Kurzfilm Festival Hamburg 2019: Weniger ist mehr

Das Kurzfilm Festival Hamburg hat eine neue Künstlerische Leiterin. Was bleibt: aufregende Filmkunst im extremen Destillat. Doch was ist neu?

Text: Maike Schade

Radikaler. Kontroverser. Streitbarer, ausschweifender und bunter. So soll das Kurzfilmfestival in diesem Jahr werden. Es weht frischer Wind durch die Filmrollen, denn Ex-„Berlinale Shorts“-Chefin Maike Mia Höhne hat in diesem Jahr das Zepter übernommen. Die Scheinwerfer aufgeblendet, das Konzept unter die Lupe genommen – und Bewährtes behalten, einiges entstaubt und manches auch umgestaltet. Das Motto: Weniger ist mehr. Das „International“ im Namen wurde gestrichen. Und es wird nur noch drei statt bisher fünf Wettbewerbe geben.

„Was wir brauchen, sind nicht mehr Preise, sondern mehr Diskurs“, erklärt die neue Künstlerische Leiterin. Und den gibt es nun, vor allem im neuen Format „Labor der Gegenwart“. Dahinter verbergen sich fünf Sonderprogramme; bei dreien wird im Anschluss an das Screening mit Gästen in einem Forum diskutiert.

 

„Wir müssen viel mehr feiern“

 

Der Hamburger Wettbewerb ging im Deutschen auf – was auch den Filmemachern zugutekommt, da ihre Arbeiten mehr Relevanz erhalten und zugleich auch in Relation zu den Produktionen des ganzen Landes betrachtet werden. Der Wettbewerb „Deframed“ wurde abgeschafft. Und so bleiben: Der Internationale sowie der Deutsche Wettbewerb und der Flotte Dreier, in dem Dreiminüter gegeneinander antreten. Das Thema in diesem Jahr: „Lost in Translation“.

Entscheidend für die Auswahl der gezeigten Filme ist für Maike Mia Höhne dabei nicht der Premierenstatus, sondern die Relevanz der Filme sowie die Haltung der Künstler. Erstmals wird es sogar einige Langfilme zu sehen geben, „denn da gibt es ja durchaus auch sehenswerte, die aber trotzdem bislang keinen Platz auf Festivals oder in den Kinos gefunden haben“, wie die Festivalchefin schmunzelnd sagt.

 

 

Insgesamt werden in acht Kinos mehr als 300 Kurzfilme aus 40 Ländern zu sehen sein. Das Herz schlägt dabei im Festivalzentrum in der Post Kaltenkircher Platz, das wie schon im vergangenen Jahr einen Infocounter, ein Extrakino, das Open Air und eine Videokunst-Installation des brasilianischen Künstlerpaares Bárbara Wagner und Benjamin de Burca beheimaten wird. Und den Festivalklub, in dem nachts Partys steigen. Denn auch hier will Höhne noch eine Schippe drauflegen: „Wir müssen viel mehr feiern.“

Kurzfilm Festival Hamburg 2019: 4.6.-10.6., versch. Orte


Szene-Hamburg-juni-2019 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2019. Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Space Girls: Wie Frauen die Mond-Landung verwehrt blieb

Vor 50 Jahren betrat der US-amerikanische Astronaut Neil Armstrong als erster Mensch den Mond. Was viele nicht wissen: Auch Frauen wurden schon um 1960 für die Raumfahrt getestet – wegen ihres Geschlechts letztlich aber doch nicht zugelassen. Die Hamburger Autorin Maiken Nielsen setzt ihnen mit ihrem Roman „Space Girls“ ein Denkmal.

Text und Interview: Ulrich Thiele
Foto (o.): NASA

Maiken Nielsen ist von Haus aus Hamburger Urgestein und Weltenbummlerin zugleich. Sie stammt aus einer Familie von Lotsen und Kapitänen und ist die Enkelin des Hindenburg-Navigators Christian Nielsen. In ihrem letzten Roman „Und unter uns die Welt“ widmete sie sich der Geschichte ihres Großvaters. Vor diesem Hintergrund ist ihr Interesse an den 13 Pilotinnen, den Mercury 13, die für die Raumfahrt getestet wurden und doch nicht zum Mond fliegen durften, naheliegend.

Nielsen erzählt von diesem historischen Ereignis mit sinnlicher Sprache und fließendem Rhythmus. „Space Girls“ ist ein literarischer Kopfkinofilm, ein Epos, das trotz aller traurigen Momente immer den lebenshungrigen Pioniergeist seiner Protagonistinnen atmet. „Guten Morgen aus der Südsee“, sagt Nielsen zur Begrüßung – während des Interviews befindet sie sich auf Rarotonga. Nach einem schweren Unfall vor einigen Jahren habe sie eine Liste mit Orten gemacht, die sie unbedingt noch erleben möchte, erzählt sie, die Südsee gehöre dazu. Ihr Skype-Profilbild zeigt sie mit hochgerecktem Daumen am Steuer eines Fliegers.

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Die Autorin Maiken Nielsen setzt mutigen Frauen ein Denkmal
Foto: Sabrina Adeline Nagel

SZENE HAMBURG: Frau Nielsen, die Mercury 13 sind kaum bekannt. Wie sind Sie auf ihre Geschichte gestoßen?

