Planetarium: Direktor Thomas W. Kraupe feiert Jubiläum

Planetarium-Direktor Prof. Thomas W. Kraupe im Interview zum 20-jährigen Dienstjubiläum über „eine schlafende Prinzessin“, den Umbau des Hauses und weitere große Pläne

 Interview: Erik Brandt-Höge

 

Thomas W. Kraupe, Direktor des Planetarium Hamburg

Thomas W. Kraupe, Direktor des Planetarium Hamburg (Foto: Wolfgang Koehler)

SZENE HAMBURG: Prof. Thomas W. Kraupe, erstmal herzlichen Glückwunsch zum Direktoren-Jubiläum! Erinnern Sie sich noch an Ihre Hauptziele, als Sie vor 20 Jahren Ihre Arbeit im Planetarium begannen?

Prof. Thomas W. Kraupe: Auf jeden Fall! Eines meiner Hauptziele war es, den monumentalen Wasserturm weiter zu erschließen. Das Gebäude, diese „Kathedrale des Kosmos“, erschien mir damals wie eine schlafende Prinzessin und der Wassertank ganz oben wie eine echte Schatzkammer. Es gab da Räume hinter Türen, die die Öffentlichkeit noch gar nicht kannte. Ich dachte: „Da kann man ja noch richtig viel gestalten!“ Immerhin haben wir mittlerweile auch gut die Hälfte des Turms erschlossen, auf den neuesten Stand gebracht und sogar angebaut.

Was zählte denn in den ersten Jahren zu Ihren größten Erfolgserlebnissen?

Nachdem ich mir ein gutes Netzwerk geschaffen hatte, um stark genug zu sein, wirklich etwas zu bewegen, stellten sich bald einige Erfolge ein. Zum Beispiel, was die Öffnung des Hauses betraf. Bis 2000 war das Planetarium nur mittwochs, freitags und sonntags geöffnet. Einzig Schulklassen kamen an jedem Werktag vormittags rein. Es hieß dazu, dass die Hamburger samstags nicht ins Planetarium gehen würden. Doch tatsächlich wurde der Samstag dann rasch der wichtigste Besuchstag für uns. Wir haben den Spielplan erweitert und mehr Veranstaltungen aufgenommen, insbesondere auch mehr für Familien und Kinder getan. Unser neues Ziel musste es sein, über die Hobby-Astronomen hinaus möglichst viele Menschen für das Planetarium zu gewinnen – und das ist uns durch das breitere Angebot auch schnell gelungen. Zudem konnten wir nach einer ordentlichen Gebäudeanalyse und viel Planung bereits 2002 den ersten Umbau des Hauses starten. Dabei haben wir mit neuer Digitaltechnik das Planetarium geradezu revolutioniert.

 

Durch Raum und Zeit

 

Was war in Ihren Augen der Kern dieser Revolution?

Ich denke, es war und ist die inhaltliche und technische Weiterentwicklung des Planetariums zu einem eindrucksvollen „Rundumtheater”. Als „Unendlichkeitsraum” führt es die Wahrnehmung und Gedanken der Besucherinnen und Besucher durch Raum und Zeit, mitten hinein in das kosmische Geschehen und vermag wie kein anderes Theater die ganz großen Zusammenhänge und Geschichten unserer Existenz zwischen Urknall und Ewigkeit erlebbar zu machen. Durch vielfältige neue Brückenschläge zwischen Wissenschaft, Kunst und Kultur konnten wir den Besuchern dabei ganz neue Blickwinkel auf unsere Welt und das Weltall eröffnen. Und unser Angebot wurde mehr als gut angenommen: Die Besucherzahl hat sich kurz darauf verdreifacht.

Wird Ihnen neben dem sehr speziellen, weil sehr schwierigen Jahr 2020 noch ein weiteres Jahr in Ihren ersten 20 Direktoren-Jahren besonders in Erinnerung bleiben?

Sicherlich das Jahr 2004, gleich nach der ersten Modernisierungsphase. Es gab damals einen riesigen Ansturm aufs Planetarium. Ein Wahnsinns-Erfolgsjahr, das uns zeigte, dass wir Herz und Verstand der Besucherinnen und Besucher gleichermaßen erreicht haben mit unserem neuen Konzept.

Gibt es auch etwas, das Sie unbedingt noch schaffen wollen, und womit sich Ihre anfänglichen Ziele vollends erreichen ließen?

Wenn wir auch den oberen Gebäudeteil mit dem Wasserkessel erschließen und die Sammlung von Aby Warburg wieder ins Haus holen könnten, so wäre mein großer Traum von damals, 2000, voll erfüllt. Das stoße ich auch gerade an, es gibt schon Pläne der Architekten, und demnächst wollen wir das Vorhaben Förderern und Stiftungen, Bund und Ländern vorstellen. Es wäre ein großer Wurf für das Haus, wenn das gelingen würde – sogar von internationaler Bedeutung.

planetarium-hamburg.de


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Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares: Das sind die Preisträger

Die Preisträger des diesjährigen Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares stehen fest. Acht Preise wurden verliehen – an elf Theaterschaffende, die in ihrer Verschiedenartigkeit die Bandbreite der Hamburger Theaterlandschaft abbilden. Der Sonderpreis geht in diesem Jahr an alle Theater Hamburgs, die in der schwierigen Zeit der Schließung ihren Zuschauer*innen künstlerisches Material per Streaming zur Verfügung gestellt haben.

 

Kategorie: Bester Darsteller / beste Darstellerin

  • Ute Hannig bekommt den Theaterpreis für ihre Darstellung der Rolle der Ora in „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ am Deutschen Schauspielhaus Hamburg
  • Freja Sandkamm bekommt den Theaterpreis Hamburg für ihre Darstellung als Violetta in Verdis „La Traviata“ in der Inszenierung von Inken Rahardt am Opernloft
  • Maria Hartmann bekommt den Theaterpreis für ihre Darstellung als Fran in „Dinge, die ich sicher weiß“ am Ernst Deutsch Theater
  • Barbara Auer und Johannes von Bülow bekommen den Theaterpreis für ihre Darstellung als Judith / als Vernehmungsbeamter in dem Stück „Heilig Abend“ am St. Pauli Theater
  • Stephan Benson und Christian Nickel bekommen den Theaterpreis für ihre Darstellung des ungleichen Brüderpaars in „Bruder Norman“ im Polittbüro
  • Sebastian Zimmler bekommt den Theaterpreis für seine Rolle des Jakub Zapiro in „Der Boxer“ im Thalia in der Gaußstraße

 

Kategorie beste Regie / beste Dramaturgie

  • Clemens Mädge (Dramaturgie) und Kathrin Mayr (Regie) bekommen den Theaterpreis für ihre Arbeit „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ im monsun.theater.

