Was für ein Theater! Die Saison 2015/16 ist zu Ende und unsere AutorInnen haben gewählt

Söhne & Söhne

Zum zweiten Mal holte Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier das dänisch-österreichische Künstlerduo „Signa“ nach Hamburg. Mit „Söhne & Söhne“ entwarf Signa eine  Theaterrealität als Psychospiel

Das dänisch-österreichische Künstlerduo „Signa“ brachte bereits 2013 mit „Schwarze Augen, Maria“ eine der ungewöhnlichsten Performance-Installationen nach Hamburg. Eine Parallelwelt aus Theater, Performance und Bildender Kunst, durch die sich der Zuschauer bewegte.  Jetzt kommt im November die zweite Arbeit der freien Gruppe ans Schauspielhaus: „Söhne & Söhne“. Ein sonderbares Familienunternehmen, das nur im Hintergrund operiert, niemals Gewinne verzeichnet, und ein undurchsichtiges Verfahren sucht die Angestellten aus, die sich auf ewig verpflichten. Jetzt soll eine Zweigniederlassung in Hamburg gegründet werden, der Zweck: ungewiss.

/ Vorankündigung von Hedda Bültmann erschienen 11/2015 in SZENE HAMBURG

Deutsches SchauSpielHaus Hamburg: „Söhne & Söhne“ – Eine Performance-Installation von SIGNA

Deutsches SchauSpielHaus Hamburg: „Söhne & Söhne“ – Eine Performance-Installation von SIGNA

Dekadentes Luxusprojekt

SIGNA ist wohl die spannendste Gruppe, die zurzeit europaweit inszeniert. Lisa Scheide traf sich nach der beeindruckenden Premiere von „Söhne & Söhne“ mit der Dänin Signa Köstler. Sie ist mit ihrem Mann Arthur Köstler Kopf der Gruppe. Ein Gespräch über die Performance-Installation und  Theater als dekadentes Luxusprodukt

SZENE HAMBURG: Das Stück ist psychologisch übergriffig. Meine erste Station war die „Abteilung für Resistenz-Schulung“. Ich habe kurz mit dem Gedanken gespielt zu gehen, weil die Kriegssimulation im Dunkeln mich sehr geschockt hat. Wozu diese Radikalität?

Signa Köstler: Es ist doch umgekehrt: Diese Sachen gehören ja zum Leben, ich habe sie nicht erfunden. Die Brutalität, der Druck, Krieg. Vor ein paar Jahren haben wir Gewalt noch viel deutlicher dargestellt. Dann habe ich festgestellt, wenn ich so insistiere, nehmen die Menschen Abstand, indem sie zumachen.

Ein Teilnehmer hat sich vor dem „Büro für interne Gesetze“ heftig über die inszenierten Machtstrukturen aufgeregt. Kam es schon einmal zu einer Eskalation?

Ich wurde letzte Woche von einem Menschen aus dem Publikum geschlagen. Erst wollte er in mein Büro nicht rein und dann konnte ihn keiner dazu bringen, es wieder zu verlassen. Als ich es versucht habe, hat er „bam-bam“ zugeschlagen. Das passiert aber selten.

Freut sie das oder finden sie das erschreckend?

Gerade diesen Teilnehmer hat „Söhne & Söhne“ so überfordert, dass er keine Grenze ziehen konnte. Ich habe mir Sorgen um ihn gemacht. Ich bin selten erschrocken, aber die Darsteller müssen wirklich gut aufeinander aufpassen. Jeder muss sich auf den anderen verlassen können, niemand darf alleingelassen werden.

Sie kommen nicht aus dem Schauspielbereich, woher kommt es, dass sie so radikale Theaterstücke entwickeln können?

Ich war nie ein Theatermensch. Ich habe Kunstgeschichte studiert und meinen Bachelor gemacht. Nebenbei war ich im Rotlicht tätig als Nachtklubtänzerin und Champagner-Mädchen. Dort habe ich diese Form der Interaktion gelernt. Das ist die beste Schule dafür, aber auch eine harte. Man muss eine Intimität, Vertrauen und Magie schaffen, und die Wünsche des Gentleman gegenüber deuten können.

