E-Sports: Der neue Komet am Sporthimmel

E-Sports: In Hamburg startet im Juli die erste eFootball-Liga, organisiert vom Hamburger Fußball Verband. Ein Club aus Blankenese ist einer der Pioniere

Text: Mirko Schneider
Fotos: Volker Tausend

Das folgende Zitat ordnet man unbesehen eher einem Teenager zu: „Geil, kenne ich aus den USA. Das ma­chen wir!“ Gesagt hat es der 75-­jährige Erich Talke auf ei­ner Sitzung des Fußball­ Abteilungsvorstandes des Amateur­fußballvereins Komet Blanke­nese zum Thema eFootball. Ge­meint hatte der stellvertretende Abteilungsleiter die Umrüstung eines Clubraums des Vereins mit dem Sternenschweif im Banner zu einer Players Lounge.

20.000 Euro investierte Komet also, um einen vier mal fünf Meter großen Raum mit Playstations, vier Monitoren, acht Plätzen für die Spieler sowie Beamer und Lein­wand auszustatten, damit die Wettkämpfe live im Klubheim übertragen werden können. Ge­zockt wird FIFA 19. Ein Spiel, so genial animiert und gestaltet, dass es fast realer wirkt als echte Spiele auf dem Fußballfeld. „Ich kenne die FIFA ­Serie durch meine Söhne, sie sind begeisterte Spieler. Felix ist 24, Philip 21“, sagt Komets Fußball­ Abtei­lungsleiter Volker Tausend (70). Auch er war sofort Feuer und Flamme für die Idee.

Aber warum? Dogmatisch betrachtet gehen alte, weiße Männer ja nie mit der Zeit und überhaupt: Sollten Amateur­fußballvereine nicht andere Pionierleistungen vollbringen als den virtuellen Fußball zu fördern?

 

„Hier kann auch der HSV Paris St. Germain schlagen“

 

Bastian Buß sieht es wie Talke und Tausend anders. Anfang des Jahres stellte ihn Ko­met als eSoccer­ Coach an. Seit vielen Jahren spielt Buß leiden­schaftlich die FIFA ­Serie, nahm an diversen Turnieren teil. Wenn er von seinen Schlachten erzählt wie der 3:4­ Niederlage nach Golden Goal beim Kicker­ E­ Sport ­Cup gegen den Top ­Spie­ler Niklas Raseck, ist er in sei­nem Element.

Außerdem sind beim eFootball Dinge möglich, von denen mancher Fußballfan nur wird träumen können. „Alle Spieler der Mannschaften ha­ben bei Turnieren die gleichen Stärkeeinstellungen, damit nie­mand einen Vorteil hat“, sagt Buß und lacht. „Das bedeutet: Hier kann auch der HSV Paris St. Germain schlagen.“ Wie ein Couch­-Potato, der sonst nichts im Leben kennt, wirkt der Stu­dent der Lebensmitteltechnologie allerdings nicht.

„Das Kli­schee vom ständig Cola trinkenden und übergewichtigen Zocker ist eben ein Klischee“, sagt Buß. „Wir versuchen, die Jugendlichen von daheim in den Club zu bekommen. Es geht darum, sich in Teams miteinander im Wettbewerb zu behaupten. Da findet viel sozialer Austausch statt.“ Zum Beispiel, wie im großen Fußball, per Videoanalyse oder bei der Taktikbesprechung. „Außerdem“, so Buß, „heißt es ja nicht real oder virtuell. Viele eFootball­-Spieler sind auch auf dem Feld aktiv.“

 

E-Sport-Komet-Blankenese-c-Volker-Tausend

Ein Spieltag in der eFootball-Liga / Foto: Volker Tausend

 

Acht Spieler organisieren sich bei Komet aktuell in drei Teams. Wer jedoch mag, kann im Clubraum spielen. Voraussetzung: Er muss 16 Jahre alt sein. Das Mindestalter ist eine Vorbeugungsmaßnahme gegen die vom Club ernst genommene und von Experten (unter anderem bei einer Anhö­rung in der Hamburger Bürgerschaft am 7. November 2017) immer wieder angemahnte Suchtgefahr.

Weiterhin schwelt nach wie vor die Debatte, ob eSport – und damit auch eFootball – wirklich als Sport gelten kann. Buß hat auch dazu eine klare Meinung: „Schach ist ja auch ein Sport. Hand­Auge­Koordination, Spielverständnis, analytische Fähigkeiten – es benötigt eine Menge, um gut zu spielen. Nicht nur mental, viele Spieler fangen nach wenigen Minuten an zu schwitzen. Körperliche Fitness ist wichtig und hilfreich.“

 

Auf zur Meisterschaft

 

Das Potenzial des eFootball längst erkannt hat der Hambur­ger Fußball ­Verband (HFV). Er belohnte das innovative Projekt von Komet Blankenese mit dem Ehrenamtspreis, den der HFV mit der Brauerei Holsten ver­gibt. Und nicht nur das. Im Juli startet die erste offizielle Ham­burger eFootball­-Liga. Proberunden fanden bereits statt, als Favoriten auf den Hamburger Titel gelten Komet Blankenese und der Eimsbütteler TV. Bei den Proberunden nahmen bis zu 30 Mannschaften teil. Tendenz steigend.

Seit 2017 organisierte der Hamburger Fußball­ Verband drei Hamburger Meisterschaften. In der Hamburger Liga soll im Abstand von ein bis zwei Wochen an den Wochenenden gespielt werden. Möglichst bei Vereinen wie Komet, die ent­sprechende Rahmenbedingungen bieten können.

Zuständig für das Thema im HFV ist Maximilian von Wolff (23), Beisitzer im Verbands­ Jugendausschuss. In den Jahren 2008 bis 2013 gehörte er zu den Top ­10 ­Spielern der Weltrangliste, heute ist der Student Hobbyspieler. Zusammen mit HFV­ Schatzmeister Christian Okun (39), auf dem Feld als Schiedsrichter für den Bahrenfelder SV aktiv, schob Wolff die Idee an. „Der Hamburger Fuß­ball­ Verband versteht sich hier als Dienstleister für seine Vereine. Mit der Infrastruktur des HFV können wir die Rahmenbedingungen gut schaffen und so die Organisation zentral vornehmen, genauso wie auf dem Feld oder in der Halle“, sagt Wolff.

 

Beeindruckende Fairness

 

Allerdings gehe es dabei nicht um finanzielle Absichten. Turniere, auf denen es Millionen zu verdienen gibt und neue Stars geboren werden, sind nicht das Ziel. „Wir haben gemerkt, dass das Thema eFootball sich immer mehr zunehmender Beliebtheit erfreut und der Hamburger Fußball ­Verband sich dafür einsetzen muss, einen Ligaspielbetrieb für unsere Vereine zu organisieren. Wir wollen dieses Angebot für die Vereine schaffen, um in der sonst von Kommerz geprägten eSports ­Szene die Bedeutung der Vereine und ihrer Mitglieder zu stärken. Gleichzeitig erhoffen wir uns davon auch eine Belebung der Clubhäuser“, erklärt Wolff.

Eine weitere Facette des eFootball fasziniert ihn zudem: „Mein persönliches Highlight ist immer wieder die Fairness bei den Aufeinander­ treffen. Ich erinnere mich gerne an ein K.o.­-Spiel bei einer Hamburger Meisterschaft, in dem durch einen Spielfehler ein Tor fiel und die Mannschaft, die das Tor gutgeschrieben bekam, postwendend ein Eigentor erzielte, um das vorherige Ergebnis wieder herzustellen. Das finde ich bis heute sehr beeindruckend.“ In diesem Sinne: Mögen die Spiele beginnen!

