Die Regierung in Berlin steht – Brosda bleibt in Hamburg

Der Hamburger Kultursenator Dr. Carsten Brosda bleibt in der Hansestadt und wechselt nicht als Kulturstaatsminister nach Berlin

Text: Felix Willeke

 

In den letzten Wochen war viel spekuliert worden: Der Hamburger Senator für Kultur und Medien könnte als Kulturstaatsminister – und damit Nachfolgerin der CDU-Politikerin Monika Grütters – nach Berlin wechseln. Dies ist jetzt aber ziemlich sicher vom Tisch. „Ich erinnere mich daran, dass ich Ihnen schon Anfang September sagte, dass ich auch künftig unter der Hamburger Vorwahl erreichbar sei. Die Perspektive ist schön“, schrieb Brosda auf Twitter auf die Frage eines Journalisten des Deutschlandfunks.

Im Koalitionsvertrag steht darüber hinaus: „Die Staatsministerin für Kultur und Medien stellt Bündnis 90 / Die Grünen.“ Damit bliebe der SPD-Politiker Brosda der Hamburger Kultur erhalten.

 

Meinungen

 

Schon vor dieser Entscheidung betonte Helge Albers, Geschäftsführer der MOIN Filmförderung, wie gerne er mit Senator Brosda zusammenarbeitet. Und Filmfest-Leiter Albert Wiederspiel bezeichnete ihn erst kürzlich in einem Podcast als den „klügsten Kultursenator der Welt“. „Alle“, so Wiederspiel, „beneiden uns um ihn.“

Dr. Carsten Brosda ist seit 2017 Senator für Kultur und Medien in Hamburg – er folgte damals auf die 2016 verstobene Barbara Kisseler. Seit November 2020 ist er zudem Präsident des Deutschen Bühnenvereins. Die offizielle Bestätigung seines Verbleibs steht unterdessen noch aus.


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Volker Lechtenbrink ist gestorben – ein Nachruf

Mit ihm verliert Hamburg einen seiner beliebtesten Schauspieler – er wollte einfach nur spielen

Text: Felix Willeke

 

Eines Tages beim Schlachter Striga in der Alsterdorfer Straße: Drei Damen stehen in der Schlange und der Schlachter sagt: „Meine Damen, sie sind dran“, „ne, ne, danke“, entgegnen diese, „wir warten noch ein bisschen, bis Herr Lechtenbrink bestellt hat, wir hören seine Stimme so gern.“ Kaum eine Anekdote wie diese, die Volker Lechtenbrink 2018 in der NDR-Talkshow „3nach9“ erzählte, beschreibt den Schauspieler so gut. Volker Lechtenbrink ist am 22. November 2021 im Alter von 77 Jahren im Kreise seiner Familie verstorben.

 

Theater, Film und Musik

 

Volker Lechtenbrink in „Der Hauptmann von Köpenick“ 2010 am Ernst Deutsch Theater (Foto: Oliver Fantitsch)

Volker Lechtenbrink in „Der Hauptmann von Köpenick“ 2010 am Ernst Deutsch Theater (Foto: Oliver Fantitsch)

Das Multitalent, das nur „spielen“ wollte, wie er selbst einmal sagte, wuchs in Hamburg auf und besuchte die Gelehrtenschule des Johanneums. Mit nur 14 Jahren feierte er als Schauspieler 1959 in dem Film „Die Brücke“ unter der Regie von Bernhard Wicki, seinen Durchbruch. Es folgte eine Schauspielausbildung an der Hochschule für Bildende Künste und am Hamburger Schauspielstudio Freese.
Danach hatte Lechtenbrink Engagements an Theatern in Hannover, Köln, Berlin, München und Hamburg. Er trat auch immer wieder in Fernsehserien auf, darunter „Derrick“, „Ein Fall für zwei“ oder in den Verfilmungen der „Rosamunde Pilcher“- und „Inga Lindström“-Reihen. Dazu lieh er vielen großen Schauspielern seine Stimme, beispielsweise als deutsche Synchronstimme für Kris Kristofferson und Burt Reynolds. Neben Theater und Film war das Multitalent Lechtenbrink auch als Musiker erfolgreich, er schrieb Lieder für Peter Maffay und veröffentlichte selbst über zehn Alben.

 

Hamburg als Heimat

 

Seine Liebe gehörte aber immer seiner Hamburger Heimat und dessen Theater. „Besonders die Hamburger Bühnen verdanken ihm unvergessliche Abende“, sagte Kultursenator Dr. Carsten Brosda. Verbunden war Lechtenbrink insbesondere dem Ernst Deutsch Theater. Hier arbeitete er immer wieder als Schauspieler und Regisseur. Von 2004 bis 2006 übernahm er sogar die Intendanz des Hauses. Carsten Brosda zitiert als Abschiedsgruß auf Twitter einige Zeilen aus Lechtenbrinks erfolgreichstem Lied „Ich mag“: „Ich mag Bilder von Margitte / Schwimmen ohne mit / Barfuß gehen durchs Watt / Hamburg, meine Stadt / All das mag ich und ganz doll dich.“


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Klassenfrage: Die unsichtbar Belagerten

