstalter die Situation mit Corona abschätzen. Deshalb nutze ich die Zeit für ein Projekt, welches ich ab Februar in Armenien verwirkliche. Hoffentlich wird es wieder möglich sein, vor einem Live-Publikum zu spielen, denn dies ist meine Leidenschaft und werde ich auch in Zukunft verfolgen.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Simon Urban über „Wie alles began und wer dabei umkam“

Wer’s erbaulich mag, ist hier falsch: Simon Urbans „Wie alles begann und wer dabei umkam“ ist eine schwarzhumorige Gesellschaftsanalyse und ein tollkühnes Gedankenexperiment

Interview: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Simon Urban, der Ich-Erzähler ist ein Soziopath. Muss ich mir Sorgen machen, wenn ich mich als Leser hin und wieder indentifiziere?

Simon Urban: Ganz und gar nicht. Aus Autorenperspektive ist das sogar ein großes Kompliment, wenn es gelingt, dass man sich als Leser dabei ertappt, sich mit einer Figur zu identifizieren, obwohl sie Dinge tut oder denkt, die dem eigenen Wertekanon widersprechen. Wir alle tragen ja tabuisierte Gedanken in uns. Wir sprechen sie nur aus naheliegenden Gründen nicht aus.

Justus Hartmann ist angetrieben davon, tabuisierte Haltungen und Empfindun- gen aus den Menschen seines Umfeldes zu kitzeln. Haltungen, „die wir in uns einzuschließen verdammt sind, weil ihre öffentliche Äußerung unsere soziale und ökonomische Existenz erst gefährden und schließlich vollständig vernichten würde“. Wie war das, mehrere Jahre mit so einer Figur zu leben?

Das war eine schöne Zeit, ich habe das sehr genossen! Weil der Charakter eine so große Ehrlichkeit und Unverblümtheit besitzt. Er ist besessen von der Frage, was richtig ist und was falsch und wie man als Mensch und als Gesellschaft damit umzugehen hat. Zugleich ist er ein im besten Sinne amoralischer – oder noch besser: außermoralischer – Charakter.

 

„Was darf man nur denken?“

 

Das hat teilweise fast etwas Tourette-haftes. Er kann einfach nicht anders, als zu sagen, was er denkt. Und so ein Mensch bringt automatisch gesellschaftliche Gefüge, die oft auf Konsens und Behutsamkeit und bestimmte Sprachregeln ausgelegt sind, maximal in Unordnung. Das macht natürlich Spaß, ich empfinde es aber auch als befreiend. Und auch wenn das nicht das Hauptthema des Romans ist, passt es natürlich gut in unsere Zeit. Was darf man in welcher Umgebung offen aussprechen? Was darf man nur denken? Und was darf man vielleicht noch nicht einmal denken?

Sie verhandeln diese Fragen anhand des Rechts. Der Protagonist, ein hochintelligenter Jurastudent, ist mit dem deutschen Gesetz nicht einverstanden, begibt sich auf Weltreise nach Neuguinea und Singapur für ein „Studium der Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in Theorie und Praxis“ und entwirft ein universelles Rechtssystem, das das Leid der Angehörigen eines Opfers ins Strafmaß einberechnet und in dem auch Kategorien wie Rache und die Todesstrafe Platz bekommen. Warum das Recht?

Ein einfacher Grund für mein Interesse an diesem Thema wird sein, dass ich selbst beruflich aus der Art geschlagen bin: Ich komme aus einer Juristenfamilie, meine beiden Eltern waren Richter, sogar mein Großvater und mein Urgroßvater waren schon Richter. Ich bin immer fasziniert gewesen von der Frage, was genau Gerechtigkeit ist und wie sie sich herstellen lässt. Wie ist das Verhältnis des Individuums zu dem rechtlichen System, in dem wir als Angehörige einer Nation zu existieren gezwungen sind? Was passiert, wenn man sich damit nicht in Einklang befindet?

Es ist ja durchaus denkbar, dass es irgendwo auf der Welt ein Rechts- system gibt, dessen Regeln unserem persönlichen Gerechtigkeitsempfinden sehr viel mehr entsprechen als die praktizierte Rechtsprechung, der wir hierzulande unterworfen sind. Wir sind aber qua Geburt genötigt, mit unserem System zu leben, es zu respektieren und zu akzeptieren. Der Held meines Romans will sich damit nicht abfinden. Er tut etwas Unerhörtes, Anmaßendes und nimmt das Gesetzeschreiben schließlich selbst in die Hand.

