Stephanie Lottermoser: Strukturierte Experimente

Stephanie Lottermoser ist Wahlhamburgerin – ein Gespräch über ihr neues Album „In-Dependence“ und den Spagat zwischen Singen und Saxofonspielen

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Stephanie, auf deinem neuen Album „In-Dependence“ ist der Titel Programm, es geht um das große Thema Unabhängigkeit. Die strebst du als Musikerin auch weiterhin in einer von Männern dominierten Branche an. Denkst du, es wird in den kommenden Jahren endlich bahnbrechende Veränderungen diesbezüglich geben?

Stephanie Lottermoser: Völlige Unabhängigkeit kann es ja gar nicht geben. Wir sind immer abhängig von verschiedenen Systemen, Beziehungen, Strukturen sowie inneren und äußeren Faktoren und Einflüssen. Die Unabhängigkeit, die ich anstrebe, ist eine, in der ich so frei wie möglich meine Musik weiterentwickeln, schreiben, veröffentlichen und auf die Bühne bringen kann. Auch hier bin ich von einem überwiegend männlichen System und männlichen Entscheidern umgeben, seien es Plattenfirmen, Veranstalter:innen oder Mitmusiker:innen. Bahnbrechende Veränderungen, denke ich, wird es erst geben, wenn alle Frauen überall auf der Welt ein selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben führen können.

 

Meine größte Erwartung an mich selbst: authentisch sein

Was wäre auf dem Weg dorthin das Wichtigste, was passieren müsste?

Bildung, Aufklärung, Kommunikation, Bereitschaft zur Veränderung und zum gesellschaftlichen Wandel, ein Infrage-Stellen traditioneller Werte- und Gesellschaftsmuster und vor allem eine Zusammenarbeit und ein gemeinsamer Diskurs von Frauen und Männern, von weiblich und männlich gelesenen Personen.

Im Vorfeld der Veröffentlichung von „In-Dependence“ hast du auch vom Ziel gesprochen, dich frei zu sagen von dem, wie andere deine Musik haben wollen. Ist es für dich eine große Herausforderung, dich wegzudenken von Erwartungen an deine Kunst?

Ich weiß nicht, ob man sich als musikschaffender Mensch überhaupt ganz davon frei sagen kann oder ob das erstrebenswert ist. Manchmal höre ich sehr viel Musik, phasenweise auch gar nicht. Sehr oft frage ich mich, wo die Melodien in meinem Kopf eigentlich herkommen, manchmal sind ganze Songs einfach so da, wie ein kleines Wunder. Und die größten Erwartungen an meine Kunst habe sowieso ich selbst. Wenn ich nach einem Konzert mit mir unzufrieden bin, kann mich auch ein Raum voller applaudierender Menschen nicht vom Gegenteil überzeugen. Meine größte Erwartung an mich selbst ist, authentisch zu sein mit dem, was ich spielen und aussagen möchte, und auch das findet ja immer im Spannungsfeld statt zwischen allem, was man schon erlebt und gehört hat und dem, was aktuell auf einen einprasselt.

 

Vom Wiedergeben und Improvisieren

Einmal mehr bist du jetzt als Saxofonistin wie als Sängerin zu hören. Wobei Unabhängigkeit vermutlich viel leichter in der Improvisation am Saxofon als mit einem Text, den es zu singen gibt, entsteht, richtig?

Es gibt viele Kollegen und Kolleginnen, die ganz fantastisch als Sänger:innen improvisieren und ohne Text eher klangmalerisch arbeiten. Das war nie so recht mein persönlicher Zugang. Ich liebe nicht nur Musik, sondern auch Sprache sehr, beides sind große Kunstformen. Insofern stimmt das – ich improvisiere auf dem Saxofon, und wenn ich singe, gebe ich Texte wieder, die ich vorher so geschrieben habe. Allerdings geht es in den Texten dann eben teilweise thematisch um das Thema Unabhängigkeit. Ich brauche diese Kombination aus Experimenten und klaren Aussagen für meine Musik.

