Max Frisch fragt… Ina Schmidt

Autoren der Gegenwart antworten auf den berühmten Fragebogen von Max Frisch. Dieses Mal antwortet die Autorin Ina Schmidt. Ihr aktuelles Buch heißt „Über die Vergänglichkeit“. Am 13.10. spricht die Philosophin im Literaturhaus zum Thema „Wie wir sterben lernen“, 19.30 Uhr.

 

Haben Sie Angst vor dem Tod und seit welchem Lebensjahr? 

Ja, das habe ich. Seitdem ich denken kann. Aber ich halte diese Angst für einen Teil des Lebens, die uns zeigt, was wesentlich ist und wie wenig wir festhalten und besitzen können. Ich habe mich schon als Kind darüber gewundert, wenn Menschen sagen konnten, dass sie keine Angst vor dem Tod haben. Ich bewundere das, aber ich kann es mir selbst nicht vorstellen.

Was tun Sie dagegen?

Nicht viel. Ich möchte viel lieber lernen, mit dieser Angst gut zu leben. Sie darf nicht das Ruder übernehmen, und meine Entscheidungen zu sehr beeinflussen. Also versuche ich, das Gefühl besser kennen zu lernen, auch indem ich mir den Tod nicht nur als Bedrohung vorstelle. Der Begründer der Logotherapie Viktor Frankl hat einmal gesagt, man dürfe sich von der eigenen Angst nicht alles gefallen lassen – und das versuche ich, indem ich sie nicht bekämpfe und gleichzeitig daran arbeite, ihr nicht zu viel Raum zu geben.

Hoffen Sie auf ein Jenseits?

Nein, es gibt nicht wirklich etwas, auf das ich hoffe, aber ich wünsche mir, dieses Leben irgendwann loslassen zu können – in dem Gefühl, dass es ein gutes Leben war. Völlig unabhängig von dem, was dann kommt.

Können Sie sich ein leichtes Sterben denken?

Ich glaube, dass es Menschen gelingen kann, leicht zu sterben. Wenn sie lebenssatt sind und den Tod vielleicht sogar als Möglichkeit ansehen. Mir traue ich das aber nicht zu. Ich war noch nie gut darin, Abschied zu nehmen. Insofern glaube ich, dass ich die Schwere nicht werde vermeiden können, egal wie und wann mir der Tod begegnet.

Möchten Sie lieber mit Bewusstsein sterben oder überrascht werden von einem fallenden Ziegel, von einem Herzschlag, von einer Explosion usw.?

Ich würde gern mit Bewusstsein sterben, bei einem plötzlichen Tod hätte ich das Gefühl, mir würde ein wichtiges Ereignis vorenthalten werden. Mir gefällt der Gedanke, dass ich mich vom Leben und den Menschen darin verabschieden kann – auch wenn es schwerfällt.

Wenn der Atem aussetzt und der Arzt es bestätigt: sind Sie sicher, dass man in diesem Augenblick keine Träume mehr hat?

Nein, das bin ich nicht. Für diesen Augenblick gibt es, denke ich, nichts mit Sicherheit zu sagen – und ich glaube, das ist gut so.

Max Frisch: „Fragebogen“, Suhrkamp, 96 Seiten 

Ina Schmidt: „Über die Vergänglichkeit“, Edition Körber, 280 Seiten 


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Interview: Moritz Bleibtreu über sein Regiedebüt „Cortex“

Moritz Bleibtreu feierte mit „Cortex“ auf dem Filmfest Hamburg Premiere. Der Schauspielstar schrieb das Drehbuch, führte Regie, produzierte den Film und spielte die Hauptrolle. Mit SZENE HAMBURG traf er sich vorab zum Gespräch und sprach über seine Erfahrung als Regisseur, seine Vorbilder und den Reiz komplexer Erzählungen

Interview: Marco Arellano Gomes

 

Mit einem dunklen Mercedes scheint Moritz Bleibtreu zum Interviewtermin. Er steigt aus, geht ein paar Schritte Richtung Lokal, fragt seine Agentin, ob sie ihm eine Flasche Wasser, einen Cappuccino mit Zucker und einen Aschenbecher organisieren könne und schwingt sich auf eine hohe Holzbank. Treffpunkt ist das vor Kurzem wiedereröffnete Restaurant „Farina Meets Mehl“ in Ottensen. Auf dem diesjährigen Hamburger Filmfest feiert Bleibtreus Film „Cortex“ Premiere. Er wirkt entspannt, ist bei bester Laune. Als er die aktuelle SZENE HAMBURG auf dem Tisch liegen sieht, erzählt er, dass seine Mutter (Theaterschauspielerin Monica Bleibtreu, Anm. d. Red.) in den 1980er Jahren das Blatt regelmäßig gelesen habe.