 

„Mein Held ist gerechtigkeitssüchtig“

 

Er ist alles andere als ein mitfühlender Mensch. Trotzdem kritisiert er eine seiner Meinung nach fehlende Opfer- empathie im deutschen Recht. Einmal sagt er selbst, dass seine Gerechtigkeits- sucht wie eine sexuelle Obsession sei und nicht aus Mitgefühl heraus resultiere. Wie passt das zusammen?

Der Vergleich mit dem Sexualtrieb sagt: Hier geht es um etwas, das uns ausmacht, das intuitiv oder sogar genetisch ist und sich eigenständig meldet. Etwas, das wir letztlich hinnehmen müssen, weil es zu uns gehört.

Ich mag dieses Schopenhauer-Zitat sehr, weil es genau das auf den Punkt bringt: Der Mensch kann tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was wer will. Mein Held ist gerechtigkeitssüchtig und dagegen ist er machtlos, es ist ein Zwang. Wenn er dem deutschen Recht vorwirft, die Opfer nicht ausreichend zu berücksichtigen, tut er das tatsächlich nicht aus Empathie, sondern weil sein Gerechtigkeitsempfinden hier einen Mangel registriert. Ein Soziopath, der Empathie anmahnt, das empfand ich als spannende Konstellation.

Justus ist ein unzuverlässiger Erzähler, man kann ihm nicht ganz trauen. Wie soll man sich zu ihm verhalten?

Ich fürchte, das muss jeder Leser für sich entscheiden. Das Gleiche gilt ja letztlich auch für die Haltungen der Figur. Man kann sich auf seine Gedankenspiele einlassen und ihm ein Stück weit folgen oder sie sofort konsequent zurückweisen.

Was den unzuverlässigen Erzähler angeht, das ist ja letztlich eine grundsätzliche Frage, wenn es um Fiktion geht: Glaube ich das, was mir erzählt wird? Auch wenn es unglaublich ist? Ich schätze, bei Justus sollte man besser auf der Hut sein.

Sandra – eine Freundin des Protagonisten – schreibt in einem Brief von seiner egozentrischen Radikalität, die vielleicht nötig sei, um in unserer heutigen Welt noch das sein zu können, was man sein muss. Was meint sie damit?

Sandra ahnt zwar nur, was Justus zu diesem Zeitpunkt tut, aber sie hat offenbar ein ganz gutes Gespür. Die Formulierung, die Sie zitieren, bezieht sich in erster Linie auf die archaische Rolle, die mein Held sich zunehmend zu eigen macht. Ohne zu viel verraten zu wollen: Er belässt es nicht dabei, neue Gesetze zu verfassen, seine Gerechtigkeitsobsession treibt ihn noch weiter.

Inwiefern eine archaische Rolle?

Wir alle kennen solche Konstellationen aus vornehmlich amerikanischen Filmen. Der Mann, der das Recht in die eigenen Hände nimmt, weil es sonst keiner tut. Allerdings sind das meistens Charles-Bronson-mäßige Typen, die einerseits die physischen Voraussetzungen für ihre Agenda mitbringen, aber zugleich nie den Mund aufbekommen und ihre Gedanken mit uns teilen.

Mein Experiment besteht darin, das Prinzip umzudrehen: Mein Held ist anfangs ein unsportlicher Lappen, der aber permanent reflektiert. Ein Anti-Bronson, wenn man so will. Aber genau deshalb hoffentlich literarisch deutlich interessanter.

 

Archetypen aus dem Superhelden-Genre

 

Der gesamte Roman ist wie eine Genesis, das Ende ist der eigentliche Anfang, wie ja schon der Titel verdeutlicht. Sozusagen „Batman Begins“. Warum diese Vorgeschichte als Hauptprinzip?

Die vermeintliche Vorgeschichte ist hier die Geschichte, weil sie natürlich den mit Abstand spannendsten Teil der Figurenentwicklung erzählt. Wie wird jemand zu dem, was er ist? Die „Batman“-Trilogie von Christopher Nolan nennen Sie völlig zu Recht, denn tatsächlich gibt es einige Parallelen. Aber am Ende sind die Unterschiede in meiner Wahrnehmung größer.

Der Roman orientiert sich zwar an filmischen Strukturen, an Topoi und Archetypen aus dem Superhelden-Genre. Aber weil es hier um Literatur geht, um einen psychologischen Roman, um eine andere Art der Heldenreise, passiert auch mit diesen Zutaten etwas anderes.