 

Kategorie: Herausragendes Bühnenbild

  • In der Kategorie Herausragendes Bühnenbild wird Zita Schnábel für Ihre Bühne zu Kafkas „Das Schloss“ geehrt

Sonderpreis

  • Der Sonderpreis geht in diesem Jahr an alle Theater Hamburgs, die in der schwierigen Zeit der Schließung ihren Zuschauer*innen digitale Beiträge zur Verfügung gestellt haben.

 

Der Jury des Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares gehören an: Dr. Inge Volk – Juryvorsitzende, JanPeter Gehrckens, Patrik Giese, Christian Hanke, Gunther Mieruch, Maike Schäfer, Elke Westphal (beratend). Der Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares wird durch die Behörde für Kultur und Medien Hamburg unterstützt.

Hier erfahrt ihr mehr über den Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares 

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Verkaufsoffene Samstage: Hamburger Kinos unterstützen

Die Kinos sind für unbestimmte Zeit im zweiten Lockdown. Damit sie die schwere Zeit unbeschadet überstehen, könnt ihr sie mit dem Kauf von Kinogutscheinen oder Dauerkarten unterstützen. Einen hübschen Kinokalender gibt es gratis dazu.

 

Verkaufsoffene Samstage im Dezember

Da die Kinos mit großer Wahrscheinlichkeit auch im Dezember vom Teil-Lockdown betroffen sein werden, planen sie zwei gemeinsame verkaufsoffene Samstage: Am 5.12. und 12.12. jeweils 14 bis 17 Uhr werden die Kinos ihre Ticketkassen vor Ort öffnen und Geschenkgutscheine, Dauerkarten, Popcorn und andere Adventsüberraschungen bereithalten. Die teilnehmenden Kinos werden diese Aktion auf ihrer Homepage bekannt geben.

 

Hamburger Kinokalender

Kinokalender_2021

Der Hamburger Kinokalender 2021

Die Hamburger Kinolandschaft wird erstmals in einem Jahreskalender fotografisch dargestellt. Die Präsenz des Ortes Kino wird auf diese Weise ganzjährig in viele Wohnzimmer, Küchen oder Büroräume getragen. Im Fokus stehen dabei nicht nur Kinosäle, sondern auch die Außenfassade, das Kinofoyer oder Detailobjekte, die die Individualität des einzelnen Kinos herausstellen. Der Kalender in Postkartengröße ist ab dem 5. Dezember in allen teilnehmenden Kinos bei einem Kauf von Kinogutscheinen oder anderen Ticketangeboten des jeweiligen Kinos kostenfrei erhältlich. /NF 

 

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I am Greta: Doku über Klimaaktivistin Greta Thunberg

Doku über den berühmtesten Teenager unser Zeit: Die Dokumentation “I am Greta” zeigt Szenen aus dem Leben der jungen Klimaaktivistin Greta Thunberg. Der Film ist bis 2030 in der ARD-Mediathek abrufbar, also bis zu dem Jahr, in dem die international vereinbarten Klimaziele erreicht sein sollen.

Text: Marco Arellano Gomes

 

„You read a lot on climate?“ fragt der französische Präsident Emmanuel Macron den jungen Gast aus Schweden im Élysée Palast, mit einem süffisanten Grinsen im Gesicht. Sie antwortet, ohne eine Miene zu verziehen, mit: „A lot. I am a nerd“. Macron grinst, beginnt zu lachen – und es ist nicht ganz klar, ob dies ein freundliches oder zynisches Lachen ist.

Belächelt, bewundert, verspottet: Das ist das Leben der jungen Greta Thunberg. Die gerade beschriebene Szene aus der Dokumentation „I am Greta“ steht systematisch für den Umgang der Politiker mit dieser jungen, engagierten, verbissenen Schülerin. Seit sie sich im Sommer 2018 aufmachte, um jeden Freitag mit einem Pappschild auf dem „Skolstrejk För Klimatet“ („Schulstreik fürs Klima“) steht, vor dem schwedischen Parlament für eine bessere Klimapolitik zu protestieren, ist sie zum Gesicht der „Fridays For Future“-Bewegung geworden.

Greta Thunberg macht seither auf den Straßen, Konferenzen und Parlamenten auf das Klimaproblem aufmerksam und fordert Taten statt Worte – von den Politikern, von den Menschen, von sich selbst. Der Filmtitel „I am Greta“ klingt nicht zufällig wie die Worte „I am greater“ – was mit dem bescheidenen, zurückhaltenden, geradezu schüchternen Auftreten Gretas so stark kontrastiert, dass es nicht wenige umso mehr provoziert.

 

Seltene Einblicke in Gretas Leben

 

Ihre wortgewandten, teils emotional, teils nüchtern vorgetragenen Texte bewegen Millionen von Menschen auf dem Globus. Wer die Weltbevölkerung allerdings auffordert, den eigenen Lebensstil radikal zu ändern und dies mit Worten wie „I want you to panic“ und „How dare you?!“ garniert, der darf sich nicht wundern, wenn die Reaktionen nicht aus bloßem Wohlwollen und bedingungsloser Unterstützung bestehen.

Obwohl Greta eine massive mediale Begleitung zuteil wurde, gibt die Dokumentation neue, selten gesehene private Einblicke: Die Beziehung zu ihrem Vater, Svante Thunberg, der sie stets begleitet und unterstützt, wird deutlicher, ebenso wie Ihre Launen, die den Umgang mit ihr nicht immer leicht machen.

Bei aller Fokussierung auf Greta, ist die Botschaft, die sie aussendet, nicht zu überhören: Der Klimawandel ist real und hat gravierende Folgen für Mensch, Tier und Natur; die Welt geht zugrunde, wenn die Reduzierung der CO₂-Emissionen ausbleibt. Das sei keine Glaubensfrage, sondern eine wissenschaftliche Tatsache, wie sie immer wieder zu verdeutlichen versucht. Greta erscheint in jenen Momenten wie die einzig Sehende in einer Welt der Blinden, Tauben und Stummen.

Es ist oft bemängelt worden, dass die Fridays for Future-Bewegung einseitig an diesem jungen Teenager mit Asperger-Syndrom festgemacht wird. Das birgt Risiken, schürt unerfüllbare Erwartungen und lenkt vom eigentlichen Problem ab, so die Kritik. Und überhaupt: Muss ein 15-jähriges (mittlerweile 17-jähriges) Mädchen das Schicksal dieser Welt auf den Schultern tragen? Wie lange wird sie diesem Druck standhalten, ohne daran zu zerbrechen?

