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Margot: „Ich lag zehn Tage im Koma”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Margot begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Mütter und Söhne: Das sind schöne Beziehungen, aber sie sind auch kompliziert. Ich habe selbst zwei und gerade mit dem Ersten hat es seine Zeit gebraucht, bis wir unsere Positionen zurechtgerückt hatten. Ich wollte lange zu sehr eine Art Freundin für ihn sein anstatt Mutter. Er ist mir sehr nachgeschlagen, genauso neugierig, umtriebig. Da gab es immer schon so viele Parallelen, die sich eben gekebbelt haben. Hinzu kam, dass ich erst 19 war, als ich ihn bekommen habe. Mein Leben war damals mit vielen Unsicherheiten verbunden.

Heute bin ich selbst meine größte Sicherheit. Ich habe gelernt, mich auf mich selbst zu verlassen. Das hat maßgeblich mit einem Erlebnis zu tun: Vor acht Jahren hatte ich eine schwere Lungenentzündung, es ist Wasser ins Herzen und in die Lunge gelangt. Ich lag zehn Tage im Koma, aber erinnere mich sehr genau an diese Zeit. Vielleicht hört es sich komisch an, aber ich war mir der Situation bewusst und musste mich entscheiden, ob ich gehe oder bleibe. Da waren aalglatte Wände um mich herum und ich musste es schaffen, sie hochzukrabbeln, um aus dem Dunkeln zu kommen.

Als ich dann aufgewacht bin, ist ein Schalter umgeklappt. Seitdem lebe ich anders, bewusster und ich sehe in jedem Tag etwas Schönes. Auch habe ich verstanden, dass das Sterben zum Leben gehört. Ich kann offen drüber sprechen, ich habe die Angst davor überwunden. Wenn man so will, bin ich ein weiser Mensch geworden. Das ist das Schöne am Älterwerden. Es ist nichts für Feiglinge, aber wenn man seine Erfahrungen zu schätzen lernt, ist das wirklich befreiend.

 

„Woher nimmst du die Hoffnung?”

 

Bekannte von mir sagen immer: ‚Margot, du hast immer so große Hoffnung, wo nimmst du die her?‘ Es ist wahr. Auch dass ich krank geworden bin, sehe ich heute als Möglichkeit. Es hat mich darauf stoßen lassen, Menschen anders anzugehen, meine Ernährung umzustellen, keinen Alkohol mehr zu trinken und emphatischer zu werden.

Vor zehn Jahren habe ich meinen Wunschtraum wahr gemacht: Ich bin nach Hamburg gezogen. Und wenn Corona überwunden ist, erfülle ich mir meinen nächsten Wunschtraum und gehe nach Griechenland. Dort gibt es eine kleine Insel: Sifnos. Sie ist sehr untouristisch, ein paar Fährenstunden von Athen entfernt. Irgendetwas ruft mich da. Ich begegne diesem Ort seit einiger Zeit immer wieder in Büchern, in Filmen oder im Völkerkundemuseum. Am liebsten würde ich für drei Monate bleiben, vielleicht aber auch nur 14 Tage. Hauptsache, ich finde heraus, warum sie mich so anzieht. Diese Neugier habe ich mir als weiser gewordener Mensch auf jeden Fall beibehalten.

Und wenn mir heute etwas passieren würde, ich müsste sterben, dann könnte ich mit aller Ernsthaftigkeit sagen: Was habe ich für ein tolles, spannendes Leben gehabt. Auch wenn es nicht immer leicht war. Aber deshalb kann ich hier auch so gemütlich auf der Treppe sitzen, kann meinen Kaffee und die Sonne genießen.”


