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Hamburger des Monats: Kirsten Mainzer und Eva Maria Ciolek von Ülenkinder

Kirsten Mainzer und Eva Maria Ciolek haben mit Ülenkinder eine Einrichtung geschaffen, die Eltern schult, ihre schwer erkrankten, auch palliativen Kinder zu Hause zu pflegen. Ein Gespräch über Konzept und Ziele

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Kirsten Mainzer und Eva Maria Ciolek, mit Ülenkinder haben Sie ein Versorgungskonzept entworfen, das Familien mit schwer erkrankten sowie palliativen Kindern und Jugendlichen den Übergang vom Krankenhaus in die häusliche Pflege erleichtert. Es ist die erste Einrichtung in dieser Form, die deutschlandweit eröffnet. Warum gab es so etwas bisher noch nicht?

Eva Maria Ciolek: Der fortschreitende Personalmangel hat es irgendwann unmöglich gemacht, dass alle Familien von chronisch kranken Kindern auf Spezial-Pflegedienste zurückgreifen können. Bis heute ist es so, dass Kinder deshalb länger als nötig in Kliniken liegen. Eltern sind nun mal Laienpflegekräfte und können – wenn sie nicht geschult werden – zu Hause keine Versorgung leisten.

Kirsten Mainzer: Es ist allerdings total wichtig, die Selbstständigkeit von Familien zu fördern, damit Eltern nicht in Krisen geraten, in denen sie völlig kraft- und hilflos dastehen. Und so kamen wir auf Ülenkinder, das hat einfach in der Pflegeinfrastruktur noch gefehlt.

Was genau wollen Sie mit Ülenkinder erreichen?

Ciolek: Wir wollen mit dem Fachpersonal, das wir in der Kinderkrankenpflege zur Verfügung haben, so viele Eltern wie möglich fit machen in Sachen Pflege. Sie sollen Ängste abbauen und Sicherheit aufbauen können, damit sie ihre Kinder wieder nach Hause holen können.

Mainzer: Dabei geht es nicht nur darum, fachlich zu beraten, sondern auch die Psyche zu stärken. Viele Familien haben plötzlich ein krankes Kind und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen, wie sie sich aufstellen sollen, auch wie sie in Notfallsituationen reagieren sollen. Sie wollen ja eigentlich gar keinen 24-Stunden-Pflegedienst, sondern mit ihren Kindern zu Hause sein und selbst etwas tun. Und wir wollen ihnen dabei helfen.

Bevor es zu dieser Hilfe durch Ülenkinder kommen konnte: Mussten Sie sehr lange mit Krankenkassen verhandeln, um eine finanzielle Basis für alles zu schaffen?

Ciolek: Ja, das zog sich tatsächlich etwas hin. Wobei ich auch sagen möchte, dass wir sehr viele offene Türen eingerannt haben. Es ist nur so, dass wir mit einem Konzept kamen, das es im Gesundheitswesen und auch im Sozialgesetzbuch eben noch nicht gab. Die Umsetzung war deshalb etwas schwierig.

Mainzer: Wir mussten immer am Ball bleiben. Wir wollten ja keine Not- oder Mischkalkulation, sondern etwas aufbauen, das richtig auf den Füßen steht, ein Finanzierungsrecht hat, und von dem wir zumindest einigermaßen leben können. Dreieinhalb Jahre hat es gedauert, bis wir die Verhandlungen mit den Kassen abgeschlossen und eine Immobilie für Ülenkinder gefunden haben.

 

„Zuerst sehen uns die Eltern zu, dann sind sie selbst dran“

 

Acht Familien finden jetzt in Ihren Räumlichkeiten Platz. Wie muss man sich die Einrichtung vorstellen?

Ciolek: Wunderschön! Es sind die ehemaligen Räume des Hospizes im Israelitischen Krankenhaus. Die Zimmer sind sehr lichtdurchflutet und liebevoll eingerichtet. Es gibt ein Patientenbett für die Kinder beziehungsweise Jugendlichen und ein Elternbett. Es gibt gemütliche Sitzgelegenheiten, ein Bad, und fürs gemeinsame Essen ist auch genug Platz.

Mainzer: Wir haben auch ein besonderes Farbkonzept entwickelt, waren mutig mit der Auswahl von Orange, Blau, Lila und Pink. Es ist wirkt wirklich alles sehr ansprechend. Und in diesen großartigen Räumen schulen wir dann die Familien anhand der verschiedenen Krankheitsbilder.

Wie genau sehen die Schulungen aus?

Mainzer: Zuerst sehen uns die Eltern zu, dann sind sie selbst dran, und wir begleiten sie dabei. Es ist ja schon aufregend, wenn man zum Beispiel sein erkranktes Kind zum ersten Mal selbst badet. Bei einer Muskelerkrankung etwa fallen Kopf, Arme und Beine automatisch nach hinten, das macht Eltern Angst. Und wir sind so lange für sie da, bis sie diese Angst nicht mehr haben.

Ciolek: Zur Integration des Kindes in den Alltag gehören auch Situationen wie Einkaufen, Busfahren und Ausflüge. Wir helfen dabei, dass Eltern all das irgendwann auch ohne uns meistern können.

Sie haben schon die Muskelerkrankung genannt. Welche weiteren Krankheitsbilder erleben Sie in der Einrichtung?

Ciolek: Muskel- und Stoffwechselerkrankungen treten tatsächlich häufiger auf. Auch gibt es extrem früh Geborene, die einen ähnlichen Entwicklungsverlauf haben. Insgesamt ist die Kinderkrankenpflege breit gefächert und nicht vergleichbar mit der Erwachsenen- oder Altenpflege.

Mainzer: Wir haben ja schwerer-krankte und palliative Kinder, und alle haben eine große Chance, mit ihren Erkrankungen leben zu können, wenn auch eingeschränkt. Bei palliativen Erkrankten denkt man oft, die Lebenserwartung sei nicht mehr hoch, aber im Kinderbereich ist das anders. Palliative Kinder können durchaus erwachsen werden.

Erhalten Sie erwartungsgemäß viele Anfragen von Eltern, die selbstständig pflegen möchten?

Mainzer: Ja! Grundsätzlich kann jeder zu uns kommen, der Anspruch auf eine häusliche Pflege hat. Und viele sind sehr angetan von Ülenkinder. Kürzlich rief zum Beispiel eine Mutter an, deren zehnjähriger Sohn durch eine Infektion von jetzt auf gleich eine Muskelerkrankung bekam. Er war ein halbes Jahr im Krankenhaus. Die Mutter hatte von unserem Konzept gehört und erzählte uns dann, wie toll es wäre, dass es uns gibt.

 

„Wir sehen es als unseren Auftrag, unser Wissen weiterzugeben“

 

Momentan würde ihre Familie sich noch nicht trauen, mit ihrem Kind nach Hause zu gehen. Es wird beatmet, hat aber gute Aussichten auf Besserung. Jetzt wünscht sich die Mutter, dass ihr Mann, ihre Mutter und die Geschwister des erkrankten Kindes pflegerisch eingearbeitet werden, damit alle wieder sicher nach Hause können.

Ciolek: Eine weitere Hamburger Familie rief an, deren Kind in einer Klinik in Kiel liegt. Sie haben nicht oft die Möglichkeit, dorthin zu fahren. Sie suchen nach einer Möglichkeit, ihr Kind zu Hause zu pflegen, die sie bei uns bekommen könnten.

Mainzer: Wir bekommen übrigens nicht nur viele Anfragen von Eltern und Familien, sondern auch von Einrichtungen aus ganz Deutschland, die unser Konzept gerne übernehmen möchten. Und wir sehen es als unseren Auftrag, unser Wissen weiterzugeben und damit etwas zu verändern.

uelenkinder.hamburg


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Angry Young Woman: Ann Petrys „The Street“

Derzeit wird in Deutschland eine Pionierin der afroamerikanischen Literatur wiederentdeckt. Ann Petrys „The Street“ erzählt von einer schwarzen Frau, die im New York der 1940er Jahre keine Chance bekommt

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Ann Petrys Debütroman war bei Erscheinen im Jahr 1946 ein großer Wurf. Die literarische Welt horchte auf, mehr als 1,5 Millio­ nen Exemplare von „The Street“ wurden verkauft, Petry wurde mit dem Houghton Mifflin Literary Fellow­ship Award ausgezeichnet. Und das in einer Zeit, in der afroamerikanische Litera­tur eine reine Männerdomäne war.

Petry wurde 1908 in Old Saybrook, Connecti­cut, geboren, kam aus einer relativ privilegierten Familie von Apothekern und studierte auch selbst Pharmazie. 1938 zog sie mit ihrem Mann nach New York, wo sie erstmals das Elend der Schwarzen in Harlem zu sehen bekam. Um diese Ein­drücke literarisch bearbeiten zu können, studierte sie an der Columbia University.

 

Raus aus dem Elend New Yorks

 

In „The Street“ versucht Lutie sich und ihren achtjährigen Sohn Bubb aus diesem Elend zu befreien. Sie hat als junge Frau ihre Jugendliebe geheiratet. Doch wie so viele schwarze Männer zu jener Zeit findet ihr Mann Jim keine Arbeit. Lutie arbeitet als Hausmädchen auf dem Land für eine reiche, weiße Familie, die Chandlers. Ihre eigene Familie sieht sie nur wenige Tage im Monat. In der Welt der Reichen zele­briert man den American Dream.

Nach einiger Zeit färbt der Glaube, „dass jedermann reich werden könnte, wenn er wollte und hart genug dafür ar­beitete“, auf Lutie ab. Doch das System ist für Schwarze ein Teufelskreis, wie sie später feststellt: „Die Frauen arbeiten, weil die Weißen ihnen Arbeit geben – Geschirr spülen, Wäsche waschen, Böden wischen, Fenster putzen. Die Frauen arbeiten, weil die Weißen schwarzen Männern noch nie gern Arbeit gegeben haben, die genug ab­ wirft, um eine Familie zu ernähren.“ Die gedemütigten Männer, zu Hause in „finsteren Bruchbuden, wo einen die Wände erdrücken“, ziehen weiter. So auch Jim, der Bestätigung in den Armen einer an­deren Frau sucht. Lutie setzt ihn vor die Tür und zieht mit Bubb in eine schäbige Dachwohnung in der 116ten Straße in Har­lem. Die Straße ist der American Night­mare, ein Höllenloch mit einem Teufels­kreis aus Rassismus, Sexismus und Armut – es kommt zu verschiedenen Verwicklungen, bis zum finalen Knall.

