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Kinoeröffnung: Licht aus, Film ab!

Endlich: Die Hamburger Kinos öffnen. Ab dem 1. Juli knistert, knallt und kracht es wieder auf der großen Leinwand. Selten gab’s so viele gute Filme auf einmal zu bestaunen. Highlights sind die Oscar-Gewinner „Nomadland“ und „Der Rausch“. Die Kinobetreiber freuen sich und zählen auf die Treue des Hamburger Kinopublikums

Text: Marco Arellano Gomes

 

Laaaaaaaang hat’s gedauert. Seit Anfang November 2020 waren die Filmtheater geschlossen, die Säle blieben dunkel, die Filmliebhaber zu Hause. Nun ist es soweit: Die Kinobetreiber öffnen – voller Vorfreude und mit jeder Menge guter Filme.

Durch die Einführung des Schachbrettmusters stehen mehr Plätze zur Verfügung als zuvor. Die Auslastung der Säle kann dadurch in aller Regel auf etwa 50 Prozent (statt bislang 30) erhöht werden. Das ist ein deutlicher Gewinn zu den Bedingungen im vergangenen Sommer, als die Kinos für wenige Monate öffneten. Auch Getränke und Popcorn dürfen in diesem Jahr verkauft und verzehrt werden. Hierzu darf, wie die Behörde für Kultur auf Anfrage mitteilte, „kurzzeitig die Maske abgenommen werden“. Grundsätzlich bleibt es aber bei der Maskenpflicht in Innenräumen.

 

Gemeinsam statt einsam

 

Wie dem auch sei: Eine Aufbruchsstimmung macht sich breit. „Endlich wieder Kino!“ – nach all den Monaten der Entsagung. Endlich wieder Filme mit bestem Ton auf der großen Leinwand. Gemeinsam statt einsam. Die Kinobetreiber sind optimistisch bis euphorisch. Fleißig haben sie ihre Programme zusammengestellt, um dem Publikum ein unvergleichliches Filmerlebnis zu bieten. Ein Großteil von ihnen öffnet am 1. Juli ihre Tore (3001, Abaton, Alabama, ASTOR Film Lounge, Cinemax Dammtor, Wandsbek, Harburg, Magazin, Passage) – andere wollten nicht so lange warten und öffneten bereits am 17. Juni (Studio Kino, UCI-Multiplexe in Wandsbek, Othmarschen Park und Mundsburg), am 18. Juni (Metropolis), am 19. Juni (B- Movie), am 22. Juni (Zeise Kinos), am 24. Juni (Savoy Filmtheater mit den Fantasy Filmfest Nights) und am 30. Juni (Koralle). Hamburg ist eben vielfältig – auch was die Öffnungstage angeht.

Die Kinos müssen wie eh und je die bekannten Hygienekonzepte aufbieten: Desinfektionsmittel müssen bereitstehen, Abstand gewahrt und die Gäste mit ihren Kontaktdaten erfasst werden. Zusätzlich muss jedoch ein aktueller negativer Corona-Test oder der Nachweis einer Impfung beziehungsweise Genesung erbracht werden. Die Masken dürfen – wie erwähnt – auch im Saal nicht abgenommen werden, mit Ausnahme der Nahrungsaufnahme. Auf die Rückfrage, wie man sich das genau vorzustellen habe, sagte ein Kinobetreiber scherzhaft: „Na ja, wenn einer den ganzen Film lang an seiner Flasche nuckeln möchte, kann man wohl schwerlich etwas dagegen machen!“

 

„Filme genießen, statt sie bloß zu streamen“

Matthias Elwardt, Zeise Kinos

 

Christine Berg, Vorstandsvorsitzende vom Hauptverband Deutscher Filmtheater e. V. (HDF), wies immer wieder darauf hin, dass sich der Betrieb der Filmtheater ohne den Verkauf von Getränken und Popcorn in den meisten Fällen nicht lohne. Angesichts der effektiven Belüftungsanlagen, des Impffortschritts und der bundesweit sinkenden Infektionszahlen sei die Maskenpflicht Frau Berg zufolge ohnehin schwer nachvollziehbar. Mit dem Kompromiss können viele der Betreiber aber leben. Nun geht es darum, „die Filme zu genießen, statt sie bloß zu streamen“, sagt Matthias Elwardt von den Zeise Kinos.

