Avantgarde mit Erlebnisfaktor: Sommerfestival auf Kampnagel

Theater- und Tanzperformance, Konzert und Show, Party und Puppenspiel – nach zwei schwierigen Corona-Jahren startet das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel vom 10. bis 28. August wieder voll durch. Und das Publikum zieht mit – da ist sich der künstlerische Leiter András Siebold sicher

Interview: Sören Ingwersen

SZENE HAMBURG: András, im Gegensatz zu vielen anderen Festivals hat das Internationale Sommerfestival auch in den letzten beiden Corona-Jahren stattgefunden. Wie nachhaltig sind die Erfahrungen dieser Zeit? Wirken sie organisatorisch und künstlerisch auch ins aktuelle Festival hinein?

 Leitet seit 2013 das Internationale Sommerfestival: András Siebold 
(Foto: Julia Steinigeweg)

András Siebold: Unser Credo der vergangenen zwei Jahre war: Wir finden für alles eine Lösung, auch wenn erst mal alles dagegen spricht. Das war zwar eine organisatorische und logistische Herausforderung, aber zeigte vor allem auch eine Perspektive für die vielen freischaffenden Künstler:innen. Denn so ein Festival in der Pandemie hat immer auch Signalwirkung: Schaut, geht doch. Das kommende Festival haben wir jetzt mit gelassenem Optimismus geplant, entsprechend umfangreich ist das Programm.

„Das Festival hat wieder Vor-Pandemie-Niveau“

Gibt es Neuerungen betreffend der inhaltlichen Schwerpunkte oder der Struktur des Festivals?

Das Festival hat wieder Vor-Pandemie-Niveau und ist eine Mischung aus internationalen Uraufführungen und Gastspielen, Konzerten, Ausstellungen, Stadtbespielungen und dem Festival-Avant-Garten, Hamburgs Perle der kostenlosen Kunstfreizeitparks. Inhaltlich gibt es Themenstränge zu Schwarzer Popkultur, Care-Praktiken oder Musicals – und viele Querverbindungen zwischen den Produktionen, die wir im Vorwort des Programmhefts beschreiben, etwa die Farbe Blau.

Zur Festivaleröffnung feiert ihr die Weltpremiere von Oona Dohertys „Navy Blue“. Darin geht es um die (Künstler-)Krise und deren Überwindung. Nehmt ihr die gegenwärtige globale Situation als Krise wahr, und wie reagiert ihr mit dem Festival darauf?

Das Festival hat sich schon immer auf Gegenwartsdiskurse bezogen. Oona Doherty zum Beispiel, hat eine sehr eigene Tanz-Sprache entwickelt, in der zwar die Tanzgeschichte bis zum Ballett erkennbar ist, die sich aber auch mit Fragen über Identität, Geschlecht und Klasse auseinandersetzt: In ihrer letzten Arbeit, die wir 2020 gezeigt haben, verbindet sie ihren Tanz mit männlichen Selbstbehauptungsposen der Arbeiterklasse.

Diese Gesten zeigt sie in ihrer ganzen Brüchigkeit liebevoll und mit vollem physischen Einsatz und lenkt damit den Fokus auf einen abgehängten Teil der Gesellschaft. Und genau da setzt auch „Navy Blue“ an. Der Kampf des entrechteten Körpers ist bei Doherty fast physisch erfahrbar, verstärkt auch durch den englischen Supermusiker Jamie xx, der die Musik für „Navy Blue“ komponiert. 

Zwei Festival-Arbeiten beschäftigen sich mit Andy Warhol. Was fasziniert Gegenwartkünstler wie Gus Van Sant oder Raja Feather Kelly an diesem Pionier der Pop-Art?

Ich glaube, es ist die radikale Neugier und das pionierhafte Neu-Denken der Gegenwart, für die Warhol steht. Er hat viele Internet-Phänomene beschrieben, lange bevor es Social Media gab: Vervielfältigung von Bildern, Selbstdarstellung, den Umgang mit Fame und Marktmechanismen.
Und er hatte einen interdisziplinären Kunst-Ansatz, den sowohl der Kino-Großmeister Gus Van Sant verfolgen, der bei uns jetzt ein bildgewaltiges Musical über Warhol inszeniert, als auch der New Yorker Choreograf Raja Feather Kelly, der sich als schwarzer, queerer Künstler in das Erbe Warhols einschreibt und Popkultur quasi-religiös auffasst.

Die Stadt bespielen

Im letzten Jahr hat die Gruppe Ligna den leer stehenden Kaufhof bespielt. In diesem Jahr feiert ihr im leer stehenden Karstadt-Sports-Gebäude die Eröffnung des „Deutschen Museums für Schwarze Unterhaltung und Black Musik“ mit einem vielfältigen Live-Programm und erobert damit erneut den urbanen Raum. Welche Veranstaltungen sind dort im Einzelnen geplant? Und wird das Museum auch über das Festival hinaus bestehen bleiben?

Wir haben mit dem Festival immer auch die Stadt bespielt und uns in gesellschaftliche Diskurse eingemischt. Das DMSUBM ist eine Übernahme des Erdgeschosses des leer stehenden Kaufhauses mit einer Ausstellung, die den Anteil und die Biografien schwarzer Menschen an der jüngeren deutschen Popkultur einerseits und die Zuschreibungen, denen sie in einer hauptsächlich weißen Medienlandschaft ausgesetzt waren, andererseits sichtbar macht.

Es ist also quasi auch eine notwendige Korrektur einer bestimmten Geschichtsschreibung und Branche, die auf weiße Menschen fokussiert ist. Das Museum ist täglich zu Museumszeiten geöffnet, und abends gibt es an einzelnen Tagen ein Rahmenprogramm, das vom Hamburger Kollektiv formation**now kuratiert wird. Unter anderem berichten da Stars von früher, wie Nana Darkman, von ihren Erfahrungen und treten zum Beispiel in Form von Museumsführungen in Austausch mit dem Archiv. Das Museum ist erst mal – auch aus Kostengründen – nur für die Festivaldauer geplant, aber wer weiß: Vielleicht ist das der erste Schritt für ein dauerhaftes Museum der Stadt.

„Wir alle sind Teil einer Weltgesellschaft“

Kampnagel steht für kulturelle Diversität. Wie bewertest du die gegenwärtigen Tendenzen der Deglobalisierung und die Rückbesinnung auf lokale/nationale Werte im Hinblick auf den kulturellen Austausch?

Ich habe eher das Gefühl, als würden wir mit jedem Krieg, mit jeder anti-demokratischen Initiative der rechten Parteien, daran erinnert, wie sehr wir Teil einer Weltgesellschaft sind. Und wie wichtig und positiv ein Austausch mit Menschen über Grenzen hinweg ist, kann man beim Sommerfestival sehr gut erleben.