 

SZENE HAMBURG: Moritz, dein neuer Film „Cortex“ feiert dieses Jahr auf dem Filmfest Hamburg Premiere. Wie würdest du dich als Regisseur beschreiben?

Moritz Bleibtreu: Meine Erfahrung ist, dass ich als Regisseur vor allem Motivator bin. Wenn du im Team Leute hast, die gut sind, dann tragen alle von sich aus viel zu dem Film bei und bringen sich ein. Das ist ja das Tolle!
Es gibt im Grunde zwei Arten von Regisseuren: Die, die gerne abgeben und die, die das nicht tun. Ich gehöre definitiv zu denen, die gerne abgeben.

Gab es Regisseure, mit denen du gearbeitet hast, von denen du sehr inspiriert warst? Von denen du sagen würdest: „Von ihm habe ich viel über das Filmemachen gelernt?“

Letztendlich habe ich von jedem Regisseur, mit dem ich gearbeitet habe, auch etwas gelernt. Aber besonders hängen geblieben ist mir die Arbeit mit Steven Spielberg am Film „München“.

Was war an der Arbeit mit Spielberg so besonders?

Er ist die absolute Champions League und die Art Regisseur, in deren Tradition ich mich gerne sehen würde, ohne mich mit ihm vergleichen zu wollen. Damals habe ich Spielberg gefragt: „Kannst du mir jungem Schauspieler etwas mit auf den Weg geben? Und was machst du anders? Was macht dich so erfolgreich?“ Und dann sagte er: „Moritz, I don’t do anything. All I do is, I hire the best people in the world and I tell them how great they are“ („Moritz, ich tue nichts. Ich engagiere nur die besten Leute der Welt und sage ihnen, wie toll sie sind“). Er lässt die Leute am Set einfach ihren Job machen und vertraut ihnen. Spielberg ist eigentlich ein unterschätzter Regisseur, künstlerisch betrachtet.

Hat dich nicht auch Fatih Akin stark geprägt? Immerhin habt ihr vier Filme miteinander gedreht.

Klar, auf jeden Fall. Wir haben uns gegenseitig geprägt. Er würde wahrscheinlich das Gleiche sagen. Es gibt, ehrlich gesagt, kaum einen Regisseur, von dem ich nichts gelernt habe. Jeder hatte seine Stärken. Fatih hat zum Beispiel diesen absoluten Willen zur Wahrhaftigkeit – und wenn er sich dafür prügeln muss. Helmut Dietl hingegen will es genau so, wie er es sagt. Und wenn da ein Bindestrich steht, dann muss man den auch wirklich mitnehmen. Tom Tykwer wiederum ist ein wandelndes Filmlexikon. Der weiß alles über Film.

Als du das Drehbuch zu „Cortex“ geschrieben hast, hattest du da schon die Darsteller vor Augen?

Leider nicht. Das ist auch einer der Gründe, weshalb ich mich selbst besetzen musste. Ich habe keinen mehr gefunden, der Zeit hatte und den ich wirklich gewollt hätte. Ich habe den großen Fehler gemacht, das Drehbuch nicht auf Schauspieler hin zu schreiben. Ich hatte mir gedacht: Ich schreibe diese Geschichte und dann schauen wir mal. Das würde ich so nicht noch mal machen.

Drehbuch, Regie, Hauptrolle, Produzent: Hattest du irgendwann die Befürchtung, dass du dir etwas zu viel zugemutet hast?

Ja, hatte ich. Ich habe sie auf eine Art noch immer – zumindest, was die Außenwirkung betrifft. Es war nicht so, dass ich gesagt hätte: „So, jetzt mache ich das alles hier für mich. Und alle anderen: Bitte zur Seite!“ So wirkt das nun wahrscheinlich, aber das Gegenteil war der Fall. Ich wollte mich nicht besetzen. Es war bloß niemand zur Verfügung, der mich wirklich begeisterte. Also dachte ich mir, bevor ich jemanden besetze, bei dem ich mir nicht sicher bin oder der sich in der Situation nicht wohlfühlt, nehme ich es lieber auf meine eigenen Schultern.