Aufgenommen wurde das Album im Quartett. Ging es in der Produktion vor allem um deine musikalische Unabhängigkeit oder sollten alle Beteiligten gleich viele Freiheiten haben?

Ich wähle meine Mitmusiker:innen immer danach aus, mit wem ich mich auf der Bühne am freisten und gleichzeitig am sichersten fühle. Freiheit bedeutet ja nicht das Ausbleiben von jeglicher Struktur, sondern vielmehr eine Struktur, die einem erlaubt, völlig davon wegzugehen, weil sie trotzdem da sein wird. Vertrauen, aufeinander hören, Offenheit und natürlich Zuneigung spielen da auch eine große Rolle. Im Studio sieht das so aus, dass ich die Songs mitbringe und natürlich eine Vorstellung davon habe, wie sie klingen könnten. In der Umsetzung versuche ich, so offen wie möglich für Änderungen und Verbesserungen zu sein, die oftmals erst auftauchen, wenn alle gemeinsam daran arbeiten.

„In-Dependence“ ist am 18. November 2022 bei Leopard erschienen
Live gibt es Stephanie Lottermoser am 24. November um 20 Uhr im Knust zu sehen (Tickets ab 20 Euro)


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Einzigartige Konzertlocation: Die Zeltphilharmonie

Seit dem 5. November 2022 ist die Stadt mit der Zeltphilharmonie im Hamburger Hafen um einen Veranstaltungsort reicher. Von November 2022 bis April 2023 finden in dem Acht-Mast-Zelt zahlreiche Konzerte, Shows und Veranstaltungen statt

Text: Katharina Stertzenbach

 

Bereits 2021 wollten die Veranstalter Morgenwelt und Karsten Jahnke die Zeltphilharmonie auf dem weitläufigen Gelände des Cruise Center Steinwerder eröffnen. Doch aus diesem Vorhaben wurde nichts. Damals waren die Unsicherheiten rund um die Corona-Pandemie noch zu groß. Doch das ist heute anders: Am 5. November 2022 eröffnet das Acht-Mast-Zelt seine Pforten. Zur Premiere ist die Symphonic-Metal-Band Beyond The Black zu Gast

Vielfältiges Programm

Bis zu 4000 Fans können die Konzerte und Veranstaltungen in der Zeltphilharmonie besuchen und für jeden Geschmack ist etwas dabei. Fans der elektronischen Musik können sich zum Beispiel am 13. November auf die Elektropioniere von Moderat freuen. Am 14. November gibt sich der britische Pop-Sänger Rag ‘n’ Bone Man in der Zeltphilharmonie die Ehre. Und am 18. November stattet die deutsche Party-Band Gestört Aber Geil anlässlich ihres zehnjährigen Bandbestehens dem Zelt einen Besuch ab.

Temporäre Veranstaltungslocation

Die erste Saison der Zeltphilharmonie dauert bis zum Frühjahr 2023. Danach wird das Gelände wieder als Parkplatz für das Cruise Center Steinwerder genutzt. Die Sommermonate soll zudem vollkommen den OpenAir Veranstaltungen gewidmet sein. Im Herbst 2023 ist dann wieder Zeit für Konzerte unterm Zeltdach, denn dann startet dann voraussichtlich die zweite Saison der Zeltphilharmonie.

Die Zeltphilharmonie: Ab dem 5. November auf dem Gelände des Cruise Center Steinwerder


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„Alles ist möglich“

Fantasie, Rausch, Melancholie: Alles drauf auf „During My Lunch Break“, dem Debütalbum der Hamburger Jazzband Sir Bradley. Ein Kurz-Interview mit der Bandleaderin und Bassistin Maria Rothfuchs

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Maria, kurz vorweg: Es heißt, der Name eurer Band basiere auf einem Treffen mit der Rennradlegende Sir Bradley Marc Wiggins. Wann und wie war diese Begegnung?