Komet-Blankenese.org


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
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Nilson Pereira: Dieser Kämpfer schlägt mit Herz zu

Der gebürtige Brasilianer Nilson Pereira hat in Altona ein neues Zuhause gefunden – und einen Ring, den der herzliche Kämpfer zu seinem Lebensmittelpunkt macht

Rrrrring! Das schrille Glockenläuten schießt den Kämpfern in die müden Knochen. Schneller als jeder Feuerwehrmann beim Großbrandeinsatz schießen sie aus ihren Ecken, schütteln sich kurz, bevor es in die letzte Runde geht. Und die hat es in sich. Einer der beiden Jungs, die noch keine zwanzig sind, schlägt den anderen so hart, so genau zwischen die Augen, dass der sofort zu Boden geht. Und liegen bleibt. Fünf, zehn, fünfzehn Sekunden, die sich für Außenstehende anfühlen wie Stunden.

Der Sieger bejubelt den K. o. nur kurz. Nur, bis er wohl selbst zu bangen beginnt. Trainer und Mediziner knien auf dem Ringboden beim Bewusstlosen, leisten Erste Hilfe, streicheln ihm über den Kopf und sagen Sachen wie „alles gut“ und „komm schon, Digger, komm hoch“. Und dann kommt er, rappelt sich auf, sitzt kniend da und scheint die Welt nicht mehr oder gerade wieder zu verstehen. Aufatmen auf den bis auf den letzten Platz gefüllten Rängen. Und die Kämpfer umarmen sich wie beste Freunde.

 

Kämpfen im Spotlight: Ringaufbau für „A Fight Story“ im Delphi Showpalast

 

Das kleine Drama zwischen den Seilen ist Teil von „A Fight Story“, einer vom Altonaer Tough Gym organisierten Veranstaltung im Delphi Showpalast. 24 Kämpfe stehen auf dem Programm, auch verschiedene Kampfarten, von Muay Thai über K1 und Boxen bis MMA ist alles dabei. MMA, das ist kurz für Mixed Martial Arts. Es ist die spektakulärste Weise, wie zwei Menschen sich im Ring begegnen können. Boxen, Kickboxen, Ringen, Karate, Judo – alles ist erlaubt. Das Tough Gym schickt an diesem Abend sein Flaggschiff ins MMA-Rennen: Nilson Pereira bestreitet den Hauptkampf des Abends.

Der 38-jährige Brasilianer lebt seit zweieinhalb Jahren in Altona, trainiert und coacht in den Tough-Gym-Räumen in der Max-Brauer-Allee, direkt über einem Waschsalon und unter Mietwohnungen mit bunt bepflanzten Balkonen. Morgens kümmert er sich um sich selbst, abends um andere Kämpfer. Ein Glücksfall sei er für den Club, sagt Human Nikmaslak, der gemeinsam mit seinem Bruder Homayoun das Gym leitet. Speziell, weil Nilson in seiner Heimat den schwarzen Gürtel im BJJ, dem Brazilian Jiu-Jitsu (Fokus auf Bodenkampf, Anm. d. Red.) erhalten hat. Human: „Deutschlandweit gibt es niemanden, der so qualifiziert ist wie Nilson, diese Kampfkunst zu unterrichten.“

 

Mehr Action bitte!

 

Aufgewachsen ist Nilson in Florianópolis, Hauptstadt des Bundesstaates Santa Catarina im Süden Brasiliens, gelegen direkt an der Atlantikküste. Als Kind begann er mit dem Judo, blieb acht Jahre dabei, bis es BJJ sein sollte: „Etwas mehr Action.“ Es folgten Ausflüge ins Boxen und Thaiboxen und schließlich MMA, die Königsdisziplin. Nilson war 28, als er sich dafür entschied, Profi-Kämpfer zu werden. Die richtige Wahl, sagt er heute: „Dieser Sport ist mein Leben! Durch ihn bekomme ich die Chance, zu reisen, andere Länder und Kulturen kennenzulernen, und dann kriege ich auch noch Geld für das, was ich am liebsten mache: Kämpfen.“

Tatsächlich fanden Nilsons bisher 28 MMA-Fights, von denen er 17 gewann und elf verlor, nicht nur in Deutschland, sondern u. a. in Holland, Tschechien und natürlich Brasilien statt. Aktuell pendelt er regelmäßig zwischen Florianópolis und Hamburg. In der Heimat hat er drei Brüder und fünf Schwestern. Was sie von seinem Job halten? Nilson: „Meine Familie findet okay, was ich da mache. Niemand sagt mir, dass er es zu gefährlich findet. Vielleicht guckt aber auch einfach keiner meine Kämpfe.“ Er grinst. Im Ring ist ihm noch nie etwas Ernstes zugestoßen – seinen Gegnern schon. „Einer hat sich schwer verletzt, ist im Ring schlecht aufgekommen und hat sich den Arm gebrochen.“ Passiert, meint Nilson: „Ich will niemanden verletzen – aber so ist eben der Sport.“

 

„Ich merke das im Bauch, ich muss ständig aufs Klo“

 

Nilson wirkt tiefenentspannt, wenn er das sagt, und sein Grinsen wird nicht weniger. Noch zwei Stunden bis zu seinem Kampf, und „Feijao“, wie sein Kampfname lautet, also „Bohne“, scheint in etwa so viel Nervosität zu verspüren wie jeder Nicht-Boxer beim morgendlichen Gang ins Büro: null. „Manchmal, so kurz vorher, haue ich mich sogar noch ein halbes Stündchen hin, versuche, richtig zur Ruhe zu kommen.“ Wirklich gar keine Anspannung? Doch: „Wenn der Kampf immer näher rückt, merke ich das schon im Bauch, ich muss dann ständig aufs Klo.“ Wie es seinen Gegnern geht, wenn das erste Rrrrring! immer näher rückt, kann Nilson nur erahnen.

Tough-Gym-Guertel-c-Philipp-Schmidt

Gürtel für die Glücklichen: Auch Titelkämpfe hielt „A Fight Story“ bereit

„Wir treffen uns beim Wiegen, begrüßen uns, meist ist alles gut. Manchmal sind die anderen aber auch aggressiv, wollen mir irgendwie Angst machen. Einige Kämpfer reden echt zu viel.“ Ob er sich davon beeindrucken lasse, beantwortet Nilson mit einem Fingerzeig auf seine Ohren: „Hier rein, da raus.“ Hasib Fatah, holländischer MMA-Meister und Nilsons heutiger Kontrahent, verhält sich bisher moderat, tigert ab und an durch die Halle, sieht sich ein paar Kämpfe an. Wie oft er zur Toilette geht, ist nicht bekannt.

Drei Runden zu je fünf Minuten – so der Zeitplan für Nilson und Hasib, als sie gegen 0.30 Uhr ins grelle Ringlicht treten. Die Betreuer in ihren Ecken, das sind bei Nilson Human und Homayoun, halten Motivationsreden, puschen, bis es los geht. An der Hallendecke des Delphis glitzern winzige Showsterne, und unten, auf dem graublauen, filzigen Ringboden, liegen noch die Schweißperlen derer, die ihr Kapitel der „Fight Story“ schon geschrieben haben. Eines der beiden Nummerngirls, gekleidet in ein superknappes, goldfarbenes Glitzertop und dazu passende High Heels, hält eine Tafel mit einer „1“ hoch. Es klingelt.

Die beiden Fighter tasten sich nicht lange ab, es geht sofort rund. Nilson versucht durch sogenannte Submissions, Hebeln und Würgen, auf Hasib einzuwirken. Das sieht nicht nur besonders versiert aus, sondern auch ungemein kraftvoll und wird von der Menge rund um die Seile lautstark honoriert. Hasib hält mutig dagegen. Zunehmend wird er aktiver, boxt und kickt pausenlos und, so viel scheint klar zu sein, entscheidet mindestens eine Runde für sich. Der Kampf geht über die volle Distanz, keinem der beiden gelingt ein K.-o-Schlag. Am Ende entscheiden die Punktrichter. Und die sehen Hasib vorne: zwei zu eins.