Das sieht auch die Filmförderung Hamburg-Schleswig-Holstein so. „MOIN – Die erste Runde geht auf uns“ ließ diese am 15. Juni wissen und kündigte eine große Freikartenaktion zur Kinowiedereröffnung an. 16 Kinos in Hamburg machen mit. Der Eintritt ist in allen teilnehmenden Häusern am ersten Juliwochenende – von Donnerstag bis Sonntag für eine Vorstellung ausgewählter Filme frei. „Werft das Popcorn in die Höhe, die Kinos öffnen wieder!“, sagte Helge Albers, Geschäftsführer der Filmförderung. Ab sofort heißt es wieder: „Runter von der Couch – ab ins Lieblingskino ums Eck!“ so Albers.

 

„Bestes Filmangebot seit Jahren“

Felix Graßmann, Abaton Kino

 

An Filmangeboten mangelt es beim diesjährigen Kinostart nicht: Zwar lassen Blockbuster, wie der bereits dreimal verschobene neue Bond-Film „007 – Keine Zeit zu sterben“ (derzeitiger Starttermin: 30.9.), noch auf sich warten, doch mit den diesjährigen Oscar-Gewinnern „Nomadland“ (Bester Film und Beste Regie) sowie „Der Rausch“ („Bester nicht-englischsprachiger Film“) stehen gleich zwei Hochkaräter in den Startlöchern. „Das ist das beste Filmangebot seit vielen Jahren“, sagt Felix Graßmann, Leiter des Abaton. „Noch nie war es so einfach, das Programm mit guten Filmen zu füllen. Da hat sich richtig was angestaut.“ Im Juli starten unzählige Filme, die darauf warten, im Kino entdeckt zu werden. Filme die verzaubern, erstau- nen und zum Nachdenken anregen.

 

Aufgehübscht

 

Das Kino muss seine Ausnahmestellung nun unter Beweis stellen. Das wissen die Betreiber in Zeiten des Streaming nur zu gut. Viele von ihnen haben die vergangenen Monate genutzt, um ihre Lichtspielhäuser aufzuhübschen und hochzurüsten. Die Zeise Kinos und das Blankenese Kino ließen nigelnagelneue Soundanlagen mit Dolby 7.1.-Sound der neuesten Generation in ihren Hauptsälen einbauen, das Hansa-Filmstudio in Bergedorf ließ in seinen Toiletten Türen anbringen, auf denen Filmikonen wie Marylin Monroe, Julia Roberts oder Harrison Ford abgebildet sind. Die Kinobetreiber-Familie Jansen hat für alle ihre Kinos (Blankeneser Kino, Studio-Kino, Elbe-Filmtheater und Koralle) neue und modernisierte Websites entwickelt.

„Die Wiedereröffnung bringt uns ein grundsätzliches Gefühl der Freude und ermöglicht emotionale Gemeinschaftserlebnisse vor der großen Leinwand“, sagt auch Hans-Joachim Flebbe, Betreiber der ASTOR Film Lounge und des Savoy. Einen gewissen Groll aufgrund der Ungleichbehandlung hegt er aber noch: „Wir waren die Ersten, die schließen mussten und sind die letzten, die wieder an den Start gehen. Noch einmal wollen wir dies nicht erleben müssen – zumal Kinos immer sichere Orte sind und waren.“ Jetzt heißt es nach vorne schauen und große Emotionen auf der großen Leinwand ermöglichen: „Unser ASTOR wird wie zuvor auch ‚gehobenen Mainstream‘ anbieten. Wir freuen uns, wenn sich das Publikum dazu wieder in den bequemen Sesseln von unserem Team verwöhnen lässt.“

