„Die Rache der Fledermaus“: Drei Fragen an die Regisseurin

Anna-Sophie Mahler inszeniert Johann Strauss’ „Die Rache der Fledermaus“ am Thalia Theater. Ein kurzes Gespräch über das Stück, Limitierungen und neue Einflüsse

Interview: Dagmar Ellen Fischer

 

SZENE HAMBURG: Anna-Sophie Mahler, Sie inszenieren Johann Strauss’ beliebteste Operette unter ihrem ursprünglichen Titel „Die Rache der Fledermaus“ am Thalia Theater. Welche Anteile behalten Sie vom Original bei?

Anna-Sophie Mahler: Ein großer Anteil des Originals bleibt erhalten. Wir haben das Stück durch weitere Musiken und Texte erweitert, was ebenfalls bereits Tradition bei der Operette selbst hat. Zum Beispiel hatte die Figur des Gefängniswärters Frosch schon damals den Auftrag, tagesaktuelle Themen einfließen zu lassen.

Neue Freiräume

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Anna-Sophie Mahler inszeniert die Operette „Die Rache der Fledermaus“ am Thalia Theater (©privat)

Warum inszenieren Sie eine Operette mit Live-Musik und Chor an einem Sprechtheater, und was bedeutet das für Ihre Herangehensweise?

Wenn man eine Operette wie „Die Fledermaus“, die teilweise virtuose Arien hat, mit Schauspielern besetzt, ist klar, dass wir in gewisser Weise limitiert sind und nur mit bestimmten Fragmenten der Musik arbeiten können – was ich jedoch als Qualität empfinde. Wenn wir ohnehin nicht das Original in Gänze machen können, dann entstehen neue Freiräume, die uns die Möglichkeit geben, die Musik der „Fledermaus“ mit heutigen Themen, neuen Texten, anderen Musiken zu konfrontieren.

Erinnerung an das komische Wesen Mensch

Sie fügen Thomas Köcks „Requiem-Manifesto der ausgestorbenen Arten“ ein. Welche Bezüge entwickeln Sie zwischen Strauss-Operette und Köck-Text?

In Thomas Köcks Text „und alle tiere rufen: dieser titel rettet die welt auch nicht mehr“ geht es im Wesentlichen darum, den ohrenbetäubenden Erinnerungen an Tiere, die entweder bereits durch uns ausgerottet wurden oder die aufgrund unseres Verhaltens nie die Chance bekamen, überhaupt zu existieren, einen Klang zu geben. Wir nutzen dieses Hintergrundrauschen, den Klang dieser Tiere, um an das komische Wesen Mensch, das trotz besseren Wissens seinen eigenen Untergang nicht verhindern konnte, mithilfe der Operette zu erinnern.

„Die Rache der Fledermaus“ steht noch über den Jahrewechsel hinaus auf dem Spielplan des Thalia Theaters


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Deutscher Theaterpreis: Hamburg gewinnt doppelt

Am 26. November 2022 wurde im Düsseldorfer Schauspielhaus zum 17. Mal der Deutsche Theaterpreis „der Faust“ vergeben – nach Hamburg gehen gleich zwei Auszeichnungen

Text: Felix Willeke

 

„Schon wieder Lina Beckmann“ sagen wenige und „hochverdient“ sagen die meisten. Denn wer Lina Beckmann einmal in „Richard the Kid & the King“ – einer Kooperation von den Salzburger Festspielen und dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg – gesehen hat, weiß: Sie hat den Deutschen Theaterpreis „der Faust“in der Kategorie Darsteller:in Schauspiel verdient. Beckmann, die damit erstmals mit dem Deutschen Theaterpreis ausgezeichnet wird, ist seit neun Jahren dem Ensemble des Schauspielhauses und hat mit dem Faust schon die vierte Auszeichnung für ihre Rolle in der Inszenierung von Karin Henkel, Sybille Meier und Andrea Schwieter gewonnen. Sie ist in „Richard the Kid & the King“ noch bis Ende Januar am Deutschen Schauspielhaus zu sehen.