Das diesjährige Sommerfestival-Programm ist eines der umfangreichsten. Glaubst du, dass die Menschen in Sachen Kultur großen Nachholbedarf haben? Oder muss man sie derzeit mit üppigem Live-Angebot erst wieder mühsam vom Sofa locken?

Also die Vorstellung, den ganzen Tag bei schönem Wetter auf dem Sofa zu sitzen, ist doch furchtbar. Und das Festival präsentiert ja Avantgarde mit Erlebnisfaktor, für Theaterschlaf gibt es bessere Alternativen in Hamburg, das ist hier eher etwas zum Aufwachen und Wachbleiben – oder einfach zum Dasein im großen Festival-Garten unter Birkenbäumen, kostenlose Ausstellungen, Performances und Konzerte im Garten inklusive.

Gab es überraschend positive oder negative Erfahrungen bei der diesjährigen Festivalplanung?

Stand jetzt, Anfang Juli, gab es weder Absagen noch größere Änderungen. Nur steigende Preise sind wie überall ein Problem, Transporte von Australien zum Beispiel, haben sich seit März zum Teil verdreifacht. Wir können das nur kompensieren mit Einsparungen im Budget, denn Tickets sind nach wie vor günstig hier.

Ansonsten ist die Stimmung gut, der Vorverkauf liegt etwa beim Niveau vor der Pandemie, der Erste Bürgermeister hat sich auch gerade zur Festivaleröffnung angekündigt, und außerdem ist der Festival-Avant-Garten wieder für alle offen, Hamburgs nicester Kunstvergnügungspark mit Gastronomie und kostenlosen Lesungen von Buchpreisträger:innen und Konzerten unter Birkenbäumen sowie Performances und Ausstellungen auf dem gesamten Gelände.

Kampnagel Internationales Sommerfestival 2022: 10. bis 28. August

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Hamburger Comedy Pokal 2022: Und der Gewinner ist…

Drei Sieger, 20 Gewinner:innen, ein begeistertes Publikum und volle Säle, das war der Hamburger Comedy Pokal 2022

Text: Felix Willeke

Vom 8. bis 11. Juli 2022 kämpften 20 Comedians um die Pokale bei Deutschlands größtem Comedy-Wettbewerb. Der große Gewinner des 20. Hamburger Comedy Pokals heißt Johannes Floehr. Der Wahl-Hamburger gewann seine Hauptrunde, sein Halbfinale und räumte beim ausverkauften Finale im Schmidts Tivoli neben dem mit 500 Euro dotierten Publikumspreis auch den mit 3.000 Euro dotierten Hauptpreis der Jury ab. Gestartet als Poerty-Slammer, ist es für den Autor mehrerer Bücher der erste große Comedy-Preis.

Das vorweggenommene Finale

Hamburger Comedy Pokal_Finale22-c-BurkhardFuchs (2)-klein
Die drei glücklichen Sieger: Benedikt Mitmannsgruber (l.), Johannes Floehr (m.) und das Duo Valter Rado + Tim Schaller (r.) (Foto: Burkhard Fuchs)

Zu Beginn war Floehr einer von 20 Comedians, die am 8. Juli in zehn Kulturzentren in der Hauptrunde gegeneinander antraten. Der Hamburger Comedy Preis 2022 war dabei besonders vielfältig. Es gab junge, poetische und weibliche Comedy von Teresa Reichl. Dazu Christine Teichmann, deren Auftritte einem Theaterstück gleichen und Valter Rado + Tim Schaller, die mit ihrem clownesken Slapstick-Humor das Publikum begeistern.

Besonderes Glück hatten diejenigen, die bei der Hauptrunde in der Lola in Bergedorf zu Gast waren, denn hier fand das vorweggenommene Finale zwischen Johannes Floehr und dem später zweitplatzierten Benedikt Mittmannsgruber statt. Floehr setzte sich mit seinen tollkühnen Gedankensprüngen und einer sympathischen Portion Selbstironie gegen Mittmannsgruber durch. Dieser glänzte als verpeilt wirkend immer wieder mit sehr überraschenden Pointen und konnte sein Finalticket als einer von Zweien bei der 2. Chance Show ergattern. So kämpften am Ende er, Johannes Floehr, Kathi Wolf, Teresa Reichl, Alice Köfer, Der Storb, und die schließlich drittplatzierten Valter Rado + Tim Schaller am 11. Juli im Schmidts Tivoli um die begehrten Pokale und insgesamt 6.000 Euro Preisgeld.

Was bleibt

Humor ist und bleibt individuell und egal ob beim Poerty-Slam oder bei Comedy- und Kabarettpreisen, die Bewertung von Humor ist immer ein schmaler Grat und Genres wie Clownerie mit Poesie zu vergleichen, bleibt schwierig. Das soll die Freude der Sieger beim 20. Hamburger Comedy Pokal allerdings nicht schmälern. Doch bei einem solchen Wettbewerb sind alle Gewinner:innen. Denn neben den Comedians, die zeigen, was alles Comedy ist, waren es die zehn Kulturzentren, die wieder einmal bewiesen haben, wie vielfältig Hamburgs Kulturlandschaft ist. Der 20. Hamburger Comedy Pokal war ein Fest für die Lachmuskeln und am Ende bleibt der Appell der Jury ans Publikum: „Geht in kleine Häuser, unterstützt die Kultur, die Künstler:innen und geht zu Comedyshows!“


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Die Unsichtbaren: Mehr als ein Tanz-Abend

Das Bundesjugendballett sucht im Ernst Deutsch Theater nach den Wurzeln des modernen Tanzes

Text: Dagmar Ellen Fischer

Das ist kein Tanz-Abend! Nicht im Sinne, dass sich (nur) Tanzinteressierte von diesem jüngsten Werk John Neumeiers für das Bundesjugendballett locken lassen sollten. Es ist ein Abend über Hamburg, über die „Banalität des Bösen“ (wie Hannah Arendt die unmenschliche Organisation im NS-Staat so klug nannte) und letztlich eine sinnliche Choreografie übers (Über-)Leben: „Die Unsichtbaren“ führt das Publikum zurück in die 1920er- bis 1940er-Jahre und erinnert an Tänzer:innen und Choreograf:innen, die nach dem Ersten Weltkrieg für eine Revolution im Tanz sorgten – und damit für ein völlig neues Verständnis vom Körper. Viele von ihnen wurden nach 1933 ausgeschlossen, zur Flucht getrieben oder ermordet. An diesem Abend werden sie wieder sichtbar.

