Meet the Resident: DJ Mell G

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Resident-DJs vor, diesmal: DJ Mell G von Childsplay (London) / Actionreplaycodes (Hamburg) – präsentiert von Hamburg Elektronisch.

Interview:Louis Kreye & Jean Djaman

 

SZENE HAMBURG: Dein Sound?

DJ Mell G: Ghettotekk, Ghettobass, Breakbeat, Jungle, Elektro, Booty Bass.

Schrecklichste Gastfrage?

Spielst du auch Musik?

Dein größter Moment als DJ?

Das war mit Abstand eine Soli-Veranstaltung in Marburg, Januar 2019. Mein zweites Ghettohouse-/ Ghettotekk-Set glaube ich. Großartig. Und HÖR – leider nur vor der Kamera. To be honest: Die Menschen verstehen meine Musik erst seit Covid-19.

Platte des Monats?

Meine upcoming EP mit Destroy (St. Petersburg). Release via Childsplay. Wird gestört!

Auf wen sollte man momentan ein Auge haben?

Ganz anderes Genre, aber: Odd John! Hört seine Musik! Ansonsten alle Producer aus Moskau / St. P. Ich weiß nicht wie, aber sie schaffen es immer wieder.

Hamburgs Stärken?

Untergrund.

Und die Schwächen?

Untergrund.

 

Hört hier ein aktuelles Set von Stromschienen Syndikat


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Die Newcomerin Nina Chuba im Interview

Bisher kannte man die 21-jährige Hamburgerin vor allem als Schauspielerin, jetzt ist Nina Chuba auch im Musikgeschäft präsent. Kürzlich gewann sie den Hamburger Musikpreis Krach + Getöse und veröffentlichte danach ihre erste EP „Power“

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Nina, eben noch Krach + Getöse gewonnen, jetzt schon eine EP draußen. Die Musikkarriere ist ordentlich angekurbelt. Bist du geduldig genug, wie man so sagt, „gesund zu wachsen“? Oder kann’s dir nicht schnell genug gehen mit dem Erfolg?

Nina Chuba: Mal so, mal so. Manchmal will ich, dass es schneller geht, andererseits ist mein Management auch sehr dahinter, dass ich kein schneller Hype werde, der genauso schnell wieder vergeht. Alles Schritt für Schritt zu nehmen, ist ja auch das Beste, was man als Künstlerin machen kann. Besser jedenfalls, als von jetzt auf gleich nach ganz oben gebeamt zu werden.

Was ist denn momentan dein oberstes Ziel?

Ich würde mir schon wünschen, dass ich international einen Namen bekomme, also auch auf dem englischen und amerikanischen Markt. Deswegen mache ich auch englische Musik.

Ein Stück weit Kritik am schnellen Show-Geschäft, in dem du als Schauspielerin und jetzt auch als Musikerin unterwegs bist, ist auf „Power“ im Song „Jungle“ zu hören …

… den ich im vergangenen Jahr nach der Berlinale geschrieben habe, er bezieht sich vor allem auf die Schauspielbranche, aber man kann ihn natürlich auch gut auf die Musikszene beziehen. Beide haben Nachteile, und wenn man ein Teil davon ist, macht man ab und zu selbst Dinge aus egoistischen Gründen. Das ist das Business (lacht).

 

„Durch ihn habe ich viel gelernt“

 

Wann hast du denn zuletzt etwas aus egoistischen Gründen gemacht?

Hmm, na ja, manchmal mag man bestimmte Leute persönlich sehr gerne, kommt mit ihnen aber auf einer Arbeitsebene nicht wirklich gut zusammen. Und es ist schon komisch, wenn man dann sagen muss: „Lass uns lieber Freunde sein und die gemeinsame Arbeit beenden.“ Aber das war auch nicht wirklich egoistisch von mir, ich bereue es zumindest nicht.

Mal zur Musik: Stammt die Klangästhetik von „Power“, dieser leicht düstere, Billie-Eilish- mäßige Sound, eigentlich voll und ganz aus deinem Kopf?

Ich arbeite mit meinem Produzenten und Co-Writer Morten Aamodt zusammen, er hat seinen Teil dazu beigetragen, dass die EP so geworden ist, wie sie jetzt ist. Durch ihn habe ich viel gelernt. Ich mache das alles ja auch noch gar nicht lange, habe erst vor anderthalb Jahren meinen ersten richtigen Song geschrieben.

Dann stammen die „Power“-Lyrics auch von euch beiden?

Ja, die meisten Texte schon.

Nun ist die EP raus – aber du kannst damit nicht so oft live auftreten, wie du es geplant hattest. Wie gehst du mit der aktuellen Krisensituation um?

Ich weiß noch nicht, wie es sich anfühlt, als Solo-Künstlerin live aufzutreten, von daher fehlt mir noch nichts. Aber dieses Jahr wäre natürlich eine gute Zeit gewesen, um mal ein bisschen den Fuß in die Live-Szene zu kriegen und mich auszuprobieren, bevor es vielleicht zu größeren Venues kommt. Ich muss mit der Situation jetzt einfach zurechtkommen und glaube, dass es irgendwann auch wieder anders sein wird.

 


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Kunstprojekt: „Welt in Teilen“ auf dem Heiligengeistfeld

Abenteuerliche Erdhügel, bunte Pfützen und Ideen für eine andere Welt: Der Kunstverein St. Pauli übernimmt das Heiligengeistfeld.

Interview: Sabine Danek

 

SZENE HAMBURG: Axel, eure Gruppenausstellung heißt „Welt in Teilen“. Was bedeutet das? 

Axel Loytved: Dass wir gemeinsam mit anderen Künstlerinnen und Künstlern eine andere Welt beschreiben wollen, zumindest Teile davon. Allerdings haben wir den ersten Förderantrag bereits vor zwei Jahren gestellt und sind selbst fasziniert davon, wie die Bedeutung sich durch die aktuelle Situation noch mal verändert hat.

Franziska Nast: Die Corona-Krise ist ein großer Einschnitt, ob es um das Alltagsleben, das Miteinander oder den Kunstbereich geht. Auszustellen, sich auszutauschen und gemeinsam Projekte zu realisieren, ist nur eingeschränkt möglich. Alles ist so zerrupft, in Teilen, und neue Strukturen entstehen.

Wie entstand die Idee, auf dem Heiligengeistfeld etwas zu machen? 

Franziska: Die Erprobung experimenteller Ausstellungsformen, die auch Leute erreichen, die vielleicht sonst nicht in Ausstellungsräume gehen, der Kunst dann aber zufällig draußen begegnen, hat uns schon immer interessiert.

Axel: Als wir 2006 mit dem Kunstverein St. Pauli gestartet sind, haben wir in einer Büro-Wohnung ausgestellt, dann in Containern, die auf Tour gingen, später in Autos auf Parkplätzen und jetzt in einem Käfig in Planten un Blomen. Das Heiligengeistfeld hat uns schon immer interessiert. In einer Stadt, in der öffentlicher Raum nachverdichtet wird, privatisiert und kommerzialisiert, ist es immer noch ein Möglichkeitsraum, eine riesige Brache mitten in der Stadt. Gefühlt wird sie permanent vom Dom bespielt, tatsächlich aber nur drei Mal einen Monat und den Rest der Zeit steht sie leer.

 

Das Heiligengeistfeld ist ein spannungsreicher Ort

 

In eurem Programm zitiert ihr die Künstlerin Annette Wehrmann, die es „Halde an Zeit und Langeweile, Überfluss und Abfall“ nennt.

Axel: Ich sehe das nicht nur negativ, sondern als Möglichkeitsraum. Das Heiligengeistfeld hat einige dieser Qualitäten, ist ein interessanter, spannungsreicher Ort. Auch, weil dort seit Jahren in den Dom-Pausen die Kampfmittelsondierung stattfindet. Diese Kombination aus düsterer Vergangenheit und glitzerndem Jahrmarkt ist nahezu absurd.

Franziska: Die metertiefen Löcher und alles, was dort freigelegt wird, muss für den Dom jedes Mal wieder geschlossen werden, der Boden geplättet. Und dann kommt das tonnenschwere Riesenrad drauf.

Wie habt ihr die Künstlerinnen und Künstler für das Projekt ausgewählt?

Axel: Im Kunstverein St. Pauli sind wir sieben Leute, die Auswahl ist ein kollektiver Prozess. Jeder hat ein paar Namen im Kopf und den Anspruch, ein breites Spektrum künstlerischer Positionen zu zeigen.

Franziska: Gleichzeitig geht „Welt in Teilen“ extrem von dem Ort und von unseren Eingriffen dort aus. Wir lassen eine fiktive Landschaft entstehen und haben nach Arbeiten geschaut, die wir uns dort wunderbar vorstellen können oder Künstlerinnen und Künstler gebeten, Eingriffe vorzunehmen.

Axel: Thomas Rentmeister arbeitet mit Materialanhäufungen, Michael Beutler mit Verschalungsmaterial, wie es auf Baustellen vorkommt. Andrea Winkler entwirft Eventszenarien und Wegeleitsysteme, die gut in das Umfeld passen und in der aktuellen Situation noch mal eine größere Bedeutung bekommen.

Franziska: Wir haben geschaut, was in unserer Landschaft funktioniert, aber auch was es für Bezüge zur Brache, zu St. Pauli oder zum Dom gibt.

 

Künstler und Künstlerinnen aus Hamburg und der Welt

 

Die Künstlerinnen- und Künstlerliste ist international …

Franziska: Es war uns schon immer wichtig, dass Hamburger Künstlerinnen und Künstler bei unseren Ausstellungen beteiligt sind, aber auch, dass es den Blick nach Außen gibt.

Gleichzeitig gibt es zahlreiche Veranstaltungen. 

Axel: Es findet fast jeden Tag etwas statt. Performances, Talks und vieles andere. Thomas Geiger aus Wien zum Beispiel, der mit „peeing in public“ gerade eine kleine Enzyklopädie zum Urinieren in der Öffentlichkeit herausgebracht hat, wird mit Besuchern durch die Umgebung ziehen und Auszüge aus seinem Buch performen. Das passt natürlich sehr gut.

Franziska: Dr. Anna-Lena Wenzel, die einen Blog zu Brachen hat, wird eine Diskussionsrunde mit dem Titel „Brache as (is) a state of mind“ mit der Gruppe „Stadt im Regal“ und der Künstlerin Karen Winzer leiten.

Es gibt auch eine Sci-Fi-Oper.