Wie kommt man von dort zu einem Stück wie „Söhne & Söhne“?

Das hat noch viele Jahre gedauert (lacht). Mein Interesse galt der Kunstperformance. Gekoppelt mit meiner Erfahrung im Rotlichtmilieu war mir klar, was das für eine unglaubliche Kraft hat. Und ich war jung, Mitte zwanzig, und hatte wenig Ehrfurcht vor dem Theater, auch weil ich mich nicht auskannte.

Es ist beeindruckend, mit welcher Liebe zum Detail ihr das ehemalige Schulgebäude umgestaltet habt. Wie wichtig ist das ästhetische Konzept?

Sehr, sehr wichtig. Wir kommen ja aus der Bildenden Kunst, mein Mann Arthur und ich und Mona el Gammal, die mit mir das Bühnenbild gemacht hat. Ich sehe die Räume wie ein Skript. Sie sind auch Teil der Proben. Die Darsteller müssen sich jedes Objekt ganz genau angucken und darüber nachdenken, was heißt dieses Objekt für meinen Charakter. Jedes Objekt hat eine Bedeutung, nichts ist zufällig.

50 Darsteller und 70 „Zuschauer“. Das ist sehr teuer und vor allem tut es mir um jeden Hamburger leid, der das Stück nicht mehr sehen kann, weil es seit der Premiere komplett ausverkauft ist. Ist das nicht hochgradig elitär?

Ja, es ist irgendwie ein dekadentes Luxusprodukt. Das ist schade, denn es ist eine Wahnsinnsarbeit und nicht billig. Aber man kann nicht mehr Leute reinlassen. Das Stück funktioniert nur über die Nähe. Sonst müssten wir wieder ins Theater und dann hat man die Leute wieder passiv im Dunkeln sitzen. Das interessiert mich nicht.

Macht, Unterdrückung, religiöse Diktatur, patriarchale Hierarchie. Sind das die zentralen Themen des Stückes oder ist „Söhne & Söhne“ im Kern eine Kapitalismuskritik?

Puh …, es ist nicht nur eine Wirtschaftskritik, das wäre zu wenig. Es geht um zwischenmenschliche Beziehungen und um das Individuum in der Gesellschaft. Jede Vorstellung ist eigentlich eine Verhandlung über die conditio humana. Wie wir miteinander umgehen, ob wir Verantwortung übernehmen oder nicht. Klingt nicht sehr originell … (schmunzelt).

Das versteht man vor allem, wenn man das Stück gesehen hat. Um ihre eigene Rolle zu proben, haben Sie immer wenig Zeit, aber die Tränen des Oikonomos Walerian Lieblingssohn I. waren echt?

Ja, im Spiel kriege ich das hin. Aber als Privatmensch bin ich eine harte Nuss, ich weine nie (lacht).

Ist ein neues Stück geplant in Hamburg?

Das hängt mit der Intendanz von Karin Beier zusammen, sie hat uns nach Hamburg geholt. Wenn sie geht, gehen wir auch.

/ Interview Lisa Scheide, erschienen 12/2015 in SZENE HAMBURG

Schule in der Averhoffstraße 38, Premiere: 6.11.2015

Fotos: Arthur Köstler

Le Nozze di Figaro

Die Staatsoper Hamburg zeigt den vielleicht auffälligste Wandel dieser Saison: Opern-Intendant Georges Delnon bringt Schwung in den behäbigen Apparat

Nicht alles kommt gut an, was dort auf der Bühne passiert, aber das Programm ist deutlich spannender und mutiger geworden – und manches auch richtig toll.

Es ist ein frischer Wind, der über die Hamburger Opernbühne fegt. Und zwar von der ersten Note von Mozarts Verwechslungsoper „Le Nozze di Figaro“ an. Handschriftliche Notenblätter werden zur Ouvertüre medial projiziert, die Noten beginnen als Trickfilm lebendig zu werden, sich zu einem Schwarm galoppierender Spermien zu formieren – ein ironischer Wink auf die erotischen Wirrungen im Hause Almaviva, die in den nächsten drei Stunden folgen.