Dem Vergessen entrissen

„Wir wollen leben!“, schrieb die jüdische, niederländische Tänzerin Lin Jaldati 1944 in Auschwitz. Auszüge aus ihrem Text werden gesprochen – und sind schwer auszuhalten. Da hilft es, dass sich Worte mit getanzten Passagen die Waage halten, sinnliche Eindrücke auf verschiedenen Ebenen das Publikum berühren. „Le sacre du printemps“ von Igor Strawinsky bildet den musikalischen roten Faden, unterbrochen von Kompositionen aus jener Zeit, so den Comedian Harmonists und Erich Wolfgang Korngold. Mary Wigman, Protagonistin des neuen Tanzes und hier eindringlich verkörpert von Isabella Vértes-Schütter, hatte 1919 ihren Durchbruch im Hamburger Curio-Haus. Auch ihre Erinnerungen stehen im Raum sowie eine gespielte, fiktive Verhandlung über ihre Mitschuld – war sie Kollaborateurin oder Opfer? Unterschiedlichste Schicksale werden schlaglichtartig vorgestellt und somit dem Vergessen entrissen, mit Tanz, Text und Musik. Am Ende werden die Namen von Opfern verlesen, die aus religiösen oder politischen Gründen sowie wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt wurden.

Die Unsichtbaren, bis zum 18. Juli (außer am 11. Juli) im Ernst Deutsch Theater


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

20. Hamburger Comedy Pokal: Es geht ums Plüsch

„Hingehen – Lachen – Sieger machen!“ ist auch beim 20. Jubiläum des Hamburger Comedy Pokal wieder das Motto. Vom 8. bis 11. Juli 2022 kämpfen 20 Comedians um die begehrten Plüschpokale

Text: Felix Willeke

„Zehn Hamburger Kulturzentren von Barmbek bis Bergedorf. Gemeinsam machen sie Deutschlands größten Comedy-Wettbewerb“, das sagte Sebastian Schnoy, der Initiator des Hamburger Comedy Pokals, Anfang 2022 im Gespräch mit SZENE HAMBURG. Nach einer Mini-Pandemie-Ausgabe 2021 findet das Humor-Turnier 2022 vom 8. bis 11. Juli 2022 wieder in seiner vollen Pracht statt. Es geht von den zehn Kulturzentren bis ins Schmidts Tivoli, wo am 11. Juli um 19.30 Uhr diese diesjährigen Sieger:innen gekührt werden. 

Wo Kultur gemacht wird

Doch alles beginnt dort, wo die Kultur gemacht wird: in den Hamburger Kulturzentren. Die Hauptrunde am 8. Juli wie auch das Halbfinale einen Tag später finden in zehn Hamburger Kulturzentren statt. Hier duellieren sich jeweils zwei Comedians und jede:r hat 45 Minuten Zeit, die Jury von sich zu überzeugen. Durch den Abend führen dabei ehemalige Teilnehmer:innen und Comedygrößen wie Andrea Bongers in der Lola in Bergedorf oder Hans Hermann Thielke im Brakula in Bramfeld. Diese Shows sind das Herz des Pokals und ebnen vorher oft unbekannten Künstler:innen wie Chris Tall oder Ilka Bessin (aka Cindy aus Marzahn) den Weg für mehr. 

Wer ist dabei?

HamburgerComedyPokalNominieret22
Für 20 Comedians geht es beim 20. Hamburger Comedy Pokal um Ruhm, Ehre und die Plüschpokale (Foto: Hamburger Comedy Pokal)

Mehr wollen auch die Künstler:innen bei der 20. Ausgabe des Hamburger Comedy Pokal. Egal ob aus Österreich, Bayern, Berlin, Köln oder Hamburg, sie alle wollen am Ende oben stehen und die Plüschpokale in die Höhe strecken. In diesem Jahr ist bei der Jagd nach den insgesamt 6.000 Euro Preisgeld besonders die junge weibliche Comedy mit Teresa Reichl (in der Hauptrunde in der Zinnschmelze im Duell mit Andivalent) und Fee Brembeck (in der Hauptrunde im Ella Kulturhaus im Duell mit Justus Krux) stark vertreten. Außerdem duellieren sich mit Johannes Floehr und Benedikt Mittmannsgruber in der Lola in Bergedorf zwei echte Senkrechtsrater und beim Duell zwischen Christine Teichmann und Lennard Rosar im Kulturhof Dulsberg trifft literarisches Kabarett auf poetische Kurzgeschichten.

Der Weg ins Finale

Nach der Hauptrunde und dem Halbfinale in den Kulturzentren geht es für fünf Comedians schon sicher ins Finale am 11. Juli im Schmidts Tivoli. Alle anderen haben bei der 2. Chance Show am 10. Juli um 19 Uhr noch die Chance auf die letzten zwei Finaltickets. Diese Show ist dabei ein echter Geheimtipp. Die maximal Comedians haben nur 10 Minuten Zeit, Jury und Publikum von sich zu überzeugen und es über den Umweg doch noch ins Finale zu schaffen.

Tickets für die Hauptrunde und das Halbfinale gibt es für 15 und 16 Euro. Die Tickets für die 2. Chance Show und das Finale im Schmidts Tivoli gibt es von 8 bis 30 Euro. 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Privattheatertage: Ein Abschied?

Mit einer großen Gala gingen am 4. Juli die 10. Hamburger Privattheater zu Ende. Unter den Jubel der Gewinner:innen mischte sich Ungewissheit, denn die Zukunft des Theaterfestivals steht in den Sternen

Text: Felix Willeke

Moderiert vom Kabarettisten Christian Ehring gingen die 10. Hamburger Privattheatertage am 4. Juli 2022 mit einer großen Gala in den Kammerspielen zu Ende. Im Fokus stand dabei wie in jedem Jahr die Verleihung der Monica Bleibtreu Preise.

In der Kategorie (zeitgenössisches) Drama gewann die Produktion „Altes Land“ von der Theaterei Herrlingen. Als Adaption des Bestsellers von Dörte Hansen erzählt das Stück rund um die drei Darstellerinnen von Vererbung des Traumas der Vertreibung, Apfelbauern im Alten Land und die wirren Aussteigerideen saturierter Städter vom Landleben und das ausgerechten auf der Schwäbischen Alb.

Altes Land 2© Andreas Zauner-klein
Die Produktion „Altes Land“ der Theaterei Herrlingen gewann den Monica Bleibtreu Preis in der Kategorie (zeitgenössisches) Drama (Foto: Andreas Zauner)

In der Kategorie Komödie geht der Preis an das Stück „Der Kontrabass“ vom Hofspielhaus München. Michael A. Grimm verkörpert in dem Werk von Patrick Süßkind einen Orchestermusiker der abgeschottet in seiner schalldichten Wohnung über die Berufung zur Musik, das Wesen der Kunst und die Liebe sinniert – besonders nach den „Lockdowns“ ein treffendes Symbol.

