(25.11.) Literatur, „Der kleine Prinz“, Planetarium, 19:30 Uhr

Der kleine Prinz“ hat uns alle in der Kindheit begleitet. Zumindest viele von uns. Die Maxime Saint-Exupérys „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ ist Existenzialismus im Kinderbuch-Jargon. Die Szenerie zwischen Wüste, Himmel und fernen Planeten – ein modernes Märchen mit klarer, kraftvoller Sprache.

Heute liest Clemens von Ramin aus dem „zeitlos gültigen Plädoyer für Freundschaft und Menschlichkeit“. Annika Treutler sitzt am Konzertflügel. Ab 12 Jahren.

/ JVW

Planetarium
25.11.18, 19:30 Uhr


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„König Lear“ – Königsdrama im Transvestitenfummel

Die Regisseurin Karin Beier hat am Deutschen Schauspielhaus Shakespeares „König Lear“ inszeniert – als endzeitliches Cross-Gender-Spiel.

Wie irre darf einer genannt werden, wenn die ganze Welt verrückt spielt? Ist das die Frage, mit der Schauspielhausintendantin Karin Beier sich dem komplexen Shakespeare-Drama „König Lear“ nähern wollte?

Wie Statisten, die auf ihren Einsatz warten, lungern die neun Schauspieler in dem weißen Guckkasten herum. Allen voran Edgar Selge als Lear, ein gebrochener, jähzorniger alter Mann, der sein Reich in Form eines gigantischen Perserteppichs unter seinen drei Töchtern Goneril, Regan und Cordelia aufteilen, sich zuvor aber ihrer Liebe versichern möchte.

Das geht gründlich schief, denn während Carlo Ljubek und Samuel Weiss sich als giftig konkurrierende Transvestiten à la Conchita Wurst singenderweise bei ihrem Vater erfolgreich einschleimen, geht Lina Beckmanns Cordelia, die ihrem Erzeuger als einzige wahrhafte Gefühle entgegenbringt, leer aus. Eine Entscheidung mit fatalen Folgen.

 

Edmund ist wie Lear einer, der naiv in sein Unglück stolpert

 

Fatal ist auch, wie vordergründig Regisseurin Beier sich verschiedenster theatraler Mittel bedient, um einen Stoff effektvoll aufzupeppen, zu dem ihr offenbar nicht viel eingefallen ist. Während die Figuren ihre Konflikte vorzugsweise schreiend austragen und Yuko Suzuki an Klavier und Elektronik unterschwellig bedrohliche Minimalismen beisteuert, wie man sie aus Arte-Dokumentarfilmen kennt, turnen Selges Lear und Jan-Peter Kampwirths Edgar über lange Strecken nackt über die Bühne.

Edmund ist wie Lear einer, der naiv in sein Unglück stolpert und der berechnenden Maskerade des überformten Kulturmenschen nicht gewachsen ist. In der Rolle seines intriganten Gegenspielers und Halbbruders Edmund bringt Sandra Gerling das Cross-Gender-Spiel der drei Negativ-Figuren auf den Punkt: „Fühl dich wohl in deiner Haut oder näh dich um!“

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„König Lear“ am Deutschen Schauspielhaus.

Während Goneril, Regan und Edmund am Ende als bizarre, außerzivilisatorische Wesen mit Körperbemalung und ausladendem Federschmuck wie erstarrte Götzenbilder dem Geschehen beiwohnen, ist Lear im weißen Patientenhemd endgültig in der geschlossenen Psychiatrie angekommen. Einziger Lichtblick in dieser dreistündigen Entthronung des berühmten Königsdramas mit problematischer Sprechakustik: die großartige Lina Beckmann als Lears anhänglicher, geistig zurückgebliebener Narr, der seine Bezugsperson liebevoll „Munkel“ nennt und nicht nur mit seinen unkontrollierten Gesichtszuckungen für viele Lacher sorgt.

Text: Sören Ingwersen
Fotos: Matthias Horn

„König Lear“: Deutsches Schauspielhaus, nächste Vorstellungen am 21., 27., 30. November



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2018. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

 


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SZENE #backstage mit … GERO!

Bimmelbimmelbimmel, der SZENE-Nikolausi kommt! GERO! ist ein Braunschweiger Pop- und Jazz-Pianist und unser Gast beim Redaktionskonzert am 6.12.18. Dann gibt’s frotteeweiche, sofort wärmende Songs vom talentierten Tastenmann. Mit seinem Stage-Piano macht er auf unserem Perserteppich Station, wie vor ihm Vivie Ann, Dorit JakobsFrøkedal, EUT und ZiBBZ.

