Max Frisch fragt … Mia Oberländer

Autoren der Gegenwart antworten auf den berühmten Fragebogen von Max Frisch. Dieses Mal antwortet die Autorin Mia Oberländer. In ihrem zuletzt erschienenen Comic „Anna“ (Edition Moderne, 220 Seiten, 25 Euro) erzählt sie eine Geschichte über drei Generationen außergewöhnlicher Frauen in einem Dorf und wurde dafür sogar mit dem Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung 2021 ausgezeichnet

Text: Ulrich Thiele

 

Kennen Sie Tiere mit Humor?

Ich habe lange darüber nachgedacht und leider gibt es kein humorvolles Tier, das ich persönlich kenne. Ich glaube aber, dass Papageien Humor haben. Die lernen doch oft Türklingeln und Handy-Klingeltöne zu imitieren und sehen dann zu, wie ihre Besitzer:innen zur Tür rennen oder nach dem Handy suchen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die das nicht lustig finden.

Möchten Sie das absolute Gedächtnis?

Auf keinen Fall.

Möchten Sie unsterblich sein?

Vielleicht. Aber eigentlich nur in Begleitung meiner Freunde und meiner Familie. Das Problem ist, dass die dann sicher auch ihre Familie dabeihaben wollen usw. und dann müsste im Endeffekt über sieben Ecken die gesamte Weltbevölkerung unsterblich sein. Das würde wohl nicht klappen.

Träumen sie moralisch?

Ich denke schon. Schade eigentlich.

Wem empfehlen Sie, sich zu betrinken?

Menschen, die verliebt sind.

Wofür sind Sie dankbar?

Für alle Tage, an denen man zufrieden einschläft.

Mia Oberländer ist künstlerische Leiterin des Comicfestivals Hamburg. Das Festival existiert seit 2006 und fand vom 1. bis 3. Oktober 2021 nach einer Corona-bedingten Pause wieder statt.

Max Frisch: „Fragebogen. Erweiterte Ausgabe“, Suhrkamp, 127 Seiten, 10 Euro


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fluppe: Punk aus der Polizeiwache

Krachende Gitarren, düster-ernste Texte: Die Hamburger Band fluppe veröffentlichte mit „blüte“ kürzlich ihr erstes Album. Ein Gespräch mit Sänger Josef Endicott über Einflüsse, Entstehungsprozess und einen besonderen Proberaum in Billstedt

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Josef, fluppe hat sich aus Musikern formiert, die aus anderen Bandprojekten quasi übrig geblieben sind …

Josef: … und wir waren die zielorientiertesten in diesen Projekten. In jeder Band gibt es ja einen oder zwei, die das Ding antreiben, und der Rest läuft so ein bisschen mit. Wir waren die, die angetrieben haben. Und wir sind immer noch sehr ambitioniert. Wir sind eine sehr fleißige, aber auch eine sehr demokratische Band, die viel diskutiert. Gelegentlich müssen wir uns daran erinnern, eine gewisse Leichtigkeit nicht zu verlieren. Es soll schließlich alles Spaß machen.

Waren es zuvor Projekte mit einer ähnlichen musikalischen Ausrichtung wie fluppe?

Sie waren insofern anders, als dass sie alle englischsprachig waren. Soundtechnisch waren sie wie fluppe in den Bereichen Indie und Punk anzusiedeln – wenn auch fluppe jetzt noch mal ganz anders klingt.

 

Viele musikalische Einflüsse

 

Referenziell wird bei fluppe immer wieder die Hamburger Schule genannt – wobei ihr die eigentlich gar nicht zu euren musikalischen Einflüssen zählt, heißt es …

… richtig. Natürlich setzen wir uns alle seit vielen Jahren mit Musik auseinander und haben auch Bands der Hamburger Schule gehört. Aber ich zum Beispiel komme eher vom Punk. Andere aus der Band sind Fans von The National, auch von Bloc Party. Grundsätzlich kann man sagen, dass wir vor allem von internationalen, englischsprachigen Bands geprägt sind.

„blüte“, das Debütalbum von fluppe

„blüte“, das Debütalbum von fluppe

Wie lief denn der Sound-Findungsprozess bei fluppe ab?

Am Anfang war erst mal nur klar, dass wir in genau dieser jetzigen Besetzung zusammenarbeiten wollen, dass der Bandname fluppe sein soll und dass wir deutschsprachige Songs machen. Alles andere haben wir im Proberaum entwickelt. Die Gangart war ein bisschen vorbestimmt, da wir eben alle Indie- und Punk-verliebte erwachsene Kinder sind. Aber jeder hat eben auch seinen eigenen Charakter und seine eigenen Interessen eingebracht.

Die Texte auf eurem Debütalbum „blüte“ sind ernst, melancholisch, teils düster, geben nie direkt Lösungen vor – Interpretationen in alle Richtungen sind also immer möglich. Gab es denn Themen, die ihr unbedingt auf dem Album besprechen wolltet?

Es gibt ein paar Texte, die komplett aus meiner Feder stammen, ansonsten spielen Christian (Klindworth, Gitarrist; Anm. d. Red.) und ich uns die Bälle hin und her. Auch hier gab es einen Findungsprozess. Ich persönlich schreibe gerne gesellschaftskritisch. Wenn es mal ein Thema gibt, das mich interessiert – für „blüte“ zum Beispiel das Thema Computer –, recherchiere ich viel, steige auch journalistisch ein. Ansonsten bin ich ein großer Fan von Beobachtungen. Ich stelle mir manchmal Helge Schneider vor, wie er seine Witze findet. Vermutlich sitzt er einfach nur im Café oder in der Kneipe und beobachtet Menschen. Ich mache es ähnlich.

 

Billstedt als Zuhause

 

Du hast euren Proberaum angesprochen. Der ist in Billstedt – dem Titelgeber eurer vor „blüte“ erschienenen ersten EP. Wie muss man sich euer Band-Zuhause vorstellen?