 

Kraftvolle Sprache und Thrill

 

„The Street“ ist ein Roman noir und ein literarisches Ereignis. Petry ist eine begna­dete Erzählerin, die virtuos zwischen den Stilmitteln der Hoch­ und Trivialkultur hin und her springt, mit kraftvoller Sprache und Thrill. Dabei greift sie Stereotypen aus dem gängigen Kriminalroman auf, um sie anschließend gründlich zu unterlaufen, indem sie ihnen psychologische Tiefe und somit Ambivalenz verleiht. In ebendieser Ambivalenz liegt auch die Empathie, für die Petry zu Recht gerühmt wird, die sie noch für die widerlichsten Figuren aufbringt.

Sie alle sind „zwielichtige Ge­stalten, denen der Horror ihrer Lebensverhältnisse anzusehen“ ist. Zum Beispiel der Musiker Boots, der Lutie anbietet, in sei­ner Band zu singen – letztlich aber nur mit ihr ins Bett will. Ohne Sympathie für seine Abtrünnigkeit zu haben, entwickelt Petry ein Verständnis für sein Gewordensein, wenn er schildert, wie es ist, „wo zu leben, wo dich keiner haben will und wo der letzte weiße Arsch keine Mühe scheut, dich genau das wissen zu lassen“.

Petry_The_StreetPetry schreibt mit analytischer Klar­heit über Männer, die „nur in einem selt­sam überempfindlichen Stolz“ Halt finden und gewalttätig werden. Woraus Weiße wiederum ihre Bestätigung ziehen, dass Schwarze „von Natur aus kriminell“ seien. Wer so denkt, sagt Lutie, der „sah den ein­ zelnen Schwarzen ja gar nicht (…) weil ein Schwarzer für ihn kein Individuum war. Der war eine Bedrohung, ein Tier, ein Fluch, eine Plage oder ein Witz.“

In Stefan Zweigs „Brief einer Unbe­kannten“ heißt es, als der Protagonist be­sagten Brief zu Ende gelesen hat: „Ihm war, als sei plötzlich eine Tür unsichtbar aufgesprungen, und kalte Zugluft ströme aus anderer Welt in seinen ruhenden Raum.“ Eine ähnlich kalte Zugluft ist auch „The Street“.

Ann Petry: „The Street – Die Straße“, Nagel & Kimche, 384 Seiten, 24 Euro. Am 30.6. wird das Buch bei „März & Moritz & Gast“ im Literaturhaus besprochen, 19.30 Uhr


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburger des Monats: Sozialarbeiter Philipp von Dewitz

Der Lockdown trifft viele Familien hart. Philipp von Dewitz von „Auf Kurs Jugendhilfe“ betreut Kinder und Jugendliche, die auch ohne Corona unter schwierigen Bedingungen aufwachsen. Ein Gespräch mit dem 29-jährigen Sozialarbeiter über Systemsprenger, die akute Lage in den Familien und solidarisches Klatschen in Winterhude

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Philipp, wie arbeitest du momentan?

Philipp von Dewitz: Relativ normal. Mittler­weile hat sich im Alltag eine Krisenroutine eingestellt. Ich kann da aber nicht für alle Sozialarbeiter sprechen, sondern nur für meinen Bereich, der Jugend und Familienhilfe bei Auf Kurs Jugendhilfe. Ich bin allerdings nicht mehr mit den Öffis, sondern rund 40 Kilometer täglich mit dem Rad beruflich unterwegs.

Du betreust einzelne Kinder und Jugendliche, die du Corona-bedingt schwer zu Hause besuchen kannst.

Wir vermeiden es momentan, in die Wohnungen zu gehen. Wir versuchen, mit den Familienmitgliedern einzeln zu sprechen. Ganz viel findet momentan draußen statt. Es gibt aber auch Fälle, in denen das nicht funktioniert. Wenn es Kontrollaufträge vom Jugendamt gibt, wo geschaut werden muss, wie die Bedingungen für die Kinder in der Wohnung sind.

Wie ist dein Eindruck zur Lage in den Familien?

Ambivalent. Ich bin teilweise be­geistert, weil ich das Gefühl habe, dass die Krise Leute zusammenbringt. Es gibt einen gemeinsamen Gegner, so­ dass andere Probleme in den Hinter­grund rücken. Andererseits verschärfen sich bestehende Konflikte. Besonders um das Thema Schule, bei dem es oft kracht. Dazu kommt die räumliche Enge. Und es fallen Bezugspersonen wie Großeltern weg.

Du arbeitest in unterschiedlichen Stadtteilen wie Farmsen, Steilshoop, Rahlstedt, Billstedt oder Wilhelmsburg. Sind Menschen in sozial schwächeren Stadtteilen stärker von der Krise betroffen?

Ich befürchte, dass sich Ungleich­heiten in dieser Zeit eher manifestieren. Im Bereich materielle Versorgung sehe ich mehr Not und auch im Bereich Bildung. In Familien gibt es teilweise nicht die benötigte Ausstattung. Es fehlen Laptops und Drucker. Und pädagogisch sind viele Eltern überfordert.

Die Unterstützung von Behörden und Schulen ist da sehr unterschiedlich. Da gibt es gerade an den Schulen Licht und Schatten. Ich habe beides erlebt.

Viele befürchten, dass Fälle häuslicher Gewalt zunehmen.

Die Frage ist: Was passiert gerade, was wir nicht sehen? Ich habe eine aktuelle Statistik gelesen, dass es bundesweit bei 43 Prozent der Jugendämter einen deutlichen Rückgang von Meldungen im Bereich Kinderschutz gibt. Das liegt daran, dass die Hauptmelder Schule und Kita gerade in großen Fällen wegfallen.

Deshalb befürchten wir, dass es krasse Nachwirkungen von Sachen, die erst nachher rauskommen, geben wird. Gerade in diesen Grenzbereichen, wo sich Leute jetzt aus Hilfesystemen zurück­ziehen. Normalerweise gibt es eigentlich ein gut funktionierendes System im Kinderschutz. Nach krassen Fällen, wo nicht hingeschaut wurde, als Kinder zu Tode gekommen sind, wurde viel getan.

Auf Netflix läuft der Film „Systemsprenger“. Muss man sich deine Arbeit mit schwierigen Jugendlichen ähnlich vorstellen?

Der Film gibt aus meiner Sicht einen richtig guten Einblick in den Alltag von Pädagogik. Das Coole ist, dass es für mich einen hohen Wiedererkennungswert hat. Man denkt sich: „Ja, das kenne ich!“ Die Protagonistin ist eine sehr gelungene Blaupause für Jugendliche, die aus dem System fallen. Das sind aber Einzelfälle. Nicht jeder Jugendliche, der schwierig ist, fällt aus dem System.

 

„Ich gehe mit der Haltung zur Arbeit, dass der Mensch erst mal gut ist“

 

Deine Sprache hat mit der Fachsprache der Sozialarbeiter wohltuend wenig Ähnlichkeiten.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es wenig Wert hat, wenn mich die, um die es geht, nicht verstehen. Die meisten Leute, auf die ich treffe, sind Jugendhilfe­erfahren. Sie sind selber Profis. Ein 16­-Jähriger hat die Vokabeln teilweise besser drauf als ich, wenn er schon mal in einer Wohngruppe oder Suchtberatung war. Der lässt sich von mir nicht täuschen. Es geht aber nicht darum, dass ich da jetzt einen auf Ju­gendsprache mache. Ich versuche, als Erwachsener mit den Jugendlichen zu sprechen.

Wie hat dich der Job verändert?

Man wird ein bisschen wertschät­zender gegenüber anderen. Ich bin im­mer noch idealistisch in Bezug auf mein Menschenbild. Ich gehe mit der Haltung zur Arbeit, dass der Mensch erst mal gut ist und für sich ein gutes Leben anstrebt.

Das stützt die These des Historikers Rutger Bregman. In seinem Buch „Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit“ schreibt er, dass beim berühmten Stanford-Prison-Experiment nicht seriös gearbeitet wurde. Die Erkenntnisse, dass sich Menschen unter bestimmten Bedingungen zu Sadisten verwandelten, sei daher mit Vorsicht zu genießen.

Ich glaube, wenn man für Jugendliche künstliche Szenarien kreiert, wo man mit einem Anreiz wedelt und sagt: „Du kriegst einen Mercedes­ AMG oder deine Mutter und du habt weniger Streit“, dann würden viele sagen: „Ich nehm’ den AMG.“ Meine Erfahrung zeigt aber schon, dass es bei allem Geprolle und Gehabe doch bei den Jugendlichen darum geht, Anerkennung zu kriegen und Nähe zu Bezugspersonen zu erleben.

Wenn wir ganz allgemein von Wertschätzung reden: Steigt das Ansehen von sozialer Arbeit gerade?

Ich glaube ja. Es ist gerade ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür entstanden, wem man zu Dank verpflichtet ist. Das ist gerade ein Phänomen. Die Sozialarbeiter kommen zwar relativ weit hinten nach Ärzten und Kassiere­ rinnen. Aber immerhin.

Ist das nur ein Hype oder wird das anhalten?

Ich denke, es ist gerade eine sehr prägende Zeit für Leute, daher glaube ich, dass es schon anhalten kann. Es wird im Gedächtnis bleiben und ein bisschen mehr Solidarität übrig bleiben. Gleichzeitig bin ich eher Teil der Fraktion, die sagt, wenn meine Frau geschafft von ihrer Arbeit als Krankenschwester auf der Intensivstation nach Hause kommt und weiterhin wenig Wertschätzung in Form von monetärer Anerkennung bekommt, dann hilft ihr das nicht, wenn in Winterhude jemand klatscht.

