„Werkhaus 2.0“: Obdachlosigkeit sichtbar machen

Noch bis Jahresende finden im ehemaligen Karstadt Sport Gebäude am Hauptbahnhof Künstler:innen einen Platz, um ihre Arbeit zu präsentieren. Eines der Projekte: Das „Werkhaus 2.0“, das über Obdachlosigkeit in Hamburgs Stadtzentrum informieren will

Text: Marina Höfker  

Rund um den Hamburger Hauptbahnhof prallen verschiedene Realitäten aufeinander: Es gibt viele Obdachlose und Geschäftsbetreiber:innen fürchten Einbußen aufgrund von ausbleibenden Touristen und Kund:innen. Ein Phänomen, das in vielen Großstädten rund um die Bahnhöfe zu finden ist. Doch eine wirkliche Alternative gibt es für Obdachlose meist nicht. Um auf das Problem verstärkt aufmerksam zu machen und sich für eine dauerhafte Lösung einzusetzen, rückt Günter Westphal vom Bündnis Stadtherz das allzeit aktuelle Thema wieder in den Fokus.

Denn in unmittelbarer Nähe zum Hamburger Hauptbahnhof hat das „Werkhaus 2.0“ einen Platz gefunden. Im ehemaligen Karstadt Sport Gebäude, das bis zum Jahresende von der Hamburger Kreativgesellschaft als „Raum für kreative Zwischennutzung“ genutzt wird, hat das Kunstprojekt um Initiator Günter Westphal einen Info- und Beratungskiosk für Obdachlose eingerichtet – direkt am Eingang im Erdgeschoss. Im Rahmen des Jubiläums „41 Jahre Kunst im öffentlichen Raum“ hat das „Werkhaus 2.0“ sich bei einer Ausschreibung durchgesetzt und eine Förderung erhalten. In dem Gebäude unweit des Hauptbahnhofs hat Günter Westphal einen Info- und Beratungskiosk eingerichtet – direkt am Eingang im Erdgeschoss.  

Werkhaus 2.0: Eine Anlaufstelle für Obdachlose

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Bis Ende Dezember 2022 gibt es den „Raum für kreative Zwischennutzung“ im ehemaligen Karstadt Sport Gebäude in der Mönckebgerstraße (©Felix Willeke)

Der Künstler und Fotograf versteht sein Projekt auch als Kunst, obwohl er ein ganz anderes Ziel im Visier hat. Er will eine dauerhafte Herberge für Obdachlose ganz in der Nähe einrichten – vor allem, nachdem das Wohnungslosenprojekt „Die Mission“ nach 25 Jahren vor dem Aus steht und der ambulante Stützpunkt der Caritas für Obdachlose im August 2018 aufgrund von Modernisierungsmaßnahmen weichen musste. Seit dem 20. Oktober 2022 und bis voraussichtlich Mitte Dezember ist der Kiosk geöffnet. Zunächst sollte es vor allem eine Anlaufstelle für junge Obdachlose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Erwachsene sein. Doch die Betroffenen nehmen das Angebot bisher kaum an. Verwundert ist Günter Westphal darüber nicht. „Wir haben hier kaum Toiletten und durch das Nebeneinander verschiedener Kunstprojekte ist es wahnsinnig laut. Die trauen sich hier nicht rein“, mutmaßt er. Man wolle die Obdachlosen auch nicht wirklich dort haben. Die gesamte Struktur innerhalb des Gebäudes funktioniere nicht: „Künstler, die Geld verdienen wollen, prallen auf Menschen, die sich Gedanken darüber machen, wie sie die Stadt sozial verändern können. Das ist absurd“, sagt er. Dabei ist das „Werkhaus 2.0“ nicht anderes als eine andere Version des 2013 von der Stadtteilinitiative Münzviertel gegründetem Werkhaus Münzviertel, das im Fall des „Werkhaus 2.0“ im Rahmen von „41 Jahre Kunst im öffentlichen Raum“  gefördert wird.  

Werkhaus Münzviertel als soziales Kunstprojekt

Mit dem Werkhaus Münzviertel, das sich im gleichnamigen Quartier befindet, will Günter Westphal beweisen, dass sich Kunst und Soziales nicht ausschließen müssen. Die Werkstätte versteht sich als ein nachbarschaftliches Netzwerk, vorwiegend aus Studierenden. Junge Wohnungslose und Geflüchtete, für die andere soziale Angebote nicht funktionieren, sollen dort möglichst niedrigschwellig einen Platz finden und sich ausprobieren. Die Arbeit unter Anleitung von Künstler:innen in den Bereichen Küche und Gartenbau oder das Werken mit Holz und Textilien soll sie zu einem möglichst selbstbestimmten Leben motivieren. „Im Grunde müsste sowas in jeder Nachbarschaft entstehen“, sagt Günter Westphal. Doch oftmals scheitere es an der Finanzierung. Um die Arbeit des Werkhauses näher vorzustellen, werden an dem zweiten Standort im ehemaligen Karstadt Sport Gebäude Produkte wie Marmeladen, gezüchtete Blumen und bedruckte Tragetaschen präsentiert, die gegen eine Spende erworben werden können. Zugleich soll ein öffentlicher Ort geschaffen werden, um mit Ausstellungen, Filmvorführungen und Diskursen auf die Situation rund um den Hauptbahnhof aufmerksam zu machen.