Die Figuren und ihre Motivationen sind komplexer, gebrochener, es gibt viel mehr Ebenen und weniger Schwarz-Weiß. Gerechtigkeit und Recht sind komplexe Themen und hier ist Literatur klar im Vorteil. Sie wird dieser Tatsache viel eher gerecht, als es 90 Filmminuten könnten, die am Ende noch durch die Marktforschung müssen.

Hätte der Roman auch kürzer, dichter sein können als die mehr als 500 Seiten, oder braucht es den Platz, um die Entwicklung in ihrer Dauer nachfühlen zu können?

Es brauchte meines Erachtens tatsächlich diese Länge. Ich habe mich ja gerade nicht auf die Machart eines Actionfilm-Charakters beschränken wollen, der die Bühne schon fertig betritt. Auf seine Weise ist „Wie alles begann…“ eben auch ein Entwicklungsroman. Und das braucht Raum. Und weil Gerechtigkeit ein universelles Thema ist, und somit logischerweise größer als Landesgrenzen, hatte ich außerdem Lust, meinen Helden aus einem geografisch eingezirkelten Denkraum ausbrechen zu lassen.

 

Wert der Überforderung

 

Wem würden Sie Ihren Roman empfehlen?

Ich sitze sehr gerne und gut zwischen den Stühlen von E- und U-Literatur. In Deutschland, so mein Eindruck, existiert noch immer eine recht strikte Trennung von Unterhaltungsliteratur und ernsthafter Literatur, anders als beispielsweise in den USA, wo diese Bereiche viel konsequenter und lustvoller verquickt werden, ohne dass sich jemand wundert. Das hat mir immer gefallen.

Für meine Begriffe darf und soll das, was Tiefe erreichen und Existenzielles erzählen will, sehr gut unterhalten. Ich empfinde es sogar als Defizit, wenn Literatur das nicht tut. Was ich versuche, ist also immer EU-Literatur.

In einem Kurzvideo im Rahmen der Hamburger Literaturpreise sagen Sie, dass Sie mit Ihrer Literatur auch überfordern wollen. Worin liegt der Wert der Überforderung?

Die große Möglichkeit der Literatur ist es, sich in menschliche Köpfe und Denkräume vorzutasten, die uns normalerweise nicht zugänglich sind. Das sind Bereiche, die Literatur aufschließen und sichtbar machen kann. Auf diese Weise eine Figur zu begleiten, die sich beispielsweise erdreistet, im Alleingang die Gesetze eines Landes zu verändern, und die auch sonst kein Blatt vor den Mund nimmt, ist sicher immer wieder eine Überforderung, weil es so ruchlos ist. Aber hoffentlich auch: Bereicherung, Erkenntnis, Perspektivwechsel, Spaß am Zynismus und der Verdorbenheit eines Charakters.

Als Leser selbst liebe ich diese Form der Überforderung, ich werde gerne gezwungen, Zeit im Kopf von Personen zu verbringen, die ganz anders sind und ticken als ich. Schließlich sind wir uns in unserem selbst geschaffenen sozialen Umfeld schon zunehmend einig in allen Belangen. Da sollte Literatur uns immer auch mit dem „Anderen“ konfrontieren. Und erbaulich sind ja schon die meisten Fernsehfilme im Öffentlich-Rechtlichen. Ich finde, das reicht.

Simon Urban: „Wie alles begann und wer dabei umkam“, Kiepenheuer & Witsch, 544 Seiten, 24 Euro. Erscheint am 11.2. Die für den 23.2. geplante Autorenlesung im Literaturhaus wird auf März verschoben


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Meet the Resident – Jagu

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: Jagu von Kaetana Records– präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman 

 

SZENE HAMBURG: Wie würdest du deinen Sound beschreiben?

Techno, Deep, und hypnotisch. Teilweise von Trance beeinflusst.

Wann ist deine Lieblingsplaytime?

Ich spiele gerne immer ab 4:00 Uhr.

Wann war dein letzter Gig vor Live-Publikum?

Das war im KitKat Club in Berlin. Eine Woche danach mussten sie schließen wegen Corona. Ich muss immer noch weinen, wenn ich daran denke.

Hast du einen Stream des Monats?

Inhalt der Nacht @ Altes Kraftwerk Rummelsburg, Berlin.

Und eine Platte des Monats?

ANO V-I von Cadency und Hector Oaks

Was war dein größter Moment als DJ?

Das war im Room II vom PAL und ich habe spontan mit DJ Tennis B2B gespielt. Er war, als ich jünger war, einer meiner Idole.

Wochenendtipp im Club-Lockdown?