Auf Kurs Jugendhilfe: Maimoorweg 52 (Bramfeld)


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Aktion Hoffnungsbrief: Worte wie Umwarmungen

Die Diakonie-Stiftung MitMenschlichkeit lädt Hamburger ein, Briefe an Senioren zu schreiben, die momentan nicht besucht werden dürfen. Vor allem Kinder freuen sich über diese Möglichkeit

Text: Erik Brandt-Höge

 

Mitte März wurden Besuchseinschränkungen für stationäre Pflegeeinrichtungen beschlossen. Menschen in Alten­ und Pflegeheimen leben seitdem isoliert von ihren Lieben. Ei­nen kleinen, aber feinen Lichtblick bietet die Diakonie-­Stiftung MitMenschlich­keit. Sie hat kurzerhand die „Aktion Hoffnungsbrief “ gestartet. Und die geht so: Hamburger dürfen den über 3.200 Senioren, die in den 23 teilnehmen­ den Diakonie-­Einrichtungen zu Hause sind, ihre Gedanken in Zeiten von Corona schicken, vor allem natürlich ihre guten Wünsche und Hoffnungen.

Marta-hoffnungsbriefSeit dem 23. März wird jede Einrichtung wö­chentlich vom Diakonie­-Team beliefert – und das hat ordentlich zu tun. Bis Mitte April gingen rund 2.700 Briefe, Postkarten und Bilder ein. „Ich bin begeistert von den vielen liebevollen Briefen“, sagt Jutta Fugmann­-Gutzeit, Geschäftsführerin Diakonie-­Stiftung MitMenschlichkeit Hamburg und Initiatorin der „Aktion Hoffnungsbrief “. „Kleine Kunstwerke von Kindern sind dabei, Kitas senden Basteleien, Studentinnen schreiben über ihren Alltag. Da ist wirklich zu spüren, dass es darum geht, den älteren Menschen eine Freude zu machen. Das finde ich toll, gerade in dieser Zeit.“ Steht ein Absender auf der Hoffnungs­-Post, haben die Senioren zudem die Möglichkeit, sich zu bedanken und in den Austausch zu gehen.

Bewohnerinnen und Bewohner von Hamburger Alten- und Pflegeeinrichtungen dürfen ab heute, 18. Mai, wieder Besuch empfangen. Allerdings nur sehr eingeschränkt und nur mit einem Termin. Geschrieben werden kann daher weiterhin an diese Adresse:

Diakonie-Stiftung Mit Menschlichkeit, „Hoffnungsbrief “, Königstr. 54, 22767 Hamburg


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Bürgermeister-Check: Tschentscher vs. Fegebank

Wer sind die Menschen hinter den Wahl-Slogans? Wir haben Peter Tschentscher und Katharina Fegebank unabhängig voneinander den gleichen persönlichen Fragebogen zukommen lassen. Hier kommen ihre Antworten im Vergleich.

 

Zu den Kandidaten: Dr. Peter Tschentscher von der SPD ist 54 Jahre alt, verheiratet, hat ein Kind, war bis 2011 Oberarzt im UKE und ist seit knapp zwei Jahren Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg. Soweit, so be­kannt. Aber: Wie oft stürzt sich der gebürtige Bremer ins Hamburger Nachtleben? Welches Lied wünscht er sich beim Karaoke-­Abend? Und steht er mehr auf Franz-­ oder auf Fischbrötchen?

Die 42-­jährige Grüne Katharina Fegebank wuchs in Bargteheide auf, studierte Politikwissenschaften, Anglistik, Öffentliches Recht und Europawissenschaften, war einige Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin und ist im Senat Tschentscher Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung sowie Zweite Bürgermeisterin. Steht überall geschrieben. Nur: Wie lässt die Mutter von Zwillingen eigentlich mal Dampf ab? Ist sie ein Workaholic? Und was wird für sie immer wichtiger sein als politische Arbeit?

 

SZENE HAMBURG: Worüber haben Sie sich zuletzt gefreut? 

Peter Tschentscher: Über die gute Stimmung bei unserem Wahlkampfauftakt.

Katharina Fegebank: Gerade heute Morgen über das Lachen meiner Zwillingsmädchen.

Freude lädt zum Feiern ein: Wie oft genießen Sie das Hamburger Nachtleben?

Tschentscher: Immer, wenn wir bei einer Ver­anstaltung nach dem offiziellen Pro­gramm länger bleiben.

Fegebank: Leider nicht mehr so häufig – aber wenn, dann richtig.

Und was ist ihr Mitbringsel zu einer Privatparty?

Fegebank: Etwas, das die Gastgeber erfreut.

Tschentscher: Eine Flasche Wein zum Beispiel. Aber das kommt ganz auf den Gastgeber an. Meistens bespreche ich das mit meiner Frau.

Welches Lied wählen Sie, wenn die Karaoke-Maschine angeschmissen wird?

Fegebank: Neue Deutsche Welle … da können alle anderen auch mitsingen.

Tschentscher: Von Udo Lindenberg „Reeperbahn“ oder „Der Astronaut muss weiter“.

Stimmungswechsel: Wann waren Sie zuletzt voll down?

Tschentscher: Als vor einem Jahr ein langjähriger Kollege und Freund gestorben ist.

Fegebank: Als ich mich Ende letzten Jahres so auf Weihnachten und ein paar freie Tage gefreut habe und ich dann krank im Bett lag.

Können Sie auch mal richtig sauer werden?

Fegebank: Ja, das passiert aber ganz selten. Und dann versuche ich es nicht an an­ deren auszulassen.

Tschentscher: Ja, das ist aber selten.

Wie und wo lassen Sie denn Dampf ab?

Tschentscher: Ich gehe dann an der frischen Luft spazieren oder beschwere mich gleich an der richtigen Stelle.

Fegebank: Beim Sport, da kann man sich aus­ powern.

Schon mal um die Alster gejoggt?

Fegebank: Schon lange her … jetzt wird eher der Kinderwagen geschoben.

Tschentscher: Ja, aber meistens gehe ich spazieren oder ich fahre Rad.

Apropos: Alster oder Elbe?

Tschentscher: Beides. Und wir sollten die Bille nicht vergessen und die vielen Kanäle. Stadt am Wasser finde ich immer faszi­nierend.

Fegebank: Elbe – für den Hamburg­-Pur-­Moment.

Franz- oder Fischbrötchen?

Fegebank: Ganz klar: Franzbrötchen.

Tschentscher: Franzbrötchen.

Schniekes Café oder olle Hafenkaschemme?

Tschentscher: Egal, Hauptsache, es gibt guten Kaf­fee.

Fegebank: Mal so und mal so. Ich mag beides.

Bier oder Wein?

Fegebank: Gar nichts von beidem. Wasser, Cola oder Gin Tonic.

Tschentscher: Wein.

 

„Wer verliert schon gerne.“

Katharina Fegebank

 

St. Pauli oder HSV?

Fegebank: Da darf eine Bürgermeisterkandidatin nicht parteiisch sein. Habe aber eine Dauerkarte für einen anderen Fußballverein im Norden.

Tschentscher: Ich bin gerne im Volksparkstadion, drücke aber beiden Vereinen die Daumen, wenn es um den Aufstieg geht.

Im Stadion: Still genießen oder lautstark anfeuern?

Tschentscher: Ich genieße die Stimmung. Bei guten Szenen und Toren jubel’ ich mit.

Fegebank: Absolut emotional … und lautstark anfeuern.

Sind Sie ein guter Verlierer?

Fegebank: Wer verliert schon gerne. In der Politik und im Sport will man gewinnen.

Tschentscher: Beim Skat schon, in der Politik gewinne ich gerne.

Schlimmste Headline über Sie bisher?

Tschentscher: Solche Überschriften vergesse ich schnell.

Fegebank: Über einige Headlines habe ich mich sicher nicht gefreut, auch mal geärgert. Aber an eine richtig schlimme Überschrift kann ich mich nicht erinnern.

Beste Headline?

Fegebank: Da fallen mir gleich zwei ein: „Eine, die sich traut“ (Süddeutsche Zeitung) und „Wer führen will, muss fröhlich sein“ (Hamburger Abendblatt)

Tschentscher: „Tschentscher ist beliebtester Politiker Hamburgs“ (Hamburger Abendblatt)

Headline nach der Bürgerschaftswahl, wenn Sie diese schreiben dürften?

Tschentscher: „SPD weiter stärkste Kraft – Tschentscher bleibt Bürgermeister“

Fegebank: „Grüne stärkste Kraft in Hamburg – Katharina Fegebank Erste Bürgermeisterin“

 

„Man darf in der Politik niemanden unterschätzen.“

Peter Tschentscher

 

Ihr Gegner hat eh keine Chance, weil:

Tschentscher: Das sehe ich nicht so. Man darf in der Politik niemanden unterschätzen.

Fegebank: Wir die besseren Ideen für Hamburg haben.

Und welche Hoffnung haben Sie schon aufgegeben?

Tschentscher: Dass Journalisten keine Fragen zum Privatleben stellen.

Fegebank: Die Hoffnung stirbt zuletzt, weshalb ich nie die Hoffnung aufgebe.

Was wäre Ihre erste Amtshandlung nach gewonnener Wahl?

Fegebank: Erst mal die Wahl gewinnen.

Tschentscher: Ich spreche mit unserer Landesvor­sitzenden über die Koalitionsgespräche.

Und die zweite?

Tschentscher: Klären, welche Entscheidungen wir bis zur Bildung des neuen Senats treffen müssen.

Fegebank: Allen Danke sagen, die mich unter­ stützt haben.

Sind Sie ein Höher-Schneller-Weiter- Mensch?

Tschentscher: Nein, ich komme gern voran, möchte meinen Job aber vor allem gut machen. Sorgfalt geht vor Schnelligkeit.