Der Raum ist Teil einer alten Polizeiwache, unser Equipment lagert in alten Gefängniszellen. Das Gute ist, dass es ein Fenster gibt. Das ist in Hamburger Proberäumen nicht selbstverständlich, viele sind in oberirdischen Bunkern, in denen es kein Tageslicht gibt. Und draußen herrscht dieser für Billstedt typische Industriecharme, der uns sehr zusagt, genau wie das teilweise Kaputte des Stadtteils. Niemand von uns wohnt in Billstedt, aber es passt schon ziemlich gut zu uns.

Stimmt es, dass ihr dort schon länger an einem zweiten Album arbeitet und damit fast fertig seid?

Ja, es ist geplant, dass es Ende nächsten Jahres erscheinen soll.

„blüte“ ist am 17.9. auf Chateau Lala erschienen

Eindruck gefällig? Hier gibt’s das Video zum Song „kompjuter“:


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Endlich wieder da: das Leseclubfestival Hamburg

Lesen im Club, das geht und ist intim, intensiv und einfach gut. Nach seinem Debüt im Jahr 2019 feiert das Leseclubfestival Hamburg im Jahr 2021 seine zweite Auflage, Tickets gibt’s noch bis zum 31. Oktober

Text: Ulrich Thiele

 

Nach dem erfolgreichen Debüt 2019, geht das Leseclubfestival Hamburg im November endlich in die zweite Runde. Das Prozedere: Die Besucher suchen sich aus sechs aktuellen Büchern ihren Lieblingstitel aus, bekommen ihn vor der Veranstaltung zugeschickt und haben genug Zeit, ihn in Ruhe zu lesen. Im Leseclub können können sie sich dann mit dem Autor oder der Autorin und den anderen Gästen über das Gelesene austauschen.

Das Festival findet am Samstag, den 20. November 2021 um 18 Uhr statt. Sechs Autoren lesen zeitgleich an sechs verschiedenen Orten in Hamburg, für jede Lesung sind 15 Gäste zugelassen. Moderatoren führen in jedem Leseclub durch den Abend. Ein Ticket kostet 25 Euro (inklusive zugeschicktem Buch), der Verkauf endet am 31. Oktober 2021. Die Veranstaltungsorte werden kurzfristig bekannt gegeben. Stand 12. Oktober 2021 ist das Festival als 3G-Veranstaltung geplant, kurzfristige Änderungen zu 2G sind jedoch möglich.

 

Sechs vielversprechende Autor:innen

 

Und jetzt das wichtigste: Die sechs Autoren. Khuê Phạm liest aus ihrem Roman „Wo auch immer ihr seid“ über die 30-jährige Kieu aus Berlin, die sich auf einer Vietnamreise erstmals mit der Herkunft ihrer Eltern auseinandersetzt. Lukas Rietzschel, der mit seinem Debüt „Mit der Faust in die Welt schlagen“ über Rechtsextremismus in seiner sächsischen Heimat für Furore sorgte, liest aus seinem neuen Generationenroman „Raumfahrer“. Hannah Brinkmann ist mit ihrer Graphic Novel „Gegen mein Gewissen“ dabei, in der sie sich mit ihrem Onkel Hermann Brinkmann auseinandersetzt. Er nahm sich 1973 das Leben, nachdem seine Wehrdientsverweigerung nicht anerkannt wurde. Johannes Scheerer verarbeitet in seinem autobiografischen Roman „Unheimlich nah“ die Entführung seines berühmten Vaters Jan Philipp Reemtsma. Lisa Kreißler liest aus ihrem neuen Roman „Schreie & Flüstern“ über die Schriftstellerin Vera, die mit ihrem Umzug von der Stadt aufs Land hadert. Last but not least: Simon Urban mit „Wie alles begann und wer dabei umkam“, einem bitterbösen und schwarzhumorigen Schelmenroman über einen hochbegabten Jurastudenten, der in seinem Größenwahn ein eigenes Rechtssystem entwerfen will.

Leseclubfestical, 20.11., verschiedene Locations, 18 Uhr. Infos und Tickets unter leseclubfestival.de


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Clubszene: Wie „G“-eht es weiter?

Mit Einführung des 2G-Modells konnten Hamburgs Clubs Ende August erstmals wieder ohne Sperrstunde und Tanzverbot öffnen. Warum die neuen Möglichkeiten trotzdem heiß diskutiert werden und welches Modell für ihren Laden im Oktober gilt, erzählen Clubbetreibende aus Molotow, Nochtspeicher und Waagenbau

Text&Interview: Ole Masch

 

Am 28. August war es so weit. Hamburg wurde bundesweit Vorreiter bei der Einführung des sogenannten 2G-Optionsmodells. Weil es mittlerweile problemlos möglich ist, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen, haben zahlreiche Bundesländer nachgezogen. Grundsätzlich gilt für Clubs: Wenn nur Geimpfte und Genesene eingelassen werden, entfällt Sperrstunde, Abstandswahrung und Tanzverbot. Wie immer ist die Umsetzung der Länder unterschiedlich. Für viele Musikclubs in Hamburg ist das Modell, wie es Mitte September galt, wirtschaftlich schwierig. Anders als in Berlin bestand eine Obergrenze von 150 Feiernden (in Berlin sind es 1.000) und Masketragen beim Tanzen war obligatorisch. Das Clubkombinat forderte eine Aufhebung der Maskenpflicht, die Anhebung der Kapazitätsgrenzen und Ausnahmeregelungen durch PCR-Tests für Menschen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können. Kurz vor Redaktionsschluss wurden Maskenpflicht und Personenbeschränkungen aufgehoben. Fenja Möller, Constantin v. Twickel und Claudia Mohr berichten, wie sie mit den neuen Möglichkeiten in ihren Läden umgehen.

 

Fenja Möller, Molotow

 

Fenja Möller, Molotow (Foto: Katrin Arfmann)

Fenja Möller, Molotow (Foto: Katrin Arfmann)

SZENE HAMBURG: Fenja, welches Modell gilt bei euch im Oktober?

Fenja Möller: Wir haben sowohl Veranstaltungen unter den 3G- als auch 2G-Regelungen. Welches Modell gilt, ist sehr von der Veranstaltung abhängig. Bei den Konzerten muss, um das 2G-Modell anzuwenden, die ganze Band geimpft sein, was noch nicht immer der Fall ist. Bei einigen Konzerten wenden wir aber auch das 2G-Modell an. Unsere Partys am Wochenende finden komplett 2G statt, da mit der 3G-Regelung noch ein Ausschankverbot ab 23 Uhr besteht, könnten wir diese gar nicht anders realisieren.