 

Ikone der„Fridays For Future“-Bewegung

 

Immer wieder gibt es in der Dokumentation Szenen, in denen Greta zweifelt: an der Glaubwürdigkeit der Politik, an der Sinnhaftigkeit ihrer Mission, an sich selbst. Es sind starke Szenen: nah am Menschen, nah am Zeitgeschehen, nah an Greta. Genau das macht diese Dokumentation sehenswürdig – und dessen ist sich Regisseur Nathan Grossman auch bewusst. Keine Sekunde denkt er daran, die gemeinsame, einjährige Reise mit Greta zu verlassen und durch Erläuterungen von Wissenschaftlern zu unterbrechen. Die Gefahr ist zu groß, dabei Zuschauer zu verlieren.

Das sagt viel über die Sehgewohnheiten und das auf Personen fixierte Mediensystem aus. In dieser Hinsicht ist auch diese Dokumentation Teil ebenjener Inszenierung, die Greta den Politikern vorwirft. Dennoch: Wohl nie zuvor war das Thema Umwelt und Klimawandel so deutlich auf der Agenda wie in den letzten Jahren. Es gibt nun ein Bewusstsein für die Klima-Krise – und Greta hat einen gewichtigen Anteil daran. Sie ist die Ikone dieser Bewegung, auch wenn sie sich zuweilen sichtlich unwohl damit fühlt.

Das Problem selbst wird durch die Dokumentation weder ausführlich dargestellt noch gibt es konkrete Vorschläge zu hören, aber vielleicht hilft der Film dabei, das durch Corona in den Hintergrund geratene Umwelt-Bewusstsein wieder zu wecken und zu schärfen und den einen oder anderen zu motivieren, statt sich unter Heizpilze zu setzen, lieber zu einer wärmenden Decke zu greifen.

Regie & Kamera: Nathan Grossman. Mit: Greta Thunberg, Svante Thunberg, Luisa Neubauer. 98 Min. Ab 16.10.

Der Film ist bis 2030 kostenlos in der ARD-Mediathek abrufbar.

 


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Hinter den Kulissen: Im Backstage der Stadt

Um die Backstage-Bereiche der Clubs ranken sich oft wilde Legenden. In Pandemie-Zeiten sind auch sie verlassen. Eine Bilderserie

Text: Ole Masch

 

Die Musikclubs wurden von der Corona-Pandemie hart getroffen und bleiben nach wie vor geschlossen. Um Nachtschwärmern trotzdem einen Einblick in ihre Lieblingsorte zu bieten, zeigt SZENE HAMBURG Fotos von Räumen, die Besucher in der Regel nicht zu sehen bekommen: Die Backstage-Bereiche. Entstanden ist eine starke Bilderserie verwaister Räume. Um zu verdeutlichen, wie lange sie als wichtiger kultureller Bestandteil bereits fehlen, zeigen Bildunterschriften, wer sich hier als letztes und zu welchem Anlass aufgehalten hat.

 

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Fundbureau: Seit dem 7. März ist zu. Damals waren die Racing Snails vom Gaggalacka-Festival geladen (Foto: Claudia Mohr)

 

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Hafenklang: Zuletzt saßen hier die Mitglieder der Band Blaue Bume aus Dänemark, die am 12. März das letzte Konzert vor Corona spielten (Foto: Claudia Mohr)

 

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Baalsaal: Yulia Niko legte hier zuletzt am 14. März bei Electronic Red Light auf (Foto: Claudia Mohr)

 

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Astra Stube: Am 12. März spielten Ryskinder aus Israel vor knapp 60 Leuten. Support war Grundeis aus Hamburg. Einen Tag später wurde, zunächst auf eigene Initiative hin, geschlossen (Foto: Claudia Mohr)

 

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Waagenbau: Am 7. März wurde hier die letzte Party gefeiert. Bei VER:Bunden spielten Martha von Straaten & Bebetta (Foto: Claudia Mohr)

 

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Yoko: Bei der großen b2b Nacht „Affaire d`amour“ spielten 3 DJ-Teams die ganze Nacht House Musik. Kurz darauf wurde dicht gemacht (Foto: Claudia Mohr)

 

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Terrace Hill: Letztes Konzert war Blind Ego am 2. März. Nach dem Social Developers Club am 7.3. wurde abgeschlossen (Foto: Claudia Mohr)

 

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Molotow: Der letzte Künstler im Laden war der Hamburger Poetry Slammer Hinnerk Köhn am 12. März mit seiner Solo- Show „Bitter“. Die letzte Band Pyogenesis am 6. März. In den zurückliegenden dreieinhalb Monaten hätten eigentlich knapp 100 Bands hier im Backstage abgehangen (Foto: Dorothea Bader)

 

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Mojo: Unmittelbar vor dem Lockdown, am 8. März, gab es für Blues-Rockstar Marcus King Getränke im Backstage (Foto: Ole Masch)

 

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Turtur: Am Donnerstag den 12. März gab es das letzte Mal Open Decks mit Tischtennis, Kicker, Techno & Oldies bei Lümmelkiez (Foto: Claudia Mohr)


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburger Nachwuchs: Balletttänzer Matias Oberlin

Matias Oberlin („Der Nussknacker“, „Die Kameliendame“), 24, ist ein aufstrebender Balletttänzer und Solist des Hamburg Ballett. Mit SZENE HAMBURG sprach er über seine Herkunft, die Arbeit mit John Neumeier und die Bedeutung des Balletts in Zeiten der Pandemie

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Matias, wie kamst du zum Ballett?

Matias Oberlin: Ich wollte schon immer tanzen. Ich komme aus einer Kleinstadt namens San Jerónimo Norte in Argentinien. Im Alter von acht Jahren wurde mir eine CD mit Ballett-Musik geschenkt. Ich nahm den Player, suchte mir eine Ecke, wo mich keiner sehen konnte, und bewegte mich instinktiv zur Musik. Da wurde mir klar, dass ich Ballett mochte, auch wenn ich noch nicht wusste, was es war. 2008 starb mein Vater, da war ich elf. Kurz danach sagte ich meiner Mutter, dass ich mit dem Ballett anfangen möchte.

Wie hat sie reagiert?

Na ja, das Leben in einer Kleinstadt in Argentinien war sehr hart. Ballett war das Letzte, woran man da dachte. Meine Mutter wollte aber, dass ich etwas mache, was ich wirklich wollte.

Was folgte dann?

Ich fuhr dreimal die Woche nach Santa Fe, um unterrichtet zu werden. Nach drei Jahren bewarb ich mich für ein Stipendium bei der Pierino Abrosoli Foundation in der Schweiz. So konnte ich eine professionelle Ballettschule besuchen – und zwar in Hamburg.

Fiel es dir schwer, die Familie zurückzulassen?