 

„Ich will den Titel“

 

Einige Tage später im Altonaer Tough Gym. Die Halle, in der Nilson an diesem Morgen trainiert, ist mit hellroten Filzmatten ausgelegt. Zwischen massiven, kantigen Betonsäulen hängen schwarze Boxsäcke. Sonnenlicht scheint durch die Fensterfront in den Ring, der im Gym- Zentrum angelegt wurde. Nilson sitzt an der kleinen Bar neben dem Eingang, sein Grinsen ist zurück. „Ich habe noch viel vor, viele gute Kämpfe“, sagt er. Im deutschen MMA-Ranking des Federgewichts belegt der 1,65 Meter große und 65 Kilo schwere Sportler momentan den sechsten Platz. Aber: „Ich will den Titel! Also auch einen Titel-Fight, und zwar gegen die Nummer eins, das ist Max Coga.“

Gegen ihn hat Nilson bereits einmal gekämpft, in Cogas Heimatstadt Frankfurt – und verloren. Human erklärt: „Eigentlich hatte Nilson gewonnen, Coga mussten sie am Ende raustragen. Aber er war eben der Lokalmatador – na ja.“ Bis es wieder zum Duell kommt, fliegt Nilson weiter zwischen Hamburg und Florianópolis hin und her, steigt regelmäßig in den Ring und vermittelt sein Können an andere weiter, vor allem auf den roten Matten in Altona.

Tough Gym: Max-Brauer-Allee 155 (Altona-Nord)


Szene-Hamburg-juni-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juni 2019. Titelthema: Was ist los, Altona?
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Jens George – Hockeytrainer mit Herz und Reiselust

Zwischen exotischen Reisen und Hockeytraining in Hamburg: Der erfolgreiche Trainer Jens George ist der Paradiesvogel im Club an der Alster.

Text: Mirko Schneider
Foto: Jakob Börner

An das großartigste Erlebnis mit ihrem Trainer erinnert sich Viktoria Huse (23) mit leicht stockender Stimme. „Nach dem Titel bei der deutschen Hallenmeisterschaft 2018 ist Maus in der Kabine unter Tränen vor uns auf die Knie gefallen und hat eine Dankesrede gehalten“, sagt die Spielführerin der Hockeydamen vom Club an der Alster, „Das war für uns alle im Team ein unglaublich emotionaler Moment.“ Maus, das ist – aufgrund seiner charakteristischen Vorderzähne – der Spitzname von Jens George.

Seit 20 Jahren trainiert der mittlerweile 50-jährige Coach mit großem Erfolg die Damen des Vereins mit Hockeyanlagen in Wellingsbüttel und am Rothenbaum. „Als Winterpause war“, erinnert sich Huse, „ist Maus wieder aus Hamburg geflohen. Er ist eben ein besonderer Mensch.“ Georges guter Grund: „Ich musste schnell nach Indonesien, meine 2017 angefangene Hütte fertig bauen.“

Der ehrgeizige und überaus erfolgreiche Coach (ein Pokalsieg, vier Hallenmeisterschaften, eine Feldmeisterschaft, drei Europapokalsiege) ist im Club an der Alster der Gegenentwurf zum Klischee des Vereins. Das Bild über den Verein in Deutschlands Hockeywelt ist klar: viele Sponsoren, viele Beiträge durch über 3.000 Mitglieder, schicke Anlage, viele Aktive mit finanziell potentem Elternhaus – ergo spielen hier die Reichen und Schönen, die Snobs. Doch wie passt Paradiesvogel George hierher? Der St. Pauli-Fan wäre in einem politischen Handbuch ein gutes Beispiel für ein linksalternatives Leben.

 

Lieber Berg-Gorillas als SUV

 

Neben seinem Beruf als Hockeytrainer der Damen arbeitet er während der Feld- und der Hallensaison nebenbei selbstständig als Tischler. Ist Winter- oder Sommerpause, reist George um die Welt. Handy aus, ab durch die Mitte. Auf allen Kontinenten war er, über 100 Länder hat er bereist. „Ich halte mich an das Motto meines Opas“, sagt George. „Mit dem Hut in der Hand, kommst du durch das ganze Land.“ George trampt mit Rucksack, schläft oft im Freien, reist spartanisch – an ungewöhnliche Orte zu ungewöhnlichen Menschen.

„Ich habe bei den Indios im Amazonas gelebt. Sie haben mir erklärt, wie ihre Natur funktioniert. Wir waren gemeinsam jagen. In den Sümpfen Venezuelas habe ich geholfen, die Anakondas zur Vermessung zu bringen. Eine grandiose Erfahrung. Beeindruckend waren auch die Berggorillas in Uganda. Und mein Treffen mit einem Menschen im Papua-Neuguinea, der sich vor 25 Jahren noch von Menschenfleisch ernährt hat.“

Da können noch so viele dicke SUVs auf dem Parkplatz des Clubs an der Alster stehen, George interessiert das nicht. „Vieles, was anderen Menschen wichtig ist, ist mir unwichtig“, sagt er. „Uns geht es in Deutschland sehr gut. Diese Reisen erden mich, durch sie habe ich Bescheidenheit gelernt, mich als Persönlichkeit entwickelt.“ Ein paar Clubmitglieder nahmen schon sein Angebot an, reisten mit ihm. George hält es für heilsam, mit Freude und Freundlichkeit durch das eigene Leben zu gehen, viel über fremde Kulturen zu lernen. „Ich wurde noch nie überfallen. Da hatte ich Glück“, gibt er zu. „Aber ich glaube, das hat auch mit der Haltung zu tun, mit der man den Menschen gegenübertritt.“

Nur: Wie um alles in der Welt hält es George im Club an der Alster aus? Ist für ihn die Rückkehr in den Verein nicht immer der totale Culture Clash? „Nein“, sagt George bestimmt, „ich schätze den Verein, meine Arbeit und die Menschen hier sehr.“ Als Missionar unterwegs sein will er sowieso nicht. Er freut sich, dass seine Lebensweise so respektiert wird, viele Clubmitglieder ihn neugierig zu seinen weltweiten Erlebnissen befragen und keinesfalls die Nase rümpfen. Außerdem treffe das deutschlandweite Klischee vom Club an der Alster nicht zu.

„Okay, manche der Aktiven hier kommen aus einem finanziell guten Umfeld und einige zeigen das auch mal. Aber keiner verdient hier Geld, Hockey ist immer noch eine Amateursportart. Wenn ich mir zum Beispiel meine Damenmannschaft anschaue, dann sind das alles Frauen, mit denen man sich ganz normal unterhalten kann. Zudem kümmert sich der Club gut um alle Sportler, hilft beispielsweise in der Berufsförderung.“

Für seine Spielerinnen ist George so etwas wie der ausgleichende Pol. „Maus ist ein wahnsinnig menschlicher Trainer, sehr starker Motivator, besitzt eine unglaubliche Lebenserfahrung. Selbst wenn es im Training kracht, moderiert er das sehr gut“, sagt Mittelfeldspielerin Nele Aring (22.). George führt mit langer Leine, nordet so selbst schwierige Charaktere ein. Neben allem Ehrgeiz ist Spaß einer seiner wichtigsten Grundsätze.

Hockeyspielerinnen haben oft viel Druck durch die Kombination aus Beruf/ Studium auf der einen und Leistungssport auf höchstem Niveau auf der anderen Seite. Da will der Liebhaber des Offensiv-Hockeys nicht zusätzlich den harten Hund geben. Bezeichnenderweise rät er Spielerinnen daher manchmal, bei der Nationalmannschaft abzusagen, wenn es ihnen einfach zu viel wird. George: „Dann müssen sie sich eben trauen und mit dem Bundestrainer reden.“

 

Durch Zufall in der National-Mannschaft

 

Seine eigene Erfahrung mit der Nationalmannschaft passt zu seinem bunten Leben. Als 30-Jähriger wurde George 1999 kurz vor seinem Karriereende im Club an der Alster vom Deutschen Hockey- Bund (DHB) zum ersten Mal in die Nationalmannschaft berufen. Aus Versehen! Die Einladung für die zehntägige Länderspiel reise in Malaysia galt eigentlich dem Mannschaftskameraden Philipp Georgi, der DHB hatte die Namen der beiden Spieler auf dem Anschreiben verwechselt.