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Dieter: „Zack, kam die Welle und ich war über Bord”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Dieter begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Ich erzähl mal eine Geschichte, ob Sie es glauben oder nicht: Vor zwei Jahren waren da zwei junge Kerle in der S-Bahn nach Blankenese. Die haben ein älteres Ehepaar angemacht. Ich bin dazwischen gegangen, da meinte einer von denen: „Halt’s Maul, alter Mann“. Das habe ich nicht mit mir machen lassen, also hat „der alte Mann“ gesagt: „Pass auf, mein Freund. Nächste Station steigen wir aus und dann zeig‘ ich dir, wie alt ich bin“. Darauf er: „Du kannst auch gleich was haben.“ Und: zack, habe ich ihm eine geknallt, da lag er flach.

Ich bin jetzt 86. Ich kann auch Pech haben in dem Alter, wenn ich an den Falschen gerate. In diesem Fall hatte ich es nicht. Später kam der Vater von dem Jungen sogar noch zu mir und hat mir Recht gegeben.

Ich habe keine Angst, vor nichts und niemand. 1953 habe ich mit Karate angefangen und bin ausgebildeter Selbstverteidiger. Denn früher brauchtest du solche Nehmerqualitäten. Ich war zehn, als der Krieg zu Ende war. Später sind mein Bruder und ich in einer Pflegefamilie großgeworden. Mittlerweile ist er tot. Durch all das bin ich hart und kernig geworden.

1957 bin ich nach Hamburg gekommen. Ich hätte es nicht ausgehalten, in einer Fabrik oder einem Büro zu sitzen, ich wollte zur See. Und stünde ich heute noch einmal vor der Entscheidung, ich würde sofort wieder zur See fahren. Wenn wir damals aus dem Hafen ausliefen, waren wir im Schnitt 18 Monate weg. Da war nicht viel mit Freundschaften und Kontakten. Auch meine erste Ehe ist an der Seefahrerei kaputt gegangen. Sie war nun mal mein Leben. Die See.

 

„Ich freue mich drauf, die Augen zu schließen“

 

Einmal bin ich von Board gegangen. Ich musste Reparaturarbeiten an Deck machen, weil ein Mast weggeknickt war. Den habe ich neu verschweißen wollen, bei Windstärke 12. Mein Chief sagte noch, ich soll mich anschnallen. Da meinte ich natürlich, das brauche ich nicht. Und zack, kam die erste Welle und ich war weg, über Board. Mitten im Atlantik. Aber wie man sieht, haben die mich wieder raufgeholt. Meine Güte, war ich ein sturer Hund. Aber diese Sturheit hat mich weit gebracht.

Nach 15 Jahren habe ich zum Chief auf der Rückfahrt von Indien gesagt: „Wenn wir in Hamburg sind, ist Schluss, ich habe keine Lust mehr“. Ich bin von Board gegangen und nicht wiedergekommen. Fortan habe ich 25 Jahre lang eine Abbruchfirma geleitet, wir haben Häuser und Wohnungen eingeschlagen. War auch nicht schlecht.

Mittlerweile bin ich nicht mehr ganz so stur. Meine Frau hat mich einigermaßen hingebogen. Wir sind jetzt seit 36 Jahren verheiratet, haben eine Tochter und acht Enkelkinder. Was mir heute bleibt, ist also vieles und gleichzeitig wenig. Ich habe mein Leben gelebt, habe immer das gemacht, worauf ich Lust hatte, eine vernünftige Familie gegründet. Aber was soll jetzt noch kommen? Es gibt keine offenen Wünsche mehr. Sie wollen es vielleicht nicht hören, aber ich freue mich darauf, die Augen zu schließen.“


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Ali-Reza: „Meinen Kindern wünsche ich eine normale Welt“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Ali-Reza begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Es ist eine krasse Zeit. Als Arzt wird dir das besonders bewusst. Als Vater noch viel mehr. Mein Sohn Arman ist jetzt sieben Jahre alt und geht in die erste Klasse. Eigentlich. Ich merke, wie unausgeglichen er ist, weil er nicht zur Schule kann. Ich muss viel arbeiten, wir haben einen weiteren Sohn, Dara, der vor sechs Monaten auf die Welt gekommen ist. Homeschooling ist für uns daher ziemlich schwierig.