Beitragsbild: Heinz Gramann

 Wir verlosen 12×2 Gästelistenplätze!

Wie könnt Ihr mitmachen? Na so:

Los geht’s am Montag, den 6. Dezember 2018, um 19 Uhr in der Gaußstraße 190c.


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Thalia Theater: Frankenstein als Science-Fiction-Mythos

Wieso Thalia-Regisseur Jan Bosse den Frankenstein-Mythos als Science-Fiction-Version inszeniert, erzählt er im Interview.

SZENE HAMBURG: Jan, du inszenierst am Thalia Frankenstein. Wird das eine weitere Bearbeitung des Mythos?

Jan Bosse: Thematisch geht es mir eher um Zukunftsthemen wie künstliche Intelligenz, Automatisierung, Roboter und Androiden. Eigentlich wollte ich tatsächlich „Blade Runner“ machen, doch man bekommt die Rechte an dem Stoff nicht. Mich hat das Thema, was ist der Mensch, und was wird aus ihm, wenn er anfängt, Gott zu spielen, nicht losgelassen. Das ist das große Thema von Frankenstein.

Gab es in der Gegenwart einen Inspirationsfunken für den Stoff?

Der Zustand unserer Gesellschaft: Ich bin vermutlich nicht der Einzige, der sorgenvoll bis verzweifelt auf das Ist guckt. Ich habe viel über Empathie nachgedacht, aufgrund der Flüchtlingskrise. Ich hatte plötzlich das Gefühl, wenn der einzige Unterschied zwischen Mensch und Roboter wirklich die Liebe, oder sagen wir die Empathiefähigkeit ist, also das Vermögen, sich in die Lage eines anderen versetzen zu können, und große Teile der Gesellschaft das nicht mehr wichtig finden, dann sind wir alle längst Replikanten, künstliche Geschöpfe. Wir forschen zu dieser Frage theatral schon lange: Was macht den Menschen zum Menschen?

 

„Wo bleibt der freie Wille?“

 

Und?

Ich würde wieder Fragen aufwerfen: Wenn das Internet mit seinen Algorithmen und der Konsum uns als Mensch schon entmündigt hat, wo ist denn da das tolle, viel beschworene „authentische und freie Ich“, das Zentrum unseres Handelns? Ist das nicht längst eine Illusion, abgelöst und entmündigt vom digitalen Fortschritt und der Intelligenz von Maschinen? Wo bleibt der freie Wille?

Der Impuls ist eine sorgenvolle Gegenwartsdiagnose, die das Ich bedroht?

Ja, Ausgangspunkt ist das Gefühl, dass Werte und Grundregeln wie Toleranz und Empathie für viele Menschen nicht mehr gelten. Parallel zu der Empathielosigkeit steckt im Thema der künstlichen Intelligenz das traurige Moment einer Gesellschaft der Überflüssigen: Der Mensch könnte in der Zukunft durch technischen Fortschritt, künstliche Intelligenz und Drohnen beinahe überflüssig werden, er muss sich also optimieren, aufrüsten, um mit der Technik mitzuhalten.

Bei so einer Optimierungsgesellschaft, vor allem im genetischen Bereich, wird einem bange. Sie bedroht das Humanistische, die Seele und den freien Willen, um mal einen weiten Bogen zu schlagen … Eine sehr konkrete Bedrohung des Humanismus, der auf zynische Weise in eine wertkonservative Verteidigungshaltung gedrängt wird.

Ihr greift auf die sehr komplexe Gegenwartsanalyse des israelischen Historikers Harari zurück und überblendet diese mit dem Frankenstein-Mythos …

Der Historiker Yuval Noah Harari ist für uns wie ein Brainpool, aus dem heraus wir agieren. Sein Buch „Homo Deus“ ist wie 800 Seiten Hintergrundtext für unser Science-Fiction-Projekt. Könnte es sein, dass sich die Menschheit selbst abschafft? denkt man nach Hararis Analyse. Wenn wir das, was Harari als Zukunftsszenario entwickelt, so nicht wollen, dann müssen wir handeln – jetzt!

Mit welcher Tonalität bringst du diese Befunde auf die Bühne? Legst du den Hoffnungsfunken frei oder setzt du auf düstere Dystopie?