Warum habt ihr euch so entschieden?

Die nutzbaren Ressourcen aus Förderungen, Spenden und Merchverkäufen gehen langsam zur Neige, weshalb wir finanziell auf das 2G-Modell angewiesen sind. Außerdem stecken hinter dem Molotow viele Mitarbeitende, die seit Monaten auf ihre Einnahmen verzichten mussten. Darum konnten und wollten wir die Situation so nicht weiterführen.

Kritisiert ihr etwas an den aktuellen Bestimmungen?

Wir hoffen sehr, dass es möglichst bald eine Regelung für alle Menschen gibt, die sich wirklich nicht impfen lassen können.

Welche Erfahrungen habt ihr bei den ersten 2G-Abenden gemacht?

Insgesamt war das Feedback sehr positiv. Der Großteil unserer Gäste versteht den Schritt und hat sich sehr gefreut, endlich mal wieder im Molotow tanzen zu können und einen einigermaßen normalen Partyabend zu erleben. Für viele Anwesenden war es der erste Abend im Molotow nach fast zwei Jahren Pause. Auch für uns war es ein schönes Gefühl, endlich unsere Stammgäste wieder im Laden begrüßen zu dürfen und eine belebte Tanzfläche zu haben.

 

Constantin v. Twickel, Nochtspeicher

 

Constantin v. Twickel, Nochtspeicher (Foto: Martin D.)

Constantin v. Twickel, Nochtspeicher (Foto: Martin D.)

SZENE HAMBURG: Constantin, was macht ihr im Oktober?

Constantin v. Twickel: Wir haben uns im Nochtspeicher für die Hybrid-Variante entschieden. Also wahlweise nach Absprache mit Künstler*innen und Agenturen 2G oder 3G.

Warum?

Durch das Hybrid-Modell sind wir flexibel. Wirtschaftlich sind beide Varianten nicht, und es gibt auch derzeit nicht die optimale Lösung für alle. Das 2G-Modell ermöglicht uns zumindest die Möglichkeit einer höheren Auslastung und ein Näherkommen einer Vollauslastung. Die beiden Modelle 2G und 3G ermöglichen uns, zumindest für den Übergang wieder indoor zu veranstalten. Hier geht es in erster Linie darum, Kultur wieder stattfinden zu lassen, unser Publikum zu begeistern und alle Beteiligten wieder in Lohn und Brot zu bekommen. Die Kulturbranche liegt seit über anderthalb Jahren brach, mit ein paar Ausschlägen im Open-Air-Bereich.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft?

Wir sind uns über den Ernst der Lage bewusst, jedoch benötigen wir mehr Perspektiven und wünschen uns mehr Austausch mit der Politik. In unserer Branche sind so viele erfahrene Fachkräfte bezüglich Veranstaltungen, sodass wir da mit Sicherheit helfen können, praxisnahe Modelle zu entwickeln und umzusetzen.

 

Claudia Mohr, Waagenbau

 

Claudia Mohr, Waagenbau (Foto: Claudia Mohr)

Claudia Mohr, Waagenbau (Foto: Claudia Mohr)

SZENE HAMBURG: Claudia, wie geht der Waagenbau mit der Situation um?

Claudia Mohr: Wir werden tatsächlich abwarten, ob und wie sich die Reglementierung weiterentwickelt, von daher: So, wie jetzt im Moment die 2G-Regelung aufgebaut ist, ergibt es für uns größere Clubs wenig Sinn aufzumachen. 150 tanzende Menschen mit Maske im Waagenbau sind unwirtschaftlich, unsolidarisch den Menschen gegenüber, die sich aus wichtigem Grund nicht impfen lassen können und nicht wirklich das, was wir unter einer „normalen“ Clubsituation verstehen.

Was heißt das für die Zukunft?

Wir stecken gerade in einer klassischen Pattsituation: Natürlich haben wir Bock, endlich wieder ausgelassen zu feiern. Die so wichtige Parallelgesellschaft gemeinsam mit den Menschen in den durchtanzten und durchfeierten Nächten zu kreieren, die einen so entscheidenden Gegenentwurf zum Hamsterrad des Kapitalismus und der Monotonie des immer gleichen Alltags der meisten Menschen darstellt. Um das in der jetzigen Gesetzeslage zu realisieren, müssten wir Menschen von der Teilhabe ausschließen, wo doch unser Credo und unser Schaffen auf Grenzenlosigkeit, Freiheit, Liebe und Gleichheit ausgerichtet ist. Da wir aber auch einen gewissen wirtschaftlichen Druck haben, stehen wir vor der schwierigen Entscheidung: Insolvenz anmelden – sobald die Wirtschaftshilfen wegfallen – oder 2G.

 


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Hamburger Theater Festival 2021: Masken sprechen

2021 ist das Hamburger Theater Festival vom 10. bis 18. Oktober kleiner als sonst. In diesem Jahr lässt Festival-Kurator Nikolaus Besch die Masken sprechen

Text: Dagmar Ellen Fischer

 

Hochkarätig wie gewohnt, aber 2021 sogar hochverdichtet, zeigt sich das diesjährige Hamburger Theater Festival: Fünf Produktionen an acht Tagen mit 14 klangvollen Namen. Eigentlich sind es 19, doch die Namen – und insbesondere die Gesichter – der großartigen Spieler von „Familie Flöz“ sind nur deshalb weniger populär, weil sie in ihren herzerwärmenden Stücken grundsätzlich Masken tragen. In diesem Jahr zeigt die international erfolgreiche Crew um Michael Vogel, wie man „Feste“ feiert (Kampnagel, 15.+16.10.): Doch nicht aus einem glanzvoll geschmückten Saal, sondern von der Rückenansicht, aus der Perspektive derjenigen, die im Hintergrund schuften, damit andere strahlen dürfen. Dass es dabei nicht bleibt, ahnt man, denn die Flöz-Familie ist bekannt dafür, ihren vielschichtigen Geschichten voll feinstem Humor eine unerwartete Wendung zu geben. Beredter kann ein Theaterabend kaum sein als mit dieser berührenden, wortlosen Körperkunst.