Franziska: Ja, die „Triabolischen Luken“. Das ist eine Performance von Balz Isler und Justin Kennedy. Die beiden treten seit ein paar Jahren als Prediger, Sänger, Geschichtenerzähler auf und Teile der Inszenierung bleiben als Ausstellungsstücke zurück. Sie werden räumliche Eingriffe vornehmen und die Zuschauer in verschiedene Situationen bringen. Es wird ziemlich skurril und ich möchte nicht zu viel verraten.

Welt in Teilen, Heiligengeistfeld
10.–20.9., täglich 


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Kinostart: Love Sarah – Liebe ist die wichtigste Zutat

„Love Sarah – Liebe ist die wichtigste Zutat“ ist der Debütfilm der er Hamburger Regisseurin Eliza Schroeder

Eine eigene Konditorei im Londoner Edelstadtteil Notting Hill – das ist der Traum von Sarah (Candice Brown), doch kurz vor der Eröffnung stirbt sie überraschend bei einem tragischen Fahrradunfall. Ihre Tochter Clarissa (Shannon Tarbet) entschließt sich, nach Trennung von ihrem Freund, den Traum ihrer Mutter zu realisieren und die Konditorei zu eröffnen. Sie überredet ihre exzentrische Großmutter Mimi (Celia Imrie) und Sarahs beste Freundin und Geschäftspartnerin Isabella (Shelley Conn) dazu, mitzumachen. Als dann auch noch Matthew (Rupert Penry-Jones), der charmante Jugendfreund der verstorbenen Sarah und Backprofi an Bord ist, erwecken die vier die Konditorei zum Leben.

Liebe und Hoffnung, Humor und Herz – das sind die Zutaten dieses Films der Hamburger Regisseurin Eliza Schroeder. Ihr Debütfilm spielt in ihrer Wahlheimat London. Der Zuschauer spürt die Verliebtheit, die Schroeder dieser Stadt, aber auch der Backkunst gegenüber empfindet. Cremetörtchen, Himbeer-Eclairs und Schokoladenkuchen werden liebevoll in Szene gesetzt. Die kulinarischen Köstlichkeiten wurden eigens vom Spitzenkoch Yotam Ottolenghi kreiert und werden auf der Leinwand gebührend zelebriert. „Liebe ist die wichtigste Zutat“ heißt der Zusatz im Filmtitel, doch genau das wird dem Film ein Stück weit zum Verhängnis.

Die Liebe zur Stadt, zu den Leckereien und zum Filmemachen reicht nicht, um darüber hinwegzusehen, dass es den Charakteren an Tiefe fehlt. So ist von der Trauer des Verlustes seitens der Sarah nahegestandenen Protagonisten kaum etwas zu spüren. Über Sarah selbst erfährt man nichts. Rückblenden gibt es keine. Zudem vermag die zentrale Lovestory nicht genug Zauber zu versprühen. Der Story fehlt es an überraschenden Wendungen oder Einfällen. „Love Sarah“ ist unzweifelhaft ein schöner, leichter, ansehnlicher Film. Für ein Debütfilm reicht das allemal – und vielleicht ist es auch genau das Richtige für diese Zeit. So herrlich und schmackhaft wie eine Schokotorte. /mag

Kinostart: 10. September 2020

 


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Erstmals nur digital: Theaternacht Hamburg

Die Theaternacht findet erstmals nur digital statt – und ist dadurch für jeden zugänglich. Ein Gespräch mit Matthias Schulze-Kraft, Vorstand des Hamburger Theater e.V., über das, was auf die Besucher zukommt

Interview: Dagmar Ellen Fischer

 

SZENE HAMBURG: Matthias Schulze-Kraft, die diesjährige Hamburger Theaternacht findet am 12. September erstmals virtuell statt. Am selben Abend bespielen indes fast alle Hamburger Theater ihre Bühnen live, wird es Kollisionen geben?

Matthias Schulze-Kraft: Aufgrund der Beschränkungen ist die Durchführung einer analogen Theaternacht 2020 nicht möglich. Gleichzeitig können die Bühnen nach der langen Schließzeit und den Beschränkungen der Platzkapazitäten auf keinen Spieltermin verzichten. Da nur etwa 30 Prozent des Publikums Platz in den Theatern finden, ist die virtuelle Theaternacht ein attraktives Angebot für die anderen 70 Prozent. Zudem kann man auf diese Weise von überall an der Theaternacht teilnehmen.

Wie viele Theater werden sich 2020 am digitalen Format beteiligen?

Wir gehen davon aus, dass alle 44 Bühnen dabei sind. Im Hamburger Theater e. V. haben sich fast alle professionellen Bühnen der Hansestadt zusammengeschlossen – von der Staatsoper bis zum Theater das Zimmer mit seinen 40 Plätzen. Ein solch einmütiger Zusammenschluss so vieler Theater einer Stadt, die unterschiedlicher nicht sein könnten, ist einzigartig in Deutschland und wahrscheinlich weltweit.

Möglicherweise fehlen aber Häuser, weil es technisch nicht reicht, um diese Theaternacht umsetzen zu können?

Wir wollen auch die Häuser mitnehmen, die es aus eigener Kraft nicht schaffen und sie entsprechend unterstützen. Auch in der virtuellen Theaternacht soll die gesamte Vielfalt abgebildet sein – das ist schließlich das Grundprinzip.

Lichthof-Indentant Matthias Schulze-Kraft (Foto: G2 Baraniak)

Es soll Live-Programme geben und solche on demand, wie muss sich der digitale Besucher das vorstellen?

Im Prinzip läuft es ähnlich ab wie die analoge Theaternacht: Von einem zentralen Ort aus – das war in den vergangenen Jahren der Jungfernstieg, dieses Jahr ist es www.theaternacht- hamburg.org – wo ein allgemeines Programm stattfindet, können sich die Gäste auf die Reise machen. 2020 nicht mit dem Bus, sondern mit der Maus. Auf der Website kann man in die virtuellen Räume der einzelnen Theater klicken, entweder den Routenvorschlägen folgen, etwa der musikalischen Route, oder einen eigenen Weg durch die virtuelle Theaterlandschaft finden.

Gibt es auch eine zentrale Bühne in diesem Jahr?

Ab 20 Uhr wird eine Live-Show gesendet, die wir im Schmidt Theater vor Live-Publikum produzieren. Zwei bekannte Moderierende werden interessante Talk-Gäste empfangen, besondere Highlights der kommenden Zeit vorstellen und immer wieder zu den „rasenden Reportern“ schalten, die sich zum Beispiel unter die Premierengäste im Thalia Theater mischen.

Diese Live-Ausschnitte sind nur in einem bestimmten Zeitfenster zu sehen, gefilmte Beiträge hingegen auch noch nach dieser Nacht?

Die Live-Sendungen, insbesondere die Show aus dem Schmidts, bleiben live, aber die virtuellen Theaterhäuser Theater 57 Lichthof- Indentant Matthias Schulze-Kraft mit ihrem Angebot werden über die Theaternacht hinaus online zu besuchen sein. Das können Mitschnitte besonderer Produktionen sein oder Einsichten in laufende Proben und Arbeitsprozesse: eine Führung durch die Unterbühne, Interviews, Programmpräsentationen und vieles mehr. Manche, wie das Lichthof Theater, senden ebenfalls live.

Durch diese Aktionen entstehen Kosten, aber die diesjährige Theaternacht ist kostenlos für die Besucher, woher kommt das Geld?

Tatsächlich haben wir uns entschlossen, die virtuelle Theaternacht kostenlos anzubieten. Denn es ist uns wichtig, möglichst vielen Besucherinnen und Besuchern zu zeigen: Wir sind wieder da! Auch im analogen Raum. Dies ist möglich durch großzügige Unterstützung der Hermann Reemtsma-Stiftung und der Behörde für Kultur und Medien.

Wie denkst du persönlich über die gravierenden Veränderungen im Genre Theater durch die weltweite Pandemie?

Die Corona-Zeit hat die Spanne der Repräsentationsformen von Theater erweitert. Theater ist nicht mehr allein analog denkund erlebbar. Eindrücke aus verschiedenen Theatern vor Ort vermischen sich mit virtuellen Inhalten. Dies verdeutlicht die Situation, in der sich die Theater während und wahrscheinlich nach Corona befinden – vielleicht unsere neue Normalität.

theaternacht-hamburg.de

 


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Corona-Pandemie: Wie geht es der Hamburger Kultur?

Die Corona-Pandemie hat die Kulturlandschaft hart getroffen. Wie geht es weiter? Trotz Wiedereröffnung sind die Akteure zermürbt von Existensängsten. Zugleich kämpfen sie unermüdlich, damit es weitergeht. Eine Stimmung, zerrissen zwischen Optimismus und Verzweiflung. Vier Protagonisten aus der Szene berichten

Text: Ulrich Thiele

 

Überlebenskampf der Clubszene

Der Anblick des leeren Clubs versetze ihm jedes Mal einen Stich, sagt Constantin von Twickel beim Eintreten. Er setzt sich an den Tresen im Nochtspeicher, stellt zwei Wasserflaschen auf den Tisch und atmet erst einmal durch. Es ist brüllend heiß an diesem Freitagnachmittag, heute hat sich Twickel endlich mal einen Tag frei genommen. Er ist künstlerischer Leiter des Nochtspeicher und der Nochtwache und engagiert sich ehrenamtlich in den Vorständen des Clubkombinat Hamburg, einem Zusammenschluss von Clubbetreibern, Veranstaltern, Bookern und Agenturen, und der dazugehörigen Clubstiftung. Die letzten Wochen und Tage waren für ihn vollgepackt mit Gesprächen mit der Kulturbehörde und den Vorbereitungen für den September, wenn der Betrieb eingeschränkt wieder losgeht. Seinen ersten Corona-bedingten Ausfall hatte der Nochtspeicher bereits am 10. März.

Der britische Musiker und Autor Billy Bragg hatte seine Lesetour abgesagt. Am 13. März, also noch vor den behördlichen Anordnungen, stellte der Nochtspeicher freiwillig den Betrieb ein – wie so viele Clubs in Hamburg, die schon früh der Eindämmung des Virus höchste Priorität verliehen. „Wir kämpfen alle hart ums Überleben“, sagt Twickel. Der Nochtspeicher hat Glück im Unglück. Zum einen, weil die Hamburger Kulturbehörde schnell und engagiert auf die Krise reagierte. Zum anderen, weil er zu den förderberechtigten Clubs gehört, die die Corona-Soforthilfe der Kulturbehörde für anerkannte Live-Musik- Kulturstätten in Anspruch nehmen konnten.