Der in Hamburg lebende Autor Mesut Bayraktar hat einen neuen Roman veröffentlicht: „Wunsch der Verwüstlichen“ ist eine Reflexion über die menschliche Begegnung in einer sozial gespaltenen Gesellschaft – und ein Lob der Konfrontation

Text: Daniel Polzin

 

Es ist keine rhetorische Frage, aber eine, in der mehr Resignation als die Hoffnung auf ihre Beantwortung liegt. „Womit hättest du mir also helfen können?“, will Can von seinem Bruder Karl wissen. Wer diese Worte je aus dem Munde eines nahestehenden Menschen gehört hat, weiß, wie schwierig eine Erwiderung ist. Hundert Dinge können einem in den Kopf kommen und doch weiß man insgeheim, dass keines davon die Frage beantwortet. Als Can sie seinem Bruder stellt, sitzen die beiden auf der Treppe des Baptisteriums in Florenz, blicken auf die wuchtige Schönheit der Kathedrale Santa Maria del Fiore. Sie trinken Wein, rauchen, reden. Dreizehn Jahre hatten sie sich nicht gesehen, bevor sie nach dem Tod der Mutter auf ihren Wunsch hin eine gemeinsame Reise durch Italien antraten, die sie nun auf diese Treppe, zu diesem Gespräch – und zu dieser Frage brachte. Die lange, intensiv erzählte Szene in der Mitte des Buches, die gleichsam einen Wende- wie Höhepunkt darstellt, ist in vielerlei Hinsicht charakteristisch für Bayraktars jüngsten Roman. Es ist ein Moment der unmittelbaren Konfrontation, ein Moment menschlicher Begegnung, die, wenn sie wirklich ist, immer auch einen Moment des Konflikts in sich trägt, den die Menschen mal besser und mal schlechter aufzulösen wissen. Es ist diese Immanenz des Konflikthaften, des Konfrontativen im menschlichen Zusammenleben, und damit im Menschen selbst, an der sich die Handlung wie ein Bergsteiger an seinem Sicherungsseil anhakt.

 

Nur wo es Konflikte gibt, ist auch Annäherung möglich

 

Mesut Bayraktar, geboren 1990, ist Mitgründer des Literaturkollektivs „nous - konfrontative Literatur“ (Foto: privat)

Mesut Bayraktar, geboren 1990, ist Mitgründer des Literaturkollektivs „nous – konfrontative Literatur“ (Foto: privat)

Was entfremdet Menschen voneinander? Wie kann diese Entfremdung aufgehoben werden? Das sind die Fragen, denen sich der junge Autor, der 2018 seinen Debütroman vorlegte, anhand der Geschichte einer deutsch-türkischen Arbeiterfamilie und eines Roadtrips durch Italien widmet. Dabei verliert er die Dialektik menschlicher Beziehungen nie aus dem Blick: Nur wo es Konflikte gibt, ist auch Annäherung möglich und nur in der Konfrontation kann diese Möglichkeit zur Wirklichkeit werden. Angelehnt an den vor drei Jahren erschienenen Roman des französischen Schriftstellers Édouard Louis, „Wer hat meinen Vater umgebracht“, könnte der Hauptkonflikt des Buches in diese Frage gegossen werden. Bayraktar wie Louis machen sich beide auf die Suche nach den gesellschaftlichen Kräften, die das Alltagsleben in einfachen Verhältnissen beherrschen, die unermüdlich ihre Spuren in die Körper und Köpfe arbeitender Menschen und ihrer Familien zeichnen. Dabei zeigen die Einblicke in die Kindheit des Protagonisten, die Bayraktar dem Lesenden in Form von Erinnerungen Karls während der Italienreise gewährt, dass vieles „klassischen“ Familienverhältnissen entspricht.

 

„Gesiegt hat immer diese Gewalt“

 

Zwei Brüder, die sich oft in den Haaren liegen, aber am Ende wieder zusammenraufen. Eine Mutter, die häufig leise und manchmal bestimmt die kleine Familie zusammenzuhalten versucht. Ein Vater, der streng seine Vorstellungen für das Wohl der Söhne durchsetzt, aber wenn es darauf ankommt, hinter ihnen steht. Doch allem Anschein der „Normalität“ zum Trotz, ist da noch etwas anderes. Eine „unbestimmte Kraft“, die den Körper der Mutter auszehrt, eine „fremde Gewalt“, die den Vater die Mutter anschreien lässt. Die wirklichen Ursachen von Streit, resümiert der Protagonist, gingen „von einem anderen Ort, außerhalb der Familie“ aus. Wo dieser Ort gewesen sei, hätte niemand von ihnen gewusst: „Gesiegt hat immer diese Gewalt.“

 

Reproduktion von Gewalt

 