Alleine schöne Musik hören, gute Drinks genießen und hoffen, dass die Clubs bald wieder aufmachen.

Ein aktuelles Set von Jagu hört ihr hier:

 


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Schanzenkino gerettet: Open-Air Vorführungen können stattfinden

Gute Nachrichten aus dem Hamburger Westen: Das Schanzenkino hat trotz Corona-Pandemie und Sponsoring-Verbot grünes Licht vom Bezirksamt bekommen und kann sein 21-jähriges Bestehen zwischen Juli und September dieses Jahres feiern

Text: Felix Kirsch

 

Filmfans können Pandemie-konform ab Ende Juli wieder in den Schanzenpark pilgern und Blockbuster sowie Kultfilme genießen. Der Veranstalter Outdoor Cine GmbH freut sich über die Möglichkeit und dankt vor allem den zahlreichen Unterstützern des Open-Air-Kinos: „Turbulente Wochen liegen hinter uns, welche als Drehbuchvorlage für einen spannenden Serienmehrteiler dienen könnte. Es war eine Achterbahn an Emotionen, zahllosen Gesprächen und einem Happy End mit Beigeschmack.“ sagt Dirk Evers, Geschäftsführer und Veranstalter des Schanzenkinos.

 

Sponsoring-Verbot bedrohte wirtschaftliche Existenz

 

Hintergrund für den existenziellen Kampf des Schanzenkinos war ein vom Bezirksamt Eimsbüttel ausgehängtes Sponsoring-Verbot für den Schanzenpark, das die Einnahmen des Kino drastisch reduziert hätte. Eine spezielle  Ausnahmegenehmigung für das Schanzenkino hatten die Grünen in ihrem Beschluss nicht vorgesehen. Für das weitere Bestehen des Schanzenkinos glich das drohende Sponsoring-Verbot einem Super-GAU: „Die Einnahmen aus dem Ticketverkauf reichen nicht aus, um die Kosten zu decken“, mahnte Dirk Evers Anfang des Jahres.

Dass man nun doch eine Einigung erzielen konnte, freut die Veranstalter ebenso wie Fans von Film und Kultur: „Nun kann das Open-Air-SchanzenKino in diesem Jahr sein 21-jähriges Bestehen feiern. Im Vorjahr waren wir als Freiluftkino so ziemlich die einzige große Kulturveranstaltung in Hamburg, die trotz der Corona-Pandemie unbeschwerte und sichere Filmabende unterm Sternenhimmel anbieten konnte.“ Das Schanzenkino beginnt mit den Vorstellungen am 31. Juli 2021 und gastiert bis zum 31. September im Schanzenpark.

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Hamburger Nachwuchs: Sängerin Sukie

Gerade mal ein Jahr ist es her, dass Sukie ihren ersten eigenen Song veröffentlichte. Doch spätestens, als im Oktober ihre Debüt-EP „Love And Impatience“ erschien und die Kunde von einer neuen, talentierten Sängerin aus Hamburg die Runde machte, war klar: Mit Sukie wird zukünftig zu rechnen sein. Im Interview spricht die 22-Jährige über Schwermut als Treibstoff, das derzeitige Darben der Kreativszene und Lichter am Ende des Tunnels

Interview: Daniel Schieferdecker

 

SZENE HAMBURG: Sukie, wie bist du zur Musik gekommen?

Sukie: Musik war immer ein großer Teil meines Lebens. Ich war ein sehr ruhiges Kind, habe viel Zeit mit mir selbst verbracht – und dabei fast immer Musik gehört und gesungen. Ich habe es dann aber eine Weile schleifen lassen – bis vor drei Jahren mein bester Freund bei einem Autounfall gestorben ist.

Und dann?

Das war jemand, der sehr krass gelebt hat; der immer seinen Weg gegangen ist und das gemacht hat, was er machen wollte. Da ist mir bewusst geworden, dass ich viel zu lange meine Zeit mit Dingen vergeudet habe, die mich nicht erfüllen – das ist für viele Leute ja deren Realität. Aber das wollte ich nicht.

Ich habe dann einen Coversong bei Instagram hochgeladen, coole Reaktionen darauf bekommen und weitergemacht. Im Oktober kam dann meine erste EP „Love And Impatience“.

Bist du tatsächlich so ungeduldig, wie es der EP-Titel verheißt?

Ja, ganz schlimm! Wenn ich Dinge nicht auf Anhieb kann, höre ich sofort wieder damit auf. Ich werde sonst wahnsinnig. (lacht)

Deine Pressesgentur hat dich angepriesen als „junge Frau mit Charakter“. Was meinen die damit?

