Meet the Resident: Oskar.

Jeden Monat stellen wir in der SZENE HAMBURG Resident DJs vor. Im Januar 2017 ist OSKAR. an der Reihe.

OSKAR., 24, seit 2011 DJ, Seit der Eröffnung Resident im PAL, Veranstalter von POWER TOWER im Uebel & Gefährlich.

Schrecklichste Gast-Frage: Mich hat mal jemand beim Auflegen gefragt, ob er einen Track auf YouTube anmachen kann … Im Club!

Platte des Monats: Burial – Rodent (Original Mix).

Lieblingsplatten: Alles von Aphex Twin, alles von Daft Punk bis 2005, Burial’s Untrue LP & Veröffentlichungen auf Labels wie Ostgut Ton, Ilian Tape, R&S, Running Back, L.I.E.S. und Ninja Tune.

Größter Moment als DJ: Jedes Mal wenn ich Support für die Vorbilder spielen darf. Wenn die Tanzfläche komplett gefüllt ist, aber keiner spricht, stattdessen sich alle wie in Trance verhalten. Die Reaktionen der Gäste wenn mein letzter Track ausläuft. Oder wenn man die Fortschritte der eigenen Crew beobachten kann. An dieser Stelle Shout Outs an meine Residents im PAL, Funky Kartell und an alle die mich immer unterstützt und inspiriert haben.

Was nervt in Hamburg: Keine Spätis.

Party des Monats: Die erste Party im PAL nach einer kurzen Winterpause.

/ OMA

PAL
20.1.18, 24 Uhr


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2017. Das Magazin ist seit 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Klub Katarakt – Spannung durch Sprengung

Marktorientierung machen andere: Das Internationale Festival für Experimentelle Musik präsentiert auf Kampnagel Kunst unangestrengt, offen, zugänglich.

Experimente kann jeder, sie der breiten Masse schmackhaft machen wird schon schwieriger. Den Machern des Hamburger Festivals klub katarakt gelingt genau das seit nunmehr zwölf Jahren. Musikalische Wagnisse werden von ihnen dermaßen spannend gestaltet, dass damit mehr als nur ein Fach- und Nerd-Publikum angesprochen werden. Die teilnehmenden Künstler: Größen ihres Genres. Die allgemeine Festivalatmosphäre: offen, spannend wie entspannend.

1992 von Kompositionsstudenten der Hamburger Musikhochschule als Verein katarakt gegründet, damit die Kompositionen der Mitglieder auch außerhalb der Hochschule aufgeführt werden konnten, entstand 2005 erstmals das gleichnamige Festival. Bisherige Gastkünstler mit Porträtkonzerten, Vorträgen und Präsentationen waren u. a. Marc Sabat, Gerard Pape, Marko Ciciliani, Christian Wolff, Alvin Lucier und Charles Curtis. Auch Hamburger Komponisten werden regelmäßig vorgestellt, diese Ausgabe des Festivals bietet etwa Alexander Schubert eine Bühne.

Höhepunkte beim diesjährigen klub katarakt gibt es gleich zu Beginn mit der Konzertinstallation, die das Schweizer Insub Meta Orchestra in Zusammenarbeit mit der künstlerischen Leitung vom klub katarakt in einem vorausgehenden Arbeitsprozess präsentieren wird. Hierbei geht es auch um neue Formen der Musikvorführung, etwa die Auflösung von festen Plätzen und das Zusammenfinden von immer neuen Gruppierungen an unterschiedlichen Orten. Am zweiten Festivaltag folgt dann Alexander Schubert mit der Erstaufführung seines einstündigen Werks „Supramodal Parser“. Musikalisch und szenisch erinnert hierbei alles an die Techno- und Ravekultur: Keine Stuhlreihen, keine Bühne, stattdessen eine Kulisse wie ein Club, in dem das israelische Ensemble Nikel und die Hamburger Sängerin Mohna die Klangästhetik bestimmen. Die Sprengung der typischen Konzertformen in Vollendung. Tag drei steht dann ganz im Zeichen der Blechbläser. Das Tubisten-Trio Microtub und die drei Trompeterinnen, die sich zusammen Tritop nennen, treten auf. Und am vierten und letzten Festivaltag gibt es noch die „Lange Nacht“ mit allerhand Erst- und Uraufführungen aus der Hamburger Szene sowie die abschließende Party mit Nikae und F#X.