Dafür mussten einige Kriterien erfüllt werden: Der Club musste unter anderem eine Mindestanzahl von vergangenen Veranstaltungen im Monat vorweisen und Gema-Zahlungen geleistet haben. Zwischen 50 und 60 Musikclubs erfüllen diese Kriterien, viele andere nicht. Selbst Clubs, die förderberechtigt waren, erhielten die Hilfe nicht, weil sie noch zu viele eigene Rücklagen hatten, die sie zuerst aufbrauchen sollten. Vergangenes Jahr hat der Nochtspeicher seit seiner Gründung 2013 zum ersten Mal überhaupt Gewinn gemacht. Der Club wurde also all die Jahre sowieso schon mit schmalem Budget betrieben, was hohen persönlichen Einsatz der Macher einforderte. Und viele Rücklagen konnte Twickel so natürlich nicht bilden, die wenigen sind inzwischen ohnehin aufgebraucht. Immerhin konnte er im Lockdown die laufenden Kosten um die Hälfte auf 20.000 Euro senken. Doch bereits im März konnte Twickel die knapp 30 Minijobber, die er beschäftigt und die nicht unter das Kurzarbeitergesetz fallen, kaum bezahlen. Denn innerhalb der ersten zwei Wochen des Lockdowns sind bereits 100 Veranstaltungen ausgefallen oder verschoben worden.

Sicherheitsabstand im Zuschauerraum vom Altonaer Theater. (Foto: Szene Hamburg)

Als die Behörde am 1. Juli die Verordnung zur Wiederaufnahme des Kulturbetriebs veröffentlichte, waren die Clubs davon noch ausgeschlossen. Ab dem 1. September dürfen auch sie einen reduzierten Betrieb aufnehmen. „Wir adaptieren das Szenario der Gastronomie“, erzählt Twickel. Eröffnet wird im Stil eines Jazzclubs, mit runden Tischen für vier Personen und Lämpchen. Rund 60 Gäste finden so Platz auf der 185 Quadratmeter großen Fläche. Es wird einen Tischservice geben, damit die Gäste nur aufstehen, wenn sie auf die Toilette müssen. Drei Konzerte sind unter diesen Bedingungen im September geplant, hinzu kommen Veranstaltungen im Rahmen des Reeperbahn Festivals. Irgendwas kann allerdings immer dazwischen kommen, je nach Lage. Momentan steigt die Zahl der Infizierten wieder. „Wir versuchen, das Unplanbare zu planen“, sagt Twickel. Das inkludiert auch Verschiebungen. Der geplante Ersatztermin im September für die Lesung von Billy Bragg musste abermals verschoben werden.

Dennoch: Bis zum 31.12. ist das Überleben gesichert, bis dann steht der Nochtspeicher unter dem Club-Rettungsschirm der Kulturbehörde. Der reduzierte Betrieb ab September wird über eine Fehlbedarfsförderung finanziert. Die Differenz zwischen den Kosten und den Einnahmen durch die Konzerte wird vom Staat übernommen, zu etwa 20 Prozent vom Land Hamburg, zu 80 Prozent aus Bundesmitteln. Insgesamt 1,5 Millionen Euro werden den förderberechtigten Clubs zur Verfügung gestellt. Auch wenn nicht viel erwirtschaftet werden wird, ist es dennoch eine Entlastung der staatlichen Töpfe. Und die ist notwendig, wenn man bedenkt, welche Ausgaben auf die Behörde zukommen. Es gibt beispielsweise Fördergelder für Clubs mit alten Lüftungsanlagen, damit sie ihre Räume pandemiegerecht umgestalten können. Bis zum 31. Oktober gibt es außerdem einen Topf für die Outdoor-Initiative, die das Clubkombinat und die Clubstiftung zusammen mit der Kulturbehörde erwirkt haben.

Aber es ist verworren, niemand kann gleichzeitig aus mehreren Töpfen Summen beziehen: Wer im September draußen Veranstaltungen macht und dafür eine Fördersumme bewilligt kriegt, kriegt nicht noch zusätzlich etwas für die Indoor-Veranstaltungen. So oder so: „Es ist ein Wettlauf mit der Zeit“, sagt Twickel, irgendwann sind die Töpfe eben leer. Viele kleinere Läden werden vermutlich gar nicht erst öffnen, weil es für sie nicht lohnt, wenn nur für zehn Menschen Platz ist. Und nicht alle Clubs werden diese Krise überleben. „Da muss man gar nicht drum herum reden“, so Twickel. Manche wird es finanziell treffen, manche werden entkräftet hinschmeißen, vermutet er. Was in diesen Zeiten ganz deutlich wird, ist, wie verwoben die unterschiedlichsten Branchen miteinander sind. Es ist wie ein Ökosystem: Die Leute gehen erst ins Restaurant, dann zum Beispiel in den Nochtspeicher aufs Konzert und anschließend nebenan in die Washington Bar.

 

„Scheiße, jetzt geht’s an die Substanz“ (Constantin von Twickel)

 

Twickel fasst die Bedeutung für Hamburgs Szene in einem Bild zusammen: „Wenn etwas aus diesem Kreislauf wegfällt, dann ist das so, als würde ein Tintenfisch einen Arm verlieren, bis er sich irgendwann nicht mehr fortbewegen kann.“ Er glaubt, dass einige Bars und Kneipen nicht überleben werden, weil sie keine Unterstützung kriegen. Denn die Bars unterstehen nicht der Kulturbehörde, sondern der Wirtschaftsbehörde. Auch wenn die Kulturszene sich von ihrer Behörde unterstützt fühlt, das Überleben kurzfristig gesichert ist, kommen enorme Schwierigkeiten auf die Branche zu. Denn unwegsame Faktoren spielen auch eine Rolle:

Kommen im September überhaupt Besucher, oder sind die Menschen gehemmt? Und wie sollen sich langfristig überregionale Tourneen von Künstlern realisieren lassen? Braucht es nicht zusätzlich Alternativkonzepte? Twickel: „Ich habe schon überlegt, ob man Schulen tagsüber den Raum zur Verfügung stellen könnte.“ Schließlich hätten diese gerade das Problem, zu kleine Klassenräume zu haben. Aber auch da gäbe es viel bürokratischen Behördenaufwand, um eine Genehmigung zu erhalten. Überhaupt sei das Bürokratische bisweilen hemmend. Vor einigen Monaten sammelte die Clubstiftung in der Spendenaktion „Save our Sounds“ 174.000 Euro ein. Dafür brauchte sie zunächst eine Sondergenehmigung der Finanzbehörde, um die Spenden ausschütten zu können. Ansonsten hätte die Stiftung ihre Gemeinnützigkeit verloren.

„Das war heikel. Das Geld musste eingefroren werden, einen Teil hatten wir schon verteilt, das musste zurücküberwiesen werden.“ Inzwischen sind die Gelder von einem unabhängigen Gremium und nach einem Schlüssel verteilt worden. Für Twickel gilt, was für alle gilt: Das Berühmte auf Sicht fahren. Abwarten und hoffen, dass das Horrorszenario nicht eintritt. „Ein zweiter Lockdown? Dann wäre Schicht“, sagt er. Ob er noch einmal psychisch die Kraft aufbringen könnte, durch einen Lockdown zu gehen, bezweifelt er. „Wir hatten alle unsere Tiefs, ich auch“, sagt er, „Am Anfang war ich noch voller Tatendrang. Als ich aber gemerkt habe, dass die Krise länger andauern wird, habe ich schon gedacht: Scheiße, jetzt geht’s an die Substanz.“ Doch nicht nur Clubbetreiber haben es aktuell besonders schwer, auch die, die von der Veranstaltungsbranche abhängig sind wie Toningenieure oder Caterer.

Zermürbung in der Kreativwirtschaft

„Die Lage ist überaus desolat“, sagt Egbert Rühl, Geschäftsführer der Hamburg Kreativ Gesellschaft. „Hope is everywhere“, steht auf einer Postkarte, die neben der Tür im Konferenzraum der städtischen Einrichtung in der Hongkongstraße hängt. Seit 2010 ist sie eine wichtige Anlaufstelle für die Kreativen der Stadt. Individuelle Beratung, Vorträge und Workshops stehen unter anderem auf dem Programm, um ihre Belange zu fördern. „Unsere Klienten leiden unter zermürbenden Existenzängsten“, sagt Rühl. Gerade zu Beginn der Krise sei die Verunsicherung groß gewesen, weshalb die Kreativ Gesellschaft eine Service-Hotline einführte. Die Nachfrage war hoch. Von Mitte März bis Ende April wurden rund 500 Beratungsgespräche geführt. Die häufigsten Fragen: Wo kann ich den Antrag für die Soforthilfen von Bund und Ländern stellen? Wie erhalte ich eine Grundsicherung? Ich befinde mich noch in der Ausbildung – bin ich antragsberechtigt? Dabei wurden erste Probleme sichtbar, denn die Hamburgische Investitions- und Förderbank (IFB), die für die Soforthilfen zuständig ist, fragte die Liquiditätsengpässe für die Monate März bis Mai 2020 ab.

 

„Der Staat hat enorm schnell und effektiv reagiert“ (Egbert Rühl)

 

Dabei erhielten viele Selbstständige in dieser Phase noch Zahlungen für kürzlich abgeschlossene Projekte. Der Corona-bedingte Engpass stand zu dem Zeitpunkt also erst noch bevor. „Grundsätzlich hat der Staat auf Bundes- und Landesebene enorm schnell und effektiv reagiert“, sagt Rühl. „In den Details sehen wir aber kritische Punkte.“ Einer dieser Punkte ist, dass Solo-Selbstständige und Freiberufler nur ihre Betriebskosten über den Rettungsschirm kompensieren können. Nicht aber ihr fehlendes Einkommen, dieses muss beim Arbeitsamt als Grundsicherung (Arbeitslosengeld II) beantragt werden. Das heißt: Solo-Selbstständige und Freiberufler können ihr Einkommen nicht geltend machen. „Wir haben unseren Klienten in den letzten zehn Jahren immer wieder gesagt, dass sie sich auch als Akteure des Wirtschaftslebens verstehen sollen“, sagt Rühl. Maler oder Schauspieler seien eben auch Unternehmer.

