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Vatertag und Himmelfahrt in Hamburg

Vatertag 2022: Einst wurde an diesem Donnerstag die Reise von Jesus Christus in den Himmel zelebriert. Heutzutage pilgern viele Männertruppen mit Bollerwagen durch die Stadt und feiern sich und ihren Vater- oder Männertag. Wie man den Feiertag mit oder ohne Bollerwagen in Hamburg verbringen kann, empfehlen wir hier:

Abschalten im Elbpark Entenwerder

Der Elbpark Entenwerder ist nicht weit von der Innenstadt entfernt, doch für viele noch ein Geheimtipp. Die ehemalige Zollstation für Binnenschiffe ist seit 1997 eine naturbelassene Parkanlage direkt an der Elbe, die unter anderem von der S-Bahn Rothenburgsort gut zu erreichen ist. Auch ein kleiner Fahrradausflug durch die HafenCity führt schnell ins Grün des Parks. Hier gibt’s ideale Bedingungen zum Grillen. Und falls es doch plötzlich anfangen sollte zu regnen, ist das Café Entenwerder nicht weit.

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Foto: Massimo Tealdi

Grillen im Hammer Park

Mitten im dicht besiedelten Hamm liegt der Hammer Park. Auf den weitläufigen Rasenflächen ist für alle genug Platz, um beim Grillen oder anderen Aktivitäten abzuschalten. Hier kann man sich die Zeit beim Tischtennis, Minigolf und Schach vertreiben oder dem Kräuter- und Heckengarten einen Besuch abstatten.

Paddeln

Das gut alte Kanu ist ein echter Klassiker: Egal ob bei „Zur Gondel“ am Stadtpark oder beim Supper Club, Kanuverleihe gibt es rund um die Alster reichlich. Doch auch abseits der bekannten Spots gibt’s noch einiges zu entdecken.

So lassen sich bei Paddel-Meier in den Vier- und Marschlanden die Dove Elbe, beim Bootshaus Bergedorf die Bille oder nördlich der Fuhlsbüttler Schleuse auch die verwunschenen Abschnitte der Alster erkunden. Ps: Bei „Der Anleger“ in Eppendorf kann man sogar Drachenboote mieten – perfekt für einen Vatertagsausflug.

Cocktails & Zigarren in der Jahreszeiten Bar

Wer sich mal richtig was zum Vatertag gönnen möchte und ein Fan von Whiskey und Zigarren ist, sollte der Bar des Hotel Vierjahreszeiten einen Besuch abstatten. Mit Blick auf die Binnenalster können in der zweigeschossigen Bar, erstklassige Cocktails und Zigarren auf original Rolls-Royce Sitzen genossen werden.

Jahreszeiten Bar, Jungfernstieg 9 – 14

Wasserski & Wakeboard

Ein Ruck, ein Schreck und schon liegt man vorne über mit dem Gesicht im Wasser. So ging es vermutlich fast allen, die sich das erste Mal auf Wasserski oder ein Wakeboard gewagt haben

Neben dem Neuländer See in Harburg kann auch vor den Toren der Stadt bestens übers Wasser geflitzt werden: Etwa im Spotz Wakeboard Park in Norderstedt oder in der Cablesport Arena in Pinneberg. Und da besonders Anfänger:innen mit Neoprenanzug unterwegs sind, sind Wassertemperaturen unter 20 Grad alles, nur keine Ausrede.

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Wakeboard und Wasserski mit Neoprenanzug geht das fast immer (Foto: unsplash/Joel Meyer)

Über den Wolken

Hamburg ist groß, wie groß, das lässt sich häufig erst beim Anflug auf den Helmut Schmidt Flughafen erahnen. Noch besser geht das vielleicht nur mit einem Rundflug über die Stadt. Gab es bis vor ein paar Jahren noch die Möglichkeit, mit dem Wasserflugzeug die Stadt zu überfliegen, geht das heute nur noch mit dem Kleinflugzeug oder Hubschrauber.

Gestartet wird am Helmut Schmidt Flughafen und vom Flugplatz Uetersen-Heist. Die Flugdauer variiert von zehn Minuten bis zu 1,5 Stunden. Der Spaß kostet zwischen 100 bis zu 500 Euro. Die etwas sanftere Variante gibt es am Stadtrand in den Boberger Dünen oder in der Fischbeker Heide. Hier sind zwei Segelflugclubs zu Hause und bieten Mitflüge an. Für die Rund 15 Minuten in der Luft kosten pro Person ab 40 Euro.

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Segelfliegen in Hamburg – Mitflug möglich (Foto: unsplash/Max Nüstedt)

Für die Schwindelfreien

Auch für die sportlich Ambitionierten gibt es die Möglichkeit, Hamburg von oben zu sehen. Klettern ist nicht nur Trendsport, sondern auch außerhalb der Halle an vielen Orten in der Stadt möglich. In Wilhelmsburg gibt es den Hanserock, im Norden der Stadt den Kletterwald im Volksdorfer Wald und im Süden den Kletterpark im Sachsenwald.