 

Das Deutsche Theater Berlin zu Gast

 

Ähnlich stumm ist auch die Rolle der Protagonistin in Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ angelegt, und auch dessen gleichnamige Verfilmung lebt von Ereignisarmut. Das ändert sich drastisch in der Bühnenfassung des Deutschen Theaters Berlin: „Sophie Rois fährt gegen die Wand im Deutschen Theater“ (Schauspielhaus, 12.+13.10.) – und das durchaus wörtlich und wortgewandt. Die österreichische Schauspielerin interpretiert die surreale Story um eine riesige gläserne Wand inmitten einer ohnehin einsamen Berglandschaft neu: Unter der Regie von Clemens Maria Schönborn ringt sie dem absurden Gegensatz von idyllischer Natur und Endzeitstimmung eigenwillige Nuancen ab; sie schießt und klettert, grübelt und verzweifelt, und von allem erzählt sie mit ihrer markant heiseren Stimme. Weitere Coups von Festival-Kurator Nikolaus Besch: „Die Blechtrommel“ nach Grass, Strindbergs „Totentanz“ sowie „Die Glorreichen Sieben“!

Hamburger Theaterfestival, 10.–18.10. 2021


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Kunstperformance: SILK::ROAD experience

Vom Oberhafen auf die Seidenstraße führt die Performance beim Silkroad-Festival

Text: Felix Willeke

 

Die Seidenstraße, das ist doch das mit Marco Polo? Ja, auch, aber noch mehr, das beweist die SILK::ROAD experience. Im Oberhafen lädt das gleichnamige Festival vom 8. bis 10. Oktober (immer jeweils von 18 bis 22 Uhr in der Halle 3) dazu ein, den transkulturellen Austausch entlang der alten Handelsroute mit allen Sinnen nachzuerleben. Bei dem Festival verbinden sich Konzerte mit Installationskunst und Tanz und Tradition mit Innovation. Die Künstler aus aller Welt bedienen sich dabei der verschiedensten Stilrichtungen, von Weltmusik über Traditional und Elektro bis hin zu viel Jazz. Dabei will das Festival Grenzen und Vorurteile musikalisch, künstlerisch und gesellschaftlich abbauen. Die Tickets gelten immer für den gesamten Abend und kosten pro Tag 22,22 Euro.

silkroad-festival.com


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Club (a)live: Musik spüren im Stage Club

Gemeinsam mit Hypertension-Music-Entertainment hat der Stage Club die Club (a)live Festivalreihe ins Leben gerufen. Im Club neben der Neuen Flora gibt es noch bis zum 25. Oktober 2021 internationale Live-Musik

Text: Felix Willeke

 

Es gibt Musik zu spüren im Stage Club. Vom 1. September bis zum 25. Oktober 2021 läuft hier die Club (a)live Festivalreihe. Was im September mit großartigen Konzerten begann, setzte sich im Oktober mit einer Hommage an Simon & Garfunkel fort. Bookends brachten zweimal die unvergessene Musik des US-Duos auf die Bühne. Jetzt kommt am 6. Oktober auch noch Nigel Connell. Der ehemalige Schlagzeuger und Musicalstar war 2016 Finalist beim irischen Pendant von „The Voice of Germany“ und überzeugt heute als Reisender zwischen verschiedenen Genres. Und das Beste kommt zum Schluss: Stefanie Hempel & The Silverspoons. Die mit ihren Beatles-Touren bekannt gewordene Musikerin wurde schon von MTV UK mit der Aussage „The greatest Beatles tour of all time“ geehrt. Jetzt kommt sie am 25. Oktober 2021 mit den Silverspoons in den Stage Club, ein Muss für alle Fans der Fab Four. Alle Konzerte der Reihe finden nach 3G-Prinzip (geimpft, genesen oder getestet) statt.

Club (a)live Festival vom 1. September bis 25. Oktober 2021 im Stage Club Hamburg. Tickets gibt es unter hypertension.reservix.de.


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Filmfest Hamburg: Das gibt’s noch zu sehen

Es sind die zwei Wochen im Jahr, in denen es in den Hamburger Kinos hoch her geht. Beim Filmfest Hamburg gibt es große Premieren und viele kleine Highlights. Hier kommt eine Übersicht, was bis es bis zum 9. Oktober 2021 noch zu sehen gibt

Texte: Marco Arellano Gomes, Mark Stöhr, Cornelis Hähnel, Helen Peetzen, Anselm Scherer, Claire Bösenberg

 

Das Filmfest Hamburg ist in vollem Gange. In der letzten Woche gab es die Highlights des Filmfestes, hier kommt eine Übersicht, was es bis zum 9. Oktober 2021 noch zu sehen gibt.

 

Sektion Große Freiheit

 

Filme aus Deutschland: Die ausgewählten Kinofilme nutzen die Freiheiten, die sich ihnen bieten – mit viel Lust an neuen Themen und Narrationen.

 

Alles in bester Ordnung

 

Wie viel muss der Mensch wirklich besitzen? Eine feinsinnige Komödie über das Zuviel und das Zuwenig mit Corinna Harfouch in der Hauptrolle.

Alles in bester Ordnung (Foto: Niklas Lindschau)

Alles in bester Ordnung (Foto: Niklas Lindschau)

D 2021, 96 Min., Regie Natja Brunckhorst Drehbuch Natja Brunckhorst, Martin Rehbock Besetzung Corinna Harfouch, Daniel Strässer, Joachim Król; Blankenese Kino, Di. 5.10. 19:45 Uhr

 

Niemand ist bei den Kälbern

 

Mit unbestechlichem Blick und dokumentarischem Duktus räumt das Drama mit dem Mythos vom romantischen Landleben auf.

