„Untold Stories“: Peter Lindbergh im MKG

Kurz vor seinem Tod stellte Peter Lindbergh die Schau „Untold Stories“ fertig, ein verblüffendes Best-of seiner Arbeit

Text: Sabine Danek

 

Letztes Jahr im Mai war Peter Lindbergh (1944–2019) noch in Hamburg. Um persönlich einen Blick in das Museum für Kunst und Gewerbe zu wer­fen, der zweiten Station seiner Ausstellung „Untold Stories“ – und der ersten, die er selbst konzipiert hat. Einen „Kampf um Leben und Tod“ nannte er die Auswahl, bei der er sein Werk, das mehr als 40 Jahre umspannt, auf 140 Arbeiten reduzie­ren musste. Felix Kramer, Direktor des Düsseldorfer Kunstpalasts, wo die Ausstellung eröffnete, hatte Lind­bergh den Vorschlag gemacht, sein eigener Kurator zu sein. Der Fotograf hatte sofort zugestimmt und schließlich zwei Jahre daran gearbeitet.

Zwischendurch dachte Lindbergh, die Ausstellung würde nie fertig. Nach jedem seiner Shootings, die ihn beständig um die Welt führten, hatte er andere Ideen. Und irgendwann sogar ein Reisemodell der Museumsräume dabei, in der er die Arbeiten beständig neu arrangierte.

Was letztendlich entstand, ist ein Geschenk. Es ist eine persönliche Auswahl, ein Einblick, wie Lindbergh selbst sein Werk sah und was er daran als essenziell betrachtete. So kam es, dass einige seiner ikonischen Aufnahmen fehlen und stattdessen viel Unveröffentlichtes zu sehen ist.

 

„Ein Interview mit der Kamera“

 

Mit Bildern, drei mal vier Meter groß, zieht er direkt in seine Ausstellung hinein. Models sind darauf zu sehen, Landschaften, Stillleben. Überwältigt solle man zu Beginn werden, sagte Lindbergh selbst. Um dann eine Reise durch sein Werk zu beginnen, durch seine Modestrecken, Kampagnen, Porträts. Darunter zahlreiche Celebritys. „Mit ihm Fotos zu machen, ist wie ein Interview mit der Kamera“, hat Uma Thur­ man über Lindbergh gesagt.

 

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Foto: Uma Thurman, Peter Lindbergh

 

Von Duisburg, wo Lindberg als Peter Brodbeck aufwuchs, ging er nach Krefeld, um Kunst zu studieren, haute schließlich nach Berlin ab, zog dann nach Paris und wur­de zu einem der großen Modefo­tografen. Auch, weil die Mode ihn nicht sonderlich interessierte. 25 Jahre lang besuchte er nicht eine einzige Modenschau, er legte keinen Wert auf Trends und aktuelle Kollektionen, sondern wollte seinen eigenen inneren Bildern nachgehen.

Viele davon kamen aus der Kunst. Die Skulpturen des französischen Bildhauers Aristide Maillol beeinflussten seine Arbeit ebenso wie die Konzeptkunst Joseph Ko­suths, die amerikanische Dokumentarfotografie von Dorothea Lange oder Walker Evans und später auch der Tanz von Pina Bausch, mit der er befreundet war. Für eine seiner bekanntesten Kampagnen für Comme des Garçons kehrte er an die Duisburger Hochöfen zurück und zitierte Fritz Langs „Metropolis“. Immer in Schwarz­-Weiß, weil sich das für ihn authentischer anfühlte, und immer auf der Suche nach dem Moment, in dem ein Bild sich in eine Geschichte verwandelte.

 

Ein ungewöhnlicher Lindbergh

 

Den fand er, wenn er mit einem kleinen Team in den Straßen von Downtown Los Angeles unterwegs war, wo er Uma Thurman zwischen mexikanischen Straßenhändlern und Obdachlosen in mörderisch hohen High Heels entlang stöckeln ließ oder auf riesigen Sets, in denen er Models als 40er­-Jahre­-Ganoven inszenierte, Ufos landen ließ und kleine Außerirdische neben Helena Christensen einen Feldweg entlang hopsen. Oder er in einer sei­ner spektakulärsten Kampagnen, als er 1989 mit Tina Turner den Eiffelturm hochstieg und sie in schwin­delerregender Höhe auf dessen Eisenverstrebungen posierte.

Unter den Arbeiten, die erst­mals zu sehen sind, ist auch „Tes­tament“ von 2013. 300 Fälle zum Tode verurteilter Mörder studierte Lindbergh, unter anderem von Elmer Carroll, den er 30 Minuten lang in einen Spiegel blicken ließ, auf dessen anderer Seite seine Ka­mera stand. Ein ungewöhnlicher Lindbergh. Auch in der Arbeitsweise. Bekannt war er für seine unermüdliche Aktion beim Fotogra­fieren, er tänzelte, rannte, lief rück­wärts und steckte alle an. Mit seinen „kleinen Ewigkeiten von Freu­de“, wie sein Freund Wim Wenders sich im Katalog erinnert, und seiner „Leichtigkeit des Seins“.

Peter Lindbergh: Untold Stories, Museum für Kunst und Gewerbe, 20.6.–1.11.2020

 


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Matthias Günther: „Theater ist eine Glücksmöglichkeit“

30 Fragen, 30 Antworten: Matthias Günther, Dramaturg am Thalia Theater, über seine persönlichen Lieblingsstücke, die nicht anerkannte Systemrelevanz von Kultur und warum Tocotronic die passenden Worte zur aktuellen Lage gefunden haben

Fragebogen: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Welches kulturelle Ereig­nis hat Sie geprägt?

Matthias Günther: Seit frühester Kindheit die documenta in meiner Heimatstadt Kassel und insbesondere die Aktion „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ von Joseph Beuys 1982 (documenta 7).

Welches Theaterstück hat Sie als erstes zum Weinen gebracht?

Im Kasperltheater die Entführung der Großmutter im „Räuber Hotzenplotz“.

Und welches zuletzt?

Die erste Probe von „Ode an die Freiheit“ zwei Monate nach der Theaterschließung.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Thea­ terbesuch? Welches Stück haben Sie gesehen und was hat es in Ihnen aus­ gelöst?

Der Besuch des Weihnachtsmärchens „Der gestiefelte Kater“ im Staatstheater Kassel Anfang der 1970er Jahre und meine Empörung über die Pappkulissen. Aus dem Fernsehen kannte ich mehr Wirklichkeit.

Welches Theaterstück hat bei Ihnen vermeintliche Gewissheiten über den Haufen geworfen?

Christoph Marthalers Paraphrase „Goethes Faust Wurzel aus 1+2“ 1993 am Deutschen Schauspielhaus und der grandiose Faust-Monolog von Sepp Bierbichler aufgelöst in Vokale.

Was war Ihre schönste Theatererfahrung?

„Das achte Leben (Für Brilka)“ und „Die Katze und der General“ von Nino Haratischwili in den Adaptionen von Jette Steckel und ihrem Team am Thalia Theater. Diese beiden Arbeiten zeigen großes Menschentheater.

 

 

Und die schlimmste?

Keine. Theater ist für mich ganz großes Zuschauerglück. Selbst, wenn es mal nicht so gut ist. Ich komme immer gerne wieder.

Dieses Stück sollte jeder einmal in seinem Leben gesehen haben:

„Krippenspiel“ von Kindergartenkindern in der Weihnachtszeit.

Über welche Inszenierung haben Sie zuletzt heftig mit jemandem gestritten?

Immer wieder über die großartigen Arbeiten von Florentina Holzinger, die mit ihrem radikalen Körpertheater verstört. Performance, Porno, Provokation?

Die Welt geht in einem Jahr unter und Sie können nur noch ein Stück inszenieren: welches wäre das?

Das neue Stück, das Elfriede Jelinek dann schreibt: „Besser wird’s nicht“ – ein Abgesang!

Mein/e Lieblingsschauspieler:

Ich verliebe mich immer wieder und immer wieder neu. Max Reinhardt schrieb über Schauspieler: „Ihre Aufnahmefähigkeit ist beispiellos, und der Drang zu gestalten, der sich in ihren Spielen kundgibt, ist unbezähmbar und wahrhaft schöpferisch. Sie verwandeln alles in das, was sie wünschen. Und dabei das klare, immer gegenwärtige Bewusstsein, dass alles nur Spiel ist, ein Spiel, das mit heiligem Ernst geführt wird.“

Mein/e Lieblingsdramaturg/en:

Ivan Nagel.

Was bedeutet Kultur in diesen Tagen für unsere Gesellschaft?

Es wird uns klar, was fehlt. Sehr viel!

Was bedeutet Theater grundsätzlich für unsere Gesellschaft?

Eine Glücksmöglichkeit! „Verweile doch! du bist so schön!“ (Goethe).

Gibt es unpolitisches Theater?

Kunst- und Kultureinrichtungen sind offene Räume, die vielen gehören. In der „Erklärung der Vielen“ heißt es: „Demokratie muss täglich neu verhandelt werden – aber immer unter einer Voraussetzung: Es geht um Alle, um jeden Einzelnen als Wesen der vielen Möglichkeiten!“

Das perfekte Stück zur aktuellen Lage:

Die Stücke, die gerade von Dramatikern wie Thomas Köck, Enis Maci, Bonn Park, Felicia Zeller und vielen anderen geschrieben werden.

Was ist die beruflich größte Herausfor­derung für Sie während der Corona­-Krise?

Die bittere Erkenntnis, dass Kultur nicht als systemrelevant eingestuft wird und die Frage, wie wir unsere wunderbare Kunst in Krisenzeiten erhalten und weitermachen können, denn sie ist lebensrelevant.

Was stimmt Sie momentan hoffnungs­froh?

Die Solidarität des Publikums mit den Theatern.

Was stimmt Sie pessimistisch?

Diese miesen völkisch nationalistischen Zusammenrottungen.

 

„Wir forschen und erfinden das Theater der Zukunft.“

 

Werden virtuelle Möglichkeiten auch in Zukunft eine größere Rolle in der Kul­turlandschaft einnehmen?