„Im Moment der Krise gibt die Politik ihnen aber zu verstehen, euer Einkommen ist keine Betriebsausgabe.“ Im Gegensatz zu Unternehmen, für die die Löhne der Angestellten zu den Betriebsausgaben gehören, also unternehmerisch bewertet und innerhalb der Rettungsmaßnahmen bezuschusst werden, rutschen Solo-Selbständige in das Sozialsystem, indem sie Grundsicherung beantragen müssen, um ihren Betrieb weiter fortführen zu können. Auch in Hamburg hieß es für Solo-Selbständige also von Anfang an: Betriebskosten aus den Rettungsschirmen, das eigene Einkommen aus der Grundsicherung – bei gleichzeitiger Senkung der Hürden zum Zugang zur Grundsicherung. In manchen Fällen können sogar die Mietkosten für die Wohnung über die Grundsicherung erstattet werden. „Es gab auch Hinweise von der Politik, dass man als Kreativer – wenn man geschickt ist – über die Grundsicherung mehr Geld bekommen kann, als wenn man seinen Unternehmerlohn in den Rettungsschirmen beantragt – das zeigt, dass die Programme zu Beginn noch nicht feinjustiert waren.“

Dennoch findet Rühl: „Grundsätzlich hat der Staat früh an Kreativselbstständige gedacht und es war gut, dass die Bürokratie versucht hat, das schnell umzusetzen. Dass die Dinge nicht immer bis zum Ende durchdacht sein können, ist eine unvermeidbare Kinderkrankheit.“ Dazu gehört auch zum Beispiel die „Mietstundung“. Der Senat verkündete: Wer Mieter eines städtischen Gewerbeimmobilienvermieters ist, kann seine Mieten bei diesem städtischen Vermieter stunden. Doch bei der Beantragung von Geldern aus dem Rettungsschirm, ist die Miete ein erheblicher Anteil davon. Also stellte sich die Frage, lieber die Miete stunden und nicht bei seinen Betriebskosten einberechnen? Oder sie nicht stunden, und diese im Rahmen des Rettungsschirms geltend machen? Zudem gab es eine Verordnung der Kulturbehörde, nach der zusätzliche Mittel von der Kulturbehörde nur dann bezogen werden können, wenn man seine Miete gestundet hat.

 

„Es gehört zur Natur der Kreativen, weiter zukämpfen“ (Egbert Rühl)

 

Inzwischen räume der Staat auf, die Programme würden ausdifferenzierter, auch auf Bundesebene. Auch stelle er jetzt Rückforderungen, weil im Nachhinein überprüft werde, ob alles ordnungsgemäß war, berichtet Rühl. „Ich nehme eine gewisse Verzweifl ung bei unseren Klienten wahr, und zugleich eine Bereitschaft , das irgendwie durchzustehen“, erzählt Rühl. „Aber es ist ungeheuer zermürbend.“ Die Zermürbung hänge auch mit der unsicheren Zukunft zusammen. Der Blick in die Zukunft reiche laut Rühl gerade mal von Woche zu Woche. Alles hängt davon ab, wie sich die Fallzahlen entwickeln und wann der Impfstoff flächendeckend bereitsteht. Eine Antwort darauf gibt es nicht, Prognosen sind reine Spekulation. Eine vorsichtige Prognose äußert Rühl aber doch: „Momentan ist der Tenor, dass wir das Virus eindämmen müssen – und das ist auch richtig, keine Frage. Aber es führt auf ökonomischer und künstlerischer Seite zu so massiven Verlusten, dass man über Alternativen nachdenken muss – wobei ich nicht weiß, wohin dieses Denken führt.“ In Richtung Herdenimmunität?

Rühl stöhnt ratlos auf. „Egal in welche Richtung das Denken geht, es wird sofort sehr schwierig. Man weiß nicht, wann oder ob der Impfstoff kommt. Niemand weiß es. Es ist ein Desaster“, sagt er und lacht. Gut, dass ihm das Lachen noch nicht im Halse stecken bleibt. „Es bleibt uns nichts anderes übrig“, meint Rühl. „Das ist schon eine fatalistische Haltung, denn diese Situation betrifft uns alle und es gibt niemanden, gegen den wir unsere Wut, so wir denn eine haben, richten können. Das Virus ist ja nicht menschengemacht.“ Im Grunde ist nichts sicher. Nur, dass ein weiterer Lockdown nicht passieren darf. Rühl: „Einen zweiten Lockdown für weitere drei Monate werden nur wenige überleben.“ Politisch stelle sich dann auch die Frage, inwieweit und wie lang ein Staat die Institutionen und Unternehmen noch über den Berg bringen kann, wenn sie selbst nichts einnehmen. Denn ewig kann die Subventionsmaschine nicht am Laufen gehalten werden.

„Wenn die Rahmenbedingungen wieder verschärft werden, verlieren alle die Perspektive“, erzählt Rühl. „Ich habe für diesen Zustand dann keine Begriffe mehr.“ Die Klienten seien zwar zermürbt, aber noch nicht so weit, dass sie Alles hinschmeißen wollen, denn „es gehört zur Natur der Kreativen, weiterzukämpfen und Alternativen zu entwickeln“.

Nach dem Stillstand geht am 3. September auch im B-Movie Kino der Betrieb wieder los. (Foto: Szene Hamburg)

 

Eine Dystopie für die Kinobranche

Auch die Kinobranche hat die Krise hart getroffen. Der Hauptverband Deutscher Filmtheater spricht von einem Umsatzrückgang von 80 Prozent im Vergleich zum vergangenen Jahr. Hans-Joachim Flebbe, Betreiber der ASTOR Film Lounge und des Savoy, macht aus der desaströsen Lage keinen Hehl: „Ich habe zwei Perspektiven für die Kinolandschaft im nächsten Jahr. Die eine ist schlimm, die andere ist ganz schlimm“, erzählt er am Telefon. Zunächst die schlimme: Flebbe geht davon aus, dass die Besucherzahlen sich um mindestens 25 bis 30 Prozent gegenüber dem Jahr 2019 verschlechtern werden.

Die bisherige Benchmark lag in den vergangenen Jahren bei 120 Millionen Kinobesucher pro Jahr in Deutschland. Diese Zahl werde wohl nie wieder erreicht werden, befürchtet Flebbe. Im nächsten Jahr geht er eher von maximal 80 bis 90 Millionen aus. „Das wird für viele Kinos sehr eng, es sei denn, der Staat erklärt sich doch noch bereit, größere Kompensationszahlungen zu leisten.“ Flebbe betreibt deutschlandweit Kinos, die sehr unterschiedlich staatlich subventioniert werden. In Niedersachsen etwa sei bisher keine Hilfe gekommen, dem Kino fehle es schlichtweg an Lobbyarbeit: „Es herrscht eine Ungleichbehandlung, die mich wütend macht.“ Hamburg habe noch Glück, die Kulturbehörde zeige Verständnis und die Hansestadt gehöre zu den wenigen Bundesländern, die auf ihre Kinokultur Wert legen. Flebbe hat von der Kulturbehörde je 50.000 Euro Hilfe für die ASTOR Film Lounge in der HafenCity und das Savoy erhalten. Das ist zwar nur ein kleiner Ersatz für mehrere Monate Stillstand, die Verluste bleiben. Aber immerhin helfen die Summen, die Last der Fixkosten abzumildern.

Die Phase der Stilllegung hat länger gedauert als gedacht, und die Zuschauer kehren nicht in gleicher Form zurück wie vor der Krise, wie man derzeit sieht. Viele haben Angst, zudem ist die Filmauswahl überschaubar, was das Wiederanlaufen erschwert. Selbst die eingeschränkte Auslastung von 25 Prozent, die die Abstandregelung von 1,50 Meter erreicht, reicht nicht für ausverkaufte Vorstellungen. Die ASTOR Film Lounge in der HafenCity hat erst vor Kurzem geöffnet, da die Verluste unter diesen Bedingungen in geschlossenem Modus niedriger waren. Das Savoy hat mit Klassikern von Stanley Kubrick und Quentin Tarantino wieder eröffnet. Kostendeckend läuft das natürlich nicht, aber die Verluste seien überschaubar, sagt Flebbe. Der größte Einschnitt, der die Kinolandschaft langfristig prägen wird, liegt im Siegeszug der Streamingdienste, den die Corona-Krise vorangetrieben hat. Zugespitzt formuliert: Wer vorher noch kein Netflix-Abo hatte, hat spätestens jetzt eins. Dadurch wird der Druck auf die Kinos noch größer.

 

„Man muss demütig sein, angesichts der Lage“ (Hans-Joachim Flebbe)

 

Die Abstandsregelung führt dazu, dass die Verleiher andere Wege suchen, um ihre Filme zu vertreiben – eben Streamingdienste. Das habe Spätfolgen, denn wenn es gut funktioniert hat, werden sie weiterhin auf Streaming setzen, befürchtet Flebbe. Hinzu kommt die neue Hiobsbotschaft, dass das Universal Studio in Nordamerika dazu übergeht, das exklusive Auswertungsfenster der Kinos von drei bis vier Monaten auf 17 Tage zu reduzieren. Und damit wären wir bei Flebbes ganz schlimmer Prognose: „Ich befürchte, wenn das exklusive Fenster fällt, wird mindestens die Hälfte aller Kinos überflüssig und das Geschäftsmodell Kino „Man muss demütig sein, angesichts der Lage“ (Hans-Joachim Flebbe) wird sich auf wenige Premiumkinos reduzieren, die ein besonderes Ausgeherlebnis für Kinoliebhaber anbieten.“ Derzeit gebe es so viele Probleme, dass er von Baustelle zu Baustelle blicken müsse. Der erste Schritt muss laut Flebbe in der Reduzierung der Abstandsregelung für Kinos gelten, um den Verleihern genügend Kapazitäten für eine Kinoauswertung zu geben.

In Nordrhein-Westfahlen, Berlin und anderen Ländern wie der Schweiz, Österreich und Frankreich ist die Abstandsregelung für Kinos bereits auf einen Meter herabgesetzt. Damit ist zumindest eine Auslastung von 50 bis 60 Prozent möglich, die das Kino für die Vertreiber wieder attraktiver macht. In Hamburg ist das noch nicht der Fall (Stand 21.8.2020). Die diesbezüglichen Gespräche mit Kultursenator Carsten Brosda liefen aber gut, berichtet Flebbe. Es gibt gute Gründe für eine Änderung der Regelung. Eine Untersuchung der TU Berlin hat ergeben, dass die Ansteckungsgefahr im Büro höher ist als im Kino. Die Charité hat diese Aussage bestätigt. Im Kinosaal ist die Ansteckungsgefahr gering, weil man in der Regel sitzt, nicht redet und es keinen Auswurf wie im Restaurant gibt. Nicht zu vergessen die Belüftungsanlagen, die so konzipiert sind, dass sie die Luft aus dem Kino gegen Außenluft austauschen. Zudem werden die Kunden im Kino durch Online-Systeme identifiziert.