„Im Grunde müsste sowas in jeder Nachbarschaft entstehen“ Günter Westphal

 

Ausstellungen, Filmvorführungen und Diskurse

Für November hat das Zentrum für Zukunft, das aus dem Bündnis Stadtherz hervorgegangen ist, bereits einige Veranstaltungen geplant. Am Donnerstag, den 10. November, eröffnet um 19 Uhr eine Fotoausstellung des Straßenmagazins Hinz&Kunzt mit dem Titel „Blaue Betten auf Beton“. Am 17. November diskutieren Günter Westphal und der Konzept-Künstler Michael Kress ab 19 Uhr darüber, inwiefern Kunst und Soziales zusammenpassen. Und am 18. November sprechen Kunstvermittlerin Veronika Schöne und Günter Westphal ab 16 Uhr über das Werkhaus-Projekt. Am 19. November sind Interessierte um 18 Uhr zu einem Diskurs zum Thema „Künstlerische Maßnahmen gegen die Kälte“ eingeladen. Dabei soll auch die Dokumentation über den Aktionskünstler Christoph Schlingensief mit dem Titel „Freund! Freund! Freund“ vorgestellt werden, auch die Filmemacher werden zu Gast sein. Das Bündnis Stadtherz lädt am 23. November schließlich zu einem Diskurs zum Thema „Soziale Stadtplanung rund um den Hauptbahnhof“, bei dem Regisseure Irene Bude und Olaf Sobczak ihren Film „Alles muss raus“ aus dem Jahr 1999 vorstellen.


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Kunst im öffentlichen Raum: Gefährliche Nachbarschaften

„Wie verändert sich die Skulptur, wenn ein Polizist daneben steht?“ Diese Frage ist das Leitmotiv für die neue Kunstausstellung des Park Fiction Komitee. Unter dem Titel „Gefährliche Nachbarschaften“ werden auf St. Pauli Werke von 17 internationalen Künstler:innen gezeigt

Text: Felix Willeke

 

2005 wurde der Park Fiction eröffnet und zur gleichen Zeit begann der damals CDU-geführte Senat damit, Gefahrengebiete einzurichten. Diese gibt es seit 2014 nicht mehr, denn sie heißen heute „Gefährliche Orte“ und sind polizeirechtlich leicht verändert. Dazu kommt auf St. Pauli seit 2014 auch die „Task Force Drogen“, die regelmäßig durch den Stadtteil geht und damit ist St. Pauli zusammen mit der Bezeichnung „Gefährlicher Ort“ stigmatisiert worden, sagt Margit Czenki. Sie ist Co-Kuratorin der neuen Ausstellung „Gefährliche Nachbarschaften“, die das Park Fiction Komitee zusammen mit 17 internationalen Künstler:innen auf St. Pauli eingerichtet hat. Vom 2. bis 27. November 2022 widmet sich die Ausstellung eben jener Stigmatisierung des Stadtteils.

Vom Neuen Pferdemarkt bis zum Fischmarkt  

Dabei spannen die Werke einen dramaturgischen Bogen vom Neuen Pferdemarkt bis zum Fischmarkt. Es beginnt mit einer Arbeit von Hans D. Christ. Der Direktor des Württembergischen Kunstvereins setzt am Neuen Pferdemarkt die Beleuchtungs- und Anti-Corner-Politik ins Verhältnis zum übergeordneten Kontrollregime zu den Protesten im Sommer 2020 im Stuttgarter Schlossgarten, die es anlässlich einer rassistische Polizeikontrolle gab.

Am Paulinenplatz fragt sich Autor Niels Boeing in seiner Arbeit: „Wie verändert sich das Treffen (das Gespräch), wenn ein Polizist daneben steht?“ Er nimmt dabei eine vermeintlich verloren gegangene informelle Freiheit im Viertel auf und verknüpft sie mit der hohen Polizeipräsenz.

Die Polizei mische „sich in unglaublich viele Dinge ein, was früher so nicht passiert ist“, sagt Christoph Schäfer, einer der Co-Kuratoren der Ausstellung. Er selbst zeigt in seiner Arbeit eine Alltagsszene entlang der Silbersacktwiete: Zwei Beamte der Task Force nehmen die gesamte Breite des Gehsteigs in Anspruch und die Bewohner:innen müssen mit Einkäufen in der Hand über die Straße ausweichen. 

Der Rundgang endet mit einem utopischen Blick zurück nach vorn. Die vier Bilder der Fotografin Simone Bergmann aus ihrem Zyklus „Isle of Wight“ aus dem Jahr 1970 zeigen Menschen, wie sie scheinbar magnetisch angezogen auf einem Punkt zusammenströmen. Damit soll das forderungslose Zusammenkommen symbolisiert werden. Dieses stehe am Ursprung fast aller demokratischer Bewegungen der letzten zwölf Jahre – sei es der Arabische Frühling, die Proteste im Gezi-Park oder die Besetzung von öffentlichen Plätzen in Spanien.