Die Digitalisierung ist schon jetzt ein wichtiger Bestandteil für das „Storytelling“ von Kulturinstitutionen, kann aber das direkte Live-Erlebnis nicht ersetzen. Theater sind Orte kollektiver Erfahrung. Das Besondere des Theaters hat der Choreograf Jérôme Bel zusammengefasst in dem Satz: „Some people sitting in the darkness, watching other people sitting in the light.“

Wie wird sich die aktuelle Lage auf das Theater nach Corona auswirken?

Wir machen weiter. Wir forschen und erfinden das Theater der Zukunft. Hugo Ball, der erste Dramaturg der Münchner Kammerspiele und später berühmter Dadaist in Zürich schrieb: „Europa malt, musiziert und dichtet in einer neuen Weise. Das neue Theater wird wieder Masken und Stelzen benützen. Es will Urbilder wecken und Megaphone gebrauchen. Sonne und Mond werden über die Bühne laufen und ihre erhabene Weisheit verkünden.“ Das könnte ein Weg sein.

Wem sind Sie in diesen Zeiten beson­ders dankbar?

Den vielen Künstlern, die versuchen weiterzumachen.

Wer hätte mehr Dankbarkeit verdient?

Eltern, die in dieser Zeit eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe übernommen haben: die Schulpflicht ihrer Kinder durch Homeschooling zu gewährleisten.

Worauf freuen Sie sich in den nächsten drei Jahren am meisten?

Ich freue mich auf jeden neuen Tag und hoffe eine „Handbreit“ weiterzukommen.

Ich mag Hamburg, weil …

… es für mich die schönste Stadt Deutschlands ist.

Ich mag das Thalia Theater, weil …

… es ein Ensembletheater ist.

Die Hamburger Theaterlandschaft ist so besonders, weil …

… sie so vielfältig ist von A–Z (Altonaer Theater bis Theater das Zimmer).

Allgemein gesprochen: Sind Sie lieber dafür oder dagegen?

Meine politische Sozialisation ist eng verbunden mit der Friedenbewegung der 1980er Jahre. Damals war der Slogan: „Aufstehn“.

Wann haben Sie sich das letzte Mal ge­irrt?

„Kluge Irrtümer sind wichtiger als banale Wahrheiten“, hat Heiner Müller gesagt.

Welche Hoffnung haben Sie aufgege­ben?

Ich halte es mit Tocotronic: „Aus jedem Ton spricht eine Hoffnung auf einen Neuanfang.“

 


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Bewegte Zeiten: Das Autokino auf dem Heiligengeistfeld

Ein Autokino, mitten in der Stadt – das gab es in Hamburg noch nie! Am 6. Juni 2020 war Premiere auf dem Heiligengeistfeld. Gezeigt wurde „Lindenberg! Mach dein Ding“. Regisseurin Hermine Huntgeburth war dabei und gab Einblicke in die Produktion. Dann erschien Udo auf der Leinwand und sprach wie der heilige Geist der Hansestadt auf das Feld hinab. Die Geschichte eines unvergesslichen Abends

 

Text: Marco Arellano Gomes / Fotos: Jérome Gerull

Matthias Elwardt schreitet Richtung Leinwand, bleibt stehen, setzt seinen Mund-Nasen-Schutz auf, dreht sich zu den Journalisten und grinst. Und grinst. Und grinst. Erst nach einigen Sekunden wird klar, dass das Grinsen aufgesetzt ist. Der Geschäftsführer der Zeise Kinos reißt in bester „Mission Impossible“-Manier seine Maske vom Gesicht, zeigt ein noch breiteres Grinsen und löst das Rätsel auf: Das sei eine Fotomaske „von einer kleinen Textildruckerei aus Winterhude“. Täuschend echt und doch nicht das Original – das trifft irgendwie auch auf diesen Abend zu.

Heiligengeistfeld, kurz vor 20 Uhr. Die Sonne geht hinter dem mächtigen Schutzbunker an der Feldstraße unter und taucht den frühsommerlichen Abendhimmel in ein helles, warmes Orange. Nur einige wenige dunkle Gewitterwolken schweben noch am Horizont – eine prachtvolle Kulisse für diesen lange ersehnten Kinoabend. Hier beginnt am heutigen Tag, dem 6. Juni 2020, ein neues Kapitel: die Rückkehr der Autokinos, nach 17 Jahren.

Für viele wird dieser Abend die erste Autokinoerfahrung sein. Zwar gab es in Hamburg von 1976 bis 2003 das „Drive In“ in Billbrook. Doch die wenigsten waren in diesem ersten und einzigen Autokino Hamburgs zu Besuch. Sie alle sind heute gekommen, um nach Monaten der Abstinenz überhaupt einen Kinofilm auf einer Leinwand zu sehen: gemeinsam, gemütlich, gespannt. Fast wie im Kino.

 

Vier Autokinos in Hamburg

 

Vier Stück gibt es nun in Hamburg: Das „Autokino – Bewegte Zeiten“, auf dem Heiligengeistfeld, das „SEAT Cruise Inn“ in Steinwerder, das „Lotto Hamburg Auto­kino“ auf der Bahrenfelder Trabrennbahn und das „Independent Autokino“ im Oberhafen. Und so wie die Sonnenstrahlen sich an diesem Tag durch die dicken, grauen Regenwolken kämpften, so sind die Autokinos der Lichtblick in einer düsteren Phase des Corona-bedingten kulturellen Lock- beziehungsweise Shutdowns.

Mitten auf dem Feld, das die Begriffe ­Heilig und Geist im Namen trägt, atmet die Stadt, wenige Tage nach Pfingsten, gemeinsam auf und nimmt dabei die Diesel-Abgase billigend in Kauf. Es ist Premierenabend. Knapp 1.000 bis 1.500 Menschen fahren in ihren 500 Autos von der Glacischaussee kommend einen großen Bogen, Richtung Bunker. Die Autos halten brav 1,5 Meter Abstand.

Zu sehen gibt es den Film „Lindenberg! Mach dein Ding“ – auf zwei Leinwänden, zeitversetzt um eine Stunde. Zwischen den beiden, liebevoll Kino 1 und Kino 2 genannten Plätzen, befinden sich 30 gelbe, aufeinandergestapelte Schiffscontainer. Auf beiden Seiten dieser Container-Wand sind 126 Quadratmeter große LED-Leinwände befestigt.

 

Premiere: Am 6. Juni 2020 flimmerte der erste Film über die Kinoleinwand des Autokinos am Heiligengeistfeld (Bild: Jérome Gerull)

„Wir stehen hier im derzeit größten Kino Hamburgs und eröffnen heute Abend mit einem ganz tollen Hamburg-Film“, sagt Elwardt, Mitveranstalter des heutigen Abends. „Die Regisseurin ist da, der Produzent ist da. Das wird bestimmt toll.“ Dann schreitet er mit Regisseurin Hermine Huntgeburth und Produzent Michael Lehmann in Richtung eines Glaskastens, direkt neben der Leinwand. In wenigen Augenblicken führt er dort ein Interview mit den beiden.

Die Stimmung ist prächtig. Am Einlass und am Ticketstand strahlen sowohl die Mitarbeiter der Bergmanngruppe, die seit Wochen in Kurzarbeit waren und nun endlich wieder ein Event zum Leben erwecken können, als auch die Gäste, die ihre Tickets durch die Scheibe scannen und sich einen Stand weiter auf der rechten Fahrspur ihre Snack-Packs – gefüllt mit Popcorn, Chips, Cola oder Bier – durch die Fenster reichen lassen. „Moin, danke, viel Spaß, Weiterfahren!“

Ein roter Teppich liegt auf beiden Fahrspuren aus. Die Stars sind die Autos. Wer hätte gedacht, dass die vor Kurzem noch verhassten Boliden ein solches Comeback erleben würden? Es duftet nach frischem Popcorn, direkt vor Ort produziert in der original Popcorn-Maschine aus dem Zeise Kino. Wer nur eine Minute hier steht, fühlt sich wie im Kino. Erinnerungen werden wach, an unzählige Abenteuer, die nur das Kino zu schreiben vermag. Schon erstaunlich, was Gerüche alles auslösen können!

Die Idee, Autokinos anzubieten, entstand aus der Not heraus. Der Bergmanngruppe, die das Autokino am Heiligengeistfeld gemeinsam mit den Zeise Kinos auf die Räder gestellt hat, waren im März 100 Prozent aller Aufträge weggebrochen. „Von heute auf morgen“, sagt Geschäftsführer Thorsten Weis. Er trägt einen grauen Fünf-Tage-Bart, graue Sneaker, graue Jeans, einen dunkelgrauen Pullover, darüber einen ärmellosen Overall in Anthrazit mit einem Spruch des Hauptsponsors auf dem Rücken. Nur seine moderne Brille mit breitem Gestell ist schwarz.

 

Zeise Kinos und Bergmann-gruppe riefen das Autokino ins Leben

 

Sein Team nennt ihn Thorsten der Graue, in Anlehnung an Gandalf den Grauen aus der „Herr der Ringe“-Trilogie. Einen spitzen Hut trägt er nicht, auch führt er keinen Zauberstab mit sich, aber an der rechten Hand trägt Thorsten Weis einen wuchtigen silbernen Ring mit dunklem Stein darin. Vielleicht liegen hier magische Kräfte verborgen. In jedem Fall hat er mit seinem Team fast Unmögliches vollbracht.

Als er, kurz nach Einbruch aller Aufträge, las, dass in anderen Bundesländern Autokinos weiter erlaubt waren und neue entstanden, kam ihm die Idee: Warum nicht ein Autokino hier in Hamburg? Er erstellte ein Konzept. Es erschien machbar. Nur bei der Filmkompetenz brauchte er Unterstützung. „Zur Vorführung von Filmen braucht es Lizenzen und es müssen diverse Abgaben an die Verleiher, die Filmförderung geleistet werden.“

Weis schrieb eine Mail an die Zeise Kinos. Eine halbe Stunde später rief Matthias Elwardt zurück. „Wir haben uns sofort verstanden und gleich gesagt, wenn wir es machen, dann machen wir es groß. Zwei Flächen. Wir machen die Orga, er den Filmpart. Fifty-fifty.“ Es gab noch 22 weitere Interessenten für dieses Filetstück in bester Innenstadtlage. Gegen Himmelfahrt erhielten Bergmanngruppe und Zeise Kinos den Zuschlag.