Da funkelt ein Figaro auf der Hamburger Bühne, der alles Verquaste der komischen Oper abgeworfen hat. Als Bühnenbild ein Käfig aus Notenblättern, bei dem sich immer mal Luken öffnen – ganz gemäß der Handlung: Der lüsterne Graf Almaviva (Kartal Karagedik) trachtet stets danach, eine Nacht mit Figaros Braut Susanna (eine großartige Katerina Tretyakova) zu verbringen. Die feudalen Verführungs- und Machtgelüste des Grafen brechen durch die dunklen Löcher – bis der Notenkäfig als Skelett menschlicher Leidenschaft völlig freigelegt ist. Inszeniert als fulminantes Bild zur Pause, bei dem alle Notenblätter gleichzeitig zu Boden flattern und die Eisenstäbe darunter zum Vorschein kommen.

Regisseur Stefan Herheim entblößt das universelle Begehren und die Urseele in Mozarts Oper, der Graf steht am Schluss als lächerlicher Liebesbettler da, besonders in der zweiten Hälfte geht das als existenzieller Strang angenehm übers Lustspiel hinaus. Herheim, Regiestar aus Norwegen, gibt mit Mozarts Oper sein Debüt in Hamburg und hat mit Dirigent Ottavio Dantone einen Spezialisten für Alte Musik zur Seite. Die beiden stemmen einen sinnlich-spielerischen Mozart, der zum Theatralen drängt. Der Einsatz von Licht und intensiven, auch melancholischen tableauartigen Bildern in der zweiten Hälfte lässt ahnen, dass von der Oper in Hamburg unter neuer Intendanz noch ein kleines Beben zu erwarten ist.

/ Kritik von Stefanie Maeck erschienen am 12/2015 in SZENE HAMBURG

Hamburger Staatsoper, Premiere: 15.11.2015

Fotos: Karl Forster

La Passion

Eine Oper, die alles Opernhafte vermeidet. Ein zutiefst religiöses Werk ohne Pathos. Beides ist der Hamburger Staatsoper mit der Inszenierung der Matthäus-Passion in den Deichtorhallen gelungen

Die Boulevard-Presse leckte sich im Vorfeld die Finger, weil der skandalumwobene Regisseur Romeo Castellucci Bachs Werk auf die Bühne bringen sollte. Sie allein wurde enttäuscht. Bestürzend waren höchstens die ungewöhnlich vielen ärztlichen Notfälle im Publikum, die als ungeplante Allegorie manche Zuschauer auf bizarre und unmittelbare Weise erschütterten.

Castellucci selbst verzichtet auf jede emotionale Verdichtung des Stoffes: „grelles Putzlicht“ in der riesigen, nüchternen Ausstellungshalle, der Chor, das Philharmonische Staatsorchester inklusive Kent Nagano, die sechs Solisten, die Bänke, die Wände, der Boden – alles in Weiß. Der Text wird an die Rückwand geworfen, zwischen Musikern und Publikum liegt eine weite Projektionsfläche auf der moderne Allegorien zu den biblischen Passagen entstehen. Der Zuschauer hat ein Heft an die Hand bekommen, mit dessen Hilfe er Text, Bild und Musik zu einem komplexen Symbol zusammensetzen kann. 18 Bilder, die jedes für sich eine eigene Inszenierung darstellen.

STAATSOPER HAMBURG LA PASSIONE Musikalische Leitung: Kent Nagano Konzept,Inszenierung,Bühnenbild,Kostüme: Romeo Castellucci Künstlerische Mitarbeit: Silvia Costa

Ein Beispiel: VII Einsamkeit – Jesus betet im Garten Gethsemane bevor er von Judas verraten wird, der Tenor Bernhard Richter singt die 20. Arie, eine weiße Matte mit schwarzem Ring in der Mitte wir hineingezogen, zwei Ringer des Wandsbeker Athleten Club treten ein und beginnen miteinander zu ringen. Die Vielschichtigkeit der Allegorien und ihr Bezug zur Gegenwart versetzen die Matthäus-Passion in das Jetzt und Hier. Sogar die Musik verliert ihre religiöse Kraft, die Bachs Version des Leiden Christi in einer Kirche entfalten kann.