Es war nicht schwer, weil ich unbedingt Ballett tanzen wollte und das die einzige Chance war. Meine Familie stand voll hinter mir. Es ist wichtig, seine Träume zu verfolgen. Ich lebe nun seit neun Jahren in Hamburg und bin sehr glücklich.

Als du nach Hamburg kamst, war dir da klar, wer John Neumeier ist?

Nein. Ich kannte mich damals in der Ballettszene noch nicht so gut aus. Ich lernte ihn erst kennen, als
ich 2011 hierher zog. Aber ich war sofort von seiner Arbeit begeistert. Nach den ersten Minuten Beobachtung, wusste ich: „Das ist es, was ich machen will.“

Wie ist es, mit ihm zu arbeiten?

Es ist eine einzigartige Erfahrung. Alle haben einen ungeheuren Respekt vor ihm. Er hat sein ganzes Leben
dem Ballett gewidmet. Wir haben die großartige Chance, von ihm zu lernen. Das ist unbezahlbar, inspirierend und bewegend.

Ballett ist eine sehr physische Aktivität, die viel Präzision und Perfektion, aber auch viel Emotion und Darstellungskraft verlangt. Wie hart ist das Training?

Natürlich braucht es viel Arbeit, Schweiß und Verzicht – insbesondere in jungen Jahren. Aber sobald du zu einem Ensemble stößt, ändert sich das. Die Technik ist immer noch wichtig, aber es geht mehr als zuvor darum, an den eigenen Emotionen zu arbeiten und zu transportieren, worum es im Stück geht.

In einem Interview sagte Artem Ovcharenko vom Bolschoi-Ballett, dass Tänzer durch Stufen der Entwicklung gehen, indem sie immer wieder ihre eigenen Grenzen überschreiten.

Dem Ballett wird oft ein harter Wettbewerb nachgesagt. Den größten Wettstreit hat man aber letztlich mit sich selbst. Es ist wichtig, dem Ballett viel Zeit zu widmen, aber man muss sich auch erlauben, das, was man erreicht hat, zu genießen.

Du bist seit 2018 Solist und wurdest 2019 mit dem Dr. Wilhelm Oberdörffer-Preis ausgezeichnet. Was bedeutet dir das?

Das ist sehr schön, aber für mich macht das keinen großen Unterschied. Ich freue mich einfach, zu tanzen.

Wie wichtig ist es, Publikum zu haben?

Während des Tanzens vergisst man das Publikum. In dem Moment tut man einfach, was man liebt und öffnet sein Herz der Kunst gegenüber. Aber natürlich freut man sich, zu erfahren, dass man die Menschen damit berührt.

Wie seid ihr mit dem Lockdown umgegangen?

Während des Lockdowns mussten wir zu Hause bleiben. Erst danach haben wir wieder angefangen zu proben. John hat während des Lockdowns ein Stück kreiert, es heißt „Ghost Light“. Darin berühren sich die Tänzer so gut wie gar nicht. Am Ende wird das Licht einer Laterne angelassen. Das ist eine alte Theatertradition. Das Licht bleibt an, damit die Geister weiter proben können, während das Theater in der Nacht ruht. Ein passendes Bild: Wir brauchen Emotionen, wir brauchen das Licht und wir brauchen das Ballett – insbesondere wenn es draußen dunkel wird.

hamburgballett.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2020. Das Magazin ist seit dem 29. Oktober 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Meet The Resident – Fabian Ziemer

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: Fabian Ziemer (PAL) – präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman 

 

SZENE HAMBURG: Dein Sound?

Fabian Ziemer: Techno

Schrecklichste Gastfrage?

Keine: Bis jetzt gab es nur nette Fragen.

Größter Moment als DJ?

Als ich Resident im PAL geworden bin und das Opening für Marcel Dettmann

Platte des Monats?

Stef Mendesidis – Memorex

Auf wen sollte man momentan ein Auge haben?

L Ʌ V Σ N, Gerald VDH, Nene H

Hamburgs Stärken?

Familiär und zugleich vielseitig

Und die Schwächen?

So gut – wie vor Corona – war es meiner Meinung nach nur selten, von daher alles gut.

 

Ein aktuelles Set von Fabian Ziemer hört ihr hier 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2020. Das Magazin ist seit dem 29. Oktober 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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add art Award für Nachwuchskunst

Der add art Award für Nachwuchskunst wird vergeben und ihr könnt mitbestimmen, wer ihn bekommt

Corona macht auch vor add art 2020 keinen Halt. Die Veranstaltung, bei der Unternehmen ihre Türen öffnen und Kunst zeigen, wird als Live-Veranstaltung ins Frühjahr 2021 verschoben (voraussichtlich Ende April/Anfang Mai, ein konkreter Termin wird Anfang des Jahres bekanntgegeben).

Ein bisschen add art gibt es 2020 aber noch, nämlich die Vergabe des add art Award für Nachwuchskunst, der in diesem Jahr erstmals geteilt wird, und zwar in einen Jurypreis (dotiert mit 2.000 Euro) und einen Publikumspreis (dotiert mit 1.000 Euro). Für letzteren kann noch bis zum 30. November auf https://www.addart.de/hamburg/nachwuchskunst-voting/ abgestimmt werden.

19 künstlerische Positionen stehen zur Auswahl. Und die Stimmabgabe lohnt sich – denn unter allen Abstimmenden werden tipptopp Preise verlost, darunter ein Jahresabo von SZENE HAMBURG. / EBH

addart.de

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Corona-Pandemie: Wie geht es der Hamburger Kultur?

Die Corona-Pandemie hat die Kulturlandschaft hart getroffen. Wie geht es weiter? Trotz Wiedereröffnung sind die Akteure zermürbt von Existensängsten. Zugleich kämpfen sie unermüdlich, damit es weitergeht. Eine Stimmung, zerrissen zwischen Optimismus und Verzweiflung. Vier Protagonisten aus der Szene berichten

Text: Ulrich Thiele

 

Überlebenskampf der Clubszene

Der Anblick des leeren Clubs versetze ihm jedes Mal einen Stich, sagt Constantin von Twickel beim Eintreten. Er setzt sich an den Tresen im Nochtspeicher, stellt zwei Wasserflaschen auf den Tisch und atmet erst einmal durch. Es ist brüllend heiß an diesem Freitagnachmittag, heute hat sich Twickel endlich mal einen Tag frei genommen. Er ist künstlerischer Leiter des Nochtspeicher und der Nochtwache und engagiert sich ehrenamtlich in den Vorständen des Clubkombinat Hamburg, einem Zusammenschluss von Clubbetreibern, Veranstaltern, Bookern und Agenturen, und der dazugehörigen Clubstiftung. Die letzten Wochen und Tage waren für ihn vollgepackt mit Gesprächen mit der Kulturbehörde und den Vorbereitungen für den September, wenn der Betrieb eingeschränkt wieder losgeht. Seinen ersten Corona-bedingten Ausfall hatte der Nochtspeicher bereits am 10. März.