 

Das Autokino ist ein Risiko

 

Das Autokino ist ein Risiko. Erst bei einer Auslastung von etwa 60 Prozent ist es lohnenswert. Darunter ist es unrentabel. „Wir können uns eine Niederlage nicht leisten. Wir sind ja schon am Boden“, gibt Weis offen zu, „aber das Projekt ist auch ein Lichtblick, ein Start, um die Stimmung aufzuhellen.“ Der Start hätte nicht besser laufen können: Das Autokino ist ausverkauft. Das Wetter spielt mit. Die Stimmung ist befreit.

Die Strahlkraft des Autokinos reicht weit über die Stadtmauern hinaus. Die Autos tragen Kennzeichen aus Hamburg, Kiel, Pinneberg, Bad Oldesloe, Winsen an der Luhe, Bad Segeberg und Ostholstein. Einige sind zu früh da – unter ihnen ein Ford Mustang GT. Der Einlass für Kino 2 beginnt eine Stunde später. Manche können es einfach nicht erwarten. Ein Fahrer hat keine Karte, er wollte „nur mal gucken, wie das hier so läuft“. Ein Hubschrauber fliegt vorbei. „Da kommt Udo, endlich!“, ruft Weis. „Der landet jetzt oben auf dem Container.“ Alle umherstehenden Personen lachen.

Die Journalisten gehen auf Tuchfühlung mit dem Publikum, O-Töne sammeln. „Ich freue mich sehr auf den heutigen Abend“, sagt eine Frau aus Othmarschen. „Es ist ja schon ein bisschen her, dass man Filme im Autokino gucken konnte.“ Ein Besucher aus dem Emsland sagt: „Wir sind eigentlich nicht wegen des Autokinos hier. Das ist ein Abfallprodukt – wenn auch ein sehr angenehmes.“ Eine Besucherin aus Pinneberg findet die Film­auswahl in Hamburg besser: „Bei uns laufen vor allem deutsche Komödien, die man nicht sehen will.“

 

Bewegte Zeiten: Udo Lindenberg sendet Videobotschaft (Bild: Jérome Gerull)

 

Produzent Michael Lehmann steht im Glaskasten und wirkt sichtlich zufrieden: „Das ist Hamburg at it’s best. Millerntor, Bunker, Fernsehturm, Heiligengeistfeld, Udo.“ Regisseurin Hermine Huntgeburth gibt sich „schwer beeindruckt“. Die beiden unterhalten sich mit Matthias Elwardt über die Drehorte in Hamburg und die Zusammenarbeit mit dem Rockstar, dessen Lebensgeschichte heute gezeigt wird.

Dann wünschen die drei den Zuschauern viel Spaß und gehen zu ihren Autos, den Film ansehen. Die Zuschauer beginnen zu hupen, obwohl das eigentlich nicht erlaubt ist. Aber es ist Premierenabend und da gehört das Unvorhergesehene irgendwie dazu. Die Spannung steigt, der Film beginnt, doch zuvor gibt es noch eine Überraschung: eine Botschaft von Udo – direkt über UKW in alle Autos übertragen.

Auf der Leinwand erscheint er ganz plötzlich, mit Hut und Sonnenbrille, überdimensional groß: „Hey Freunde, keine Panik! Euer Udo, hier im Autokino. Ja echt, ein Hammer-Ding. Autokino? Wie romantisch! Kann man dolle Sachen machen: Bisschen Kuschel-Kuschel, bisschen Schmuse-Fix. Yeah Leute, und hier ist der Streifen: „Mach dein Ding“ Ihr müsst da durch, durch die harten Zeiten. Jede Menge Panik-Power mit Jan Bülow. Leute, keine Panik! Euer Udo. Yeah. Awhuuuh!“

Nun läuft der Film. Außerhalb der Autos wird es still. Nur einige wenige haben ihre Fenster leicht geöffnet. Aus einem der Wagen in Kino 1 dringen tiefe Bässe. „Da hat wohl jemand eine Dolby-Digital-Anlage einbauen lassen“, sagt ein Reporter. Kino mit Wumms, würde Olaf ­Scholz wohl dazu sagen.

 

Von Cineasten für Cineasten

 

Die blaue Stunde ist angebrochen, ein Zeitfenster, während der Dämmerung, bei der eine besondere Färbung des Himmels eintritt. Einzelne Pollen fliegen durch die Luft. Durch das Licht der Leinwand wirken sie wie die Staubpartikel im Kino, die durch das Licht der Projektion im Dunkeln sichtbar werden. Es könnten aber auch überdimensionale Corona-Bällchen sein. Ab und an ziehen Mitarbeiter mit dem Bollerwagen durch die Reihen, schließlich soll niemand verhungern oder verdursten. Sie tragen Masken.

Die Zuschauer machen es sich derweil gemütlich. Einige haben Decken mitgebracht, andere sitzen in Pulli und Jogginghose auf ihren Sitzen, und weiter hinten lassen sie die Korken knallen. Aussteigen ist im Autokino, abgesehen von Notfällen, nicht erlaubt. Dennoch öffnen einige ihre Türen, um ein paar Krümel vom Pullover zu klopfen, einfach mal die Beine zu strecken oder die Toilette aufzusuchen. Letzteres ist ja quasi auch ein Notfall.

Was beim Autokino auf dem Heiligengeistfeld auffällt, ist die Liebe zum Detail: So stehen auf einem Banner, vor den Toiletten, die Worte: „Life of Pi Pi“ – eine Anspielung auf den Erfolgsfilm von Ang Lee, „Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger“. Vor den Ausgängen steht: „Hasta la Vista, Baby“. Dieses Autokino – so viel wird deutlich – ist von Cineasten für Cineasten. Bis August wird es auf dem Heiligengeistfeld sein Programm anbieten. Fünf bis acht Vorstellungen pro Tag.

 

“Wir kriegen’s hin”

 

Der Premierenabend neigt sich dem Ende zu. Es ist dunkel. Nur noch das Licht der Leinwand erfüllt den Platz. Ein letztes Mal ergreift Udo das Mikro, singt den Song „Niemals dran gezweifelt“. Darin heißt es: „Ich war noch jung und lag die Nächte wach, und in meinem Kopf ganz großes Kino. Hatte so ’ne Sehnsucht, doch wonach? All das war mir da, noch nicht so klar. Und dann zog ich in die große Stadt, wird’s auch mal gefährlich oder schwer, pack ich meinen Mut unter den Hut und jag den großen Träumen hinterher. Ich hab niemals dran gezweifelt, dass wir das überstehen. Niemals dran gezweifelt, wir kriegen’s hin.“

Udo singt – und alle auf dem Heiligengeistfeld atmen auf. Vielleicht ist das Autokino nicht das Original, aber es ist, wie man in diesem Moment merkt, verdammt nah dran. Matthias Elwardt schreitet schnellen Schrittes auf sein Auto zu. Bis zu diesem Abend gab es für den Zeise-Chef – ebenso wie für den Rest der Kinobetreiber – wenig zu lachen.

Die Kinos hatten knapp drei Monate geschlossen, verloren Unsummen an Geld und werden die Miet- und Personalkosten nach Wiedereröffnung im Juni beziehungsweise Juli aufgrund der strengen Auflagen wohl nicht erwirtschaften. Einige bangen ums Überleben, viele hängen am Tropf staatlicher Überbrückungshilfen. Elwardt verabschiedet sich, setzt sich in seinen schwarzen Smart und flitzt grinsend davon. Ob er sein Grinsen vorher aufsetzte, war nicht zu erkennen.

www.autokino-in-hamburg.de

 

 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist ab dem 27. Juni 2020 im Handel! 

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Interviews: Wie geht es den Hamburger Kulturschaffenden?

Wir haben mit Kulturschaffenden darüber gesprochen, wie sie mit der für sie besonderen Schwere der Pandemie umgehen, was gerade hilfreich ist und was die Krise Gutes bringt.

Interviews: Erik Brandt-Höge

 

Andrea Rothaug, Geschäftsführerin Rockcity Hamburg

Andrea Rothaug (Foto: Simon Heydorn)

SZENE HAMBURG: Mit RockCity seid ihr ein wichtiges Aushängeschild für Hamburgs Kultur, die aufgrund politisch beschlossener Maßnahmen schwer von der Krise betroffen ist. Was macht dir aktuell besonders zu schaffen?

In der Tat, die Musikszene mit Musikern, Musikfirmen und Clubs haben einen nahezu hundertprozentigen Shutdown erfahren. Sie waren die ersten, die betroffen waren und werden die letzten sein, deren Berufe wieder voll ausübbar sein werden. Der Überlebenskampf gleicht einem Windhundrennen um Förderprogramme, digitalen Umsetzungsmöglichkeiten oder betriebswirtschaftlichen Überlebensstrategien. Mich beunruhigt die fehlende Perspektive für eine ganze Branche, deren Produkte wirklich jeder Mensch, ob alt oder jung, arm oder reich, links oder rechts täglich konsumiert. Mich beunruhigt auch die Vorstellung, dass der Verlust von Vielfalt durch die Marktbereinigung, die sich nach der Krise vollziehen kann, in Kauf genommen wird. Und mich beunruhigen diese ganzen Verschwörungswahnsinnigen und der aufkommende, jetzt wirklich ganz und gar evidente weltweite Rassismus, der den Turbokapitalismus vor Menschenrechte stellt.

Gibt es auch Menschen, die euch aktuell besonders unterstützen?

Wir erfahren zurzeit besonders viel Unterstützung von der Hamburger Musikszene, die uns befeuert, sich bedankt oder einfach per Mail ihre Freude über unsere Arbeit ausdrückt. Aber auch die Karsten Jahnke Konzertdirektion, die Haspa Musik Stiftung, PM Blue, Concord Music Publishing und Bands wie die Beginner sowie viele Spender mit großem und kleinem Portemonnaie sind dabei. Auch die Zusammenarbeit mit der Kulturbehörde, aber auch mit den Verbänden der Musik ist momentan sehr wichtig und hilfreich.

Und wie plant ihr die kommenden Monate – wenn ihr denn planen könnt?