Ehrlich gesagt, ohne Humor geht es nicht, sonst packt das ja niemand! Ich habe für das Stück die Form einer Reise gefunden, das kann man wörtlich nehmen, als eine Reise durchs Theater. Wir haben verschiedene Spielorte, die Zuschauer bewegen sich durchs Thalia Theater zu fünf verschiedenen Bühnen.

Du bringst den Zuschauer bewusst in Bewegung?

Genau, er läuft von Spielort zu Spielort. Im Foyer wird es einen Vortrag mit Harari-Texten zur künstlichen Intelligenz geben, es wird einen Raum mit Filmen geben, der Abend wird zum multiperspektivischen Projekt über das Thema und am Ende kommen alle zum fünften Akt in den Saal zurück. Mir geht es darum, Nähe zu erzeugen und den Zuschauer zum Mitdenken zu bewegen, ich glaube, das klappt durch Bewegung gut …

 

„Ich nenne meinen Stil gern anti-autoritär“

 

Hast du oft so gearbeitet?

Joachim Lux nennt meine Arbeit ja immer Publikums-Dramaturgie. Ich habe viel mit Zuschauern gemacht, aber diese Form eines Spaziergangs zu Bühnenorten ist für mich neu.

Wie würdest du deinen Regie- und Probenstil beschreiben?

Ich bin nur aus der Gruppe heraus gut. Ich nenne meinen Stil gern anti-autoritär, ohne das Autoritäre abwerten zu wollen: Führung, Wissen, das ist wichtig. Doch bei mir entstehen Regieideen aus einem Gemeinsamen heraus. Ich liebe gute Ideen im Theater. Wenn die Atmosphäre super ist, ohne Angst und Hierarchie, dann können sie entstehen.

Mit welchen Ideen willst du den Zuschauer an diesem Abend entlassen?

Ich finde, ein Theaterabend muss Kopf und Herz erreichen. Am Ende geht es um den Menschen. Am Schluss, im fünften Teil sind alle Spieler Androiden, die auf die Spezies Mensch, ihre Schöpfer, also uns zurückschauen und gewissermaßen den Spiegel vorhalten. Kümmert euch! Kümmert euch um die Erde und euch gegenseitig, das ist meine Botschaft. Das klingt vielleicht pathetisch, aber es darf uns nicht egal sein, wie Menschen miteinander umgehen.

Hast du eine Inszenierung, die deine wichtigste ist?

Natürlich ist immer die aktuelle besonders wichtig. Aber es gibt mehrere, zuletzt war es „Welt im Rücken“ mit Joachim Meyerhoff, über die Krankheit eines Manisch-Depressiven. Das wurde bewegend und unterhaltend, da hat sich eine besondere künstlerische Freiheit eingestellt. Das ist selten, und wenn es passiert, ist es sehr besonders.

Auch du schätzt Freiheit, hast dich einmal als Rollkofferregisseur bezeichnet, Hamburg, Berlin, Zürich. Kannst du sagen, wie sich die Theaterstädte unterscheiden?

Ich mag das Fremdsein, das einmal im Jahr auftauchen, und wieder aufbrechen. Allerdings kenne und mag ich auch die Arbeit als Hausregisseur. Berlin, würde ich sagen, ist als Pflaster für Kunst härter, durch die Konkurrenz. Hamburg, könnte man behaupten, ist etwas kühler. Allerdings, wenn man die Hamburger „bekommt“, ist es wirklich toll. Dann sind die Hamburger sehr treu, wahre Fans.

Man spürt deine Begeisterung. Was treibt dich als Regisseur täglich neu?

Insgeheim wäre ich wahnsinnig gern Autor, habe aber Angst vor dem weißen Blatt. Mein Motor am Theater ist die Auseinandersetzung mit anderen Menschen. Eigentlich finde ich die Leithammelposition gar nicht so gut, na ja, irgendwie vermutlich ein bisschen doch. Aber mein Geist und Intellekt springen im Gespräch und Austausch an. Da entsteht mein Werk, die anderen sind meine Zünder. Ich finde, wir müssen uns selbst immer wieder in Frage stellen und dürfen grade als Regisseur nicht zur Marke erstarren – dabei hilft mir mein Team. Die Menschen treiben mich an.

Interview: Stefanie Maeck
Foto: Armin Smailovic

Frankenstein / Homo Deus“: Thalia Theater, 18.11. (Premiere), weitere Vorstellungen am 15., 18., 20., 29.11.