Fegebank: Ja, nur so lässt sich viel in kurzer Zeit für die Stadt bewegen. Ich habe aber auch gelernt, innezuhalten.

Ein Workaholic?

Fegebank: Das Herz sagt nein. Der Terminkalender sagt ja.

Tschentscher: Ja, das bringt das Amt so mit sich. Arbeit, die Spaß macht, belastet aber nicht.

Was wird für Sie immer wichtiger sein als jede politische Arbeit?

Tschentscher: Privat vor allem Gesundheit und dass es der Familie gut geht.

Fegebank: Meine Familie.


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Lara: Neuer Film von Jan-Ole Gersters

Lange sieben Jahre nach seinem gefeierten Debüt „Oh Boy“ kommt Jan-Ole Gersters zweiter Film ins Kino: „Lara“, mit einer fantastischen Corinna Harfouch in der Hauptrolle. Das Warten hat sich gelohnt

Text und Interview: Bettina Aust, Christian Aust

 

Vor sieben Jahren eroberte Jan-Ole Gerster mit seinem schwarz-weißen Debütfilm „Oh Boy“ und Tom Schilling in der Hauptrolle sämtliche Herzen, die des Publikums, der Kritiker und der Jurys diverser nationaler und internationaler Festivals. Man wollte sofort den nächsten Gerster-Film sehen, musste sich dann aber in unendlicher Geduld üben. Jetzt ist er endlich fertig und heißt „Lara“.

Dabei seufzt man innerlich immer wieder „Oh Lara“. Denn Antiheldin Lara Jenkin (Corinna Harfouch) macht sich das Leben unnötig schwer. Ihr sechzigster Geburtstag steht an. Nur will den niemand mit ihr feiern. Selbst den verliebten Nachbarn vergrault sie mit ihrem ätzenden Zynismus.

Die Ursache für ihre fortgeschrittene emotionale Verwahrlosung gründet in einem Jugendtrauma. Ein Klavierlehrer bescheinigt seiner eifrigen Schülerin Talentlosigkeit. Sie verwirft ihren Traum von einer Karriere als Pianistin und arbeitet als leitende Beamtin bei der Stadtverwaltung.

 

Teil der Gesellschaft

 

In einem Akt der Verzweiflung hebt Lara nun ihr Guthaben vom Konto ab und kauft sämtliche Restkarten für ein Konzert ihres Sohnes (Tom Schilling), um sie an irritierte Ex-Kolleginnen und Fremde zu verschenken. Freunde hatte sie nie, bei der Arbeit wurde sie eher gehasst als respektiert. Auch das Mutter-Sohn-Verhältnis ist eine Katastrophe. Schließlich hat sie den virtuosen Pianisten, der an diesem Abend sogar sein Debüt als Komponist feiern will, jahrelang mit ihrer sezierenden Kritik gemartert. Hat er doch gewagt, wozu seine Mutter nie den Mut hatte.

„Lara“ ist eine feierliche Hommage an Corinna Harfouch. Ähnlich wie Michael Haneke seine Muse Isabel Huppert, lässt Haneke-Fan Jan-Ole Gerster ihr hier in jeder Szene den Raum zu strahlen, immer wieder auch wunderbar schräg, und findet dafür auch noch extrem stylishe Bilder. Da wirkt selbst eine trostlose Neubausiedlung hip.

Wie in „Oh Boy“ scheitert hier ein Mensch bei dem Versuch, sich in die Gesellschaft einzugliedern, trotzdem glücklich zu werden – und an den eigenen Erwartungen. Der zeitliche Rahmen sind wieder die 24 Stunden eines Tages, Ort ist wieder Berlin. Doch die Zutaten Komik und Tragik sind in anderen Mengenverhältnissen dosiert. Der lässige Witz des Vorgängers ist immer mit der Schwere der Verzweiflung durchwirkt. Ein reiferer Jan-Ole Gerster betritt auch mit seinem zweiten Film Neuland: das Schauspielerinnen-Kino – ein Genre, das in Deutschland unterrepräsentiert ist. Und allein wegen Corinna Harfouch hat sich das Warten gelohnt.

 

 

SZENE HAMBURG: Jan­-Ole, Lara wird von ihrem Klavierlehrer der­artig entmutigt, dass sie ihre ganze Karriere hin­schmeißt. Wenn du so gestrickt gewesen wärst, dann wärst du nicht weit gekommen: Es heißt, du hast dich vierzig Mal bei der Produktions­ firma X­-Filme beworben?

Jan-Ole Gerster: Ich weiß nicht, ob es vierzig Mal waren. Aber es stimmt, ich hatte eine gewisse Hartnäckigkeit. Ich bin in der Provinz groß geworden, hatte den dringenden Wunsch, beim Film zu arbeiten und fand, dass die Firma X-Filme zu dem Zeitpunkt die interessantesten deutschen Filme produzierte. Die war damals der heiße Scheiß mit Filmen wie „Das Leben ist eine Baustelle“, „Absolute Giganten“ oder „Lola rennt“.

Ich habe mich dann als Praktikant beworben, aber natürlich erst mal nichts von denen gehört. Trotzdem habe ich immer wieder dort angerufen. Die waren sich zwischenzeitlich nicht sicher, ob ich ein bisschen irre bin oder wirklich nur den Job wollte. Schließlich durfte ich irgendwann zum Gespräch vorbeikommen und hatte kurz darauf mein Praktikum. Später wurde ich Assistent von Wolfgang Becker, einem der Gründer von X-Filme, und habe die Entstehung von „Good- bye, Lenin!“ begleitet. So fing alles an.

Mit „Lara“ hast du ein Drehbuch verfilmt, das du nicht selbst geschrieben hast. Was hat dich an diesem Stoff vor allem berührt?

Das Drehbuch hatte eine große Wirkung auf mich. Lara ist eine sechzigjährige Frau, hat einen erwachsenen Sohn hat und liebt klassische Musik. Die Gemeinsamkeiten waren erst mal nicht so augenscheinlich. Und trotzdem gab es irgendetwas in der Geschichte, das mich betraf. Das hat sicher damit zu tun, dass ich Leute mit einer großen Leidenschaft interessant finde. Und ich finde es sehr tragisch, wenn diese Leidenschaft nicht gelebt werden kann. Das ist wie eine unerwiderte Liebe

Inwiefern kennst du dieses Gefühl?

Es geht um Zweifel und die permanente Angst, deinen eigenen Absolutheitsansprüchen nicht zu genügen. Mit diesem Thema haben viele Menschen in künstlerischen Prozessen zu tun. Ich hatte diese Zweifel vor allem als Filmstudent. Man hat das natürlich nie ausgesprochen, wusste aber, dass, wenn der Debütfilm nicht einschlägt, es schwer sein würde, weiterzumachen.

Ich habe mich gefragt: Was passiert, wenn ich scheitern werde? Dann würde das Kino, das ich so sehr liebe, plötzlich zu einer schlechten Erfahrung werden. Und ich würde zum Zaungast meiner eigenen Leidenschaft werden. In Laras Figur habe ich all diese Ängste und Zweifel wiedererkannt. Bei ihr haben sie dazu geführt, dass sie ihren Traum aufgibt und Platz macht für andere. An diesem Punkt war ich auch.

 

„Grausamer als zu scheitern ist es, es gar nicht probiert zu haben“

 

Und warum hast du dann trotzdem weitergemacht?

Weil ich fand, dass eine Sache noch grausamer ist als zu scheitern: nämlich die, es gar nicht erst probiert zu haben. Das wollte ich mir ersparen, dass ich irgendwann wie Lara auf mein Leben zurückblicke und mich frage: Warum habe ich das eigentlich nicht gemacht? Warum habe ich es nicht wenigstens probiert? Und dann habe ich mich eines Besseren besonnen und brav meinen Abschlussfilm gedreht.

Und dieser Film, „Oh Boy“, wurde gleich ein richtiger Hit. Hast du trotz­dem noch Zweifel an deinen Fähig­keiten als Regisseur?

Es ist wichtig, dass es so ist. Ich bin zum Glück weit davon entfernt, routiniert zu sein. Ich habe zwei Filme gedreht und frage mich jetzt, kriege ich auch einen dritten hin – und wird er gut oder bestenfalls brillant sein? Man muss sich immer fragen, wo ist die Herausforderung? Was ist der Kern,
zu dem man vordringen will, auch erzählerisch? Welche Angst gilt es zu überwinden? Ich will nicht einer dieser Regisseure werden, die am Set immer und immer wieder das gleiche Ding durchziehen. Dafür ist mir das Filmemachen zu heilig.

Die Fans von „Oh Boy“ hatten gehofft, dass du gleich mit dem nächsten Knaller nachlegst. Warum hat es dann doch sieben Jahre gedauert?

Mir war es wichtig, dass ich sicherstelle, dass der zweite Film nach meinen Bedingungen gedreht werden kann. Und ich nicht als „Auftragsregisseur“ von einem Projekt zum nächsten springe und gar nicht so genau weiß, warum ich diese Filme mache.

Ich versuche, irgendetwas zu finden, mit dem ich etwas von mir zeigen kann. Mit „Oh Boy“ war es so, dass er mich fast zwei Jahre in Schach gehalten hat. Nach etlichen Festivals und Auslandsstarts kam ich irgendwann im Sommer 2014 mit einem regelrechten „Oh Boy“-Kater nach Hause und war, ehrlich gesagt, von dieser Aufmerksamkeit ein bisschen erschlagen.

Stimmt es tatsächlich, dass dich ein Lob von Regisseur Michael Haneke etwas blockiert hat?

Michael Haneke hat mir sehr überraschend ein schönes Kompliment gemacht. Das war ein absolutes Highlight – fast wie eine Audienz beim Papst. Seine E-Mail endete mit den Worten: „Ich freue mich auf Ihren nächsten Film.“ Dieser Satz hing die ganze Zeit über mir. Oh Gott, Haneke guckt sich meinen nächsten Film an – wahrscheinlich hatte er unsere kurze Korrespondenz zwischenzeitlich schon wieder längst vergessen, aber ich habe ihn Anfang des Jahres bei einer Buchpräsentation getroffen und ihm erzählt, dass er für meine jahrelange Blockade verantwortlich sei.