Wenn also jemand das Virus bei einem Kinobesuch in sich getragen hat, ist dieser leichter zu identifizieren als in Restaurants, wo Gäste falsche Kontaktdaten angeben können. Ein anderer Hoffnungsschimmer, wenn auch nur ein kleiner, ist Christopher Nolans Blockbuster „Tenet“, der vermutlich viele Besucher anzieht. Flebbe rechnet mit einer Million Besucher, damit ist „Tenet“ aber der einzige Filme in absehbarer Zeit, der etwas höhere Zahlen generiert. Deswegen wird sich wohl auch jeder Kinobetreiber auf den Film stürzen. Das heißt, der Kuchen teilt sich auf viele Kinos auf. Flebbe zeigt den Film in der ASTOR Film Lounge zu verschiedenen Uhrzeiten in verschiedenen Sälen, damit er eine Kapazität erreicht, die der Verleiher sich wünscht. Eine Monokultur also, nicht optimal. Doch: „Man muss ja demütig sein, angesichts der Lage.“

 

„Ich bin durch und durch optimistisch“ (Axel Schneider)

 

Optimismus an den Theaterhäusern

Axel Schneiders Blick in die Zukunft ist weitaus heller. „Ich gehe sogar soweit zu sagen, dass ich nicht nur verhalten, sondern durch und durch optimistisch auf die nächste Saison blicke“, sagt er. Im September startet die neue Saison, für Schneider eine große Angelegenheit. Schließlich leitet er vier Privattheater in Hamburg, darunter die Kammerspiele und das Altonaer Theater. Ein Grund für seine gute Stimmung ist der Coup, den er für Letzteres landen konnte. Am 13. September feiert Ferdinand von Schirachs neues Stück „Gott“, in einer Inszenierung von Schneider selbst, Hamburg-Premiere. Wie schon in Schirachs „Terror“ fällt das Publikum am Ende ein Urteil. Schwerer Stoff, aber Schirach ist bekanntlich ein Publikumsmagnet. Schneider will bewusst keine vordergründigen Corona-Themen auf die Bühne bringen. Jetzt sei die Zeit, auch existenzielle Themen zu zeigen. In dem Stück „Die Kinder“ etwa, das am 6. September an den Kammerspielen Premiere feiert, geht es um einen Super-GAU an einer europäischen Küste.

Im Zentrum stehen die Fragen, welchen Preis die Zukunft für unseren heutigen Wohlstand zahlt und welche Verpflichtung wir gegenüber unseren Kindern haben. Natürlich hat das Stück durch die aktuelle Pandemie eine zusätzliche Komponente bekommen. Die Abstände, die auf der Bühne eingehalten werden müssen, seien bei den Proben eine Herausforderung gewesen. Es dürfe nicht verkrampft aussehen, die Maßnahmen mit ironischen Meta-Kommentaren zu unterlaufen, kommt für Schneider nicht in Frage. Der Sketch „Was man beim Bettenkauf beachten sollte“ von Loriot, den Schneider gerne im Altonaer Theater gesehen hätte, ist gar nicht erst umsetzbar – darin liegen vier Darsteller dicht an dicht auf Doppelbetten. Derzeit ist immer wieder von einer zweiten Welle die Rede.

Was ist, wenn es zu einer Rücknahme der Einschränkungen oder gar zu einem zweiten Lockdown kommt? „Das darf nicht passieren. Ganz einfach. Mehr kann ich dazu nicht sagen“, meint Schneider. In der Theaterszene herrsche derzeit eine Aufbruchsstimmung, so Schneiders Eindruck. Auch wenn die kommenden Monate für kleinere Theater schwer werden dürften. Besonders dankbar ist er der Hamburger Kulturbehörde, die eine großartige Hilfe gewesen sei. Und dank des Kurzarbeitergeldes musste Schneider keinen seiner Mitarbeiter entlassen. Die Politik unterstützt die Theater in der Tat reichlich. Die abgesagten Privattheatertage, deren Initiator Schneider ist, werden im kommenden Juni in einer Doppelausgabe nachgeholt, der Bund und die Stadt haben die Finanzierung bereits gesichert. Hinzu kommt die Solidarität des Publikums. Viele Theaterbesucher hätten auf eine Rückerstattung verzichtet, berichtet Schneider. Nun gelte es, den Besuchern glaubhaft zu vermitteln, dass ihre Gesundheit gesichert ist, vor allem dem älteren Publikum, sagt Schneider und klopft drei Mal auf den Tisch.

 


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„Sicherheitszone“: Katrin Seddigs neuer Roman

Katrin Seddigs Familienroman „Sicherheitszone“ spielt vor dem Hintergrund des G20-Gipfels in Hamburg. Ein Gespräch über gesellschaftliche Brüche, die Unübersichtlichkeit der Welt und Wege aus der Ohnmacht

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Zu Beginn steht ein Zitat der polnischen Dichterin Wisława Szymborska: „Ich ziehe das Chaos der Hölle dem Chaos der Ordnung vor.“ In „Sicherheitszone“ zerfällt die Ordnung der Familie Koschmieder. Die 17-jährige Imke ist bei „Jugend gegen G20“ aktiv. Ihr großer Bruder Alexander steht als Polizist auf der anderen Seite. Thomas, der Vater, verlässt die Familie für eine jüngere Frau – die Ernüchterung folgt schnell. Während einer Demo gerät er auf der Suche nach Imke in einen Tumult und wird von einem Polizisten attackiert: „Er hatte die ganze Zeit gedacht, er könne außen vor bleiben, alles als Beobachter sehen, und sein eigener Irrtum wird ihm so kalt und klar, so höhnisch bewusst, als wäre er ein Irrtum nicht nur in diesem Moment, sondern seines ganzen Lebens.“

Seddigs Roman ist die Geschichte eines Umbruchs und der damit verbundenen Verunsicherung: „Die Welt, wie wir sie kannten, die ist vorbei. Sie ist schon länger vorbei, aber wir haben’s jetzt erst gemerkt“, konstatiert Thomas zum Schluss. Selten wurde das Chaos der Ordnung präziser seziert als in „Sicherheitszone“.

 

SZENE HAMBURG: Katrin, du hast Kultur einmal als lebenswichtig bezeichnet, weil mit ihrer Hilfe Krisen verdaut werden. Hast du G20 nun verdaut?

Katrin Seddig: Nein, ich spüre immer noch Wut und nicht aufgearbeitete Prozesse in mir. Aber während der Arbeit am Roman habe ich gelernt, Abstand zu nehmen und die Ausschreitungen wie ein historisches Bild zu betrachten.

Und kannst du die Ereignisse inzwischen irgendwie für dich einordnen?

Privat war das für mich ein Bruch. Mir wurde schlagartig klar, dass ich mich auf bestimmte Dinge nicht verlassen kann. Ich wusste schon vorher, dass es schwarze Schafe bei der Polizei gibt. Ich sehe auch ein, dass das eine schwierige Lage für die Polizisten war. Aber dass so massiv vorgegangen wird – etwa bei der Räumung des Camps – hat mich schockiert.

Ich habe da erst begriffen, dass man systematisch Gesetze brechen kann und dafür nicht belangt wird, wenn man Macht hat. Das ist vielleicht naiv, aber ich musste das wohl erst sehen, um es zu wissen.

 

Ein strukturelles Problem

 

Wo ist die Wurzel des Problems?

Das ist ein strukturelles Problem. Es ist keine Entscheidung von einzelnen Polizisten, dass es keine Folgen hat, wenn auf Menschen eingeprügelt wird, die schon am Boden liegen. Es gab damals noch keine Kennzeichnung von Polizisten, eine unabhängige Beschwerdeinstanz gibt es bis heute nicht. Und die Leute, die die Befehle geben, sind verantwortlicher als 20-jährige Polizisten, die die ganze Zeit angespuckt werden und irgendwann ausrasten.

Das entschuldigt nichts, ist aber menschlich nachvollziehbarer, als wenn fragwürdige Räumungsbefehle gegeben werden, obwohl man den Überblick hat und gar nicht physisch in Gefahr ist. Du hast die Ereignisse fiktiv verarbeitet.

Welche Rolle spielt das Narrative bei der Aufarbeitung?

Mir ist aufgefallen: Je weiter die Menschen weg von den Ereignissen waren, umso klarer war ihre Vorstellung davon, wie es gewesen ist. Diejenigen, die mittendrin waren, hatten gar keine Vorstellung, weil es so kompliziert und unübersichtlich war. Man kann immer nur einen Bruchteil sehen.

Manche Entwicklungen lassen sich durch Geschichten besser erfassen als durch Berichte. Ich biete nur eine Geschichte von vielen möglichen an. Deswegen war es mir wichtig, kein Sachbuch zu schreiben, sondern einen Familienroman.

Warum ein Familienroman?

Das kommt aus meiner persönlichen Situation heraus, weil ich in einer Familie lebe. Außerdem ist die Familie tatsächlich auch die kleinste Zelle der Gesellschaft, so klischeehaft das klingt. Darin spiegeln sich Konflikte vereinfacht wider. Und ich wollte ein Bild eines gesellschaftlichen Bruchs zeichnen.

Cover_Seddig_SicherheitszoneWie war das, dich in so unterschiedliche Charaktere hineinzudenken, die teilweise konträr zu deiner Einstellung stehen?

Unterschiedlich schwer. Mich in Jugendliche hineinzuversetzen, fällt mir schwerer, weil ich in dieser Gemeinschaft nicht mehr lebe und gerade Jugendliche sich stark von Erwachsenen abgrenzen durch ihre Sprache und sie sind untereinander ganz anders als vor Erwachsenen. Ich habe deswegen keine Jugendsprache verwendet, dieser Versuch hätte nur scheitern können. +

Natürlich ist es einfacher für mich, mich in Menschen meines Alters hineinzuversetzen, und leichter in Frauen als in Männer. Grundsätzlich kann man sich aber in alle Gedankengänge hineinversetzen, auch in böse. Man hat alle Regungen in sich, wenn man die konsequent weiterverfolgt, dann kann man sich alles denken.

Du sagst, es fällt dir leichter, dich in Frauen hineinzuversetzen als in Männer. Interessanterweise vertritt der Vater im Roman viele der Thesen und Meinungen, die du in deiner Taz-Kolumne vertrittst.

Das liegt vielleicht daran, dass der Vater die Hauptfigur sein musste, falls es überhaupt eine Hauptfigur in dem Roman gibt. Er ist der erste Handelnde, indem er die Familie verlässt. Er ist auch die tragischere und zugleich komischere Figur, weil er viel mehr der Lächerlichkeit preisgegeben wird als die anderen Figuren.

Warum eignet sich der Vater am besten für die Rolle der Hauptfigur?

Ich beobachte in meinem Umfeld, dass feinfühlige Männer meines Alters mit dominanten Vätern aufgewachsen sind. Sie haben größere Schwierigkeiten als Frauen, sich in der heutigen Welt zurechtzufinden – gerade weil sie nicht so sein wollen wie ihre Väter, aber doch noch ungewollt in dieser Welt stecken. Es ist bezeichnend, dass Frauen immer noch mehr im Haushalt machen. Der Mann ist also am besten geeignet für diese Art von ambivalenter Figur.