Text: Erik Brandt-Höge 

Beitragsbild: Jamasp Jhabvala

Kampnagel
17.–20.1.18

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Scharfe Schüsse in der Nordheide

Rechtsruck! Die aktuelle Ausstellung „Schwarzarbeit in Jesteburg“ ist ein Lehrstück über den Einfluss von Medien auf die öffentliche Wahrnehmung von Kunst. Isa Maschewski, künstlerische Leiterin des Jesteburger Kunstvereins, erklärt, wie sie zum Feindbild von Populisten wurde.

SZENE HAMBURG: Jesteburg ist ein beschaulicher Ort am Nordrand der Lüneburger Heide. Im letzten Sommer aber wurde bei Ihnen scharf geschossen.

Isa Maschewski: Es ging um ein von der Gemeinde initiiertes Projekt, das ich kuratiert habe: Teil davon ist ein großes, auf die Straße gemaltes Bild der Künstlerin Monika Michalko. Bei seiner Entstehung haben zwei Geflüchtete geholfen. Anfangs wollten wir sie honorieren, da wir davon ausgingen, dass sie eine Arbeitserlaubnis hatten. Das war aber ein sprachliches Missverständnis, deshalb sagten wir: Okay, dann machen wir euch als Dank den Kühlschrank voll. Ein Redakteur vom Nordheide Wochenblatt aber schäumte und titelte „Steuergeld für Schwarzarbeit?“. Daraufhin bekamen wir Briefe, die rassistisch argumentierten und mit Verbrennen und Vergiften drohten.

Hatten Sie denn wirklich etwas falsch gemacht?

Nein, denn es ist kein Geld geflossen. Die Geflüchteten aber bekamen trotzdem Probleme. Sie mussten ihre Konten offenlegen, sie bekamen Angst. Als ich den Redakteur anrief, um zu verhindern, dass er mit dem Artikel zwei Unschuldige trifft, nutzte das nichts. Es war ihm wichtiger, mich zu diskreditieren.

Die Kritik richtete sich eigentlich gegen Sie und das Kunsthaus?

Kunstvereine auf dem Land müssen stark um Akzeptanz kämpfen. Wir haben fantastische Besucherzahlen und rund 350 Mitglieder, was für einen Ort mit knapp 8.000 Einwohnern großartig ist. Das Nordheide Wochenblatt aber ist prinzipiell dagegen, Kunst aus öffentlichen Geldern zu finanzieren, und speziell dagegen, dass ich als Kuratorin Gehalt bekomme. Es vertritt ähnliche Positionen wie eine örtliche Wählergemeinschaft. Letztere will, dass Jesteburg Kulturmittel nur für Projekte der Brauchtumsförderung und Heimatpflege ausgibt.

Daniel Hopp: Schwarzarbeit in Jesteburg. Foto: Kunstverein Jesteburg

Wie kam es zu der Ausstellung, die im Kunsthaus jetzt diese kunstfeindlichen Tendenzen thematisiert?

Ich schätze die Arbeiten von Daniel Hopp schon lange und wollte ihn unbedingt irgendwann ausstellen. Aus diesem Grund hat er sich mit Jesteburg beschäftigt, ist auf den „Schwarzarbeit“-Artikel gestoßen und hat entschieden, ihn zum Gegenstand einer Arbeit zu machen.

Was hat er genau gemacht?

Hopp arbeitet filmisch und performativ. Er beschäftigt sich auch damit, wie junge Menschen mit Medien umgehen, und damit, wie dies wahrgenommen wird. Jetzt hat er für den YouTuber Multi Wolf gewissermaßen eine Bühne geschaffen. Er hat ihn mit einem Team aus HFBK-Studenten und Jesteburger Jugendlichen Interviews mit den Protagonisten der hiesigen Kulturpolitik machen lassen – mit Fragen, die aus dem Wochenblatt-Artikel entstanden sind. Diese Gespräche laufen jetzt auf sechs Monitoren im Kunsthaus.

Sie verstehen Hopps Arbeit als ein performatives Projekt. Warum?

Sie umfasst die Videos, deren Entstehung und die Performance bei der Eröffnung – sogar dass die Jugendlichen für die Ausstellung Plakate geklebt und 5.000 Flyer verteilt haben. Einer der Jugendlichen, Ronny Manjang, hat alle Aktionen dokumentiert und bespielt den Instagram-Account des Projekts „Schwarzarbeit in Jesteburg“.

Die Ausstellung macht deutlich, wie schnell Dinge, zu denen man spontan keinen Zugang hat, zum Feindbild werden.