Bayraktars Charaktere werden häufig von ihren Gefühlen beherrscht, sind wütend, trauern, schämen sich. Karl bezeichnet die Scham gar als das „Gravitationsgesetz“ seiner Existenz. Doch dem Autor geht es nicht darum, große Gefühle zu zeigen oder solche beim Leser hervorzurufen, es geht ihm um die Frage, woher die Gefühle kommen, auf welchem Boden Wut und auf welchem Mitgefühl gedeiht, auf welchem Scham und auf welchem Selbstbewusstsein. Seien es Arbeit, Schule oder Studium, ist ein System gewaltvoll, so die These des Autors, dann reproduziert es diese Gewalt im gesellschaftlichen Leben und darüber vermittelt im Denken, Fühlen und Handeln der Menschen. Die zunächst äußere Gewalt des Systems richten sie nach innen, gegen sich selbst, gegen ihre Familie. „Wir werden gebrochen, von Anfang an“, hält Can in einem Moment vollkommen desillusioniert fest. Freilich sollte dieser scheinbare Fatalismus nicht den Blick dafür trüben, dass der eigentliche Appell, der das Aufzeigen dieser Zusammenhänge begleitet, ein anderer ist: Schämt euch nicht. Lasst euch nicht brechen. Lebt.

 

Suche nach Wahrheit

 

Das neue Buch „Wunsch der Verwüstlichen“ von Mesut Bayraktar ist im Autumnus Verlag erschienen

Das neue Buch „Wunsch der Verwüstlichen“ von Mesut Bayraktar ist im Autumnus Verlag erschienen

Die Verkörperung dieses Appells, einer unstillbaren Lebenslust, ist die junge ukrainische Schauspielerin Nastasja, welche die beiden Brüder seit dem ersten Stopp in Verona auf ihrem italienischen Roadtrip begleitet. Mit ihrer offenen, zwanglosen Art bringt sie nicht nur das mühsam aufgebaute Selbstbild Karls, der aus seinem proletarischen, bildungsarmen Zuhause in die Hörsäle der Universität floh und Richter wurde, zum Wanken, sie fungiert auch als perfekte Vermittlerin für den komplexen Annäherungsprozess zwischen ihm und Can. Dramaturgisch verleiht ihr Auftreten der Handlung insbesondere in der zweiten Hälfte des Buches ein höheres Tempo, indem sie vorhandene Zweifel aufgreift und in buchstäblich wilden Tänzen ihre Entwicklung hin zu neuen Erkenntnissen vorantreibt. Ist die historische, wunderbar metaphorische Kulisse der italienischen Kulturstädte der Ruhepol der Handlung, so ist sie die Spannungsquelle, in deren Nähe sich die Konflikte entladen – wobei auch sie selbst alles andere als konfliktfrei ist.

 

„Wer Wahrheit sucht, darf nicht nach Glück fragen“

 

Dass Bayraktar mit Nastasja, die vor dem Bürgerkrieg in ihrem Land geflohen ist, auch das Thema des damals aktuellen Ukraine-Konfliktes, auf das er immer wieder zurückkommt, einflicht, unterstreicht seinen Anspruch auf Universalität. Armut, Ausbeutung, Entfremdung, Krieg – die Erscheinungen dieser Welt und die sich dahinter verbergenden Widersprüche gehören zusammen, ist die klare Aussage zwischen den Zeilen. Beschäftigt euch mit diesen Zusammenhängen, die implizite Herausforderung an den Lesenden. Aber: „Wer Wahrheit sucht, darf nicht nach Glück fragen“, gibt Bayraktar ihnen durch den Munde Natasjas mit auf den Weg. Bleibt nur noch die Frage: Muss denn nach Wahrheit fragen, wer nach Glück sucht?

 

Die sichtbare ist der unsichtbaren Gewalt gewichen

 

Bayraktar ist längst kein Neuling mehr auf der literarischen Bühne. 2018 erschien sein Stück „Die Belagerten“, in dem es um eine Gruppe junger Menschen geht, die im Südosten der Türkei Widerstand leistet und sich in einem kleinen Keller vor den Fängen der Armee verstecken muss. Auf den ersten Blick thematisch völlig verschieden, greift der Autor diesen Faden bei genauerer Betrachtung mit seinem neuen Roman wieder auf. Nur ist die sichtbare Gewalt der unsichtbaren gewichen, die sichtbare militärische Belagerung der unsichtbaren „zivilen“ Belagerung.

 

Der Wirkliche Reichtum

 

Der gedankliche Fixpunkt Bayraktars ist in beiden Fällen der gleiche: die Suche nach einem Weg, den Belagerungsring zu durchbrechen. Der Gegenstand seiner Suche ebenfalls: der leidende, der ängstliche, der kämpfende, kurzum: der reale Mensch und seine wirklichen Beziehungen. Sie sind der „wirkliche Reichtum des Menschen“, wie es einst Karl Marx so treffend formulierte. Die Richtigkeit dieses Satzes wird in „Wunsch der Verwüstlichen“ mal auf spannende, mal auf tragische und mal auf aufregende Weise deutlich. „Keine Akte der Welt vermag die Zerbrechlichkeit des Lebens festzuhalten“, stellt Karl an einer Stelle fest. Richtig, aber zum Glück ist ein guter Roman keine Akte.