Was ich mir für meine Kinder wünsche, ist eine Kindheit wie ich sie hatte. Simpel gesagt, eine normale Welt, eine Kindheit, in der sie ganz einfach Kind sein können und die Welt erleben und kennenlernen. In der sie ihre Familie im Iran besuchen können. Und in der die Erwachsenen nicht so negativ und voller Sorgen sind.

Nichts planen zu können, macht mich fertig. Wenn mir einer sagt ‘Mach doch mal einen Zehn-Jahres-Plan’ oder ‘Nimm einen Kredit auf’, kann ich nur den Kopf schütteln. Es ist nichts mehr vorhersehbar. Ob es besser oder schlechter wird? Keine Ahnung.

 

150 Gäste, DJ, Live-Percussion

 

Dabei liebe ich es, Dinge zu planen, ein Essen, eine Reise, ein Fest – und mich darauf zu freuen. Diese Mischung aus Vorfreude und Aufregung.

So wie im Mai vor zwei Jahren. Da habe ich meine Frau Shirin geheiratet. Wir haben den Tag monatelang geplant: 150 Gäste im Hotel Louis C. Jacobs, Freunde und Familie, Bärlauchsuppe, Zander auf Blattspinat, Ratatouille, ein DJ mit Live-Percussion. Es sollte ein Mix aus europäischer und persischer Kultur werden. Wir haben uns so drauf gefreut und waren beide unheimlich aufgeregt. Ich hatte all die Planungsszenarien im Kopf und dachte kurz vorher noch, das klappt alles nicht.

Doch am Ende war es wie im Film. Ein komplett unverkrampftes, wunderbares Fest. Ich kam mir vor wie ein Gast, weil es so entspannt war. Ich habe an diesem Tag so viel gefühlt, es war fast träumerisch. Irgendwie unvorstellbar heute, da fühle ich eine gewisse Leere. Aber an diesen Tag denke ich gerne, spüre eine Dankbarkeit. Und dann ist für den Moment einiges okay.“


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Emma: „Es ist okay, wenn es mal schlechter läuft”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Emma begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Wir waren ganz alleine an diesem superschönen Badesee, irgendwo in Niedersachsen, haben uns ausgezogen und waren Nacktbaden. Dieser komplette Tag in der Natur hat sich mir so krass eingebrannt. Das war letzten Sommer mit ein paar Freundinnen. Die Eltern der einen haben so einen ausgebauten Hof als Ferienhaus. Ach, ich freu mich auf den Sommer.

Und doch habe ich manchmal das Gefühl, ich nutze das Leben nicht so aus, wie man es ausnutzen könnte. Es ist ein bisschen die Angst, später zu merken, dass ich manches versäumt habe. Meistens geht es dabei aber um Kleinigkeiten: Wieso habe ich nicht zugesagt, bin nicht zu dem Treffen, zu der Party gegangen, wieso habe ich das schöne Wetter nicht genutzt?

Aber ich schaffe es auch immer wieder mich daran zu erinnern, nicht allzu hart zu mir selbst zu sein. Es ist okay, wenn es mal schlechter läuft.

Man sollte sich sowieso nicht so vom großen Ganzen stressen lassen. Das habe ich während meines FSJs gelernt. Ich habe in einem Atelier für Menschen mit Behinderung gearbeitet und die haben das gelebt. Sie waren so viel entspannter und jeden Tag dankbar. Dankbar für die kleinen Dinge, dankbar für all die Dinge, die sie machen können und nicht frustriert wegen der Dinge, die sie nicht machen können. Davon können wir eine Menge lernen.