 

Auch ausgezeichnet: das Thalia Theater

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Ebenfalls 2022 mit dem Faust ausgezeichnet: Jette Steckel (©Alexander Bunge)

Doch nicht nur das Deutsche Schauspielhaus und Lina Beckmann freuen sich über einen Faust. Eine weitere Auszeichnung geht an die Hausregisseurin des Thalia Theaters, Jette Steckel. Sie gewinnt den Deutschen Theaterpreis in der Kategorie Inszenierung Schauspiel für ihre Inszenierung und Uraufführung von „Das mangelnde Licht“ im Februar 2022. Für Steckel ist es die zweite Auszeichnung mit dem Deutschen Theaterpreis. 2015 wurde sie in der gleichen Kategorie für ihre Inszenierung von „Die Tragödie von Romeo und Julia“ geehrt – das Stück steht auch 2022/23 auf dem Spielplan des Thalia Theaters. Neben ihrer Arbeit als Hausregisseurin am Thalia Theater inszeniert die gebürtige Berlinerin außerdem in ihrer Heimatstadt, in Köln und in Wien. „Das mangelnde Licht“ steht ab Januar 2023 wieder auf den Spielplan des Thalia Theater. Neue Termine stehen bis auf den 14. Januar 2023 derzeit aber noch nicht fest.

Noch mehr Preise

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Der Boy-Gobert-Preis geht 2022 an Johannes Hegemann (©Armin Smailovic)

Während sich Lina Beckmann und Jette Steckel über die bundesweiten Auszeichnungen freuen dürfen, gibt es noch mehr zu feiern. Denn ebenfalls an diesem Wochenende verlieh die Körber Stiftung den Boy-Gobert-Preis, mit dem sie seit 1981 junge, herausragende Schauspiel:innenpersönlichkeiten an Hamburger Bühnen auszeichnet. 2022 geht der mit 10.000 Euro dotierte Preis an Johannes Hegemann. Der 25-jährige ist seit 2020 Ensemblemitglied am Thalia Theater und ist aktuell unter anderem in „GRM Brainfuck“ von Sibylle Berg zu sehen. Er „beeindruckt durch seine unaufdringliche Vielseitigkeit. Da ist zum einen diese Schlaksigkeit – seine Lässigkeit und Jungenhaftigkeit gehören vollkommen der jeweiligen Figur und kommen in ganz unterschiedlichen Schattierungen daher. Andererseits verfügt Hegemann über eine auffallende physische Vehemenz“, so die Begründung der Jury.


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Mit Pomp und Plüsch: Happy Birthday, Corny Littmann!

Was wäre Hamburg ohne Corny Littmann? Kulturell sicherlich völlig anders und deutlich langweiliger. Heute feiert er seinen 70. Geburtstag und SZENE HAMBURG gratuliert herzlich

Text: Marina Höfker

 

Als Theaterchef, Schauspieler, ehemaliger Präsident des FC St. Pauli und Aktivist hat er Hamburg und besonders die Reeperbahn mitgeprägt wie kaum ein anderer: Cornelius „Corny“ Littmann ist aus der Stadt nicht mehr wegzudenken. Der gebürtige Münsteraner kam mit 15 Jahren in die Hansestadt und machte schon früh auf sich aufmerksam. Mit der Theatergruppe „Brühwarm“ setzte sich Littmann, der sein eigenes Coming-Out mit 18 Jahren hatte, für schwule Emanzipation ein. Auch als Mitgründer des Tourneetheaters „Familie Schmidt“ macht er sich anschließend auf seinen Touren durch Deutschland weiterhin für die Rechte der Homosexuellen stark.

 

„Wir sind überzeugt, dass es in Hamburg Hunderte von Sumpfblüten gibt, die nur zum Blühen kommen müssen.“
Corny Littmann 1988 anlässlich der Eröffnung des Schmidt Theaters

 

Dabei stets an seiner Seite: Schauspieler und Travestiekünstler Ernie Reinhardt – alias Lilo Wanders –, mit dem er sich am 8. August 1988 den Traum vom eigenen Theater auf dem Hamburger Kiez erfüllte. Mit dem Schmidt Theater wollte Littmann vor allem unbekannteren Künstler:innen eine Bühne bieten. Zur Eröffnung sagte er damals der SZENE HAMBURG: „Wir sind überzeugt, dass es in Hamburg Hunderte von Sumpfblüten gibt, die nur zum Blühen kommen müssen.“

 

Über Nacht berühmt mit der „Schmidt Mitternachtsshow“

Bei einem Theater blieb es nicht: Nur drei Jahre später kam das Schmidts Tivoli hinzu, 2015 schließlich das „Schmidtchen“. Doch als Theaterchef und Regisseur der Hausproduktionen blieb Littmann keinesfalls nur hinter den Kulissen aktiv. So stand er unter anderem in „Das Geheimnis der Irma Vep“, „Fifty Fifty“ und „Die Schmidtparade“ auf der Bühne.