Bist du mit dem Ergebnis zufrieden?

Der Regisseur ist jedenfalls der Meinung, dass der Bleibtreu das ganz gut gemacht hat (lacht).

Konntest du als Regisseur die eigenen Szenen überhaupt aus der Außenperspektive betrachten?

Ich habe in solchen Momenten komplett an Thomas Kiennast, den Kameramann, abgegeben und gesagt: „Wenn ich spiele, dann führst du Regie.“ Ich habe dann auch voll auf ihn gehört und nichts hinterfragt.

 

„„Cortex“ hat keinen größeren Anspruch, als ein kleiner, verrückter Debütfilm zu sein“

 

Du bist ein sehr erfahrener Schauspieler. Hast du das Gefühl, als Regisseur deshalb ein besseres Händchen für die Darsteller zu haben?

Ich glaube schon, dass es für einen Regisseur von Vorteil ist, wenn er selber das Schauspiel kennt, weil er dann besser weiß, wo sich ein Schauspieler gerade befindet, wie sich eine bestimmte Nervosität äußert und wie der Schauspieler sich in bestimmten Momenten fühlt.

Bist du dann strenger oder gnädiger?

Auf jeden Fall gnädiger.

Die Erwartungshaltung ist hoch, wenn Filmstars bei einem Film das Drehbuch und die Regie übernehmen. Wie hast du dich darauf vorbereitet?

Ich denke, ich habe genügend Filme gemacht, um zumindest eine Vorstellung davon zu haben, was für eine Art Regisseur ich sein möchte. Der Rest ist Lernen. Ich mache das immerhin auch zum ersten Mal. „Cortex“ hat keinen größeren Anspruch, als ein kleiner, verrückter Debütfilm zu sein. Ich habe versucht, mich völlig frei zu machen von übertriebenen Erwartungen. Ich habe einfach das gemacht, was ich schon lange machen wollte – und zwar möglichst kompromisslos. Ich denke, das ist mir auch ganz gut gelungen.

Du machst in der Tat einen zufriedenen Eindruck. Viele Regisseure hadern ja mit ihren Filmen bis zur letzten Minute, da die Filme oftmals nicht so sind, wie ursprünglich gedacht.

Mittlerweile habe ich meinen Frieden damit gemacht.

Mittlerweile?

Es ist ein Prozess, zu verstehen, dass das, was man sich in seinem stillen Kämmerchen ausdenkt, nie das sein wird, was am Ende auf der Leinwand zu sehen ist. Filmemachen ist Teamarbeit. Du hast da mindestens 30 bis 40 Leute, die wichtig sind für alles, was passiert. Die große Kunst ist es, auch mal loszulassen und im richtigen Moment zu sagen: „Ich lass das jetzt und guck mir was Neues an.“ Nichts läuft durchgehend so, wie geplant.

 

Das Schreiben ist das Wichtigste

 

Beunruhigt es dich nicht, wenn nichts wie geplant läuft?

Ich kann mir schwer vorstellen, einen Film zu machen, von dem ich sage: „Ey, was für ein Brett.“ Dafür bin ich viel zu zweifelnd und zu selbstkritisch. Ich sehe immer erst mal Fehler, und erst langsam schleichen sich Gedanken ein, dass ich es vielleicht so schlecht gar nicht gemacht habe.

Was war denn deine wichtigste Erkenntnis bei der Produktion von „Cortex“?

Was ich mitgenommen habe, ist, dass das Schreiben das eigentlich Wichtige ist. Das ist etwas, das mein Leben garantiert verändert und was ich auch weitermachen will.

Wie kamst du überhaupt auf das Thema?

Schwer zu sagen. Ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht. Ich habe irgendwann mal im Witz gesagt: „Weißt du, was man mal machen müsste? Einen ernsten Body-Switch-Film. Einen, der nicht lustig ist, auch nicht halblustig, wie bei ,Im Körper des Feindes‘ (,Face/Off ‘), sondern wirklich ernst. Das hat sich irgendwann in meinem Kopf festgesetzt.“ Ich habe immer aus Spaß gesagt: „Ich habe das erste Body- Switch-Drama der Welt gemacht.“
Na ja, möglicherweise ist mir ein Koreaner zuvorgekommen, aber im Westen bin ich, soweit ich weiß, der Erste.