Eine Inszenierung also, bei der die Zuschauer den Kopf einschalten müssen, und das ist genau das richtige Zeichen in Zeiten des religiösen Fanatismus.

/ Kritik von Lisa Scheide erschienen 05/2016 in SZENE HAMBURG

Internationales Musikfest – Eröffnungsstück der Staatsoper in den Deichtorhallen, Premiere 21.4.2016

Fotos: Bernd Uhlig

Unterwerfung

Michel Houellebecqs umstrittener Roman „Unterwerfung“ von Karin Beier klug als Monolog inszeniert, war eines der gefeierten Stücke der Saison – und ein grandioser und facettenreicher Kraftakt mit Edgar Selge als desillusioniertem Literaturprofessor

Als Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ in Frankreich erschien, erregte der Schriftsteller nicht nur viel Aufmerksamkeit mit seinen brisanten Thesen, am selben Tag, dem 7. Januar 2015, überfielen islamistische Terroristen in Paris die Satirezeitung Charlie Hebdo und töteten elf Menschen.

In seiner Utopie beschreibt der Franzose den wachsenden politischen Einfluss des Islams und den Zerfall der westlichen Kultur. Beunruhigend und beklemmend ist die im Jahr 2022 angesiedelte Handlung auch, weil Houellebecqs Zukunftsvision eines Paradigmenwechsels – von den Idealen der französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – zu einer Rückkehr der Religion durchaus vorstellbar ist.

Die Intendantin Karin Beier lässt in ihrer Inszenierung (klug verdichtete Textfassung gemeinsam mit Rita Thiele) den großartigen Edgar Selge in der Rolle des desillusionierten und beziehungsunwilligen Uniprofessors Francois die Ereignisse als Monolog erzählen: Der Front National ist gewaltig im Aufwind. Um einen wahrscheinlichen Wahlsieg zu verhindern, verbünden sich die bürgerlichen Parteien mit der gemäßigten islamischen Bruderschaft und deren Oberhaupt Mohammed Ben Abbes wird Frankreichs erster muslimischer Präsident. In kürzester Zeit wird das öffentliche Leben umgekrempelt: Schulen und Universitäten werden muslimisiert, es gibt Vollbeschäftigung, weil die Frauen nicht mehr arbeiten dürfen und die Polygamie wird eingeführt.

Das Bühnenbild besteht aus einer riesigen schwarzen Wand an der vorderen Rampe mit eingestanztem Kreuz in der Mitte (Bühnenbild: Olaf Altmann). Während Selge die Ereignisse in Paris rekapituliert – trotz des ernsthaften Themas mit viel Witz und Spritzigkeit – klettert der 67-Jährige unermüdlich in dem hohlen Metallkreuz herum, das sich fast die ganze Zeit langsam dreht – eine grandiose körperliche und schauspielerische Leistung über mehr als zweieinhalb Stunden. Für seine ausgeklügelte Darstellung bekam er vom Publikum bei der Premiere der deutschsprachigen Uraufführung minutenlang stehende Ovationen.

/ Kritik von Angela Kalenbach erschienen 03/2016 in SZENE HAMBURG

Schauspielhaus, Premiere: 6.2.2016

Fotos: Klaus Lefebvre

Die Dreigroschenoper

Der „epischer Theater-Workshop“ im Thalia Theater wurde bei SZENE HAMBURG gleich zweimal zum Highlight der Saison gewählt und ist eine weitere gepriesene Regiearbeit von Antú Romero Nunes