Der britische Musiker und Autor Billy Bragg hatte seine Lesetour abgesagt. Am 13. März, also noch vor den behördlichen Anordnungen, stellte der Nochtspeicher freiwillig den Betrieb ein – wie so viele Clubs in Hamburg, die schon früh der Eindämmung des Virus höchste Priorität verliehen. „Wir kämpfen alle hart ums Überleben“, sagt Twickel. Der Nochtspeicher hat Glück im Unglück. Zum einen, weil die Hamburger Kulturbehörde schnell und engagiert auf die Krise reagierte. Zum anderen, weil er zu den förderberechtigten Clubs gehört, die die Corona-Soforthilfe der Kulturbehörde für anerkannte Live-Musik- Kulturstätten in Anspruch nehmen konnten.

Dafür mussten einige Kriterien erfüllt werden: Der Club musste unter anderem eine Mindestanzahl von vergangenen Veranstaltungen im Monat vorweisen und Gema-Zahlungen geleistet haben. Zwischen 50 und 60 Musikclubs erfüllen diese Kriterien, viele andere nicht. Selbst Clubs, die förderberechtigt waren, erhielten die Hilfe nicht, weil sie noch zu viele eigene Rücklagen hatten, die sie zuerst aufbrauchen sollten. Vergangenes Jahr hat der Nochtspeicher seit seiner Gründung 2013 zum ersten Mal überhaupt Gewinn gemacht. Der Club wurde also all die Jahre sowieso schon mit schmalem Budget betrieben, was hohen persönlichen Einsatz der Macher einforderte. Und viele Rücklagen konnte Twickel so natürlich nicht bilden, die wenigen sind inzwischen ohnehin aufgebraucht. Immerhin konnte er im Lockdown die laufenden Kosten um die Hälfte auf 20.000 Euro senken. Doch bereits im März konnte Twickel die knapp 30 Minijobber, die er beschäftigt und die nicht unter das Kurzarbeitergesetz fallen, kaum bezahlen. Denn innerhalb der ersten zwei Wochen des Lockdowns sind bereits 100 Veranstaltungen ausgefallen oder verschoben worden.

Sicherheitsabstand im Zuschauerraum vom Altonaer Theater. (Foto: Szene Hamburg)

Als die Behörde am 1. Juli die Verordnung zur Wiederaufnahme des Kulturbetriebs veröffentlichte, waren die Clubs davon noch ausgeschlossen. Ab dem 1. September dürfen auch sie einen reduzierten Betrieb aufnehmen. „Wir adaptieren das Szenario der Gastronomie“, erzählt Twickel. Eröffnet wird im Stil eines Jazzclubs, mit runden Tischen für vier Personen und Lämpchen. Rund 60 Gäste finden so Platz auf der 185 Quadratmeter großen Fläche. Es wird einen Tischservice geben, damit die Gäste nur aufstehen, wenn sie auf die Toilette müssen. Drei Konzerte sind unter diesen Bedingungen im September geplant, hinzu kommen Veranstaltungen im Rahmen des Reeperbahn Festivals. Irgendwas kann allerdings immer dazwischen kommen, je nach Lage. Momentan steigt die Zahl der Infizierten wieder. „Wir versuchen, das Unplanbare zu planen“, sagt Twickel. Das inkludiert auch Verschiebungen. Der geplante Ersatztermin im September für die Lesung von Billy Bragg musste abermals verschoben werden.

Dennoch: Bis zum 31.12. ist das Überleben gesichert, bis dann steht der Nochtspeicher unter dem Club-Rettungsschirm der Kulturbehörde. Der reduzierte Betrieb ab September wird über eine Fehlbedarfsförderung finanziert. Die Differenz zwischen den Kosten und den Einnahmen durch die Konzerte wird vom Staat übernommen, zu etwa 20 Prozent vom Land Hamburg, zu 80 Prozent aus Bundesmitteln. Insgesamt 1,5 Millionen Euro werden den förderberechtigten Clubs zur Verfügung gestellt. Auch wenn nicht viel erwirtschaftet werden wird, ist es dennoch eine Entlastung der staatlichen Töpfe. Und die ist notwendig, wenn man bedenkt, welche Ausgaben auf die Behörde zukommen. Es gibt beispielsweise Fördergelder für Clubs mit alten Lüftungsanlagen, damit sie ihre Räume pandemiegerecht umgestalten können. Bis zum 31. Oktober gibt es außerdem einen Topf für die Outdoor-Initiative, die das Clubkombinat und die Clubstiftung zusammen mit der Kulturbehörde erwirkt haben.

Aber es ist verworren, niemand kann gleichzeitig aus mehreren Töpfen Summen beziehen: Wer im September draußen Veranstaltungen macht und dafür eine Fördersumme bewilligt kriegt, kriegt nicht noch zusätzlich etwas für die Indoor-Veranstaltungen. So oder so: „Es ist ein Wettlauf mit der Zeit“, sagt Twickel, irgendwann sind die Töpfe eben leer. Viele kleinere Läden werden vermutlich gar nicht erst öffnen, weil es für sie nicht lohnt, wenn nur für zehn Menschen Platz ist. Und nicht alle Clubs werden diese Krise überleben. „Da muss man gar nicht drum herum reden“, so Twickel. Manche wird es finanziell treffen, manche werden entkräftet hinschmeißen, vermutet er. Was in diesen Zeiten ganz deutlich wird, ist, wie verwoben die unterschiedlichsten Branchen miteinander sind. Es ist wie ein Ökosystem: Die Leute gehen erst ins Restaurant, dann zum Beispiel in den Nochtspeicher aufs Konzert und anschließend nebenan in die Washington Bar.