Also hat dich vor allem die Filmgeschichte inspiriert?

Filmemachen ist nun mal ein sehr großer Teil meines Lebens. Künstlerisch betrachtet, spiegelt die Schauspielerei das Leben von jedem wider. Ich werde dafür bezahlt, viel Zeit meines Lebens nicht ich selbst zu sein, sondern anderen etwas vorzuspielen und gleichzeitig mich in dieser Figur zu suchen und zu finden. Das ist eine Parabel für das Leben an sich: Jeder sucht sich selbst. Im besten Fall findet man sich ganz, eventuell ein bisschen oder eben gar nicht. Dabei muss man ab und zu auch loslassen können. Du kannst nichts Neues machen, ohne etwas loszulassen. Du kannst nichts finden, ohne etwas wegzuwerfen.

Hattest du je das Gefühl, in eine Rolle so einzutauchen, dass du dich selbst darin verloren hast und nicht mehr wusstest, wo die Rolle anfängt und der Darsteller Moritz Bleibtreu aufhört?

Nein, weil dieses Suchen, dieses mich in einer Figur finden, nie Formen angenommen hat, die mich selbst kirre gemacht hätten. Es gibt aber Regisseure, die sehr fordernd sind. Und ich habe Filme gemacht, bei denen ich physisch an einen Punkt gekommen bin, wo es nicht mehr ging. Davon ausgehend kann auch persönlicher Kram in Mitleidenschaft gezogen werden. Aber ich gehöre nicht zu den Leuten, die
sich in einer Figur verlieren. Ich habe auch schon erlebt, dass ich von einem Filmset ging und sagen musste: „Ich habe den Charakter wirklich nicht gefunden.“

Bei welcher Figur war das der Fall?

Das sagt man der Presse natürlich nicht. (lacht)

Du hast als Schauspieler oft komplexe, fordernde Rollen gewählt, statt dich dem Mainstream zu verschreiben. Ist das dein Prinzip?

Mir macht kompliziertes Zeug im Allgemeinen einfach Spaß, ohne dass ich den Mainstream verurteile. Es gibt viele Mainstream-Filme, die ich sehr gelungen finde. Ich habe irgendwann einfach großes Interesse an komplexen Thematiken, Geschichten sowie komplexer Literatur und Musik entwickelt. Ich mag Sachen, die nicht auf den ersten Blick gefallen, sondern bei denen man etwas tun muss, um sich diese zu erschließen. Du siehst, liest oder hörst es nochmal und noch mal und noch mal – und beim fünften oder zehnten Mal merkst du: „Ach, das wollte der Typ! Jetzt habe ich das verstanden. Wie geil ist das denn?!“

Zurück zu deinem Film „Cortex“: Der spielt ja in großen Teilen in Hamburg. Hast du besonders gern hier in deiner Heimatstadt gedreht?

Ja, klar. Das war toll. Nicht nur wegen der schönen Kulissen, die diese Stadt bietet, sondern auch, weil ich mich darüber freute, schnell zu Hause zu sein (lacht). Der letzte Film, den ich in Hamburg gedreht habe, war „Soul Kitchen“! In Hamburg wird leider viel zu wenig Kino gemacht.

 

Seht hier den Trailer zu „Cortex“:

 

Es gibt Pläne, mehr High-End-Serien in Hamburg zu produzieren. Es gab eine lebhafte Debatte um eine alte, nicht mehr genutzte Posthalle, in der unter anderem eine Serie von Fatih Akin gedreht werden könnte. Braucht Hamburg ein solches Studio?

Alles, was den Filmstandort Hamburg attraktiver macht, ist definitiv zu begrüßen. Ohne staatliche Subventionen würden wir hier in Deutschland nicht einen einzigen Film machen. Deswegen können wir der Subvention und der Öffentlich-Rechtlichen nicht genug danken. Mich ärgert bloß, dass dieses System so stark ländergebunden ist. Das ist nicht immer hilfreich, vor allem, wenn mehrere Länder subventionieren und man gezwungen ist, in jedem der beteiligten Länder zu drehen. Die Franzosen haben ihre Förderung zentralisiert. Das würde auch hier viel Geld einsparen und dieses ständige Hin- und Herfahren verringern.