Bundesweite Berühmtheit erlangte er in den 1990er-Jahren als Herr Schmidt mit seiner „Schmidt Mitternachtsshow“, die im NDR Fernsehen gezeigt wurde. Hier blieb die Provokationen selten aus: So hielt er einmal ein Plakat der Deutschen Aidshilfe in die Kamera, auf dem zwei Männer beim Oralverkehr zu sehen waren.

Schmidt Theater (c) Ingo Boelter

Am 8. August 1988 eröffnete das Schmidt Theater (© Ingo Boelter)

Mit Corny Littmann zum Aufstieg

Das Theater war allerdings nie seine einzige große Leidenschaft. Von 2003 bis 2010 war er Präsident des FC St. Pauli und schaffte es nicht nur, den damals finanziell angeschlagenen Verein vor dem Konkurs zu retten. Unter seiner Präsidentschaft gelang sogar der Aufstieg von der Regionalliga in die Bundesliga.

Ob auf der Reeperbahn oder am Millerntor: Was Littmann anpackt, wird zum Erfolg. Dabei drückt er allem seinen pompösen, plüschigen und unverwechselbaren Stempel auf. Davon werden Hamburg und der Kiez hoffentlich noch lange etwas haben. Herzlichen Glückwunsch, Corny!


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Faust: Jonglage origineller Regieeinfälle

Noch bis zum 20. November ist die Inszenierung von Charles Gounods Oper an der Hamburger Kammeroper zu sehen – mitunter diabolisch gut

Text: Dagmar Ellen Fischer

 

Selten sind sie, aber es gibt sie noch: Theaterabende, von denen man im besten Sinn völlig absorbiert wird. Charles Gounods Oper „Faust“ in der Inszenierung von Alfonso Romero Mora ist so einer. Hier stimmt einfach alles – und das liegt nicht zuletzt an der vorteilhaften Verstrickung aller Beteiligten.

Mit einer witzigen Idee zum Einstieg sichert sich Mora gleich zu Beginn die volle Aufmerksamkeit des Publikums: „Werther“ wird geprobt, auch ein GoetheWerk, aber sollte nicht „Faust“ …? Mora stellt seiner Inszenierung eine Goethes „Vorspiel auf dem Theater“ vergleichbare Szene voran, in der Heinrich Faust als Regisseur etabliert wird, der gründlich genervt von seinen „Werther“-Proben in jene Stimmung gerät, die für den Anfang der Oper gebraucht wird: Seines Lebens überdrüssig – „verflucht sei das Theater“, heißt es im Rezitativ abgewandelt – , mischt er sich den Gifttrank. Doch statt des erwarteten letzten Morgenrots erscheint Mephisto, um ihn mit einem Bild von Margarethe ins Leben zurück zu locken.

Originelle Einfälle und große Wertschätzung

Die bekannte Geschichte von Verführung, Verrat und Reue nimmt ihren Lauf, doch wird sie hier so übermütig und neu erzählt, dass man neugierig auf jede weitere Szene wartet. Selbstbewusst und frech jongliert Mora mit originellen Einfällen, dennoch ist in jedem Moment seine Wertschätzung für das Werk spürbar. Barbara Hass’ Bearbeitung des Stoffs ist die beste denkbare Grundlage, und dem musikalischen Leiter Ettore Prandi gelingt eine wunderbare Verschlankung auf rund zwei Drittel der originalen Partitur, wobei sechs Musizierende im Orchestergraben reichen. Und Ausstatter Jürgen Kirner schafft es, die kleine Bühne mit fantasievollen Elementen gefühlt um ein Mehrfaches auszudehnen. Sieben Darstellende singen und spielen mit spürbarer Leidenschaft, mitunter sogar diabolisch gut.