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2018. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Homophobie im Profisport – Thema im Film Mario

Fußballer sind echte Kerle. Muskulös. Hart im Nehmen. Homosexualität ist in dieser Branche ein Tabuthema wie in kaum einer anderen, auch wenn sich einige wenige Vereine wie der 1. FC St. Pauli klar für eine offene Geisteshaltung aussprechen. Welche Seelenqualen das für einen schwulen Spieler bedeutet, zeigt Marcel Gislers Drama „Mario“. Wir haben mit dem Regisseur gesprochen

Zuerst sieht Mario (Max Hubacher) den Neuen in der Mannschaft nur als Konkurrenten. Auch Leon (Aaron Altaras) ist Stürmer, und nur einer von ihnen beiden – wenn überhaupt – wird den begehrten Profivertrag für die kommende Saison erhalten, auf den alle Spieler der U21-Mannschaft des Berner Clubs YB Young Boys schon ihr ganzes Leben lang hingearbeitet haben. Entsprechend erbittert ist der Konkurrenzkampf unter den jungen Männern.

Doch spätestens, als Mario sich mit Leon eine Spielerwohnung teilen muss, verändern sich seine Gefühle. Aus Misstrauen und Ablehnung wird Freundschaft, schließlich aus Freundschaft Liebe. Eine unmögliche Liebe, die sie öffentlich nicht zeigen dürfen – Sponsoren, Fans, sie alle würden das Paar verurteilen.

Mario, der Film über zwei schwule Fußballer Foto: Pro Fun Media

Die beste Freundin muss als Alibipartnerin herhalten. Foto: Pro Fun Media

Ihr Marktwert? Im Keller. Die Karriere vorbei, bevor sie richtig begonnen hat. „Es gibt Sachen, die gehen einfach nicht!“, faucht Marios Berater ihn an, als die Beziehung schließlich doch auffliegt. Homosexualität ist dabei aus seiner Sicht in einer Liga mit Drogen oder Sex mit Minderjährigen zu sehen. Das Versteckspiel, der innere Kampf gegen die eigenen Gefühle, die Sticheleien der Mannschaftskollegen werden immer unerträglicher, bis Mario und Leon daran zu zerbrechen drohen und eine Entscheidung fällen müssen.

Die Geschichte, die Regisseur Marcel Gisler selber mitgeschrieben hat und in der auch der 1. FC St. Pauli eine Rolle spielt, scheint zu Beginn sehr absehbar. Doch einige überraschende Twists, eine feinfühlige Kamera und vor allem die tolle Schauspielleistung Max Hubachers, der scheinbar mühelos die komplette emotionale Bandbreite von glücklicher Verliebtheit bis hin zu abgrundtiefer Verzweiflung abrufen kann, lassen den Zuschauer intensiv an der zermürbenden Seelenqual des Protagonisten teilhaben. Während Homosexualität in unserer heutigen Gesellschaft weitgehend akzeptiert ist, hinkt die Fußballwelt hier noch weit hinterher. Gut, dass Marcel Gisler das einmal auf so beeindruckende Weise auf die Leinwand holt.


Marcel Gisler, Regisseur Mario, Foto: Pro Fun Media

Marcel Gisler, Regisseur Mario, Foto: Pro Fun Media

Regisseur Marcel Gisler im Interview

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Denn man tau! – Hamburgs neue Literaturzeitschrift Tau

Die Literaturzeitschrift Tau ist Hamburgs neues Multiformatmagazin – für Prosa, Lyrik, Essays, dramatische und sogar gattungsfreie Texte. Ein Gespräch mit den drei Machern über gewollte Unvorhersehbarkeit und Hamburgs Literaturbetrieb.

Am Tag ihrer Geburt sind Literaturjournale noch mehr oder weniger spröde Informationsorgane der Universitäten, die die Gelehrten im Wissenschaftsbetrieb mit Besprechungen aktueller Literatur versorgen sollen. Etwa im 17. Jahrhundert entstehen sie aus der Notwendigkeit eines lebendigen Wissenschaftsdiskurses und werden deshalb von den Universitäten auch noch selbst finanziert.

Heute, 400 Jahre später, gibt es nicht mehr die alte Notwendigkeit und auch nicht mehr selbstverständliche Subventionen. In der Folge sind Literaturzeitschriften kämpferische Minderheit im Kunstbetrieb geworden und nicht selten abhängig von den Zuwendungen einzelner Personen oder größerer Investoren.