 

„Scheiße, jetzt geht’s an die Substanz“ (Constantin von Twickel)

 

Twickel fasst die Bedeutung für Hamburgs Szene in einem Bild zusammen: „Wenn etwas aus diesem Kreislauf wegfällt, dann ist das so, als würde ein Tintenfisch einen Arm verlieren, bis er sich irgendwann nicht mehr fortbewegen kann.“ Er glaubt, dass einige Bars und Kneipen nicht überleben werden, weil sie keine Unterstützung kriegen. Denn die Bars unterstehen nicht der Kulturbehörde, sondern der Wirtschaftsbehörde. Auch wenn die Kulturszene sich von ihrer Behörde unterstützt fühlt, das Überleben kurzfristig gesichert ist, kommen enorme Schwierigkeiten auf die Branche zu. Denn unwegsame Faktoren spielen auch eine Rolle:

Kommen im September überhaupt Besucher, oder sind die Menschen gehemmt? Und wie sollen sich langfristig überregionale Tourneen von Künstlern realisieren lassen? Braucht es nicht zusätzlich Alternativkonzepte? Twickel: „Ich habe schon überlegt, ob man Schulen tagsüber den Raum zur Verfügung stellen könnte.“ Schließlich hätten diese gerade das Problem, zu kleine Klassenräume zu haben. Aber auch da gäbe es viel bürokratischen Behördenaufwand, um eine Genehmigung zu erhalten. Überhaupt sei das Bürokratische bisweilen hemmend. Vor einigen Monaten sammelte die Clubstiftung in der Spendenaktion „Save our Sounds“ 174.000 Euro ein. Dafür brauchte sie zunächst eine Sondergenehmigung der Finanzbehörde, um die Spenden ausschütten zu können. Ansonsten hätte die Stiftung ihre Gemeinnützigkeit verloren.

„Das war heikel. Das Geld musste eingefroren werden, einen Teil hatten wir schon verteilt, das musste zurücküberwiesen werden.“ Inzwischen sind die Gelder von einem unabhängigen Gremium und nach einem Schlüssel verteilt worden. Für Twickel gilt, was für alle gilt: Das Berühmte auf Sicht fahren. Abwarten und hoffen, dass das Horrorszenario nicht eintritt. „Ein zweiter Lockdown? Dann wäre Schicht“, sagt er. Ob er noch einmal psychisch die Kraft aufbringen könnte, durch einen Lockdown zu gehen, bezweifelt er. „Wir hatten alle unsere Tiefs, ich auch“, sagt er, „Am Anfang war ich noch voller Tatendrang. Als ich aber gemerkt habe, dass die Krise länger andauern wird, habe ich schon gedacht: Scheiße, jetzt geht’s an die Substanz.“ Doch nicht nur Clubbetreiber haben es aktuell besonders schwer, auch die, die von der Veranstaltungsbranche abhängig sind wie Toningenieure oder Caterer.

Zermürbung in der Kreativwirtschaft

„Die Lage ist überaus desolat“, sagt Egbert Rühl, Geschäftsführer der Hamburg Kreativ Gesellschaft. „Hope is everywhere“, steht auf einer Postkarte, die neben der Tür im Konferenzraum der städtischen Einrichtung in der Hongkongstraße hängt. Seit 2010 ist sie eine wichtige Anlaufstelle für die Kreativen der Stadt. Individuelle Beratung, Vorträge und Workshops stehen unter anderem auf dem Programm, um ihre Belange zu fördern. „Unsere Klienten leiden unter zermürbenden Existenzängsten“, sagt Rühl. Gerade zu Beginn der Krise sei die Verunsicherung groß gewesen, weshalb die Kreativ Gesellschaft eine Service-Hotline einführte. Die Nachfrage war hoch. Von Mitte März bis Ende April wurden rund 500 Beratungsgespräche geführt. Die häufigsten Fragen: Wo kann ich den Antrag für die Soforthilfen von Bund und Ländern stellen? Wie erhalte ich eine Grundsicherung? Ich befinde mich noch in der Ausbildung – bin ich antragsberechtigt? Dabei wurden erste Probleme sichtbar, denn die Hamburgische Investitions- und Förderbank (IFB), die für die Soforthilfen zuständig ist, fragte die Liquiditätsengpässe für die Monate März bis Mai 2020 ab.

 

„Der Staat hat enorm schnell und effektiv reagiert“ (Egbert Rühl)

 

Dabei erhielten viele Selbstständige in dieser Phase noch Zahlungen für kürzlich abgeschlossene Projekte. Der Corona-bedingte Engpass stand zu dem Zeitpunkt also erst noch bevor. „Grundsätzlich hat der Staat auf Bundes- und Landesebene enorm schnell und effektiv reagiert“, sagt Rühl. „In den Details sehen wir aber kritische Punkte.“ Einer dieser Punkte ist, dass Solo-Selbstständige und Freiberufler nur ihre Betriebskosten über den Rettungsschirm kompensieren können. Nicht aber ihr fehlendes Einkommen, dieses muss beim Arbeitsamt als Grundsicherung (Arbeitslosengeld II) beantragt werden. Das heißt: Solo-Selbstständige und Freiberufler können ihr Einkommen nicht geltend machen. „Wir haben unseren Klienten in den letzten zehn Jahren immer wieder gesagt, dass sie sich auch als Akteure des Wirtschaftslebens verstehen sollen“, sagt Rühl. Maler oder Schauspieler seien eben auch Unternehmer.

„Im Moment der Krise gibt die Politik ihnen aber zu verstehen, euer Einkommen ist keine Betriebsausgabe.“ Im Gegensatz zu Unternehmen, für die die Löhne der Angestellten zu den Betriebsausgaben gehören, also unternehmerisch bewertet und innerhalb der Rettungsmaßnahmen bezuschusst werden, rutschen Solo-Selbständige in das Sozialsystem, indem sie Grundsicherung beantragen müssen, um ihren Betrieb weiter fortführen zu können. Auch in Hamburg hieß es für Solo-Selbständige also von Anfang an: Betriebskosten aus den Rettungsschirmen, das eigene Einkommen aus der Grundsicherung – bei gleichzeitiger Senkung der Hürden zum Zugang zur Grundsicherung. In manchen Fällen können sogar die Mietkosten für die Wohnung über die Grundsicherung erstattet werden. „Es gab auch Hinweise von der Politik, dass man als Kreativer – wenn man geschickt ist – über die Grundsicherung mehr Geld bekommen kann, als wenn man seinen Unternehmerlohn in den Rettungsschirmen beantragt – das zeigt, dass die Programme zu Beginn noch nicht feinjustiert waren.“

Dennoch findet Rühl: „Grundsätzlich hat der Staat früh an Kreativselbstständige gedacht und es war gut, dass die Bürokratie versucht hat, das schnell umzusetzen. Dass die Dinge nicht immer bis zum Ende durchdacht sein können, ist eine unvermeidbare Kinderkrankheit.“ Dazu gehört auch zum Beispiel die „Mietstundung“. Der Senat verkündete: Wer Mieter eines städtischen Gewerbeimmobilienvermieters ist, kann seine Mieten bei diesem städtischen Vermieter stunden. Doch bei der Beantragung von Geldern aus dem Rettungsschirm, ist die Miete ein erheblicher Anteil davon. Also stellte sich die Frage, lieber die Miete stunden und nicht bei seinen Betriebskosten einberechnen? Oder sie nicht stunden, und diese im Rahmen des Rettungsschirms geltend machen? Zudem gab es eine Verordnung der Kulturbehörde, nach der zusätzliche Mittel von der Kulturbehörde nur dann bezogen werden können, wenn man seine Miete gestundet hat.