(lacht schrill) Wenn ich das nur wüsste! Hat nicht jeder einen Charakter? Aber sagen wir so: Ich bin in gewissen Dingen sehr speziell – aber auf eine gute Art und Weise.

Das musst du erklären.

Ich bin sehr feinfühlig, eine sehr empathische Person. Das schadet mir manchmal zwar auch, weil ich oft mehr bei anderen bin als bei mir. Aber das ist etwas, das mich ausmacht.

 

 

Deine Lyrics schreibst du auf Englisch. Warum?

Ich habe einen besseren Zugang zu der Sprache. Deutsch als Muttersprache ist einfach zu nah an mir dran. Das Englische ermöglicht mir eine etwas objektivere Sicht auf die Dinge. Aber: Ich bin bilingual aufgewachsen, weil meine Mutter lange in London gelebt hat.

In deinen Songs liegt viel Schwere, in den meisten geht es um düstere Themen. Ist das deine Art der Verarbeitung?

Ja, absolut. Ich kann aber keine Songs schreiben, wenn es mir richtig schlecht geht. Das passiert erst danach, wenn ich die Situation für mich selbst schon ein bisschen verarbeitet habe.

Du machst nicht nur Musik, sondern studierst auch Ethnologie und klassische Archäologie. Inwiefern hat dein Studium Einfluss auf deine Songs?

In vielerlei Hinsicht: Durch das Ethnologie-Studium bekommt man einen sehr weiten Blick darauf, wie die Menschen auf der Welt in der Gesellschaft funktionieren.

Kennst du den Begriff der kulturellen Universalien? Das sind Dinge, die nicht kulturabhängig variieren, die es in jeder Gesellschaft gab und gibt – und eine davon ist Musik. Das finde ich spannend: dass Musik, unabhängig vom Text, eine Sprache ist, die von jedem überall auf der Welt verstanden werden kann.

 

„Ich sehe gerade ganz viele Existenzen sterben“

 

Vor Corona hast du in einer Bar gearbeitet. Seit einem Jahr nun nicht mehr. Hatte das einen Einfluss auf deine Musik?

Total! Ich habe immer gerne Gastro gemacht, aber das schlaucht auch – zumal das ein Job ist, der dir menschlich nicht viel zurückgibt und deinen Schlafrhythmus total zerschießt.

Durch den Wegfall dieses Jobs hatte ich nun mehr Zeit, mich auf mich selbst zu konzentrieren. Mich zu fragen: Wer will ich sein? Wie will ich klingen? Das hat mir geholfen. So perfide es klingen mag: Ein Stück weit bin ich tatsächlich dankbar für die Situation. Aber jetzt ist auch gut. (lacht)

Welche negativen Einflüsse hatte die Pandemie auf dich?

Ich hatte dadurch viel Zeit zu zweifeln. Zwischendurch bin ich in tiefe Löcher gefallen und hab mich gefragt, wofür ich das eigentlich mache, wenn es ja doch niemand  zu hören bekommt – vor allem nicht live.

Ich kriege ja auch mit, was in meinem Umfeld los ist, wo viele Leute professionell Musik machen. Ich sehe gerade ganz viele Existenzen sterben, Clubs schließen, eine ganze Branche untergehen.

Wie motivierst du dich, trotzdem weiterzumachen?

Indem ich versuche, mich darauf zu besinnen, Kunst nicht für andere, sondern in erster Linie für mich selbst zu machen. Trotzdem macht die Situation mir Angst. Ich saß durchaus schon mit Heulkrämpfen im Studio. Aber eigentlich bleibt einem gar nichts anderes übrig, als positiv zu bleiben und nicht den Glauben zu verlieren.

 

 

Hast du eigentlich eine Lieblingszeile von dir?

Ja, aus „Hit Me“. Da singe ich: „And the night might be yours, but the morning is mine.” Die finde ich sehr schön. Es gibt auch noch eine andere, aber die ist noch nicht veröffentlicht. Kann ich daher nicht verraten, sonst klaut die noch einer. (lacht)

Wenn es unveröffentlichte Textzeilen von dir gibt: Kommt dann dieses Jahr noch was Neues von dir?

Auf jeden Fall! Wahrscheinlich noch eine EP. Und dann mal schauen, wie es insgesamt mit der Musik und Kultur hier weitergeht. Ich habe auf jeden Fall noch einige sehr, sehr gute Songs, die nur darauf warten, veröffentlicht zu werden.

thisissukie.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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