Heutzutage können es sich wenige erlauben, komplexe Filme zu machen. Oft scheitert es an der Finanzierung. „Cortex“ ist so gesehen ein mutiges Projekt. Wie würdest du den Film in aller Kürze zusammenfassen?

Ein Mann träumt von einem anderen Mann, bis er zu ihm wird. Der eine versucht, sein Leben zurückzubekommen, der andere versucht, das neue Leben zu behalten. Es ist eigentlich ganz einfach.

Wie, glaubst du, wird das Publikum den Film aufnehmen?

Natürlich hoffe ich, dass ihn viele Leute sehen – aber ich weiß auch, in was für einer Krise das Kino momentan steckt. Viele meiner persönlichen Lieblingsfilme waren im Kino nicht allzu erfolgreich, teilweise sind diese aber im Nachhinein zu Kultfilmen avanciert. Es wäre toll, wenn „Cortex“ dazu führt, dass die Leute sagen: „Lass mal gucken, was der Bleibtreu noch so macht.“


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Max Frisch „Fragebogen“: Christian Baron antwortet

Autoren der Gegenwart antworten auf den berühmten Fragebogen von Max Frisch. Dieses Mal antwortet Christian Baron, Autor des preisgekrönten Romans „Ein Mann seiner Klasse“ 

Wenn Sie einen Menschen in der Badehose treffen und nichts von seinen Lebensverhältnissen wissen: woran erkennen Sie nach einigem Gespräch (nicht über Geld) trotzallem den Reichen?

Gehen wir von einem Menschen fortgeschrittenen Alters aus: Je glatter das Gesicht, umso wahrscheinlicher ist es, dass es sich um eine Person ohne materielle Sorgen handelt. Denn Falten kommen vom Nachdenken und Grübeln, wozu Reiche in der Regel keinen Anlass haben.

Da zwar ein Recht auf Eigentum besteht, aber erst in Kraft tritt, wenn Eigentum vorhanden ist: könnten Sie es irgendwie verstehen, wenn die Mehrheit Ihrer Landsleute, um ihr Recht in Kraft zu setzen, Sie eines Tages enteignen würde?

Nicht, wenn es um „der Oma ihr klein Häuschen“ geht. Zu mehr Reichtum will und werde ich es nie bringen. Es gibt auf Erden eine obszöne Ungleichheit. Die 85 reichsten Milliardäre besitzen genau so viele Vermögenswerte wie 3,5 Milliarden Personen. Das muss sich ändern. Ich würde da aber nicht von Enteignung sprechen, weil konzentrierter Reichtum bereits auf einer Enteignung der Gesellschaft beruht. Es wäre also eher eine Vergemeinschaftung.

Gibt es einen klassenlosen Humor?

In einer Klassengesellschaft macht es einen Unterschied, wer über wen lacht. Ich halte es mit Harald Schmidt: „Keine Witze über Leute, die weniger als 10.000 Euro im Monat verdienen.“ Kurt Tucholsky schrieb, Satire gewinne ihre Daseinsberechtigung dadurch, dass sie es wage, „dem dicken Kraken“ an den Leib zu gehen. Damit meint er den Kapitalismus. Guter Humor funktioniert also „von unten nach oben“, niemals aber „von oben nach unten“.

Was bezeichnen Sie als männlich?

Meine erste Assoziation: mit hinter dem Rücken verschränkten Armen spazieren zu gehen. Ansonsten habe ich meiner lebensklugen Tante zu verdanken, dass ich mich lieber damit beschäftige, was „menschlich“ ist als mit dem, was als „männlich“ gilt. Und noch etwas hat sie mich gelehrt: Viele gemeinhin als „unmännlich“ und „Schwächen“ titulierten Eigenschaften sind aus humanistischer Sicht große Stärken.

Wen, der tot ist, möchten Sie wiedersehen?

Meinen Vater habe ich damals nicht auf dem Sterbebett besucht. Diesen verpassten Abschied würde ich für ihn und für mich gern nachholen – und bei dieser Gelegenheit meinen Frieden machen mit diesem Mann.

Wenn Sie an Verstorbene denken: wünschten Sie, daß der Verstorbene zu Ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas sagen?