Niemand ist bei den Kälbern (Foto: Weydemann Bros / Max Preiss)

Niemand ist bei den Kälbern (Foto: Weydemann Bros / Max Preiss)

D 2021, 116 Min., Regie Sabrina Sarabi Drehbuch Sabrina Sarabi, basierend auf einem Roman von Alina Herbing Besetzung Saskia Rosendahl, Rick Okon, Godehard Giese, Enno Trebs, Peter Moltzen; Cinemaxx 1, Di. 5.10. 20:45 Uhr

 

Sektion Veto!

 

Politisches Kino: Filme mit Ausrufezeichen, meinungs- und ausdrucksstarke Interventionen und Irritationen: Das Spiel- und Dokumentarfilmprogramm unterstreicht die politische Kraft des Kinos.

 

Futura

 

Eine neue Generation italienischer Regisseur·innen erforscht in einem Kollektivfilm die Zukunft ihres Landes.

Futura (Foto: The Match Factory GmbH)

Futura (Foto: The Match Factory GmbH)

I 2021, 110 Min., Regie und Drehbuch Pietro Marcello, Francesco Munzi, Alice Rohrwache; Metropolis, Mi. 6.10. 19:00 Uhr

 

La Civil

 

Ziviler Mut in einer Gesellschaft ohne Gewaltmonopol: In diesem fesselnden Entführungsthriller aus Mexiko nimmt eine Mutter die Suche nach ihrer Tochter selbst in die Hand.

La civil (Foto: Urban Distribution International)

La Civil (Foto: Urban Distribution International)

B, MEX, RO 2021, 145 Min., Regie Teodora Ana Mihai Drehbuch Teodora Ana Mihai, Habacuc Antonio De Rosario Besetzung Arcelia Ramirez, Alvaro Guerrero, Ayélen Muzo, Jorge A. Jimenez; Studio Kino, Mi. 6.10. 21:30 Uhr

 

 

Sektion Transatlantik

 

Kino aus Nordamerika: Diese Sektion strotzt vor Lebendigkeit und Kreativität und hat den Mut zu außergewöhnlichen Geschichten und Ästhetiken, egal ob in Studio- oder Independent-Produktionen.

 

Starlet

 

Eine ziellose 21-Jährige, eine weit über 85-Jährige, ein bisschen Pornoindustrie und eine Thermoskanne voller Geld – Sean Baker macht in seinem vierten Film ein Universum voller Unterschiede und Überraschungen auf.

Starlet (Foto: Rapid Eye Movies HE GmbH)

Starlet (Foto: Rapid Eye Movies HE GmbH)

USA 2012, 103 Min., Regie Sean Baker Drehbuch Sean Baker, Chris Bergoch Besetzung Dree Hemingway, Besedka Johnson; Studio Kino, Do. 7.10. 21:30 Uhr

 

Land of Dreams

 

Die USA in naher Zukunft – ein abgeschottetes Land, in dem nicht einmal mehr das Träumen frei ist. Bildgewaltig entwerfen Shirin Neshat und Shoja Azari eine Dystopie, die vielleicht näher an der Wirklichkeit ist, als uns lieb ist.

Land Of Dreams (Foto: Bon Voyage Films, Palodeon Pictures / Ghasem Ebrahimian)

Land of Dreams (Foto: Bon Voyage Films, Palodeon Pictures / Ghasem Ebrahimian)

USA, D, QAT 2021, 113 Min., Regie Shirin Neshat, Shoja Azari Drehbuch Jean-Claude Carrière Besetzung Sheila Vand, Matt Dillon, William Moseley, Isabella Rossellini, Anna Gunn, Christopher McDonald; Studio Kino, Fr. 8.10. 16:00 Uhr

 

Poser

 

Das Psychodrama um eine junge Frau auf Identitätssuche ist ein beeindruckendes Stück US-Indiekino und taucht tief in die vibrierende Subkultur von Columbus in Ohio ein.

Poser (Foto: UTA)

Poser (Foto: UTA)

USA 2021, 87 Min., Regie Ori Segev, Noah Dixon Drehbuch Noah Dixon Besetzung Sylvie Mix, Bobbi Kitten; Abaton, Fr. 8.10. 21:30 Uhr

 

Sektion Asia Express

 

Filmkulturen aus Fernost: Die Sektion spiegelt das aktuelle Filmschaffen unabhängiger asiatischer Filmemacher•innen. Sie steht für ein Kino der Grenzüberschreitungen und cineastischen Sinnsuchen.

 

Anatomy of Time

 

Eine in Fragmenten erzählte Untersuchung über Entscheidungen, Vergänglichkeit und die Wirkungsweisen der Zeit.

Anatomy of Time (Foto: Diversion, Damned Films, Sluizer Film Productions, M'GO Films, Mit Out Sound Films)

Anatomy of Time (Foto: Diversion, Damned Films, Sluizer Film Productions, M’GO Films, Mit Out Sound Films)

THA, F, NL, SIN 2021, 118 Min., Regie und Drehbuch Jakrawal Nilthamrong Besetzung Thaveeratana Leelanuja, Prapamonton Eiamchan, Sorabodee Changsiri, Wanlop Rungkumjad; Metropolis, Fr. 8.10. 16:30 Uhr und Cinemaxx 2, Sa 9.10., 16:00 Uhr

 

On the Job: The Missing 8

 

Korrupte Politiker, verschwundene Journalisten und Gefängnisse voller Auftragsmörder: Mit frenetischer Kamera und mitreißender Musik inszeniert Erik Matti einen epischen Politthriller, der sich auf wahre Begebenheiten stützt.

On the Job: The Missing 8 (Foto: Reality Entertainment)

On the Job: The Missing 8 (Foto: Reality Entertainment)

PHI 2021, 208 Min., Regie Erik Matti Drehbuch Michiko Yamamoto Besetzung John Arcilla, Dennis Trillo, Dante Rivero; Cinemaxx 2, Sa. 9.10. 20:30 Uhr

 

All about my Sisters

 

Eine Langzeitstudie über familiäre Verflechtungen, die psychologischen Auswirkungen der Ein-Kind-Politik und die Rolle der Frau in der chinesischen Gesellschaft.