Das Thalia Theater bringt zur Saisoneröffnung Brechts populären Klassiker „Die Dreigroschenoper” als extrareduzierte Dreigroschen-Werkstatt. Der nackte Bühnenraum mit seiner schwarzen Patina bleibt ganz ohne Projektionen und Tafeln, nicht mal einen Vorhang gibt es. Lediglich ein schwarzes Tuch an der rückwärtigen Seite verbirgt zu Beginn die Band auf der Bühne. Peachums (Jörg Pohl) erster Auftritt dient auch gleich zur Einführung in die Formalia des Abends: Auf Kulissen und Requisiten werde verzichtet, man erläutere nur jeweils kurz Ort und Personal des Geschehens. „Zuschauer ohne Imagination können eigentlich gleich wieder nach Hause gehen!“, krakeelt er mit einer Stimme wie eine Parodie auf Brecht. Das kommt nicht von ungefähr, denn er und alle Darsteller sind identisch gekleidet als Brecht’sche Doppelgänger mit Blaumann, Mütze, Brille und ab und an einer Zigarre. Hier wird der zur Selbstdarstellung neigende Brecht gleich mitinszeniert.

Die Darstellerriege ist gut bei Stimme und mit enormer Bandbreite. Sie geben die Figuren in einem Mix von Pathos und überspitzter Parodie, treten dabei immer wieder aus der Rolle, kommentieren ihr Spiel, wiederholen eine Szene, debattieren über „zeigendes Zeigen” und die beste Art, ein Lied vorzutragen. Nebentexte werden erzählt und mitunter Brechts Anmerkungen für die Schauspieler zitiert, unterstrichen von Pantomime und Geräuschemacherei. Ein paar textliche Aktualisierungen und regionale Bezüge sorgen für Amüsement. Das ist episches Theater praktiziert in seiner Potenz; ein Workshop für Fortgeschrittene und ein Vergnügen für den Brechtkenner.

Den berittenen königlichen Boten, der am Ende auftaucht „als die Not am größten“, inszeniert Hausregisseur Antú Romero Nunes als Kommentar auf die formalen Verpflichtungen des Brecht’schen Theaters. Der Bote ist zwar kostümiert, aber das Pferd eindrucksvoll echt – wie die Äpfel, die es hinterließ.

/ Kritik von Reimar Biedermann erschienen 10/2015 in SZENE HAMBURG

Thalia Theater, Premiere: 12.9.2015

Foto: Armin Smailovic

Soul Kitchen

Ingo Putz’ brüllend komische Adaption von Fatih Akins Kultstreifen „Soul Kitchen“ am Ohnsorg – um Längen besser als das Original!

Der gleichnamige Film von Fatih Akin aus dem Jahre 2009 war ein Knaller und die Messlatte hoch für die Theateradaption im Ohnsorg. Doch die Inszenierung unter der Regie von Ingo Putz hat nicht enttäuscht: Ein Hamburg-Stück mit Soul Kitchen-Atmosphäre. Vor allem das hervorragende Ensemble verkörpert die eigenwilligen Figuren auf seine ganz eigene Weise und macht aus dem Stoff eine charmante Theaterversion des Kultfilms – mit einem blonden Sino und (fast) alles auf Plattdeutsch.

Sino (Holger Dexne) ist Besitzer des Restaurants Soul Kitchen – Ein Ort, an dem Freunde und Familie zusammenwachsen. Loyalität und Freundschaft ist das große Thema des Stücks. Denn Sinos Leben gleicht einer Berg- und Talfahrt: Seine Freundin Nadine geht nach Shanghai, er erleidet einen Bandscheibenvorfall und im Soul Kitchen herrscht Flaute, seit der „Vier Jahreszeiten“-Koch anstatt Pizza, Gerichte wie „De Divel sün Klöten“ auf die Speisekarte gesetzt hat.

Dafür nistet sich Love mit ihrer Band ein, gespielt von der Sängerin Love Newkirk, die stimmgewaltig den Soul ins Ohnsorg bringt. Und auch das Restaurant füllt sich wieder mit Kundschaft, die die Band hören will. Es läuft, aber nicht lange gut. Sinos Freundin verlässt ihn und die Beziehung zu seinem Bruder Linus (Tim Ehlert) wird auf die Probe gestellt, denn Liebe und Verrat liegen dicht beeinander. Doch als das Soul Kitchen in die Hände des Immobilienhais Neumann (Tobias Kilian) fällt, dreht der liebenswerte Haufen richtig auf, um sich sein Zuhause zurückzuholen.