Gefährliche Nachbarschaften Hans D. Christ/Park Fiction Komitee

Hans D. Christ thematisiert die Beleuchtungs- und Anti-Corner-Politik im Gegensatz zum Einsatz der Polizei im Stuttgarter Schlossgarten im Sommer 2020 (©Hans D. Christ/Margit Czenki für Park Fiction)

Kunst im öffentlichen Raum

Für den 6. November um 15 Uhr ist ein Rundgang durch die Ausstellung mit dem Co-Kurator Christoph Schäfer geplant. Startpunkt ist der Neue Pferdemarkt. Die Führung wird mit englischer Übersetzung angeboten und ist kostenlos. 

Die Ausstellung „Gefährliche Nachbarschaften“ ist eine von sechs Kunstausstellungen im öffentlichen Raum, die im Rahmen des Programms „41 Jahre Kunst im öffentlichen Raum“ von der Behörde für Kultur und Medien gefördert werden. 


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Eine Stadt wird bunt: Graffiti in Hamburg

Wusste Anfang der 1980er-Jahre noch niemand was ein Piece ist, ist Graffiti heute im Mainstream angekommen. Die neue Ausstellung „Eine Stadt wird bunt“ im Museum für Hamburgische Geschichte zeigt die Geschichte der ehemaligen Subkultur in Hamburg von 1980 bis 1999

Text: Felix Willeke

 

„Seit 2000 ist Graffiti absolute Popkultur“, sagt Mirko Reisser. Er ist einer von vier Kuratoren der neuen Ausstellung „Eine Stadt wird bunt“, die vom 2. November 2022 bis zum 31. Juli 2023 im Museum für Hamburgische Geschichte zu sehen ist. Dabei zeigt das Museum erstmals eine Ausstellung zur Entstehungsgeschichte der Graffiti-Kultur in Hamburg. Fast 500 Exponate – darunter Fotos, Skizzenbücher, Sprühdosen, Magazine, Schallplatten und szenetypische Accessoires – haben die Kuratoren Oliver Nebel, Frank Petering, Mirko Reisser und Andreas Timm zusammengestellt. Mit der Ausstellung will das Museum „neue und für die Stadtgesellschaft relevante Themen setzen“, sagt Prof. Bettina Probst, Direktorin des Museums für Hamburgische Geschichte.

 

Ein Buch als Inspiration

Graffit Ausstellung „Eine Stadt wird bunt“ Museum für Hamburgische Geschichte

B-Base, Gewinner eines Graffiti-Wettbewerbs der S-Bahn von 1989 (©Werner Mr. W-Skolimowski/EINE STADT WIRD BUNT)

Die Arbeit an der Ausstellung begann dabei schon mit der Recherche zu dem Buch „Eine Stadt wird bunt“, dass die vier Kuratoren 2021 im Eigenverlag herausgebracht haben. Hierfür recherchierten sie über sechs Jahre nach Spuren der Graffitigeschichte der Hansestadt und trugen am Ende über 400.000 Fotos, Skizzen und Zeitungsartikel zusammen. Entstanden ist ein 560 Seiten dickes „Standardwerk für Graffiti“, wie es die TAZ bezeichnete.

 

Vom ersten Piece bis zu Eizi Eiz

Die Ausstellung zeigt dabei nur einen Ausschnitt des Buches und dazu noch Exponate, die im Buch nicht zu finden sind. Die Schau beginnt mit einem Hamburg in den 1980er-Jahren, das noch von vielen Freiflächen geprägt war. Neben digitalisierten Skizzenbüchern gehört das originalgetreu rekonstruierte Zimmer eines Hamburger Jugendlichen, der in den 1980er Jahren zum Sprüher wurde, zu den Highlights. Dazu schaffen es die Kuratoren auch die Brücke zwischen Graffiti und HipHop zu schlagen. Waren es unter anderem Filme wie „Wild Style“ aus dem Jahr 1983, die die Szene in Deutschland inspirierten, wurde Graffiti in Hamburg schnell zu einem Teil der Hip-Hop-Kultur und ist bis heute mit ihr verbunden. So wundert es auch nicht, dass in der Ausstellung Musiker zu Wort kommen. Darunter  Jan Delay alias Eizi Eiz, der seit den 1990er-Jahren und damals noch als einer der Absoluten Beginner (heute Beginner) ein Teil der Szene ist.

Graffit Ausstellung „Eine Stadt wird bunt“ Museum für Hamburgische Geschichte Jan Delay

Die Absoluten Beginner (v.l.n.r. DJ MAD, Eizi Eiz, Denyo und Mardie) in der Fabrik in Ottensen am 5. März 1993 (©Ulli Mehlich/EINE STADT WIRD BUNT)

 

Die Ausstellung in der Stadt

„Wir wollen das Haus mit der Stadt stärker vernetzen“, sagt Prof. Bettina Probst und deswegen gibt es zur Ausstellung auch eine App (erhältlich für Android und iOS). In der App „Eine Stadt wird bunt“ sind über 50 Spots in der ganzen Stadt verzeichnet, an denen sich noch heute die Entstehung der Graffitikultur in Hamburg nacherleben lässt. 

 

Ein umfangreiches Begleitprogramm

Neben der App gibt es auch noch mehr Begleitprogramm zur Ausstellung „Eine Stadt wird bunt“. So sind unter anderem Gespräche und Vorträge und Kuratorenführungen geplant und ab März 2023 soll es auch zehn Graffiti-Workshops geben. Hier kann man sich dann selbst einmal unter der Leitung von Kurator und Graffitikünstler Oliver Nebel an einer eigens installierten Wand ausprobieren. Außerdem versuchen die Kuratoren die Graffitibuch- und Magazin-Messe „Unlock Book Fair“ sowie die „The TAG Conference“, die sich mit Schrift im öffentlichen Raum beschäftigt, 2023 nach Hamburg zu holen.