Maiken Nielsen: Ich bin selbst begeisterte Fliegerin und hatte mich, während ich die Romanbiografie über meinen Großvater schrieb, viel mit dem Thema beschäftigt. Das waren die 30er- und 40er-Jahre. In der Zeit flogen auch viele Frauen. Mich hat interessiert, wie es danach weiterging und fand – wenig überraschend – heraus, dass es nach 1945 kaum noch weibliche Piloten gab, weil die Männer aus dem Krieg zurückkehrten und ihre Stellen besetzten. Aber dann stieß ich auf Jerrie Cobb …

… die Anführerin der Mercury 13 …

Ich war total beeindruckt von ihr! Wie groß war meine Überraschung, als ich erfuhr, dass sie zu den Astronautentests für die erste Fahrt zum Mond geladen wurde. Und dass es noch mehr Frauen wie sie gab.

Was konkret haben Sie an diesen Frauen so bewundert?

Sie mussten alle mit den Gegebenheiten der 50er- und 60er-Jahre fertig werden. Sie mussten sich zum Fliegen die Nägel lackieren, High Heels und Röcke tragen, um zu beweisen, dass sie trotz Pilotendaseins „richtige“ Frauen sind. Eine war achtfache Mutter. Aber sie waren so tough, das belegen die Aussagen des Nasa-Mediziners Randolph Lovelace und seiner Mitarbeiter.

Randolph Lovelace setzte sich dafür ein, dass Frauen als Astronautinnen eingestellt werden. Sie seien für Weltraumflüge besser geeignet als Männer, sagte er, weil sie qua ihres Geschlechts leidensfähiger seien.

Die Tests, die Lovelace mit den Frauen durchgeführt hat, zeigen, dass sie mindestens so tough wie John Glenn und die Mercury 7 waren, die als männliche Helden in den USA verehrt wurden. Wie sich die Frauen da durchgekämpft haben, wie sie auch vor dem NASA-Subkomitee für ihre Sache gekämpft haben, das ist beispiellos.

Die Argumente während der Anhörung sind hanebüchen: „Wenn meine Mutter den Check-up-Test eines Footballteams besteht, heißt das nicht, dass sie Football spielen kann.“ Sind die Aussagen echt?

Ja, die sind genauso passiert. Die Anhörung wurde mitgeschrieben, eine Abschrift davon findet sich auch online im NASA-Archiv. Ich habe die Dia loge lediglich übersetzt. Mein Antrieb für das Buch war dementsprechend Empörung. Ich wollte, dass diese Frauen nicht im Vergessen versinken.

 

„Viele Frauen hatten nach den Tests keine Jobs mehr“

 

Wie sind die Frauen mit der Enttäuschung umgegangen? Viele Menschen würden, nachvollziehbarerweise, verbittern …

Viele der Frauen hatten im Anschluss an die Tests keinen Job mehr, weil sie für die Testwoche in Albuquerque von ihrem Arbeitgeber keinen Urlaub bekamen und deshalb kündigen mussten. Es war sowieso schwer, als Frau 1960 in der US-Luftfahrtbranche einen Job zu bekommen, den verloren sie also auch. Jerrie Cobb zog anschließend allein in den Amazonas, wo sie abgelegene Siedlungen aus der Luft mit Lebensmitteln belieferte. Sie lebt immer noch, gibt aber keine Interviews (kurz vor Redaktionsschluss wurde bekannt, dass Jerrie Cobb bereits am 18. März im Alter von 88 Jahren verstorben ist, Anm. d. Red.).

Und die anderen?

Andere Frauen waren sowieso selbstständig, Geraldine Sloan – später Geraldine Truhill – zum Beispiel. Oder sie wechselten komplett die Branche. Eine der Dietrich-Zwillinge starb knapp zehn Jahre später an Krebs, möglicherweise in Folge der Tests, bei denen die Frauen radioaktiver Strahlung ausgesetzt wurden. Ihre Zwillingsschwester flog ab dann nicht mehr.

Der Roman besteht aus mehreren Handlungssträngen, die miteinander verknüpft sind. Ein wichtiger dreht sich um den deutschen Raketenentwickler Wernher von Braun. Was macht ihn so faszinierend?

Von Braun war ein extrem fantasiebegabter, musischer Mensch mit hochfliegenden Träumen. Er spielte Klavier, schrieb Romane, sprach und las Französisch und wollte eines Tages zum Mond. Ingenieur und Freizeitpilot wurde er nur wegen dieses Mondtraums. Und der wurde dann so mächtig, dass er alles möglich machte, um ihn zu realisieren. Er trat der NSDAP und später der SS bei, er bestellte KZ-Häftlinge für die Arbeiten an der V2-Rakete. Und später, als klar war, dass die Deutschen den Krieg verloren hatten, stellte er seine Dienste der nächsten großen Macht zur Verfügung – den USA.

Warum ist von Braun für Ihre Geschichte wichtig?

Als deutsche Autorin, glaube ich, kann ich nicht die Vorgeschichte der ersten Mondlandung erzählen, ohne den deutschen Raketenentwickler Wernher von Braun zu erwähnen, der Apollo 11 erst möglich gemacht hat. Die Mission fußte auf Versuchen, für die Tausende von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen sterben mussten.

 

Endlose Finsternis und Strahlender Schein

 

Trotzdem feierten ihn die Amerikaner als Helden – eine der zentralen Ambivalenzen in Ihrem Roman.