Preisgekrönter Nachwuchs

Aus der neuen Autonomie entwickelt sich schließlich eine neue künstlerische Maxime: Gegen den Common Sense steuern, in dem Ausgefallenes zum Hauptgegenstand ernannt wird. Und obwohl einige Literaturmagazine in den letzten Jahren zugrunde gegangen sind, sieht der Status quo für Hamburg gut aus:  So ist neben den gestandenen Literaturmagazinen immer auch Platz für Nachwuchs. Zu ihnen gehört das juvenile Tau-Magazin. Gefördert durch die Hamburger Behörde Kultur und Medien, sieht das vierköpfige Autorenkollektiv ihr Printbaby als Dialog zwischen den Kunstformen und den Menschen.

Dazu tragen auch Autoren wie der gebürtige Palästinenser Ghayath Almadhoun bei. Er wurde Erstplatzierter der Litprom-Bestenliste: mit seinem im Zürich-Hamburgischen Arche Verlag ins Deutsche übersetzen Lyrikband „Ein Raubtier names Mittelmeer“. Ebenso der Hamburger Lars Henken. Er ist – wie Co-Herausgeber Jonis Hartmann – Mitglied im Hamburger Schreibatelier Writers’ Room und wurde zuletzt 2010 mit dem Literaturpreis des Lions Club Moorweide ausgezeichnet. Die Liste der hiesigen Textschöpfer ist lang und liest sich wie ein Talentverzeichnis. Tau ist ihr Memento aus Papier.

SZENE HAMBURG: Jonis, Sascha und Marie-Alice, wie kamt ihr auf die Idee, eine freie Literaturzeitschrift zu gründen?

Sascha Preiß: Wir drei und Nathalie Keigel, die auch zum Gründungsteam gehört, waren 2016 Mitglieder im Forum Hamburger Autorinnen und Autoren, das Texte für eine Hamburg-Ausgabe der belgischen Literaturzeitschrift „Deus ex Machina“ beisteuern wollte. Irgendwann stellte uns der betreuende Redakteur die Frage: „Wenn es in Hamburg keine Literaturzeitschrift nach euren Vorstellungen gibt, warum macht ihr nicht einfach selbst eine?“ Eine gute Frage, fanden wir und haben dann eine Reihe von Finanzanträgen an etliche Förderinstitutionen gestellt, die alle abgelehnt wurden – außer vom Elbkulturfonds. Jetzt können wir Tau genau nach unseren Vorstellungen machen.

Das Tau-Team: Nathalie Keigel, Jonis Hartmann, Marie-Alice Schultz, Sascha Preiß (v. l. n. r.). Foto: Sebastian Klimmek

Und wie sind eure Vorstellungen?

Marie-Alice Schultz: Eine Strecke mit nichtliterarischer Kunst wie Zeichnungen oder Fotografien gehört fest zum Heft. Am Anfang steht ein oft zufälliges Thema, das uns als Autoren selbst reizt, bei dem wir Leere-Seiten- Hunger empfinden. Das bedeutet, wir stolpern über ein merkwürdiges Wort oder eine irre Formulierung, wie zum Beispiel „Akute Langwaffen“. Das haben wir dann zum Thema der ersten Ausgabe von Tau gemacht.

Sascha: Unsere Themen sind roh und offen, weshalb es ausschließlich künstlerische literarische Beiträge gibt und keine Rezensionen oder Reportagen. Die nichtliterarische Kunststrecke setzt den Rahmen und bestimmt das Design der jeweiligen Ausgabe.

Jonis Hartmann: Konzeptionell ist uns allen wichtig, immer zwei bis drei fremdsprachliche Originale im Heft zu haben, um den Vielklang von Literatur erfahrbar zu machen. Handel, Hafen, Tor zur Welt: Was für Hamburg und wofür diese Stadt steht, lässt sich so hervorragend darstellen.

Was passiert zwischen den Ausgaben?

Sascha: Zwischen den zwei Ausgaben pro Jahr lebt Tau vor allem von Lesungen, die elementarer Bestandteil des Konzeptes sind. In diesen Momenten ist es dann nicht nur eine Zeitschrift, die irgendwo steht, sondern etwas über das gesprochen wird und das lebendig bleibt. Tau zieht ihre Kreise demnächst sogar bis nach Mostar, weil wir den Text eines bosnischen Autors zum Thema „Akute Langwaffen“ aufgenommen haben.