Spektakulär hoch hinaus geht es zudem auf der Rickmer Rickmers im Hafen. Und wer schon Erfahrung hat, für den gibt es in der Stadt viele Outdoor-Kletterwände wie am Kilimanschanzo oder dem Kletteraugust

Kletterwald Hamburg, täglich 10–19 Uhr, Preis: 26 Euro (Kinder 20 Euro)
Klettern im Sachsenwald, Fr. 14-20, Sa.&So. 10–20 Uhr (in den Ferien länger), Preis: 27 Euro (Kinder 21 Euro)
Klettern auf der Rickmers Rickmers, Samstags nach Online-Reservierung, Preis: 39 Euro pro Person

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Hoch hinaus im Kletterwald Hamburg (Foto: Kletterwald Hamburg)

Pizza Bande: Pizza für die ganze Familie

Die Pizza Bande auf St. Pauli kommt mit lässigem Barcharme daher. Bestellt und bezahlt werden die hausgemachten Pizzen an der Theke. Echter Pluspunkt: Das Prinzip des Ladens kommt Kindergaumen entgegen: Hier stellt sich jeder seine Pizza selbst zusammen. Gewählt werden kann dabei aus verschiedensten Zutaten, auch vegane Versionen mit Schmelz statt Käse oder gar süße Varianten sind hier für Klein und Groß möglich.

Lincolnstraße 10 (St. Pauli), 20359, Pizza Bande

Hamburgs beste Pizza, Foto: Pizza Bande
Pizza Spaß für die ganze Familie am Vatertag. Foto: Pizza Bande

Tanzen im Schrødingers

Im Schrødingers feiern die Herren an der Drinnen-und-Draußen-Bar. Es ist also völlig egal, ob es regnet oder die Sonne über der Stadt strahlt: Im Schrødingers, unmittelbar am Schanzenpark gelegen, geht am Donnerstag ab 14 Uhr die Party los und abends kann sogar am Lagerfeuer gechillt werden, vorausgesetzt natürlich das hier das Wetter mitspielt.

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Gemütliches Beisammensein und fröhliche Partys. Foto: Schroedingers

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Max Frisch fragt … Michael Göring

Autoren der Gegenwart antworten auf den berühmten Fragebogen von Max Frisch. Dieses Mal antwortet der Literaturwissenschaftler und Autor Michael Göring – sein aktueller Roman „Dresden. Roman einer Familie“ ist im Osburg Verlag erschienen

Genießen Sie moralische Entrüstungen?

Nur sehr selten. Ich erlebe bei denjenigen, die sich entrüsten, immer häufiger Selbstüberschätzung, Selbstgefälligkeit und Unehrlichkeit.

Wie viel Heimat brauchen Sie?

Sehr viel. Den Menschen, den Musikwerken und den Orten, die mir Heimat bieten, bleibe ich unbedingt verbunden. Da bin ich äußerst treu.

Kann Ideologie zu einer Heimat werden?

Ja, aber es kann dabei gefährlich eng werden. Besser ist es, wie Hesses Siddharta sich von vorgegebenen Ideologien zu befreien und offen den eigenen Weg zu finden mit allen Höhen und Tiefen, aber voll von eigenen Erfahrungen. Ich habe mit Sigmund, dem Protagonisten in „Hotel Dellbrück“, eine Person zeigen wollen, die über ihr Tun zur Identität findet, sich die Heimat selbst erschafft.

„Religionen sind wichtig für unsere emotionale Balance“

Muss eine Hoffnung, damit Sie in ihrem Sinn denken und handeln, nach Ihrem menschlichen Ermessen erfüllbar sein?

Nicht unbedingt. Religionen wie allgemeine spirituelle Sehnsüchte leben mit und von Hoffnungen, deren Erfüllbarkeit vage bleibt und vor unserem Verstand nicht standhält. Dennoch sind Religionen, also das Streben nach Rückbezug, nach Verankerung, und Spiritualität wichtig für unsere Balance von Ratio, dem emotionalen Wunsch nach Sinn und der Freude am Tag.

Was stört Sie an Begräbnissen?

Nichts. Begräbnisse sind kulturell verschieden ausgeprägt, durchlaufen auch bei uns einen Wandel, konfrontieren uns aber mit dem Endgültigen, dem Abschied. Begräb­nisse gehen mir schrecklich nahe, wenn sehr junge Menschen begraben werden.

Überzeugt Sie Ihre Selbstkritik?

Am meisten dann, wenn sie sich allmählich im Gespräch mit anderen bei mir herausschält.