Absolut. Im Roman geht es um Hell und Dunkel. Das eine existiert nicht ohne das andere. Das ist auch eine Erfahrung, die Michael Collins, Neil Armstrong und Buzz Aldrin im All gemacht haben: endlose Finsternis auf der einen Seite und daneben strahlender Schein.

Warum haben Sie die fiktive Geschichte um die Hauptprotagonistin Juni und ihre Mutter Martha eingebaut?

Martha und Juni verkörpern beide die deutsch-amerikanische Geschichte, und Juni ist mit ihrem Mut, ihrer Motivation und ihrer Sportlichkeit die Quintessenz der Mercury 13. In ihnen verdichten sich die Ambivalenzen. Martha ist Deutsche, ihr Vater wurde denunziert und in Wernher von Brauns Arbeitslager erhängt. Sie flieht mit ihrer Tochter Juni zunächst nach Frankreich, dann in die USA nach New Orleans, wo sie ihre deutsche Herkunft verheimlicht. Juni ist begeisterte Pilotin, darf an den Raumfahrttests mit den Mercury 13 teilnehmen. Sie will zum Mond fliegen mit der Rakete, die der Mörder ihres Großvaters entwickelt hat – was sie zunächst nicht weiß.

War es schwierig, diese fiktiven Figuren in den historischen Kontext einzuweben?

Nein, ich habe die beiden einfach sehr lebendig vor Augen gehabt. Ich glaube, die schwebten mir schon lange im Kopf herum, und Juni als extrem wildes, kleines Mädchen war einfach perfekt für das, was ich erzählen wollte. Ich habe mich dann bloß bemüht, nichts an den historischen Gegebenheiten zu ändern.

Juni wäre heute 79 Jahre alt. Was würde sie jetzt machen?

Juni überlegt, ob sie in ein paar Jahren vielleicht ihre Pilotenlizenzen abgeben und einen Round-The-World-Trip mit ihrer Enkelin machen sollte, am liebsten im Airbus. Sie trifft sich einmal im Jahr mit denjenigen Mercury- 13-Frauen, die noch am Leben sind und hält Vorträge in ihrem 99-Chapter und anderswo. Und sie läuft noch immer jeden Tag.

Space-Girls-Cover-Maiken-NielsenNatürlich wirft Ihr Roman indirekt auch die Frage nach unserer Zeit auf. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Es sieht derzeit so aus, als würden sich an vielen Stellen in der Welt wieder Werte durchsetzen, die nicht gerade förderlich für Demokratie und Gleichberechtigung sind. Aber zumindest in der Raumfahrt gibt es viele positive Entwicklungen: Weibliche Astronauten trainieren derzeit für den Flug auf den Mars und auf der ISS leben und arbeiten Menschen aus allen Nationen friedlich zusammen.

Maiken Nielsen: „Space Girls“, Wunderlich/Rowohlt, 512 Seiten, 22 Euro. Der Roman ist am 21. Mai erschienen.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Carsten Erobique Meyer: Der Disco-Tanzschritt-Macher

Erobique: Der Hamburger Disco-Punk feiert „Erobiques Große Gartenparty“ auf der Freilichtbühne im Stadtpark – und hat mit uns im Interview über gelungene Open-Airs und seine Hamburg-Liebe gesprochen.

Interview: Erik Brandt-Hoege
Foto: Yvonne Schmedemann

Er ist der Daniel Düsentrieb des Disco-Pop. Der Punk am DJ-Mikro. Der Tanzschrittmacher der Hamburger Club-Landschaft. Seit mehr als 20 Jahren macht der Komponist, Musiker und vor allem Entertainer Carsten „Erobique“ Meyer Club-Besuchern Beine. Penibel gestutzter Schnauzer, Zigarette im Mund, Hände an den Keyboards: typisches Erobique-Bild, live wie im Studio.

In seinem Soundlabor im Karoviertel hat der 46-Jährige schon Hits à la „Easy Mobeasy“, „Überdosis Freude“ und „Urlaub in Italien“ ausgetüftelt (letztere erscheinen am 24.5. als Vinylmaxi). Auch Songs für Filme wie „Fraktus“ und „Magical Mystery“ sowie der Soundtrack der Bjarne-Mädel-Serie „Tatortreiniger“ stammen von ihm.

Dass „Erobiques Große Gartenparty“ im Stadtpark dank idyllischer Naturkulisse eine spezielle Show wird, steht außer Frage. Und was braucht Erobique ganz allgemein für eine gelungene Open-Air-Feierei? Welches Licht ist ihm wichtig? Welche Musik? Was gibt es zu trinken? Und wie lange hält er durch? Ein Entweder-Oder-Spielchen als Einstimmung auf den Freilichtbühnen-Abend.

SZENE HAMBURG: Erobique, Urlaub in Hamburg oder „Urlaub in Italien“?

Erobique: Urlaub in Italien ist natürlich immer gut, für jedermann. Ich persönlich empfinde Urlaub aber auch, wenn ich in Hamburg bin, die Sonne scheint und es für mich nicht viel zu tun gibt.

Irgendwelche Holiday-Hotspots in Hamburg?

Ja, natürlich. Zum Beispiel den Stadtpark und den Ohlsdorfer Friedhof. An diesen Orten reichen mir schon zwei Stunden, und die Batterien sind wieder aufgeladen.

Elbstrand oder Freibad?