 

„Ich bewundere sie sehr“

 

Und von meiner Mama. Von der können wir auch eine Menge lernen. Eigentlich finde ich, sollte jeder sie kennen, weil sie so toll ist. Für mich war sie schon immer die Frau, die weiß, wo es lang geht, die hat einen Plan und alles was sie sagt und denkt, da gebe ich etwas drauf. Als Kind war es noch doller, aber auch heute noch bewundere ich sie sehr. Meine Mama ist extrem taff. Ich glaube, das hat sie mir ein Stück weit mitgegeben.

Obwohl ich hier und da zur Einsamkeit neige. In der ersten Lockdown-Phase war es besonders stark. Da habe ich in einer blöden Zweier-Zweck-WG in Wandsbek gewohnt und hatte zu viel Zeit mit mir selbst. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich was ändern muss. Also bin ich in eine Achter-WG in Othmarschen gezogen. Es ist ein altes Pflegehaus, mit Garten, großer Küche, großem Wohnzimmer und einer Art Partykeller. Mega nice! Wir sind total bunt zusammengestellt, zwischen 20 und 31 Jahren ist alles dabei.

Irgendwie komme ich mit fast jedem Menschen klar. Das macht zum Teil auch die soziale Arbeit. Ich habe Bock auf Leute, bin offen und interessiert und habe auch für das meiste Verständnis und Empathie.

Wobei, wenn ich so drüber nachdenke: Für Billie Eilish irgendwie nicht. Wieso feiern die alle? Ich finde die öde. Genau wie Harry Potter.“


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Thomas: „Macht mich das gerade glücklich?“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Thomas begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Meine Frau hat diesen natürlichen Blick auf alles, sie hat so eine Bodenhaftung. Genau das, was mir manchmal fehlt. Ich bin freier Schauspieler, habe meist einen künstlerischen Blick auf die Dinge und bin irgendwie auch ein ziemlich luftiger Typ. Sie erdet mich immer wieder. Gerade wenn es um die Selbstbetrachtung geht. Ich habe von ihr gelernt, dass du dein Leben immer mal wieder anhalten musst. Durchatmen. Gucken, was mache ich gerade eigentlich? Wie fühlt sich das an? Macht mich das glücklich?

Wir waren Nachbarn, haben untereinander gewohnt. Sie hatte eine Ehe hinter sich, ich eine Beziehung. Es hat ein paar Anläufe gebraucht, weil wir sehr verschieden sind, konnten uns damals wie heute aber schon viel vom anderen abgucken. Inzwischen haben wir drei Kinder: 10, 14 und 16 Jahre alt.

Mein ältester Sohn ist 28. Ihn habe ich aus meiner ersten Beziehung. Der macht sein Ding, dem geht’s gut, später kommt er noch auf einen Kaffee vorbei.

Genau wie er werden auch meine anderen Kinder nicht den Weg gehen, den ich gegangen bin und das ist vollkommen okay. Die sollen alle ihr eigenes Ding finden, sich frei entscheiden.

 

Als John F. Kennedy auf der Bühne

 

Mein Leben ist ziemlich schlangenlinienförmig verlaufen. Oft wird dir erst im Nachhinein klar, warum du so und so gegangen bist. Da waren bislang viele schöne Tage bei. Es sind aber die Tage, an denen ich anderen wehgetan habe, die ich noch einmal erleben möchte, wenn ich denn könnte. Einfach um es rückgängig zu machen.

In der realen Welt ist das leider schwer umsetzbar. Am Theater jedoch hast du die Chance, dich zwischen Raum und Zeit frei zu bewegen. Es ist faszinierend. Du kannst jemand in irgendeiner Zeit sein, der dir vorher nie in den Sinn gekommen wäre. Vorletztes Jahr war ich John F. Kennedy, ein richtig cooler, lockerer Typ. Das fand ich unheimlich schwer zu spielen, weil mir so eine Coolness oft fehlt. Bewegte Rollen, wo du dich durch den Dschungel schlägst oder mit Degen kämpfst, fallen mir schon leichter. Ich liebe die Artistik und das physische Theater. Ich mache auch jährlich den Zirkus im Schanzenpark.