Autoren der Gegenwart antworten auf den berühmten Fragebogen von Max Frisch

Michael Göring liest am 20. Mai 2022 im kleinen Michel und am 19. Juni um 11.30 Uhr auf der Sonntags-Matinée im Heine Haus aus seinem Buch „Dresden. Roman einer Familie“

Max Frisch: „Fragebogen. Erweiterte Ausgabe“, Suhrkamp, 127 Seiten, 10 Euro


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Mónica: „Meine Familie ist sehr wichtig für mich“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Mónica begegnet

Protokoll: Rosa Krohn

„Ich komme aus Kolumbien und bin seit fünf Jahren in Deutschland. Ich kam als Au-pair, weil ich ins Ausland wollte. So war das am einfachsten. Mittlerweile habe ich eine abgeschlossene Ausbildung und arbeite Vollzeit, während ich weiter das Kind der Familie betreue, mit der ich seit Corona zusammenarbeite. Ich kenne mich gut mit Kindern aus. In Kolumbien hatte meine Mutter einen Kindergarten und meine beiden jüngeren Schwestern sind schon Mütter. Kinder sind so unschuldig. Du musst bei ihnen nicht alles ernst nehmen. Dank ihrer Fantasie kann man viel Quatsch mit ihnen machen. 

Die Bedeutung der Familie

In zwei Tagen fahre ich für drei Wochen in meine Heimat. Ich freue mich dabei am meisten auf meine Familie. Hier in Deutschland sehe ich oft, dass Kinder erwachsen werden und weggehen, sobald sie volljährig sind. Manchmal reißt der Kontakt dann ganz ab. Ich finde es traurig, wenn ältere Leute ins Altenheim gehen und dort dann vergessen werden. Ich habe viele ältere Menschen kennengelernt, die einsam sind, rauchen, sehr viel trinken und nicht rausgehen. In Kolumbien lebt man gern mit seinen Eltern zusammen, auch wenn man schon eine eigene Familie hat. Meine Familie ist sehr wichtig für mich. Zwar kann ich sie von Deutschland aus momentan besser unterstützen, aber wenn meine Eltern alt werden, dann will ich nach Hause und mich um sie kümmern. Ich denke, sie haben mir das Beste von sich gegeben und das will ich ihnen zurückgeben. Als ich ein Baby war, waren sie für mich da. Und jetzt werden sie irgendwann große Babys, da will ich für sie da sein.

„Das Leben sagt einem, wenn es soweit ist“

Oft werde ich gefragt: ‚Mónica, du bist schon 32. Willst du keinen Mann, keine Kinder?‘ Aber seitdem ich hier bin, arbeite ich ja mit Kindern: Popo saubermachen, füttern, sie duschen und ins Bett bringen – das ist genug. Und ein Freund? Na ja wer weiß, vielleicht ist plötzlich jemand übermorgen am Flughafen oder morgen im Zug. Das Leben sagt einem schon, wann es so weit ist. Jetzt fahre ich erst mal nach Hause und verbringe dort viel Zeit mit den Kindern meiner Schwestern. Das ist also Urlaub, aber auch Arbeit (lacht).“


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Zoe Wees über Erfolg und Heimat

Die 19-jährige Hamburgerin veröffentlichte Ende März 2020 ihre erste Single, später war sie die erste Deutsche, die bei den American Music Awards auftreten durfte. Ein Gespräch über schnellen Erfolg, die Musikindustrie und den therapeutischen Wert von Musik

Interview: Henry Lührs

Zoe Wees merkt man in keinster Weise an, dass ihre Muttersprache nicht Englisch ist. Akzentfrei singt die gebürtige Hamburgerin selbstbewusst auf den Bühnen der Late Night Shows in den USA oder bei den American Music Awards. Stellt man ihr eine Frage auf Deutsch, dann bricht es zuerst auf Englisch in gewohnter Popstar-Manier aus ihr heraus. Schon mit ihren 19 Jahren hat sie den Sprung über den Großen Teich geschafft.

Trotzdem hat man den Eindruck, dass die deutsche Sprache sie zu ihrer Herkunft nach Hamburg ins kleine Dulsberg zurückzieht. Zurück in ihre ehemalige Schulklasse, in den Aufenthaltsraum, in den sie gegangen ist, wenn sie wieder mal einen epileptischen Anfall hatte. Als Jugendliche litt sie an der Rolando-Epilepsie. Daraus erwuchsen die Sehnsucht und die Hoffnung nach Kontrolle. Eine Hoffnung, die sie in ihrem Hit „Control“, der ihr 2020 den Durchbruch bescherte, verarbeitet. Auch wenn Hamburg der Ausgangspunkt ihrer Karriere war – zu Hause ist sie mittlerweile überall dort, wo Freunde und Familie sind. Die Hansestadt verblasst dabei und wird zur deutschen Provinz. Für ihren Tourabschluss kommt Zoe Wees im April 2022 trotzdem nochmal vorbei.