Freibad! Ich bin Kaifu-Fan und gehe dort gerne ins Bad. Gibt nichts Schöneres, als eine Stunde im Wasser und danach eine Portion Pommes.

 

 

Bist du eher Schwimmer oder Planscher?

Schwimmer. Bin kein Sportschwimmer, aber ich mag Schwimmen.

Sonne oder Schatten?

Sonne! Hat einen guten Einfluss aufs Gemüt, da werden schnell Glückshormone freigesetzt. Aber es gilt logischerweise, rechtzeitig den Schatten aufzusuchen.

Bierchen oder Gin Tonic?

Gin Tonic. Aber nicht so ein Fisimatenten- Quatsch, der in vielen Bars angeboten wird. Diese riesige Auswahl macht mich verrückt. Für mich: einfaches Schweppes und einfacher Gordon’s Gin.

Bist du Cocktail-Trinker?

Nö. Mein Lieblingsgetränk ist Cola-Rum.

Als Strand-Soundtrack: Einlassen auf den DJ aus der lokalen Bar oder Kopfhörer auf und den eigenen Kram hören?

Strandbar-DJ. Wenn ich irgendwo bin, lasse ich mich auch auf die dortige Musik ein. So lange da ein paar Oldies laufen, ist für mich alles okay.

Oldies? 

Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich höre richtig gerne Oldies-Radio. Die alten Bee-Gees-Songs gefallen mir besonders gut.

Und die Outdoor-Party: großer oder kleiner Rahmen?

Klein und fein ist immer toll. Und auf großen Partys sollte man versuchen, die Parameter zu kreieren, die auch eine gute kleine Party ausmachen, zum Beispiel einen familiären Touch.

 

„Zuerst das Tanzen, dann das Flirten und das Trinken“

 

Lampions oder Lasershow?

Lampions natürlich, was für eine Frage! Klar, es beeindruckt mich schon, was die Lichtmenschen so können. Ich würde auf meinen Partys aber immer Lampions aufhängen.

Live-Musik oder DJ-Set?

Ganz klar Live-Musik. Akustische Klangerzeugnisse durch Gitarre, Klavier und Geigen würde ich einem DJ-Set vorziehen. Aber ich mag es natürlich auch, einem guten DJ zuzuhören.

Und klangästhetisch: Rumms-Bumms-Tracks oder Chilly-Vanilly-Sounds?

Eine gute Dramaturgie erlaubt beides, das gilt sowohl für Live-Musik, als auch für DJ-Sets. Große Künstler kriegen das unter einen Hut.

Tanzt du auch?

Ja. Bei mir kommt auf Partys immer zuerst das Tanzen, dann das Flirten und das Trinken.

Fürs Happy End: Last Man Standing oder Anti-Kater-Handbremse?

Ich war gerne Last Man Standing, aber mittlerweile macht mich das nur noch traurig. Heute bin ich froh, wenn ich mit netten Leuten rechtzeitig die Party verlasse. Altersbedingte Antwort.

Erobique: 25.5., Stadtpark (Freilichtbühne), 19 Uhr


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Plattenrille am Grindelhof: dem Streaming entgegen

Seit fast 40 Jahren gehört die Plattenrille zum Grindel. Im Januar wechselten die Besitzer. SZENE HAMBURG sprach mit den neuen Inhabern Christopher Zielske, Robert Hütteroth und Sebastian Prinz über den Spagat zwischen Bewahrung und Erneuerung und das Geschäft in Zeiten von Spotify.

Interview: Ole Masch
Foto: Plattenrille

SZENE HAMBURG: Sebastian, wie wird man Plattenladenbesitzer?

Sebastian: Ich war seit Mitte der 90er Jahre Kunde in der Plattenrille. Als ich 2004 meinen Studentenjob beim Indievertrieb Efa verlor, haben die Vorbesitzer gefragt, ob ich als Aushilfe anfangen möchte.

Christopher: Sebastian war das Bindeglied zwischen uns und dem Laden. Wir haben vorher bei einem Musikvertrieb gearbeitet und schon dort gemerkt, dass das Arbeitsklima untereinander funktioniert.

Robert: Als dann diese Möglichkeit aufploppte, haben wir gesagt, dass müssen wir machen, so was passiert nicht noch mal.

Warum ploppt so etwas auf?

Christopher: Die ehemaligen Inhaber Paul Löffler und Herbert Sembritzki, waren langsam in einem Alter, in dem sie an Ruhestand gedacht und einen Nachfolger gesucht haben. Sebastian hat uns dann gefragt, ob wir das mit ihm machen. Natürlich war das erst mal ein großer Schritt, seinen festen Job zu kündigen und in eine gewisse Ungewissheit reinzugehen.

Robert: Aber wir waren alle nicht die typischen Karrieretypen, sondern haben unsere Nische gesucht. Das ist sicher nicht ungewöhnlich bei Plattenläden, dass Leute keine glatte Biografie haben. Und uns ist auch bewusst, dass man hier nicht schnell viel Geld verdienen wird. Es gehört schon eine Portion Leidenschaft oder Idealismus dazu. Und wir ergänzen uns alle drei musikalisch sehr gut. Sebastian hört viel Country oder Bob Dylan. Ich bin ein bisschen Kind der 90er, Christopher legt im Pudel oder im Central Kongress auf.