Wir planen, in den kommenden Monaten unsere neuen Angebote für die Musikszene, die wir in Corona-Zeiten auf die Beine gestellt haben, zu konsolidieren. Darüber hinaus werden einige bereits bestehende Angebote digitalisiert, andere noch stärker analog erlebbar gemacht. Operation Ton #13 ist ebenso auf Hochtouren in Planung wie aktuell unser Hamburg Music Award Krach+Getöse – beides wird es digital geben. Neu dabei ist der Schwerpunkt „Musik in der Krise“, aber auch noch einmal stärker im Fokus sind neue Wege der Selbstvermarktung für Musikprofis.

 

Sarajane, Musikerin

Sarajane (Bild: Annemone Taake

SZENE HAMBURG: Freiberufliche Künstler leiden derzeit sehr. Wie kommst du mit der Situation zurecht?

Da kann ich nur mehrschichtig antworten. Mir persönlich geht es gut und meiner Familie und meinen Freunden auch, das macht schon mal einiges leichter. Beruflich gesehen, hm … Ich hatte von einem Tag auf den anderen von einem vollen Kalender keine Konzerte mehr übrig und auch keine Aussicht, wann sich das wohl ändern würde. Das war und ist eine völlig neue Situation – für viele. Aber es schweißt auch zusammen. Mein Eindruck ist, dass viele Künstler und Veranstalter etwas enger zusammenrücken.

Nutzt du Streamings, um mit deinem Publikum in Kontakt zu bleiben?

Absolut. Ich mache jeden Dienstagnachmittag um 17 Uhr eine Tea Party auf Instagram (#tuesdaytea). Das begann schon weit vor der Corona-Zeit, aber jetzt ist es auf einmal eine der wenigen direkten Möglichkeiten, mit den Fans und Supportern zu kommunizieren. Ich hatte auch das Vergnügen, bei der Konzertreihe „Quaratunes“ von Karsten Jahnke, PM Blue und Rock- City Hamburg e.V. ein Streaming-Konzert mit Band zu spielen, weil auf der Bühne genug Platz war, um alles mit Abstandsregeln umzusetzen.

Und wie sieht es mit Hilfe in Hamburg aus?

Ich bin sehr froh, dass es in Hamburg die Soforthilfe für Soloselbstständige gibt und der Verein RockCity auch wie wild Spenden für einen Rettungsfond sammelt, um dann Hamburger Künstler zu unterstützen.

 

Axel Schneider, Intendant Altonaer Theater

Axel Schneider (Bild: Bo Lahola)

SZENE HAMBURG: Hamburger Theater leiden sehr unter der Corona-Krise. Worunter leiden Sie besonders?

Das faszinierende am Theater ist die Arbeit im Team. In der Verwaltung, in der Öffentlichkeitsarbeit, mit Regieteams, mit der Technik, mit den Schauspielern. Zudem liebe ich die Beschäftigung mit immer neuen Themen. Das alles ist nun schlagartig weggefallen. Ich finde es verständlich, aber auch bedenklich, dass es in unserer menschengemachten Welt kaum noch ein anderes Thema gibt als Corona. Die Welt, in der wir leben, im Mikrokosmos oder global gesehen, bietet so viele Themen, die fast erschlagen werden von Wirtschaftszahlen und Infektionskurven. Sie fragen nach „leiden“. Ich würde darunter leiden, wenn wir aus dieser Zeit nichts lernen würden!

Und wie gehen Sie mit dieser Situation im Team um?

Genau dieses Team-Building fehlt ja. Die Mitarbeiter, mit denen ich zusammenarbeiten kann, sind großartig. Die vielen, die in Kurzarbeit sind, vermisse ich!

Was halten Sie eigentlich von Kultur per Streaming?

Es ist ein Ersatz, keine Alternative. Wir versuchen bei den Privattheatertagen diesen Weg zu gehen. Denn es ist wichtig, sichtbar zu bleiben und den Menschen ein Angebot zu schaffen, aber auch die Präsenz dessen, was sie als Live-Erlebnis verpassen.

 

Matthias Elwardt, Geschäftsführer Zeise Kinos

Matthias Elwardt (Bild: Heike Blenk)

SZENE HAMBURG: Kinos haben es besonders schwer während der Corona-Krise. Wie meistern du und deine Mitarbeiter diese Zeit?

Das Zeise Kino bevölkern zur Zeit Handwerker. Alle Arbeiten, die für dieses Jahr geplant waren, haben wir vorgezogen. So können wir glänzen, wenn wir endlich wieder Gäste bei uns begrüßen dürfen.

Denkst du, die Wichtigkeit von Kino wird vielen jetzt noch bewusster? 

Ich hoffe, dass das Kino wieder als besonderer, kultureller und sozialer Ort gesehen wird. Wir Menschen sind Gemeinschaftswesen und das Kino bietet einen besonderen Raum der Begegnung. Hier werden wir berührt, verführt und in unermessliche neue Welten entführt.

Bekommt ihr von mancher Seite Unterstützung, für die du sehr dankbar bist? 

Wir sind sehr dankbar dafür, wie viele Zeise-Gäste sich bei uns gemeldet haben, um uns zu unterstützen. Viele haben eine Zeisecard gekauft oder ihre Karte aufgeladen. Auch wurden sehr viele Gutscheine gekauft. Immer wieder rufen Besucher an und fragen, wann wir wieder öffnen, sie würden uns sehr vermissen. Auch die Filmförderung und die Kulturbehörde sind sehr schnell aktiv geworden und haben die „Kino Hilfe Hamburg“ ins Leben gerufen. Ein großes Dankeschön an dieser Stelle für diese Hilfe! Trotzdem haben wir noch eine lange Wegstrecke vor uns.

 

Weitere Interviews mit Persönlichkeiten aus Hamburgs Kulturszene findet ihr in unserem DANKE!-Magazin.


 Das SZENE HAMBURG DANKE!-Magazin ist seit dem 29. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburger Kinos: Corona’s Cut

Die Hamburger Kinos haben seit über zwei Monaten geschlossen. Die Verluste sind hoch, die Stimmung ist angespannt, die Zukunft ungewiss. Nun dürfen die Lichtspielhäuser unter strengen Auflagen wieder öffnen und hoffen auf die Treue der Hamburger Kinogänger. Darüber hinaus erleben die hier längst tot geglaubten Autokinos eine Renaissance

Text: Marco Arellano Gomes

 

Sobald das Leben unübersichtlich, ungewiss und düster wird, hilft das kollektive Träumen im kuschelig warmen Kinosaal drüber weg. Mit Popcorn in der einen und Softgetränk in der anderen Hand, taucht man ein in die traumhaften Welten. Für einige Stunden scheint alles vergessen. Man lässt sich mitreißen von den bewegten Bildern, bangt mit den Helden, leidet mit den tragischen Figuren und lacht mit den lustigen Charakteren. Wer im Saal sitzt, fiebert mit, vergießt Tränen, freut sich und wird zum Nachdenken angeregt.

Kinofilme brennen sich ins Gedächtnis ein. Sie sind durch keinen Stream zu ersetzen – und werden dringend gebraucht. Das Kino ist ein Sehnsuchtsort – und nie war die Sehnsucht danach größer. Im Normalfall wären die Säle bis zur letzte Reihe gefüllt gewesen. Doch die vergangenen Wochen und Monate waren nicht normal. Die Lichtspielhäuser hatten seit Mitte März geschlossen, die Vorhänge blieben zu, die Lichter aus. Für die Streaminganbieter war es das Geschäft ihres Lebens. Für die Hamburger Kinobetreiber war es eine Katastrophe. Sie hatten keine Einnahmen, aber Lohn- und Mietkosten blieben bestehen – und konnten durch Kurzarbeit allein nicht aufgefangen werden.

 

Wiedereröffnung der Kinos

 

Kurz vor Drucklegung der SZENE HAMBURG gab der Senat bekannt, dass auch die Hamburger Kinos ab dem 27. Mai wieder öffnen dürfen, sofern sie ein Konzept zur Einhaltung der strengen Auflagen vorlegen. Doch die Freude der Betreiber ist gedämpft. Zum einen können die vergangenen Ausfälle nicht wieder eingespielt werden. Jedes nicht verkaufte Ticket ist unwiederbringlich verloren; die Kinos werden nicht plötzlich doppelt so voll – in Corona-Zeiten schon gar nicht.

Hinzu kommen weitere Probleme: Für die Verleiher lohnt es sich nicht, einen Film für viel Geld zu bewerben und ins Kino zu bringen, wenn dieser nur in der Hälfte der Bundesländer oder in halb leeren Sälen gezeigt wird. Gehen die Bundesländer bei der Öffnung der Kinos nicht einheitlich vor, werden hochkarätige Produktionen vorerst wohl kaum zu sehen sein. Blockbuster wie „James Bond 007 – Keine Zeit zum Sterben“ – welch passender Titel für diese Zeit! – oder „Top Gun: Maverick“ mit Tom Cruise wurden bereits auf Ende des Jahres verschoben.

Allein die Vermarktung solcher Millionenprojekte benötigt mehrere Monate Vorlauf. Wenn die neuen, großen und bedeutenden Filme aber nicht im Kino gezeigt werden, haben die Filmliebhaber kaum Anlass dorthin zu gehen.Einige Bundesländer (Hessen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Schleswig-Holstein) haben trotz dieser Bedenken bereits Mitte Mai mit der Öffnung der Kinos begonnen. So viel zum gewünschten einheitlichen Vorgehen!

 

Die neue Normalität

 

Für die Kinogänger wird es unzweifelhaft ein ungewohntes Erlebnis: Tickets sollen online gekauft werden; im Foyer wird es Schutzwände geben; im Eingangsbereich helfen Bodenmarkierungen dabei, Abstand zu wahren; jede zweite Reihe im Kinosaal könnte mit Absperrband gesichert werden; zwischen den einzelnen Gästen bleiben jeweils zwei Plätze leer; nach jeder Vorstellung werden die Räume gründlich desinfiziert; jeder Kinobesucher soll mit Namen und Kontaktdaten registriert werden; im Kinosaal bestünde, bis zum Erreichen des eigenen Sitzplatzes, Maskenpflicht; für jeden Toilettengang soll der Mund- und Nasenschutz wieder aufgesetzt werden – und das nicht wegen der zu erwartenden Gerüche. Ist das noch das ersehnte Kinoerlebnis? Und lohnt sich unter diesen Bedingungen überhaupt der Betrieb?