„Im Studio sein ist für mich Freizeit“

SZENE HAMBURG: Zoe, erst die Late Late Show, jetzt die Tonight Show und ein Auftritt bei den American Music Awards (AMA) – als erste deutsche Künstlerin überhaupt. Wie geht es dir mit dem ganzen Hype um dich? 

Zoe Wees: Das ist verrückt, ich bin die erste schwarze deutsche Künstlerin die dort auftreten durfte…

Hast du damit gerechnet, dass es so kommt?

Sowas von gar nicht. Ich bin überrascht von mir selbst. Ich wusste zwar, dass ich bestimmt irgendwann irgendwas in Amerika schaffen werde, aber so früh? Und dass es gleich so ‚Boom‘ losgeht mit den AMA´s und Jimmy Fallon, das hätte ich nicht gedacht.

Hast du zwischen den ganzen Reisen, Fernsehauftritten und Konzerten überhaupt mal die Möglichkeit runterzukommen?

Aktuell auf jeden Fall. Davor nicht so wirklich, ich war ja auch gerade noch in den USA. Jetzt habe ich aber die Zeit dafür.

Und was machst du dann?

Schlafen, tatsächlich. Ansonsten bin ich gerade viel im Studio. Das ist für mich aber keine Arbeit. Studio sehe ich als Freizeit.

Deine Karriere nahm während der Corona-Pandemie so richtig Fahrt auf. Jetzt sind auch wieder Live-Shows möglich und du siehst das erste Mal ein Publikum vor dir. Wie geht es dir mit Blick auf deine Tour?

Meine Tour beginnt Ende März 2022, das wird krass (strahlt). Ich weiß, dass die Menschen, die kommen werden, ein gutes Herz haben und meine Musik und mich dafür feiern, wie ich bin. Ich werde mich wie zu Hause fühlen. Das wird sehr emotional und sehr schön.

Laut dem Wirtschaftsmagazin Forbes zählst du aktuell zu den 30 einflussreichsten europäischen Unterhaltungskünstlern und -künstlerinnen unter 30…

What´s good, Zoe Wees is here, hello, good morning, I arrived (lacht).

Ich finde alles, was gerade passiert krass und ich weiß nicht, womit ich das verdient habe. Ich weiß nicht, warum das passiert, warum ich das bin. Aber das alles ist crazy shit und sowas habe ich tatsächlich auch noch nie irgendwo gesehen. Das beweist aber auch, dass mein Team, meine gesamte Community und ich richtig gute Arbeit machen.

In „Girls Like Us“ singst du auch von Vertrauen, woran merkst du, wem du in der sehr kommerziellen Musik-Welt vertrauen kannst?

Am meisten Angst hatte ich davor, meinen Major-Deal mit einem großen Label zu unterschrieben. Einige Labels haben mir versprochen, dass sie mich zur größten Künstlerin weltweit machen würden. Bei meinem aktuellen Label (Capitol Records, Anm. d. Red.) war das zum Glück nicht so, die waren realistischer. Bei solchen Dingen hilft mir mein Team hier in Deutschland. Wenn ich die nicht hätte, hätte ich blauäugig alles unterschrieben. Deswegen würde ich allen raten, die in der Musikwelt weiterkommen wollen: Baut euch erstmal ein gesundes Team auf, mit einem Manager, und arbeitet euch hoch. Geht zu Produzenten, dem ersten Label und immer weiter. So lief es bei mir auch.

„Ich möchte sterben, wenn ich nicht Musik schreiben kann“

In „Control“ beschreibst die Hoffnung, die Kontrolle zu behalten. Du hattest als Kind Rolando-Epilepsie, die Krankheit ist mittlerweile ausgeheilt. Ist die Sorge vor Kontrollverlust damit auch verschwunden?

Die Sorge gibt es immer noch. Damals war es der Moment, indem ich auf den Boden gefallen bin und gekrampft habe. Jetzt ist es das Gefühl, wenn ich meinen Körper nicht spüre, zum Beispiel wenn es draußen zu kalt ist oder ich eine Panikattacke habe, dann bin ich erstmal lost.

Und was machst du dagegen?

Ich mache tatsächlich gar nichts, ich lasse es einfach passieren. Denn jedes Mal, wenn ich versucht habe, etwas dagegen zu machen, wurde es schlimmer. Jetzt akzeptiere ich die Situation, wie sie ist.

Du sagst oft, das Musikmachen für dich wie Therapie ist. Wie meinst du das?

Ich möchte Sterben, wenn ich nicht Musik schreiben kann. Im Ernst, dann möchte ich wirklich nicht hier sein. Ohne Musik wäre mein Leben ganz schlimm.