 

„Es gehört zur Natur der Kreativen, weiter zukämpfen“ (Egbert Rühl)

 

Inzwischen räume der Staat auf, die Programme würden ausdifferenzierter, auch auf Bundesebene. Auch stelle er jetzt Rückforderungen, weil im Nachhinein überprüft werde, ob alles ordnungsgemäß war, berichtet Rühl. „Ich nehme eine gewisse Verzweifl ung bei unseren Klienten wahr, und zugleich eine Bereitschaft , das irgendwie durchzustehen“, erzählt Rühl. „Aber es ist ungeheuer zermürbend.“ Die Zermürbung hänge auch mit der unsicheren Zukunft zusammen. Der Blick in die Zukunft reiche laut Rühl gerade mal von Woche zu Woche. Alles hängt davon ab, wie sich die Fallzahlen entwickeln und wann der Impfstoff flächendeckend bereitsteht. Eine Antwort darauf gibt es nicht, Prognosen sind reine Spekulation. Eine vorsichtige Prognose äußert Rühl aber doch: „Momentan ist der Tenor, dass wir das Virus eindämmen müssen – und das ist auch richtig, keine Frage. Aber es führt auf ökonomischer und künstlerischer Seite zu so massiven Verlusten, dass man über Alternativen nachdenken muss – wobei ich nicht weiß, wohin dieses Denken führt.“ In Richtung Herdenimmunität?

Rühl stöhnt ratlos auf. „Egal in welche Richtung das Denken geht, es wird sofort sehr schwierig. Man weiß nicht, wann oder ob der Impfstoff kommt. Niemand weiß es. Es ist ein Desaster“, sagt er und lacht. Gut, dass ihm das Lachen noch nicht im Halse stecken bleibt. „Es bleibt uns nichts anderes übrig“, meint Rühl. „Das ist schon eine fatalistische Haltung, denn diese Situation betrifft uns alle und es gibt niemanden, gegen den wir unsere Wut, so wir denn eine haben, richten können. Das Virus ist ja nicht menschengemacht.“ Im Grunde ist nichts sicher. Nur, dass ein weiterer Lockdown nicht passieren darf. Rühl: „Einen zweiten Lockdown für weitere drei Monate werden nur wenige überleben.“ Politisch stelle sich dann auch die Frage, inwieweit und wie lang ein Staat die Institutionen und Unternehmen noch über den Berg bringen kann, wenn sie selbst nichts einnehmen. Denn ewig kann die Subventionsmaschine nicht am Laufen gehalten werden.

„Wenn die Rahmenbedingungen wieder verschärft werden, verlieren alle die Perspektive“, erzählt Rühl. „Ich habe für diesen Zustand dann keine Begriffe mehr.“ Die Klienten seien zwar zermürbt, aber noch nicht so weit, dass sie Alles hinschmeißen wollen, denn „es gehört zur Natur der Kreativen, weiterzukämpfen und Alternativen zu entwickeln“.

Nach dem Stillstand geht am 3. September auch im B-Movie Kino der Betrieb wieder los. (Foto: Szene Hamburg)

 

Eine Dystopie für die Kinobranche

Auch die Kinobranche hat die Krise hart getroffen. Der Hauptverband Deutscher Filmtheater spricht von einem Umsatzrückgang von 80 Prozent im Vergleich zum vergangenen Jahr. Hans-Joachim Flebbe, Betreiber der ASTOR Film Lounge und des Savoy, macht aus der desaströsen Lage keinen Hehl: „Ich habe zwei Perspektiven für die Kinolandschaft im nächsten Jahr. Die eine ist schlimm, die andere ist ganz schlimm“, erzählt er am Telefon. Zunächst die schlimme: Flebbe geht davon aus, dass die Besucherzahlen sich um mindestens 25 bis 30 Prozent gegenüber dem Jahr 2019 verschlechtern werden.

Die bisherige Benchmark lag in den vergangenen Jahren bei 120 Millionen Kinobesucher pro Jahr in Deutschland. Diese Zahl werde wohl nie wieder erreicht werden, befürchtet Flebbe. Im nächsten Jahr geht er eher von maximal 80 bis 90 Millionen aus. „Das wird für viele Kinos sehr eng, es sei denn, der Staat erklärt sich doch noch bereit, größere Kompensationszahlungen zu leisten.“ Flebbe betreibt deutschlandweit Kinos, die sehr unterschiedlich staatlich subventioniert werden. In Niedersachsen etwa sei bisher keine Hilfe gekommen, dem Kino fehle es schlichtweg an Lobbyarbeit: „Es herrscht eine Ungleichbehandlung, die mich wütend macht.“ Hamburg habe noch Glück, die Kulturbehörde zeige Verständnis und die Hansestadt gehöre zu den wenigen Bundesländern, die auf ihre Kinokultur Wert legen. Flebbe hat von der Kulturbehörde je 50.000 Euro Hilfe für die ASTOR Film Lounge in der HafenCity und das Savoy erhalten. Das ist zwar nur ein kleiner Ersatz für mehrere Monate Stillstand, die Verluste bleiben. Aber immerhin helfen die Summen, die Last der Fixkosten abzumildern.

Die Phase der Stilllegung hat länger gedauert als gedacht, und die Zuschauer kehren nicht in gleicher Form zurück wie vor der Krise, wie man derzeit sieht. Viele haben Angst, zudem ist die Filmauswahl überschaubar, was das Wiederanlaufen erschwert. Selbst die eingeschränkte Auslastung von 25 Prozent, die die Abstandregelung von 1,50 Meter erreicht, reicht nicht für ausverkaufte Vorstellungen. Die ASTOR Film Lounge in der HafenCity hat erst vor Kurzem geöffnet, da die Verluste unter diesen Bedingungen in geschlossenem Modus niedriger waren. Das Savoy hat mit Klassikern von Stanley Kubrick und Quentin Tarantino wieder eröffnet. Kostendeckend läuft das natürlich nicht, aber die Verluste seien überschaubar, sagt Flebbe. Der größte Einschnitt, der die Kinolandschaft langfristig prägen wird, liegt im Siegeszug der Streamingdienste, den die Corona-Krise vorangetrieben hat. Zugespitzt formuliert: Wer vorher noch kein Netflix-Abo hatte, hat spätestens jetzt eins. Dadurch wird der Druck auf die Kinos noch größer.