Außerdem ist es als Mann einfacher, auf komische Art zu scheitern. Männern wird mehr zugestanden, sie können großspurig scheitern. Frauen müssen ihren Weg gehen – wenn sie scheitern, ist das tragisch.

Warum ist das deiner Meinung nach so?

Weil die Frau immer als die Mutter gesehen wird. Wenn sie als Mutter scheitert, ist das tragisch für die Kinder. Wenn der Vater scheitert, gibt es für die Kinder noch die Chance, dass die Mutter gut für sie sorgt. Natürlich gibt es auch Fälle, in denen die Frau schwach ist und die Männer einspringen müssen, aber das sind eher die Ausnahmen.

Dein Blick auf die Menschen ist erst einmal desillusionierend, aber nicht verurteilend. Gehst du so an deine Figuren heran – mit kaltem Blick und Menschenliebe?

So kann man das nennen. Ich muss auf jeden Fall genau sein und darf nichts beschönigen. Gerade wenn man präzise auf einen Menschen blickt, kann man verzeihend sein. Wie man auch mit sich selbst umgehen sollte, so gehe ich mit den Figuren um.

Wie blickst du auf Alexander?

Er ist kein schlechter Mensch. Er ist liebevoll und der Familie zugeneigter als Imke. Er kümmert sich um die Großmutter und hat ein warmes Verhältnis zur Schwester. Er sucht eben nach Orientierung. Sein Problem ist eher, dass er zu wenig Einstellung hat.

 

„In der Schnelligkeit liegt der Teufel, dadurch ist der Blick auf die Welt oberflächlicher“

 

Was andeutungsweise mit einer Grundverunsicherung einhergeht, weil er adoptiert ist. War das eine bewusste Entscheidung von dir?

Ja, schon. Als Komposition in der Familie. Es gibt keine Familie, in der alle Kinder gleich behandelt werden. Aber bei einem Adoptivkind kommt es insofern zu Problemen, als es sich einbilden kann, dass es zurückgesetzt wird. Im Roman wird auch immer wieder angedeutet, dass Alexander dunkler ist, dass er eventuell migrantische Wurzeln hat. Er kann auch als Abbild der Gesellschaft für migrantische Kinder gesehen werden, die nie als ganz angenommen gesehen werden. Das ist ein gesellschaftliches Problem, wie damit umgegangen wird, wenn jemand nicht zu 100 Prozent dazu passt. Bei der Polizei findet Alexander Zugehörigkeit.

Macht die Unübersichtlichkeit dir auch zu schaffen?

Es macht mich fertig. Vor allem die Schnelligkeit der Nachrichten überfordert mich, gerade weil ich genau hinsehen und die Zusammenhänge verstehen will. Man muss aushalten, dass in dem, was man ablehnt, auch richtige und gute Anteile enthalten sein können. Und zugleich muss man immer die eigene Einstellung hinterfragen, weil man in seiner eigenen politischen Position immer auch selbstgefällig ist. Das ist eine große Arbeit, die die Medien nicht leisten könnten. In der Schnelligkeit liegt der Teufel, dadurch ist der Blick auf die Welt oberflächlicher. Die Zersplitterung führt auch zur Handlungsunfähigkeit. Aber auch im Zweifel muss man sich für eine Handlung entscheiden, sonst kann man nicht politisch aktiv sein.

Was glaubst du, wie man in 100 Jahren mit dem Segen der Spätgeborenen auf unsere verunsicherte Gesellschaft blickt?

Ich lese gerade die großen Gesellschaftsromane von Balzac, darin kann man sehen, wie die Menschen im 19. Jahrhundert lebten und dachten. Und wenn man Jane Austen liest und sieht, wie die Menschen in ihren Romanen miteinander umgehen – das sind die gleichen Peinlichkeiten wie heute. Austen ist so originell, weil man zwischendurch vergisst, dass ihre Romane in einer anderen Zeit und Gesellschaftsschicht spielen. Ich glaube, was im Menschen gleich bleibt, sind seine Schwächen. Die sind universell, auch wenn es regionale und zeithistorische Färbungen gibt.

Katrin Seddig: „Sicherheitszone“, Rowohlt Berlin, 464 Seiten
Autorenlesung am 5.9. in der Bücherhalle Elbvororte, 19 Uhr


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Leseempfehlungen: 4 Bücher für die Auszeit

Jetzt ist die Zeit zum Lesen. Sich entspannen und in eine fremde Welt entfliehen geht hervorragend mit diesen vier Büchern

 

Herzklappen von Johnson & Johnson

Vom Theater des Lebens

 

Wie der kanadische Soziologe Erving Goffman schon klarstellte: Wir alle spielen Theater. Das Bild unserer Identität wird auf der Bühne des Lebens sichtbar, wir pflegen unser Image, nur auf der Hinterbühne dürfen wir aus der Rolle fallen. So verhält es sich auch in der Familie der kleinen Alma aus Valerie Fritschs neuem Roman „Herzklappen von Johnson und Johnson“.

herzklappen-fritsch-coverDie Kindheit des Mädchens ist durchsetzt von quälender Sprachlosigkeit, ihre Eltern und Großeltern scheinen eigens für sie Theater zu spielen. Insbesondere ihr Großvater beansprucht das Schweigen für sich: „Der Krieg hatte sein Leben in ein Davor und Danach geteilt.“ Erst im Erwachsenenalter entwickelt Alma eine „späte Liebe“ zu ihrer Großmutter, die das Schweigen der Familie bricht und über die Kriegsverbrechen des Großvaters berichtet.

Alma, inzwischen Ehefrau und Mutter, fasziniert die Leidensgeschichte der Großmutter. Gleichzeitig wächst ihre Sorge, ihr Sohn Emil könnte ebenso kalt und berechnend werden wie der Großvater – zumal Emil mit einem Gendefekt zur Welt kommt, der ihn keinen Schmerz spüren lässt. Wie kann man jemandem, der sich zu Demonstrationszwecken Stifte in den Arm rammt, das Schmerzempfinden anderer Menschen nachvollziehen lassen? Hier setzt sich das Theaterstück auch in der vierten Generation fort: Emil inszeniert, er lernt auswendig und setzt in den passenden Momenten ein schmerzverzerrtes Gesicht auf.

Fritsch besticht mit ihrer altmodischen und lakonischen Sprache. Die von der Grazer Autorin und Fotografin entworfenen Szenen sind wie vergilbte Polaroidfotos, welche die skurrilen Momente mit präzisem Blick umso klarer aufzeigen. Am Ende steht der große Aufbruch bevor, die Suche nach dem Ursprung des Familienschmerzes. Fritsch arbeitet hierbei mit kräftigen, mystischen, teils dystopischen Naturbeschreibungen. „Herzklappen von Johnson & Johnson“ ist ein Buch über Lebensrollen, über Empathie und vererbtes Schweigen. Fritsch selbst wird dabei ihrer Rolle als Schriftstellerin mehr als gerecht – mit eindringlichen Motiven und ungewöhnlichen Sprachbildern. Nach dem Zuklappen möchte man den Roman noch einmal lesen, die Sätze aufsaugen, wie ein Gedicht auswendig lernen und im Geiste nachhallen lassen.

/ Ingrun Gade

Valerie Fritsch: „Herzklappen von Johnson & Johnson“, Suhr- kamp, 174 Seiten

 

Fehlstart

Houellebecqs Erbin?

 

Marion Messinas Debütroman „Fehlstart“ wurde verkaufsfördernd als das neue „Ausweitung der Kampfzone“ angekündigt. Die Berechtigung des Houellebecq-Vergleichs liegt im Thema: die Übertragung der ökonomischen Marktlogik auf andere Lebensbereiche.

fehlstart-coverAurélie ist 18, als erste aus ihrer Familie hat sie das Abitur gemacht. Das Studium entpuppt sich für sie als trostlose Angelegenheit. Aurélie kann sich nicht einfügen, sie beherrscht nicht den Habitus der vergnügungssüchtigen „Bürgerkinder“ mit „netten Gesichtern ohne Zukunftsangst“. Messina beschreibt pointiert und kühl die Anarchie des Wohnungsmarktes, die unterschwelligen Codes des Bürgertums, die zum Bestehen auf dem Arbeitsmarkt gehören, die Lieblosigkeit der Fun-Kultur und die Selbstausbeutung des akademischen Prekariats.

Leider opfert sie im Laufe ihres Romans die Form der politischen Botschaft. Die Analysen werden unmotiviert in die Monologe der Nebenprotagonisten gepresst, die Sprache wird unpräzise, Messina greift auf schwammige Superlative („grenzenlos“) zurück. Die schlafwandlerische Klarheit, die in Houellebecqs boshafter, gekonnter Mischung aus Erzählung und essayistischen Exkursen liegt, hat Messina nicht.

/ Ulrich Thiele

Marion Messina: „Fehlstart“, Hanser, 168 Seiten

 

 

Ganz nebenbei

Woody Allens Memoiren

 

Was für ein Wirbel: Menschen protestierten, Autoren boykottierten, der amerikanische Verleger stoppte die Veröffentlichung. Der Rowohlt Verlag hingegen publizierte trotz des Protests einiger seiner Autoren. „Apropos of Nothing“, in der deutschen Variante: „Ganz nebenbei“ – passend zum koketten Understatement des New Yorker Filmemachers Woody Allen. Sein Nimbus als Drehbuchautor und Regisseur ist – unabhängig von den privaten Anschuldigungen – unbestritten. Umso neugieriger stürzten sich Kritiker wie Fans auf sein Werk.

woody-allenEines vorweg: Das Buch ist eine Verweigerung aller modernen Lesegewohnheiten. Es gibt keine Kapitel, keine Zwischenüberschriften, nur Absätze und alle 30 bis 40 Seiten auch mal ein Initial. Woody Allen mutet dem Leser durchaus was zu. Doch schon nach wenigen Zeilen wird deutlich, dass er sein Handwerk – das Schreiben – versteht.

Es ist, als säße Woody Allen vor einem, an seinem Schreibtisch, in seinem Appartement in Manhattan, an seiner geliebten Olympia-Schreibmaschine: „Ich schweife wieder ab.“. „Wo war ich stehengeblieben?“ Allen schreibt wie er denkt – und so liest sich das Buch: sprunghaft, witzig, launisch. Mal ist er misanthropisch, mal euphorisch, mal herablassend, mal vernichtend.