Ich verarbeite in der Musik viel. Sachen wie meine Epilepsie und in „Girls Like Us“ beschreibe ich einen mentalen Zusammenbruch. Aber auch aktuelle Dinge wie im Song „That’s How It Goes“. Darin geht es um Menschen, die nie an meiner Seite waren und die im Moment des Erfolgs plötzlich aufgetaucht sind. Ich schreibe diese Dinge einfach auf. Früher hatte ich eine Therapeutin. Ich habe mich aber dazu entschieden, das zu lassen und mich mit meiner Musik selbst zu therapieren. So wie ich Dinge in meiner Musik ausdrücke, formuliere ich sie auch gegenüber meiner Therapeutin oder meiner besten Freundin. Manchmal habe ich auch Angst, solche persönlichen Dinge zu veröffentlichen.

Wie gehst du mit dieser Angst um?

Ich veröffentliche trotzdem. Denn in dem Moment, indem das passiert, bekommt das Ganze eine neue Energie. Leuten, die sich auch so fühlen, geht es besser und dadurch geht es auch mir besser. Wir geben uns gegenseitig was und das gibt mir ein gutes Gefühl, wenn ich Musik als meine Therapie nutze.

Du arbeitest auch mit Songschreibern zusammen, ist das dann der gleiche Prozess für dich?

Ich fange gerne allein an zu schrieben, aber aufhören kann ich nicht allein. Dafür bin ich nicht fokussiert genug. Ich habe auch schon Songs komplett selbst geschrieben. Wenn wir aber als Freunde zusammen im Studio daran arbeiten, klingt es einfach besser.

Ein magischer Tour-Abschluss

Du bist in Hamburg-Dulsberg aufgewachsen und zur Schule gegangen. Dein Musiklehrer hat dich bei deiner Karriere sehr unterstützt. Gibt es noch mehr Menschen, die dich auf deinem Weg unterstützt haben?

Meine Mama! Ich war nie wirklich gut in der Schule und sie hat dann gesagt: „Zoe, das ist nichts für dich, mach Musik, das ist das, was du willst.“ Meine Mama hat immer gesehen, dass ich das mit der Schule nicht kann und dass ich ins Studio gehöre. Sie hat das unterstützt und das machen bestimmt nicht alle Eltern.

Wann habt ihr denn gemerkt, dass du Musik professionell machen wirst?

Als mein erste Single ‚Control‘ rauskam, habe ich gemerkt: Jetzt ist das offiziell mein Job, es ist nicht mehr nur ein Hobby.

Du warst gerade in Köln, davor in den USA und in Interviews erzählst du, dass England wie eine zweite Heimat für dich geworden ist. Was bedeutet für dich Zuhause?

Zuhause ist für mich ein Gefühl. Das sind meine Mutter, mein Freund oder meine beste Freundin, das ist kein Ort.

Dein Tourfinale 2022 steigt im Hamburger Gruenspan, worauf freust du dich am meisten bei deinem Heimspiel?

Ich freu mich auf die Leute: Meine Mama, ihre Freunde, meine Freunde, einfach alle werden da sein und wir werden viel Spaß haben. Der Tour-Abschluss wird nochmal richtig magisch.

Zoe Wees, am 19. (bereits ausverkauft)  und 20. April 2022 (wenig Restkarten) im Gruenspan


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Gabriel: „Freue dich, dass du lernen kannst!”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Gabriel begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Ich bin alt geworden, schon 50 Jahre. Jeden Tag stehe ich um sieben Uhr auf, mache meinen Kindern Frühstück, bringe meinen Sohn in den Kindergarten, fahre nach Hause, meistens mache ich noch Sport, esse schnell und gehe dann zur Arbeit. Jeden Tag.

Ich liebe meine Arbeit. Ich arbeite immer schon. Seitdem ich ein Kind bin, um genau zu sein. Damals habe ich noch in Ghana gelebt und meine Eltern mussten mich früh von der Schule nehmen, weil sie es sich nicht mehr leisten konnten. Also habe ich angefangen als Mechaniker zu arbeiten. Als Kind denkst du anders, da habe ich Ghana und mein Leben dort geliebt. Mit dem Alter habe ich dann gemerkt, dass es in Ghana für mich nicht weitergehen kann.

1989 bin ich in Frankfurt angekommen. Ich dachte damals, jetzt beginnt ein neues Leben. Neues Land, neue Sprache, neue Arbeit. Nach einem Jahr wurde ich abgeschoben und zurück nach Afrika geschickt. Die haben mir gesagt, in Ghana gäbe es keinerlei Probleme.

 

„Wir sehen uns nur alle paar Jahre”

 

Ich habe es schließlich nochmal versucht. Es ist eine lange Geschichte, aber nach ewigem Hin und Her und ständigem Warten, hatte ich meine Papiere und heute bin ich deutscher Staatsbürger.