All about my sisters (Foto: Asian Shadows)

All about my Sisters (Foto: Asian Shadows)

USA 2021, 174 Min., Regie Wang Qiong Protagonist∙innen Zhou Jin, Wang Li, Yan Xiaoqing, Wang Jianhua, Wang Sifan; Cinemaxx 2, Do. 7.10. 17:30 Uhr

 

Whether the Weather is fine

 

Die Odyssee dreier Menschen in den Nachwirren einer Sturmflut wird zur visuell beeindruckenden Vision einer Welt nach der Katastrophe.

Whether the Weather is Fine (Foto: Rediance Films)

Whether the Weather is Fine (Foto: Rediance Films)

F, D, PHI, SIN, IDN, QAT 2021, 104 Min., Regie Carlo Francisco Manatad Drehbuch Giancarlo Abrahan V, Carlo Francisco Manatad, Jeremie Dubois Besetzung Charo Santos-Concio, Daniel Padilla, Rans Rifol; Cinemaxx 2, Mi. 6.10. 21:15 Uhr

 

Sektion Voilà!

 

Französischsprachige Filme: Unsere frankophone Sélection beweist Jahr für Jahr, welch exzellenter Output möglich ist, wenn Talent, Vision und Unabhängigkeit zusammenkommen.

 

France

 

Mit absurdem Witz erzählt der neue Film von Bruno Dumont anhand einer französischen Starjournalistin, wie schnell man in einen Abgrund fallen kann – und stärker wieder aus ihm auftaucht.

France (Foto: R. Arpajou / 3B PRODUCTIONS 2020; SBS)

France (Foto: R. Arpajou / 3B PRODUCTIONS 2020)

F, D, B, I 2021, 133 Min., Regie und Drehbuch Bruno Dumont Besetzung Léa Seydoux, Juliane Köhler, Benjamin Biolay, Blanche Gardin; Passage, Do. 7.10. 18:45 Uhr

 

Die Gute Mutter

 

Mit einem liebevollen Blick zeichnet Hafsia Herzi das filmische Porträt einer Mutter, einer Familie und eines Viertels im Norden Marseilles.

Die Gute Mutter (Foto: SBS Productions / Guy Ferrandis)

Die Gute Mutter (Foto: SBS Productions / Guy Ferrandis)

F 2021, 99 Min., Regie und Drehbuch Hafsia Herzi Besetzung Halima Benhamed, Sabrina Benhamed, Jawed Hannachi Herzi; Passage, Fr. 8.10. 19:00 Uhr und Sa. 9.10. 17:00 Uhr

 

Vortex

 

Gaspar Noé erzählt eine berührende Geschichte über ein alterndes Paar. Die stilistische Besonderheit: Das Bild ist geteilt in zwei Fenster – auf der einen Seite beobachtet die Kamera den Mann, auf der anderen die Frau.

Vortex (Foto: Wild Bunch)

Vortex (Foto: Wild Bunch)

F, B, MON 2021, 142 Min., Regie und Drehbuch Gaspar Noé Besetzung Françoise Lebrun, Dario Argento, Alex Lutz; Cinemaxx 3, Fr. 8.10. und Sa. 9.10. 21:00 Uhr

 

Sektion Vitrina

 

Spanisch- und portugiesischsprachiges Kino: Das Programm mit aktuellen Filmproduktionen ist ein Schaufenster voll unterschiedlicher Stile, Narrationen und Genres.

 

El Gran Movimiento

 

Flirrend zwischen Realität und Fantasie, taucht das bolivianische Drama tief in die unsichtbaren Welten von La Paz ein. Bolivien in der Gegenwart.

El Gran Movimiento (Foto: Altamar Films / Socavón Cine)

El Gran Movimiento (Foto: Altamar Films / Socavón Cine)

BOL, F, CH, QAT 2021, 85 Min., Regie und Drehbuch Kiro Russo Besetzung Julio Cézar Ticona, Max Bautista Uchasara, Francisca Arce de Aro, Israel Hurtado, Gustavo Milán Ticona; Cinemaxx 2, Sa. 9.10. 14:00 Uhr

 

Jesús López

 

Das Dorf und der tote Rennfahrer: In eindringlichen Bildern erzählt das argentinische Drama eine verstörende Geschichte über Trauer und jugendliche Identität.

Jesús López (Foto: Murillo Cine)

Jesús López (Foto: Murillo Cine)

ARG, F 2021, 90 Min., Regie Maximiliano Schonfeld Drehbuch Maximiliano Schonfeld, Selva Almada Besetzung Lucas Schell, Joaquín Spahn, Sofía Palomino, Ia Arteta, Alfredo Zenobi; Metropolis, Di. 5.10. 21:30 Uhr und Cinemaxx 2 Sa. 9.10. 18:30 Uhr

 

Splinters

 

Als junges Mädchen filmte die Regisseurin, wie die Waffenfabrik in ihrer Heimatstadt in die Luft flog. 20 ahre später macht sie eine ungeheuerliche Entdeckung.

Splinters (Foto: Punto de Fuga Cine)

Splinters (Foto: Punto de Fuga Cine)

ARG 2020, 70 Min., Regie und Drehbuch Natalia Garayalde Protagonist∙innen Nicolás Garayalde, Carolina Garayalde, Esteban Garayalde, Gabriela Garayalde, Esther Rostagno; Passage, Do. 7.10. 17:00 Uhr

 

 

Sektion Kaleidoskop

 

Filme aus aller Welt: Unsere kinematografische Reise durch die Kontinente bietet ein plurales Nebeneinander unterschiedlicher filmischer Identitäten, Sprachen und Erzählungen.

 

Annette (Douglas Sirk Preis)

 

Nach neun Jahren stellt Leos Carax einen neuen Film vor. Das Musical und Melodram über eine Liebe, das Showbiz und einen Kinderstar ist ein Kinoereignis, exzessiv und ergreifend.

Annette (Foto: Detailfilm GmbH)

Annette (Foto: Detailfilm GmbH)

F, D, B 2021, 140 Min., Regie Leos Carax Drehbuch Leos Carax, Ron Mael, Russell Mael Besetzung Marion Cotillard, Adam Driver, Simon Helberg; Abaton, Mi. 6.10. 21:15 Uhr

 

Belfast

 

Working Class Hero: Mit viel Herz und einem großartigen Cast erzählt Kenneth Branagh von seiner Kindheit im turbulenten Nordirland der späten 1960er-Jahre.