Matthias Elwardt, Geschäftsführer der Zeise Kinos, ist skeptisch. Der Abstand der Sitzreihen beträgt in seinem Kino etwa einen Meter. „Wenn jede zweite Reihe gesperrt wird, rentiert sich der Betrieb des Kinos nicht.” Mit dieser Einschätzung steht er nicht allein da. „Wir brauchen weitere finanzielle Unterstützung, auch nach der Öffnung der Kinos. Denn die Hygieneauflagen werden auf lange Sicht keinen rentablen Kinobetrieb zulassen“, pflichtet Abaton-Chef Felix Grassmann bei. Senat und Kulturbehörde arbeiten derweil an weiteren Hilfsprogrammen. Man sei derzeit bei der Ausarbeitung der Details, erklärt die Kulturbehörde auf Anfrage.

 

Vielfältige Hilfen

 

Corona bringt die Kinos in existenzielle Nöte. Zwar gab es – neben den bundesweiten Hilfen – seitens der Hamburger Kulturbehörde und der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FFHSH) finanzielle Spritzen (unter anderem das im April beschlossene „Kino Hilfe Hamburg“-Paket in Höhe von 550.000 Euro sowie der vorgezogene Hamburger Kinopreis mit einer Gesamtausschüttung in Höhe von über 100.000 Euro).

Auch privat unterstützten die Hamburger die Programmkinos, etwa durch den Kauf von Kinogutscheinen, dem Streamen von Filmen bei Anbietern wie Kino on Demand, Grandfilm und CVOD, die ihre Einnahmen mit den Kinos teilen oder durch Spenden auf der Crowdfunding-Plattform Startnext, bei dem bis Redaktionsschluss immerhin 58.873 Euro zusammenkamen (Stand: 26.5). Auch der Kino-Vermarkter Weischer Media stellte gleich zu Beginn der Krise unter #hilfdeinemkino eine Website auf die Beine, auf der Kinowerbung angesehen werden kann. Das weckt nicht nur nostalgische Gefühle, für jeden gesehenen Spot bekommt das ausgewählte Kino einen Betrag gutgeschrieben.

Doch reicht das alles, um die Kinos am Leben zu halten? Der Hauptverband deutscher Filmtheater (HDF) stellte fest, dass die Hälfte der deutschen Kinos in Gefahr stünde, in den kommenden Wochen Insolvenz anmelden zu müssen. Bei der dreimonatigen Schließung hätten die deutschlandweit 1.734 Kinos laut HDF 40 Millionen Gäste weniger und einen Verlust von 17 Millionen Euro – pro Woche.

 

Programmkinos in Sorge

 

Die Hamburger Kinobetreiber sind besorgt: „Die Situation ist schwierig“, sagt Christian Mattern vom Alabama Kino in Winterhude. „Die Überbrückungsgelder der Kulturbehörde und der Filmförderung decken nur den Zeitraum bis zum 30.4. ab. Wir sehen aber weiteren Unterstützungsbedarf bis mindestens Anfang Juli.“ Fabian Daub von den fux-Lichtspielen ist überzeugt, dass ein zweites Rettungspaket notwendig ist, das den Zeitraum bis Ende des Jahres in den Blick nimmt.

Joachim Flebbe, Betreiber der Astor Film Lounge und des Savoy, sieht dringend Handlungsbedarf: „Von den staatlichen Hilfen ist bislang nicht viel zu sehen“, verriet er SZENE HAMBURG Mitte Mai. „Wochenlang zu warten und gleichzeitig die Kosten weiter decken zu müssen, das geht nicht lange gut.“ Die Rücklagen der meisten Kinos dürften bald aufgebraucht sein.

 

Die Rückkehr der Autokinos

 

Während die Lichtspielhäuser einen Weg suchen, um mit der neuen Situation umzugehen, feiert eine längst vergessene Kinotradition ein Comeback: das Autokino. In Hamburg sind gleich mehrere Anbieter im Gespräch: Die meiste Aufmerksamkeit genoss bislang das „Autokino Hamburg“ auf der Bahrenfelder Trabrennbahn. Auf der 20.000 Quadratmeter großen Fläche sollen 500 Fahrzeuge Platz finden, und auf der 24 mal elf Meter großen Leinwand werden Filme und Konzerte zu sehen sein. 22 Euro pro Fahrzeug kostet der Spaß. Die Outdoor Cine GmbH, die auch das Open-Air-Schanzenkino und das Schanzenkino73 betreibt, konnte das Autokino aber nicht, wie geplant, in Betrieb nehmen. Erst gab es Bedenken über die Anzahl der Toiletten und die Einhaltung der verschärften Hygienevorschriften. Dann vermutete die grüne Bürgerschaftsfraktion in Altona Bodenbrüter auf der Wiese, ehe sie in der entscheidenden Sitzung von einer Mehrheit aus SPD, FDP und CDU überstimmt wurde.

Grundsätzlich hat der Senat den Autokinos in Hamburg grünes Licht gegeben – unter Einhaltung der Maßnahmen (max. zwei Personen aus demselben Haushalt plus Kinder pro Auto, Online-Ticketverkauf, ausreichend Sanitäranlagen, Abstand von zwei Metern zwischen den Pkw, Ticket-Scan durch die geschlossene Windschutzscheibe). Dirk Evers, Geschäftsführer der Outdoor Cine GmbH, ist bereit und kann mit wenigen Tagen Vorlauf starten. Doch das Bauamt Altona „prüft und prüft“ noch, sagt er und hofft auf einen Starttermin Anfang Juni.

Da der Ton über UKW direkt in die Autoradios übertragen wird, spielt Lärm keine Rolle. Evers plant mindestens eine Aufführung pro Abend, bis September. Auf dem Programm stehen Filme wie „Känguru Chroniken“, „Night Life“ und der Oscar-Gewinner „Parasite“. Nach September wird auf der Fläche ein Wohnungsbauprojekt realisiert.

Die Liste weiterer, möglicher Autokinobetreiber ist lang: Das Zeise Kino hat gemeinsam mit der Bergmann-Gruppe den Zuschlag für ein Autokino auf dem Heiligengeistfeld bekommen. Anfang Juni geht es los. Hamburg Messe-Chef Bernd Aufderheide möchte gemeinsam mit Home United auf dem Messegelände starten. Das Abaton plant gemeinsam mit dem Konzertveranstalter Karsten Jahnke eins in Steinwerder – und gibt sich zuversichtlich schon Anfang Juni starten zu können. Das mobile Kino Flexibles Flimmern und Weischer Media haben auch reges Interesse. Wer hat noch nicht? Wer möchte noch?

Vergleichsweise bescheiden kommt das Autokino-Programm im Oberhafenquartier daher: Seit Anfang Mai bietet der Kulturladen Hamm und die Film Fabrique dort das erste Autokino-Erlebnis an. Das gibt es zwar schon seit 2015, aber zuvor eben nur in Hamm. Nun wird in der HafenCity gemeinsam geschaut – und das in Corona-Zeiten. Da ist auch einem kleinen Projekt wie diesem die Aufmerksamkeit sicher. Nur 30 Stellplätze bieten die Veranstalter an. Das erzeugt eine kuschelige Atmosphäre. Nach nur einer Stunde waren alle Karten ausverkauft. SZENE HAMBURG-Grafikerin Julia Kleinwächter war am Premierenabend (9. Mai) dabei – und berichtet von einem ganz besonderen Erlebnis. Zu sehen gab es den Mysterythriller „Bad Times at the El Royale“.

In Hamburg gab es von 1976 bis 2003 bereits ein Autokino. Es stand in Billbrook, jenem vernachlässigten Industriegebiet hinter Rothenburgsort, über das SZENE HAMBURG in der Ausgabe 4/2020 berichtete. Seinerzeit musste das Kino aufgrund verschärfter Umweltauflagen schließen. Gase drangen vom Boden an die Oberfläche. Eine Sanierung des Geländes war zu kostspielig.

 

Kollektive Träume

 

Der Wunsch der Menschen, wieder gemeinsam im Kino einen Film zu erleben, statt diesen nur zu Hause zu sehen, wird von Tag zu Tag größer. Viele sehnen sich nach dem echten, dem einzig wahren, dem fast sakralen Filmerlebnis, das nur in einem Kino möglich ist. Voller Vorfreude wird der Moment erwartet, an dem die Lichter – im positiven Sinne – ausgehen, sich der Vorhang öffnet und man sich umgeben von der Dunkelheit in anderen Welten, längst vergangenen Zeiten und faszinierenden Geschichten verliert, die in ihrer Dichte und Erhabenheit größer und intimer sind als das Leben selbst.

Einige spannende Filme sind bereits in der Pipeline: Christian Petzolds „Undine“, Burhan Qurbanis „Berlin Alexanderplatz“ – und der Film, der geradezu wie ein Heilsbringer erwartet wird: der Science-Fiction-Thriller „Tenet“ von Christopher Nolan („The Dark Knight“, „Inception“). Nolan denkt gar nicht erst daran, seinen Film zu verschieben und die Kinos untergehen zu lassen. Er setzt Corona das Beste entgegen, was Hollywood zu bieten hat: den Stoff, aus dem die Träume sind. Und den gibt es nur im Kino.


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Meet The Resident – Linus

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Resident-DJs vor, diesmal: Linus (Catchy Collective) – präsentiert von Hamburg Elektronisch.

 Interview: Louis Kreye & Jean Djaman

 

SZENE HAMBURG: Dein Sound?

Linus: Minimalistisch, Housey und meistens mit irgendeinem Bezug zum Soul und Jazz.

Wie lautet die schrecklichste Gastfrage, die du mal bekommen hast?

Nicht unbedingt schrecklich, aber Leute die immer sagen, dass man schneller oder doller machen soll, sind schon anstrengend manchmal.

Welcher Hamburg-Gig ist bisher dein Favorit?

Alle unsere Catchy-Veranstaltungen waren Bombe, aber auch die Gigs im Südpol und das Anderswelt-Opening waren hammer.