Da hat er gelacht und gesagt, dass ich nicht so lange warten soll. Ich habe das nie so gesehen, aber jetzt erkenne ich darin fast eine Parallele zu Laras Begegnung mit ihrem ehemaligen Professor. Erstaunlich, wie viel Gewicht diese beiläufig gesagten Sätze haben können.

Wie weit hat Hanekes Arbeit dich da­rüber hinaus inspiriert?

Ich will eigentlich gar nicht so gern darüber reden, da Haneke einer der ganz Großen des Kinos ist. Davon bin ich Lichtjahre entfernt. Aber natürlich bin ich ein großer Fan. Dass mein Film nun oberflächlich ein, zwei Ähnlichkeiten zu „Die Klavierspielerin“ aufweist, ist allerdings ein Zufall.

Beide Hauptfiguren sind in einem ähnlichen Alter und bewegen sich in der Welt der klassischen Musik. Ich habe stets den Anspruch originell zu sein, aber diese Parallele hat mich tatsächlich nicht weiter gestört. Dafür finde ich beide Filme eigenständig und unterschiedlich genug. Hanekes Film ist ein Meisterwerk – meiner ist auch nicht schlecht.

Lara: Regie: Jan-Ole Gerster. Corinna Harfouch, Tom Schilling, André Jung. ab 7.11. in den Kinos


szene-hamburg-november-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Tierschutz: Tierheim Süderstraße zieht Bilanz

Das Tierheim Süderstraße nimmt Hunde, Katzen und Co. auf, die zu unbequem geworden sind oder regelrecht entsorgt wurden. Die Vorsitzende des Hamburger Tierschutzvereins, Sandra Gulla, fordert mehr Mut und Empathie.

Text:  Natalia Möbius
Foto: Jérome Gerull

 

Bittere Bilanz: Während der Sommerferien wurden in diesem Jahr insgesamt 301 Tiere mutmaßlich ausgesetzt oder im Tierheim Süderstraße abgegeben. Manche von ihnen, vor allem Kleintiere, wurden in oder neben Mülltonnen regelrecht entsorgt. Kein neues Phänomen – Hunde, Katzen und Co. sind häufig zu unbequem oder hinderlich, wenn es in den Urlaub geht.

Dabei ist das Aussetzen von Tieren nicht nur ordnungswidrig, sondern kann auch fatale Folgen haben. Eine Geldstrafe von bis zu 25.000 Euro erwartet den Halter, der sein Tier sich selbst überlässt. „Wer sein Tier aussetzt, beweist damit eine besonders große Empathie- und Charakterlosigkeit. Den Mut, das Tier bei uns im Tierheim Süderstraße abzugeben, muss man zumindest aufbringen“, so die erste Vorsitzende des Hamburger Tierschutzvereins (HTV) Sandra Gulla.

 

Knapp 1.350 Tiere leben im Tierheim

 

Wer sein Haustier persönlich abgibt, hilft außerdem bei der Weitervermittlung: Fundfristen von bis zu einer Woche, bevor es weitervermittelt werden darf, müssen nicht eingehalten werden und das Tier kann besser eingeschätzt werden. Das Tierheim ist die amtliche Annahmestelle für alle Tiere, die in Hamburg gefunden werden und wird vom HTV betrieben.

Derzeit leben dort knapp 1.350 Heimtiere. Um sie versorgen zu können, ist das Tierheim auf Spenden und Tierpatenschaften angewiesen. Zusätzlich entlasten ehrenamtliche Mitarbeiter die Tierpfleger beim Gassigehen oder bei der Nachkontrolle von bereits vermittelten Tieren.

Tierheim Süderstraße: Süderstraße 339 (Hamm-Süd)


Szene-Oktober-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Oktober 2019. Titelthema: Neu in Hamburg. Das Magazin ist seit dem 28. September 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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„Systemsprenger“ als bester Film ausgezeichnet

„Systemsprenger“ werden im Amtsjargon Kinder genannt, die in keiner Familie, keinem Heim klarkommen. Regisseurin Nora Fingscheidt hat ein berührendes Drama über solch ein Mädchen geschaffen, das beim deutschen Filmpreis 2020 als bester Film des Jahres ausgezeichnet wurde.

Text und Interview: Sabine Danek
Foto: Yunus Roy Imer – Port au Prince Pictures

 

Gleich mit ihrem ersten Spielfilm hat die Hamburger Regisseurin Nora Fingscheidt es in den Wettbewerb der Berlinale geschafft – und den Silbernen Bären gewonnen. Mit einem Drama wie eine Urgewalt, das von einem Mädchen erzählt, wie man es zuvor nicht kannte.

Von der neunjährigen Benni, die von ihrer überforderten Mutter der Fürsorge übergeben wurde, die Bobby-Cars durch die Gegend schmeißt, die tobt, schreit und abhaut. 27 Heime und Wohngruppen hat sie hinter sich, denn sie will einzig an einen Ort zurück: zu ihrer eigenen Mutter. Bennis Kampf um Liebe ist eine Tour de Force, die weit über die Geschichte hinausreicht, die einen zutiefst berührt, bestürzt und atemlos zurücklässt.

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Mehrfach ausgezeichnet: Nora Fingscheidt (Foto: Philip Leutert)

SZENE HAMBURG: Nora Fingscheidt, Sys­temsprenger ist ein so kalter und ungewöhnlicher Begriff. Wie wurde er Titel?

Nora Fingscheidt: Als ich das Wort das erste Mal gehört habe, ging es mir genauso. Das war während der Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm für die Caritas. Wir haben in einem Heim für wohnungslose Frauen gedreht, einem nicht sehr hoffnungsvollen Ort, wo eines Tages ein 14-jähriges Mädchen einzog.

Ich war schockiert darüber! Aber die Sozialarbeiterin erklärte uns gelassen, sie sei eben ein Systemsprenger. Das Wort ist so hart wie eindrücklich, es klingt nach Explosion und beschreibt gleichzeitig etwas sehr Tragisches. Von da an hat der Begriff mich begleitet.

Du hast auch das Drehbuch geschrie­ben. War es bei dieser Geschichte besonders wichtig, sie von Anfang an zu entwickeln?

Es gibt Stoffe, denen muss man sich einfach selber annähern. Ich hätte das Drehbuch gerne mit jemandem zusammen geschrieben, aber es gab Zeitprobleme. Es alleine zu schreiben war schon recht anstrengend.

War das Mädchen aus dem Haus für wohnungslose Frauen Vorbild?

Auf eine Weise schon, denn sie war der Ausgangspunkt für eine vierjährige Recherche. Die habe ich aber nicht nonstop betrieben, sondern zwischendurch immer wieder geschrieben. Ich war für zwei Wochen in einer Wohngruppe und habe anschließend an dem Drehbuch gearbeitet, dann eine Woche in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, wieder geschrieben, zehn Tage in einer Schule für Erziehungshilfe und so weiter.

Am Ende war ich noch einmal zehn Tage in einer Inobhutnahmestelle. Das war hart. Dorthin kommen die Kinder direkt aus den Familien, wenn es Zuhause eskaliert.

 

„Mein Weltbild hat sich ziemlich verdüstert“

 

Wie nahe geht einem so ein Projekt?

Sehr nahe. Mir ist es schwer gefallen, die vielen tragischen Fälle zu verarbeiten, die furchtbaren Familiengeschichten der Kinder, ihre Traumata und ihre Hilflosigkeit. Mein Weltbild hat sich ziemlich verdüstert und irgendwann konnte ich nicht einmal mehr U-Bahn fahren, ohne mögliche Fälle von Kindesmissbrauch zu sehen.

Ich habe dann ein Jahr pausiert und einen Dokumentarfilm über Mennoniten in Argentinien gedreht. Das Eintauchen in eine so andere Welt ohne Strom, ohne Internet und weltpolitische Überlegungen, in der nur das demütige Leben Gott gegenüber zählt, war gut. Auch wenn es dort andere Konflikte und Kindheitsprobleme gab, hat es die Dinge wieder etwas ins Verhältnis gerückt.

Die damals zehnjährige Helena Zengel, die im Film Benni spielt, war eine der ersten, die für diese Rolle vorgesprochen hat. Dennoch hast du noch viele andere gecastet.

Als ich das Drehbuch geschrieben habe, dachte ich, dass ich nie ein Kind finden werde, das diese Rolle spielen kann. Geschweige denn, dass ich Eltern finde, die das erlauben. Als wir schließlich das erste Casting hatten, war Helena tatsächlich das siebte Kind, das vorgesprochen hat. Ich war beeindruckt, aber habe mich nicht getraut, schon aufzuhören. Michael Haneke hat für „Das weiße Band“ 6.500 Kinder gecastet. Ich konnte mir wirklich nicht vorstellen, dass es so einfach sein kann.

Doch sie ist es dann geworden.

Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich alle anderen Mädchen mit Helena vergleiche. Die Aggression immer auch mit einer solchen Not zu spielen, mit etwas Verletzlichem und gleichzeitig Gefährlichem, das habe ich bei keiner anderen gefunden.

Wie geht man mit einem Kind um, das solche Extreme spielen muss?

Man lässt sich viel Zeit. Sechs Monate vor Beginn der Dreharbeiten haben Helena und ich angefangen, Bennis Charakter zu erforschen, wir haben zusammen Bennis Klamotten ausgesucht. Bennis kleiner Drache war Helenas Idee. Wir haben aufgelistet, wie Benni in verschiedenen Situationen reagiert und wie Helena, damit sie das nicht vermischt.

Gleichzeitig hatten wir so viele Drehtage, dass wir nur ein, zwei Filmminuten am Tag drehen mussten. Komprimiert in zwei Stunden Film sieht es schon so aus, als würde Benni ständig ausrasten, aber wir hatten auch ruhige und lustige Drehtage.