Sebastian: Es ist den beiden Vorbesitzern sichtlich schwergefallen, sich von dem 1981 gegründeten Laden zu verabschieden. Wir waren die Wunschlösung. Es war ihnen wichtig, dass der Laden in ihrem Sinne weiterführt wird.

 

 

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Was heißt in ihrem Sinne?

Sebastian: Der Laden hat sich immer durch Kundenservice ausgezeichnet. Es ging hier nie nur darum, einfach Platten zu verkaufen. Ich erinnere mich, wie die Plattenrille in den 90ern von einem Musikmagazin zum besten Plattenladen Deutschlands gewählt wurden, weil Paul über Nacht eine Platte organisiert hat und anbot, sie dem inkognito testenden Redakteur zum Bahnhof zu bringen.

Christopher: Neulich war eine alte Dame hier, deren Mann kürzlich verstorben war. Sie hatte für die Beerdigung eine Oper gesucht. Wir haben dann eine Stunde Sachen durchgehört, da sie nicht mehr genau wusste, was es war. Oder das Beispiel Schellack. Auch wenn die Nachfrage im Prinzip nicht existiert, bieten wir das weiterhin an. Und wir nehmen jeden ernst. Wenn jemand Heino sucht, dann suchen wir Heino. Auch wenn ich das selber nie hören würde.

Robert: Ich erinnere mich an den 18-Jährigen, der eine Single suchte und schon alles abgeklappert hatte. Wir haben die meisten Singles in Hamburg und konnten sie irgendwann im Lager finden. Der hat sich so gefreut, dass er jubelnd den Hof verlassen hat.

Und was habt ihr verändert?

Christopher: Wir haben angefangen im kleinen Maße Neuware anzuschaffen. Der Laden ist ja grundsätzlich ein Secondhandladen und lebt von Plattenankäufen. Außerdem war hier vorher sehr viel dekoriert. Wir haben es ein bisschen entschlackt. Und wir wollen monatliche Veranstaltungen starten. Mit Vorträgen, Lesungen oder etwas Party. Wir können uns gut vorstellen, dass hier ab 18 Uhr ein DJ auflegt und es ein bisschen über die Öffnungszeiten hinausläuft.

Was sagen die Stammkunden dazu?

Sebastian: Uns muss klar sein, dass die Kundschaft ganz überwiegend männlich und jenseits der 40 ist. Also alte Männer. Und alte Männer sind wertkonservativ, da muss man behutsam rangehen.

Robert: Die Gratwanderung ist: Wie viel vom Alten bewahrt man und wie viel Neues bringt man rein.

 

„Wenn Väter ihren Kinder die erste Platte kaufen, das ist immer toll“

 

Welche Neukunden wünscht ihr euch?

Christopher: Schön wäre, wenn es sich auch ein bisschen verjüngt und auch mehr weibliche Kunden kommen. Oder wenn Väter ihren Kindern hier ihre erste Platte kaufen, das ist immer toll. Und es gibt viele DJs, die herkommen, um etwas zu finden. Der Laden steht auch dafür, dass man was entdecken kann.

Entdeckt ihr selber noch Sachen?

Christopher: Na klar. Ich glaube, dass ich das Sortiment niemals ganz kennen werde. Wir haben zum Beispiel eine riesige Klassik-Abteilung. Und neulich gab es bei einem Ankauf diese tolle Geschichte mit ,,Daydream Nation‘‘ von Sonic Youth. Da war ein Plagiat aus der UdSSR dabei. Damals wurde das Original mit dem Gerhard Richter ,,Kerzen‘‘-Gemälde einfach nachgestellt und fotografiert. Über solche Kuriositäten freut man sich besonders.

Robert: Man denkt immer, dass der Laden in den letzten dreißig Jahren abgegrast wurde. Aber bei den ganzen Genres und unserem Warenbestand ist das eigentlich unerschöpflich.

Wie kommt ihr gegen die Streamingdienst-Konkurrenz an?

Robert: Das schließt sich gegenseitig überhaupt nicht aus. Gerade jüngere Leute nutzen es, aber kaufen auch Platten. Der Unterschied ist, dass bei Spotify der Algorithmus Vorschläge macht und irgendwann deine Hörgewohnheiten kennt. Klar ist das interessant, aber was der Plattenladen leistet und der Algorithmus eben nicht, ist das Zufällige. Wenn du hier herkommst, stößt du auf Sachen, die nicht aus deinem alten Geschmack generiert wurden. Dann gibt es neue Verweise, man stolpert über Sachen, kann stöbern und lässt sich überraschen.

Christopher: Es ist auch dieses Gefühl, dass ich Musik besitzen und ins Regal stellen möchte. Auch wegen der Cover. Mir reicht es nicht, Sachen, die ich toll finde, mit einem Klick abzurufen. Wenn ich eine Platte raushole und auflege ist das eine andere Verbindung zur Musik.

Robert: Das ist der Grund, warum Leute Schallplatten sammeln. Sie wollen sie festhalten. Vielleicht auch, weil ihnen die Musik sonst ein bisschen entgleitet und sie manchmal vergessen, was sie gehört haben.

 

 

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Wie kommt ihr an neue Platten?

Wir bauen gerade unsere neue Website auf, aber es gibt scheinbar noch viele, die im Telefonbuch nach Schallplattenhändlern suche. Noch rufen uns fast täglich Leute an, die ihre Sammlung loswerden möchten.