Ich wüsste unheimlich gern, was meine viel zu früh verstorbenen Eltern an mir als Erwachsenem zu kritisieren hätten.

Max Frisch: „Fragebogen“, Suhrkamp, 96 Seiten 

Christian Baron: „Ein Mann seiner Klasse“, Claassen, 288 Seiten 


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Klein aber (sehr) fein: Filmfest Hamburg startet

Vom 24. September bis zum 3. Oktober findet das Filmfest Hamburg statt. Einiges ist anders, doch im Mittelpunkt stehen, wie immer, die Filme. Highlights: der Eröffnungsfilm „Enfant Terrible“ über das Leben von Regielegende Rainer Werner Fassbinder sowie „Cortex“, das Regiedebüt von Schauspielstar Moritz Bleibtreu

Text: Marco Arellano Gomes

 

Nicht weniger als einen „Kino-Rausch“ kündigt das Filmfest Hamburg für dieses Jahr an. „Klein, aber (sehr) fein“ soll das werden, gab Filmfest Hamburg-Leiter Albert Wiederspiel bereits im Juni zum Besten, wenn auch „der aktuellen Situation angepasst“. Damals war noch unklar, ob es in diesem Jahr überhaupt ein Filmfest geben wird. Andere Festivals mussten komplett in digitale Sphären ausweichen, andere wurden verschoben oder gar abgesagt.

Das Filmfest Hamburg findet statt. Vom 24. September bis zum 3. Oktober wird es eine der Situation angepasste 28. Ausgabe des Festivals geben – mit Kinovorführungen in den üblichen Lichtspielhäusern, Abaton, Cinemaxx Dammtor, Passage, Metropolis und Studio Kino, einem digitalen Film- und Rahmenprogramm und bis zu 70 hochkarätigen Filmen. Da das Platzkontingent begrenzt ist, werden zusätzliche Streaming-Tickets angeboten. „Streamfest Hamburg“ wird die digitale Option genannt.

Eröffnungsfilm am 24.9. ist „Enfant Terrible“. Der Film von Oskar Roehler zeichnet episodenhaft das Leben des deutschen Ausnahmeregisseurs Rainer Werner Fassbinder (gespielt von Oliver Masucci) nach, der im Mai dieses Jahres 75 Jahre alt geworden wäre. Ursprünglich hätte „Enfant Terrible“ bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes laufen sollen, die aber Corona-bedingt abgesagt wurden. Fassbinder steht, wie kaum ein anderer, für den Neuen Deutschen Film, eine Bewegung, die sich gegen das kommerzielle Kino der unmittelbaren Nachkriegszeit wandte. Bundesweit kommt der Film am 1. Oktober in die Kinos.

 

Seht hier den Trailer zu „Enfant Terrible“:

 

Ein weiterer Höhepunkt ist die erste Regiearbeit von Moritz Bleibtreu: „Cortex“. Der in Hamburg-St. Georg aufgewachsene Schauspieler hat auch das Drehbuch verfasst, den Film produziert und spielt darüber hinaus die Hauptrolle. In dem Streifen spielt er Hagen, den unkontrollierte Schlafphasen plagen, und der zwischen Traum und Realität zunehmend nicht mehr unterscheiden kann. Darunter leidet auch die Beziehung zu seiner Frau Karoline (Nadja Uhl). Als diese einen Seitensprung mit dem Kleinkriminellen Niko (Jannis Niewöhner) eingeht, kommt eine verstörende Verkettung der Geschehnisse in Gang.

 

Seht hier den Trailer zu „Cortex“:

 

Der diesjährige Abschlussfilm ist „Nomadland“ von Chloé Zhao mit Frances McDormand in der Hauptrolle, die eine Frau aus Nevada spielt, die nach einem wirtschaftlichen Zusammenbruch ihr verbliebenes Hab und Gut in einen Van packt, die Stadt verlässt und in den Westen aufbricht, um ein Leben außerhalb der Zivilisation zu führen.

Einige der Filme wären auch bei den Filmfestivals in Venedig und Berlin gezeigt worden und finden nun ihren Weg in die Hansestadt. Zudem werden im Format „Gegenwartskino im Fokus“ auch dieses Jahr zwei Filmemacher im Mittelpunkt stehen: die US-Amerikanerin Kelly Reichardt („First Cow“) und der chilenische Regisseur Pablo Larraín („Ema“). Sowohl ihre beiden aktuellen Werke als auch einige ihrer alten Filme werden gezeigt. Beide stehen auch für digitale Werkgespräche zur Verfügung.