Ich habe drei Kinder hier in Deutschland und eine Tochter in Ghana. Sie ist jetzt 26 und hat IT studiert. Wir sehen uns nur alle paar Jahre, wenn ich mal dort bin. Sie würde am liebsten auch nach Deutschland gehen, es gibt aber kaum eine Chance. Auch meine Eltern waren noch nie hier. Mein Papa ist jetzt 86, meine Mama 84. Manchmal vermisse ich sie sehr.

Trotzdem weiß ich, dass es richtig war, nach Deutschland zu gehen. Einer meiner Söhne geht mittlerweile auf die Stadtteilschule. Ich sage ihm immer: ‘Geh dort hin und freue dich, dass du lernen kannst!’ Es ist so eine große Chance. Ich konnte das irgendwann nicht mehr, sondern habe als Kind angefangen, als Mechaniker zu arbeiten.“


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Jens: „Alles was du besitzt, besitzt irgendwann dich”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Jens begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Du selbst bist der wichtigste Mensch in deinem Leben. Das zu begreifen, hat etwas gedauert. Wahrscheinlich ist es mein einziges Talent, mich wirklich reflektieren zu können. Aber auch das musste ich lernen. Genau wie ich vor zwei Jahren lernen musste, plötzlich alleine klarzukommen. Wir waren zehn Jahre zusammen, haben einen Sohn, Bruno. Aber wir haben uns schließlich gesagt, es ist besser alleine glücklich zu werden als zusammen unglücklich.

Das war eine harte Zeit, aber ich glaube eh nicht ans Perfekte. Man darf auch mehrmals im Leben lieben. Es war schon die richtige Entscheidung, gerade wegen Bruno. Der bekommt ja alles mit. Wenn’s mir schlecht ging, kam er oft zu mir und wollte mich mit irgendwelchen Witzen oder Geschenken aufheitern.

Und damit hat er ja Recht, er ist jetzt neun und hat es verstanden. Ich sage ihm immer: Es ist egal was du machst, Hauptsache du wirst glücklich. Das klingt so spielerisch und naiv, aber mein Gott, darum geht es nun mal im Leben. Um nichts anderes. Nur Polizist oder Soldat darf er nicht werden, habe ich ihm gesagt. Alles andere liebend gerne. Und wenn er Balletttänzer werden will, kaufe ich ihm das Tutu.

 

„Du bist dein ganzes Leben lang nicht mehr alleine”

 

Ich besitze selbst wenig Materielles und bin damit sehr happy. Ich arbeite in der Livemusik-Branche, bin viel unterwegs und lebe minimalistisch, habe kein Auto, eine kleine Wohnung, ein Fahrrad und meinen Laptop. Das war’s. Alles was du besitzt, besitzt irgendwann dich. Ich selbst bin doch mein größter Wert, wie gesagt: Ich bin der wichtigste Mensch in meinem Leben. Genau wie du der wichtigste in deinem bist. Wenn ich nicht bei mir bin und glücklich bin, kann ich auch nicht für meinen Sohn da sein und dann geht’s ihm auch nicht gut.

Dass ich nicht trinke, nicht rauche, Sport mache und mich gesund ernähre, hat den ganz einfachen Grund, dass ich gesund sein muss. Für mich. Und damit für meinen Sohn. Ich habe ihm versprochen, dass ich zu seinem 60. Geburtstag komme.

Wenn ich an die Geburt zurückdenke, weiß ich noch, wie merkwürdig dieses Gefühl war. Du hast ein Kind auf dem Arm und denkst dir: Okay, kleiner Mann, du bist das also. Und dir wird klar, dass du dein ganzes Leben lang nicht mehr alleine sein wirst.

 

Bruno und Super Mario

 

Jetzt habe ich ständig so einen kleinen Kumpel dabei. Ich kann mit ihm mittlerweile über Jungssachen quatschen, er stellt schlaue Fragen, wir daddeln Mario Kart zusammen, nächste Woche macht er seinen Surfkurs und dann fahren wir gemeinsam nach Holland. Mütter haben ja häufig Angst davor, dass die Kinder größer werden und bald aus dem Haus sind. Ich hingegen finde die Vorstellung cool, mit ihm um die Häuser zu ziehen oder mit dem Wohnmobil durch Portugal zu fahren.