Sebastian: Das Konzept hat bis jetzt funktioniert. Nur tut es das vielleicht nicht mehr die nächsten zehn Jahre.

Robert: Und es gibt uns jetzt auch auf Instagram (alle lachen).

Christopher: Wir müssen gucken, wie wir neue Leute erreichen. Da gehören soziale Medien dazu. Das kann aber auch ganz banal über Aushänge in Supermärkten auf dem Dorf sein. Die interessanteren Sachen sind sowieso auf dem Land zu finden.

Was zum Beispiel?

Robert: Ich war neulich in Schneverdingen und habe einen älteren Herrn getroffen, der demnächst ins Altersheim muss. Er war 95, total fit und hat mich mit dem Auto abgeholt. Da ist mir mal wieder klar geworden, wie sehr man einen Einblick in die privaten Sachen von Leuten bekommt. Das sind häufig Nachlässe, die eine Geschichte haben. Es ist ihm wirklich schwergefallen, als ihm klar wurde, dass es mal seine Platten waren.

Sebastian: Man erfährt etwas über die Vorbesitzer und wie die Sammlung entstanden ist. Welche Schwerpunkte gesetzt wurden und was für persönliche Verbindungen die Eigentümer zu einer bestimmten Musik oder zu bestimmten Künstlern hatten.

Was hat ein 95-Jähriger für einen Plattengeschmack?

Robert: Er war Jazzer, hat schon im Nationalsozialismus angefangen, Platten zu sammeln und mir erzählt, wie viele Platten damals als Tanzmusik getarnt wurden, damit man den Verboten entgeht.

War die Sammlung was wert?

Christopher: Wir sind manchmal etwas überfordert, weil man Sachen sieht und weiß, dass sie nicht mehr viel bringen. Dann muss man die Leute ein bisschen vor den Kopf stoßen, weil es für uns nicht wirtschaftlich ist. Man merkt den Leuten die Enttäuschung schon an und natürlich ist der persönliche Wert groß. Aber wenn jemand 100 Klassik-Platten auf dem Dachboden gefunden hat und im Internet sieht, dass davon mal eine Platte 100 Euro gebracht hat, muss man erklären, dass das Ausnahmen sind. Beispiel James Last. Davon haben wir meterweise im Lager stehen.

 

„Sammlungen sind oft wie eine Wundertüte“

 

Was wäre ein besonderer Fund?

Christopher: Die meiste Freude kommt eigentlich auf, wenn man in einer Sammlung unerwartet Platten entdeckt, zu denen man einen Bezug hat und sie schon länger sucht. Da fällt es manchmal schwer, sie loszulassen und in den Laden zu stellen.

Sebastian: Das Spezielle am Handel mit Gebrauchtware ist, dass sich ganz individuelle Gebrauchsspuren des Vorbesitzers abbilden. Das sind dann alle ein Stück weit Unikate, obwohl sie mal industrielle Massenware waren. Fast wie bei gebrauchten Klamotten, die mit der Zeit die Körperform ihres Trägers annehmen.

Robert: Plattensammlungen sind oft wie eine Wundertüte. Sammler überraschen öfter mit Genremixen, die man nicht erwartet.

Sebastian: Und bei vielen Sammlern geht es gar nicht mehr darum herzukommen, weil sie hoffen irgendetwas zu finden. Viele kommen, um sich über ihr Spezialinteresse zu unterhalten, weil sie es zu Hause nicht können. Man darf nicht vergessen, dass man als Einzelhändler in diesem Bereich irgendwie auch eine soziale Funktion hat.

Fast wie ein Barkeeper …

Christopher: Ja, und auch hier kann man selbst sein bester Kunde werden (alle lachen).

Plattenrille: Grindelhof 29 (Rotherbaum) 


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Meet the Resident – BL Brixton

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: BL Brixton (IF / Sydpol / Laut & Luise) – präsentiert von hamburg elektronisch.

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman

Szene Hamburg: Wie würdest du deinen Sound beschreiben?

Divers, fast wie eine bunte Tüte, aber eher nicht süß. Momentan spiele ich wieder vermehrt Techno und Elektro, aber auch House und Ambient. In meiner Selektion landen viele, blubbernde Tracks, die Verkaufsportale als Leftfield House/Techno bezeichnen.

Was war deine bisher schrecklichste Gast-Frage?

Bleibt das jetzt so? Oder: Bist du Mo von PunktPunkt?

Was ist deine Platte des Monats?

Cosmic Force – Mighty Envy. Und natürlich meine neue Platte auf Laut & Luise (Zwinker).

 

So klingt BL Brixtons Platte des Monats

 

Was war dein größter Moment als DJ?

Letzten Sommer bei Monis Rache. Der Ort, die Menschen und das Gefühl haben einfach gestimmt. Ähnlich war es auf der Fusion. Da habe ich im Querfeld nach Blint eine Mischung aus Techno, Elektro und House gespielt. Es war nicht wirklich voll, dafür aber mit Breakdance-Einlagen vom Publikum. Das hat mich sehr beeindruckt.

Welchen DJ würdest du gern mal (wieder) in Hamburg sehen?

Danny Daze wäre großartig! Jeff Mills ebenfalls, genauso wie Silent Servant.

Auf wen sollte man in Hamburg momentan ein Auge haben?

Die Releases von Drum Space Meditation finde ich superspanend. DJ-technisch: Esshar und Butjer.