„Ich hatte echt viel Spaß. Bundestrainer Paul Lissek hat das Ganze von der humorvollen Seite genommen und mich trotzdem mitspielen lassen. Sportlich war es übrigens in Ordnung, dass die fünf Partien zugleich meine Abschiedsspiele waren“, so George augenzwinkernd.

Die ungewisse Zukunft umarmt er so innig wie damals seine kurze Nationalmannschaftskarriere: „Ich habe eine Hütte in Indonesien, meine Freundin lebt in Kolumbien. Ich liebe meine Reisen und meinen Job als Damentrainer im Club an der Alster. Ich will einfach nur weiter jeden Moment genießen. Keine Ahnung, was passieren wird. Ich bin für alles offen.“

Der Club an der Alster: Hallerstraße 91 (Harvestehude)


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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HSV-Fußballfrauen: Zurück ins Profilager

Im Sommer 2012 zog der HSV sein Frauenfußball- Team aus der Bundesliga zurück. Nun will der Verein an die Spitze zurück.

Text: Mirko Schneider
Foto: Karsten Schulz

HSV-Abwehrspielerin Heike Freese war außer sich. „Bei den Herren bekommt ein nicht topfitter Torwart Rene Adler 2,7 Millionen Euro Gehalt. Bei uns wird wegen 100.000 Euro die Frauenmannschaft abgemeldet“, klagte Freese am 22. Mai 2012. Der Vorstand des bei den männlichen Bundesligaprofis verschwenderisch wirtschaftenden Hamburger Sportvereins ließ wegen einer vergleichsweise lächerlich niedrigen Lücke im Saisonetat erbarmungslos den Sparhammer auf seine Damen-Fußballerinnen niedersausen – und zog das Team aus der Bundesliga zurück.

Sechs Jahre später hat sich an der Ulzburger Straße in Norderstedt, der Trainingsstätte der HSV-Frauen, vieles verändert. Neue Verantwortliche sind seit einiger Zeit am Werk. Und so hörte man am 20. Februar dieses Jahres ungewohnte Töne. „Mittelfristig ist es unser Ziel, wieder die Nummer eins im Hamburger Frauen- und Mädchenfußball zu werden“, sagte Kumar Tschana, Leiter Amateursport des HSV e. V., bei der Vorstellung eines Konzeptes mit dem Titel „Der HSV stärkt den Frauen- und Mädchenfußball“. Größte Ziele sind eine intensive Nachwuchsförderung und die Rückkehr der HSV-Frauen in den Profibereich (mindestens zweite Bundesliga) in zehn Jahren.

 

„Ich will Meister werden und aufsteigen“

 

„Wenn man auf die Tabelle schaut, liegen wir vor dem Plan“, sagt Manuel Alpers (41) fröhlich. Gemeinsam mit Christian Kroll (32) trainiert der im Sommer verpflichtete Alpers die in der viertklassigen Oberliga Hamburg spielenden HSV-Damen. Bereits den Bramfelder SV führte Alpers mit geringen Mitteln in die zweite Bundesliga. Nun ist eine perfekte Saison möglich. 13 Siege mit 87:5 Toren aus 13 Spielen holte die Mannschaft vor der Winterpause. Die Meisterschaft dürfte ihr kaum zu nehmen sein. Setzt sich die Mannschaft danach in der Ausscheidungsrunde mit den Oberligameistern aus Bremen und Schleswig-Holstein als Erster durch, ist der Aufstieg perfekt. „Ich will Meister werden und in die Regionalliga aufsteigen“, hatte Alpers sofort zu Beginn seines Engagements verkündet.

Mit ihm haben sich die Verantwortlichen beim HSV einen besonderen Charakter ins Boot geholt. Alpers’ Ambitionen auf eine Karriere als Profi-Fußballer zerstörte ein Kreuzbandriss mit 23 Jahren. Mit 29 sprang er interimsweise als Trainer bei den Bramfelder Fußball-Frauen ein. Dabei hielt er nichts von Frauenfußball, es war ein Freundschaftsdienst. Doch Alpers änderte seine Meinung, als er sah, mit welcher Leidenschaft seine auf dem Feld kämpfenden Spielerinnen bei der Sache waren. Er ist ein ehrgeiziger Tüftler, kann stundenlang über Fußball reden, jedes kleine Detail auf dem Feld ist ihm wichtig. „Unser Spiel hat offensiv und defensiv eine gute Struktur bekommen“, sagt er über den bisherigen Saisonverlauf. Aus seinem Mund ein Riesenlob.

Was ihn ebenfalls freut: „Viele Spielerinnen sind torgefährlich. Es reicht nicht, eine aus dem Spiel zu nehmen.“ Die beste Torjägerin der Liga Kimberly Zietz (19 Tore) sowie Emma Sick (18) und Victoria Schulz (15) sind drei gute Beispiele dafür. Alpers’ Spielanalysen verwundern manchmal. Er kann nach einem hohen Sieg total unzufrieden, nach einem knappen Erfolg voll des Lobes sein. Fußball ist für ihn mehr als nur Torchancen und Treffer.

Demnächst wieder an der Spitze? Hamburgs Fußballfrauen wollen zurück in die Bundesliga

„Es ist manchmal frustrierend, Manuel auch mit einem 8:0 nicht zufrieden stellen zu können“, sagt Außenverteidigerin und Co-Kapitänin Franka Dreyer (27) lachend. „Er ist eben ein kleiner Perfektionist.“ Sie findet das gut. Und weitet ihr Lob über Alpers auf den ganzen HSV aus. „Das Trainerteam ergänzt sich perfekt. Manuel ist mehr der Taktiker, Christian Kroll geht stärker auf die Emotionen der Spielerinnen ein. Und so ein professionelles Umfeld wie hier im Verein habe ich nur in Gütersloh in der zweiten Bundesliga erlebt.“ Diese Worte Dreyers, die Profi-Erfahrung besitzt, haben ein ähnlich hohes Gewicht wie Alpers’ Lob für das strukturell starke Spiel. Athletikcoach, physiotherapeutische Betreuung, Mannschaftsarzt, ein Kunstrasenplatz für Training und Spiel, ein neues Umkleidehaus und bald sogar eine neue Beachsoccer-Anlage – der HSV tut wieder etwas für seine Fußballerinnen, auch wenn er ihnen keine Gehälter zahlen kann.

Mit nur 21 Jahren ein Urgestein und „einfach stolz, mit der Raute auf dem Trikot aufzulaufen“ ist Spielführerin und Offensiv-Allrounderin Victoria Schulz. Als gerade ausgebildete Immobilienkauffrau ist sie mit kurzen Unterbrechungen seit der C-Jugend im Club. „Ich finde es schön, dass sich der Verein nun so zu uns bekennt.“ Die Mischung aus erfahrenen Spielerinnen als Stützen und jungen Talenten sei sehr gut, wenngleich das geringe Durchschnittsalter der Mannschaft sie manchmal verblüffe: „Wie jung wir sind, zeigt sich für mich immer, wenn ich beim Abschlussspiel im ,Team alt‘ lande.“

 

Kameradschaft ist mehr als nur eine Floskel

 

Ihre Art, das Team zu führen, beruht auf innerer Überzeugung. „Ich bin niemand, der auf dem Platz groß rumtönt, führe lieber auf dem Feld und außerhalb viele kleine Gespräche“, erklärt Schulz. Das kommt gut an in einem Team, das Kameradschaft nicht als hohle Floskel versteht. Sondern gemeinsam Fußballspiele besucht, Geburtstage feiert, viel unternimmt.