Dein Lieblingsort?

Ganz klar die Sofas im Südpol Backstage.

Auf wen sollte man momentan ein Auge haben?

Man sollte die Bladehouse Crew im Auge behalten. Dringend!

Platte des Monats?

Bladehouse 001.

Was sind für dich Hamburgs Stärken?

Keine Ahnung (lacht). Fischbrötchen.

Und die Schwächen?

Wir haben auf jeden Fall einen anständigen Club zu wenig.

 

Hört hier ein aktuelles Set von Linus


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Hamburgs Clubs gehen Live: Streamteam Dreamteams

Das Hamburger Nachtleben steht still. Clubs und ihre Mitarbeitenden kämpfen ums finanzielle Überleben. Für viele wurde die Umsetzung von Webstreams zur Hauptbeschäftigung. SZENE HAMBURG sprach mit ihnen über ihre aktuelle Situation und hat zwei Liveübertragungen begleitet

Text: Ole Masch
Fotos. Levke Marie Nielsen

 

Die Tauben reißen die Herrschaft an sich, bemerkt Bookerin Fenja Möller, als sie durch den Innenhof des Molotows läuft. Hier im Backyard, wo sonst Konzerte, Lesungen und DJ-Sets stattfinden, stehen an diesem Freitagabend nur ein paar verwaiste Stehtische. Fenja legt heute mit einer Kollegin beim Bad Ass Babes Club auf. Seit Corona sind sie die einzigen, die zwischen den Übergängen vor dem DJ-Pult tanzen. Die restlichen Partygäste sitzen vor dem Rechner.

Ob Punk-Auktion im Knust, Poetry Slam im Bunker, Konzert in der Astra Stube oder Live-Set im Golden Pudel. Weil Clubs in diesen Zeiten nicht öffnen dürfen, sind sie vermehrt dazu übergegangen, ihr Programm im Internet zu streamen. Einige haben sich United We Stream angeschlossen. Die Aktion in Kooperation mit Arte zeigt an mehreren Tagen der Woche Streams aus unterschiedlichen Clubs in ganz Deutschland. Während der Ausstrahlung kann über eine Plattform gespendet werden. In Hamburg geht dieses Geld in einen vom Clubkombinat verwalteten Rettungsfonds für notleidende Clubs. Acht Prozent fließen an die zivile Seenotrettung.

 

„Ein Stück Molotow für zu Hause“

 

„Wir streamen fast jeden Freitag und Samstag Partys, haben unser Pubquiz und ein paar Konzerte“, erzählt Fenja. „Wir möchten weiter Musik und Kultur schaffen. Ein Stück Molotow für zu Hause.“ Ihre Streamingveranstaltungen haben sie hier fast alle selbst aufgenommen. In der Regel reicht ein Techniker für Licht und Sound, Smartphone, Laptop und jemand, der den Chat betreut. Über eine virtuelle Getränkekarte können Drinks gespendet werden. Wann die Clubs wieder öffnen dürfen, ist völlig unklar. Behördliche Vorgaben werden nur für die nächsten Wochen gemacht. Bis Redaktionsschluss galt ein Betriebsverbot bis mindestens 30. Juni.

Ein Problem mit dem auch der Südpol kämpft. Es ist Samstag, später Nachmittag. Hinter zahlreichen Monitoren stehen Menschen mit Masken und rufen Anweisungen in den Raum. Vor dem sogenannten Stream-Team steht ein DJ-Pult mit Lightshow, die an Fernsehproduktionen erinnert. „Noch eine Minute“, „Licht etwas heller“, „der DJ ein Stück nach rechts“, „Uuuuund – wir sind live“. Letzter Satz geht in den einsetzenden Bässen unter.

 

Interaktive Formate sind gefragt

 

„Unser Lichttechniker hat den Club komplett umgestaltet, alles rausgerissen und mit allem, was er hat, ein richtig krasses Bühnenbild gebaut“, erzählt Eve, Mitglied im kollektiven Geschäftsleitungsplenum. Heute Nachmittag soll es mehrere DJ-Sets, ein Konzert von Gladbeck City Bombing und eine Performance zur Reproduktionsarbeit geben. „Wir alle sind mittlerweile etwas gelangweilt von DJ-Streams“, erzählt David, der später selbst auflegen wird. „Es gilt, dieses Bild aufzubrechen und eher in Richtung interaktiver Formate zu denken. Zum großen Finale der eigenen Spendenkampagne hat man das bereits umgesetzt. Bei einer moderierten Live-Show, übertragen aus zig Kameraperspektiven, sendete man über mehrere Stunden, samt Kaffeekränzchen, Mitmach-Aerobic und Senfverkostung.

Der Aufwand hat sich gelohnt. Mit den Streams, bei denen auf die Kampagne aufmerksam gemacht wurde, hat der Südpol über 110.000 Euro eingesammelt. Und so sind die Fixkosten zumindest für die nächsten Monate gestemmt.

 

Molotow-Nadine-credit-Levke-Marie-Nielsen

Nadine (Molotow), vor Corona in der Produktion. Heute Streambetreuung und Grafik

„Früher haben wir morgens immer zusammen im Backstage gefrühstückt. Es ist schade und total komisch, dass wir alle im Homeoffice sind. Bis auf die Streams mache ich alles von zu Hause. Das normale Club-Sommerloch, gibt es sicher auch bei Streams. Mir fehlt der Kontakt mit den Bands und ich hoffe, dass wir weiterhin hierbleiben können, nicht schließen müssen und bald wieder Konzerte haben. Aber der Sommer ist sicher gelaufen.“

 

David (Südpol),Geschäftsleitungsplenum, Programmgestaltung und Regisseur für Streamformate

„Durch die Corona Krise sind die Karten neu gemischt, aber Strukturen werden wieder erschaffen und Leute spezialisieren sich auf andere Themengebiete. Die Stream-Teams die sich gebildet haben, hatten vorher gar nichts mit Video zu tun und plötzlich macht sich ein ganz neues Kreativfeld auf. Eigentlich ist hier Fotoverbot und jetzt streamen wir. Und natürlich wollen wir uns solidarisch zeigen und nicht nur für den Club sammeln, sondern allgemein für das S.O.S. Save Our Sounds Konzept.“

 

Molotow-Sören-credit-Levke-Marie-NielsenSören (Molotow), eigentlich Personalplanung und Einkauf. Jetzt Social Media und Handwerker

„Mein Joballtag hat sich zu 100 Prozent geändert. Ich fuchse mich aber gerade in neue Dinge. Und es gibt allerhand Handwerkliches zu tun, für das sonst die Zeit fehlt. Wir sind hier alle in Kurzarbeit und das merkt man finanziell. Aber momentan bin ich dankbar für diese Unterstützung. Ich hoffe, dass wir irgendwann alle Leute sehen, die für uns arbeiten. Darauf freue ich mich sehr und bin sicher, dass wir das irgendwie durchstehen werden. Es ist aber ganz klar, dass die Gesundheit unserer Mitarbeiter und unserer potenziellen Gäste ganz oben steht.“

 

 

Eve (Südpol), Personalplanung, Einkauf, Geschäftsleitungsplenum. Heute Stream-Lichttechnikerin

„Mein eigentlicher Job ist komplett weggefallen. Aber alle haben richtig Bock auf die Streaming-Sache, bei der es viele technische Herausforderungen gibt. Und so bin dazu gekommen, hier die Lichtshow zu bedienen. Natürlich würde ich mir wünschen, dass wir bald wieder aufmachen. Vielleicht bekommen wir zumindest eine Sondergenehmigung für unseren Innenhof.“

 

Molotow-Fenja-credit-Levke-Marie-NielsenFenja (Molotow), PR, Booking und DJ beim Bad Ass Babes Club:

„Mein Leben hat sich seit Corona dras­tisch geändert. Ich war immer auf vielen Konzerten und es ist sehr komisch, nicht mehr ausgehen zu können. Nur im Homeoffice zu sitzen und nicht mit Kollegen vor Ort Gespräche zu führen, ist viel arbeitsintensiver. Auch hätte ich nie gedacht, dass wir überhaupt mal Konzerte und Partys streamen. Natürlich wünsche ich mir, dass wir bald wieder aufmachen. Aber ich möchte vor allem, dass es sicher ist. Wir brauchen auf jeden Fall Förderungen von der Stadt, damit wir und auch die anderen Clubs überleben können. Zumindest macht ab sofort unser Backyard als Schankwirtschaft auf.“

 

Hark (Südpol), Finanzen, Eventplanung und Geschäftsleitungsplenum. Seit Corona PR- Kampagnen:

„Leider bin ich nur noch selten hier. Deswegen freue ich mich beim Streaming dabei zu sein. Aktuell sind andere Kompetenzen gefordert als vorher. Ich mache gerade Pressearbeit, was für den Südpol sehr ungewöhnlich ist. Da alle meine anderen selbstständigen Tätigkeiten weggefallen sind, suche ich mir gerade Projekte wie United We Stream Hamburg oder unsere Rettungskampagne. Wie es weitergeht ist unklar. Unser Kurzarbeitergeld wurde bereits bis März 2021 bewilligt.“

 

Nanna & Louise (Teil von Krav fra en pandemi), Künstlerinnen und Aktivistinnen. Performance im Südpol-Stream:

Südpol-Nanna-u.-Louisa--credit-Levke-Marie-NielsenLouise (r.): „Ich habe viele Jobs verloren, was meine finanzielle Situation sehr schwer macht. Aber die ganze Zeit jetzt gibt einem die Möglichkeit, über den Sinn des Lebens nachzudenken. Als Künstlerin ist man immer in Aktion und kümmert sich pausenlos darum, dass man von dem, was man macht, auch überleben kann. Jetzt hat man die Möglichkeit zu reflektieren, was wirklich wichtig ist.”