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fluctoplasma: Diskurs, Kunst und Diversität

Vom 27. bis 30. Oktober bietet das Kulturfestival fluctoplasma Künstler*innen, Speaker*innen und Aktivist*innen eine Bühne für diverse Perspektiven

Text: Katharina Stertzenbach

 

fluctoplasma: Hamburgs Festival für Kunst, Diskurs und Diversität ist ein interdisziplinäres Kulturfestival, das 2022 bereits zum dritten Mal in Hamburg an sechs Spielorten stattfindet. Hauptspielstätte ist in diesem Jahr erstmals das Museum am Rothenbaum – Kultur und Künste der Welt (MARKK). Der Name des Festivals ist eine Anspielung auf den Begriff „fluide Gesellschaft“, womit in der Wissenschaft auf problematische Verhältnisse in den hochindustrialisierten Volkswirtschaften hingewiesen wird. fluctoplasma beschäftigt sich mit Kapitalismus, Kolonialismus, Patriarchat, Rassismus und der Gewalt, die von diesen und anderen Systemen ausgeht. fluctoplasma bietet vor allem Raum und Gelegenheit für den Austausch mit den Künstler*innen aber auch für die Besucher*innen untereinander. 

Retelling Utopia

Das Motto des Festivals für 2022 ist „retelling utopia“. Und getreu dieser Maxime stellen über hundert Künstler*innen in Ausstellungen, Konzerten, Filmvorführungen, Installationen, Spoken-Word-Performances und vielem mehr ihre Perspektiven für ein Zusammenleben in Vielfalt vor: Welche Utopien von Gemeinschaft haben ausgedient, vertragen ein Update oder verlangen nach inklusiveren Grundgedanken als die der europäischen Aufklärung? Auf diese wichtigen Zukunftsfragen versucht das fluctoplasma 2022 mit den teilnehmenden Künstler*innen und Besucher*innen Antworten zu finden.

Tickets gibt es in drei Preiskategorien: allgemeine Tickets für einzelne Events; ein Festival-Tickets für alle Veranstaltungen; und Mediathek-Tickets für den rein digitalen Festivalgenuss.   


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Atmen: Von wegen nur Luft!

Von biblischen Metaphern zu Black Lives Matter: „Atmen“ ist die erste große Ausstellung weltweit, die zu diesem Thema Werke der Alten Meister mit der Kunst der Gegenwart zusammenbringt. Ein Gespräch mit der Kuratorin Brigitte Kölle über die politische Dimension des Atmens, kontaminierte Seifenblasen und Pandemie – und warum es ein gutes Zeichen ist, wenn wir nicht auf unseren Atem achten

Interview: Sabine Danek

 

SZENE HAMBURG: Brigitte Kölle, die Ausstellung „Atmen“ spannt einen beeindruckend weiten Bogen. Wie ist er entstanden?

Brigitte Kölle: In den letzten Jahren habe ich eine Reihe von Ausstellungen an der Kunsthalle kuratiert, die sich mit gesellschaftlich relevanten, teils auch tabuisierten Themen beschäftigen. „Besser scheitern“ machte den Anfang, dann kam „Warten“, dann „Trauern“. Für „Atmen“ habe ich meine Kollegin Sandra Pisot, die in der Kunsthalle die Sammlung der Alten Meister betreut, gefragt, ob wir nicht die Ausstellung gemeinsam machen wollen. Ich finde es spannend zu untersuchen, wie sich Künstler:innen mit kollektiven Erfahrungen auseinandersetzen – und wie sie das über die Jahrhunderte hinweg tun.

Hat sich das Bild des Atems über die Jahrhunderte grundsätzlich verändert?

Vieles von dem, was unsere Sicht bestimmt, ist schon vor Jahrhunderten angelegt. Beispielsweise das Verständnis des Atmens als Lebensspender, als Zeichen der Kreativität und Inspiration, als Voraussetzung für Kommunikation und Sprache. Die Problematisierung des Atmens hat sich heute jedoch verschärft: Umweltverschmutzung, Industrialisierung, der ungleiche Zugang zu frischer Luft, die Luft als Medium der Kontrolle, der Disziplinierung und der rassistischen Gewalt und vieles mehr. Das Atmen hat eine gesellschaftspolitische Relevanz und diese tritt heute deutlicher zutage. Und natürlich haben sich die Medien und Formen der Kunst selbst verändert. Wo es früher Bilder und Skulpturen gab, gibt es jetzt Soundpieces, Videos, Fotografien, Rauminstallationen, performative Werke.

„Das Atmen ist unsere unmittelbarste Beziehung zur Welt“

Sie sagen, dass „Atmen immer eine – mehr oder weniger offensichtliche – gesellschaftspolitische Aussage trifft“.