Das Metropolis, das 3001, das Magazin Filmkunsttheater und das B-Movie wiederum bieten ihre kuratierten Filmklassiker und Filmperlen, die ihre Leidenschaft für die Filmkunst und Filmgeschichte zum Ausdruck bringen. In Hamburg gibt es eben für jeden Filmgeschmack ein passendes Angebot. Das macht den Reiz der Kino-Stadt Hamburg aus. „Die Leute haben keine Lust mehr aufs Alleinsein“, so Hans-Peter Jansen. Sohn Nick Jansen, Geschäftsführer und Leiter des Studio-Kino, freut sich auf den Neustart. „Es fühlt sich ein bisschen so an, als würde man ein neues Kino eröffnen. Eine Mischung aus Aufregung, Anspannung und Vorfreude.“ Das Studio-Kino öffnete als eines der ersten, dicht gefolgt von den Zeise Kinos. „Filme sind für die große Leinwand gemacht“, sagt Zeise-Chef Matthias Elwardt. „Wenn man sich die Kameraaufnahmen in ‚Der Rausch‘ ansieht, wie sie komponiert sind, da sieht man das Schauspiel wie unter einer Lupe vergrößert auf der Leinwand. Man kann sich dem Rausch der Bilder einfach nicht entziehen und gibt sich ihnen hin.“

 

Das Kino-Imperium schlägt zurück

 

Es sieht so aus, als könnte das Kino seine mit Abstand schwerste Krise überleben und ein rauschhaftes Comeback erleben. Das Geschäftsmodell Kino hat in dem Moment an Attraktivität gewonnen, als es nicht mehr zur Verfügung stand. Das zeigt auch eine überraschende Ankündigung: Im südlichen Überseequartier (also mitten in der HafenCity), wurden Ende Mai erste Mieter aus dem Bereich Einzelhandel und Unterhaltung für die große, geplante Shoppingmeile bekannt gegeben: ein Legoland Discovery Centre und – man höre und staune! – ein weiteres Premium-Multiplex-Kino mit 10.000 Quadratmetern, zehn Sälen und mehr als 2.300 Sitzplätzen. Es wird das größte Kino Hamburgs sein und das erste Dolby Cinema Norddeutschlands, betrieben von der deutschlandweit agierenden Kette Kinopolis. Das Kino-Imperium schlägt zurück. Also: Licht aus, Film ab!


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Juni 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Premiere “Tussipark”: Das Ohnsorg-Theater ist zurück

Das plattdeutsche Ohnsorg-Theater kehrt mit der hochdeutschen Komödie „Tussipark“ zurück in den Betrieb

 

Es geht wieder los, endlich. Das Ohnsorg-Theater geht nach vier Monaten Zwangslockdown mit der Karaoke-Komödie „Tussipark“ von Christian Kühn wieder in Betrieb. Nebenbei gemerkt: Das erste szenische Theater in Hamburg seit dem Lockdown, denn das Tivoli eröffnete im Juli zwar als erste Theater, jedoch mit einer Show – wie auch Michael Lang nicht ohne Stolz am Premierenabend ankündigte.

Sichtlich erleichtert empfing der Ohnsorg-Intendant seine Gäste. Es sei so schön, endlich wieder Leben im Haus zu haben, sagte er. Und nein, das war keine Floskel, sondern aufrichtige Dankbarkeit. Den nur 123 Zuschauern (Abstandsregel…) bot sich daraufhin ein unbeschwerter Abend auf hochdeutsch mit vier Schauspielerinnen auf Hochtouren.

 

Tussipark: Das Stück hat einen hohe Gag-Dichte

 

Tanja Bahmani läuft im Brautkleid durchs Parkhaus, sie hat ihren Fast-Ehemann wegen vermeintlicher Untreue vor dem Altar stehen lassen. Caroline Kiesewetter ist die schlagfertige Lebensberaterin, deren Kalenderweisheiten ihr bei ihren Männerproblemen letztlich auch nicht weiterhelfen. Julia Holmes ist die schwangere Ehefrau, die nicht zurück zu ihrem unreifen Ehemann will. Und Rabea Lübbe spielt die verpeilte, liebenswerte Jennifer, die kein permanent Wörter verwechselt und Konversation und Konservation nicht unterscheiden kann.