Mesut Bayraktar: „Wunsch der Verwüstlichen“, Autumnus, 244 Seiten, 18,95 Euro.
Am 25. November um 19 Uhr feiert das von Mesut Bayraktar geschriebene Stück „Gastarbeiter-Monologe“ Premiere am Schauspielhaus


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Janosch im Museum für Kunst und Gewerbe

Eine Würdigung von Janoschs Lebenswerk in Form einer interaktiven Ausstellung

Text: Rosa Krohn

 

Ob mit Geschichten wie „Oh, wie schön ist Panama“ und „Post für den Tiger“ oder allein der Figur der Tigerente – Horst Eckert alias Janosch bereicherte mit seinen Geschichten und Illustrationen nicht nur das Leben vieler Kinder. Sein Leben und Schaffen ist zu vielfältig, um es hier in Kürze zu skizzieren, aber schon die Zahlen sprechen für sich: Mit 300, in 40 Sprachen übersetzten und weit über zwölf Millionen Mal verkauften Büchern ist er einer der ganz Großen der Kinderliteratur.

 

In die Welt von Janosch eintauchen

 

Warum die Ausstellung, die nun sein Schaffen würdigt und bis März 2022 im Museum für Kunst und Gewerbe zu erleben ist, den Titel „Lebenskunst“ trägt, ist naheliegend: Seine fiktiven Welten sind nicht ausschließlich schön, und seine Figuren entwickeln stets ganz unterschiedliche Strategien, damit umzugehen. Die Ausstellung lädt generationsübergreifend Besucher zum humorvollen Dialog mit Janoschs Werk ein. Grafiken mit dem Fernrohr studieren oder im Postkartenwald die eigenen Erkenntnisse zur Lebenskunst mit Freunden teilen, sind nur zwei vieler liebevoller Stationen, an denen man in die Welt von Janosch eintauchen kann.

mkg-hamburg.de

 


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„Ich bin hervorragend im Selbstbetrug“

Der Hamburger Sänger und Songschreiber Wolfgang Müller veröffentlicht mit „Die Nacht ist vorbei“ ein klanglich leichtes, lyrisch tief in die Künstlerseele blickendes Album. Ein Gespräch über textliche Bildarbeit, Frieden finden beim Schreiben und Live-Auftritte als enorme Herausforderung

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Wolfgang, du hast mal gesagt, du würdest nach jedem fertig produzierten Album denken: „Das ist mein letztes, nie wieder.“ Nach den Aufnahmen für „Die Nacht ist vorbei“, heißt es, sollst du diesen Gedanken nun nicht haben. Warum nicht?

Wolfgang Müller: Weil ich dieses Mal den Entstehungsprozess und vor allem das Ergebnis so schön finde, dass nicht die Erschöpfung, sondern die Freude überwiegt. Dieses „Nie wieder“-Gefühl stellt sich tatsächlich nicht ein. Ein „Bitte nicht gleich nächstes Jahr wieder“-Gefühl allerdings schon (lacht).

Kann man in Kurzform sagen: Du warst noch nie so zufrieden mit der eigenen Kunst? 

Das klingt mir etwas zu eitel. Was ich sagen kann: Ich war schon lange nicht so glücklich mit einem Album, das ich gemacht habe.

Produziert wurde dieses Album innerhalb eines halben Jahres in deinem Dachzimmer. Wie muss man sich das so vorstellen?

Es liegt in der Schanze, von dort aus hat man einen ganz guten Blick über die Stadt. Es ist mein Refugium, dort arbeite ich, dort schreibe ich, dorthin ziehe ich mich zurück. Ich finde es ganz gemütlich.

 

Auseinandersetzung mit Dämonen

 

Hattest du dort oben beim Produzieren von „Die Nacht ist vorbei“ immer diese tiefe, innere Ruhe, die die Songs jetzt ausstrahlen?

Ja. Geschrieben habe ich die Songs in einem Zeitraum von dreieinhalb bis vier Jahren. Ich lebe nicht ausschließlich von der Musik, habe noch einen anderen Job, und wenn ich den nicht ausübe, spiele ich über den Tag verteilt immer wieder Gitarre, dichte und texte. Wenn man das sehr lange so gemacht hat, ergibt sich eine innere Ruhe ganz automatisch. Man braucht in meinen Augen auch einfach Zeit, um zu merken, was man wirklich aufnehmen möchte. Und ich habe mir diese Zeit dieses Mal genommen. Die innere Ruhe, die ich am Ende im Dachzimmer hatte, musste also erst mal entstehen.

Wobei man im Fall von „Die Nacht ist vorbei“ unterscheiden muss zwischen einer extrem zurückgelehnten Grundstimmung in der Klangästhetik und den textlichen Inhalten, die oft eine große innere Unruhe widerspiegeln. Ein Song, der heraussticht, ist „Sag Ja“. Der lädt geradezu zum Mitleiden ein, wenn es etwa heißt: „Bisweilen tut mir die Seele weh, und das in Wellen und an Stellen, wo andere nicht mal Stellen haben.“ Bedeutet das, du hattest das Gefühl, niemandem könnte es annähernd so schlecht gehen wie dir?