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Die queer-feministische Hamburger Jazzband Sir Bradley (Foto: Steven Haberland)

Maria Rothfuchs: Wenn ich nicht am Bass stehe, sitze ich auf dem Rennrad. Im Sommer 2014 flitzte ich nach sechs Wochen Training auf Mallorca, also ganz gut in Form, zum letzten Mal meinen Lieblingspass hoch. In der vorletzten Kehre schoss plötzlich ein anderes Rennrad in atemberaubender Geschwindigkeit an mir vorbei. Oben auf dem Pass angekommen, erkannte ich, mit wem ich es da zu tun gehabt hatte: Bradley Wiggins, Tour-de-France-Gewinner 2012 – wow!  Ich zog den Helm vor ihm, verbeugte mich und wusste, mein nächstes Projekt wird irgendwie diese Begegnung feiern.

Sir Bradley: Eine queer-feministische Band

Wenn von der Jazzband Sir Bradley zu hören und zu lesen ist, wird immer wieder erwähnt, dass es sich um ein queer-feministisches Kollektiv handelt. Wie wichtig ist euch dieser Zusatz?

Er ist für uns selbstverständlich und wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Alle Musiker*innen (*Frauen, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agende Personen; Anm. d. Red.) dieser Band, die in den 80er-Jahren schon aus den Kinderschuhen rausgewachsen waren, sind seitdem queer-feministisch unterwegs und die Jungen sowieso. Es freut uns aber, in so einer geballten Power auf der Bühne Role Models für alle Finta* sein zu können. Alles ist möglich, zu jedem Zeitpunkt im Leben.

Ihr veröffentlicht euer erstes Album „During My Lunch Break“ zudem bei Pussy Empire Recordings, dem feministischen Label von Sir Bradley-Sängerin Catharina Boutari. Ein gewolltes Statement oder bot es sich durch Catharina einfach an?

Es ist absolut beabsichtigt. Noch nie habe ich ein Label erlebt, dass mit solch einem großen Engagement eine im Grunde unkommerzielle Musik wie unseren Final Straight Jazz unterstützt.

Musikalisch, heißt es, wollt ihr durchweg „demokratisch“ agieren. Ist das immer leicht bei sieben möglichen Solist*innen?

Demokratie bedeutet bei uns nicht mehr und nicht weniger als dass alle Musiker*innen der Band am künstlerischen Prozess beteiligt sind und das immer wieder aufs Neue. So haben wir beispielsweise, dank einer Förderung in diesem Frühjahr, an neuen musikalischen Konzepten, sogenannten Soundpools, gemeinsam gearbeitet, die jetzt starke Auswirkungen auf unsere Musik haben. Bei uns – und im Jazz überhaupt – geht es darum, dass die gesamte Band die jeweilige Solist*in trägt, inspiriert und befeuert. So sind alle am solistischen Prozess beteiligt. Außerdem lassen unsere Arrangements viel Raum für diverse Soli.

„Kommerzieller Erfolg hat nicht zwingend mit der Größe einer Bühne zu tun“

Euer Release-Konzert spielt ihr im recht intimen Rahmen im Haus 73. Dürfen es für euch auch schrittweise größere Auftrittsorte werden oder steht kommerzieller Erfolg bei euch deutlich hinter künstlerischen Ansprüchen?

Sir Bradley hat in den letzten Jahren super gerne auf großen Festival-Bühnen gespielt, zum Beispiel beim Jazz-Baltica, ebenso wie in kleinen Clubs, etwa dem B-Flat in Berlin und dem Hafenbahnhof in Hamburg. Kommerzieller Erfolg hat, unserer Erfahrung nach, nicht zwingend mit der Größe einer Bühne zu tun. Wir alle wären froh, wenn wir angemessen für unsere Arbeit bezahlt werden würden. Unseren künstlerischen Anspruch würden wir aber niemals dem Geld unterordnen. Also nein, wir hätten nichts dagegen, wenn Elbjazz uns im nächsten Jahr einen Slot auf der Hauptbühne gäbe und wir unsere Musik mit vielen begeisterten Jazzfans feiern könnten.