Belfast (Foto: Universal Pictures International Germany GmbH)

Belfast (Foto: Universal Pictures International Germany GmbH)

GB 2021, 98 Min., Regie und Drehbuch Kenneth Branagh Besetzung Caitríona Balfe, Judi Dench, Jamie Dornan, Ciarán Hinds, Colin Morgan, Jude Hill; Passage, Mi. 6.10. 18:30 Uhr und Sa. 9.10. 19:15 Uhr

 

Die Hand Gottes

 

Von Gott berührt: In seinem autobiografischen Coming-of-Age-Drama balanciert Paolo Sorrentino zwischen fellinesker Absurdität und tragischem Ernst.

Die Hand Gottes (Foto: Netflix)

Die Hand Gottes (Foto: Netflix)

I 2021, 129 Min., Regie und Drehbuch Paolo Sorrentino Besetzung Filippo Scotti, Toni Servillo, Teresa Saponangelo, Marlon Joubert, Luisa Ranieri; Cinemaxx 1, Di. 5.10. 17:45 Uhr und Passage Fr. 8.10. 21:30 Uhr

 

Noch mehr Kino

Neben den vorgestellten Filmen gibt es in jeder Sektion auch noch mehr zu sehen. Darüber hinaus zeigen die Sektionen Television und Michal auf der einen Seite TV-Produktionen im Kino und beim Kinder- und Jugend Filmfest Michel gibt es auf der anderen Seite auch Kino für die Kleinen. Das Filmfest Hamburg läuft noch bis zum 9. Oktober 2021. Alle weiteren Informationen und das Programm gibt es auf der Homepage des Filmfests.

Das Filmfest Hamburg: 30.9. bis 9.10. in diversen Hamburger Kinos


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Literatur: „Wir sehen nie den ganzen Menschen“

Tanja Schwarz ist eine echte literarische Entdeckung. In ihrem fulminanten Geschichtenband „In neuem Licht“ lässt sie die unterschiedlichsten Lebenslinien aufeinandertreffen. Oft sind es Geflüchtete und Frauen aus dem liberalen, prekären Bürgertum, die durch politische und private Krisen aus ihrer saturierten Starre erwachen

Interview: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Frau Schwarz, Ihr Buch trägt die Gattungsbezeichnung „Romanminiaturen“. Was ist der Unterschied zu Erzählungen?

Tanja Schwarz: Ich dachte zuerst, ich hätte Erzählungen oder etwas lang geratene Kurzgeschichten geschrieben. Dann sagten mir meine Testleser, dass man aus jedem der Texte einen Roman machen könnte. Das trifft durchaus zu, es sind auf 30 Seiten komprimierte Geschichten, die ich problemlos hätte verlängern können. Habe ich aber nicht.

Warum nicht? Die Texte sind über einen relativ langen Zeitraum entstanden und meine Lebenssituation hat eine ganze Zeit lang nicht hergegeben, lange Texte zu schreiben. Ich habe eine große Patchworkfamilie und hatte immer verschiedene Jobs. Die Miniaturen waren für mich eine Möglichkeit, meine Erfahrungen zu verarbeiten, ohne mich zwei Jahre zurückziehen zu müssen.

 

Autobiografisch? Eher nicht.

 

Sie haben unter anderem Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, so wie Lene in „Datteln aus Mekka“.

Ich habe auch Kinder, so wie viele der Frauenfiguren im Buch. Allerdings habe ich alles stark verändert, Sie würden in keiner Geschichte eins zu eins etwas Autobiografisches herauslesen können. Ich habe versucht, Einzelaspekte aus meinen Erfahrungen herauszugreifen und in einer Waswäre-wenn-Situation zu beleuchten.

Auffällig oft im Rahmen des aktuellen zeithistorischen Kontextes, Stichwort Fluchtbewegungen.

In meinem Großstadtalltag als mittelalte Frau versuche ich, irgendwie am Zeitgeschehen teilzunehmen. Ich will die Kreuzungen erkunden, wo sich Lebenslinien treffen. Deswegen spielen zeitgeschichtliche Aspekte eine Rolle, wenn etwa in „Datteln in Mekka“ Menschen mit unterschiedlichsten Erfahrungen in einem Deutschkurs aufeinandertreffen oder in „Unabomber“ ein junger Flüchtling in das Leben einer mittelalten Frau tritt und ihren Alltag umkrempelt.

Was drängt Sie zu diesen Erkundungen?

Dass ich so vieles nicht verstehe. Das Schreiben ist für mich ein Ankämpfen gegen eine ungeheure Fülle an Eindrücken, die mir im Alltag begegnen und die sich alle zuwiderlaufen, überlagern, ergänzen. Wo Dissonanzen passieren und Menschen sich gegenseitig nicht verstehen. Wenn man zum Beispiel einen Deutschkurs für Geflüchtete leitet oder wenn man Kinder hat, sieht man diese Menschen nie in ihrer ganzen Persönlichkeit. Mir geht es darum, zu erkennen, was uns trennt und behindert und die Grenzen der eigenen Wahrnehmung, die blinden Flecken zu berühren.

 

Lebendigkeit durch Tragik?

 

Der neue Geschichtenband von Tanja Schwarz, „In neuem Licht“, am 7.10. live in der Buchhandlung cohen+dobernigg

Der neue Geschichtenband von Tanja Schwarz, „In neuem Licht“, am 7.10. live in der Buchhandlung cohen+dobernigg

Ist Ihnen aufgefallen, dass viele der Figuren sich gerade dann besonders lebendig fühlen, wenn sie im Kontrast zu zerbrechenden Menschen stehen? Zum Beispiel die Erzählerin der ersten Geschichte, „Sonnenwende“, als sie trotz ihrer Trauer über ihre schwächer werdende Mutter paradoxerweise eine elementare Ekstase spürt.