 

 

Wenn Benni ausrastet, wird die Leinwand pink und zu einem Kaleidoskop aus Bildsplittern. Wie kam es dazu?

Ansätze gab es schon im Drehbuch, in das ich Träume, beziehungsweise Albträume hineingeschrieben habe. Aber irgendwie steckten sie voller Klischees. Weil Helena als Kind nur fünf Stunden am Tag arbeiten darf, haben der Kameramann Yunus Roy Imer und ich damit begonnen, nach ihrem Drehschluss mit bunten Glühbirnen und Makroobjektiven zu experimentieren. Der Schnittmeister hat das weitergesponnen und so ist Schritt für Schritt diese Filmsprache entstanden.

Der Film baut eine unglaubliche Span­nung auf, alles scheint möglich. Wie schwer war es, da einen Schluss zu finden?

Das war wahnsinnig schwer. Es gab viele verschiedene Versionen, manche waren ganz ruhig. Aber schließlich wollten wir es knallen lassen. Wir haben versucht, Bennis Energie in alle Ebenen des Films zu übertragen, in die Farben, den Schnitt, die Tongestaltung und in die Dramaturgie. Auch das Ende entspricht ihrer Intensität. Es wird sehr ambivalent aufgenommen, aber ich möchte nicht zu viel verraten.

Für wen ist der Film?

Für Menschen, die sich für Kinder interessieren, ab 20 Jahren aufwärts bis in die hohen 70er. Auf den Festivals habe ich beobachten können, wie die unterschiedlichsten Leute von dem Film berührt sind.

Er handelt auch von der Liebe selbst, davon, was sie kann und wie viele Facetten sie hat.

Ja, von dem Bedürfnis des Menschen nach bedingungsloser Liebe und was passiert, wenn einem diese entzogen oder verweigert wird. Bis heute hat der Film 19 Preise gewonnen und das auf der ganzen Welt, in Taiwan, Portugal, der Ukraine oder auf dem Balkan. Auch wenn er im deutschen Sozialsystem angesiedelt ist, scheint er etwas ganz Universelles zu berühren.

Auf der Berlinale hat der Film den Silbernen Bären gewonnen. Wie war es, auf Anhieb im Wettbewerb zu sein? Und ab wann denkt man, dass man vielleicht gewinnen könnte?

Es war natürlich total großartig, aber gleichzeitig ist das alles auch ziemlich an mir vorbei gerauscht. Ich bin aus der völligen Überarbeitung in die Berlinale geschlittert. Der Film wurde nur drei Tage vorher fertig, erst am Tag vor der Premiere konnte ich mir ein Kleid besorgen.

Bevor ich mich besinnen konnte, war die Berlinale vorbei und plötzlich stand ein Bär in unserer Küche. Im Nachhinein kann ich das sehr genießen, aber währenddessen habe ich mich eher wie in einem Tornado gefühlt. Und damit gerechnet, wirklich einen Preis zu gewinnen, haben wir sowieso nie.

Systemsprenger: Ab 19.9.2019 im Kino


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Pedro Almodóvar über „Leid und Herrlichkeit“

In „Leid und Herrlichkeit“ lässt ein gealterter Regisseur sein Leben Revue passieren. Im Interview erzählt Pedro Almodóvar von seinem neuen Film, der viel über ihn selbst verrät

Text: Maike Schade
Interview: Patrick Heidmann
Foto: Studiocanal – El Deseo – Nico Bustos

 

Die Farben im Vorspann zerfließen. Kaleidoskopartig verschwimmen die Muster ineinander, wachsen zu neuen Formen, vergehen und erblühen. Ein Sinnbild für das, was kommen wird: eine Veränderung, ohne großes Getöse, doch ständig und unaufhaltsam.

Zunächst jedoch ist da Starre. Seit Jahrzehnten quälen Regisseur Salvador Mallo (Antonio Banderas) Migräne, Rückenschmerzen und diverse Entzündungen. Sie haben ihn zermürbt, betäubt von Schmerzmitteln und später Heroin, schleppt er sich durchs Leben. Schon lange fehlt ihm die Kraft zur Arbeit, Filmideen schlummern als Fragmente auf dem Rechner. Und so verdöst er die Tage, Gegenwart und Vergangenheit verschwimmen, er verliert sich in Erinnerungen an seine Kindheit, die wir in Rückblenden kennenlernen: die weiß getünchte Höhle, in der die Familie lebte. Die bittere Armut, die Mutter (Penélope Cruz), streng und schön. Und der Handwerker, den er lesen und schreiben lehrte, und der in ihm eine erste Begierde erweckte.

 

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In „Leid und Herrlichkeit“ setzt sich Pedro Almodóvar in farbenprächtigen Bildern mit seinem Leben auseinander

 

Die Parallelen von Pedro Almodóvars jüngstem Film „Leid und Herrlichkeit“ zu seinem eigenen Leben sind offensichtlich. Wie sein Filmprotagonist Mallo ist auch er ein nicht mehr junger, schwuler Regisseur, der unter chronischen (Kopf-)Schmerzen leidet. Wie er, wuchs er in einem spanischen Dorf auf, besuchte eine Klosterschule und feierte weltweit Erfolge. Die Wohnung, in der Mallo wohnt, ist Almodóvars eigene – ein intimer Blick in das Leben des spanischen Regisseurs. Voller Farben ist sie, an den Wänden große Gemälde, die Möbel bunt.

„Leid und Herrlichkeit“ ist Pedro Almodóvars persönlichster Film – und der beste, den er seit Langem gemacht hat, ebenso klug wie komplex. Melancholischer, doch gewohnt farbenprächtig setzt er sich mittels eines Rückblicks auf sein Leben mit seinen Kernthemen auseinander: Homosexualität, eine ikonische Mutterfigur, eine von strengem Katholizismus geprägte Kindheit, Künstlertum, Exzess und Freiheit.

 

 

Die Wende im Film von schmerzerfüllter Starre hin zur Bewegung kommt mit einer Nachricht: Ein 32 Jahre alter Film Mallos (das fiktive Pendant zum realen „Das Ende der Begierde“ von 1987, dem ersten autobiografisch inspirierten Werk Almodóvars) soll wiederaufgeführt werden, er ist zum Publikumsgespräch eingeladen. Seinerzeit hatte er sich mit dem Hauptdarsteller verkracht, nun nimmt er wieder Kontakt auf.

Noch immer hängt Alberto Crespo (Asier Etxeandia) am Heroin, und Mallo, weit jenseits der 60, probiert es erstmals aus. Das macht ihn nicht unbedingt sympathischer, und schon vorher macht er es den Zuschauern in all seiner Larmoyanz nicht einfach, ihn zu mögen. Doch nach und nach entblättert sich die Figur in all ihrer Komplexität, Leidenschaft und Liebenswertigkeit.

Antonio Banderas spielt die Hauptrolle, es ist die achte Zusammenarbeit von ihm und Almodóvar. Und er war nie besser. Ist das wirklich der Mann, der den sexy Kämpfer, den heißen Latin Lover gab? Banderas’ Identität scheint mit der Almodóvars zu verschwimmen, er spielt den gealterten Künstler mit kleiner Geste, doch so intensiv und sensibel, dass er zu Recht in Cannes die Goldene Palme als Bester Darsteller gewann – die erste große Auszeichnung seiner Karriere.

 

„Ich hatte immer nur Antonio im Kopf“

 

SZENE HAMBURG: Señor Almodóvar, in Ihrem neuen Film geht es um einen nicht mehr ganz jungen schwulen Regisseur, der auf sein Leben und Werk zurückblickt. Da liegt der Verdacht nahe, dass es sich hier um eine sehr autobiografische Geschichte handelt …

Natürlich hat der Film seinen Anfang damit genommen, dass ich über mich selbst nachgedacht und geschrieben habe. Aber der Protagonist ist nicht ein exaktes Abbild von mir, sondern Fiktion. Fiktion, die von mir geschaffen und durch mich geprägt ist.

Sobald Fiktion in eine Geschichte Einzug erhält, wird sie auch zur treibenden Kraft. Dann muss man sich von ihr leiten lassen und ihr treu bleiben, nicht der Realität. All die Wege, die dieser von Antonio Banderas gespielte Filmemacher einschlägt, bin ich auch irgendwie gegangen. Doch eben nicht zwingend in die gleiche Richtung. Längst nicht alles, was im Film zu sehen ist, ist mir auch passiert. Allerdings hätte es mir passieren können.

Aber es gibt Szenen, die tatsächlich ganz direkt eigenen Erfahrungen entsprechen?

Vielleicht 20 Prozent des Films, würde ich sagen. Aber natürlich werde ich Ihnen nicht verraten, welche das sind.

Vielleicht die Episode „Erste Begierde“, in der der Junge lustvoll einen sich waschenden, nackten Handwerker beobachtet, dem er lesen und schreiben beibringt – hat die so in Ihrer Kindheit stattgefunden? 

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Pedro Almodóvar

Nein, nicht in dieser Form. Allerdings stimmt es, dass ich im Alter von neun Jahren bei uns in der Straße zum Lehrer für etliche Erwachsene wurde. Abends kamen regelmäßig vier oder fünf Feldarbeiter zu uns nach Hause, ordentlich gekleidet, als würden sie zum Arzt gehen. Ich brachte ihnen lesen und schreiben bei und war, wie meine Mutter berichtete, ziemlich streng. Verliebt habe ich mich nie in einen von ihnen, von daher ist dieser Aspekt des Films fiktiv. Aber eben auch nicht wahnsinnig weit hergeholt.

Mit Antonio Banderas arbeiten Sie bereits seit dem Beginn Ihrer Karriere zusammen. Wäre ein anderer Hauptdarsteller für Sie überhaupt in Frage gekommen?