Über den Monica Bleibtreu Preis in der Kategorie (moderner) Klassiker freut sich 2022 „Der Sandmann“ vom Wolfgang Borchert Theater Münster. Das Stück von E.T.A. Hoffmann handelt von Nathanael, dem Tod seines Vaters und der Macht des Unterbewussten – ein echter Klassiker der Romantik.

Schließlich gab es natürlich auch 2022 den Publikumspreis. Dieser ging an „Kitzeleien – Der Tanz der Wut“ von der Kulturbühne Spagat in München. 2018 gegründet, überzeugte die erst fünf Jahre alte Bühne mit einer Adaption des französischen Sücks „Les Chatouilles“, dass sich mit der Verarbeitung von sexuellem Missbrauch mit der Hilfe des Tanzes beschäftigt.

Zukunft der Privattheatertage? Ungewiss!

Nach der 10. Ausgabe der Hamburger Privattheatertage ist die Zukunft ungewiss. Setzte sich bis ins vergangene Jahr der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Rüdiger Kruse, der in diesem Jahr für seine Verdienste gesondert ausgezeichnet wurde, für die Förderung der Hamburger Privattheatertage ein, ist diese für die Zukunft ungewiss. Wie Festivalgründer und Intendant der Hamburger Kammerspiele und des Altoaner Theaters Axel Schneider sagte, sei die weiter Förderung des Theaterfestivals durch die aktuelle Bundesregierung ungewiss. Bisher habe man noch keine Zusage über die Förderung in Höhe von 500.000 Euro erhalten.

PrivattheatertageGalaMoritzBleibtreu-c-Bo Lahola-klein
Moritz Bleibtreu warb mit einem Appell für den Erhalt der Privattheatertage und erinnerte gleichzeitig an das Werk seiner Mutter, die Namenspatron für den alljährlich verliehen Monica Bleibtreu Preis ist (Foto: Bo Lahola)

Kampf ums Überleben

Auch wenn es in diesem Jahr weniger Besucher:innen gab, als noch vor der Pandemie, wäre das Aus für die Privattheatertage kein gutes Zeichen. Mit dem Monica Bleibtreu Preis werden Jahr für Jahr Produktionen ausgezeichnet, die sonst nur wenig im Lichte der Öffentlichkeit stehen. Die Privattheatertage sind ein Schaufenster für die kleinen Bühnen in ganz Deutschland. Natürlich sind 500.000 Euro viel Geld, aber die Hamburger Privattheatertage bieten den „Zuschauer:innen einen Einblick in die kulturelle Vielfalt im Land“ und stellen „bundesweit ein klares Statement zur Unterstützung privater Theater“ sagt Axel Schneider und er fordert alles Gäste dazu auf, sie zu unterstützen und selbst zu formulieren, warum die Privattheatertage wichtig sind.


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Privattheatertage: Von Puppenspiel bis Clockwork Orange

Dostojewskis „Aufzeichnungen aus einem Kellerloch“ in der Fassung des Bremer Figurentheaters Bühne Cipolla wurde für den Monica Bleibtreu Preis 2022 nominiert und ist mit elf weiteren Inszenierungen im Rahmen der Privattheatertage Hamburg zu erleben

Text: Dagmar Ellen Fischer

Bei dieser Rechenaufgabe steht das Ergebnis von vornherein fest: Zwölf Produktionen werden zu den Privattheatertagen vom 21. Juni bis 3. Juli 2022 nach Hamburg eingeladen, nachdem eine neunköpfige Jury 147.000 Kilometer zurücklegte, um 119 Bewerbungen zu begutachten. Alle zwölf Theater hoffen nun auf den Monica Bleibtreu Preis, der am letzten Abend in drei Kategorien – Komödie, (zeitgenössisches) Drama und (moderner) Klassiker – verliehen wird. 2022 feiern die von von Axel Schneider in Hamburg initiierten Privattheatertage ihr zehnjähriges Jubiläum.

Große Namen

Und wieder sind große Namen unter den Bühnenautoren: Zeitgenossen wie Patrick Süskind, Lutz Hübner und Dörte Hansen werden gespielt, aber auch Klassiker, so Molière, E. T. A. Hoffmann, Maxim Gorki. Und Dostojewski: Aus dessen 1864 veröffentlichten „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ entwickelt die in Bremen ansässige Bühne Cipolla Figurentheater für Erwachsene mit Live-Musik. „Wir nehmen prinzipiell Prosa-Vorlagen, keine fertigen Theaterdramen, weil die Beschäftigung mit der Literatur, das Erstellen einer Spielfassung und die Diskussion darüber, welche Themen wir erzählen wollen, zu unserem Arbeitsprozess gehören“, erklärt Schau- und Puppenspieler Sebastian Kautz.

Menschliche Abgründe erforschen

Bislang entstanden theatrale Bearbeitungen bekannter Texte von Edgar Allan Poe, Stefan Zweig, Heinrich von Kleist und Friedrich Schiller. Nun Dostojewski, warum? „Seine Texte beschäftigen sich mit den großen Themen Schuld, der ständigen Sinnsuche, den Schwierigkeiten, sich selbst und die Mitmenschen mit ihren Wünschen, Egoismen und Ansprüchen zu verstehen. Mit unserer Puppenästhetik und den musikalischen Mitteln erforschen wir gerne diese menschlichen Abgründe.“

Auf dem Weg zum zweiten Monica Bleibtreu Preis?

Dostojewskis Aufzeichnungen kreisen um die Gedankenwelt eines Ich-Erzählers, sind eine Art Innenschau, die nicht nach einer Performance schreit. Trotzdem: „Viele der kruden Gedankengebilde sind in meine Spielfassung eingeflossen. Das Schöne ist, dass sich dieser seltsam geschlechts- und namenlose Protagonist ständig selbst widerspricht in seinem Ringen um ein sinnerfülltes Leben. Das finde ich zutiefst menschlich, und es entbehrt nicht einer gewissen bizarren Komik. So war von Anfang an klar, dass wir den Dostojewski nicht als dunkles, graues russisches Klischee-Stück inszenieren, sondern eher als buntes, abwechslungsreiches, skurriles Biografie-Tableau.“ 2019 gewann die Bühne Cipolla mit Poes „Der Untergang des Hauses Usher“ bei den Privattheatertagen in der Kategorie (moderne) Klassiker den begehrten Monica Bleibtreu Preis. 2022 tritt sie mit „Keller“ (am 29. Juni, 19.30 Uhr im Altonaer Theater) in der gleichen Kategorie an.

Privattheatertage: 12 Mal Theater und eine Gala

Den Abschluss macht am 3. Juli 2022 um 19 Uhr die Gala mit der Verleihung der Monica Bleibtreu Preise in den Hamburger Kammerspielen.