Es ist ein Abend der Sinne über zweieinhalb Stunden – ganz ohne Längen. Im Gegenteil: das Stück ist frech, überzeugt durch Witz und scheut sich nicht vor pikanten Szenen. Im Spielplan des Ohnsorg Theaters die wohl ungewöhnlichste Inszenierung und eine gelungene Überraschung.

/ Kritik von Hedda Bültmann erschienen 04/2016 in SZENE HAMBURG

Ohnsorg Theater, Premiere: 18.3.2016

Foto: Sinje Hasheider

Das Schloss

Die Schauspieler Jörg Pohl und Mirco Kreibich vom Thalia-Ensemble sind in dieser Spielzeit besonders auffällig gewesen. Auch in dieser etwas unausgegorenen Kafka-Inszenierung des gefeierten Haus-Regisseur Antú Romero Nunes spielen sie großartig auf

Adipöse, verkrüppelte Un-Wesen bevölkern das Dorf vor dem Schloss, sie sind mies, verschlagen, gewalttätig, pädophil und absolut fremdenfeindlich. Auch dem Publikum gegenüber gebaren sie sich widerwärtig. Frontal sprechen die Schauspieler zeitweise ihren Text in den Saal und machen so den Zuschauer zum Landvermesser K., der angeblich im Auftrag des Schlosses gekommen ist, um seine Arbeit zu machen. Auf bisweilen grotesk-komische Art versucht man ihn loszuwerden. Bezirpst, beschimpft, verlacht ihn und führt ihn an der Nase herum.

Das Schloss nach Franz Kafka Premiere Thalia Theater am 4. Juni 2016 Regie Antú Romero Nunes Bühne Matthias Koch  Kostüme Victoria Behr Musik Johannes Hofmann Dramaturgie  Matthias Günther Darsteller Mirco Kreibich (liegend),  Cathérine Seifert (hintenlinks), André Szymanski (hinten rechts) Copyright by Armin Smailovic Gravelottestrasse 3                               D- 81667 Muenchen         Commerzbank Muenchen   Kto. 682038400 Blz. 70080000   Veröffentlichung honorarpflichtig! Umsatzsteuersatz 7% Steuernummer 146/198/60102  FA München

Kein schöner Ort, den der junge Hausregisseur Antú Romero Nunes heraufbeschwört, aber das hat bei dem Stoff wohl auch niemand erwartet. Die Inszenierung von Kafkas unvollendetem Text „Das Schloss“ beschäftigt sich im Gegensatz zu seinem Werk allgemein weniger mit gott-ähnlicher Bürokratie, vielmehr legt Nunes den Fokus auf Fremdenfeindlichkeit und Legitimation des Daseins. Dieser Teil ist sehr gelungen. Schön auch, dass das Stück zunächst nicht mit Bedeutung überfrachtet wird. Es ist eher bösartig verspielt. Als das Publikum vor einem absurden Dorftribunal sitzt und ein Rock mit Kopf auf einem Rollstuhl herangedribbelt kommt, lässt sich der Regisseur sogar zu einem Pupswitz hinreißen.

Das Schloss nach Franz Kafka Premiere Thalia Theater am 4. Juni 2016 Regie Antú Romero Nunes

Merkwürdig nur, wie in der letzten Etappe sich plötzlich alles ändert: Die sieben Schauspieler werfen ihre wanstigen, hässlichen Körperkostüme ab. Die Figuren wirken jetzt noch grausamer, weniger mitleiderregend. Mirco Kreibich mutiert in einer gigantischen, zirkusreifen Leistung zu einem Käfer und dann zum Landvermesser K. Das Stück wird im Fast-Forward-Modus noch einmal durchgespielt und endet dramatisch, apokalyptisch, bedeutungsschwanger. Eine merkwürdige Wendung, die den Zuschauer, wie den Landvermesser im Schlussbild, im Schnee stehen lässt.