„Faust“ von der Hamburger Kammeroper, noch bis zum 20. November im Allee Theater
Tickets gibt’s ab 30 Euro


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Zukunft der Hamburger Privattheatertage gesichert

Was im Sommer unsicher war, steht jetzt fest: Die 11. Ausgabe Hamburger Privattheatertage im Jahr 2023 ist gesichert

Text: Felix Willeke

 

Es war eines der Bühnenhighlights im Sommer in Hamburg: das 10. Jubiläum der Hamburger Privattheatertage. Doch über den Feierlichkeiten in den Hamburger Kammerspielen lag eine bleierne Unsicherheit. Denn im Juli 2022 war noch nicht klar, wie es mit dem deutschlandweit einzigartigen Theaterfestival weitergehen würde. Die Macher:innen um Festivalgründer und Intendant der Hamburger Kammerspiele und des Altoaner Theaters Axel Schneider forderten sogar die Gäste dazu auf, ein Statement für die Hamburger Privattheatertage abzugeben.

Jetzt hat das Hoffen und Bangen ein Ende, denn am 10. November 2022 beschloss der Deutsche Bundestag die Förderung der Privattheatertage für das Jahr 2023 in Höhe von 500.000 Euro.

Große Freude

Axel Schneider bezeichnet die Entscheidung als „ein wichtiges Zeichen in die Privattheaterszene. Wir empfinden es als Wertschätzung für alle Privattheater in Deutschland, dass die neue Koalition die Privattheatertage auch 2023 fördert.“ Der Hamburger Kultursenator Dr. Carsten Brosda ergänzt: „Hamburg ist eine starke Theaterstadt. Die Privattheatertage sind von hier aus zu einem bundesweit bedeutsamen Treffen der Privattheater entwickelt worden. Das wäre ohne das Engagement von Axel Schneider und seinem Team nicht möglich gewesen.“ Dank der Fördergelder kann sich die Stadt auch im kommenden Jahr wieder auf Produktionen aus ganz Deutschland freuen, die dann bei den 11. Hamburger Privattheatertagen auf den Bühnen der Stadt sehen sein werden – natürlich auch wieder mit der Verleihung der Monica Bleibtreu Preise.


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Devid Striesow: „Das Stück nimmt alle in den Arm“

Theaterregisseur Thorsten Lensing, gefeiert und mehrfach ausgezeichnet für seine freien Produktionen mit einer erlesenen Riege an Schauspielern, hat mit „Verrückt nach Trost“ erstmals ein eigenes Stück geschrieben. Devid Striesow tritt – wie seine drei Kollegen – in vielen Rollen auf

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Herr Striesow, Sie sind neben Sebastian Blomberg, André Jung und Ursina Lardi, einer der vier Darsteller in „Verrückt nach Trost“, dem ersten selbst geschriebenen Stück von Thorsten Lensing. Wie lange arbeiten Sie schon mit diesem Regisseur zusammen?

Devid Striesow: Unsere erste Zusammenarbeit liegt bereits 15 Jahre zurück. Damals hat Thorsten eine Lesung für mich eingerichtet, mit der ich heute noch auftrete.

Im Feuilleton ist immer von Thorsten Lensing und seiner „Theaterfamilie“ die Rede? Wie würden Sie diese Familie beschreiben?

Dieser familiäre Aspekt verbindet die Arbeitsweise der Regisseure Thorsten Lensing und Jürgen Gosch, mit dem ich am Anfang meiner Karriere sehr oft zusammengearbeitet habe und bei dem ich viel ausprobieren konnte. Auch Thorsten setzt auf langfristige Zusammenarbeit. Wir können uns entwickeln, das ist ein unglaubliches Geschenk! Vergleichen lässt sich das vielleicht am besten mit Tanz-Kompagnien, die ja auch sehr geschlossene Einheiten bilden und sich von ersten Augenblick an der Nähe zueinander hingeben. Das erfordert ein großes Vertrauen, das es bei uns ebenfalls gibt. Es ist sehr hilfreich, wenn man sich gegenseitig nicht mehr infrage stellt.

Was war Ihr erster Eindruck vom Text?

Den Text haben wir am ersten Probentag bekommen. Wir konnten uns also überhaupt nicht vorbereiten und haben das Stück dann alle gemeinsam zu ersten Mal gelesen. Dadurch entwickelte sich eine ganz eigene Dynamik der Vorfreude auf das, was man später auf der Bühne tun würde.