„During My Lunch Break“ erscheint am 14. Oktober auf Pussy Empire Recordings/The Orchard/Timezone
Live gibt’s die Band am 1
5. Oktober um 19 Uhr im Haus 73 (Saal)


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Reeperbahn Festival: Große Sause auf St. Pauli

Nach zwei Pandemie-Editionen brachte das 17. Reeperbahn Festival wieder die volle Ladung Musik auf den Kiez

Text: Janine Pylypchuk 

 

Das größte Club-Festival Europas ist zurück, wie man es kennt: laut, bunt und bestens besucht. Rund 41.000 Besucher:innen lockte das Reeperbahn Festival vom 21. bis 24. September 2022 auf den Kiez. Über 400 Konzerte von Künstler:innen aus mehr als 40 Ländern, zudem 80 Veranstaltungen u.a. aus Kunst und Film: Der Kiez wurde zum Rummelplatz für Live-Kultur-Fans. Ein Highlight: Das Überraschungskonzert von Kraftklub am Mittwoch auf der abgesperrten Reeperbahn vor circa 10.000 Menschen. Auch das Fachpublikum kam auf seine Kosten, etwa 4.300 Kulturschaffende konnten sich über ein ausgedehntes Konferenzprogramm aus Networking-Events, Showcases und Preisverleihungen freuen.

ANCHOR-Award geht an Cassia

Cassia – ANCHOR Award 2022 ©Ilona Henne2-klein

Das Trio Cassia aus Manchester gewann den ANCHOR Award 2022 (Foto: Ilona Henne)

Apropos Preisverleihungen: Den begehrten ANCHOR – Reeperbahn Festival International Music Award erhielt das britische Trio Cassia. Eine Jury, bestehend aus Joy Denalane, Bill Kaulitz, Pabllo Vittar, Pelle Almqvist, Tayla Parx und Tony Visconti, zeichnete die Band aus Manchester am 24. September auf der ANCHOR-Gala aus.

 

Nachdem das erste Festival unter nicht-pandemie Bedingungen erfolgreich zu Ende gegangen ist, freut sich der Kiez schon auf das nächste Reeperbahn Festival, vom 20. bis 23. September 2023. Tickets für die Early Birds gibt es schon jetzt.

Hier der Auftritt der ANCHOR-Gewinner von Cassia:


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Reeperbahn Festival 2022: Die Musikwelt blickt auf St. Pauli

Das Reeperbahn Festival bietet vom 21.–24. September 2022 wieder eine Bühne für Konzerte, Sessions und Networking-Events. Bis zu 40.000 Besucher:innen werden 2022 erwartet.

Text: Katharina Stertzenbach 

 

Von Abby Roberts bis Yael – über 470 Konzerte finden beim diesjährigen Reeperbahn Festival statt. Auf diesen können das Publikum, Musikexpert:innen und Künstler:innen in den Clubs von St. Pauli neue Musik und Talente entdecken. Endlich erreicht das Festival wieder Vor-Pandemie-Charakter und verwandelt St. Pauli vier Tage lang in ein Paradies für Musik-Fans. Dreh- und Angelpunkt ist dabei Festival Village auf dem Heiligengeistfeld. Konzerte gibt es indes auf dem gesamten Kiez, in der Elbphilharmonie, dem Michel und vielen weitern Spielstätten. Dabei reicht das Spektrum der Musik von Jazz über Indie und Country bis hin zu Pop, Punk und Rock.