Mit dem Projekt haben Sie sich Stimmen von Befürwortern, aber auch von Kritikern ins Haus geholt. Warum?

Ja, in einigen Interviews werde ich harsch beschimpft. Aber ich ahne jetzt, warum. Ich wusste ja nicht, dass einige Leute denken, ich würde in Berlin leben und einfach meinen Berliner Freundeskreis ausstellen. Eigentlich aber geht es um meine Position als Projektionsfläche. Die Ausstellung macht deutlich, wie schnell Dinge, zu denen man spontan keinen Zugang hat, zum Feindbild werden. Wir hoffen, dass wir so Dialoge anstoßen, die allen Seiten nutzen. In einem Kunstverein auf dem Land operiert man jenseits einer „Anästhesie des Konsens’“, die den Kunstbetrieb in Metropolen oft abpuffert.

Schöner Begriff!

Leider nicht von mir, sondern von Peter Sloterdijk, den ich sonst nicht so gern zitiere. Diesen Konsens gibt es hier nicht. Hier wird Kunst auf eine harte Probe gestellt. Angesichts des aktuellen Rechtsrucks, der auch künstlerische Arbeit diffamiert, muss man die Vorurteile kennen. Nur so kann man sie entkräften.

Interview: Karin Schulze

Schwarzarbeit in Jesteburg, Kunsthaus Jesteburg (Niedersachsen), voraussichtlich bis 21.1.

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Dezember 2017. Das Magazin ist seit 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Zehn Jahre Jüdischer Salon am Grindel

Literatur, Diskussion, Kultur des Zuhörens – Der Jüdische Salon wurde am 15. Januar 2008 von Sonia Simmenauer in ihrem Café Leonar eröffnet. Als das gastronomische Kleinod baubedingt umziehen muss, schließt der Salon vorrübergehend – bis er heute endlich wieder dort ist, wo alles angefangen hat. Grund genug, den 10. Geburtstag zu feiern!

SZENE HAMBURG: Frau Simmenauer, was ist in Ihren Augen „jüdische Kultur“?

Sonia Simmenauer: Es ist das, was wir hier leben, indem wir ein Café aufgemacht haben. Ein Ort, an dem sich alle auf einer intellektuellen Ebene treffen können. Denn, was tut man, wenn man zusammenkommt? Man redet miteinander. Man redet über das Leben und kann anfangen zu philosophieren. Jeder, der sich im Salon eingebracht hat, ist mit eigenen Ideen gekommen.  Zum Beispiel eine Bibelstunde: Einer kommt mit seinem Evangelium, einer mit dem Koran, der nächste mit dem Alten Testament. Dann einigt man sich, dass man mit einem bestimmten Paragraphen beginnt, der in allen Büchern ähnlich ist und ihn vergleicht. Was sind die Unterschiede? Die Fragen sind das, was die jüdische Tradition ausmacht. Nicht die Antworten.

Erinnert an Sokrates’ mäeutisches Prinzip: Die Fragen sind das Wesentliche, durch das man zur Erkenntnis kommt.

Man kommt ins Gespräch durch Fragen, nicht durch Antworten. Und das ist das, was wir wollen. Ich stand vor der Talmud-Tora-Schule, als sie 2007 gerade als der Kindergarten wiedereröffnet wurde. Mein Vater hat dort seine letzten zwei Schuljahre gemacht, nachdem er nicht mehr in die öffentliche Schule gehen durfte. Danach ist er nach Frankreich ausgewandert. Als ich also dort vor zehn Jahren diese Kinder gesehen habe – da wusste ich, es gibt hier wieder ein jüdisches Leben. Kein museales, sondern ein echtes. Und da, wo es eine Schule gibt, da muss es ein Café geben. Als es konkret wurde, war klar: auch ein Salon muss dazugehören. Hier wird kein Programm gemacht, das einem bestimmten Dogma folgt, sondern es ist gespickt damit, was jeder liebt, wofür jeder steht. Das Aktuelle, das Alte …

Entweder wir tun nichts und dann passiert auch nichts, oder wir tun was und dann kommt Kritik – gut oder schlecht.  Damit muss man leben.

Wobei Sie schon betonen, dass es im Konzept eher um das aktuelle jüdische Leben geht. Mit dem Bewusstsein für das, was im Nationalsozialismus passiert ist.

Wir definieren uns nicht über den Holocaust. Wir sind kein Museum, sondern ein lebendiges Haus. Dass das zu unserem Leben gehört, das wollen wir gar nicht leugnen, und so kommen hier auch immer wieder Themen auf, die davon getragen sind. Aber es gab ein Davor – und es gibt auch ein Danach. Gott sei Dank.