Es ist entscheidend, ob die Atmung als ein allgemeines Recht aller verstanden wird oder ein ungleich verteiltes Gut ist. Das haben wir in der Pandemie in der Frage nach dem Zugang zu nötigen Beatmungsgeräten erfahren. Und nicht von ungefähr ist der Satz „I can’t breathe“ zu einer sprichwörtlichen Anklage von institutioneller, rassistischer Gewalt geworden.

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Markus Schinwald: Phoebe, 2017 (Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2022)

Gerade auch durch die Pandemie ist der Atem viel stärker in unserer Bewusstsein gelang. Gibt es Arbeiten, die das thematisieren?

Am stärksten – so finde ich persönlich – ist unsere Erfahrung von Corona in den Bildern von Markus Schinwald erlebbar, die er interessanterweise jedoch einige Jahre vor COVID-19 angefertigt hat. Es sind alte Porträts, in die Schinwald Masken, Zangen, Stützen malerisch eingefügt hat. Das Interessante dabei ist jedoch nicht die Parallele zu den Attributen der Pandemie, sondern der Riss in unserer Beziehung zur Welt, den Corona erzeugt hat und für den Schinwald eine Bildsprache entwickelt hat. Das Atmen ist, wie es der Soziologe Hartmut Rosa formulierte, unsere unmittelbarste Beziehung zur Welt. Diese unhinterfragte, und oft unbewusste Form der Wechselbeziehung ist nun infrage gestellt worden.

„Vielleicht versuchen manche sogar die Luft anzuhalten“

Die Ausstellung erstreckt sich durch weite Teile der Kunsthalle. Zentral ist die radikale Installation von Teresa Margolles.

„En el Air“ ist eine unglaublich bezaubernde und zugleich schockierende Arbeit. Sie besteht aus Seifenblasen, die im Lichthof der Galerie der Gegenwart auf die Besucher:innen fallen. Schillernd, leicht, verführerisch. Doch die Seifenlauge ist mit einem Stoff infiziert, der wiederum mit den Orten von Gewalttaten in Berührung gekommen ist. Plötzlich bekommen die schönen Seifenblasen etwas Bedrohliches, Kontaminiertes. Wir können ihnen jedoch nicht ausweichen, sie zerplatzen auf unserer Haut, unserer Kleidung. Vielleicht versuchen manche sogar die Luft anzuhalten, um sie nicht einzuatmen, aber wir spüren, dass wir uns nicht entziehen können. Dass alles miteinander zusammenhängt und nicht unabhängig voneinander existiert. Von jeher sind Seifenblasen ein Sinnbild für die Vergänglichkeit des Lebens. Teresa Margolles fügt dem eine zwingende Komponente hinzu, die uns keine Möglichkeit zur Flucht gibt.

Auch Forensic Architecture haben eines ihrer Werke auf die Schau zugeschnitten.

Mit ihrer Arbeit „Cloud Studies“ untersucht Forensic Architecture Formen der Kriegsführung von Staaten und Unternehmen durch die Luft. Herbizide, Tränengas, Phosphor – allesamt Substanzen, die sich schlecht nachweisen lassen, da sie ihre Form verändern und eh fast unsichtbar sind. Anhand von Wolkenformationen versucht Forensic Architecture diese bildlich „zu fassen“ und zieht hier Parallelen zur Tradition der Wolkenbilder in der Kunstgeschichte. Wir haben daher ganz bewusst romantische Wolkenstudien von Caspar David Friedrich und anderen daneben gehängt. Plötzlich sieht man die so vertrauten Bilder mit anderen Augen!

Andreas Greiner hingegen hat, wie manche andere, extra eine Arbeit entwickelt.

Auf dem Vorplatz der Hamburger Kunsthalle stehen zwei riesige Platanen. Letzten Herbst haben wir Samenkugeln gesammelt, die Andreas Greiner in seinem Berliner Atelier über einige Monate gehegt und gepflegt hat. Die inzwischen ungefähr 15 cm großen Setzlinge sind in schwarze NASA-Säcke gepackt, die von der Decke hängen und gleichsam im Raum schweben. Sie begrüßen die Besucher:innen und machen auf den Kreislauf von Sauerstoff- und Kohlendioxid-Produktion aufmerksam, auf das faszinierende, aber auch fragile Ineinandergreifen von Mensch und Natur.

Lee Ufan koppelt den Malprozess an seinen eigenen Atem

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Natalie Czech: True Fact, 2020 (Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2022)

Gibt es ein Werk, das Sie besonders überrascht hat?

Heute haben wir einen Raum mit Arbeiten von Lee Ufan eingerichtet. Er koppelt den Malprozess an seinen eigenen Atem: Beim Ausatmen setzt er einen Pinselstrich auf die Leinwand. Das sind sehr reduzierte und minimalistische, ja meditative Arbeiten, die eine enorme Präsenz im Raum entwickeln. Ungeheuer stark. Und es ist schon verrückt zu erleben, wie man intuitiv und emphatisch den eigenen Atemrhythmus dem des Künstlers angleicht.

In die Stadt hinein wird Jenny Holzers Arbeit „I can’t breathe“ leuchten, die an die Wand der Galerie der Gegenwart projiziert wird. Wie kam es dazu?