„Ich bin eine Art Wirkungsmechaniker“

Wurde der Text während der Probenzeit verändert?  Bei Autor-Regisseuren wie René Pollesch entwickelt sich ja noch vieles während des Spiels.

Nein, es geht hier überhaupt nicht um wilde Improvisation und Situationskomik. Der Humor entsteht aus der Skurrilität des Textes und der Eigenartigkeit der Konstellationen auf der Bühne.

Es klingt auch nach großem Vertrauen dem Regisseur gegenüber, wenn man sich als Schauspieler auf eine Inszenierung einlässt, deren Text man noch gar nicht kennt.

Dieses Vertrauen geht weit über den Text hinaus. Ich mache hin und wieder mit Lensing einen Spaziergang durch Berlin. Weil er ein sehr religiöser Mensch ist, setzen wir uns auch mal in eine Kirche. Dann erklärt er mir die Glaubensgeschichten, weil ich als Atheist aus dem Osten das Bedürfnis habe, da tiefer einzusteigen. Man begegnet sich also auch neben der Arbeit. Das ist uns allen, denke ich, sehr wichtig.

Klingt diese Religiosität auch im Stücktitel „Verrückt nach Trost“ an? Die Kirche ist ja von jeher eine zentrale Instanz, wenn es darum geht, Trost zu spenden.

Trost zu empfangen, ist eine Grundverabredung in einer hoch sozialisierten Gesellschaft. „Nicht mehr bei Trost sein“ heißt ganz einfach „verrückt werden“. Weil der Trost wegfällt, ist auf einmal eine Grundangst vorhanden. Das ist ein Gegenentwurf zu unserer gewohnten Welt.

Dann tauchen am Ende des Stücks, das im Sommer schon in Salzburg und kürzlich in Berlin aufgeführt wurde, aber so große Worte wie „die Erlösung für alle“ auf …

Ich bin eine Art Wirkungsmechaniker. Was ich tue, soll nicht erlösen, sondern etwas auslösen. Wenn die Leute mir nach der Aufführung in die Arme fallen und sagen, dass sie in so vielen Sätzen ihre Sinnsuche wiedergefunden haben, wenn Theater so allgemeingültig, so universell sein kann, dann haben wir sehr viel erreicht.

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Verrückt nach Sonnenlotion: André Jung als Orang-Utan (©Armin Smailovic)

Die Vorstellung fordert stimmlich und körperlich viel von uns

Sie haben in den letzten 23 Jahren in über 120 Film- und Fernsehproduktionen mitgespielt und sind schnelles Arbeiten gewohnt. Die Projekte eines Thorsten Lensing hingegen brauchen Zeit …

Die Stücke werden über mehrere Jahr vorbereitet und – wie bei der Oper – zwei Jahre im Voraus geplant, damit wir uns auch mit den kooperierenden Theatern verabreden können. Wir sind ja – auch wenn wir uns auf hohem Niveau bewegen – eine Off-Theatergruppe, die teilweise vom Hauptstadtkulturfonds lebt und jetzt sogar bei den Salzburger Festspielen gelandet ist. Mit „Unendlicher Spaß“ wurden wir 2019 auch zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Außerdem können wir mit den Produktionen die schönsten Theater und Orte Europas bereisen.

Erzählt das Stück eine Geschichte?

Man verfolgt zwei Geschwister, die älter werden. Am Anfang spielen sie als Kinder am Strand ihre Eltern nach, die nicht mehr leben. Charlotte will aus dem Spiel aussteigen, aber der Junge nicht, weil mit dem Ende des Spiels der Tod der Eltern endgültig ist. Dieser Anfang – wie das ganze Stück – ist aber sehr humorvoll. Die Leute sind hin- und hergerissen zwischen Ergriffenheit und unglaublicher Unterhaltung. Die Vorstellung ist lang und fordert stimmlich und körperlich viel von uns. Trotzdem sind wir danach nicht komplett fertig, sondern fliegen immer noch mit den Zuschauern, weil die so gut mitgehen.