Doch ist der Boom nachhaltig? Vieles spricht dafür. Die Finanzierung wurde durch das Spitzensportkonzept des Vereins auf breitere Füße gestellt. Der Nachwuchs ist das Faustpfand für die Zukunft. Die zweite Mannschaft ist Zweiter in der Landesliga, die U17 mischt in der Bundesliga Nord/Nordost in der Spitzengruppe mit, ebenso wie die U16 in der Oberliga. „Wir wollen unsere Fußballerinnen sehr gut ausbilden, uns aus dem eigenen Nachwuchs bedienen können. Das stärkt die Spielerinnen, schafft Identifikation und Nachhaltigkeit. Das ist die beste Basis, damit wir Leistungssport betreiben können“, sagt Alpers. Bittere Klagen wie im Mai 2012 von Heike Freese sollen für immer der Vergangenheit angehören.

HSVFrauen.de


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2019. Das Magazin ist seit dem 21. Dezember 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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Homophobie im Profisport – Thema im Film Mario

Fußballer sind echte Kerle. Muskulös. Hart im Nehmen. Homosexualität ist in dieser Branche ein Tabuthema wie in kaum einer anderen, auch wenn sich einige wenige Vereine wie der 1. FC St. Pauli klar für eine offene Geisteshaltung aussprechen. Welche Seelenqualen das für einen schwulen Spieler bedeutet, zeigt Marcel Gislers Drama „Mario“. Wir haben mit dem Regisseur gesprochen

Zuerst sieht Mario (Max Hubacher) den Neuen in der Mannschaft nur als Konkurrenten. Auch Leon (Aaron Altaras) ist Stürmer, und nur einer von ihnen beiden – wenn überhaupt – wird den begehrten Profivertrag für die kommende Saison erhalten, auf den alle Spieler der U21-Mannschaft des Berner Clubs YB Young Boys schon ihr ganzes Leben lang hingearbeitet haben. Entsprechend erbittert ist der Konkurrenzkampf unter den jungen Männern.

Doch spätestens, als Mario sich mit Leon eine Spielerwohnung teilen muss, verändern sich seine Gefühle. Aus Misstrauen und Ablehnung wird Freundschaft, schließlich aus Freundschaft Liebe. Eine unmögliche Liebe, die sie öffentlich nicht zeigen dürfen – Sponsoren, Fans, sie alle würden das Paar verurteilen.

Mario, der Film über zwei schwule Fußballer Foto: Pro Fun Media

Die beste Freundin muss als Alibipartnerin herhalten. Foto: Pro Fun Media

Ihr Marktwert? Im Keller. Die Karriere vorbei, bevor sie richtig begonnen hat. „Es gibt Sachen, die gehen einfach nicht!“, faucht Marios Berater ihn an, als die Beziehung schließlich doch auffliegt. Homosexualität ist dabei aus seiner Sicht in einer Liga mit Drogen oder Sex mit Minderjährigen zu sehen. Das Versteckspiel, der innere Kampf gegen die eigenen Gefühle, die Sticheleien der Mannschaftskollegen werden immer unerträglicher, bis Mario und Leon daran zu zerbrechen drohen und eine Entscheidung fällen müssen.

Die Geschichte, die Regisseur Marcel Gisler selber mitgeschrieben hat und in der auch der 1. FC St. Pauli eine Rolle spielt, scheint zu Beginn sehr absehbar. Doch einige überraschende Twists, eine feinfühlige Kamera und vor allem die tolle Schauspielleistung Max Hubachers, der scheinbar mühelos die komplette emotionale Bandbreite von glücklicher Verliebtheit bis hin zu abgrundtiefer Verzweiflung abrufen kann, lassen den Zuschauer intensiv an der zermürbenden Seelenqual des Protagonisten teilhaben. Während Homosexualität in unserer heutigen Gesellschaft weitgehend akzeptiert ist, hinkt die Fußballwelt hier noch weit hinterher. Gut, dass Marcel Gisler das einmal auf so beeindruckende Weise auf die Leinwand holt.


Marcel Gisler, Regisseur Mario, Foto: Pro Fun Media

Marcel Gisler, Regisseur Mario, Foto: Pro Fun Media

Regisseur Marcel Gisler im Interview

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(Don’t )Try this at home – Skaten ist nicht rational erklärbar

Freiheit, Rausch und Systemkritik prägen Straßenkulturen – auch die Skateszene. Der Fotograf und Skater Felix Valentin dokumentiert den Zeitgeist einer Subkultur, zu der er selbst gehört, und gewährt mit seinen Arbeiten einen Einblick in den rauen, aber amüsanten Alltag von jungen Asphaltsportlern.

Fotograf und Skater Felix Valentin dokumentiert den Zeitgeist der Skate-Szene.

Das erste Skateboard bekam Felix Valentin in der siebten Klasse von seiner Großmutter geschenkt, seitdem ließ der Board-Sport den heute 30-Jährigen nicht mehr los. Durch einen neuen Job als Art Director erhielt die Fotografie mehr Einzug in sein Leben – beruflich wie privat. Was anfänglich mit Skatefotos begann entwickelte sich schnell zu einer dokumentarischen Arbeit über die lokale Skateszene abseits des Skateparks. „Das ist das eigentlich Spannende, weil es Außenstehende nie zu Gesicht bekommen“, so Felix Valentin. „Wenn ich abends mit den Jungs nach Hause gehe, mit denen ich mich tagsüber aufs Maul gelegt habe, dann gibt es oft eine explosive Mischung aus Adrenalin, Scheißegal-Haltung und dem Hang zum Exzessiven.“

Authentische Fotos, die sich dem Rausch hingeben

In solchen Momenten entstehen authentische Fotos von Menschen, die sich dem Rausch nur zu gern hingeben und für die Freiheit wie Selbstbestimmung existenziell sind. Dass sich solche Charaktere besonders häufig unter Skatern finden, ist für Felix Valentin leicht zu erklären: „Skaten kann eine Flucht vom tristen Alltag sein. Während einer Session hat man viele Erfolgserlebnisse. Einen Trick zum ersten Mal zu stehen, gibt einem ein höchst befriedigendes Gefühl. Es ist oft harte Arbeit, einen neuen zu lernen. Dafür auch noch Anerkennung von Freunden zu bekommen, die diese Leidenschaft mit dir teilen, fühlt sich einfach gut an“, erklärt der Designer, „Skaten ist eine körperliche und geistige Grenzerfahrung und nicht immer rational erklärbar.“ Das Wichtigste, was einen das Skaten lehre: Immer wieder aufstehen, auch wenn man noch so tief gefallen ist.

Der hohe Kontrast und die Farbigkeit des Schwarz-Weißen unterstreicht die Härte seiner Bilder. Starke Schatten sind erwünscht, die Haut soll gar nicht weich wie bei einem Beauty Shot aussehen. Alles, was auf dem ersten Blick nicht klassisch schön ist, ist für Felix Valentin ästhetisch. „Schönheit ist für mich ein gemachter Begriff. Darum habe ich gar kein Verlangen danach, so etwas abzulichten“, erklärt der Fotograf, „Ich will ehrliche Momentaufnahmen, die nicht kreiert sind und meine Sicht der Dinge zeigen. Das ist für mich interessant – nicht die gebaute, bunte Welt.“ In Zukunft möchte sich der Fotograf auch der Dokumentation des Lebens anderer Randgruppen widmen, die so nicht auf jedem x-beliebigen Instagram- Kanal zu finden sind. Noch bis Ende Juni können sich Interessierte die Arbeiten in der Ausstellung „Try this at home“ in der Pony Bar anschauen.

Die Ausstellung „Try this at home“ könnt ihr noch bis zum 30.6.2018 in der Pony Bar sehen.

Text: Jennifer Meyer
Fotos: Felix Valentin

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 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Unionitas – Die Superwoman-Pose

Die Fußballerinnen vom Altonaer S. C. Union 03 hatten einen erschwerten Start, sorgten aber schnell dafür, dass die Macho-Blödelei am Spielfeldrand aufhörte. Allez, allez, Unionitas!