Jenny Holzer ist mit ihrem LED-Laufband, das sie bei Einrichtung der Galerie der Gegenwart vor 25 Jahren anbrachte, der Kunsthalle sehr verbunden. In der Ausstellung sind drei kleine bronzene Textarbeiten zu sehen. Und am 19. November wird sie eine riesige Außenprojektion auf die Galerie der Gegenwart werfen, die sie so noch nie realisiert hat: Es sind die letzten Worte von George Floyd und viele Namen der Opfer von rassistischer Gewalt. Das ist eine ephemere Arbeit, aber ein starkes Statement. Wegsehen geht nicht.

Wird man nach dem Besuch der Ausstellung anders auf seinen Atmen achten?

Ja, ganz bestimmt. Aber dann werden wir das Atmen auch wieder vergessen. Das ist doch gerade das Faszinierende: Wenn wir nicht auf unseren Atem achten, wenn er einfach so vonstattengeht ohne viel Beachtung oder Aufhebens, dann ist alles in Ordnung.

„Atmen“, noch bis zum 15. Januar 2023 in der Hamburger Kunsthalle


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World Press Photo 2022

Die preisgekrönten Fotografien des weltweit größten Fotowettbewerbs „World Press Photo“ sind in einer Wanderausstellung im Altonaer Museum vom 21. September bis 17. Oktober 2022 zu sehen 

Text: Katharina Stertzenbach

 

Bereits seit 1955 zeichnet die Stiftung World Press Photo die besten internationalen Pressefotografien aus dem jeweiligen Vorjahr aus. Die Themenauswahl reicht dabei von Umweltproblemen über politische Auseinandersetzungen bis zu Momenten aus dem Alltag. Die Wanderausstellung wird jährlich in mehr als 80 Städten weltweit gezeigt und von über einer Million Menschen besucht.

Das Gewinnerfoto 2022: „Kamloops Residential School“

Präsentiert wird die Ausstellung in Hamburg seit 25 Jahren von den Magazinen „Geo“ und „Stern“ und findet 2022 im Altonaer Museum statt. Das diesjährige Gewinnerfoto „Kamloops Residential School“ der Fotografin Amber Bracken erinnert an das Schicksal vieler Kinder indigener Gemeinschaften Kanadas, die häufig missbraucht und getötet wurden. Mindestens 4.100 Kinder starben in Internaten wie der Kamloops Indian Residential School.

 


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Hippocampus Kunstfestival: Skulpturen-Projekt

Das Hippocampus Kunstfestival bringt zusammen mit dem Verein „Hallo“ und der Galerie Oel-Früh Kunst an ungewöhnliche Orte

Text: Sabine Danek 

Der gemeinnützige Verein „Hallo“ macht unzugängliche Orte für die Öffentlichkeit nutzbar. In diesem Sommer gemeinsam mit der Galerie Oel-Früh und dem Hippocampus Kunstfestival, das jetzt in seine zweite Runde geht. Benannt nach einem zentralen Teil unseres Gehirns, der in seiner Form dem Seepferdchen gleicht, steht er für Impulse, für lebenslanges Lernen und ein Miteinander.

Ein Zeichen setzen

Das Festival findet auf dem Vereinsgelände der alteingesessenen und engagierten Rudervereinigung Bille statt, die von städtebaulichen Veränderungen bedroht ist. Auch darauf möchte das Festival aufmerksam machen – und das mit einem Skulpturen-Projekt auf einer Grünfläche, die sich zwischen einer stark befahrenen Straße, dem Billebecken und dem Vereinshaus befindet.

Das Who is Who der Kunstszene

Ein Who is Who der Kunstszene ist dort vertreten: Die Bühne für die verschiedenen Konzerte besteht aus einer Sozial-Skulptur von Jan Köchermann, die gleichzeitig Pavillon und Erholungsort ist. Eine Soundinstallation von Felix Mayer simmert aus den Bäumen, Marc Einsiedel und Felix Jung entwickeln eine ortspezifische Skulptur, Minú errichtet Skatespots und Supinice lassen eine aufblasbare Skulptur schweben. Das sind nur einige der Arbeiten und dazu gibt es Live-Musik und All-Stars DJ-Sets und zur Finissage wird es dampfen. Da werden die Heilkräuter, die Julia Nordholz während der Ausstellung als Skulptur hat wachsen lassen, geerntet, als Saunaaufguss verwendet und als Tee gereicht.

Hippocampus Kunstfestival: Skulpturen Projekte. 17. bis 24. September 2022 auf der Grünfläche Bei der Grünen Brücke 3. Eröffnung am 17. September ab 15 Uhr, Finissage am 24. September ab 15 Uhr, dazwischen täglich bis 24 Uhr geöffnet


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Kunst für die Freiheit

Die Ausstellung „Ein Jahr Taliban“ zeigt Gedichte, Bilder und Eindrücke aus dem Land, indem vor mehr als einem Jahr die Taliban die Macht übernommen haben. Ein Gespräch der Aktivistin und Organisatorin Juliane Bandelow  

Interview: Katharina Stertzenbach

 

Juliane Bandelow unterstützt Menschen in Afghanistan. Mit der Kunstausstellung „Ein Jahr Taliban“, möchte sie Afghaninnen und Afghanen eine Stimme geben und auf ihre Situation aufmerksam machen. Im Gespräch erzählt sie, inwieweit ihr Engagement etwas bewegt und welche Steine ihr in den Weg gelegt werden.

 

SZENE HAMBURG: Juliane, wie hast du die Künstler:innen für die Ausstellung gefunden?