Musikalische Leckerbissen

Das Reeperbahn Festival war noch nie das Festival der großen Stars, doch hier traten die auf, die später zu Stars wurden. Sei es 2018 die Norwegerin Sigrid, die mittlerweile in Großbritannien zu den Top Acts gehört oder 2011 Ed Sheeran, der beim Reeperbahn Festival seine ersten Schritte in Richtung Superstar machte. Deswegen werden vielen die Acts von 2022 auf den ersten Blick nichts sagen, doch später wird man von ihnen hören. Mit dabei sind in diesem Jahr unter anderem die Britin Anna Calvi, die am 24. September die Elbphilharmonie mit ihrem intensiven Sound füllen wird. Ebenfalls aus London kommt Kokoroko. Die achtköpfige Jazzband will am 23. September im Mojo auch das deutsche Publikum mit ihrer Melange aus Afrobeat, Jazz, Funk und Highlife überzeugen.

Nicht aus London, aber mittlerweile deutschlandweit für ihren Sound und die damit verbundene Party bekannt, dass sind Roy Bianco & die Abbruzanti Boys. Das Sextett als Charmeure eines neuen Italo-Schlagers zu bezeichnen dürfte es treffen und für alle, die nicht glauben können welche Energie diese Musik heute erzeigen kann, sollte am 23. September in den Grünspan oder am 24. September ins Übel & Gefährlich kommen. Doch neben internationalen und süddeutschen Acts darf natürlich auch der lokale Bezug nicht fehlen. Eine der der Künstler:innen aus Hamburg ist Sophia Kennedy. Die aus den USA stammende Singer-Songwriterin kommt mit ihrer Musik, die eine ganze eigene Magie umschwebt, am 24. September in den Mojo Club.

Highlight Speaker aus dem Focus Country USA

Neben der Musik ist das Reeperbahn Festival gleichzeitig Diskussionsraum für aktuelle Entwicklungen der globalen Musikwirtschaft. Highlight Speaker sind 2022 zum Beispiel Daniel Lanois, der Producer von U2 und Neil Young oder Björn Dixgard, Frontmann der schwedischen Rockband Mando Diao. Zudem liest Max Gruber, besser bekannt als Sänger Drangsal, aus seinem literarischen Debüt „Doch“. 2022 liegt der Focus des Festivals auf den USA. Auch deswegen sind verstärkt Acts aus den Verenigten Staaten zu gast. Darunter  die Singer-Songwriterin Caroline Rose und der Soul- und R’n’B-Musiker Charlie Burg.

Reeperbahn Festival, vom 21. bis 24. September 2022 

Tickets gibt es ab 50 Euro

 

 


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„Wir wussten: Das wird was!“

Die Sterne Frontmann Frank Spilker über das neue Album „Hallo Euphoria“ und die Band­-typische textliche Attitüde, Fragen zu stellen, anstatt Urteile zu fällen

Interview: Erik Brandt-Höge

SZENE HAMBURG: Frank, über das neue Die Sterne-Album „Hallo Euphoria“ schreibt Tino Hanekamp, die Musik darauf mache glücklich. Tatsächlich ist die Soundästhetik – bis auf wenige traurig gestimmte Ausnahmen – sehr locker- flockig und gelöst. War dieser glücklich machende Sound auch euer Ziel? Oder ist er im Entstehungsprozess einfach passiert?

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„Hallo Euphoria“ erscheint am 16.9. Am 21.10. spielt die Band im Uebel & Gefährlich ab 20 Uhr (Foto: Britta Jahn)

Frank Spilker: Ich glaube, Lockerheit kann man sich nicht vornehmen, die passiert tatsächlich eher. Es gibt ein paar Parameter in der Musik, die man sich zwar vornehmen kann, aber am Ende klappen sie doch nicht. Groove ist ein gutes Beispiel. Grundsätzlich finde ich es schwierig, das
zu bewerten, was man selbst gemacht hat. Da würde ich jetzt einfach mal Tino vertrauen, der die Band ja schon lange kennt. Das Einzige, was ich sagen kann, ist, dass dieses Album mit einem Bandgefühl aufgenommen wurde. Wir hatten gerade eine Tour hinter uns, waren lange eingespielt. Ein ganz großes Problem bei Produktionen ist ja Versagensangst. Die führt von Anfang an zu einer Angespanntheit – und die hatten wir bei diesem Album überhaupt nicht, weil wir vorher eben schon so gut zusammen funktioniert haben. Wir wussten: Das wird was!