 

„Man muss demütig sein, angesichts der Lage“ (Hans-Joachim Flebbe)

 

Die Abstandsregelung führt dazu, dass die Verleiher andere Wege suchen, um ihre Filme zu vertreiben – eben Streamingdienste. Das habe Spätfolgen, denn wenn es gut funktioniert hat, werden sie weiterhin auf Streaming setzen, befürchtet Flebbe. Hinzu kommt die neue Hiobsbotschaft, dass das Universal Studio in Nordamerika dazu übergeht, das exklusive Auswertungsfenster der Kinos von drei bis vier Monaten auf 17 Tage zu reduzieren. Und damit wären wir bei Flebbes ganz schlimmer Prognose: „Ich befürchte, wenn das exklusive Fenster fällt, wird mindestens die Hälfte aller Kinos überflüssig und das Geschäftsmodell Kino „Man muss demütig sein, angesichts der Lage“ (Hans-Joachim Flebbe) wird sich auf wenige Premiumkinos reduzieren, die ein besonderes Ausgeherlebnis für Kinoliebhaber anbieten.“ Derzeit gebe es so viele Probleme, dass er von Baustelle zu Baustelle blicken müsse. Der erste Schritt muss laut Flebbe in der Reduzierung der Abstandsregelung für Kinos gelten, um den Verleihern genügend Kapazitäten für eine Kinoauswertung zu geben.

In Nordrhein-Westfahlen, Berlin und anderen Ländern wie der Schweiz, Österreich und Frankreich ist die Abstandsregelung für Kinos bereits auf einen Meter herabgesetzt. Damit ist zumindest eine Auslastung von 50 bis 60 Prozent möglich, die das Kino für die Vertreiber wieder attraktiver macht. In Hamburg ist das noch nicht der Fall (Stand 21.8.2020). Die diesbezüglichen Gespräche mit Kultursenator Carsten Brosda liefen aber gut, berichtet Flebbe. Es gibt gute Gründe für eine Änderung der Regelung. Eine Untersuchung der TU Berlin hat ergeben, dass die Ansteckungsgefahr im Büro höher ist als im Kino. Die Charité hat diese Aussage bestätigt. Im Kinosaal ist die Ansteckungsgefahr gering, weil man in der Regel sitzt, nicht redet und es keinen Auswurf wie im Restaurant gibt. Nicht zu vergessen die Belüftungsanlagen, die so konzipiert sind, dass sie die Luft aus dem Kino gegen Außenluft austauschen. Zudem werden die Kunden im Kino durch Online-Systeme identifiziert.

Wenn also jemand das Virus bei einem Kinobesuch in sich getragen hat, ist dieser leichter zu identifizieren als in Restaurants, wo Gäste falsche Kontaktdaten angeben können. Ein anderer Hoffnungsschimmer, wenn auch nur ein kleiner, ist Christopher Nolans Blockbuster „Tenet“, der vermutlich viele Besucher anzieht. Flebbe rechnet mit einer Million Besucher, damit ist „Tenet“ aber der einzige Filme in absehbarer Zeit, der etwas höhere Zahlen generiert. Deswegen wird sich wohl auch jeder Kinobetreiber auf den Film stürzen. Das heißt, der Kuchen teilt sich auf viele Kinos auf. Flebbe zeigt den Film in der ASTOR Film Lounge zu verschiedenen Uhrzeiten in verschiedenen Sälen, damit er eine Kapazität erreicht, die der Verleiher sich wünscht. Eine Monokultur also, nicht optimal. Doch: „Man muss ja demütig sein, angesichts der Lage.“

 

„Ich bin durch und durch optimistisch“ (Axel Schneider)

 

Optimismus an den Theaterhäusern

Axel Schneiders Blick in die Zukunft ist weitaus heller. „Ich gehe sogar soweit zu sagen, dass ich nicht nur verhalten, sondern durch und durch optimistisch auf die nächste Saison blicke“, sagt er. Im September startet die neue Saison, für Schneider eine große Angelegenheit. Schließlich leitet er vier Privattheater in Hamburg, darunter die Kammerspiele und das Altonaer Theater. Ein Grund für seine gute Stimmung ist der Coup, den er für Letzteres landen konnte. Am 13. September feiert Ferdinand von Schirachs neues Stück „Gott“, in einer Inszenierung von Schneider selbst, Hamburg-Premiere. Wie schon in Schirachs „Terror“ fällt das Publikum am Ende ein Urteil. Schwerer Stoff, aber Schirach ist bekanntlich ein Publikumsmagnet. Schneider will bewusst keine vordergründigen Corona-Themen auf die Bühne bringen. Jetzt sei die Zeit, auch existenzielle Themen zu zeigen. In dem Stück „Die Kinder“ etwa, das am 6. September an den Kammerspielen Premiere feiert, geht es um einen Super-GAU an einer europäischen Küste.

Im Zentrum stehen die Fragen, welchen Preis die Zukunft für unseren heutigen Wohlstand zahlt und welche Verpflichtung wir gegenüber unseren Kindern haben. Natürlich hat das Stück durch die aktuelle Pandemie eine zusätzliche Komponente bekommen. Die Abstände, die auf der Bühne eingehalten werden müssen, seien bei den Proben eine Herausforderung gewesen. Es dürfe nicht verkrampft aussehen, die Maßnahmen mit ironischen Meta-Kommentaren zu unterlaufen, kommt für Schneider nicht in Frage. Der Sketch „Was man beim Bettenkauf beachten sollte“ von Loriot, den Schneider gerne im Altonaer Theater gesehen hätte, ist gar nicht erst umsetzbar – darin liegen vier Darsteller dicht an dicht auf Doppelbetten. Derzeit ist immer wieder von einer zweiten Welle die Rede.

Was ist, wenn es zu einer Rücknahme der Einschränkungen oder gar zu einem zweiten Lockdown kommt? „Das darf nicht passieren. Ganz einfach. Mehr kann ich dazu nicht sagen“, meint Schneider. In der Theaterszene herrsche derzeit eine Aufbruchsstimmung, so Schneiders Eindruck. Auch wenn die kommenden Monate für kleinere Theater schwer werden dürften. Besonders dankbar ist er der Hamburger Kulturbehörde, die eine großartige Hilfe gewesen sei. Und dank des Kurzarbeitergeldes musste Schneider keinen seiner Mitarbeiter entlassen. Die Politik unterstützt die Theater in der Tat reichlich. Die abgesagten Privattheatertage, deren Initiator Schneider ist, werden im kommenden Juni in einer Doppelausgabe nachgeholt, der Bund und die Stadt haben die Finanzierung bereits gesichert. Hinzu kommt die Solidarität des Publikums. Viele Theaterbesucher hätten auf eine Rückerstattung verzichtet, berichtet Schneider. Nun gelte es, den Besuchern glaubhaft zu vermitteln, dass ihre Gesundheit gesichert ist, vor allem dem älteren Publikum, sagt Schneider und klopft drei Mal auf den Tisch.

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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