Nanna: „Wir lernen gerade, wie es noch besser machbar ist, sich von unterschiedlichen Orten aus zu organisieren und zu vernetzen. In den letzten Monaten hat man gesehen, dass vieles, was unveränderbar schien, möglich wurde. Wenn in Portugal alle dort lebenden Geflüchteten Aufenthaltsrechte bekommen, sieht man, dass Staaten plötzlich sehr schnell reagieren können. Künstler und Aktivisten sollten daher den Druck erhöhen.“

 

Molotow-Kevin--credit-Levke-Marie-NielsenKevin (Molotow), früher freier Techniker für Konzerte, heute für Streams:

„Meine Auftragslage ist bis auf wenige Livestream­Veranstaltungen quasi bei null. Ich arbeite sonst auch für andere Clubs, Galas, Betriebsveranstaltungen oder Festivals und musste jetzt übergangsweise Hartz IV beantragen. Für Förderungen von der Stadt habe ich mich auch beworben, aber leider greifen die nicht für jeden und sind alles andere als unbürokratisch. Natürlich ist eine schnelle Öffnung von Konzerten und Partys schwierig, aber es würde zumindest psychisch schon mal helfen, wenn die Regierung uns mitdenkt und nicht links liegen lässt.“

 

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Leseempfehlungen: 4 Bücher für die Auszeit

Jetzt ist die Zeit zum Lesen. Sich entspannen und in eine fremde Welt entfliehen geht hervorragend mit diesen vier Büchern

 

Herzklappen von Johnson & Johnson

Vom Theater des Lebens

 

Wie der kanadische Soziologe Erving Goffman schon klarstellte: Wir alle spielen Theater. Das Bild unserer Identität wird auf der Bühne des Lebens sichtbar, wir pflegen unser Image, nur auf der Hinterbühne dürfen wir aus der Rolle fallen. So verhält es sich auch in der Familie der kleinen Alma aus Valerie Fritschs neuem Roman „Herzklappen von Johnson und Johnson“.

herzklappen-fritsch-coverDie Kindheit des Mädchens ist durchsetzt von quälender Sprachlosigkeit, ihre Eltern und Großeltern scheinen eigens für sie Theater zu spielen. Insbesondere ihr Großvater beansprucht das Schweigen für sich: „Der Krieg hatte sein Leben in ein Davor und Danach geteilt.“ Erst im Erwachsenenalter entwickelt Alma eine „späte Liebe“ zu ihrer Großmutter, die das Schweigen der Familie bricht und über die Kriegsverbrechen des Großvaters berichtet.

Alma, inzwischen Ehefrau und Mutter, fasziniert die Leidensgeschichte der Großmutter. Gleichzeitig wächst ihre Sorge, ihr Sohn Emil könnte ebenso kalt und berechnend werden wie der Großvater – zumal Emil mit einem Gendefekt zur Welt kommt, der ihn keinen Schmerz spüren lässt. Wie kann man jemandem, der sich zu Demonstrationszwecken Stifte in den Arm rammt, das Schmerzempfinden anderer Menschen nachvollziehen lassen? Hier setzt sich das Theaterstück auch in der vierten Generation fort: Emil inszeniert, er lernt auswendig und setzt in den passenden Momenten ein schmerzverzerrtes Gesicht auf.

Fritsch besticht mit ihrer altmodischen und lakonischen Sprache. Die von der Grazer Autorin und Fotografin entworfenen Szenen sind wie vergilbte Polaroidfotos, welche die skurrilen Momente mit präzisem Blick umso klarer aufzeigen. Am Ende steht der große Aufbruch bevor, die Suche nach dem Ursprung des Familienschmerzes. Fritsch arbeitet hierbei mit kräftigen, mystischen, teils dystopischen Naturbeschreibungen. „Herzklappen von Johnson & Johnson“ ist ein Buch über Lebensrollen, über Empathie und vererbtes Schweigen. Fritsch selbst wird dabei ihrer Rolle als Schriftstellerin mehr als gerecht – mit eindringlichen Motiven und ungewöhnlichen Sprachbildern. Nach dem Zuklappen möchte man den Roman noch einmal lesen, die Sätze aufsaugen, wie ein Gedicht auswendig lernen und im Geiste nachhallen lassen.

/ Ingrun Gade

Valerie Fritsch: „Herzklappen von Johnson & Johnson“, Suhr- kamp, 174 Seiten, 22 Euro

 

Fehlstart

Houellebecqs Erbin?

 

Marion Messinas Debütroman „Fehlstart“ wurde verkaufsfördernd als das neue „Ausweitung der Kampfzone“ angekündigt. Die Berechtigung des Houellebecq-Vergleichs liegt im Thema: die Übertragung der ökonomischen Marktlogik auf andere Lebensbereiche.

fehlstart-coverAurélie ist 18, als erste aus ihrer Familie hat sie das Abitur gemacht. Das Studium entpuppt sich für sie als trostlose Angelegenheit. Aurélie kann sich nicht einfügen, sie beherrscht nicht den Habitus der vergnügungssüchtigen „Bürgerkinder“ mit „netten Gesichtern ohne Zukunftsangst“. Messina beschreibt pointiert und kühl die Anarchie des Wohnungsmarktes, die unterschwelligen Codes des Bürgertums, die zum Bestehen auf dem Arbeitsmarkt gehören, die Lieblosigkeit der Fun-Kultur und die Selbstausbeutung des akademischen Prekariats.

Leider opfert sie im Laufe ihres Romans die Form der politischen Botschaft. Die Analysen werden unmotiviert in die Monologe der Nebenprotagonisten gepresst, die Sprache wird unpräzise, Messina greift auf schwammige Superlative („grenzenlos“) zurück. Die schlafwandlerische Klarheit, die in Houellebecqs boshafter, gekonnter Mischung aus Erzählung und essayistischen Exkursen liegt, hat Messina nicht.

/ Ulrich Thiele

Marion Messina: „Fehlstart“, Hanser, 168 Seiten, 18 Euro

 

Ganz neben

Woody Allens Memoiren

 

Was für ein Wirbel: Menschen protestierten, Autoren boykottierten, der amerikanische Verleger stoppte die Veröffentlichung. Der Rowohlt Verlag hingegen publizierte trotz des Protests einiger seiner Autoren. „Apropos of Nothing“, in der deutschen Variante: „Ganz nebenbei“ – passend zum koketten Understatement des New Yorker Filmemachers Woody Allen. Sein Nimbus als Drehbuchautor und Regisseur ist – unabhängig von den privaten Anschuldigungen – unbestritten. Umso neugieriger stürzten sich Kritiker wie Fans auf sein Werk.

woody-allenEines vorweg: Das Buch ist eine Verweigerung aller modernen Lesegewohnheiten. Es gibt keine Kapitel, keine Zwischenüberschriften, nur Absätze und alle 30 bis 40 Seiten auch mal ein Initial. Woody Allen mutet dem Leser durchaus was zu. Doch schon nach wenigen Zeilen wird deutlich, dass er sein Handwerk – das Schreiben – versteht.

Es ist, als säße Woody Allen vor einem, an seinem Schreibtisch, in seinem Appartement in Manhattan, an seiner geliebten Olympia-Schreibmaschine: „Ich schweife wieder ab.“. „Wo war ich stehengeblieben?“ Allen schreibt wie er denkt – und so liest sich das Buch: sprunghaft, witzig, launisch. Mal ist er misanthropisch, mal euphorisch, mal herablassend, mal vernichtend.

Wer auf neue Erkenntnisse zum Missbrauchsvorwurf hofft, wird enttäuscht: Auf etwa 50 Seiten kaut Allen seinen bereits bekannten Standpunkt noch einmal ausführlich wieder. Ansonsten führt er in kurzen, griffigen Sätzen durch sein Leben, beginnend bei seiner Kindheit in Brooklyn. Viele Fragen werden anekdotisch beantwortet: Was treibt ihn an? Welche Frauen mochte er? Wer hatte Einfluss auf seine Filmkarriere? Welche Filmdrehs mochte er? Welche nicht? Das ist stellenweise trivial, dann wieder bewegend, hin und wieder auch deplatziert – aber stets in charmantem Allen-Stil vorgetragen. Wer eine kritische oder gar intellektuelle Selbstreflexion erwartet, wird enttäuscht. Wer schlichtweg eine fiese und zugleich unterhaltsame Erzählung eines „zum Filmemacher mutierten Witzboldes“ erwartet, wird seine Freude haben.

/ Marco Arellano Gomes 

Woody Allen: „Ganz nebenbei“, Rowohlt Verlag, 448 Seiten, 25 Euro

 

Naturtrüb

Dadaistisches Bandtagebuch

 

Ei, ei, ei! Eigentlich ist damit das Buch schon ganz gut zusammengefasst. Tatsächlich ist überdurchschnittlich häufig die Zubereitung von Eierspeisen Thema dieser Sammlung abwechselnd geschriebener Tagebucheinträge mit dem schönen Titel „Naturtrüb“. Naturtrüb ist ja quasi das back to nature des kleinen Mannes, und auch die vier Männer über 50 – als da wären „Reverend“ Christian Dabeler, Timur Mosh Çirak, Gereon Klug und Maurice Summen – haben sich selbst für einige Tage in die Natur zurückgezogen, um eine Band zu gründen. Was erst mal etwas heikel klingt, gestaltet sich erfreulicherweise viel weniger schmierig als ihr Bandname OIL. Im Gegenteil, eher etwas trocken, geradezu sandig rieseln die vielen subjektiven Eindrücke ins Getriebe der Bandgründung und bringen sie hier und da ins Stocken.

naturtrübZu Beginn kreisen die Gedanken noch um die anderen Bandkollegen: „Er (Reverend Christian Dabeler, Anm. d. Red.) will das Sagen haben, den Hut aufhaben, ist Macher und Bestimmer. Das kommt aus seiner Jugend. Alles kommt aus seiner Jugend. Sein beschränkter Musikgeschmack, sein Essensgeschmack, sein Stilgeschmack. Alles hat sich seit seiner Adoleszenz nicht mehr verändert. Und er ist stolz darauf, hält Blues für die Wiege der Menschheit und Wurzel von allem.“ Doch mit der Zeit werden die Gedanken deeper: „Ich kann gar nicht mehr schnell gehen. Ich hab es mir irgendwann abgewöhnt, vielleicht aus Snobismus. Sich wie ein Dienstbote beeilen zu müssen, ist einfach nur grauenvoll. Selbst beim Autofahren stelle ich mir lieber vor, ich würde stillstehen und die Welt um mich herum bewegt sich wie Weltraumschrott an mir vorbei. Das beruhigt mich“, schreibt besagter Reverend an einer Stelle.