Natürlich gehören auch gute textliche Ideen zu einer gelungenen Produktion. Du hast mal von schwierigen Jahren ab Mitte der 2010er- Jahre gesprochen, als es bei euch auf der kreativen Ebene nicht so hingehauen hätte, wie ihr es euch gewünscht hattet. Ist diese Zeit vollends überstanden?

Damals haben wir uns in der Band eher blockiert als weitergeholfen. Dass es so kam, hatte mehrere Gründe, zum Beispiel unterschiedliche Wohnorte und Lebensbedingungen. Dadurch haben wir uns ausgebremst. Jetzt sind wir nicht nur wesentlich digitalisierter als damals, was es trotz unterschiedlicher Wohnorte einfacher macht, zusammenzuarbeiten. Wir sind auch frischer und motivierter.

„Ich glaube, das Problem dieser Zeit ist, dass man sehr schnell mit Urteilen ist – oft auch, bevor man sich sicher sein kann, genug Informationen dafür zu haben“

Frank Spilker, Die Sterne

Auf „Hallo Euphoria“ sticht ein Song heraus: „Die Welt wird knusprig“. Darin singst du über Songs von Die Sterne, sie wären „nicht dafür und nicht dagegen, sondern über und deswegen“. Die Sterne haben noch nie Lösungen vorgegeben, eher zum Nachdenken angeregt. Aber: Ist es, gerade in der heutigen Zeit, nicht schwer, nicht auch mal klar dafür oder dagegen zu sein?

Ich glaube, das Problem dieser Zeit ist, dass man sehr schnell mit Urteilen ist – oft auch, bevor man sich sicher sein kann, genug Informationen dafür zu haben.
Wir kennen oft nur einige Meldungen bezüglich bestimmter Gegebenheiten und fühlen uns trotzdem sofort verpflichtet, Partei zu ergreifen. Ich finde, es ist sinnvoller, erst mal Fragen zu stellen. Auch die danach, ob manche Meldungen nicht schon von bestimmten Interessen geprägt sind. Als aufgeklärter Mensch sollte man sich die Dinge erst mal genau anschauen.

„Hallo Euphoria“ erscheint am 16. September 2022 und am 21. Oktober gibt’s die Sterne live im Übel & Gefährlich

Das Video zur Single „Hallo Euphoria“:


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Udo Lindenberg wird Hamburger Ehrenbürger

Kirsten Boie, John Neumeier, Siegfried Lenz und jetzt Udo Lindenberg. Der „Panikrocker“ soll am Mittwoch den 7. September 2022 Hamburger Ehrenbürger werden

Text: Erik Brandt-Höge

 

Udo Lindenberg hat gefühlt fast jeden Preis erhalten. Für sein menschliches und politisches Engagement und freilich für seine kulturellen Verdienste. Schließlich hat er der deuschsprachigern Rockmusik Erfolge im In- und Ausland beschert sowie unzählige Künstler:innen aus allen musikalischen Genres in ihrem Schaffen beeinflusst, textlich wie klangästhetisch. Jetzt bekommt der 76-Jährige eine Auszeichnung, die ihm tatsächlich noch fehlt: die Ehrenbürgerwürde der Freien und Hansestadt Hamburg. Vorgeschlagen hatte das Hamburgs Erster Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher bereits im Mai 2021, zu Lindenbergs 75. Am Mittwoch, den 7. September 2022  wird die Bürgerschaft über einen entsprechenden Senatsantrag abstimmen, danach wird es einen Festakt im Rathaus geben. Einen Livestream zum Festakt wird es beim NDR geben.


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„Brot weint nicht“: Fettes Brot kündigt Trennung an

Am Freitag spielte das Hamburger Rap-Trio noch ein kostenloses Überraschungskonzert auf der Elbe. Jetzt gab Fettes Brot bekannt, dass sie Ende 2023 getrennte Wege gehen werden.