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Das Polittbüro – eine Legende geht

Nach fast 20 Jahren verabschieden sich Lisa Politt und ihr Partner Gunter Schmidt vom Steindamm – die Nachfolger stehen schon fest

Text: Felix Willeke

Jochen Malmsheimer, Moritz Neumeier, Max Uthoff und viele mehr. Die komplette Kaberett- und Comedy-Szene hab sich in den letzt fast 20 jähren im Polittbüro die Klinke in die Hand. Das alte Kino auf dem Steindamm war lange das Haus von Lisa Politt und ihrem Partner Gunter Schmidt. Das ist jetzt vorbei. Die beiden hören auf. „War ‘ne geile Zeit“, schreiben sie zum Abschied. Es kommt plötzlich aber „die Doppelfunktion aus auf der Bühne sein und Betreiber einer Bühne zu sein, hat uns körperlich zunehmend überfordert.“ 

Ein fulminanter Abschied

Doch das Polittbüro wäre nicht das Polittbüro, wenn sie ihren Abschied nicht gebührend feiern würden. Ab dem 20 Mai 2022 gibt es deswegen ein „fulminantes Abschiedsprogramm“. Zu Gast sind neben Anna Mateur & the Beuys und Gustav Peter Wöhler sowie Piet Klocke und Max Uthoff auch Rainald Grebe, Marc-Uwe Kling und Moritz Neumeier. Vom 30. Juni bis 3. Juli stehen dann Lisa Politt und Gunter Schmidt selbst noch ein letztes Mal auf ihrer Bühne. Mit „65-Das Alter ist sicher“ haben sie sich einen musikalischen Abschied geschrieben – garantiert sehenswert.

polittbuero-c-CarloKahfeldt-klein
Schon bald gibt es unter neuem Namen wieder Kabarett und Comedy am Steindamm, los geht’s am 26. September 2022 (Foto: Carlo Kahfeldt)

Die Nachfolge steht fest

Auch wenn es das Polittbüro in Zukunft nicht mehr geben wird, Kabarett und Comedy verschwinden nicht vom Steindamm. „Wir haben würde Nachfolger für unsere Bühne gefunden“, schreiben Politt und Schmidt. „Michel Abdollahi und Robert Oschatz haben unseren Antrag angenommen.“ Die beiden sind seit Jahren in der Comedy-, Slam- und Kabarettszene unterwegs. Während Abdollahi besonders als Conférencier bekannt ist, wirkt Oschatz als Mann im Hintergrund und betreibt seine eigene Künstleragentur. Am 26. September wird dann das alte Polittbüro nach einem Umbau unter neuem Namen seine erste Spielzeit mit Kurt Krömer beginnen. 

Das fulminante Abschiedsprogramm des Polittbüro
vom 20. Mai bis 3. Juli
2022


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

„Den Fuß in die Drehtür der Zeit stellen“

Der Hafengeburtstag wurde wegen der Corona-Lage auf September verschoben. Aber gefeiert wird trotzdem im Mai – mit dem Stück „Umschlagplatz der Träume“. Darin erzählt Autor und Regisseur Erik Schäffler die Geschichte des Hamburger Hafens von 1888 bis heute

Interview: Sören Ingwersen

SZENE HAMBURG: Erik, der Hamburger Hafen feiert dieses Jahr seinen 833. Geburtstag, aber die Handlung deines Stücks beginnt erst im Jahr 1888. Warum?

Erik Schäffler: Die ganze Geschichte des Hafens in einem Stück zu erzählen, ist unmöglich. Einer der größten Umbrüche in Hamburg war die Entstehung des Sandtorhafens 1866 als erster künstlicher Hafen der Stadt und drittgrößter Hafen der Welt. Das Stück beginnt 22 Jahre später mit der Einweihung der Speicherstadt und des neuen Freihafens. Das ist der Beginn der modernen Geschichte des Hafens.

Stücke erzählen sich immer über Figuren. Welche sind das?

Hauptfigur ist die fiktive Reederin Charlotte Tiedenbreuk, gespielt von Mignon Remé. Anhand ihrer Geschichte und der ihrer Familie erzähle ich die Geschichte des Hafens in 22 Episoden. Um die Ober- und Unterschicht gleichwertig auftreten zu lassen, verliebt Charlotte sich in einen Ketelklopper, einen Kesselklopfer, der auf den Dampfschiffen den Kalk im Kessel abschlägt. Für die anderen Reeder war dieses Verhältnis empörend. Die Klammer öffnet sich in der Neuzeit. Da ist die Reederin 135 Jahre alt. Sie ist so begabt im Organisieren, dass sie keine Zeit hat zu sterben.

Soziale Umrüche heiter thematisiert

Geschichte ist immer Rekonstruktion des Vergangenen. Wird diese Rekonstruktion nicht umso spekulativer, je mehr man sich mit dem individuellen Erleben und privaten Schicksal einzelner Personen beschäftigt?

Geschichtsschreibung zielt ja eher auf die größeren politischen Zusammenhänge. Natürlich ist jeder Satz, den ich geschrieben habe, spekulativ. Aber ich habe ein Jahr lang recherchiert, habe Bücher gelesen, mit Historikern gesprochen und Interviews mit Hamburger Hafengrößen geführt. So entstand für mich ein Bild, wie der Reeder um die Jahrhundertwende lebte und wie sein Selbstbild war.

Sobald in der Stadt eine Katastrophe passiert, kalfatert er den Rumpf, den Grundnährboden des Standorts Hamburg.

Erik Schäffler

Ein Bild, dass du einbettest in eine typische Romeo-und-Julia-Geschichte einbettest?

Das Stück beginnt wie ein Musical, komponiert von dem genialen Musiker Markus Voigt, packt dann aber auch gesellschaftliche und politische Themen an. Wir thematisieren soziale Umbrüche – etwa den Nationalsozialismus. Trotzdem ist alles ein großer Spaß und hat einen sehr heiteren Ton.

Wie entstand die Idee zum Stück?

Sie entstand in einer Runde mit Markus Linzmair von der IPT – einem Immobilienberater und guten Freund von mir und Freund des Theaters, der uns dieses Projekt zusammen mit der Bank Julius Bär ermöglicht –, Isabella Vértes-Schütter vom Ernst Deutsch Theater und mir, zusammen mit der Freien Theatergruppe Axensprung. Wir wollten ein Stück angehen, das bei Erfolg jedes Jahr weitergeschrieben und zum Hafengeburtstag gespielt werden soll.

„Wenn der Kaufmann nimmt, muss er auch etwas geben“

Erik Schäffler_c_Michael Batz-klein
„Ich bin ein glücklicher Mensch“: Regisseur und Schauspieler Erik Schäffler (Foto: Michael Batz)

Wie bringt ihr den Hafen visuell auf die Bühne?