Stichwort „danach“: Inwiefern spielt die Thematik Israel eine Rolle?

Sie ist nicht zentral, denn wir leben hier. Wir sind keine Botschaft von Israel und es wird durchaus auch kritisch mit allem umgegangen. Wir haben sehr früh einen Abend mit einem palästinensischen Schriftsteller und einem jüdischen Fotografen gemacht, die gemeinsam etwas dargestellt haben. Wir haben Ausstellungen gemacht, wo palästinensische Territorien ausgiebig dargestellt wurden, oder welche, wo alle drei großen Religionen dargestellt werden. Israel gehört zum Judentum, ist aber nicht unser Thema. Wir haben eigentlichen gar kein Thema.

Es ist alles offen …

Es ist alles offen.

Wenn es kein Dogma geben soll, dann muss alles offen sein … wie war das Feedback der Zuhörer des Themas Israel und Palästina? Irgendwie hat ja jeder eine Meinung dazu, selbst die, die sich damit so gar nicht auseinandersetzen.

Jeder hat eine Meinung, aber keiner weiß wirklich Bescheid. Wir haben bei Veranstaltungen durchaus kontroverse Diskussionen gehabt, die anschließend im Café weitergeführt wurden. Wir haben auch immer wieder Haue bekommen – sei es, dass wir eine bestimmte Sache gemacht oder eine bestimmte Sache eben nicht gemacht haben. Aber wer sät, der erntet: Entweder wir tun nichts und dann passiert auch nichts, oder wir tun was und dann kommt Kritik – gut oder schlecht.  Damit muss man leben.

Sonia Simmenauer: „Meine größte Freude ist, wenn Leute sich hier begegnen, miteinander etwas finden und sich danach immer gekannt haben.“ Foto: Lennart Rühle

Wenn man dieses Konzept mit den Salons des 18. Jahrhunderts vergleicht – ist das hier eine moderne Fortsetzung und sie eine Salonière des 21. Jahrhunderts?

Das hat man schon getan. Aber ich möchte nicht wiederholen, was war – ich möchte den Geist behalten. Und das ist die Unterhaltung über Unerwartetes, die absolute Offenheit, an seine Grenzen zu stoßen. Wenn man versucht, zurückzuholen was war – das lähmt. Wenn man das Manko nutzt als Benzin für den inneren Motor, dann ist es lebendig. Das Manko ist aber keine Unzufriedenheit. Es ist eine offene Frage.

Bücher, die mir Türen geöffnet haben? Davon gibt es viele.

Dann eine neue Frage: Literatur hatte einen großen Einfluss auf die Aufklärung und auch auf die Haskala. Welches Buch hat Sie so beeinflusst, dass Sie ihm eine gegenwärtig aufklärende Rolle zusprechen würden?

Bücher, die mir Türen geöffnet haben? Davon gibt es viele. Momentan lese ich Sasha Marianna Salzmanns „Außer sich“. Sie reflektiert über die Emigration, wie ich sie als Kind bei meinen Eltern mitbekommen habe. Ich selbst bin weggegangen von meinem Geburtsort, um dahin zurückzukehren, wo mein Vater herkam. Aber ich bin nicht emigriert, musste nicht gehen. Heute gibt es wieder eine ganze Generation von Emigranten. Salzmann schreibt von Displaced Persons. Das ist zwar ein besetzter Begriff und bezeichnet all jene, die nach dem Krieg nirgendwo mehr hingehörten. Aber haben wir das heute nicht millionenfach? Das öffnet mir heute viele Türen, denn nie ist irgendetwas fertig. Es fängt immer wieder von vorne an. Und das liest man in so einem Buch. 

Sie sprechen viel von Ihrem Vater, erzählen Sie doch ein wenig davon, wo Ihre Eltern aufgewachsen sind und was dann passierte …

Er ist in Hamburg geboren und sein Vater wiederum hatte hier eine Firma für Fotopapier, die hieß Leonar. 1938 ist mein Vater nach Frankreich geflohen und auch nach dem Krieg dort geblieben. Mein Großvater ist nie zurückgekommen, die Leonar-Werke wurden von Agfa übernommen und irgendwann verkauft. Die Geschichte meines Vaters ist auch die Geschichte dieses Cafés. Vor zehn Jahren war hier in den Räumen noch Fläschner Druck und als ich die Räume übernommen habe, fragte mich Wolfgang Fläschner, wie es heißen solle. „Irgendwas Jiddisches“ sagte ich. Folkloremäßig. Aber er kannte mich und die Geschichte meiner Familie gut und übergab mir alte Broschüren der Leonar-Werke. Er sagte, es muss Leonar heißen. Andreas Heller, der Architekt, der auch mit diesem Café durch und durch verbunden ist, hat dann das Logo der Leonar-Werke übernommen, jetzt ist es das Logo dieses Cafés.