Text: Katharina Stertzenbach



Fast 30 Jahre standen Doktor Renz (Martin Vandreier), König Boris (Boris Lauterbach) und Björn Beton (Björn Warns) als Fettes Brot gemeinsam auf der Bühne. Ihre Hits  „Jein“, „Nordish by Nature“ oder „Emanuela“ sind von den Radio-Playlists nicht mehr wegzudenken. 2022 scheint die Geschichte der Band auserzählt, beteuern die Brote auf ihren Social Media Kanälen. So steht für die Drei fest: „Papa und Papa und Papa trennen sich. Ende ’23 packen wir unsere Turnbeutel und wandern ab da auf neuen Wegen.“

 

Fette finale Festspiele

 

Klanglos werden Fettes Brot die Bühne nicht verlassen. Fans können sich auf eine Abschiedstour und ein Greatest Hits-Album freuen. Außerdem ist seit heute, 1. September, der Abschiedssong „Brot weint nicht“ draußen. Und Fettes Brot wäre nicht Fettes Brot, wenn sie nicht auch noch die ein oder andere Überraschung für die Fan-Community in petto hätten. Es steht also noch ein Grande Finale an, bevor die Brote dann endgültig History sind.

FYI: Es lohnt sich das Video von „Brot weint nicht“ bis zum Schluss anzuschauen. Am Ende werden die Tourdaten verkündet. 

Tickets für die Abschiedstour und Merch gibt’s ab dem 2. September im Bandstore 


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Überraschungskonzert am Hafen: Fettes Brot sind zurück!

Nach rund drei Jahren Pause meldet sich Fettes Brot zurück für ein spontanes und kostenloses Konzert am 26. August in Hamburg

Lange war es still um Doktor Renz, König Boris und Björn Beton – jetzt sind sie wieder da: Nach der erst verschobenen und dann abgesagten Tour 2020 melden sich Fettes Brot zurück. Der erste Hinweis kam via Instagram aus dem Proberaum inklusive der Ankündigung: „Es stimmt also… nach fast 3 Jahren Keuschheit wird’s spontan wieder dreckig (und zwar in HH)“. Und jetzt steht es fest: Am Freitag, den 26. August, kehren die drei Jungs zurück aus der langen Pause.

Das Konzert wird voraussichtlich groß. Bisher ist allerdings nur die Uhrzeit und die grobe Location bekannt. Zitat Fettes Brot: „Wer sich Freitag zwischen 15h und 20h in der Hamburger Hafengegend tummelt, kann uns nach fast 3 Jahren mal wieder live sehen!“ Also morgen Augen und Ohren auf halten, irgendwo stehen „Schwule Mädchen“, „Nordish by Nature“ am Hafen und wissen: „Viele Wege führen nach Rom“.

Mehr Details und Infos gibt es bald hier…


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10 Jahre Deine Freunde

Die selbst ernannte „coolste Kinder­band der Welt“ wird zehn – und spielt zum Bandgeburtstag gleich drei Stadtpark­ Shows. Deine Freunde ­Mitglied Lukas Nimscheck im Gespräch über das, was bisher geschah

Interview: Erik Brandt-Höge

SZENE HAMBURG: Lukas, Deine Freunde feiern Geburtstag. Gibt es ein Wort, mit dem du deine Gefühle bezüglich zehn Jahren Bandgeschichte beschreiben könntest?

Lukas Nimscheck: Überra­schend! Wir haben nicht gedacht, dass wir das zehn Jahre machen würden. Damals haben wir aus Jux und Dollerei zwei, drei Lieder aufgenommen und ins Netz gestellt, einfach um zu sehen, was passiert. Heute ist Deine Freunde unser Haupt­beruf und wir spielen vor Tausenden Leuten. Irrsinnig!