Die vier Frauen verbringen eine Nacht im Parkhaus eines Einkaufszentrums (schönes Bühnenbild von Katrin Reimers) und teilen in rasanten Dialogen ihre Enttäuschung über die Männerwelt. Zum Ende schlucken sie Wunderpillen und mischen im Rausch das Einkaufszentrum auf – „Hangover“ lässt grüßen. Das Stück hat eine hohe Gag-Dichte, bisweilen mit Einpark-Kalauern auf Mario-Barth-Niveau, meist aber pointiert und mit Mut zum Quatsch: „Ständig kamen meine älteren Verwandten auf Hochzeiten zu mir und sagten: ‚Du bist die Nächste!‘ Bis ich anfing, auf Beerdigungen das gleiche zu ihnen zu sagen.“

 

Abstandsregeln auf der Bühne

 

Dazu gibt’s viele Hits: „Baby One More Time” von Britney Spears, „Wannabe” von den Spice Girls”, “Dancing Queen” von Abba, „Survivor“ von Destiny’s Child. Gesungen wird allerdings nur Playback (danke, Corona) – macht aber nichts, funktioniert trotzdem bestens. Überhaupt: Charmanter, humorvoller kann man mit den Abstandsregeln, die auch auf der Bühne eingehalten werden müssen, nicht umgehen, als es die vier Schauspielerinnen an diesem Abend augenzwinkernd tun. Das Publikum dankt’s mit langem Applaus.

Eine Premierenfeier konnte unter den aktuellen Umständen nicht stattfinden. Stattdessen gab’s draußen vor der Tür Gespräche mit Abstand und Eis mit Stil – was ja auch ganz gut passt nach einer Sommerkomödie. / UT

Ohnsorg-Theater
Weitere Termine bis zum 26. Juli 2020

Junge Malerei bei Feinkunst Krüger

Wo junge Malerei beginnt: Charmanter Feinkunst-Krüger-Coup mit den Deichtorhallen Hamburg

Text: Sabine Danek

 

Schon der Titel lässt einen glücklich lächeln. „Heute ist morgen schon vorbei“ heißt die Schau bei Feinkunst Krüger, die augenzwinkernd Bezug auf die Wander-Ausstellung „Jetzt!“ nimmt, die in den Deichtorhallen eröffnet wird. Nach Stationen in Bonn, Chemnitz und Wiesbaden wird dort „Junge Malerei in Deutschland“ gezeigt und zwar gleich 50 aktuelle Positionen.

 

Der Weg der jungen Kunst

 

Weil junge Künstler ihren Weg aber in der Regel in Galerien starten, in Off-Räumen und Studios, bevor sie von Museen entdeckt werden, hat Feinkunst Krüger sich etwas überlegt. Gemeinsam mit den Künstlern Stefan Vogel und Sebastian Gögel hat die Galerie 22 der jungen Maler, die in den Deichtorhallen zu sehen sind, zu einer zusätzlichen Galerie-Ausstellung eingeladen und macht folgenden Vorschlag: Am 8.2. zur Eröffnung zu Feinkunst Krüger kommen, am 13.2. zur Eröffnung der tollen Schau in die Deichtorhallen gehen – und dann bis zum 29.2. zu Feinkunst Krüger zurückkehren, um sein Lieblingsbild zu kaufen.

Ob von Viola Bittl, Dana Greiner, Sumi Kim, Moritz Schleime oder einem der vielen anderen jungen Künstler, die ja schließlich nicht allein von Luft, Liebe und Museumsausstellungen leben können. Macht Sinn!

Feinkunst Krüger: Heute ist morgen schon vorbei, Eröffnung: 8.2., 20 Uhr; Deichtorhallen: Jetzt! Junge Malerei in Deutschland, Eröffnung: 13.2., 19 Uhr


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Sommerfestival auf Kampnagel: Kunst kennt keine Grenze

Als Chefdramaturg kam András Siebold 2007 aus Berlin nach Hamburg, seit 2013 leitet er das Internationale Sommerfestival, das am 7. August startet. Ein Gespräch darüber, was Besucher in diesem Jahr erwartet

Interview: Dagmar Ellen Fischer
Foto (o.): Anja Beutler

 

SZENE HAMBURG: Herr Siebold, 2019 wird das Festival um Aliens, Weltraum und eine Zukunft im Klimawandel kreisen, setzt ihr euch jedes Jahr ein Thema als Startposition, bevor die konkrete Planung losgeht?

András Siebold: Wir haben nie ein Festivalthema, Festival-Überthemen sollte man nicht trauen. Denn oft dienen sie nur dem Zweck, inhaltliches Denken der Festivalmacher vorzutäuschen, denen es sowieso immer gleich um alles in der Welt geht. Natürlich gibt es auch sorgfältig kuratierte Festivals zu spezifischen Themen wie künstliche Intelligenz, aber dafür ist das Sommerfestival zu groß und divers.