Nein, ich hatte immer nur Antonio im Kopf. Und mir war es wichtig, dass wir uns vorher zusammensetzen und in Ruhe darüber sprechen, was ich im Sinn hatte. Denn was ich mir von ihm erwartete, war anders als alles, was wir früher zusammen gedreht hatten oder er in den USA je gespielt hatte. Aber schon allein durch die Drehbuchlektüre schien er genau zu wissen, worauf es ankam.

So wie in „Leid und Herrlichkeit“ hat man Antonio wirklich noch nie gesehen, und gerade weil er mich mit vielem sehr überrascht hat, war diese Regiearbeit für mich die vielleicht einfachste meines Lebens.

Die Rolle der Mutter spielt – in den Rückblenden – Penélope Cruz, eine weitere langjährige Wegbegleiterin …

Penélope in dieser Rolle zu sehen, hat mich enorm bewegt. Nicht nur, weil sie natürlich meine eigene Mutter gut kannte, sondern weil sie auch selbst für mich wie ein Teil meiner Familie ist. Seit wir vor über 20 Jahren anfingen, zusammen zu arbeiten, stehen wir uns sehr nahe und lieben uns sehr. Auch sie war für mich eigentlich die erste und einzige Wahl, denn gerade weil dieser Film diese starke persönliche und autobiografische Note hat, war es mir wichtig, von Menschen umgeben zu sein, mit denen ich vertraut bin und die auch mich einfach sehr gut kennen.

In „Leid und Herrlichkeit“ geht es viel um konfliktreiche Beziehungen, mit denen der Regisseur nach langen Jahren in der direkten Auseinandersetzung seinen Frieden macht, sei es mit der Mutter, seinem einstigen Hauptdarsteller oder auch seinem früheren Lebensgefährten. Verspüren Sie selbst diesen Drang?

Den Drang vielleicht. Aber ich habe nicht den Mut meiner Filmfigur, mich all diesen klaffenden Beziehungswunden zu stellen. Im Film wird ja wirklich konsequent jeder Kreis geschlossen, selbst zu den Erinnerungen an die Begierden der Kindheit findet der Protagonist wieder zurück. Und es geht ihm damit besser, keine Frage. Aber ich glaube nicht, dass ich mich allem stellen kann und will. In meinem Leben ist noch vieles offen, und ich denke, das wird in vielen Fällen auch so bleiben.

Sind Sie insgesamt mit sich im Reinen? Haben Sie sich mit dem Älterwerden arrangiert?

Sagen wir es mal so: Es hat schon seinen Grund, warum ich eigentlich nie in den Spiegel gucke. Und in der Folge auch nie Feuchtigkeitscreme benutze, obwohl ich weiß, dass sie mir gut tun würde und ich meine Haut besser pflegen sollte (lacht). Wirklich im Reinen und zufrieden mit mir und auch meinem Alter bin ich nur, wenn ich meiner Kunst nachgehe und schöpferisch tätig bin. Etwas zu kreieren, das andere Menschen berührt – danach bin ich fast süchtig. Wenn ich keine Filme drehe, kann ich nicht immer unbedingt etwas mit mir selbst anfangen.

„Leid und Herrlichkeit“: Seit dem 26.7. im Kino


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2019 im Handel und zeitlos im 
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Klimaziele: Bio-Apfelbauer verklagt die Bundes-Regierung

Der Bioapfelbauer Claus Blohm und seine Kinder verklagen die Bundesregierung, weil sie ihr Klimaziel 2020 nicht einhält. Der Vorwurf: Die Tatenlosigkeit gefährde die Existenz der Familie. Ein Besuch im Alten Land

Text: Ulrich Thiele
Foto (o.): Gordon Welters – Greenpeace

Es regnet, Gott sei Dank. Der April war warm und trocken, das milde Wetter hat dieses Jahr schon früh die ersten Mücken ins Freie gelockt. Meteorologen befürchten einen weiteren Dürresommer. An diesem Samstag kurz vor Maibeginn hängt aber ein grauer Wolkenteppich tief über Claus Blohms Apfelplantage in Guderhandviertel im Alten Land und lässt seine Schauer los. „Das reicht längst nicht“, sagt der Bioapfelbauer mit dem unverkennbar norddeutschen Einschlag trocken, als er mit seinem bunt bemalten Subaru-Kleinbus über die Felder zum Schalter des Bewässerungssystem fährt. „Wir brauchen 50 Liter, damit wir wieder durchsuppt sind.“

 

„Der Klimawandel bedroht meine Existenz“

 

Überhaupt: Was heißt hier „Gott sei Dank“? Mit göttlicher Fügung haben die schwierigen Bedingungen wenig zu tun. „Der Klimawandel bedroht meine Existenz“, sagt Blohm. Seit 1560 steht die Familie Blohm in den Kirchenbüchern, auf 21 Hektar baut der 62-Jährige mit der Unterstützung seiner beiden Kinder Johannes (28) und Franziska (26) Äpfel, Birnen und Pflaumen an.

Doch der Obstbau wird immer beschwerlicher. Laut Informationen der Umweltorganisation Greenpeace ist die Durchschnittstemperatur im Alten Land in den vergangenen 30 Jahren um einen Grad gestiegen. Für die Bauern in Nordeuropas größtem Obstanbaugebiet hat das schwerwiegende Folgen: Der Schädlingsbefall nimmt zu, unberechenbare Extremwetter-Phänomene häufen sich. Laut eigenen Angaben macht Blohm Ernteverluste von bis zu 30 Prozent.

Im Frühjahr 2017 führten die starken Regenfälle zu Staunässe auf dem Boden, wodurch die Erde aufgeweicht ist und seine Bäume umkippten. Ein Jahr später kam der Hitzesommer und hinterließ einen Sonnenbrand auf den Äpfeln. Bedeutet: dunkle Flecken und ledrige Schalen. Hinzu kommen die sich verbreitenden Apfelwickler – Schmetterlingsraupen, die sich in das Fruchtfleisch bohren. Wegen des milden Klimas fühlen sich die Schädlinge neuerdings auch im Norden wohl.

Mit Pestiziden darf Blohm sie nicht bekämpfen, seitdem er 1999 den Betrieb auf Bio umsattelte – als einer der ersten unter den insgesamt rund 650 Obstbauern im Alten Land. Den Hauptverantwortlichen für ihre bedrohte Existenz sehen die Blohms in niemand Geringerem als der Bundesregierung.

 

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Claus Blohm und seine beiden Kinder Johannes und Franziska / Foto: Gordon Welters – Greenpeace

 

Gemeinsam mit zwei weiteren Bauernfamilien und Greenpeace im Rücken ziehen sie deswegen gegen eben diese vor Gericht. Vergangenen Oktober reichten sie beim Verwaltungsgericht Berlin eine Verbandsklage ein, um die Regierung zur Einhaltung des Klimaschutzziels 2020 zu zwingen – inklusive nachträglichen Kompensationen.

Zur Erinnerung: 2007 beschloss die erste unter Kanzlerin Angela Merkel geführte Große Koalition, die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 zu reduzieren. 2016 wurde das Vorhaben mit dem „Klimaschutzplan 2050“ ergänzt: Bis 2030 sollten die Emissionen um 55, bis 2040 um 70 und bis 2050 um 80 bis 95 Prozent gesenkt worden sein.

Doch mit dem aktuellen Koalitionsvertrag kam die Ernüchterung: Der 2020-Plan solle nur noch so weit wie möglich erreicht werden, heißt es darin. Im aktuellen Klimaschutzbericht rechnet die Bundesregierung nur noch mit einer Minderung der Treibhausgasemissionen um ungefähr 32 Prozent – also acht Prozent weniger als ursprünglich vorgesehen.

 

Eingriff in die Grundrechte

 

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Nach der Ernte werden die Bioäpfel direkt im Alten Land sortiert und verpackt / Foto: Fred Dott – Greenpeace


In der Anklageschrift werfen die drei Bauernfamilien und Greenpeace der Regierung vor, ihre Handlungen „ohne gesetzliche Grundlage oder Rechtfertigung“ eingestellt zu haben. Dies sei ein unzulässiger Eingriff in die Grundrechte der Kläger auf Leben und Gesundheit, Berufsfreiheit und Eigentumsgewährleistung, das Kabinett Merkel vernachlässige die Schutzpflichten gegenüber seinen Bürgern. Neben der Verletzung der Grundrechte verstoße die Bundesregierung zudem auch gegen europäisches Umweltrecht. Denn die Versprechen seien auch die Grundlage für internationale Verpflichtungen: das 2030-Ziel auf EU-Ebene und das Paris-Abkommen.

„Die Regierung verfehlt ihr Klimaziel krachend und versucht auch gar nicht mehr, das Versäumte nachzuholen“, sagt Anike Peters von Greenpeace. Die Diplom-Ingenieurin für Umweltverfahrenstechnik unterstützt die Familie Blohm bei der Klage. Schon als die Bundesregierung parallel zum wiederholt bekräftigten Versprechen neue Kohlekraftwerke plante und baute, habe Greenpeace gemahnt, dass eine echte Energiewende nicht mit dem Festhalten an der Kohlekraft vereinbar sei, sagt sie.

Ein Beispiel steht in Hamburg vor der Tür: Ab 2007 entstand in Moorburg ein neues Kohlekraftwerk. Peters ist sicher: „Wenn der Klimaschutz weiterhin verzögert wird, dann rast unsere ganze Erde und damit auch Deutschland auf eine Katastrophe zu.“ Der Dürresommer 2018 sei nur ein Vorgeschmack gewesen – Unwetter, verdorrte Ernten und ausgetrocknete Flüsse würden zur Normalität werden, mit Folgen von unvorstellbarem Ausmaß.

Dabei sei es durchaus möglich, die Klimaziele zu erreichen, sagt sie, das von Greenpeace beauftrage Energieszenario „2030 kohlefrei“ des Fraunhofer Instituts bestätige dies. Demnach könne die Bundesregierung bis zum Jahr 2030 Kohlekraftwerke gänzlich durch Gaskraftwerke sowie Solar- und Windkraftanlagen ersetzen und so das Klimaziel 2020 erreichen. Bis zum Jahr 2030 würde der CO2-Ausstoß zudem so weit sinken, dass Deutschland seinen Beitrag zum Pariser Klimaabkommen leisten könnte, den weltweiten Temperaturanstieg bei 1,5 Grad zu stabilisieren. Die Stromversorgung würde dabei nicht gefährdet werden, heißt es.