Er ist kein Baby mehr, was nur „Dudu“ und „Dada“ sagt, sondern ein richtiger Homie von mir. Hier, sieh mal, ich hab mir sogar seinen Namen auf den Oberschenkel tätowiert. Das ist seine Handschrift in Super-Mario-Farben. Das O in Bruno hat er selbst gestochen.“


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Johannes: „So bin ich ständiger Zaungast des Lebens“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Johannes begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Ich saß mit meiner Frau in Tansania an einem gottverlassenen Bahnhof, etwa 100 Kilometer westlich von Dodoma, irgendwo mitten im Land und wir haben den ganzen Tag auf einen Zug gewartet. Es war völlig unklar, ob er kommt oder nicht. Mit uns zusammen hat dort ein Massai gesessen, der auch auf diesen Zug gewartet hat. Dieser Mann hat eine Ruhe ausgestrahlt, das habe ich noch nicht erlebt. Mit diesem Menschen, mit dem wir überhaupt keinen Kontakt hatten, zusammen auf einen Zug zu warten, ungewiss, ob er überhaupt kommt und dann zu sehen, dass man dabei total ruhig und zufrieden sein kann: Das fand ich sehr beeindruckend.

Ich bin viel durch Afrika und Asien gereist. Eigentlich ist es unerträglich, in was für einem Wohlstand wir hierzulande leben. Wir halten Menschen von der Migration nach Deutschland ab und sind gleichzeitig nicht bereit, unseren Wohlstand zumindest mal zu begrenzen. Es ist nicht zulässig, Mieten ins Unerlässliche steigen zu lassen und Gewinne ohne Ende zu privatisieren. Mir geht es dabei ja nicht darum, den Sozialismus einzuführen, sondern ganz einfach um Wohlstandsgrenzen.

Ich definiere mich zeitlebens über das Recht, lebe nach Prinzipien und Strukturen, die ich in meinem Juristendasein gelernt habe. Vielleicht hätte ich auch etwas anderes machen sollen, denke ich manchmal. Dann wäre ich heute aber auch jemand anderes. So habe ich mich nun mal für das Recht entschieden und bin seit gut 40 Jahren Anwalt. Ich habe darüber Menschen, Betriebe und Beziehungen kennengelernt. Denn ich liebe es zu suchen. Sucht man etwa nach Motiven, wird vieles nachvollziehbar. Ich sage es gerne so: Durch den Beruf bin ich ein ständiger Zaungast des Lebens.

 

„Nach 39 Jahren zieht man nicht mehr weg“

 

Inzwischen bin ich seit drei Jahren in Rente, arbeite aber immer noch nebenbei. Ansonsten verbringe ich viel Zeit auf unserer kleinen Datsche, etwas außerhalb von Hamburg auf einem kleinen Bauernhof. Die hatte ein völlig krummes Dach, aber ich habe da oben ein Zimmer ausgebaut mit allem Drum und Dran: neuer Dachstuhl, neue Dachgaube, Fenster eingesetzt, eine Treppe angebaut. Das war höchst kompliziert für einen, der das nicht gelernt hat, aber es war letztendlich erfüllend.

Wenn ich mit meiner Frau da draußen bin, die Schafe und Alpakas um uns herumrennen, und in dem Wissen bin, bald kann ich mit meinem Enkel Trecker fahren, ist alles, was hier in der Stadt passiert, vergessen. Seit 39 Jahren wohne ich in Eppendorf. Erst in einer Wohngemeinschaft, später mit meiner Frau, irgendwann mit unserer Tochter. Da zieht man nicht mehr weg.

Meine Tochter wohnt jetzt in der Neustadt im Gängeviertel, das ist eine ganz andere Atmosphäre als hier. Da riecht man morgens, dass es dem Stadtteil am Abend gut gegangen ist. Die Menschen stehen auf der Straße, trinken Kaffee zusammen, unterhalten sich. Mit unseren Bauern auf dem Land ist das genauso so. Man unterhält sich. Ganz anspruchslos, ganz normal, ohne gedankliche Tiraden.

In Eppendorf fehlt mir mitunter dieses Gefühl von Nachbarschaft. Dabei könnten wir alle mehr miteinander reden, auch einem Fremden mal einen freundlichen Blick schenken. Wenn ich dir eins mitgeben kann, dann genau hinzugucken, sich Zeit für andere Menschen zu nehmen. Manchmal urteilen wir zu schnell. Also: lieber zwei Mal hingucken. Und richtig zuhören.“


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Heike: „Das hat meinen Sohn und mich zusammengeschweißt“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Heike begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Wir sind zwar auch mal unterschiedlicher Meinung, aber er hat ein Talent, was den meisten Leuten abgeht. Mein Sohn sieht nicht bloß stur seine Meinung, sondern versucht auch die der anderen nachzuvollziehen. Er ist einfach sehr emphatisch. Ich glaube, das ist zum Teil ein Erfolg meiner Erziehung.

Dabei war es nicht immer einfach für uns beide. Ich habe mich von seinem Vater getrennt da war mein Sohn gerade vier. Der Vater ist dann irgendwann gestorben, das ist aber schon viele Jahre her. Damals musste ich ein Kind alleine großziehen. Ein Kind, das schwersterkrankt war an Neurodermitis. Heute glaube ich, dass meinen Sohn und mich das eng zusammengeschweißt hat. Wir haben beide diese Einstellung zum Leben, die auf Positivem fußt. Es wird schon alles gut.