Am Anfang gab es Pfiffe. 2006, im Jahr des deutschen „Sommermärchens“, wagte es eine ambitionierte Truppe von Uni-Fußballerinnen, auf dem Feld des S. C. Union 03 vorzuspielen. Der Club hatte damals noch keine Frauenmannschaft. Männer aller Altersklassen schleppten sich über das unebene Grün und staunten nicht schlecht, als sie plötzlich Besuch bekamen, der auch noch vorhatte, zu bleiben. „Die Pfeiferei war das eine, die Kommentare vom Spielfeldrand das andere“, erinnert sich die 37-jährige Phoebe, eine der Frauen, die damals debütierten. „Nicht selten bekamen wir einen ‚Ey, Triokottausch!‘-Spruch zu hören. Die Männer waren es einfach nicht gewohnt, dass auch Frauen vor Ort waren.“

Eine direkte Konfrontation, so die promovierte Pädagogin, habe es nicht gegeben, niemand wurde zur Rede gestellt, vielmehr vor vollendete Tatsachen. „Wir haben einfach weitergemacht, uns unser Standing peu à peu erarbeitet.“ Heute gebe es keine Quatschkommentare mehr, im Gegenteil. Von den Union-Männern komme sogar die Anfrage nach einer gemeinsamen Weihnachtsfeier.

„Für Jedermann“

Harte Schale, weicher Kern, möchte man meinen, und das nicht nur in Sachen Mentalität. Auch die Räumlichkeiten von Union wirken schroff, mit grau-grün gefliesten Wänden und dem Sportmief aus zig Jahrzehnten in den winzigen Kabinen. Die Gaststätte nebenan: „Für Jedermann“, so steht es an der Mauer, aber außer ein paar Bierbauchburschen und dem Barmann traut sich selten jemand hinein in die schrullig eingerichtete Stube, die Besuchern freien Blick auf das Spielgeschehen bietet.

Seit 2006 sind beim S. C. Union 03 auch Frauen am Ball. Foto: Michael Kohls

Das Bild draußen passt zum Rest: mittelgut gepflegter Rasen, keine zehn Zuschauerreihen, die sich als Mix aus Kieselsteinen und rissigem Beton ums Feld biegen. Dahinter kommt nur noch bröckelnder Industriehallencharme, der genug Fläche für eine XXL-Aufschrift des Vereins bietet: S. C. Union von 1903 e. V.

Soweit die Kulisse, vor der Phoebe und Co bei Heimspielen antreten. Auch damit kommen sie klar. „An der Uni war der Fußballkurs für Frauen umsonst und gut besucht“, erzählt Phoebe, „wir hatten richtig Bock auf Kicken und irgendwann auch auf mehr als nur den Uni-Fußball.“ Daher die Unionitas, und daher auch die ersten, ziemlich bald eingefahrenen Erfolge. Die defensive Mittelfeldakteurin und ihre Mitspielerinnen rangieren aktuell auf dem sicheren sechsten Platz der Bezirksliga, haben es aber zeitweise schon in die Landesliga geschafft, also dorthin, wo etwa die zweite Frauenmannschaft des großen HSV ein Gegner war. Fun Fact: Die Union-Männer kicken derzeit nur in der Kreisliga.

Vereinsstolz? Nein, Unionitas-Stolz!

Vielleicht liege es an den Schwierigkeiten zu Beginn, dem nicht sofort vorhandenen Respekt, meint Phoebe, dass es auch nach zwölf Jahren bei Union 03 keinen wirklichen Vereinsstolz unter den Frauen gebe. Dafür einen Stolz auf die Frauen, die Unionitas. Sie seien zwar alle berufstätig, haben fast alle Kinder, und der Fußball sei vor allem ein Freizeitvergnügen, zweimal die Woche im Training und am Wochenende beim Punktspiel. Aber man habe sich eben etwas aufbauen können, sich nicht unterkriegen lassen, also Grund genug, selbstbewusst aufzutreten.

Beim Warmmachen am Spieltag kommen sie zusammen, im Kreis um ihren Trainer Markus Redlich, die Hände in die Hüften gestemmt. „Wir gehen dann immer in die Superwoman-Pose, zeigen, dass wir da sind und an uns glauben. Wir sagen uns: Wir können was, wir sind gut, und wir gehen jetzt auf den Platz.“ Kurz vor dem Anpfiff noch der Schlachtruf: „Allez, allez, Unionitas!“ Und mancher Mann an der Bande murmelt ihn mit.

Text: Erik Brandt-Höge

Fotos: Michael Kohls

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Steil auf Erfolgskurs – Hamburgs Handball-Helden

Mit Bodenhaftung und einheimischen Spielern begeistert der Handball Sport Verein Hamburg seine Fans. Der Lohn ist der Aufstieg in die zweite Liga.

Text: Mirko Schneider
Foto: Fishing4

Der Blick auf die Volksbank Arena irritiert. Dort prangt noch immer das Logo der Hamburg Freezers. Im Mai 2016 erhielt der Eishockeyclub keine Lizenz mehr. Vier Monate zuvor hatte der HSV Handball Insolvenz angemeldet. Kein Eishockey und kein Handball mehr auf Top-Niveau in der höchsten Spielklasse. Die Abgesänge auf die Sportstadt Hamburg beschäftigten die Sportjournalisten bundesweit. In Hamburg, so ihr Tenor, seien eben nur die Fußballclubs HSV und FC St. Pauli salonfähig – die sind mittlerweile, durch den Abstieg des HSV, beide zweitklassig. Die vom Spielbetrieb abgemeldeten Freezers sind längst Sportgeschichte.

Doch mittlerweile wird in der Volksbank Arena eine neue Story geschrieben. Vom Handball Sport Verein Hamburg. Unter seinem ursprünglichen Vereinsnamen tritt der frühere HSV Handball seit zwei Jahren an. Inklusive eines neuen Logos, da der Hamburger SV nach der Saison 2015/16 die Kooperation mit dem Handball Sport Verein Hamburg beendete. Zeitgleich zur Insolvenz stieg in jener Saison beinahe unbemerkt die zweite Mannschaft in die 3. Liga auf. „Der Weg, den wir dann beschritten haben, war so sicher nicht abzusehen“, sagt der frühere Weltklasse-Handballer und heutige Trainer Torsten „Toto“ Jansen im Rückblick.

Der Handball Sport Verein Hamburg machte nämlich Nägel mit Köpfen, sein zweites Team zur ersten Mannschaft – und startete in der 3. Liga neu durch. In der Saison 2016/17 wurde das Team Dritter, dann kehrte „Toto“ zurück, der zuvor bereits von 2003 bis 2015 in Hamburg spielte Stadtleben und später die A-Jugend trainierte. Mit ihm als Coach gelang in der aktuellen Saison mit viel Fleißarbeit (bis zu acht Trainingseinheiten à 90 Minuten in der Woche) die Rückkehr in die zweite Liga. In der Volksbank Arena wurde trainiert und vor meist ausverkauftem Haus, rund 3.500 Zuschauern, bei den Spielen in der Alsterdorfer Sporthalle begeisternder Handball geboten.

Die Rückkehr der „La Ola“

Die Mannschaft wirkt dabei wie ein Gegenentwurf zu früher, als der Club alle großen Titel inklusive der Champions League abräumte. Präsident Andreas Rudolph engagierte sich damals mit vielen Millionen und kaufte den ganz großen Erfolg. Weltklassespieler wie Guillaume Gille, Hans Lindberg und Pascal Hens warfen Tor um Tor. Allerdings vor einem wesentlich eventorientierten Publikum in der Barclaycard-Arena, dem bei manchem Heimspiel von Stadionsprecher erklärt werden musste, wie eigentlich „La Ola“ („Die Welle“) als Feierritual mit den Spielern nach einem Sieg funktioniert. Sprechchöre der Fankurve wurden zur Sicherheit öfter mal auf dem Videowürfel eingeblendet – damit der Rest der Halle auch mitmacht.