Wir würden uns extrem limitieren und müssten tolle Arbeiten ausschließen, wenn sie nicht passen. Viel spannender ist doch, mit guten Künstlerinnen und Künstlern zu arbeiten und deren Themen aufzugreifen und zu verbinden.

Wie kommt dann eine Produktion zur anderen, bis ein gut dreiwöchiges Programm steht?

Bricht Genre­ Grenzen für offenes Denken: Kurator András Siebold / Foto: Julia Steinigeweg

Sobald man sich für eine Arbeit entschieden hat, kommt ein Prozess in Gang – man sieht andere Stücke und betrachtet sie in Zusammenhang mit dem, was wir schon haben. Da entsteht dann so eine Aufmerksamkeits-Nervosität für bestimmte Themen, Formen und Ästhetiken.

Klingt recht organisch …

Es gibt zwei oder drei Produktionen, mit denen wir starten, weil sie sehenswert sind. Dieses Grundgerüst wird dann weiter gebaut, damit es hält und Sinn ergibt. In diesem Jahr hatten wir mit dem Journalisten Hannes Grassegger „3 Grad Plus“ entwickelt, eine Live-Reportage über den drohenden Kollaps unseres Planeten.

Da ging es um Dystopien, also die menschengemachte Hölle der Zukunft. Und weil Dystopien erst über Bilder begreifbar werden, haben wir dazu eine Filmreihe mit dem neuen Berlinale-Programmchef Mark Peranson entwickelt und außerdem Kris Verdoncks Stück „Something (Out of Nothing)“ eingeladen. Das ist eine Theaterüberwältigung über eine unbewohnbar werdende Erde.

Von da aus ist es nur ein kleiner Gedankenschritt zu anderen Planeten, wodurch wiederum andere Produktionen in das Festivalgerüst passten: Die Uraufführung des neuen Musicals von Socalled, der seine Puppen auf einen fiktiven Planeten reisen lässt, Kid Koalas Satelliten-Orchester Show oder unsere Kooperation mit dem Planetarium. So entstehen Schwerpunkte und Verbindungslinien.

 

„Ist es das wert?“

 

Auf welchen Wegen erfährst du von sehenswerten Stücken, zu denen du dann reist?

Alles eine Frage der Kommunikation, ich arbeite ja in einem Team, und wir reden mit vielen Menschen, mit Leitern anderer Festivals zum Beispiel, und sind mit Leuten in aller Welt in Kontakt.

Reisen, insbesondere mit dem Flugzeug, ist ja ein heikles Thema in diesem Zusammenhang, habt ihr alle Stücke gesehen, die eingeladen werden?

Klar, wir reisen viel. In Zeiten des Klimawandels ist die Frage tatsächlich: wie reisen und wohin? Ich bin schon mal für nur einen Tag nach Mexiko geflogen, um ein Stück zu sehen – das ist Wahnsinn, und aus ökologischer Sicht eine Katastrophe. Insofern fragen wir uns jeweils: Ist es das wert?

Wie entscheidest du solche Fragen?

Mit Überlegungen wie: Können wir ein Video anschauen? Läuft die Arbeit woanders in Europa, wo man mit dem Zug hinkommt? Oder kann man es verantworten, eine Produktion einzuladen, die man nicht live gesehen hat? Für das diesjährige Festival haben wir alles live vorab gesichtet – außer den Uraufführungen natürlich.

Wie viele sind es 2019?

Neun Weltpremieren. Das Besondere sind die drei großen Produktionen in der K6: jede Woche eine Uraufführung in der großen Kampnagel-Halle, das gab es noch nie!

Zur Eröffnung das französische Kollektiv (La)Horde mit 15 georgischen Tänzern in „Marry me in Bassiani“; in der zweiten Woche die legendäre Künstlerin Peaches, die ihr zwanzigjähriges Bühnenjubiläum bei uns feiert mit „There’s only one peach with the hole in the middle“; und schließlich zum Finale ein Werk der kanadischen Choreografin Aszure Barton, die zurzeit auf Kampnagel „Where there’s Form“ kreiert, in Zusammenarbeit mit dem deutschen Komponisten Volker Bertelmann – besser bekannt als Hauschka.