Die im April ausgefallene „17. Dokumentarfilmwoche Hamburg“ findet in einer abgespeckten Version im Rahmen des Filmfestes statt. Zwölf Dokumentationen werden an einem Wochenende (2. bis 3. Oktober) im Metropolis gezeigt. Mit Ausnahme des Publikumspreises für den besten Film sind alle Wettbewerbe ausgesetzt. Neu sind die digitalen Live-Gespräche und die vorab aufgezeichnete Q&As – abrufbar auf der Website des Filmfestes.

filmfest-hamburg.de


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Buchkritik: „Ein Mann seiner Klasse“ von Christian Baron

Gegen den Klassismus: Ein Mann seiner Klasse

Ein Verlag mit reicher Geschichte kehrt zurück. 1934 gründeten Eugen Claassen und Henry Goverts in Hamburg den Claassen Verlag, um Literatur nach ihren politischen Vorstellungen zu veröffentlichen. Dieses Jahr nimmt Ullstein den zwischenzeitlich stillgelegten Verlag wieder in sein Programm auf. Zum Glück, denn solange Bücher mit Titeln wie „Schantall, tu ma die Omma winken!“ die Bestsellerlisten anführen können, braucht es Bücher wie dieses.

Der Journalist Christian Baron schreibt mit „Ein Mann seiner Klasse“ seinen Kampf gegen Klassismus fort. In seiner polemischen Streitschrift „Proleten, Pöbel, Parasiten“ rechnete er mit Unterschichten-Bashing in linken Kreisen ab. Nun verarbeitet er die soziale Frage literarisch. Baron ist eine grandiose Mischung aus literarischer Schönheit und politischer Analyse gelungen.

Der Autor erzählt von seiner Kindheit im Kaiserslautern der 90er Jahre mit seinem gewalttätigen, alkoholkranken Vater und seiner depressiven Mutter. Seine Familie ist arm in einem reichen Land, vom bürgerlichen Umfeld als „Sozialadel“ und „Assis“ stigmatisiert. Der feinfühlige Ton tut der wutschürenden Handlung gut, weil dem Leser neben aller Theorie die konkreten Auswirkungen einer sozialen Schieflage vor Augen geführt werden. Am herzzerreißensten im Fall der Mutter, einer einst lebensfrohen, der Poesie zugeneigten Frau, die mit 32 Jahren an Krebs verstarb.

Nebenbei räumt er mit zwei neoliberalen Mythen auf. Erstens, dass Gesundheit nur eine Frage des individuellen Lebensstils ist und nicht der sozialen Umstände. Zweitens, dass jeder es schaffen kann, wenn er nur hart genug arbeitet. Zufall und die Unterstützung von gut meinenden Menschen ermöglichten es, dass Baron entgegen aller Prognosen studierte und heute Redakteur bei der Wochenzeitung „Der Freitag“ ist. Doch die Prägungen einer von kruden Männlichkeitsbildern geprägten Erziehung hallten lange nach.

Baron brachte es nicht über sich, seinem im Sterben liegenden Vater zu verzeihen, sein Bruder Benny schon. „Wofür ich komplizierte Bücher lesen musste, das spürte er von selbst: Unser Vater war ein Mann seiner Klasse. Ein Mann, der kaum eine Wahl hatte, weil er wegen seines gewalttätigen Vaters und einer ihn nicht auffangenden Gesellschaft zu dem werden musste, der er nun einmal war.“ Und: „Das entschuldigt nichts, aber es erklärt alles.“

Im November 2018 schrieb Baron einen Artikel über seine Herkunft und lancierte dazu den Hashtag #unten bei Twitter – unter dem Menschen ihre sozialen Ausgrenzungserfahrungen schildern. Nach #Me-too und #Metwo ist das Triptychon linker Politik – race, class & gender – seitdem vollständig. Wenngleich #unten weniger Aufmerksamkeit erhielt als seine Geschwister. Bleibt zu hoffen, dass „Ein Mann seiner Klasse“ die Debatte wieder ankurbelt. / Ulrich Thiele