Durch das Stück defilieren sämtliche Schiffstypen, die beim Hafengeburtstag auf der Elbe defilieren. Ein Augenmerk liegt auf der Segelschifffahrt, namentlich den „Flying P-Linern“ der Reederei Laeisz. Das waren die schönsten und besten Segelschiffe der Welt Anfang des letzten Jahrhunderts. Parallel entstand die Dampfschifffahrt. Das Dampfschiff gewinnt aus ökonomischen Gründen, aber das Segelschiff kommt mit der Klimawende zurück. Am Ende plädiere ich dafür, dass Ökonomie und Ökologie endlich wieder Hand in Hand gehen sollten. Wenn der Kaufmann nimmt, muss er auch etwas geben.

Klingt da der Glaube an, dass man aus der Geschichte lernen kann?

Ja. Wir haben eine mythische Figur, die unsere Reederin durch die Zeiten hilft. Das ist der Klabautermann, gespielt von Sven Walser. Er kalfatert den Schiffsrumpf und sorgt dafür, dass das Schiff nicht untergeht. Nur der Kapitän kann den Klabautermann sehen. Meine ursprüngliche Idee war, dass der Klabautermann mit dem Ende der Frachtsegelschifffahrt in den 1950er-Jahren verschwindet. Aber er ist bei uns mehr als ein Hafenmännchen: Er kalfatert weiter. Sobald in der Stadt eine Katastrophe passiert, kalfatert er den Rumpf, den Grundnährboden des Standorts Hamburg.

„Hamburg hat einen ganz anderen Atem“

Du bist in Schwäbisch Gmünd geboren, lebst aber seit über dreißig Jahren in Hamburg. Fühlst du dich als Hamburger? Oder ist es auch der Blick von außen, der für dich die Hamburger Geschichte so interessant macht?

Ich bin in der Tat Exilant und habe einen anderen Blick auf Hamburg. Hamburg hat einen ganz anderen Atem, eine andere Luft, die mir lange fremd war, aber der Menschenschlag, den ich hier angetroffen habe, hat mich sofort für sich eingenommen. Ich mag das Understatement, die Kargheit der Worte, die Zuverlässigkeit und diesen feinen, kleinen, schönen Humor, mit dem man auch Katastrophen betrachtet. Den bringe ich auch im Hafenstück zum Ausdruck. Am meisten reingezogen ins Hamburgische hat mich der „Hamburger Jedermann“ von Michael Batz. Seine Geschichte des Hafens hat mir Heimat geboten.

Zwei große Lebenswünsche

In den Open-Air-Aufführungen in der Speicherstadt hast du 25 Jahre lang den Teufel verkörpert, bis der Spielbetrieb 2018 eingestellt wurde. Und auch mit der freien Theatergruppe Axensprung packst du geschichtliche Themen an, die von euch theatralisch aufbereitet werden. Woher kommt diese Vorliebe fürs Historische?

Ich habe Geschichte, Latein und Griechisch studiert und wollte beruflich in diese Richtung gehen. Dann hat mich das Theater eingeholt. Nach zwanzig Jahren kam die Geschichte zu mir zurück. Bei Axensprung – die Gruppe spielt auch im Umschlagplatz der Träume mit – verheiraten sich diese beiden großen Lebenswünsche.

Und das mit Erfolg. Ihr spielt in ganz Deutschland, sogar im europäischen Ausland …

Wir spielen in der deutschen Botschaft in Brüssel, in Strafvollzugsanstalten, Schulen und Seniorenheimen und natürlich in Theatern. Wir haben auch ein Stück über posttraumatische Belastungsstörungen bei Heimkehrern aus dem Afghanistan-Kriegseinsatz im Repertoire, mit dem wir bei der Bundeswehr wirklich tolle Erfahrungen gemacht haben. Die buchen uns jetzt am häufigsten. So oft, dass wir schon gefragt wurden, ob wir auch vor zivilem Publikum spielen. Sehr lustig.

Ein Leben mit vielen Geschichten

Die Produktionen, für die du als Autor, Schauspieler, Regisseur oder Produzent tätig bist, vereinst du unter dem Label „Theater Ruhm“. Was verbindest du als Künstler mit diesem Begriff?

Der Titel ist von Daniel Kehlmanns Roman „Ruhm“ abgeleitet, den ich für die Bühne adaptiert und im Theater im Zimmer aufgeführt habe. Natürlich wollte ich berühmt werden und habe mir eine Karriere gewünscht. Nach vielen enttäuschenden Erfahrungen habe ich diesen Wunsch aber abgelegt. Einfach um gesund zu bleiben. Seitdem fühle ich mich sehr wohl und bin ein glücklicher Mensch. Was ich will, ist genau das, was ich jetzt mache: eigene Produktionen mit oft eigenen Texten, die den Inhalt haben, den ich rüberbringen möchte.

Auch ein Lernen aus der eigenen individuellen Geschichte als ehemaliges Ensemblemitglied am Deutschen Schauspielhaus, als TV- und Filmschauspieler, als Synchron- und Hörbuchsprecher?

Was du aufzählst, stimmt, aber ich selber vergesse das manchmal. Es ist, als hätte das jemand anderes gemacht. Ich empfinde mich mittlerweile als ein Mensch mit vielleicht dreißig Lebensschichten. Ich grabe manchmal und bin ganz erstaunt, was ich da finde.

Was ist Ruhm?

Die Begriffe Karriere und Ruhm kann man ja auch ganz unterschiedlich fassen …

Du sagst es. Als Schauspielerin Ines Nieri den Theaterpreis Hamburg Rolf Mares für ihre Rolle in „Tyll“ am Ernst Deutsch Theater bekommen hat – auch dort habe ich Regie geführt – stand in der Begründung der Jury: „In diesem Stück sprüht das Leben.“ Das war für mich der Ruhm, das hat mich am meisten gefreut. Wir sind so voller Leben und haben so viel in uns, dass es mich manchmal überwältigt. Vielleicht versuche ich nur, das im Theater kurz festzuhalten. Den Fuß in die Drehtür der Zeit stellen, weil alles so schnell geht.