 

Rente und Tischtennisspielen

 

Er lebt inzwischen in Kiel und studiert noch. Ich arbeite seit 39 Jahren als Versicherungskauffrau. Es gefällt mir noch immer, vor allem der Umgang mit Menschen. Und trotzdem freue ich mich auf die Rente, aufs Reisen, auf mehr Zeit. Ich denke, das wird mir gefallen. In meinen Augen ist Freizeit das höchste Gut. Für meine Freunde habe ich ständig viel zu wenig Zeit und auch das Reisen wird wesentlich entspannter.  Es gibt so viele schöne Gegenden in Deutschland, die ich noch nie gesehen habe, und vielleicht reise ich auch mal nach Afrika.

Bis dahin bleibt aber noch ein wenig Zeit. In etwa acht Jahre. Ich verbringe hoffentlich noch viel Zeit in dem kleinen Park, der direkt vor meiner Haustür liegt. Da kenne ich so viele nette Leute und wir spielen regelmäßig Tischtennis. Wenn ich aus dem Haus gehe, treffe ich sofort jemanden. Inzwischen hat sich eine soziale Gruppe entwickelt. Mittlerweile sind wir manchmal schon ein bisschen zu viele Leute an der Platte, aber dann sprechen wir uns eben ab. Rundlauf kommt dabei nicht in Frage. Das habe ich früher auch gespielt, aber heute fordert es mich nicht mehr genug. Ich will schließlich richtige Matches spielen.“


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Tim: „Wir haben gekündigt und zwei One-Way-Tickets gebucht”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Tim begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Wir waren beide super frustriert von unseren Jobs, haben keinen Bock mehr gehabt und gedacht: Wie geil wäre es, wenn wir einfach in den Flieger steigen und am anderen Ende der Welt wieder aussteigen?! Beide jung, ungebunden, haben keine krasse Verantwortung daheim. Also: Wenn, dann jetzt! Zwei Tage später habe ich gekündigt, drei Tage später hat mein Kumpel gekündigt, wir haben all unser Erspartes in die Rucksäcke gesteckt und zwei One-Way-Tickets nach Bangkok gebucht.

Vielleicht war das ein Anflug einer Midlife-Crisis, aber so haben wir 2016 eben sechs Monate in Südostasien verbracht – ohne danach irgendetwas Neues in der Hand zu haben. Das war schon ‘ne coole Zeit. Aber ganz ehrlich, jetzt ist auch ‘ne coole Zeit. Ich bin seit drei Jahren in Hamburg, mache gerade eine Weiterbildung zum Online-Marketing-Manager, das gibt mir viel Zeit, wenig Sorgen und ich kann hier am Altonaer Balkon sitzen und diesen Frühling – oder was das darstellen soll – genießen.

Das Leben hier in Hamburg ist das komplette Gegenteil von dem, wie ich groß geworden bin. Ich komme ursprünglich vom Bodensee, aus einem 1200-Seelen-Dorf mit einer Stunde Fahrt zur nächsten größeren Stadt. Keine Frage, so ein Landleben ist schön. Ich hatte eine sehr behütete Kindheit in einem gesettelten Umfeld. Die Freunde aus Kindheitstagen sind noch immer meine engsten. Manche von ihnen sind dorthin zurückgegangen und leben mit ihren eigenen Familien nun wieder da, wo wir aufgewachsen sind.

 

„Ich bewundere meine Eltern“

 

Mich hat es irgendwann aber nicht mehr erfüllt, dort unten zu leben. Wenn ich noch einmal vor der Entscheidung stünde, würde ich vielleicht ein paar Jahre eher nach Hamburg gehen. Insgesamt habe ich jetzt acht Jahre als Ingenieur im Vertrieb gearbeitet, bereuen tue ich es nicht, denn der Job hat mich in die schönste Stadt der Welt gebracht. Aber es war bisher eben nur Arbeit und keine Leidenschaft. Das habe ich 50 Stunden die Woche gemacht und dann geguckt, dass ich die zwei, drei Stunden Feierabend so gestalte, dass sich der Tag doch noch zum Positiven wendet. Das möchte ich gerne ändern und stelle mich neu auf, damit ich künftig einen Job mache, der mich komplett erfüllt.

Ich bewundere viele meiner Freunde für das, was sie erreicht haben. Auch meine Eltern bewundere ich dafür, dass sie seit einer Ewigkeit zusammen sind. Gleichzeitig kann ich mich selbst gut einschätzen und weiß, dass ich auch stolz auf mich sein kann. Ich habe gelernt, dass ich mich an niemandes Glück messen muss, außer an meinem eigenen.“


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