/ Kritik von Lisa Scheide erschienen am 07/2016 in SZENE HAMBURG

Thalia Theater, Premiere: 4.6.2016

Fotos: Armin Smailovic

Unter Verschluss

Im Theater Kontraste finden immer wieder kurzweilige Theaterabende satt, die das Denkvermögen nicht beleidigen – von der bissigen Komödie bis zum Psychothriller. Im April hatte dieser Krimi der Eitelkeiten Premiere

Was wiegt mehr: die eigene Existenz oder die Wahrheit? Die anerkannte Journalistin Silvia muss sich entscheiden, als sie in ein Machtspiel mit dem Präsidenten Victor Bosch (Sebastian Herrmann) und dessen Assistent Cáceres gerät. Die drei kommen in einem Fernsehstudio zusammen, um eine Live-Interview zu absolvieren. Doch hinter den Kulissen konfrontiert sie den „mächtigsten Mann der Republik“ mit Fotos, die ihn in einer eindeutigen Situation mit einer Minderjährigen zeigen.

Während Silvia (Katharina Abt) von ihm ein Geständnis einfordert, erhält sie die Nachricht, dass ihre Teenager-Tochter wegen Drogenhandels verhaftet wurde. Cáceres (Felix Lohrengel) bietet ihr einen Deal an, bei dem sie ihre berufliche Integrität, ihre Verantwortung der Familie gegenüber und auch ihre persönliche Eitelkeit in eine Waagschale wirft. Der Ring ist eröffnet und die verbale Schlammschlacht beginnt. Gesagtes wird von der Gegenpartei verdreht und zum eigenen Strick: „Ich hoffe, es hat euch nicht so viel gekostet, wie mich. Das ist beschämend“ – „Ich finde es beschämend, dass es Kinder gibt, die ihre Klassenkameraden mit Drogen versorgen.“

Pointierte Dialoge, die klug miteinander verwoben sind, machen das Stück in der Regie von Harald Weiler zum spannenden Psycho-Plot. Moralische Grundsätze werden durchleuchtet, aber auch die Rollenverteilung der Geschlechter wird thematisiert. Silvia, die einzig menschliche Regungen zeigt, prallt auf eine Männerfront, die genau deshalb die Szenerie eiskalt beherrscht und nicht davor zurückschreckt, sie chauvinistisch anzugreifen. Doch nichts ist eindeutig, es gibt weder gut noch böse, denn das ist eine Frage der Perspektive. Souverän überzeugen die drei Schauspieler im Ringen um Wahrheit, Verleumdung und Macht. Ein Spektakel menschlicher Abgründe.

/ Kritik von Hedda Bültmann erschienen 04/2016 in SZENE HAMBURG

Theater Kontraste, Premiere: 3.3.2016

Fotos: Oliver Fantitsch

Im Ausnahmezustand

Die „Wortgefechte-Reihe“ des kleinen Sprechwerks beeindruckte in der vergangenen Saison. So auch das Stück „Im Ausnahmezustand“ über eine geistig verdorrte Elite

Herauszuheben ist die mutigen Stückauswahl und der großartigen Umsetzungen mit minimalen Mitteln und konsequenter Durchführung, (fast) ohne Förderung.

„Du musst es in dir wiederfinden, sonst sind wir verloren. Und fallen Tausende Meter in die Tiefe, wo wir zappeln und schreien und schreien, bis uns die Sonne das Hirn wegfrisst“, sagt die namenlose Frau (Catharina Fleckenstein) zu ihrem Mann, als dieser durch einen Burn-out seinen Arbeitsplatz in Gefahr bringt – und die Existenz der gesamten Familie. Denn in dem Stück „Im Ausnahmezustand“ von Falk Richter droht bei Jobverlust der Rauswurf aus der „Gated Community“, eine abgeriegelte Siedlung für ausgewählte Mitglieder, die soziale Elite, abgetrennt durch einen Zaun vom „Draußen“, wo der gesellschaftliche Abfall lebt.