Wer auf neue Erkenntnisse zum Missbrauchsvorwurf hofft, wird enttäuscht: Auf etwa 50 Seiten kaut Allen seinen bereits bekannten Standpunkt noch einmal ausführlich wieder. Ansonsten führt er in kurzen, griffigen Sätzen durch sein Leben, beginnend bei seiner Kindheit in Brooklyn. Viele Fragen werden anekdotisch beantwortet: Was treibt ihn an? Welche Frauen mochte er? Wer hatte Einfluss auf seine Filmkarriere? Welche Filmdrehs mochte er? Welche nicht? Das ist stellenweise trivial, dann wieder bewegend, hin und wieder auch deplatziert – aber stets in charmantem Allen-Stil vorgetragen. Wer eine kritische oder gar intellektuelle Selbstreflexion erwartet, wird enttäuscht. Wer schlichtweg eine fiese und zugleich unterhaltsame Erzählung eines „zum Filmemacher mutierten Witzboldes“ erwartet, wird seine Freude haben.

/ Marco Arellano Gomes 

Woody Allen: „Ganz nebenbei“, Rowohlt Verlag, 448 Seiten

 

 

Naturtrüb

Dadaistisches Bandtagebuch

 

Ei, ei, ei! Eigentlich ist damit das Buch schon ganz gut zusammengefasst. Tatsächlich ist überdurchschnittlich häufig die Zubereitung von Eierspeisen Thema dieser Sammlung abwechselnd geschriebener Tagebucheinträge mit dem schönen Titel „Naturtrüb“. Naturtrüb ist ja quasi das back to nature des kleinen Mannes, und auch die vier Männer über 50 – als da wären „Reverend“ Christian Dabeler, Timur Mosh Çirak, Gereon Klug und Maurice Summen – haben sich selbst für einige Tage in die Natur zurückgezogen, um eine Band zu gründen. Was erst mal etwas heikel klingt, gestaltet sich erfreulicherweise viel weniger schmierig als ihr Bandname OIL. Im Gegenteil, eher etwas trocken, geradezu sandig rieseln die vielen subjektiven Eindrücke ins Getriebe der Bandgründung und bringen sie hier und da ins Stocken.

naturtrübZu Beginn kreisen die Gedanken noch um die anderen Bandkollegen: „Er (Reverend Christian Dabeler, Anm. d. Red.) will das Sagen haben, den Hut aufhaben, ist Macher und Bestimmer. Das kommt aus seiner Jugend. Alles kommt aus seiner Jugend. Sein beschränkter Musikgeschmack, sein Essensgeschmack, sein Stilgeschmack. Alles hat sich seit seiner Adoleszenz nicht mehr verändert. Und er ist stolz darauf, hält Blues für die Wiege der Menschheit und Wurzel von allem.“ Doch mit der Zeit werden die Gedanken deeper: „Ich kann gar nicht mehr schnell gehen. Ich hab es mir irgendwann abgewöhnt, vielleicht aus Snobismus. Sich wie ein Dienstbote beeilen zu müssen, ist einfach nur grauenvoll. Selbst beim Autofahren stelle ich mir lieber vor, ich würde stillstehen und die Welt um mich herum bewegt sich wie Weltraumschrott an mir vorbei. Das beruhigt mich“, schreibt besagter Reverend an einer Stelle.

Und dann ist da ja noch die Bandhündin Emma, die ihr ganz eigenes Abenteuer erlebt … Am Ende entstehen Songs mit Titeln wie „Derogation“, „Frack it“ oder „Wichsbold“, und man muss die Musik nicht mögen – aber das Buch, begleitet von diversen Zeichnungen, die den ganzen Wahnsinn dieser Unternehmung bebildern, geht direkt ins (Tomaten-)Mark der eigenen nichtigen Existenz.

/ Julia Kleinwächter

Die Gruppe OIL: „Naturtrüb“, Verbrecher Verlag, 224 Seiten


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Smallville Records: Die Ersten werden die Letzen sein

Corona hat das musikalische Nachtleben weiterhin fest im Griff. Wie geht es Künstlern, Labels und Plattenläden, die eng mit der Szene verbunden sind? Julius Steinhoff, House-DJ, Musiker und Gründungsmitglied von Smallville Records, berichtet von den vergangenen Monaten

Text & Interview: Ole Masch

 

Seine ersten Turntables kaufte der gebürtige Freiburger 1999 von seinem Zivildienstlohn. Platten zum Auflegen hatte Julius Steinhoff damals kaum. Der Überfluss an Vinyl kam erst mit dem Umzug nach Hamburg, wo er 2001 bei einem Plattenvertrieb anfing und das Lager voller House- und Techno-Importen war. Sein Wohnzimmer wurde der Golden Pudel Club. „Es gab dort musikalisch ganz viel Neues zu entdecken. Die Changing Weather Abende der Dial Crew haben mich nachhaltig geprägt“, erzählt er. Nach ersten Schritten in verschiedenen Bars, folgten eigene Club-Veranstaltungen und eine wöchentliche Radiosendung auf Tide mit Lawrence und Cranque&Unique von Einmusik.

2005 dann die Gründung von Smallville und seitdem zahlreiche eigene Veröffentlichungen. „Peter Kersten aka Lawrence, Stella Plazonja und ich hatten damals das Gefühl, dass es in St. Pauli einen Plattenladen für elektronische Musik und gleichzeitig einen Hang-out geben sollte. Der erste Laden in der Hein-Hoyer-Straße war ziemlich klein und gemütlich, die Straße damals noch relativ ranzig.“ Umgezogen in den Neuen Kamp 32, betreibt Julius Steinhoff heute Laden und angeschlossene Label mit Just von Ahlefeld. Vor Corona standen sie zudem als Smallpeople hinter Plattentellern zahlreicher internationaler Clubs und Festivals.

 

Interview: Julius Steinhoff von Smallville Records

 

SZENE HAMBURG: Julius, welche Konsequenzen hatte Corona für dich als Künstler?

Julius Steinhoff: Ziemlich direkt zum Lockdown Mitte März wurde die erste Ausgabe eines Festivals in der Nähe von Nottingham abgesagt. Wir hätten eine Smallville Stage kuratiert, dementsprechend liefen die Planungen auf Hochtouren. Stefan Marx hatte ein Poster entworfen und das Festival sollte in einer Burg in den Highlands stattfinden. Das klang alles sehr schön, wurde dann aber direkt um ein Jahr in den Juli 2021 verschoben. Gefühlsmäßig waren die ersten Maßnahmen eher so etwas wie eine kurze Pause der Normalität, doch mit der direkten und frühzeitigen Absage des Festivals war mir schnell bewusst, dass erst mal nichts mehr sein wird, wie es war. Für DJs brechen die Möglichkeiten damit von 100 auf 0 Prozent ein. Das war schon ernüchternd zu realisieren, dass dieser Bereich als einer der ersten, gleichzeitig aber wohl bis zum Schluss, betroffen sein würde. Ich muss aber klar sagen, dass ich die Maßnahmen natürlich verstanden und voll unterstützt habe. Das war eine Ausnahmesituation für alle – nicht nur für Künstler und Kulturschaffende.

Streaming wurde kurzfristig wahnsinnig populär. Auch für dich?

Es gab schon Möglichkeiten, ich habe aber ehrlich gesagt nicht so Lust darauf. Das Ganze hat natürlich seine absolute Daseinsberechtigung und ist für die ganze Promo-Social-Media-Blase wichtig. Für mich ist es allerdings eher anstrengend und hat mich ehrlicherweise auch mehr abgeschreckt, wenn jeden Abend fünf exklusive DJ-Sets im Netz übertragen wurden. Für mich persönlich war es eher eine Zeit, in der ich mich zurückgezogen habe.

Hast du die Zeit zum Produzieren genutzt?

Anfangs kaum und ich war auch nicht sonderlich inspiriert. Irgendwann kam dann aber doch eine Phase, in der ich wieder mehr im Studio wiedergefunden habe. Auf Smallville kam direkt nach dem Lockdown eine Platte von Christopher Rau raus, die unglaublich gut ist. Den Tonträgerverkäufen hat man allerdings angemerkt, dass viele Plattenläden weltweit schließen mussten, die Clubs zu waren und die Post in manche Länder gar nicht mehr zustellt hat.

Wann musste Smallville Records schließen?

Der Laden selbst war ab Mitte März für einen guten Monat bis Ende April geschlossen. Danach durfte der Einzelhandel wieder öffnen. Die Kunden waren aufgerufen die eigenen Kopfhörer mitzubringen und wir haben relativ viel Platz im Laden.

Habt ihr Hilfen beantragt?

Letztendlich haben wir keine Anträge für Smallville gestellt, nein. Wir kamen durch den Lockdown nicht in direkte Liquiditätsprobleme und es wurde klar vermittelt, dass dies eine Voraussetzung ist.
Es gab hier von Bundesland zu Bundesland doch teilweise erhebliche Unterschiede in den Möglichkeiten für Soforthilfen, insgesamt war die Situation etwas schwammig. Gleichzeitig war die Resonanz bei uns im Onlineshop relativ beachtlich. Als der Laden geschlossen war, hatten wir deutlich mehr Bestellungen, zudem gingen auch die digitalen Verkäufe in dieser Zeit nach oben. Es gab auch verschiedene Aktionen. Bandcamp beispielsweise hat spezielle Tage veranstaltet, an denen alle Einnahmen direkt und komplett an die Labels und Künstler ausbezahlt werden. Da wir in der Zeit des Lockdowns gleichzeitig natürlich nicht so viele Tonträger eingekauft haben und somit weniger Rechnungen begleichen mussten, kamen wir mit dem Laden aber insgesamt ganz gut über die Zeit.

Kam es durch Corona zu mehr Musikveröffnetlichungen?

Nein, eher andersherum. Wahrscheinlich kommt diese Welle erst noch, wenn die ganze Musik veröffentlicht wird, die in den letzten Monaten geschrieben und produziert wurde. Aber die Musik, die wir selber veröffentlichen, spielen sowie im Laden verkaufen ist hauptsächlich Clubmusik. Unsere Kunden sind oft DJs – ein Anteil, der erst mal in Teilen weggefallen ist, außerdem sind Touristen von außerhalb nicht so zahlreich unterwegs. Ich merke auch im Bezug aufs Label, dass ich etwas zögere mit den Planungen von Releases, weil momentan im Vergleich zu Vor-Corona alles runtergefahren ist. Ich denke, es geht vielen Labels ähnlich. Nach wie vor wird natürlich Musik konsumiert, aber der Club-Aspekt fehlt schon.

Eure Club-Veranstaltung fehlt ebenfalls …

Wir haben monatliche Smallville-Nächte im Pudel veranstaltet, das fiel jetzt weg. Der Pudel hat immerhin jetzt Barboncino Zwölphi, wo es draußen wieder losging.

Wünschst du dir weitere Lockerungen im Nachtleben?