Das sieht heute anders aus. Die Mannschaft besteht aus vielen Auszubildenden und Studenten. Einzig Stefan Schröder (36) blieb nach der Insolvenz. Der frühere Nationalspieler und Rechtsaußen: „Ich bin in Hamburg verwurzelt. Für mich war schnell klar: Ich will dabei mithelfen, dass es hier wiederaufwärtsgeht.“ Das tat Schröder nicht nur auf dem Feld, wo er mit dem Aufstieg das perfekte Ende für seine grandiose Karriere fand. Sondern auch in der Geschäftsstelle. Er engagiert sich dort im Bereich Marketing, wird dem Handball Sport Verein Hamburg nach seiner aktiven Karriere weiterhin erhalten bleiben.

Schlussapplaus mit 9964 Fans – Besucherrekord. Da freut sich auch der Handball Sport Verein Hamburg. Foto: Fishing4

So ist der Handball Sport Verein Hamburg plötzlich in. Ein um den Wiederaufstieg in höhere Gefilde kämpfender Club mit einheimischen Spielern aus der Region, die „sich natürlich ganz besonders mit Hamburg identifizieren“, so Rix. „Allerdings war es am Anfang ungewohnt, vor so vielen Leuten zu spielen. Bei der zweiten Mannschaft schauten ja manchmal nur 50 Leute zu.“ Am 26. Dezember wurde selbst der Ausflug in die frühere Heimstätte, die Barclaycard-Arena, für ein Spiel gegen Fredenbeck zum Erfolg. 9.964 Zuschauer kamen und knackten den Zuschauerrekord der Dritten Liga. Nur wenig erinnert an alte Zeiten. „Ab und zu müssen wir bei Auswärtsspielen weghören, wenn die Leute uns stolpern sehen wollen, weil sie sich an das große Team von früher erinnern“, sagt Rix, „Aber das sind wir eben nicht mehr. Wir sind nicht mehr der Champions-League- Sieger und Deutsche Meister.“ Dafür sind sie frischgebackener Aufsteiger – und nun in der zweiten Liga dabei, um dort zu bleiben.

Vielleicht hängt das Logo der Hamburg Freezers an der Volksbank Arena also genau richtig. Als eine Mahnung für die Verantwortlichen bei den Handballern, wenn es mal wieder ganz nach oben gehen sollte und der Höhenflug an Bodenhaftung verliert. Man weiß ja nie.

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Public Viewing – Wo kann ich am besten die WM gucken?

Das Großereignis des Sommers steht bevor und die Wetterprognosen sind günstig. Fußballmuffel hin oder her: Bei der Fußball-WM 2018 wird sich keiner rausreden können, wenn es wieder heißt: „Kommst du mit? Das Spiel gucken?“ Damit der Fußballabend ein Erfolg wird, hat die SZENE-Redaktion 11 Tipps für euch gesammelt.

1. Aalhaus

Das Aalhaus ist bekannt für sein Kneipenquiz – und das gibt es pünktlich zur WM natürlich auch in der Fußball-Ausgabe. Bevor das erste Mal die Trillerpfeife ertönt, können sich Sportbegeisterte am 13. Juni im Profi Quiz beweisen. Aber auch zur restlichen WM ist das Aalhaus eine der besten Adressen für Public Viewing in Altona. Jedes Spiel wird hier drinnen und draußen übertragen.

Eggerstedtstraße 39 (Altona), Mo-Fr ab 18, Sa-So ab 13 Uhr; www.aalhaus.de

2. Alma-Wartenberg-Platz

Der Alma-Wartenberg-Platz liegt mittendrin im bunten Trubel Altonas. Deswegen ist man hier an den WM-Spieltagen der deutschen Mannschaft sicherlich nicht alleine, wenn man sich, ausgestattet mit Trikot und Deutschlandschal, auf die Suche nach einer Live-Übertragung des Spiels macht. Inmitten der vielen Bars, Restaurants und Cafés des Viertels lässt sich garantiert ein Bildschirm finden, vor dem man mitfiebern kann.

Alma-Wartenberg-Platz (Ottensen)

3. Altes Mädchen

Rundum glücklich wird man beim Public Viewing im Alten Mädchen, der Ratsherrn-Brauereigaststätte. Auf den zahlreichen Screens, auf denen alle Spiele übertragen werden, hat garantiert jeder eine gute Sicht. Zusätzlich zum Essen á la Carte stillt ein Foodtruck Essens-Gelüste mit Burgern, Süßkartoffelpommes oder Bratwürsten. Nicht zu vergessen: Die große Craft-Beer-Auswahl, die nahezu jeden Geschmackswunsch erfüllt.

Lagestraße 28b (Sternschanze), Mo-Sa ab 12, So ab 10 Uhr; www.altes-maedchen.com

4. Amanda 66

Mit Barkeeper, imposanter Cocktailkarte und rotem Licht tarnt sich die Amanda 66 als authentische Bar. Erst auf den zweiten Blick outet sie sich als Sports-Bar, entpuppt sich sogar als Fankneipe der Eintracht Frankfurt. Neben Negroni gibt’s hier auch Apfelwein im Bembel, wie der Tonkrug genannt wird, in dem das hessische Getränk traditionell serviert wird. Die Amanda-Bar zeigt nur die Deutschlandspiele.

Amandastraße 66 (Eimsbüttel), Mo-Sa ab 19:30 Uhr (bei den Spielen gelten abweichende Öffnungszeiten); www.amanda66.de

5. Bacana

Das Bacana in Eimsbüttel hat einen Außenbereich mit Schatten spendenden Bäumen. Dazu werden beinahe alle Spiele gezeigt und teilweise bis zu drei Spiele parallel. Die charmanten Servicekräfte bringen eiskaltes Pale-Ale. Man muss kein Fußballfan sein, um das zu genießen.

Bellealliancestraße 52 (Eimsbüttel), täglich ab 17 Uhr oder eine halbe Stunde vor Anpfiff; www.bacana-cafe.com

6. Central Park

Foto: Central Park Hamburg Public Viewing

Im Punk unter den Hamburger Beachclubs geht es – eingerahmt von Clubs und stilecht mit Sandstrand – entspannt zu. In Spuckweite zum Schulterblatt fleezt man auf Liegestühlen herum und der Blick fällt auf 5 Flatscreen-Fernseher. Hinweis der Crew: Jeder darf rein. Außer Stress.

Max-Brauer-Allee 230 (Sternschanze); Mo-Do 14–23, Fr 14–0, Sa 12–0, So 12–23 Uhr; www.centralpark-hamburg.de

7. Haus 73

Auf den ersten Blick ist hier alles typisch Schanzenladen: Knarrende Altbaudielen, Shabby-Chic-Studi-WG-Möbel, mehr Kaffeesorten als Gäste. Doch wer es durch den ersten Raum im Haus 73 geschafft hat, ist mitten drin im schnörkellosen Fußballparadies. Gleich zwei große Leinwände hängen im hinteren Teil des Erdgeschosses, einer im schummrig beleuchteten Schlauchraum und einer im großen Zuschauersaal. Gewählt werden kann beim Fußi-Gucken also zwischen Kneipen- und Kino-Atmosphäre.

Schulterblatt 73 (Sternschanze), Mo-Fr ab 10 Uhr, Sa-So ab 12 Uhr; www.dreiundsiebzig.de

8. Lattenplatz beim Knust

Im Sommer kann es ziemlich voll werden, aber die Stimmung ist super. Dieser Ort ist bestens geeignet, um mit einer großen Gruppe an Freunden spontan aufzukreuzen. Man sitzt auf Bierbänken und guckt sich Fußball auf einer kinotauglichen Leinwand an. Oder man steht etwas abseits mit einem kühlen Blonden in der Hand, verfolgt das Spiel mit einem Auge und mit dem anderen das Treiben auf dem ehemaligen Schlachthof.