(lacht) Ja und nein. Ich bin grundsätzlich jemand, der sich gerne mit seinen inneren Dämonen auseinandersetzt, aber trotzdem ein positiver Mensch ist. Ich würde mich nicht als ständig leidend beschreiben. Was ich in dem Song ausdrücken möchte, ist, dass es meiner Erfahrung nach bestimmte seelische Themen gibt, die andere Leute nicht verstehen. Es gibt ja Menschen, die eine total geile Kindheit hatten, die sich immer prächtig mit ihren Eltern verstanden haben, bei denen einfach alles immer gut war. Und wenn man mit denen über gewisse Sachen redet, verstehen sie gar nicht, was man meint. Sie haben da gar nicht diese Stellen. Es ist, als wenn man sagen würde: „Mein dritter Arm tut mir ständig weh.“ Und das Gegenüber sagt: „Stell ich mir schlimm vor, aber ich habe selbst nie so einen dritten Arm gehabt.“

 

„Meine Musik ist persönlich, aber nicht privat“

 

Hilft das Aufschreiben solcher Gefühle gegen eben solche?

Ja. Ich sage immer: Meine Musik ist persönlich, aber nicht privat. Jemand, der sie hört, wird vieles nachvollziehen können, aber natürlich nicht wissen, wie zum Beispiel meine Beziehungen so gelaufen sind. Meine Songs sind keine Tagebücher. Für mich hat das Schreiben durchaus etwas Therapeutisches. Wenn ich etwas in Worte fasse, also benenne, geistert es mir nicht mehr so diffus in der Seele herum.

Viele benötigen für eine therapeutische Wirkung jemanden, der mit ihnen spricht. Meinst du, du kriegst durch das Schreiben die zweite Stimme selbst hin?

Ich bin ein großer Fan von echten Therapien und würde jedem dazu raten, wenn er gerade nicht klarkommt. Meiner Meinung nach sollten Gesprächstherapien sogar zur Grundausstattung gehören. Beim Schreiben arbeite ich allerdings viel mit Bildern, und ich habe gemerkt, dass ich dadurch ein Gefühl formuliert kriege, das in einer Gesprächstherapie keinen Raum hätte. Dieses Gefühl findet auf einer anderen Ebene statt, es wird nicht intellektuell hergeleitet. Und das bringt mir teils mehr Frieden, als wenn ich mit jemand anderem zwanzig Mal auseinanderbastele, warum dieses oder jenes denn so ist. Ich versuche auch, mir bei der Arbeit nicht so viel durchgehen zu lassen. Ich bin überzeugt davon, dass es keinen Sinn macht, etwas zu ignorieren – alles kommt irgendwann zurück. Ich möchte den Sachen deshalb auf den Grund gehen, daran habe ich auch eine große Freude.

 

Live spielen als Herausforderung

 

Dennoch singst du einmal auf dem Album, du wärst ziemlich gut im Selbstbetrug …

… genau, das ist mein innerer Antagonist. Ich bin sogar hervorragend im Selbstbetrug. Und eben diesen Betrug versuche ich mir nicht immer durchgehen zu lassen. Das ist aber nicht immer von Erfolg gekrönt. Jeder verarscht sich schließlich immer wieder, ich mich auch.

Ein neues Album bedeutet jetzt auch die Möglichkeit, neue Songs live zu präsentieren. Das falle dir aber allgemein gar nicht so leicht, heißt es …

… das stimmt. Live spielen stellt mich immer wieder vor eine große Herausforderung. Mir macht es Spaß, in der Retrospektive herumzuwühlen, aber das dann im Kontakt mit mehreren Menschen aufzuführen, empfinde ich als sehr anstrengend. Es gibt Künstler, die für die Bühne atmen. Die man geradezu festbinden muss, damit sie nicht ständig irgendwo spielen. Ich bin der Gegenpart. Acht Termine habe ich für dieses Album gemacht, und manchmal denke ich schon: „Gut, wenn ich die geschafft habe.“ Grundsätzlich machen mir Konzertabende aber auch viel Freude. Vielleicht wie so eine Bergtour: Die ist viel Arbeit, aber sie fühlt sich auch oft toll an.

„Die Nacht ist vorbei“ erschien am 19. November 2021 auf Fressmann/Indigo

Lust auf mehr, hier gibt’ das Video zu „Die nacht ist vorbei“:

 


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Sounds of Hamburg: „Das hat WUMMS!“

Der Journalist Alf Burchardt hat mit seinem Kollegen Bernd Jonkmanns ein haptisch wie inhaltlich wunderschönes und üppiges Buch veröffentlicht. „Sounds of Hamburg“ streift durch sechs Jahrzehnte Hamburger Musikgeschichte

Interview: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Alf, in „Hamburg Calling“ hast du dich zusammen mit Bernd Jonkmanns dem Punk in Hamburg gewidmet. Warum jetzt dieser breite Überblick, anstatt noch mal einen Stil unter die Lupe zu nehmen?

Das war, wie schon beim Punk-Buch, Bernds Idee. Zu Beginn unserer Arbeit dachten wir eigentlich, dass es von Vereinen wie Rock City bereits einen Überblick darüber gibt, was in Hamburg musikalisch so alles passiert ist. Gibt es aber nicht. Deswegen haben wir uns selbst durch die Jahrzehnte und die Musikstile gewühlt, was ein großer Spaß war. Manche Jahrzehnte füllten sich schnell, andere waren mühseliger.