 

 

Peaches dürfte ein Selbstgänger werden, (La)Horde war schon erfolgreich auf Kampnagel zu sehen, nur Aszure Barton ist Vertrauenssache, oder?

Ja, aber sie ist wirklich sensationell und eine große Nummer auf dem internationalen Ballett-Parkett! Ihre Choreografien haben etwas sehr Elegantes, gleichzeitig zeugen sie von einem hohen Bewusstsein für zeitgenössische Stile; ihre Tänzer sind extrem gut ausgebildet, aber viel flexibler als klassische Ballettsoldaten.

Woher kommen deine Kenntnisse in sämtlichen Genres, oder besser: diese Nicht-Spezialisierung deines Interesses?

Das Festivalprogramm spiegelt mein Leben, ich habe in sehr unterschiedlichen Medien gearbeitet, mit Filmleuten, Autoren, Architekten, zwei Jahre in einer Galerie, davor mit Robert Wilson. Ich habe die Genres von Anfang an nicht getrennt – und ein bisschen Schuld ist auch Tom Stromberg …

… weil?

… ich bei ihm mein erstes Praktikum absolvierte, auf der Documenta X; dort gab es 1997 erstmals ein integriertes Theaterprogramm, das er als Kurator verantwortete, mit damals noch unbekannten Größen wie Gob Squad, Stefan Pucher und Meg Stuart. Das war ein tolles Umfeld: Ich habe eigentlich für das Theaterprogramm gearbeitet, das aber im Rahmen einer Bildenden-Kunst-Ausstellung stattfand.

 

„Die Kunst ist viel weiter als das Feuilleton“

 

Was motiviert dich im nunmehr siebten Jahr als Künstlerischer Leiter des Internationalen Sommerfestivals?

Menschen zu offenem Denken zu motivieren. Und eine Öffnung des Kunstbegriffs zu erreichen. Das Theater zehrt längst von der Bildenden Kunst und umgekehrt, aber geh’ mal auf eine Ausstellungseröffnung, da siehst du wenige aus der Theaterszene.

Über den Tellerrand zu schauen, sich zu öffnen für andere Einflüsse, hat immer etwas Bereicherndes. Alle Entwicklungen sind entstanden, indem Menschen ihre gewohnten Grenzen überschritten oder Einflüsse von außen bekommen haben. So ist es auch in der Kunst, diese Trennung von Sparten – hier der Tanz, da die Musik, hier das Theater, da die Performance …

… das interessiert dich nicht?

Die Kunst ist da viel weiter als die Institutionen oder das Feuilleton, die wenigsten Künstlerinnen und Künstler beschränken sich auf ein Medium. Bestes Beispiel: (La)Horde, die nicht nur die große Tanz-Eröffnungsproduktion machen, sondern in der Vorhalle nebenan auch eine Live-Art-Ausstellung.

Natürlich gibt es Künstler, die sich für ein Medium entscheiden, nicht jeder muss interdisziplinär arbeiten; wir bieten auch ein Konzert, das nur ein Konzert ist. Aber ich finde die Übergänge extrem interessant. Und das ist der Anspruch dieses Festivals – und auch mein Kunstbegriff: Sich durch die verschiedenen Medien zu bewegen, einen Parcours zu schaffen, in dem das Publikum sich durch unterschiedliche Genres, Stücke und Atmosphären bewegen kann.

Und es bewegt sich auch?

Ja, das funktioniert ganz gut, indem wir einen Ort schaffen, der eine große Offenheit hat, der einer Aufforderung gleichkommt, hier einzusteigen und sich treiben zu lassen. Das Publikum schaut sich Sachen an, die es sich sonst nicht angeschaut hätte und schätzt genau das sehr.

Gedanklich bist du schon im nächsten Jahr?

Dieses Festival ist jetzt perfekt. Ich bin wirklich zufrieden, es gibt nichts, was wir aus strategischen Gründen reingesetzt haben. Und ja, gleichzeitig denke ich: Oh Gott, was sollen wir nächstes Jahr zeigen?

Internationales Sommerfestival 2019: 7.-25.8., Kampnagel (Winterhude)


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Der Henssler hat ‘nen Neuen

Steffen Henssler wollte bei seinem neuen Laden Ahoi „designmäßig mal so richtig Gas geben“

Henssler

Popcorn statt Brot.