Ich finde es schwierig und habe hier durchaus zwei Blickwinkel. Aus Künstler-Perspektive fällt es schwer zum Abwarten verdammt zu sein und nicht spielen zu können. Andererseits merke ich bei mir selber, dass das Verlangen nach großen Menschenansammlungen noch nicht so groß ist. Ich bin absolut für eine verantwortungsbewusste Umsetzung und Weiterführung in Zeiten der Pandemie, damit es irgendwann hoffentlich wieder richtig losgehen kann. Letztendlich gefährden Veranstaltungen mit schwammigen Sicherheitskonzepten und Umsetzungen die Möglichkeiten für alle kulturellen Bereiche. Dem Verlust von diversen kulturellen Einrichtungen sollte zudem durch weitere Hilfen entgegengetreten werden. Clubs sind wohl die letzte Branche, die noch überhaupt nicht wieder anfangen konnten, zumindest wenn keine Außenbereiche vorhanden sind. Hier muss durch Hilfen mit niedrigen bürokratischen Hürden unterstützt werden, vielleicht auch mit Möglichkeiten von Mieterlassen oder anderen kreativen Unterstützungsformen. Es wurde schon so viel Geld in die Rettung von Großkonzernen gepumpt, ich denke es gibt allgemein eine Dringlichkeit für den kulturellen Sektor, damit hier nicht eine ganze Bandbreite von Einrichtungen nie wieder wird öffnen können.

Wie bewertest du den Umgang der Hamburger Politik mit dem Thema?

Es wäre an dieser Stelle vom Senat wichtig, bestimmte Dinge zu überdenken und zu vereinfachen, um neue Möglichkeiten oder Konzepte schaffen zu können. Gehwege oder öffentliche Flächen nutzen zu dürfen, damit Menschen an der frischen Luft eher zusammenkommen können ist für Bars und Restaurants wichtig. Gleichzeitig muss die Verantwortlichkeit jedes Einzelnen natürlich gewährleistet sein.


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Reeperbahn Festival: Ja, es findet statt

Vom 16. bis 19. September wird es auch in diesem Jahr internationale Live-Musik beim Club-Festival geben. Pandemie-bedingt anders, aber immerhin. Ein Gespräch mit RBF-Geschäftsführer Alexander Schulz über die Durchführung der Veranstaltungen und die damit verbundenen Chancen für eine ganze Branche.

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Alexander, vier Tage Live-Kultur stehen mit dem diesjährigen Reeperbahn Festival an. Welches Gefühl begleitet dich im Vorfeld am ehesten: Euphorie? Skepsis? Angst? Oder alles zusammen?

Alexander Schulz: Angst habe ich keineswegs, und skeptisch bin ich auch nicht. Ich spüre eher so eine Melancholie, wenn ich an die notgedrungen schlecht besetzten Clubs und Säle denke. Andererseits kribbelt es bei mir auch schon sehr, weil Musik wieder auf Bühnen kommt und man sie mit allen Sinnen wahrnehmen darf. Es ist also ein merkwürdiger Gefühlsmix, der mich momentan begleitet. Ich bin gespannt, wie alles wird, für mich ganz persönlich und für alle anderen, die dabei sein können.

Da klingt eine Zuversicht durch, dass schon alles klappen wird. Was macht dich denn so sicher: allein euer Konzept? Oder auch das Vertrauen in ja immerhin Tausende Besucher?

Die Besucherzahl ist für unsere Verhältnisse sehr übersichtlich, bis zu 2.500 Leute, aufgeteilt auf zwanzig Spielorte können es am Tag werden. Speziell in dieser Zeit bietet uns die Überschaubarkeit ganz neue Möglichkeiten: Wir kennen jeden einzelnen Gast in jedem Club mit Namen. Und für jeden gibt es zahlreiche Regeln, die auf unserer Homepage in den FAQs erklärt werden. Sollte tatsächlich eine Infektion ausbrechen, gelingt es uns sofort, nur diejenigen zu informieren, die mit der betroffenen Person im selben Raum waren, und das weitere Infektionsrisiko enorm klein zu halten. Darum geht es, und darum wird es auch in Zukunft gehen. So lange kein Impfstoff da ist, müssen wir einen gesunden Mittelweg finden zwischen dem Weiterführen von kultureller Rezeption und der Pandemie. Mag sein, dass Kulturentzug nicht so schlimm ist wie zum Beispiel Bildungsentzug, aber es müssen Spielräume gelassen werden, damit Kultur auch in einer Zeit wie dieser möglich bleibt, um eventuelle Kollateralschäden zu vermeiden. Und was wir fürs Reeperbahn Festival vorbereitet haben, ist wirklich sehr vernünftig.

Andere Zeit, anderes Bild: Festival Masse auf dem Spielbudenplatz (Foto: Michael Rathmayr)

Klingt nach kontrollierter Offensive.

Total! Es ist ein Wiedereinstieg mit ruhiger Hand.

Und was entgegnest du Kritikern, die dennoch sagen, dass es gerade jetzt, da eine Angst vor einer zweiten Welle besteht, vielleicht keine gute Idee ist, ein internationales Festival durchzuführen, so sehr es sich auch an die Richtlinien hält?

Dass wir ja gar nicht entscheiden, dass das Festival stattfinden kann. Wir haben nur ein Konzept auf Basis des geltenden Erlasses der Stadt Hamburg entwickelt. Und ich glaube an unsere Gesetzgebung und an diejenigen, die die Erlasse verfassen. Wenn sie morgen sagen würden, dass Veranstaltungen mit mehr als 100 Leuten bis zum 30. September nicht stattfinden dürfen, dann wäre das so, und dann müssten wir uns überlegen, ob wir uns anpassen und weiterhin das Reeperbahn Festival durchführen wollen.

Es heißt, ihr würdet euch schwerpunktmäßig sehr um den Diskurs über Kulturwirtschaft und ihre Rolle in Krisenzeiten kümmern. Wie siehst du die Rolle der Branche in der aktuellen Krise?

Corona war bisher ja wie eine Lupe, unter der wir viel gesehen haben. Zum Beispiel, welche Missstände es gibt, Stichwort Spaltung der Gesellschaft – und das nicht nur in Deutschland, sondern global. Es sind viele Baustellen sehr deutlich geworden, zu denen sich die Kulturwirtschaft mal zu Wort melden könnte, und zwar als verbindendes Element. Ich weiß, es ist schwierig für viele Künstler, sich nicht nur durch ihr Werk, sondern zusätzlich theoretisch zu äußern. Aber speziell in diesem Jahr werden wir in unseren musiktheoretischen Angeboten beim Reeperbahn Festival daran arbeiten.

Es ist nun eine Art Versuch. Was genau könnte denn das bestmögliche Outcome dessen sein?

Dass Künstler und Besucher nicht völlig abgeturnt sind von der Situation, in der eben nur sehr wenig Publikum möglich ist. Es ist auch ein Atmosphäre- Test: Wie fühlt sich das jetzt an für die Beteiligten? Wir fänden es schön, wenn am Ende alle sagen würden, dass es auf diese Weise immer noch besser ist, Kultur zu genießen, als es seit April war. Auch wäre es wünschenswert, wenn Konzertbesucher dazu bereit wären, künftig drei oder vier Euro mehr für einen Auftritt zu bezahlen, weil sie verstehen, dass es sich sonst – außerhalb des Reeperbahn Festivals – ökonomisch nicht für Clubs und Künstler ausgeht. Und: Wenn wir das jetzt mal alle zusammen so durchhalten, wie es eben ist, können wir irgendwann auch noch mal geschlossen an die Politik herantreten und sie bitten, jedem Solo-Selbstständigen, jedem Ton- und Bühnentechniker, jedem Monitor-Mann, jedem Security- Mitarbeiter unter die Arme zu greifen. Das wäre mein Traumergebnis des diesjährigen Reeperbahn Festivals.

Befasst du dich auch mit einem Worst-Case-Szenario?

Es kann schon sein, dass alle sagen werden: „Das ist doch atmosphärischer Murks!“ Aber selbst dann werden wir die Politik um weitere Hilfen für die Branche bitten.

 

Das Festival wird im Rahmen der Möglichkeiten und Notwendigkeiten durchgeführt

 

Wie hoch sind denn aktuell die Hilfen von Land und Bund fürs Reeperbahn Festival?

Wir bekommen weitere 500.000 Euro vom Land und 800.000 Euro vom Bund, um unser Konzept auszuprobieren.

Hat der Hamburger Senat auch auf die Wichtigkeit des Festivals für die Stadt gepocht und euch mitgeteilt, dass es in diesem Jahr auf jeden Fall stattfinden sollte?

Nicht, dass es auf jeden Fall stattfinden sollte. Uns wurde nur gesagt: „Guckt euch die Erlasse an, die zum Festivalzeitraum gelten, und überlegt euch, ob ihr eine plausible, die Eindämmungsmaßnahmen gegen die Pandemie respektierende Lösung findet. Wenn ihr eine habt, könnt ihr gerne noch mal fragen, ob wir euch zusätzlich unterstützen können.“ Das haben wir gemacht. Normalerweise kriegen wir vom Land 410.000 Euro im Jahr, jetzt wurden noch mal 500.000 draufgepackt.

Wenn wir schon bei Zahlen sind: Bis Mitte Juni hieß es noch, dass bis zu 4.000 Besucher pro Tag möglich wären an 30 Spielstätten. Dann seid ihr aber noch mal runtergegangen auf nur bis zu 2.500 Besucher pro Tag an 20 Spielstätten.

Genau, zum 1. Juli gab es ja einen neuen Erlass, mit verschärften Abstands- und Getränkeausschankregeln. Wir haben uns alle geplanten Spielorte angeschaut, auch wie die einzelnen Clubs nach dem Reeperbahn Festival weitermachen würden – bestuhlt oder nicht, mit Getränkeausschank oder nicht – und danach hat sich diese neue Kapazität ergeben.

Die Spielorte unterliegen streng dem Hygienekonzept, werden nach jeder Veranstaltung gesäubert und desinfiziert. Aber Festival-Gänger, so wenig es dieses Jahr auch sein werden, wollen drum herum auch feiern, trinken, ausgelassen sein. Besteht auch in diesem Punkt keine Angst, dass das Reeperbahn Festival zum Anstieg der Infektionszahlen in Hamburg betragen könnte?

Ich gehe davon aus, dass wir sehr gut abliefern werden und dass unsere Besucher sich an die Vorgaben halten. Wenn nicht, werden sie des Hauses verwiesen, da werden wir knallhart durchgreifen. Zudem werden wir uns immer darauf berufen können, dass wir das Festival im Rahmen der Möglichkeiten und der Notwendigkeiten durchgeführt haben.

reeperbahnfestival.com

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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