Welche denn?

Die Zeit ab der Jahrtausendwende. Ich habe mit Marcus Wiebusch von Kettcar telefoniert und ihm dabei auch unser Konzept erläutert. Er meinte: „Habt ihr überhaupt was für die Nuller- und die Zehner-Jahre? Da sind doch alle nach Berlin gegangen.“ Stimmt, einige sind gegangen. Aber wir haben zum Glück viele Namen auch von André Luth, dem Hamburger HipHop-Papst, von Peter Urban, den Jungs von Michelle und von der Hanseplatte bekommen.

 

Von Bernd Begemann bis Meute

 

Tomorrow’s Gift war die erste Hamburger Band, die Alf Burchardt live gesehen hat (Foto: Sebastian Dietrich)

Tomorrow’s Gift war die erste Hamburger Band, die Alf Burchardt live gesehen hat (Foto: Sebastian Dietrich)

Für wen ist das Buch?

Das Buch ist ein Bilderbogen für Leser mit Liebe zum Haptischen, der zeigt, wie reichhaltig die Musik dieser Stadt in den letzten 60 Jahren war. Im besten Fall werden die Leser dazu angeregt, sich in bestimmte Stile weiter zu vertiefen. Wir erheben aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit, das ist unsere subjektive Auswahl.

Was habt ihr weggelassen?

Es fehlt ganz viel Jazz aus Hamburg. Das Thema haben wir bewusst nicht so intensiv aufgenommen, weil es so groß ist, dass wir ihm nicht hätten gerecht werden können, ohne den Rahmen zu sprengen. Der Hamburger Jazz hat vielleicht mal ein eigenes Buch verdient.

Bernd Jonkmanns war vor allem für die Bilder zuständig, du für die Texte. Worauf hast du da geachtet?

Ich habe mit vielen Musikern persönlich gesprochen, weil die Texte über sie mehr sein sollten als ein Wikipedia-Eintrag. Ob Bernd Begemann oder Digitalism, ob Meute oder Trümmer: Ich habe mich bemüht, in die längeren Texte Kleinigkeiten einzuarbeiten, die auch Fans vielleicht noch nicht kennen.

Kannst du ein Beispiel nennen?

Die Geschichte über die Beginner habe ich über DJ Mad aufgezogen, der kommt ja sonst gern mal zu kurz.

 

„Hamburg war immer ein guter Boden zum Experimentieren“

 

Hast du ein persönliches Lieblingsjahrzehnt?

Vielleicht von 1975 bis 1985, als der Punk nach Hamburg kam. Man kann gar nicht hoch genug einschätzen, was es für Hamburg bedeutet hat, als es damals losging mit Bands wie Abwärts und den Platten auf Albrecht Hilsbergs Label. Das erste Album von Abwärts, „Amok Koma“ von 1981, steht weiterhin vorn in meiner Sammlung. Gute Platte, wichtige Platte.

„Sound of Hamburg“, das neue Buch von Alf Burchardt und Bernd Jonkmanns

„Sound of Hamburg“, das neue Buch von Alf Burchardt und Bernd Jonkmanns

Was ist so gut daran?

Es nimmt diesen Punk-Geist, dieses Aufbruchsgefühl auf und macht etwas Eigenes daraus. Abwärts ist ein großer Wurf gelungen, weil ihre Musik sich absetzt von anderen Hamburger Punkbands, die einfach nur versucht haben, ihre englischen Idole zu kopieren. So war es ja schon zur Star-Club.Zeit: Manchen Bands wie den Rattles gelang das besser, anderen schlechter. Zu der Abwärts-Platte gibt es keinen vergleichbaren Stil.

Was macht die Sounds of Hamburg eigentlich Hamburg-spezifisch?

Ich weiß nicht, warum das so ist, aber Hamburg war immer ein guter Boden zum Experimentieren. Hier wurde immer genau hingehört, was an neuer Rock- und Popmusik unterwegs war, Musiker haben sich davon inspirieren lassen und es weiterentwickelt. Der frühe Krautrock zum Beispiel, der in Hamburg sehr gitarrenlastig war, oder die Hamburger Schule um Tocotronic mit diesem spröden Rock.

Tocotronic werden ja auch für ihre Texte gefeiert. Und da wir hier im Literaturressort sind: Was ist dir wichtiger – Text oder Musik?

Musik.

Die Texte müssen für dich also nicht unbedingt gut sein?

Schlecht sollten sie nicht sein. Bei englischen Texten aber ist es immer leichter, darüber hinwegzuhören. Bei deutscher Musik bin ich manchmal schon unglücklich, dass ich den Text verstehe. Aber vielleicht bin ich für die neue Befindlichkeit auch zu alt.

 

Jan Delays Texte haben Wumms

 

Wen magst du textlich?

Ich finde, dass Jan Delay immer ein gutes Niveau hinlegt und hält. Ich fand auch sein Album „Hammer und Michel“, das einhellig schlecht gemacht wurde, ganz in Ordnung. Bei ihm höre ich auch gerne den Texten zu.

Lieblingsline?