Juliane Bandelow die Organisatorin der Ausstellung „Ein Jahr Taliban“ (Foto: privat)

Juliane Bandelow, die Organisatorin der Ausstellung „Ein Jahr Taliban“ (Foto: privat)

Ich bin seit einiger Zeit Mitglied in einer Telegram-Gruppe, in der sich explizit afghanischen Frauen austauschen. Mit der Zeit haben einige angefangen, mir ihre Geschichten zu erzählen. Das war so eindrücklich, dass ich die Idee hatte, diese Geschichten weiter erzählen zu wollen. Da hat es gepasst, dass die Frauen mir ohnehin schon Gedichte und Fotos geschickt hatten, die ihre Situation illustrieren und zeigen, wie sich ihr Leben seit der Machtübernahme der Taliban vor einem Jahr verändert hat. Daraus ist dann die Kunstausstellung „Ein Jahr Taliban“ entstanden. Dadurch können die Frauen ihre Situation in Afghanistan auch einem deutschen Publikum näherbringen. 

 

Zunächst war die Ausstellung ausschließlich für Künstlerinnen konzipiert. Jetzt sind in der Artstadt auch Werke von Künstlern ausgestellt. Wie kam es dazu?

Das Stimmt. Zunächst hieß die Ausstellung auch „Die Stimme der Frauen“. Dann habe ich aber einen afghanischen Künstler kennengelernt, der Frauen gemalt hat. Auch seine Bilder spiegeln die Situation der Frauen in dem Land wider. Die Kunst passte perfekt zu den Arbeiten der Frauen und so kam es, dass wir auch Kunst von männlichen Künstlern zeigen.  

Die Situation der Frauen

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Ein Bild von dem afghanischen Künstler Samir Qasimi

Profitieren die Kontakte in Afghanistan von der Ausstellung? 

Aktuell noch nicht. Wir haben zwar für ein paar Künstler einen Antrag auf Ausreise nach Deutschland ans Auswärtige Amt gestellt. Einige konnten auch bereits ausreisen, aber nicht nach Deutschland. Aktuell sind sie im Iran und Tadschikistan und befinden sich dadurch nicht mehr in unmittelbarer Lebensgefahr. 
Die Situation der Frauen ist allerdings komplizierter. Ihnen wird die Ausreise , anders als bei den Männern, oft nicht gestattet. Sie können auch nicht einfach flüchten – das wäre zu gefährlich. Meistens machen das die Männer erstmal allein und versuchen ihre Frauen dann nachzuholen. Die Frauen sind also buchstäblich in Afghanistan gefangen. 

 

Was möchtest du über die direkte Hilfe hinaus mit der Ausstellung bewirken?

Ich möchte Menschen in Afghanistan und besonders den Frauen eine Stimme geben. 
Außerdem freue ich mich, wenn die Ausstellung wächst und noch mehr Afghaninnen und Afghanen ihre Geschichten mit Hilfe von Kunst erzählen. Darüber hinaus sind wir auch eine Vernetzungsplattform. Ich wünsche mir, das Menschen zusammenfinden, die wissen wie man explizit Künstler:innen in Afghanistan helfen kann. Aktuell gibt es kaum Initiativen für Künstler:innen. Viele von ihnen waren in Afghanistan durch ihre Arbeit auch gleichzeitig politisch aktiv. Das macht die Situation unter den Taliban für sie gefährlich. Mein Wunsch wäre es, das wir eine Organisation oder einen Verein gründen können um den Künstler:innen direkt zu helfen. 

Die Ausstellung „Ein Jahr Taliban“ ist noch bis zum 26. September 2022 in der Artstadt zu sehen. Zudem wurde eine betterplace -Kampagne gestartet, über die Spenden für die Künstler:innen gesammelt werden.

 


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Kunsthaus Hamburg: Das Gesicht der Erde

Patchworkdecken, die sich in eine Wüstenlandschaft verwandeln, Sandtafeln und Trockeneissounds: Wir sprachen mit Katja Schroeder, Künstlerische Leiterin des Kunsthauses, über die Ausstellung Sand !Hū Sand, die von indigener Kultur und Kolonialgeschichte bis auf den Mars führt

Interview: Sabine Danek

 

SZENE HAMBURG: Katja Schroeder, mit Sand !Hū Sand ziehen nicht nur Wandarbeiten und Installationen ins Kunsthaus, sondern auch Musik und Performances. Wie ist die Ausstellung entstanden?

Katja Schroeder: Es ist mittlerweile einige Jahre her, dass ich Ruth May eingeladen habe, eine Ausstellung zu entwickeln. Sie ist bildende Künstlerin, hat an der HFBK studiert und arbeitet mit Zeichnungen und Stoffen. Damals hatte sie gerade das Theaterprojekt „Das Haus der Herabfallenden Knochen“ mit Peter Thiessen von der Hamburger Band Kante und den Künstler:innen von Khoi Konnexioin aus Kapstadt und Nesindano Xhoes Namise aus Windhoek auf Kampnagel realisiert. Bei ihrer gemein­samen Arbeit ist so viel entstanden, das über das Bühnenprojekt hinausging, dass sie gerne daran anknüpfen wollte. So kam dieses Folgeprojekt mit bildender Kunst, Musik und Performances zustande.