Es gibt kein Misstrauensvotum und keine Angstsituation

Eine nicht unwesentliche Rolle im Stück spielen Tiere …

Die Zeit verlangsamt sich, weil sich ein Taucher, der gerade zusammengebrochen ist, allein durch sein Spiel in eine Schildkröte verwandelt. Und wenn André Jung als Orang-Utan auftritt, sind die Zuschauer von dessen Liebenswürdigkeit völlig entwaffnet. Er ist deren Spiegel und macht philosophisch ein riesiges Fenster auf. Wir beschäftigen uns hier mit der Grundform des Theaters. Wir bedienen die Leute nicht, sondern fordern die Fantasie. Das hat eine viel größere Nachhaltigkeit, wobei Tragik und Komödiantisches nahe beieinander liegen.

Das klingt nach kurzweiligen dreieinhalb Stunden …

Vor zwei Tagen saß Monika Grütters, unsere ehemalige Kulturstaatsministerin, im Publikum. Nach unserer Vorstellung in den Sophien­sälen hat sie gesagt: Genau so etwas brauche man in dieser Zeit. Etwas, das keine Vorwürfe macht, das Publikum nicht ausgrenzt oder mit seinen eigenen Problemen in einer Form konfrontiert, dass es in dieser Zerrissenheit nach Hause geht. Das Stück nimmt alle in den Arm und blättert trotzdem viele Schwierigkeiten und Schwächen auf.

Wie haben Sie sich Ihre Rolle erarbeitet?

Ich habe eine eigene Art, Dinge erst mal assoziativ und weit weg vom Text auszuprobieren. Mit der Zeit nähert man sich den Figuren, und alles wird immer enger, fester und klarer. Wenn du mit einem Regisseur arbeitest, der dich gleich zu Anfang kappt, kann dieser Prozess nicht mehr stattfinden. Die große Qualität unserer Arbeitsweise ist, dass wir niemals etwas falsch machen können. Es gibt kein Misstrauensvotum und keine Angstsituation. 

„Verrückt nach Trost“ auf Kampnagel, 17. bis 20 November, Donnerstag & Freitag um 19 Uhr, Samstag & Sonntag um 18 Uhr
Tickets 14 bis 28 Euro (ermäßigt ab 9 Euro)


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Jeeps: „Das Stück schießt lustvolle Giftpfeile in jede Richtung“

Wie wäre es, wenn nicht Familienbande, sondern ein Losverfahren entscheidet, wer von wem wie viel Geld erbt? Davon erzählt Nora Abdel-Maksouds Stück „Jeeps“ am Deutschen Schauspielhaus in der Inszenierung von Heike M. Goetze

Interview: Dagmar Ellen Fischer

 

SZENE HAMBURG: Frau Goetze, 400 Milliarden Euro werden in Deutschland jährlich vererbt. Experten raten zur Reform der Erbschaftssteuer. Wie finden Sie den Vorschlag, Erbschaften grundlegend anders zu regeln?

Heike M. Goetze: Die Grundsituation, die Nora in ihrem Stück beschreibt, ist faszinierend. Was sie macht, ist erst mal utopisch und so nicht existent, nämlich zu sagen: Niemand erbt mehr aufgrund seiner Herkunft, sondern man muss ein Los im Jobcenter beantragen, und wenn der Antrag durch ist, darf man ein Los ziehen, aber womöglich ist es eine Niete. Ich finde es großartig, dass sie gesellschaftsrelevante, aktuelle Themen bearbeitet, welche wir ganz konkret aus dem Leben kennen, und diese Situation ad absurdum führt. Dass wir uns durch dieses Stück mit der Frage auseinandersetzen dürfen: Ist erben gerecht? Das finde ich richtig.

 

„Mich interessiert die Zwei-Klassen-Gesellschaft im Stück“

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Inszenierte am Schauspielhaus zuletzt Ödön von Horváths „Geschichten aus den Wiener Wald“ und jetzt „Jeeps“: Heike M. Goetze (©Heike M. Goetze)

Die Autorin hat ihr Stück zur Uraufführung selbst inszeniert, haben Sie das angeschaut oder es bewusst vermieden?

Ich schaue mir immer alles an, was es zu sehen und zu lesen gibt, das ist für mich Entdeckung von Material, Recherche. Nora ist eine begabte Schreiberin und sicher eine der lustigsten. In ihren Arbeiten zeigt sie eine klare Handschrift, aber da ist trotzdem viel möglich für die eigenen Erkennungen und Regiegedanken.

Und wie sind die eigenen Erkennungen?