Lass mich mal kurz überlegen. Wie ging noch mal diese Stelle in „Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt“ über Axel Springer? Ach ja: „Ich möchte mich nicht in Köpfen befinden zusammen mit Gedanken, die unter Einfluss vom Axel Springer Verlag entstanden!“ Oder aus „Vergiftet“: „Meine Mudder mag RTL 2 nicht, denn das ist vergiftet. Und mein Vadder mag Phil Collins nicht, denn der ist vergiftet.“ Super, das hat Wumms!

Alf Burchardt, Bernd Jonkmanns, Frank Spilker (Vorwort): „Sounds of Hamburg. Die Musik der Stadt: 1960–2020“, Junius, 300 Seiten, 49,90 Euro.


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add art: Hamburgs Wirtschaft zeigt seine Kunst

Bei der add art 2021 zeigen zwölf Unternehmen ihre Sammlungen – und viel junge Kunst

Text: Sabine Danek

 

Seit acht Jahren öffnen Hamburger Unternehmen einige Tage lang ihre Konzern-, Büro- und Kanzleitüren für Interessierte, präsentieren ihre Kunstsammlungen, etablierte Positionen und stellen Nachwuchs aus. Letztes Jahr musste die add art Hamburg ausfallen, jetzt sind wieder zwölf Unternehmen dabei. Und ganze acht von ihnen zeigen Arbeiten von Studierenden der HAW Hamburg und unterstützen so die junge der Szene der Stadt, kaufen Werke an, zahlen Honorar oder finanzieren einen Katalog.

 

Publikumsliebling und Preisträgerin von 2020 sind mit dabei

 

Die „you with schipper company“ zeigt mit Julia Kloos, die Preisträgerin des Add Art Jurypreises, der 2020 trotz Pandemie vergeben wurde, bei „Bright Skies“ sind Arbeiten von Andrés Muñoz Claros zu sehen, der bei einem Online-Voting den Publikums-Award gewann. In der Handelskammer werden in einer Sonderschau zudem Landkarten präsentiert, die sich mit „Fakt, Fake oder Fiktion“ beschäftigen. Interessierte können zu festen Besichtigungszeiten die Unternehmen besuchen, zu Führungen kann man sich auf der add-art-Website anmelden.

Add Art, 18. bis 21. November 2021, an verschiedenen Orten in der Stadt

Einen Eindruck von der add art gibt es hier:

 


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Neu im Kino: Das Land meines Vaters

Mit seinem Spielfilmdebüt gelingt Edouard Bergeon in „Das Land meines Vaters“ ein einfühlsamer Blick auf eine krankhafte Agrarindustrie

Text: Rosa Krohn

 

Allzu oft wird – nicht nur in Filmen – das Leben und Arbeiten von Bauern romantisiert. Dass die Realität hingegen schonungslos ist, zeigt das autobiografische Spielfilmdebüt des Dokumentarfilmers Edouard Bergeon. Pierre ist voll Lebenslust, Motivation und Liebe für seine Verlobte Claire, als er Ende der 1970er-Jahre aus Wyoming in seine französische Heimat zurückkehrt, um den Hof seines Vaters zu übernehmen. Mit Tatendrang und neuen Ideen plant er, diesen zu modernisieren, um konkurrenzfähig zu sein. Etliche Jahre später – Pierre und Claire haben mittlerweile zwei jugendliche Kinder – muss er jedoch feststellen, dass die Mühe und Arbeit bis zur Erschöpfung vergebens sind. Die Schulden steigen, während die Bereitschaft der Konsumenten, einen angemessenen Preis für Nahrungsmittel zu zahlen, sinkt. Die kritische Lage verschlechtert sich, als eines Tages die Scheune mitsamt dem Vieh in Flammen steht.

 

Die Frage nach dem Preis unserer Nahrung

 

„Das Land Meines Vaters“, das autobiografische Spielfilmdebüt von Edouard Bergeon (Foto: Nord-Quest Films)

„Das Land Meines Vaters“, das autobiografische Spielfilmdebüt von Edouard Bergeon (Foto: Nord-Quest Films)

Der Protagonist in „Das Land meines Vaters“ ist Opfer eines nach unendlichem Wachstum und Konsum strebenden Systems, dessen Perversion Kleinbauern zu Massentierhaltung und Monokulturen zwingt. Seine unterstützende Familie muss ohnmächtig dabei zusehen, wie er langsam an diesem System zerbricht. Regisseur Bergeon erzählt nicht nur die persönliche Geschichte seines Vaters, sondern adressiert damit auch die bedauerlicherweise noch immer hochaktuellen Missstände der industriellen Landwirtschaft. Visuell eindrucksvoll setzt Kameramann Éric Dumont die französische Provinz in Szene: Die kraftvolle Farbgestaltung und Ästhetik seiner Bilder stehen dabei in zynischem, fast höhnischem Kontrast zu Pierres endloser Verzweiflung. Gleichzeitig verleiht nicht zuletzt die starke schauspielerische Darbietung der Erzählung Authentizität – von der sichtbar artifiziellen Halbglatze, die Guillaume Canet wohl in Anlehnung an den Vater des Regisseurs verpasst wurde, einmal abgesehen. „Das Land meines Vaters“ ist ein wichtiger Film. Er wirft einen besonderen Blick auf die tiefgreifenden Probleme der Agrarindustrie und stellt die Frage nach dem Preis unserer Nahrung.