Und dann ist da ja noch die Bandhündin Emma, die ihr ganz eigenes Abenteuer erlebt … Am Ende entstehen Songs mit Titeln wie „Derogation“, „Frack it“ oder „Wichsbold“, und man muss die Musik nicht mögen – aber das Buch, begleitet von diversen Zeichnungen, die den ganzen Wahnsinn dieser Unternehmung bebildern, geht direkt ins (Tomaten-)Mark der eigenen nichtigen Existenz.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Kunstverein Jesteburg: „Worte zur Zeit“

Wort-Skulpturen zur Corona-Krise: Am Kunstverein Jesteburg stehen jetzt „Worte zur Zeit“ von dem Künstler Rupprecht Matthies

Text: Sabine Danek

 

Die Resonanz war toll. Mehr als 300 Einsendungen aus der ganzen Welt, bestückt mit über 1.000 Wörtern, gingen beim Kunstverein Jesteburg ein. In Zusammenarbeit mit dem Künstler Rupprecht Matthies, bekannt für seine Sprach-Arbeiten und Wort-Skulpturen, wurden Besucher, Mitglieder und Interessierte gefragt: „Welche Worte prägen für Sie die aktuelle Situation?“, „Welche Worte sind Ihnen zur Zeit wichtig?“ oder auch „Welche Worte können Sie schon nicht mehr hören?“

Die häufigsten und wichtigsten haben es in die Wortmalerei von Matthies geschafft und wollen ermöglichen, sich selbst und auch anderen näherzukommen. Gleichzeitig erprobt die Arbeit in enger Zusammenarbeit mit der Region, was Kunstverein-Leiterin Isa Maschewski immer wieder wichtig ist: zu schauen, was Kunst sein und was sie bewirken kann. Ein paar Wochen werden die „Worte zur Zeit“ an der Fassade in Jesteburg zu sehen sein, anschließend soll aus ihnen an anderen Orten weitere Projekte entstehen.

Kunstverein Jesteburg 
Rupprecht Matthies: Worte zur Zeit 


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Lichthof Theater: Probebühne Internet

Der Vorhang bleibt zu, die Webcam geht an: Wie viele andere Häuser stellt auch das Lichthof Theater gerade auf digitale Formate um. Im Interview spricht künstlerischer Leiter Matthias Schulze-Kraft über erste Schritte im Netz, die Chance, nicht perfekt sein zu müssen und die neue Reihe „Lichthof Lab“

Interview: Sophia Herzog

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Probiert gerne digitale Tools aus: Matthias Schulze-Kraft (Foto: G2 Baraniak)

SZENE HAMBURG: Matthias Schulze-Kraft, wie alle anderen Veranstaltungsorte des Landes hat auch das Lichthof Theater geschlossen. Wie sieht Ihr Arbeitstag unter diesen neuen Umständen aus?

Matthias Schulze-Kraft: Ich arbeite, wie viele gerade, mehr oder weniger von zu Hause. Interessanterweise habe ich mehr zu tun denn je. Das hätte ich nicht gedacht. Zum einen müssen wir uns um die Finanzierung und Organisation des Theaters kümmern. Wir haben zum Beispiel die Renovierungen vorgezogen, die sonst während der Sommerpause gemacht würden. Zum anderen müssen wir die ganzen Verschiebungen und Absagen koordinieren, also schauen, welche Premieren zu einem anderen Zeitpunkt stattfinden können oder für welche wir vielleicht ein Online-Format entwickeln können.

Die Online-Angebote des Lichthof Theaters sammeln Sie in der neuen Reihe „Lichthof Lab“. Worum geht es dabei?

Wir haben einen Aufruf an die Künstlerinnen und Künstler gestartet, die eng mit dem Lichthof Theater verbunden sind, und gefragt, ob sie Ideen haben, die sie als Online-Formate entwickeln möchten. Da kamen viele Ideen zurück.

Ende April haben wir zum Beispiel die interaktive Serie „Boy H. Werner gibt Instruktionen am Montag“ eingeführt. Boy H. Werner ist Literaturkritiker und eine Kunstfigur der Hamburger Theatermacherin Charlotte Pfeifer. Er stellt jeden Montag Aufgaben an Künstler und Künstlerinnen, aber auch an eine interessierte Öffentlichkeit. Die Ergebnisse bewertet und diskutiert er dann immer in der nächsten Woche.

Außerdem stellen einige der Künstler, die in dieser Zeit Premiere gehabt hätten, im Livestream ihre Arbeit vor. So bleiben wir sichtbar und können den Künstlerinnen und Künstlern immerhin eine virtuelle Bühne bieten.

 

„Beim Theater über Video geht viel verloren“

 

Viele Theater stellen gerade außerdem Livestreams online. Lässt sich denn Theater so einfach eins zu eins ins Netz übertragen?

Nein. Man kann natürlich Mitschnitte von Theaterstücken streamen, dafür braucht es aber eine qualitativ hochwertige Aufnahme. Wir streamen gerade nur zwei Produktionen, die bei uns Premiere gefeiert haben, das Musiktheater „Strandrecht“ und „Cum-Ex Papers“. Beide Stücke wurden aufwendig aufgenommen, mit mehreren Kameras und Schnitten, wurden also filmisch aufbereitet. Trotzdem finde ich Theater über Video nur mäßig spannend, dabei geht einfach viel verloren. Bei Streaming-Angeboten sieht man vor allem, was uns entgeht. Wenn wir wirklich Produkte wollen, die einen Mehrwert haben, dann muss man neue Formate für das Web erfinden.

Eine große Frage ist dabei aber auch: Wie sieht das aus mit der Entlohnung?

Ja, das stimmt. Die Künstler haben in ihre Arbeiten natürlich viel Arbeit gesteckt, aber eben nicht dafür, dass die Werke dann noch wochenlang kostenlos gestreamt werden. Man sieht ja, wie schwer sich schon Verlage tun, sich hinter Bezahlschranken zu stellen, schon rein technisch. Dafür finden wir so ad hoc auch keine Lösung.

Die Hamburger können das Lichthof Theater im Moment mit einem freiwilligen Ticketkauf für die Streams unterstützen. Wie lange kann so ein Modell funktionieren?

Das kann ich konkret gar nicht beantworten. Online-Angebote ersetzen natürlich nicht das, was wir sonst machen, langfristig kann es nur ergänzen. Ich glaube aber, dass so eine Schiene auch in Zukunft bestehen bleiben wird, wenn die Theater wieder öffnen. Mit diesem Ziel haben wir auch das „Lichthof Lab“ gestartet, und wir wollen in diesem Gebiet weiterhin Erfahrungen sammeln.

Gerade ist das teilweise alles noch ein bisschen unperfekt. Den ersten „Friday Online Talk“, ein festes Format des Lichthof Labs, haben wir zum Beispiel über Zoom abgewickelt. Dabei haben ungebetene Gäste den Talk torpediert und wir mussten die Übertragung abbrechen. Jetzt streamen wir über Youtube.

Trial and Error also …

Genau, und das ist auch total spannend. Es macht Spaß, sich das Technische anzueignen, aber auch zu schauen, wie wir Inhalte online präsentieren können.

 

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Das leere Foyer im Lichthof Theater (Foto: Sabrina Twele)

 

Sie haben gerade das Wort „unperfekt“ genannt. Sind die Zuschauer bei kleinen Fehlern gerade nachsichtiger?

Komplett. Wir hätten das Format unter anderen Umständen so nicht einführen können. Das Lichthof Lab hatten wir eigentlich als großes Projekt geplant, waren aber in Planungs- und Finanzierungsfragen noch gar nicht so weit. Online-Formate wie dieses hätten wir immer erst in einem perfekten Zustand veröffentlicht.

Jetzt ist es aber gerade jeder gewohnt, unperfekte Dinge zu sehen. Alleine in den Zoom-Konferenzen, in denen sich das Private und das Berufliche so extrem überlagern. Wir können das jetzt nutzen, um gemeinsam zu lernen. Nicht nur wir als Theatermacher, sondern auch mit den Zuschauern, für die das ja ebenso neu ist.

Das passt zur „Krise als Chance“, die gerade häufig genannt wird. Welche Chancen sehen Sie denn für Privat- und Off-Theater?

Erst einmal eignen wir uns natürlich gerade bestimmte Tools an, die wir langfristig für begleitende Angebote zum regulären Theaterprogramm einsetzen können. Wir werden Online-Formate selbstverständlicher mit ins Portfolio aufnehmen können, das sehe ich schon als große Chance.

Und dann ist es so, dass man Künstler und Künstlerinnen, gerade freischaffende, sowieso nicht stoppen kann. Die sind es gewohnt, selbstbeauftragt zu arbeiten. Die warten nicht, bis jemand kommt und Ansagen macht, sondern fangen jetzt an zu experimentieren. Da werden ganz neue Dinge entstehen. Ich denke, das wird das Theater nachhaltig verändern.

 

„Es kann sein, dass Theater das nicht überleben“

 

Verstärkt die Krise außerdem das Bewusstsein für die meist prekären Arbeitsverhältnisse von Künstlern?

Die Krise trifft natürlich gerade Menschen, die überhaupt keinen Cent auf der hohen Kante haben. Dass jetzt ein Blick auf uns gerichtet wurde, auf die Verletzlichkeit von Künstlern, das denke ich schon. Ob wir als Gesellschaft aber von der Krise lernen und die Effekte anhalten, da bin ich eher skeptisch.

Wird die Theaterbranche in Hamburg nachhaltig strukturelle Schäden erhalten?

Das hängt davon ab, wie lange diese Situation noch anhält. So unterschiedlich die Hamburger Theaterlandschaft ist, so unterschiedlich werden auch die Auswirkungen sein. Das hängt davon ab, wie abhängig Theater von den Abendeinnahmen oder wie hoch die institutionelle Förderung ist.

Die Kulturbehörde ist super kulant und war sehr schnell mit den Hilfsmaßnahmen, zumindest was uns betrifft. Aber es kann auch sein, dass Theater das nicht überleben. Und dann entstehen natürlich empfindliche Lücken in der Hamburger Theaterlandschaft.

lichthof-theater.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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