Wo kann man dich als Nächstes hören?

Spätestens auf dem tollen Off the Radar Festival (28.7.). Davor aber auch nochmal im Südpol (17.5.).

 

Hier könnt ihr ein aktuelles Set von BL Brixton hören – im Podcast von hamburg elektronisch


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Krach + Getöse: Bestes für die Besten

RockCity Hamburg e. V. und Haspa Musik Stiftung suchen und fördern neue aufregende Musiker von hier.

Viel mehr geht nicht: ­ Wer sich in diesem Jahr einen der fünf Krach + Getöse-Trophäen sichert, bekommt obendrauf ein Preisgeld in Höhe von 1.200 Euro sowie ein einjähriges Förderungsprogramm. Das besteht aus einem Aufnahmewochenende im ­Clouds Hill Recordings Studio, Auftritten bei u. a. TV Noir, in der Elbphilharmonie, beim Dockville und Reeperbahn Festival, Coachings, Workshops, medialer Begleitung und, und, und. RockCity Hamburg e. V. und die Haspa Musik Stiftung ­hauen ordentlich einen raus, wenn es darum geht, die spannendsten neuen Musiker aus Hamburg und Umgebung zu finden. Ob Solo-Künstler oder Band: Wer meint, das Rundum-sorglos-Paket verdient zu haben, kann sich bis zum 28. April (24 Uhr) auf www.krachundgetoese.de bewerben. Zusätzlich schlagen 50 Hamburger Experten ihre persönlichen Hoffnungsträger vor, und am Ende entscheidet eine Fachjury – in diesem Jahr sind das Leslie Clio, Malonda, Mark Tavassol, Moses Schneider, Namika, Ole Specht und Tobias Künzel – darüber, wer mit dem Krach + Getöse-Award ausgezeichnet wird.

/ EBH 


Krach + Getöse: So wars 2018!


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Das Ensemble Reflektor entstaubt die Klassik-Szene

Ensemble Reflektor – Das 40-köpfige Orchester hat einen Plan: Klassikkonzerte ohne steifes Korsett, dafür mit Witz und Bier.

Interview: Lilli Gavrić
Foto: Heide Benser

SZENE HAMBURG: Conny und Selma, ihr seid zwei von vierzig jungen Klassikmusikern, die das Ensemble Reflektor gegründet haben. Warum?

Conny: Wir sind ausgebildete Klassikmusiker. Das Studium ist darauf ausgelegt, in einem Orchester zu spielen, was zwar großen Spaß macht, aber in festen Strukturen verläuft. Häufig stellt sich bereits während des Studiums eine Arbeitsroutine ein, die musikalisch dröge macht, ernüchternd ist. Bei einigen Kollegen war das aber nicht so. Die wollten auf der Stuhlkante ganz vorne sitzen. Hatten Lust die Musik, wie wir sie empfinden auch so zu spielen. Das war der Grundimpuls.

Selma: In staatlichen Orchestern hat man den Job nach der Probezeit sein Leben lang. Die Stücke werden festgelegt, der Dirigent, die Proben, dein Dienst. Wir waren Studenten, die darüber hinausgehen wollten. Lust hatten, vieles selbst und anders zu machen.

Auf das Publikum zuzugehen. Spielt man in der Oper, betritt man das Haus durch eine andere Tür als der Gast, sitzt unten im Graben, trinkt anschließend mit den Kollegen in der Kantine ein Bier und geht nach Hause. Das Publikum sieht man nicht. Es gibt diese Barriere, alles hat eine gewisse Starrheit. Das wollten wir aufbrechen.

Ihr fragt euch immer wieder: „Wie kann man als klassisch ausgebildeter Musiker Leidenschaft vermitteln?“ Ist das in sich ein Widerspruch?

Conny: Nicht unbedingt. Wir lernen im Studium vor allem das Handwerk. Natürlich auch leidenschaftliches Spielen. Aber in wieweit das Publikum berührt oder gar abholt wird, darum geht es nie. Was braucht es also, um dieBegeisterung rüberzubringen? Distanz abzubauen. Die Musiker sehen, ihnen in die Noten schauen, die Kommunikation untereinander spüren.

 

Ihr habt kein Geld? Dann bezahlt mir eben die Heizung

 

Wie seid ihr in eurem „Wohnzimmer“, dem Proberaum im Oberhafenquartier, gelandet?

Selma: Das war etwas chaotisch. Anfangs haben wir nur ein Konzert gespielt, ein halbes Jahr später waren es schon vier. Allerdings haben wir erst kurz zuvor überlegt, wo überhaupt. Allen Bescheid gesagt, aber null Euro für das Projekt gehabt und keine Location (lacht). Bei 40 Leuten gibt es zum Glück immer irgendeinen, der irgendwen kennt.

Einer arbeitete mit der Stadt Hamburg zusammen, hat alle Hebel in Bewegung gesetzt und die Halle gefunden. Der Besitzer hat uns mit offenen Armen empfangen: „Ihr habt kein Geld? Dann bezahlt mir eben die Heizung.“ Das war 2015, die Heizung gab es da noch nicht. Wir saßen mit dicken Wintermänteln in der Probe.

Conny: Es gab zu dem Zeitpunkt auch nur eine Toilette für 40 Leute.

Was zeichnen eure Konzerte neben der Musik noch aus?