Neuer Kamp 30 (Sternschanze); www.knusthamburg.de

9. Otzentreff

Bierige Atmosphäre in dieser urigen Sankt Pauli Raucherkneipe: Billige Drinks und tolles Personal runden das Erlebnis ab. In der Gruppenphase kann man sich im Otzentreff alle wichtigen oder spät stattfindenden Spiele ansehen – danach werden alle gezeigt.

Otzenstraße 4 (St. Pauli), Mo-Sa 19–0, So 20–0 Uhr; www.otzentreff.net

10. Schramme 10

Best of both worlds: Fußball gucken, Fachsimpeln, und zwischendurch schnell an die Bar um was zu trinken. Die Schramme ist eine typische Kneipe ohne Schickschnack. Die simple Holzeinrichtung ist urig und gemütlich. Wer trinkt, muss natürlich auch essen: Es gibt nicht nur eine leckere Speisekarte, sondern auch körbeweise Erdnüsse zum selber knacken. Die Schalen landen auf dem Boden und werden gegen Ladenschluss einfach großflächig aufgefegt – Statt zu randalieren könnten Choleriker die Leinwände also einfach mit Erdnusschalen bewerfen, falls der Ball nicht ins Tor geht. Für den besten Platz vor der Leinwand am besten früh kommen oder einen Platz reservieren.

Schrammsweg 10 (Eppendorf); So-Do 12–2 Uhr, Fr-Sa 12–4 Uhr; www.schramme10.com

11. Überquell

Überquell Biergarten in Hambrg Foto: Jupiter Union

Foto: Überquell

Es muss nicht immer nur ein herbes Pils sein: Das selbstgebraute Craft Beer vom Überquell bereichert den Fußballabend zusätzlich. Dazu gibt’s Pizzakreationen und rustikal-hippes Ambiente. Alle Deutschlandspiele werden auf der Sonnenterrasse übertragen. Wenn auf der Leinwand nichts passiert, kann der Blick träumerisch zum Hafen wandern.

St. Pauli Fischmarkt 28-32; Mo-Do 17–23 Uhr, Fr-So ab 12 Uhr; www.ueberquell.com

Beitragsfoto: Knust


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Darf’s noch etwas mehr Fußball sein?

Freiwurf für alle – die Handball-Inklusionsliga

Fünf Vereine, acht Teams, eine Liga. „Freiwurf Hamburg“, die einzige Handball-Inklusionsliga in Deutschland, ist eine Hamburger Erfolgsgeschichte.

Als die Mannschaften eingeteilt werden, habe ich ein Problem. Beim Sport bin ich extrem ehrgeizig, will unbedingt gewinnen. Andererseits kann ich doch unmöglich mit voller Power spielen, oder? Schließlich nehme ich als Journalist am Training der Inklusionshandball-mannschaft Spielgemeinschaft Wilhelmsburg teil. Um mal zu erspüren, wie das ist, wenn Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Handball spielen. Plötzlich passiert es, während ich noch sinniere. Ich passe in der Verteidigung nicht auf und wir kassieren das Tor zum 0:1. „Toooor“, ruft Lennart und dreht strahlend ab. Der kräftige 27-Jährige hat die plötzliche Lücke in der Deckung genutzt. Zwanzig Minuten später bin ich ganz schön ins Schwitzen gekommen. Gewinnen war auf einmal gar nicht mehr so wichtig. Besonders gefreut habe ich mich, als Tanja – die einzige Rollstuhlfahrerin auf dem Feld – einen gelungenen Pass gespielt hat.

Jens Krüger ist seit über 50 Jahren beim SG Wilhelmsburg – zuerst als Spieler, dann als Trainer. Foto: Jakob Börner

„So ist das bei uns. Es geht vor allem um das Miteinander und weniger um die Leistung“, sagt Jens Krüger (57). Der Mann ist eine Handball-Institution in Wilhelmsburg. Seit über 50 Jahren im Verein – erst als Spieler, dann als Trainer – gründete er die Inklusionsmannschaft, die in der einzigen vom Deutschen Handball-Bund offiziell anerkannten Handball-Inklusionsliga spielt: „Freiwurf Hamburg“. Aus fünf Hamburger Vereinen haben sich dabei acht Teams mit fast hundert Sportlerinnen und Sportlern mit und ohne Behinderung gebildet, die in einer Liga gegeneinander antreten.

„Warum eigentlich nicht Handball?“

Eine dieser Mannschaften ist die SG Wilhelmsburg „Ich habe in allen Sportarten gesehen, wie sie auch von behinderten Menschen mit Leidenschaft betrieben wird. Da habe ich mir gedacht: Warum eigentlich nicht beim Handball?“, sagt Krüger. Torschütze Lennart ist ein gutes Beispiel dafür, wie goldrichtig die Gründung des Teams war. Durch Komplikationen bei der Geburt leidet er unter Sauerstoffmangel im Gehirn, ist oft orientierungslos, kann sich schlecht artikulieren. „Aber er ist ein herzensguter Kerl. Am Anfang kam er alle vier Wochen aus Ratzeburg her, dann alle zwei, mittlerweile ist er jede Woche dabei“, erzählt Krüger. Lennarts Vater Uwe ist ebenfalls in die SG Wilhelmsburg eingetreten. „Unser Sohn fiebert dem Training und den Spieltagen richtig entgegen“, sagt er.

Die Basis dafür, dass dies alles möglich war, hat Martin Wild geschaffen. Er ist der Vorsitzende der Inklusionsliga „Freiwurf Hamburg“. 2009 baute er beim Altrahlstedter Männerturnverein (AMTV) die erste Handball-Inklusionsmannschaft in Hamburg auf. „Die Idee kam damals sofort super an. Die Halle war proppenvoll mit 18 Leuten. Wir trainierten ein Jahr für uns, und natürlich wollte die Mannschaft schon gern gegen andere Teams spielen.“ Glücklicherweise waren bereits andere Handballvereine aufmerksam geworden – und Wild war bereit, weitere Pionierarbeit zu leisten.

Feinarbeit vorm ersten Anpfiff

Erst leistete er Aufbauhilfe beim SV Eidelstedt, danach beim FC St. Pauli. Mit der SG Wilhelmsburg und dem Elmshorner Handball- Team kamen zwei weitere Vereine dazu. Und im Jahr 2013/14 startete „Freiwurf Hamburg“ unter dem Dach des Deutschen Handball-Bundes, der von der Idee ebenfalls begeistert war. Doch vor dem ersten Anpfiff war viel Feinarbeit notwendig. Unter dem Motto „Inklusion für alle in der Metropolregion Hamburg“ wurde das Projekt wissenschaftlich begleitet, unter anderem von der Uni Hamburg und der Sporthochschule Köln. Die Regeln wurden stets angepasst, damit wirklich alle Spielerinnen und Spieler unter fairen Bedingungen dabei sein können.

Taktische Besprechung: Das Trainerteam bei der Arbeit. Foto: Jakob Börner

So gibt es zum Beispiel für Rollstuhlfahrerinnen wie Tanja einen eigenen Streifen auf dem Feld, in dem nur sie den Ball berühren dürfen. „Das Ganze ist ein demokratischer Prozess. Wir überprüfen fortlaufend, ob wir unserem Anspruch an Inklusion für wirklich alle gerecht werden können. Manchmal ist das anstrengend und mühselig, aber es lohnt sich wirklich sehr“, sagt Wild. Wichtig ist also nicht, wer jedes Jahr Meister wird. Wichtig ist, dass Menschen wie Lennart und Tanja mit ganz viel Leidenschaft am Sport Spaß haben können. Eine gelungene Lektion für Menschen wie mich.

Text: Mirko Schneider
Fotos: Jakob Börner

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 Dieser Text stammt aus der Beilage „Vielfalt Leben“, dem gemeinsamen Magazin von SZENE HAMBURG (Juni 2018) und dem Inklusionsbüro. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!