Stephan Gamm von der CDU ist Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft und Fachsprecher seiner Fraktion für Umwelt und Energie. Er hält die Vorwürfe für ungerechtfertigt. „Von einem Einstellen der Handlungen der Bundesregierung kann keine Rede sein“, sagt er.

 

„Erst wenn alle an einem Strang ziehen“

 

Die Erreichung der Klimaziele sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und könne nicht von oben verordnet werden. „Gerade Teile der Umweltschützer und die Grünen müssen sich die Frage gefallen lassen, ob es nicht unredlich ist, den Ausbau der erneuerbaren Energie vehement zu fordern und gleichzeitig den Ausbau der Übertragungsnetze – Stromautobahnen – bei jeder Gelegenheit auf lokaler Ebene mit allen Mitteln zu bekämpfen“, kritisiert er. Dies habe dazu geführt, dass Deutschland mit dem Ausbau der Netze zehn Jahre zurückliege und allein im letzten Jahr 1,3 Milliarden Euro für nicht genutzten Ökostrom gezahlt werden mussten.

„Erst wenn alle an einem Strang ziehen, werden wir unsere ambitionierten Klimaziele erreichen können.“ Es könnten nicht ohne Sinn und Verstand radikale Maßnahmen umgesetzt und dadurch die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes in Gefahr gebracht werden. „Gerade unsere wirtschaftliche Stärke ermöglicht erst den hohen Standard in Umwelt-, Arten- und Klimaschutz“, so Gamm.

Auf das Argument der Wirtschaftskraft angesprochen, reagiert Anike Peters mit einem empörten Lachen. „In all den Geschäften, die heute getätigt werden, sind die finanziellen Folgen der Klimakrise durch die Nutzung fossiler Energieträger noch gar nicht mit einberechnet.“ Man müsse sich allein den Braunkohleabbau im Rheinland und der Lausitz ansehen: „Da wird seit Jahrzehnten der Grundwasserspiegel künstlich abgesenkt und die Pumpen müssen noch weitere Jahrzehnte laufen, bis alles wieder im Gleichgewicht ist – das sind Folgekosten, die noch gar nicht abschätzbar sind“, entgegnet sie.

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Die Idylle trügt: Blohms Plantage ist wachsenden Gefahren ausgesetzt / Foto: Fred Dott – Greenpeace

 

Die Versprechen der Bundesregierung sind nicht verbindlich, Kabinettsbeschlüsse sind keine Verwaltungsgepflogenheiten – normalerweise. Die Frage ist: Kann es dennoch rechtlich relevant sein, wenn die Regierung ihre Versprechen nicht einhält?

Ja, ist Roda Verheyen in diesem Fall überzeugt. Die auf Umwelt- und Völkerrecht spezialisierte Rechtsanwältin aus Hamburg vertritt die Familie Blohm. Sie sagt: „Das Versprechen ist die Grundlage mehrerer Gesetze für die Energiewende, die viel Geld gekostet haben – zum Beispiel das Strommarktgesetz 2014 mit der Einführung der teuren Stilllegungsreserve im Energiewirtschaftsgesetz. Man kann hier von einer Selbstbindung der Verwaltung sprechen.“

Die Rechte einzelner Betroffener und der Umweltschutz generell sind Verheyens große Themen. Sie arbeitet in einer Kanzlei nahe der Alster und vertritt Bauern aus aller Welt. Ihr wohl aufsehenerregendster Prozess ist jener des peruanischen Bauern Saúl Luciano Lliuya gegen den Großkonzern RWE, Deutschlands zweitgrößter Stromversorger und einer der größten CO2-Verursacher weltweit.

Über der Heimatstadt von Lliuya in den peruanischen Anden schmilzt ein Gletscher. Der Bauer befürchtet deswegen, dass sein Haus überschwemmt werden könnte. Weil RWE seit Jahrzehnten in großem Stil Kohle verbrenne und damit zur Erderwärmung beitrage, müsse der Konzern dem Bauern finanziell helfen, sich vor den Fluten zu schützen, sagt Verheyen.

 

Die Regierung schweigt

 

Die Klage der Blohms ist vor einem deutschen Gericht Neuland. Doch sie kommt in einer Zeit, in der die Anzahl der Klimaklagen zunimmt. Als die Familie vergangenen Oktober ihre Klage einreichte, verlangten von den weltweit 1.160 klimabezogenen Klagen 77 mehr Klimaschutz von Regierungen. In den Niederlanden wurde letztes Jahr die Klage einer Stiftung für Nachhaltigkeit zugelassen, die der Regierung vorschreibt, bis 2020 die CO2-Emissionen um 25 Prozent gegenüber 1990 zu verringern.

So weit ist es mit der Vollzugsklage der Familie Blohm noch nicht. Der Prozess kommt schleppend voran. Die Anwälte des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) haben bereits zum zweiten Mal eine Verlängerung der Prüfungsfrist bis Mitte Juni beantragt, man habe einige Unterlagen erst im März erhalten. „Das passt ins Bild dieser sich vorm Klimaschutz wegduckenden Bundesregierung – sie taktiert und betreibt eine klare Verzögerungspolitik“, glaubt Anike Peters, schließlich habe man die Unterlagen bereits im Oktober eingereicht.

Auf Anfrage beim Bundesumweltministerium antwortet ein Sprecher, man wolle, wie bei laufenden Verfahren üblich, zum jetzigen Zeitpunkt keine Aussage zu den detaillierten Vorwürfen treffen. „Es ist aber das gute Recht von Greenpeace und den Familien, vor Gericht zu ziehen und auf diese Weise öffentliche Aufmerksamkeit zu suchen und Druck zu machen.“

Die Klimaschutzanstrengungen Deutschlands hätten durchaus Fortschritte gebracht, sagt er, aber eben noch nicht zum Erreichen der Ziele geführt. „Deshalb konzentrieren wir uns darauf, beim Klimaschutz wieder nach vorne zu kommen.“ Die Klimaschützer und die Regierung eine also dasselbe Ziel. „Zu prüfen, ob die Klage gerechtfertigt ist oder nicht, ist jedoch Sache der Gerichte, hier mischen wir uns nicht ein.“ Bedeutet für Familie Blohm: abwarten und Kaffee trinken.

 

Schwieriger Schritt

 

Zurück nach Guderhandviertel ins Alte Land. Claus, Johannes und Franziska Blohm sitzen bei Kaffee am Küchentisch, sichtlich erschöpft. Claus Blohm ist auch am Wochenende permanent auf Zack, gerade ist er von einem Kontrollgang über die Plantage zurückgekehrt. Später erwartet die Familie noch einen von Greenpeace beauftragten Fotografen, der Bilder für die Pressearbeit der Organisation macht. Als das Gespräch wieder auf die Regierung kommt, ballt Claus Blohm die Fäuste. „Ich darf mich nicht aufregen“, sagt er und lächelt in einer Mischung aus Selbstironie und Verärgerung.

Seit der Elbvertiefung ist er von der Bundesregierung enttäuscht. Er befürchtet, dass das Wasser verschmutzt und der Salzwassergehalt im Fluss ansteigt, aus dem er das Wasser für seine Apfelbäume zapft. „In Berlin werden Entscheidungen getroffen ohne Rücksicht auf ihre Auswirkungen“, sagt er frustriert.

Das Ausmaß seiner Enttäuschung hat auch eine nicht rein finanzielle Komponente. Vor drei Jahren musste die Familie ihre Kirschbäume – ein Viertel des gesamten Baumbestandes – roden. Die Kirschfruchtfliege, deren Maden im Fruchtfleisch schlüpfen, hat die Früchte verdorben. Bis vor einigen Jahren war sie nur südlich von Kassel beheimatet, inzwischen ist sie der steigenden Temperaturen wegen bis ins Alte Land vorgedrungen.

Gerade für Johannes und Franziska Blohm, für die die Bäume mit Kindheitserinnerungen verbunden sind, sei der Schritt schmerzhaft gewesen. Zu ihren schönsten Erinnerungen gehören die Fahrten am Wochenende nach Hamburg zum Markt, um die Ernte zu verkaufen – damals noch unter dem Siegel „garantiert madenfrei“.

 

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Gerodete Kirschbäume: Mit dem Klimawandel kamen die Schädlinge / Foto: Ulrich Thiele

 

Als Franziska Blohm von einem Auslandsjahr zurückkehrte, waren die Bäume fort. Die Überreste liegen noch immer auf der Plantage, ein tristes Brachland zwischen der gerade sprießenden Blütenpracht der Apfelbäume. „Das war ein Schock, als die Bäume, unter denen wir als Kinder gespielt haben, weg waren“, sagt die Studentin. Ihr Bruder Johannes sieht die Entscheidung als notwendigen Schritt: „Wir konnten die Kirschen so einfach nicht mehr verkaufen, unsere Kunden erwarten Qualität“, sagt er.

„Im großen Stil die Klappe aufmachen“, sagte er einmal einem Journalisten, das sei es, was sie mit dieser Klage tun. Der Fotograf für die Pressebilder ist inzwischen aus Berlin angekommen. Claus, Johannes und Franziska Blohm streifen mit ihm zwischen den Apfelbäumen entlang, posieren mit ihrem Hund Jürgen für die Fotos. Sie sind ruhig und wirken müde, doch auch das hier sei eine Form des Klappeaufmachens, wie sie sagen, denn die Bilder werden durch die Medien gehen. Vielleicht wird im Juni ein Meilenstein gesetzt. Sollte das Verwaltungsgericht die Klage zulassen, käme der Prozess erst richtig ins Rollen.

Biobauerblohm.de


Szene-Hamburg-juni-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juni 2019. Titelthema: Was ist los, Altona?
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