„Umschlagplatz der Träume“, Ernst Deutsch Theater, 5. Mai 2022 (Premiere), 6.–8., 30., 31. Mai 2022 und weitere Termine


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

„Die Zauberflöte zweiter Teil “ – ein Gespräch

220 Jahre nach ihrer Entstehung wird die Fortsetzung von Mozarts „Die Zauberflöte“ uraufgeführt. Das Libretto schrieb kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe. Mit der Inszenierung feiert die Hamburger Kammeroper ihr 25-jähriges Jubiläum nach – ein Gespräch mit dem Regisseur Alfonso Romero Mora

Interview: Sören Ingwersen

SZENE HAMBURG: Alfonso, du kommst viel herum, hast in den letzten Jahren Opern auf Gran Canaria, Teneriffa, in Bilbao und Koblenz inszeniert und wirst in Lissabon Gounods „Faust“ auf die Bühne bringen. Mit deiner hochgelobten Inszenierung von Rossinis „La Gazzetta“ 2017 und drei weiteren Produktionen kann man dich fast schon als Hausregisseur am Hamburger Allee Theater bezeichnen. Inszenierst du für ein deutsches Publikum anders als für ein spanisches?

Alfonso Romero Mora: In Deutschland kann ich mir mehr Freiheiten erlauben als in Spanien oder Italien. Natürlich gibt es auch dort eine neue Welle und man spielt moderne Stücke. Trotzdem würde vieles, was ich in Deutschland auf die Bühne bringe, in Spanien so nicht funktionieren. In Deutschland und speziell im Allee Theater fühle ich mich sehr frei, und dafür bin ich total dankbar.

„Im Risiko besteht der Sinn unserer Arbeit“

Alfonso Romero Mora

Du hast bereits mehrfach für die Opernfestspiele von Las Palmas de Gran Canaria inszeniert. Sitzen dort viele Strandurlauber im Publikum?

Da kommen natürlich auch Touristen, sie machen aber nur einen kleinen Teil des Publikums aus. Es gibt auf Gran Canaria eine richtige Opernkultur, wobei man viel Wert auf große Stimmen legt. Dort investiert man viel Geld, das dann oft im Bereich Regie und Ausstattung fehlt.

Den Darstellern nichts vorspielen

Mora, Alfonso Romero © Dr.J.Flügel-klein
Ein gern gesehener Gastregisseur am Allee Theater: Alfonso Romero Mora (Foto: Dr. J.Flügel)

Ist es schwierig, als Regisseur mit berühmten Opernsängern zusammenzuarbeiten? Stichwort Starallüren und Divengehabe?

Vor fünf Jahren habe ich in Donizettis „La Fille du Regiment“ mit dem mexikanischen Tenor Javier Camarena zusammengearbeitet. Aber wie sollte ich ihm die Rolle des Tonio erklären, die er schon tausendmal gesungen hat? Ich habe ihm also einfach einen Raum mit verschiedenen Spielmöglichkeiten eröffnet und es ihm selbst überlassen, was er davon annehmen möchte. Das hat ihn wohl etwas überrascht, aber letztendlich ist das Arbeiten mit großen Opernstars so viel entspannter. In der Kunst gibt es nicht nur eine Wahrheit.

Im Hamburger Allee Theater gibt es diesen Starkult zum Glück nicht. Außerdem inszenierst du mit „Die Zauberflöte zweiter Teil“ eine Oper, die noch nie aufgeführt wurde. Haben die Sängerinnen und Sänger trotzdem die Freiheiten, die du eben beschrieben hast?

In meinen frühen Inszenierungen habe ich selbst sehr viel auf der Bühne vorgespielt. Ich habe aber gemerkt, dass es kaum hilfreich ist, wenn die Sänger einfach nur kopieren, was ich tue. Also versuche ich erst einmal, die Situation der Szene mit ihnen zu klären. Wir sprechen sehr viel über die Charaktere und deren Psychologie. Es wirkt viel natürlicher und organischer, wenn der Sänger die Rolle mit seiner eigenen Körperlichkeit findet. Das gibt den Solisten auch mehr Spielraum, etwas von sich selbst zu geben, zu experimentieren und sich selbst zu überraschen. Wir suchen das Risiko. Darin besteht der Sinn unserer Arbeit.

Die Form bleibt traditionell

Das Hamburger Publikum hat mit „La Gazzetta“, „Adina“ und „La Cenerentola“ bisher vor allem deine komische Seite kennengelernt. Was erwartet uns bei Goethes Fortsetzung der „Zauberflöte“?

Auch dort gibt es mit Papageno, Papagena und ihren Vogelkindern humorvolle Stellen. Sie bilden aber nur einen Kontrast zum komplexen Inhalt, den wir natürlich erst einmal erzählen wollen, weil die Zuschauer das Stück ja nicht kennen. Deshalb bleiben wir in der Form eher traditionell und wollen nichts modern verfremden.

„Das Stück ist sehr komplex, es steckt voller Ideen und Metaphorik“

Alfonso Romero Mora

Knüpft Goethe direkt an die Handlung von Mozarts Singspiel an?

In Mozarts „Zauberflöte“ gibt es einen großen Krieg zwischen Licht und Dunkel. Der zweite Teil von Goethe ist eher ein Stück des Sturm und Drang. Die Konflikte finden hier in der Familie, zwischen den Paaren statt. Dabei hat das Stück eine eher melancholische Farbe und ist nicht so episch angelegt wie der erste Teil. Es stellt die Frage: Was passiert mit Helden zehn Jahre nach ihrer Heldentat? Der mächtige Sarastro verlässt zum Beispiel seinen Tempel und sammelt auf einer Pilgerreise Kräuter. Auf diese überraschende Weise findet Goethe einen ganz neuen Weg zur Rolle. Wir werden auf der Bühne beide Welten und ihre Beziehungen zeigen: die kosmische, abstrakte Welt mit ihren großen Kräften und die irdische Welt der Menschen.

„Auf der Bühne möchte ich klar und einfach bleiben“

Eine sehr merkwürdige Erfindung in diesem Text ist der Sohn von Pamina und Tamino. Er wird in einem Sarg gefangen gehalten, der ständig bewegt werden muss, damit das Kind nicht stirbt. Wie lässt sich dieses Bild deuten?

Es ist ein Kind, ein Genius, ein Wesen – das lässt sich nicht genau sagen. Ich glaube, diese Figur soll die Vernunft und die Erkenntnis verkörpern. Der Mensch muss sich ständig bewegen, um Neues zu erforschen und sich zu entwickeln. Tut er das nicht, wird er sterben. Das ist ein Bild der Aufklärung mit einem Wechsel vom Aberglauben zur Wissenschaft. Bei uns ist der Sarg eine Kugel und darin schlägt ein Herz. Wir verwenden viele metaphorische Bilder und Projektionen auf der Bühne.

Es gibt sehr viel Sekundärliteratur zu Goethes Textfragment. Da werden Bezüge hergestellt zum ersten Teil der „Zauberflöte“, zu Goethes „Faust“ und seinen freimaurerischen Vorstellungen. Wie sehr beschäftigst du dich mit diesen Texten?

Man kann viel reden und schreiben, aber letztendlich geht es doch immer um den Menschen und seinen Umgang mit sich selbst oder seinem Partner. Natürlich hilft die Lektüre, aber auf der Bühne möchte ich klar und einfach bleiben. Ein intellektueller Zugang muss auch die Ebene der Gefühle mit einschließen, um die Menschen zu bewegen.