Conny: Jeder kann so, wie er ist, auch direkt nach der Arbeit, zum Konzert kommen, sich ein Bier aufmachen und einfach entspannen. Niemand muss sich verbiegen.

Eure Konzerte im Gruenspan sind auch anders. Moderiert von Jannes Vahl, werden auch viele Witze gerissen. Nimmt das der Klassik den Staub?

Selma: Seine Art nimmt den Staub. Seit eine Kollegin ihn auf der Tagebuchlesung der Clubkinder kennengelernt hat, ist er dabei. Es ist etwas Neues und Eigenes zwischen ihm und uns.

Eure Arbeit folgt einem Beethoven-Zyklus, zuletzt habt ihr Beethovens Achte „Liebeslied“ im Gruenspan gespielt. „Eine Schaffensphase, in der Beethoven stark verliebt war.“ In der Fünften, eurer Debüt-CD „Gewaltakt“, war er demnach mies drauf?

Selma: Als er die Fünfte schrieb, äußert er im „Heiligenstädter Testament“, ein Brief an seine Brüder, depressive Gedanken. Der Moment, in dem er merkt, er wird taub. Die Fünfte ist aber keine aggressive Musik. Am Ende eher strahlend und triumphal. Wir hatten den Wunsch, seine innerlich düsteren Aspekte herauszuarbeiten. Man kann den Schluss als Überwindung des Schmerzes sehen, oder gezwungenes Glück hören. Das überlassen wir dem Publikum.

Ensemble Reflektor


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Meet the Resident – Volker

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: Robin, Julian und Micha von Volker – präsentiert von hamburg elektronisch.

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman

Szene Hamburg: Wie würdet ihr euren Sound beschreiben?

Wir spielen House mit Elementen aus Disco, Funk und Soul. Nur live und ohne Computer.

Was steckt hinter eurem Namen?

Am Anfang hatte jeder von uns nur einen winzigen Synthesizer, nicht viel größer als eine DIN-A5-Postkarte. Diese Baureihe von Korg heißt Volca. Wir haben damit nächtelang bei Bier und Kerzenschein in unserer Küche gejammt und uns im Spaß vorgestellt wie Kraftwerk Konzerte zu spielen – jeder steht an einem einzelnen Pult und bedient einen dieser Mini-Synthies. Für unseren ersten Gig haben wir aus Volca den Männervornamen „Volker“ gemacht. Der Abend ging gründlich in die Hose und wir haben festgestellt, dass wir unser Set-up erweitern müssen.

Ihr spielt live, was bedeutet das für euch?

Dass wir alle Instrumente, die in unseren Songs vorkommen auch dabei haben und spielen. Dadurch entsteht eine ganz andere Energie und die Songs sind einzigartig. Außerdem haben wir die Möglichkeit, auf das Publikum einzugehen. Wenn wir merken, dass ein Song besonders gut ankommt, können wir ihn live viel weiter ausbauen und darüber improvisieren.

Wer macht was?

Julian ist bei uns die Rhythm Section, er bedient die Drum Machine, Bass und die MPC. Micha kümmert sich vor allem um den Mix und Robin spielt die Harmony Section, also Keyboard und andere Synthesizer.

Welchen Act würdet Ihr gerne mal (wieder) in Hamburg sehen?

DJ Harvey.

Was ist eure Platte des Monats?

„Dan’s dancing EP“ von Donald’s House auf Touch from a Distance.

 

Hier könnt ihr in Volkers Platte des Monats hören

 

Wo geht ihr in Hamburg hin, um Spaß zu haben?

Golden Pudel Club und Chrissi’s Kneipe in Eimsbüttel.

Was ist eure witzigste Band-Erfahrung?

Letztes Jahr, auf einer Party eines St. Pauli-Fanclubs. Wir wurden herzlich mit belegten Brötchen und selbst gemachter Bowle im Backstage begrüßt. Unser erstes Backstage-Erlebnis. Nach dem Soundcheck sind wir auf ein paar Bier, um die Ecke gegangen. Zurück in der Location stellten wir fest, dass vor uns drei Punkbands spielen. Der Laden platzte aus allen Nähten und bestand vor allem aus „echten Kerlen“. Als wir drei „Jungs“ die Bühne betraten, in bunten Hemden und Anzughosen, hat man bereits den ein oder anderen skeptischen Blick erhaschen können. Als Julian uns dann vorstellte und erklärte, dass wir jetzt Disco-Musik spielen, leerte sich die Tanzfläche im Handumdrehen.

Was sind für Euch Hamburgs Stärken?

Hamburg versucht nicht unbedingt das nächste Berlin zu werden, Hamburg ist Hamburg.

Und die Schwächen?

Das schlechte Wetter Hamburgs macht uns echt zu schaffen – sobald es jedoch wieder schön ist, ist Hamburg die schönste Stadt der Welt.

Wo seht ihr euch in einem Jahr?

Hoffentlich auf Welttournee. Nee, Spaß. Wahrscheinlich im Studio mit 1.000 Groupies – neue Tracks machen.

Grüße gehen an wen?

An Carsten, danke für den Support. An Paulina dafür, dass sie uns nach jahrelanger Suche unser eigenes Studio organisiert hat, an Lars und an Mrki Sas.

Wann ist euer nächster Gig?

Am 25.4. bei Ogay im Thier.

 

Hört hier ein aktuelles Set von Volker


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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