In der Geschichte spielt eine wesentliche Rolle, dass sie keine gute Beziehung zu ihrer Mutter hat und erst in der Auflösung der Persönlichkeit ihrer Mutter wieder einen elementaren Zugang zu ihr findet und eine Beziehung zu ihr aufnehmen kann. Da war etwas auf eine ungute Art verfestigt und ist nun in Bewegung geraten. Was gut ist, auch wenn der Grund – Krankheit und Verfall – ein trauriger ist.

Ein zentrales Motiv ist die Entfremdung, mit der eine für Städter typische Natursehnsucht nach etwas Elementarem einhergeht. Sie wohnen in Eimsbüttel, haben seit einiger Zeit auch einen Acker in Vierlanden. Sie kennen diese Sehnsucht also selbst.

Ja, mit Sicherheit. Dabei spielt natürlich auch ein lebensgeschichtlicher Aspekt eine Rolle, nämlich der, dass ich nicht mehr ganz jung bin und das Stadtleben mit seiner Reizüberflutung mich dazu verleitet, mich auf meine Herkunft zu besinnen.

Dieses Besinnen überkommt die Protagonistin in „Sonnenwende“, weil sie mehrere Einschnitte zu verarbeiten hat. Unter anderem das Gebrechlichwerden ihrer Mutter, das sie zurücksehnen lässt. Das ist verständlich, hat aber immer etwas Ambivalentes.

Zumal die eigene Herkunftsstadt als Lebensort überhaupt nicht mehr in Betracht kommt, wenn man älter ist. Man hat sich die meiste Zeit seines Lebens ganz weit davon entfernt. Nach alle den Jahren hat die Protagonistin Sehnsucht nach dem Körper ihrer Mutter, der aber bereits zerfallen ist. Oder nach einer Landschaft, die zwar noch steht, die sie aber nicht mehr bewohnen kann, weil sie sich woanders verwurzelt hat. Diese Sehnsucht bleibt etwas Körperliches und Landschaftliches, aber alles Lebensgeschichtliche hat sich davon entfernt.

 

Zu Hause geerdet

 

Erwischen Sie sich manchmal dabei, wie Sie in ein verklärendes Bullerbü-Phantasma abdriften?

Nee, da bin ich nicht der Typ für. Mein Acker in Vierlanden ist auch nicht idyllisch. Ich habe dort eine günstige Hütte bekommen, die eigentlich eine Obdachlosenunterkunft sein sollte. Was ein interessanter Berührungspunkt ist — da sollten obdachlose Menschen unterkommen, aber die Stadt Hamburg wollte sie letztlich doch nicht so im Stadtbild haben.

Was hat Sie dorthin gezogen?

Der Kontakt zur Erde und zur Natur, der mit beschwerlicher Gartenarbeit verbunden ist. Ständig wächst mir das Unkraut über den Kopf und ich bin von Insekten zerstochen. Es ist ein intensiver Kontakt, aber nicht so lieblich, wie man sich das vorstellt. Der Acker ist für mich ein Gegenpol zu der Lautstärke und Schnelligkeit. Gerade in der Corona-Zeit habe ich gemerkt, dass er mir guttut und ich gar nicht zurückwill zu einer Normalität, die sowieso immer viel zu sehr auf höher, schneller, weiter getaktet war. Sie sagten mal, wenn Sie Zauberkräfte hätten, würden Sie als erstes den Kapitalismus abschaffen. Gilt das noch?

Auf jeden Fall!

Wie sieht Ihre utopische Alternative aus?

Ich bin nicht kühn genug, um politische Utopien zu formulieren. Ich bin nur davon überzeugt, dass wir andere Formen finden müssen, weil der Kapitalismus ein Übermaß erzeugt, das uns allen um die Ohren fliegt. Die Naturzerstörung, die Ausbeutung von Menschen, die damit verbundenen Wanderungsbewegungen. Wir wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen, deswegen ist etwas in der Welt aus dem Gleichgewicht geraten und wir beginnen, die Folgen dieses Umbruchs zu spüren.

 

Hamburg spezieller als Berlin

 

Haben Ihre Romanminiaturen etwas Hamburg-spezifisches oder ist der Ort austauschbar?

Ich erlebe Hamburg als eine Stadt, wo sich besonders viele solcher von mir untersuchten Lebenslinien kreuzen. Das gilt bestimmt auch für Berlin, aber ich finde sie hier spezieller. Das ist schon in der Landschaft dadurch angelegt, dass die Elbe in die Stadt fließt und die Welt zu uns reinfährt, irgendwelche Sachen ablädt, die gar nicht hierhergehören, und wieder abhaut.

Nicht zu vergessen das soziale Gefälle.

Absolut. Ich wohne auf einer Bruchlinie, wo auf der einen Straßenseite die Grindelallee mit seinen Shishabars liegt, auf der anderen Seite Harvestehude mit seinen privilegierten Menschen. Da liegen verschiedene Schichten ganz eng beeinander.

In „Datteln aus Mekka“ wird das westliche Überlegenheitsgefühl gebrochen, das mit dem sozialen Gefälle einhergeht. Die geflüchteten Frauen, die in armen Gegenden wohnen, haben Mitleid mit ihrer Lehrerin Lene.

Sie finden sie viel zu dünn und ihr Mann lässt sie Fahrrad fahren, deswegen könne der Mann nichts taugen. Es sind einfach andere Wertmaßstäbe. Das westliche Überlegenheitsgefühl relativiert sich im Kennenlernen mit diesen Menschen, die große Qualitäten, Kreativität und Kräfte haben, die sie überleben lassen haben. Und trotzdem verhält sich Europa, als müsste es Menschen abwehren und als dürfte nicht jeder teilnehmen. Da möchte ich dringend benötigte Informationen einbringen.

Das Cover zeigt eine Herbstlandschaft. Wie finden Sie es?

Die Landschaft hat etwas Bedrohliches, zugleich aber auch etwas untergründig Bewegtes und dann ist das Bild auch noch zerschnitten. Das gefällt mir und passt gut zur programmatischen Perspektivenvielfalt.

Tanja Schwarz: „In neuem Licht“, hanserblau, 272 Seiten, 22 Euro. Autorenlesung am am 7.10. in der Buchhandlung cohen+dobernigg, 20.30 Uhr (2G-Veranstaltung)


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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