 

Hamburg hatte etwas Alternatives, was ich inzwischen vermisse

 

Welche Rolle spielt Hamburg für Tau?

Jonis: Die Stadt, in der eine Zeitschrift wie unsere erscheint, hat den maximalen Einfluss auf das Produkt. Wir alle haben uns in den letzten Jahren an Hamburg und am Literaturbetrieb der Stadt abgearbeitet, wissen, was hier möglich ist und was nicht – allein darüber ist der Konsens entstanden, dass eine Literaturzeitschrift nach unseren Vorstellungen genau richtig ist. Eine Zeitschrift mit einem konzeptuellen Schwerpunkt auf Hamburger Autoren – das ist schön, wichtig und verbindend.

Marie-Alice: In Hamburg dominieren das Kaufmännische und die Kreativwirtschaft – immer vor dem Hintergrund, was dabei rausspringt. Tau ist ein Gegenentwurf dazu. Denn Hamburg war nicht immer so, sondern hatte lange auch etwas Alternatives oder sogar Anarchistisches, was ich inzwischen vermisse. Durch die Förderung haben wir jetzt den Raum, alles zu publizieren und nicht profitabel im betriebswirtschaftlichen Sinn sein zu müssen. Bei uns darf es wirklich um die Texte gehen.

Und die werden sogar gesetzt, gedruckt und gebunden. War eine Online-Zeitschrift je eine Option für euch?

Jonis: Man kann Online-Zeitschriften machen, aber die haben eine deutlich geringere Aufmerksamkeit. Wir können hingegen sagen: Ich habe hier ein Heft, das durch das kleinere Format sogar buchartig aussieht. Hier zeigt sich wieder, wie Konzept und Förderung ineinandergreifen: Ohne das Geld wäre uns weder die opulente Gestaltung noch die Herstellung eines Druckerzeugnisses möglich.

Zu guter Letzt: Was bedeutet denn Tau?

Jonis: Mit einem Tau macht man Schiffe fest und lässt sie wieder fahren, schreibt Griechisch, nährt die Wüste, wandelt in fernöstlicher Gelassenheit (zumindest so ähnlich: tao oder dao, Anm. d. Red.) und geht auf Hamburgisch los. Denn man tau!

Text:Jenny V. Wirschky
Interview: Dorthe March

Die zweite Ausgabe zum Thema Wertekind erschien am 21.10.18, Details und Termine auf tau-texte.de

Die ungekürzte Fassung dieses Textes ist zu finden in der Printausgabe SZENE HAMBURG, November 2018.



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2018. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Meet the Resident – Vanessa Buena alias VABU

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Resident-DJs vor, diesmal: Vanessa Buena von Spieltrieb – präsentiert von Hamburg Elektronisch.

Vanessa, wie würdest du deinen Sound beschreiben?

Tendiert zum melodischen Techno, besonders zutreffend war mal die Beschreibung vom Docks, dass ich keine Distanz zwischen mir und der Musik zulasse.


Der Hamburg Elektronisch Podcast zum Interview mit VABU:


Was war deine schrecklichste Gast-Frage?

Witzig ist immer, wenn ich nach meinem DJ-Namen gefragt werde und ihn gefühlt 100-mal wiederholen muss, weil er nicht verstanden wird.

Dein größter Moment als DJ?

Jeder Gig war für mich bisher individuell was ganz Besonderes. Die Euphorie die dabei entsteht macht mich jedes Mal aufs Neue sprachlos. Ganz groß war es für mich aber tatsächlich dieses Jahr das erste Mal auf dem Habitat Festival zu spielen, wo ich die Jahre zuvor immer als Gast war.

Wo gehst du in Hamburg hin um Spaß zu haben?

Spaß habe ich fast überall, aber der Südpol ist schon Favorit.

Wen würdest du gerne mal (wieder) in Hamburg sehen?

Hidden Empire, finde den Sound der Jungs großartig!

Und auf wen sollte man ein Auge haben?

Surreal! Nicht weil’s einer meiner besten Freunde ist, sondern meiner Meinung nach ist er talentierter den je.

Dein nächster Gig?

Im Uebel & Gefährlich, Docks und in Berlin im Birgit&Bier und am 10.11. steigt meine Geburtstagssause im Waagenbau mit André Winter und vielen weiteren Acts.

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2018. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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