Mich interessiert die Zwei-Klassen-Gesellschaft im Stück. In „Jeeps“ die Enterbten und die Entrechteten. Die lustvollen kleinen Giftpfeile, welche sie in jede Richtung schießt, sodass es dir in deinem eigenen kleinen moralischen Kuschelraum einfach nicht mehr so wohl ist. Mich interessiert die radikale Komik, mit der sie das Thema angeht und auch, wie es dann irgendwann einfach nur noch schrecklich wahrhaftig wird. Du erkennst dich in furchtbar vielen Dingen wieder, darfst lachen und im nächsten Moment versteckst du dich.

Zurzeit haben viele Menschen Geldsorgen, außerdem kommt im Stück eine Hartz-IV-Empfängerin vor – könnten bestimmte komische Momente vom Publikum eventuell als Hohn oder Häme missverstanden werden?

Wenn die Autorin nicht so intelligent wäre, und wir das nicht auch mitdenken würden, könnte es so sein. So aber glaube ich, dass es ein Katalysator sein kann, dadurch, dass es diese riesige gesellschaftliche Spaltung aufzeigt und es immer wieder Verweise gibt, dass unser System in vielen Bereichen nicht funktioniert und für den Einzelnen keine sinnhaften Lösungen parat hat.

 

„Wir dürfen denken! Das kostet nichts und ist nicht gefährlich.“

„Jeeps“ spielt in einem Jobcenter, Sie sind für Regie, Bühnenbild und Kostüme verantwortlich, wovon hängt es ab, ob Sie auch die Ausstattung übernehmen?

Regie und Kostüme mache ich immer. Das geht auf meine Begegnung mit der Kostümbildnerin Inge Klossner zurück. Mein Zugang passiert viel über das Material, welches Figuren tragen. Mich interessiert die stoffliche Welt, welche zu uns spricht. Ob ich das Bühnenbild mache, ist abhängig von der Thematik, entweder kriege ich einen Impuls oder ich weiß intuitiv, ich lasse es.

Welche Impulse reizen Sie als Regisseurin?

Ich empfinde diesen Beruf als totales Privileg. Wir treffen uns und dürfen Fragen stellen, dürfen Möglichkeitsräume eröffnen, welche im besten Fall zum Denken anregen. Das ist doch herrlich. Zudem hat der Beruf ein sehr geringes Risiko: Wir dürfen denken! Das kostet nichts und ist nicht gefährlich.

„Jeeps“ im Malersaal des Deutsches Schauspielhauses, Premiere am 18. November um 19.30 Uhr, weitere Termine 27. November und Ende Dezember 2022
Tickets ab 25 Euro (ermäßigt 10 Euro)


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A Long Way Down: Viel Schwarzer Humor auf dem Hochhaus

Seit Mitte Oktober ist „A Long Way Down“ im Altonaer Theater zusehen. Intendant Axel Schneider hat eine gelungene Bühnenfassung von Nick Hornbys Roman geschrieben. Christian Nickel inszeniert diese gekonnt, findet unsere Kritikerin

Text: Dagmar Ellen Fischer

 

Glaubt man dem britischen Bestsellerautor Nick Hornby, ist das (fiktive) „Topper’s House“ Londons erste Adresse für Lebensmüde. Auf dessen Dach treffen sich zufällig vier Selbstmord-Willige in einer Silvesternacht, und schon bald wetteifern sie mit den überzeugendsten Motiven: Rechtfertigt Sex mit einer Fünfzehnjährigen samt anschließendem Knast-Aufenthalt eine solche Tat eher als die zwei Jahrzehnte währende Pflege eines schwerstbehinderten Kindes? Oder sind Liebeskummer, Familienprobleme und fehlende berufliche Perspektiven Gründe genug, „A Long Way Down“ vom Hochhausdach zur Erde zu nehmen? Hornbys Roman verwandelte Intendant Axel Schneider in eine gelungene Bühnenfassung, die Christian Nickel gekonnt inszeniert. Dabei bleibt der schwarze englische Humor frisch und original erhalten, sehr zur Freude des Publikums.

A Long Way Down“ ist noch bis zum 13. November 2022 im Programm des Altonaer Theaters. Tickets gibt’s ab 20 Euro.