„Das Land meines Vaters“, Regie: Edouard Bergeon. Mit Guillaume Canet, Veerle Baetens, Anthony Bajon. 103 Min. Ab dem 18. November im Kino

Neugierig? Hier gibt es den Trailer zu „Das Land meines Vaters“.


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Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Guide zur Untergrundkultur: Hamburg Sub & Pop

Ein Guide zur Alternativ- und Untergrundkultur der Stadt

Text: Felix Willeke

Hamburgs Sub- und Popkultur ist viel mehr als das Gängeviertel, der FC St. Pauli und die Hamburger Schule. Mit „Hamburg Sub & Pop“ hat Kevin Goonewardena einen alternativen Guide vorgelegt, der zeigt, was die Stadt noch zu bieten hat.

Dreizehn Touren führen die Leser:innen an Drehorte des Indie-Films, zu versteckten Künstlerhäusern und neuer Straßenkunst, in abgerockte Kellerclubs und zu den Schauplätzen unterschiedlicher Musikkulturen wie HipHop, Electro, Punk und Avantgarde. Sechs Jahrzehnte Sub- und Popkultur warten inklusive vieler Musiktipps darauf, neu entdeckt zu werden.

Kevin Goonewardena: „Hamburg Sub & Pop“, Junius, 240 Seiten, 19,90 Euro. Erscheint am 15.11.


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Neu im Kino: Lieber Thomas

„Lieber Thomas“ ist der neue Film unter der Regie von Andreas Kleinert, ein Biopic über den provokanten DDR-Schriftsteller Thomas Brasch 

Text: Marco Arellano Gomes

 

Thomas Brasch war ein Provokateur. Mit seiner Prosa und seinen Bühnenstücken hielt er nicht nur die Staatsspitze der DDR auf Trab, sondern auch die Feuilletonisten der BRD. Als Sohn jüdischer Emigranten im englischen Exil geboren, in der DDR aufgewachsen, dort verhaftet und seit 1976 in West-Berlin lebend, war Brasch, nun ja, anders. Jemand, der genau hinschaute und sich traute, das Gesehene in laute, kampfeslustige Worte zu fassen. Jede Menge Stoff für einen Kinofilm, dachte sich Regisseur Andreas Kleinert („Freischwimmer“) – und mit Albrecht Schuch („Systemsprenger“) konnte er sogar einen der derzeit gefragtesten Darsteller gewinnen.

 

Ein interessanter Ansatz

 

„Lieber Thomas“ unter anderem mit Albrecht Schuch, Jella Haase und Peter Kremer (Foto: Wild Bunch Germany)

„Lieber Thomas“ unter anderem mit Albrecht Schuch, Jella Haase und Peter Kremer (Foto: Wild Bunch Germany)

Der Film ist in mehrere Kapitel unterteilt, angelehnt an eines seiner Gedichte („Der Papiertiger“). Das ist ein interessanter Ansatz und gibt dem Film Struktur. Doch der Film steht und fällt letztlich mit der Darstellung dieses schillernden, schwierigen Charakters. Schuch erkämpft sich diese Rolle mit außergewöhnlicher Intensität. In einer Szene schreit Schuch seinen ganzen Frust von den Dächern Berlins. Immer wieder wirft er seinen Schuch-Blick (weit geöffnete Augen, die ins Leere schauen), was sich auf Dauer etwas abnutzt. Die innere Zerrissenheit, der aggressive Intellekt und die damit verbundene Verletzlichkeit, die Brasch ausgestrahlte, kommen jedoch nicht so recht rüber.

 

Da wäre mehr drin gewesen

 

Wenn ein Dokumentarfilm von 1977 („Annäherung an Thomas Brasch“) in dieser Hinsicht mehr Einsicht bietet als ein 150-minütiger Kinofilm, dann ist etwas schiefgelaufen. Der Film wirkt zu gewollt und zu überspitzt, teils unpassend klamaukig. Mit Schwarz-Weiß-Bildern soll dem Film eine Bedeutung aufgezwungen werden, die dieser leider nicht erlangt. Es ist ein besserer TV-Film, aber sicher kein Kinofilm von Format. Da wäre mehr drin gewesen. Zu Beginn des Films kommt Brasch mit einigen Kommilitonen aus einem Kino. Die Dozentin fragt, wie er den Film fand. Brasch, antwortet: „Nun, der Umstand, dass die Kunstgattung Film als Kind kapitalistischer Produktionsverhältnisse geboren wurde, bleibt halt nicht ohne Folgen.“ Dass sich bei „Lieber Thomas“ jemand mehr vorgenommen hat, als den Möglichkeiten entspricht, leider auch nicht.

„Lieber Thomas“, Regie: Andreas Kleinert. Mit Albrecht Schuch, Jella Haase, Peter Kremer. 150 Min. Ab dem 11. November 2021 im Kino

 

Einen Einblick gefällig? Hier gibt‘s den Trailer zu „Lieber Thomas“:


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