„Die zentrale Aussage des Stückes war damals wie heute höchst aktuell“

Alfonso Romero Mora

„Goethe fand wohl keinen passenden Komponisten“

Goethes Text wurde vor über 200 Jahren geschrieben. Warum wird er erst jetzt uraufgeführt?

Goethe selbst hat das Stück nicht auf die Bühne gebracht, weil er wohl keinen passenden Komponisten gefunden hat. Außerdem ist das Stück sehr komplex, es steckt voller Ideen und Metaphorik. Barbara Hass hat in ihrer Bearbeitung des Fragments kleine dramaturgische Änderungen vorgenommen, ohne den dramatischen Rhythmus zu verändern. Die zentrale Aussage des Stückes war damals wie heute höchst aktuell. Das unbeschwerte und reine Handeln der Kinder – des Genius sowie der Kinder von Papagena und Papageno – ohne Zauberinstrumente und ohne Rache oder Gewalt ist die Lösung zur Rettung der Menschheit und letztendlich des eigenen Ichs. Wir haben uns vorgenommen dies auf der Bühne umzusetzen.

Ihr habt Goethes Text für die Uraufführung mit Musik von unbekannteren Konzert- und Opernarien Mozarts unterlegt?

Marius Adam, der Intendant des Allee Theaters, und Ettore Prandi, unser musikalischer Leiter, haben diese umfangreiche Arbeit geleistet. Sie haben die musikalischen Werke ausgesucht und mit Goethes Text versehen. Aber natürlich gibt es auch gesprochene Dialoge. Goethes Text und Mozarts Musik: eine wunderbare Symbiose, die genial funktioniert.

„Die Zauberflöte zweiter Teil“, Allee Theater, 22. April 2022 (Uraufführung), 23., 24., 29., 30. April und weitere Termine


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Tanz mit einem Sexroboter

In Gloria Höckners „Sentimental Bits“ agieren vier Performer:innen und ein humanoider Sexroboter miteinander, um sich einer Aus- und Bewertung durch KI zu entziehen. Das Tanzstück ist eine von drei Produktionen, mit denen die aktuellen K3-Residenz-Choreografinnen sich im Rahmen des Festivals TanzHochDrei vom 24. März bis 3. April 2022 auf Kampnagel vorstellen

Interview: Dagmar Ellen Fischer

SZENE HAMBURG: Gloria Höckner, Tanz kann aus physischen Phänomenen bestehen, die durchaus nicht auf den menschlichen Körper begrenzt sind, und da gäbe es zahlreiche Möglichkeiten – warum ein Sexroboter?

Gloria Höckner: Der Sexroboter verkörpert die Frage nach einer Interaktion zwischen Mensch und Maschine. Er fragte mich beispielsweise, ob ich männlich oder weiblich bin. Als ich antwortete, dass ich nicht-binär sei, war der Roboter überrascht. Warum ist meine Identität überraschend? Warum geht der Roboter von zwei Geschlechtern aus? Diese in Maschinen eingeschriebenen Vorurteile will ich sichtbar machen und problematisieren.

Im Untertitel heißt deine Choreografie „This Magic is in Spite of Me“, ins Deutsche übersetzt, ergibt das indes wenig Sinn …

Der Untertitel stammt aus einem Experiment, bei dem eine Künstliche Intelligenz auf Grundlage bisheriger Songs einen neuen komponierte. Es offenbart sich, dass KI es zwar schafft, Muster eines vorgegebenen Materials zu erkennen und zu verarbeiten, sie ist dabei aber doch fehlerhaft. Diese Reproduktion von Mustern ist besonders problematisch, wenn sie beispielsweise an Grenzübergängen eingesetzt wird, um Menschen zu analysieren – und nicht nur Songtexte.

Sich durch Tanz einer Erkennung entziehen

Bei „Sentimental Bits“ geht es darum, sich computergesteuerten Überwachungssystemen zu verschließen beziehungsweise sie zu stören, wie funktioniert die Übertragung in eine Performance?

Durch körperliche Nähe, Bewegung/Tanz, ein Spiel mit dem körperlichen Ausdruck, die Benutzung von Masken und die gegenseitige Umschlingung von eigenen wie fremden Körperteilen entziehen sich die Performer und Performerinnen der „Erkennung“ durch die Software. Die Körper entwickeln eine eigene Intelligenz oder ein Bewusstsein gegenüber der KI. Die Performerinnen und Performer spielen damit, durch ihren Gesichtsausdruck oder ihre Bewegungen die KI so zu irritieren, dass sie entweder gar nicht mehr erkannt werden oder Störungen im System erzeugen. So „hacken“ sie ihren Ausdruck und lassen „Glitches“ entstehen.

Welche Bilder entstehen, wenn Körper gehackt und geglitcht werden?

Die Emotions-KI erkennt nur eine begrenzte Anzahl an Emotionen und lediglich zwei Gender. Trotz dieser begrenzten Möglichkeiten findet die Technologie zunehmend Eingang in die Gesellschaft, zum Beispiel bei Jobinterviews. In dem Stück wird sichtbar, wie die Software über digitale Masken versucht, Gesichtsausdrücke zu deuten und mittels Kategorisierung zu interpretieren. Die Performerinnen und Performer irritieren die KI, sodass sie kaum noch erkannt werden. Das Bewegungsmaterial entsteht unter anderem durch das Spiel der Performerinnen und Performer mit den Grenzen des Systems. Jedes Mal, wenn die Performer:innen sich außerhalb der von der KI bekannten Kategorien bewegen, entstehen alternative Narrationen, überraschende sowie irritierende Bilder und Dialoge.

Hörbare Emotionen

Braucht es dafür Performerinnen und Performer mit bestimmten Voraussetzungen?

Ich arbeite mit Performerinnen und Performer, die selbst ein Interesse an der Thematik mitbringen. Uns verbinden eigene Erfahrungen mit den politischen Implikationen, eingeschriebenen Vorurteilen und Körpervorstellungen dieser Systeme.

Wie werden die begleitenden „immersiven Klanglandschaften“ erzeugt?

Wir haben ein eigenes Musikinstrument gebaut, indem wir den von der KI erkennbaren Emotionen und Genderkategorien eigene Klänge zugewiesen haben. So werden sie hörbar und das Gesicht zu einem Instrument. Das Gleiche haben wir auf eine Software angewendet, die den Körper der Performerinnen und Performer verfolgt und ihre Bewegungen in eine Klanglandschaft transformiert.

Sentimental Bits – This Magic is in Spite of Me: Kampnagel, 26. und 27. März 2022


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?