Und woher kommt der Name „Leonar“?

Ich habe damals mit meiner Tante in Israel telefoniert, um ihr von alledem zu erzählen. Sie sagte mir, dass der Name Leonar eine Kombination der Namen der Firmengründer sei. Löwenthal – also Leon – und Arndt. Und meine beiden Söhne heißen Leonard und Arnold. Das ist die Geschichte zu dem Namen.

Ich bin in der Sehnsucht meines Vaters nach seiner verlorenen Kindheit geboren.

Aber die Geschichte des Cafés fängt ja früher an. Wie sind sie damals nach Hamburg gekommen?

Ich bin 1982 hierhergezogen. Ich hatte meinen ersten Mann in Amerika kennengelernt und kam zu ihm nach Hamburg. Ich bin in der Sehnsucht meines Vaters nach seiner verlorenen Kindheit geboren. Ich habe das getragen und damit auch 25 Jahre hier gelebt, bis ich die Idee zu dem Café hatte. Im Grunde genommen war es mein Geschenk an meinen Vater, um für ihn den Kreis zu schließen. Er hat es noch erlebt.

Und welche Rolle spielt die Literatur in dieser Geschichte?

Meine Großmutter war eine Büchernärrin. Sie hatte es geschafft, ihre Bibliothek mit nach Paris zu nehmen. Die wurde dort von den Nazis beschlagnahmt, schön in Kisten verpackt, mit Namen versehen und nach Deutschland geschickt. Nach dem Krieg schickten die Deutschen die Kisten mit denselben Namen zurück nach Paris. Die Franzosen haben alle Kisten aufgemacht, die Bücher auf Regalen verteilt und denen zurückgegeben, die beweisen konnten, dass sie ihnen gehören. Dadurch erst hat meine Großmutter die Hälfte ihrer Bibliothek verloren. Aber: meine Schwester, die in Paris Anwältin ist, hat gegen den Staat Frankreich prozessiert, gewonnen – und für den verlorenen Teil der Bibliothek eine Kompensation bezahlen lassen. Mein Vater hat mir dann das Geld für dieses Café gegeben.

Da schließt sich wieder der Kreis.

Genau. Und ich glaube, dass dieses Café für diese Kreise steht.

Ein normales Café zieht nicht zweimal um und bleibt voll.

Vielleicht im Sinne der Wiederkehr, denn das Café ist ja mehrmals umgezogen und dennoch lebendig geblieben …

Ein normales Café zieht nicht zweimal um und bleibt voll. Wir sind zweimal umgezogen: Das erste Haus war ein Traum und eine Katastrophe. Es fiel alles auseinander, aber war so charmant. Und der Typ, der hier war, der fiel auch auseinander und war total charmant. Und deswegen wollte man hier einfach sein, obwohl das Wasser an den Wänden runterlief. Die Leute haben es geliebt. Deshalb haben wir es am Anfang für viel Geld renoviert, bis wir festgestellen mussten, dass es gar nicht geht.

Und wie ging es dann weiter?

Wir mussten raus. In der 87 war etwas frei geworden. Andreas Heller hat wieder gezeichnet und eingerichtet – und wir haben den Umzug innerhalb von drei Tagen gemacht. Am Anfang war es schwierig, wir hatten keinen Raum für den Salon und mussten für die Veranstaltungen immer zumachen. Irgendwann gab es Revolte. Als der neue Raum hier am ursprünglichen Platz fertig gebaut war, sind wir zurückgekehrt, in unseren alten und doch neuen Traum.

Was ist Ihre Aufgabe heute im Café?

Ich mache nichts mehr in dem Café. Früher habe ich viel gemacht. Heute komme ich nur ab und zu aus Berlin und schaue nach dem Käsekuchen und meckere über den Hummus. Immer. Das gehört schon fast dazu …

Interview: Jenny V. Wirschky

Café LeonarGrindelhof 59 (Grindelviertel), Telefon 41 42 92 42; www.salonamgrindel.de

 

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Dezember 2017. Das Magazin ist seit 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!