Was wird man hören?

Neben Sounds, die extra für die Ausstellung entstanden sind und die man auswählen und auf Plattenspielern abhören kann oder einem „Soundtrack“, der auf Soundcloud zur Verfügung steht, gibt es Bogen­-Instrumente, die Garth Erasmus baut, spielt und auch einen Workshop dazu veranstaltet.

 

Bogen-Instrumente und die indigene Herkunft

 

Diese Instrumente haben eine lange Kultur, die wie viele andere indigene Traditionen durch die Kolonial­zeit verschüttet wurde. Das Bauen und Spielen der Bogen-­Instrumente ist das erneute Aneignen der eigenen indigenen Herkunft. Die Instrumente sind Ausstel­lungsobjekte, aber werden dann auch tatsächlich in Performances und Konzer­ten benutzt. Ganz so wie die Installationen von Peter Thiessen und sein kreischendes Trockeneis, das zu hören ist.

Wie wichtig ist es, dass Künstler:innen aus verschiedenen Kontinenten zusammengekommen sind?

Das ist entscheidend für das Projekt. Die Auseinandersetzung mit der Ge­schichte unterscheidet sich abhängig davon, ob man in Deutschland, in einem Township in Kapstadt oder in Namibia lebt. Und gerade mit Namibia verbindet uns ja eine sehr tragische Kolonialge­schichte. Wie setzt man sich damit auseinander? Wie redet man darüber? Ruth May und Peter Thiessen waren mehrfach vor Ort und haben sich mit den Künstler:innen dort ausgetauscht.

Die koloniale Prägung dort ist nicht zu übersehen. Sogar dieselben Kacheln wie in Hamburger Altbauten haben sie vor Ort gefunden. Weil sie aus Wüstensand keine Häuser bauen konnten, haben die Kolonialherren europäischen Sand dorthin gebracht und sich eingerichtet wie in Hamburg. Dieses Wiedererkennen und diese Vertrautheit gehen natürlich mit einem großen Unbehagen einher.

 

Die Wüste Namibias

 

In Ihrer Ankündigung führen Sie eindrücklich aus, dass Sand quasi überall zu finden ist, von der Wüste zu den Meeren, in Technologie und Asphalt. !Hūai, „Das Gesicht der Erde“, wird er in Namibia und Südafrika genannt. Kommt Sand auch als Material selbst in der Schau vor?

Ja, und das auf unterschiedliche Weise. Seit vielen Jahren arbeitet Garth Erasmus an Bildern aus Sand. Sie sind ganz verschieden schattiert und die Abdrücke darauf wirken wie Spuren. Und sie führen in die unterschiedlichsten Richtungen. In Namibia ist die Wüste nicht nur Lebensraum von Garth’ indigenen Vorfahren, der Khoisan, gewesen, sondern auch Schauplatz von Genozids und Diamantenraub. Gleichzeitig ist der Sand Grabstätte. Doch die Toten kamen nicht zur Ruhe, da sogenannte „Rassenforscher“ dort nach Knochen gruben.

Aber auch mit seinen Trockeneissounds spannt Peter Thiessen den Bogen zu dem größten bekannten Haufen Sand des Universums – dem Mars, dessen Polkappen im Winter Trockeneis bilden. Die große Patchwork-Arbeit von Ruth May hingegen arbeitet mit dem Idealbild, das wir von Natur haben. Wirken die einzelnen Stoffflicken aus der Nähe wie Pixel, werden sie in der Distanz zur Wüstenlandschaft.

Es gibt es ein umfassendes Veranstaltungsprogramm. Aber auch während der regulären Öffnungszeiten kann es sein, dass in der Ausstellung geprobt wird.

Das könnte auf jeden Fall passieren. Es gibt ja jede Woche ein bis zwei Veranstaltungen und dafür wird dann geprobt. Wir sind gespannt, wie das funktioniert. Und auch auf die Performances und Konzerte. Wir hoffen, dass wir ein Kunst- und ein Musikpublikum zusammenbringen können. Und das nicht auf einer Bühne auf der meistens eher dunkel ist, sondern in einem taghellen White Cube. Wir freuen uns sehr darauf.

kunsthaushamburg.de


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Kunst im Phoxxi: The New Abnormal

Die Fotoausstellung im Phoxxi, dem temporären Haus der Photographie der Deichtorhallen vermittelt einen Eindruck vom gegenwärtigen Leben in der Ukraine mit Werken von zwölf ukrainischen Fotograf:innen

Vom 3. September bis zum 6. November läuft die Ausstellung, die in Kooperation mit dem Odesa Photo Days Festival stattfindet. „The New Abnormal“ zielt darauf ab, mit den Fotografien der ukrainischen Dokumentarfotograf:innen und Fotokünstler:innen, das Leben im Angesicht des
Krieges zu vermitteln.

Das Odesa Photo Days Festival wurde 2015 auf künstlerische Reaktion auf den Krieg gegründet, den Russland im Osten der Ukraine begonnen hatte. Sieben Jahren lang fand das Festival statt. Aufgrund des russischen Angriffs im Februar fiel es dieses Jahr allerdings aus. Umso wichtiger ist, dass die Fotografien jetzt in der Ausstellung im Phoxxi zu sehen sind.

deichtorhallen.com


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