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Hamilton: Geschichtslektion mit HipHop und Balladen

Seit Anfang Oktober läuft die Broadwaysensation Hamilton auch in Hamburg und auf Deutsch. Das Stück vermittelt eine wichtige Lektion und sendet ein gutes Signal, meint unsere Kritikerin

Text: Dagmar Ellen Fischer 

 

Und dann kam „Hamilton“! Hamburgs jüngste Musical-Attraktion mischt die etablierte Unterhaltungsbranche gründlich auf: kaum ein gesprochenes Wort, dafür permanent Musik; keine floskelhaften Melodien, stattdessen Rap, HipHop und Balladen; und anstelle einer überschaubaren Story mutet es dem Publikum eine anspruchsvolle Geschichtslektion zu. Offenbar ist die Zeit reif für eine Generalüberholung des Genres. Acht Jahre komponierte und textete der New Yorker Lin-Manuel Miranda an seinem Stück, drei Jahre arbeiteten die Übersetzer an der deutschen Fassung. Die sprachliche Übertragung ist gelungen, und gerade deswegen wäre es erfreulich, sämtliche Worte verstehen zu können, aber leider schaffen es längst nicht alle Darstellenden, den deutschen Text schnell und zugleich verständlich zu rappen oder zu singen.

Drei Stunden mitreißendes Musiktheater

Abgesehen von diesem Schwachpunkt bietet der Abend drei Stunden mitreißendes Musiktheater: charismatische Charaktere in einer temporeichen, tollen Inszenierung, in die sich großartige Gruppen-Choreografien organisch einfügen und viel zur Atmosphäre beitragen. Im Mittelpunkt steht Alexander Hamilton, der vom Waisenkind aus einfachsten Verhältnissen zum Mitgestalter der US-Verfassung sowie zum Finanzminister unter George Washington aufsteigt, dem ersten Präsidenten der USA. Hamiltons Karriere ruft auch Neider auf den Plan; sein ehemals bester Freund wird zum größten Konkurrenten, der ihn schließlich im finalen Duell erschießt. Auch sein Privatleben gibt mit einem Sexskandal zusätzlich frivolen Erzählstoff. Die historische Phase, in der sich Nordamerika im Unabhängigkeitskrieg von einer Kolonie zur eigenständigen Nation entwickelt, ist auch ohne Vorkenntnisse gut verständlich. Sämtliche Figuren haben tatsächlich gelebt, doch Authentizität hört hier bei der Hautfarbe auf – ein besseres Signal gegen Rassismus kann kaum gesetzt werden.

„Hamilton“ läuft noch bis mindestens Ende September 2023 im Stage Operettenhaus
Tickets gibt’s ab rund 60 Euro


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Hamilton-Premiere in Hamburg

Das Musical „Hamilton“ feiert am 6. Oktober Premiere in Hamburg. Fans des Klassikers aus New York können sich auf ein sehr präsentes Ensemble und liebevoll gestaltete Kostüme freuen

Text: Anna Reclam

 

Es ist der Broadway-Hit schlechthin: „Hamilton“ gibt es nun erstmals auch auf Deutsch und zwar im Stage Operettenhaus zu sehen. Zur Deutschlandpremiere haben sich zahlreiche prominente Gäste angekündigt: Darunter Hamilton-Schöpfer Lin-Manuel Miranda, der extra aus den USA anreist. Der international gefeierte Star ist unter anderem auch für seine Hits aus Disney-Filmen wie „Vaiana“ und „Encanto“ bekannt.

Das mehrfach prämierte Original vom Broadway ist an mancher Stelle mit Akzent vorgetragen, an anderer etwas holprig übersetzt. Der Handlung kann man dennoch gut folgen: Sie dreht sich um das Leben von Alexander Hamilton, der als einer der Gründungsväter der Vereinigten Staaten gilt. Grundkenntnisse der US-amerikanischen Geschichte sind bei diesem Stoff durchaus von Vorteil.

Das Bühnenbild gleich dem des Originals, es ist einfach, überschaubar und kommt ganz ohne Special-Effects aus. Doch die braucht es auch gar nicht: Das 34-köpfige Ensemble zeigt sich im Stile einer Brooklyn Dance Company durchgehend präsent und performt engagiert zu einem musikalischen Mix aus Pop, Swing und Deutsch Rap. Auch die detailverliebten Kostüme sind sehr ansprechend. Fazit: „Hamilton“ ist solide amerikanische Unterhaltung – ohne große musikalische Überraschungen.

 


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