Herausgekommen ist ein Restaurant, das dem Hipster-Trend zwei Jahre hinterher hängt, aber Starkoch-Küche zu fairen Preisen serviert.

Donnerstagmittag, Fotografenauflauf in Hamburgs Spitalerstraße. TV-Koch Steffen Henssler hat die Presse geladen, um sein neustes Restaurant vorzustellen. Den leuchtenden Schriftzug über dem Laden sieht man durch die Februar-Nebelsuppe schon von weitem. Ein „Ahoi“ zieht dort alle Blicke auf sich, wo die letzten 80 Jahre der Schriftzug von Daniel Wischer seinen festen Platz hatte.

Henssler

Ahoi – ein Restaurantname, der fast genauso originell ist wie die Inneneinrichtung des potenziellen Touri-Hotspots selbst. TV-Koch Steffen Henssler feiert trotzdem beides: „Für mich ist es einer der geilsten Läden der Stadt! Wir sind sehr stolz.“ Das dritte Restaurant sollte anders werden als die Fine-Dining-Tempel Henssler & Henssler und Ono. „Ein modernes Schnellrestaurant, das auch in London oder New York stehen könnte“, so der Anspruch des TV-Kochs. Sitzt man tatsächlich im Restaurant fühlt es sich eher so an, als wolle man Hipstern wie Normalos gleichermaßen gefallen. Ein Konzept, das nicht außergewöhnlich, für den Standort aber vermutlich goldrichtig ist.

Henssler-Speisen für den kleinen Geldbeutel

henssler

Asiatische Gourmetküche soll im Ahoi übrigens nicht auf den Teller kommen, hier geht es handfester zur Sache. Auf der kleinen Karte finden sich Burger-Variationen, Sushi, bodenständige Fischgerichte und Schnitzel. Gerichte „Marke Eigenbau“, die normalerweise zwischen 2,90 € und 16,90 € liegen, je nachdem, welche Speisen man mit welchen Beilagen kombiniert. Gedacht ist das Konzept ganz bewusst auch für Henssler-Fans, die nicht viel Geld für einen Restaurantbesuch ausgeben wollen.

Beim Pressetermin sind es die simpel scheinenden Gerichte, die nicht recht überzeugen. Während die Pommes ordentlich kross-fritiert serviert werden, kommt der Backfisch mit Labber-Panade an den Tisch. Der Beef-Teriyakiburger hat von allem zu viel: Er ist zu süß, zu sauer, zu sabschig. Die großen Mengen Sauerrahm und Teriyakisauce machen es einem nicht nur unmöglich, das hübsche Ding – gut aussehen tut er – stilvoll zu essen, sie überdecken auch völlig den Fleischgeschmack. Schade!

henssler

Der Überraschungssieger des Tages ist der Ahoi Veggie Burger, der mit gegrillter Aubergine, Tomatenpesto und Sojazwiebeln Gaumen und Vegetarierherzen im Sturm erobert. Etwas, bei dem viele Hamburger Restaurants schlichtweg scheitern. Richtig gut sind aber auch die knusprigen Tempura-Garnelen auf Gemüsecarpaccio, bei dem hauchdünne Rote-Beete-Scheiben reizvoll mit dem Zitronen-Pfeffer-Dressing flirten. Statt Brot kommt übrigens salziges Popcorn auf den Tisch. Seltsam, aber irgendwie charmant.

Für seine Fans will Steffen Henssler die ersten zwei, drei Wochen täglich im neuen Laden stehen. Wer ihn doch mal verpasst, kann sich mit einem Selfie vorm Henssler-Wandbild in Lebensgröße trösten – oder mit Henssler Nummer 2. Denn das Ahoi führt Steffen Henssler gemeinsam mit seinem Bruder Peter, der als Restaurantleiter bereits im Henssler & Henssler überzeugte.

Text/Fotos: Jennifer Meyer


Jenny Meyer Essen + TrinkenSteht nicht nur auf Ananas. Jennifer Meyer ist Foodie und Gastro-Kennerin. Kein Wunder, dass sie gemeinsam mit Sybille Fischer unsere “Szene Hamburg Essen + Trinken” leitet.