Weder wir, noch Kollegen aus dem Musikbereich haben es für möglich gehalten, dass musika­lische Familienunterhaltung in Deutschland so erfolgreich werden könnte. Ich glaube, bei uns liegt es daran, dass wir mit der Zeit eine ganz eigene Stimme gefunden haben, auch einen ganz eigenen Humor, den die Leute und wir selber lustig finden. Wir müssen uns dafür nicht verstellen.

Wann habt ihr gemerkt, dass Deine Freunde etwas auf Dauer sein könnte?

Nach fünf Jahren waren wir so groß, dass wir sagen konnten, uns etabliert zu haben. Wir hatten zu dem Zeitpunkt auch schon unser eigenes kleines Label, unser eigenes kleines Studio, ein Management. Dabei waren wir bereits eine mittelständige Firma – und alle sehr fleißig, alle Arbeitsbienen. Zudem hatten wir auch keine Produzenten, jeder Ton auf unseren CDs kam von uns. Das ist bis heute so.

Glaubst du, dass eure Band überhaupt mal ein Ablaufdatum haben wird?

Nein, das glaube ich nicht. Wir sind ja eine der Bands, die auch privat miteinander verbandelt sind. Wir sind alle sehr eng miteinander, vom Management bis zu den Menschen, die mit uns auf Tour gehen.

Wir verstehen uns sogar immer besser mit den Jahren und können uns gut vorstellen, das so lange zu machen, bis wir so alt sind wie Rolf Zuckowski. Dann vielleicht in einer anderen Form, aber wir möchten auch dann noch Musik für Kinder bis zwölf Jahre und ihre Familien veröffentlichen.

Am Anfang haben wir in Kitas vor 20 Leuten gespielt

Lukas Nimscheck, Deine Freunde

Ist die Motivation, die „coolste Kinderband der Welt zu sein“, wie ihr euch selbst mal genannt habt, mit den Jahren noch größer geworden?

Diesen großkotzigen Titel haben wir uns zu einer Zeit gegeben, als wir noch gar nicht so groß waren. Mit der Zeit hat sich der Titel aber schon ein bisschen bewahrheitet. Man muss sich das mal vorstellen: Am Anfang haben wir in Kitas vor 20 Leuten gespielt.

Wir haben nur davon geträumt, mal in bestimmten Hallen spielen zu können. Als wir dann zum ersten Mal vor 500 Leuten standen, dachten wir: „Größer kann es nicht werden!“ Genauso haben wir gedacht, als es zum ersten Mal 1000 Leute waren. Es wurden immer mehr, kürzlich haben wir in Köln vor 7000 gespielt. Unser Anspruch ist dabei immer gleich geblieben, wir wollen immer das Bestmögliche bieten – auf und neben der Bühne. Das bedeutet zum Beispiel bei großen Konzerten, dass jedes Kind, das kommt, ein Band um die Hand kriegt, auf das seine Eltern eine Telefonnummer schreiben können, falls man sich mal verlieren sollte.

Wir probieren, Kindern und Eltern eine Stimme zu geben, die die Realität abbildet

Lukas Nimscheck, Deine Freunde

Vermutlich hat sich euer Verständnis für Kinder und Familien mit der Zeit auch noch mal verändert.

Ja, das hat es auf jeden Fall. Am Anfang dachten wir, in unseren Songs müssten wir nur so Schulhofthemen wie Hausaufgaben oder die siebte Stunde behandeln. Mittlerweile wissen wir, dass wir auch über ganz Absurdes singen können und Kinder und Eltern auch dazu feiern können.

Es gibt Siebenjährige, die schon super- ironisch sind und bei denen zu Hause schon ein ganz eigener Humor herrscht. Es sind die Medien, die Kinder immer als ironiefrei und Eltern immer als ausschließlich liebevoll und fürsorglich darstellen. Wir probieren, Kindern und Eltern eine Stimme zu geben, die die Realität abbildet.

Deine Freunde spielen am 2., 3. und 4. September im Stadtpark Openair – wir verlosen auf Instagram noch Tickets!


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