Von dort haben es vor zwanzig Jahren der Mann (Tom Pidde) mit seiner Frau in die vermeintliche Sicherheit innerhalb des Zaunes geschafft. Seitdem haben sie sich an die ungeschriebenen Gesetze der Community, Produktivität und Anpassung, gehalten – bis jetzt. Der Mann funktioniert nicht mehr und die Teenager-Tochter (Ines Nieri) wird aufmüpfig. Mit allen Mitteln versucht die Frau ihren sozialen Status aufrechtzuerhalten und entpuppt sich unter ihrem biederen Äußeren als paranoide Tyrannin: Ihrem Mann empfiehlt sie einen Seitensprung, um seine Energie aufzutanken und nachts legt sie sich unter das Bett ihrer Tochter, um zu belauschen, was diese im Schlaf spricht.

Regisseurin Frederike Barthel dokumentiert den Zerfall einer Familie. Als das Heile-Welt-Konstrukt gestört wird, brechen die Bedürfnisse und Ängste des Einzelnen, die seit langer Zeit unter der Oberfläche gären, hervor. Das Familienleben wird zur Farce und Vater, Mutter, Kind zu Feinden. Die darüber einsetzende Sprachlosigkeit innerhalb der Familie wird über unvollendete Satzfragmente im Text transportiert (und hervorragend vom Ensemble umgesetzt), die innere Kapitulation vor der eigenen Unzulänglichkeit durch das Abnehmen der Perücken.

Klug inszeniert mit kreativen Kniffen, zeichnet das Stück die Familie in ihrem Mikrokosmos als Abbild unserer in Aufruhr geratenen Gesellschaft, und die Community als Metapher für das Leistungssystem. Auch kann man gedanklich den Bogen zur heutigen Flüchtlingssituation schlagen. All jene, die von draußen am Zaun rütteln, um reingelassen zu werden und Panik bei der Wohlstandsgesellschaft auslösen. Neunzig Minuten, die nachwirken.

/ Kritik von Hedda Bültmann erschienen 02/2016 in SZENE HAMBURG

Sprechwerk, Premiere: 8.1.2016

Foto: Stefan Malzkorn

Pygmalion

Der Klassiker von George Bernard Shaw wurde zu einem modernen ebenso spannenden wie diskussionswürdigen Beitrag zur Flüchtlingsdebatte umgemodelt – doch es gefiel nicht allen in der Redaktion

Das Inlineskater sausen normalerweise aus Spaß in einer Halfpipe hin und her. Zudem können sie jederzeit aussteigen. In der Inszenierung von „Pygmalion“ am Thalia Theater wird die Halfpipe zu einer Falle. Das Büro von Professorin Higgins ist als solche gestaltet und füllt die ganze Bühne. Unheimliche Gestalten treiben darin ihr Unwesen, geckenhafte Frauen und Männer wie Modepuppen führen unter sinnentleert wirkenden Gesten eine absurde Choreografie auf. Wer über die Seitenwände zu entfliehen versucht, den zieht die Schwerkraft stets zurück. Beherrscht werden sie von der misanthropischen Professorin Higgins.

Als ein junger freundlicher Mann namens Eliza Sprechunterricht nehmen will, reagieren die Wesen um Higgins verschreckt. Denn in jener abnorm erscheinenden Welt wirkt Eliza wie ein Sonderling. Die Professorin nimmt die Aufgabe als „humanitären“ Auftrag, Eliza wird in ein rosa Kleid gesteckt und zur absoluten Anpassung verpflichtet. An dieser erzwungenen Umerziehung wird die Angst und Verwirrung eines Menschen in der Fremde deutlich. Oda Thormeyer verkörpert die Professorin als diabolische Überzeugungstäterin, die ihr Handeln als einzig logische Maßnahme zur Verbesserung von Elizas Leben begreift.

Entsprechend montieren die Regisseure Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo Teile der Textvorlage von George Bernard Shaw zu einer Parabel über Leitkultur und Menschenwürde. Allerdings bleibt so von der Dramatik und den amüsanten Dialogen des Originals nichts übrig. Dennoch, wer sich darauf einlässt, wird belohnt: Mit einem ebenso spannenden wie diskussionswürdigen Beitrag zur aktuellen Flüchtlingsdebatte.

/ Kritik von Reimar Biedermann erschienen am 04/2016 in SZENE HAMBURG

Thalia Theater, Premiere: 19.3.2016

Foto: Armin Smailovic