Momentan ist offensichtlich nicht so viel mit Schauspiel. Ich bin die meiste Zeit zu Hause und kümmere mich um das Homeschooling, während meine Frau arbeitet. Außerdem lerne ich Klavierspielen, bringe mein Englisch in Form und habe das Einradfahren neu für mich entdeckt.

Unsere Zeit zu Hause ist okay, wir kommen durch. Und es wird auch wieder besser. Jetzt freue ich mich erst einmal auf den Frühling. Das riecht gerade so ein bisschen nach Aufbruch. Und ich liebe es, im Garten zu arbeiten, das hat auch so etwas bodenständiges. Man kehrt im wahrsten Sinne zum Boden zurück. Eben genau das, was mir manchmal etwas abgeht.“


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Constanze: „Mit dem Kopftuch stehe ich für etwas“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Constanze begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Vor vier Jahren bin ich zum Islam konvertiert. Weil ich europäisch aussehe, irritiere ich manche Menschen mit dem Kopftuch. Meine Überzeugung ist aber stärker als die Unsicherheit, die andere darauf projizieren. Ich möchte mich mit dem Tuch ja zu erkennen geben, stehe für etwas.

Ich habe einen sehr besonderen Freund. Was er sagt, stößt so vieles an, er strahlt eine unglaubliche Tiefe aus, so eine absolute Grundgüte, und gleichzeitig ist er ein Mysterium. Manchmal sagt er nichts und sagt damit alles. Ich glaube, solche Eigenschaften in sich zu haben und sie dann auch noch nach außen tragen zu können, ist eine große Gabe. Wenn du dieses Authentische verkörperst, kommt der Rest von alleine. Das habe ich erst verstanden, als ich zum Islam gefunden habe.

Es fing auf einer Weltreise an. In Nepal, China, Laos, Neuseeland, Amerika, Mexiko und Osteuropa habe ich verschiedene Religionen kennengelernt, von denen mich aber keine angesprochen hat. Ich hatte aber immer das Gefühl, da ist irgendetwas, es gibt eine Spiritualität, etwas Übergeordnetes, das ich nicht greifen kann.

Zurück in Deutschland bin ich dann dem Islam nähergekommen, habe den Koran gelesen und Bekanntschaft mit einigen Flüchtlingen gemacht. Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass die ganzen Fragezeichen in meinem Kopf langsam verschwinden.

 

„Die Gräben werden tiefer”

 

Die meisten meiner Freunde und Teile meiner Familie haben es nie verstanden, was ich in einer fremden Religion hoffe zu finden. Gerade die ganzen Debatten, die sich um den Glauben im Islam spinnen, schrecken viele Leute ab. Er wird oft als Unterwerfung wahrgenommen, gerade für Frauen. Dabei habe ich es aus ganz freien Stücken entschieden.

Es wirkt heute oft, als gäbe es nur dafür oder dagegen, Muslim oder nicht, schwarz oder weiß. Alles ist in Lager eingeteilt. Das macht mir Sorgen. Dass die Gräben zu tief werden und es sich nicht mehr kitten lässt.

Bei dieser Angst hilft mir die Religion ganz besonders. Sie umspannt den gesamten Tag, hilft in Stresssituationen oder wenn ich traurig bin. Ich habe eine neue Form von Dankbarkeit entwickelt und in vielem einen neuen Sinn gefunden. Mir fällt tatsächlich keine Situation ein, in der mir der Islam nicht hilft. Okay, außer vielleicht bei der Wohnungssuche.”


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Michael: „Wir könnten vernünftiger miteinander umgehen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Michael begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Meine Eltern haben sich früh getrennt, ich bin ohne Vater aufgewachsen. Stattdessen mit meiner Mama, meiner Oma und meiner Tante, also in einem richtigen Frauenhaushalt – mit unheimlich viel Liebe. Ich hatte eine bombastische Jugend, auch ohne meinen Vater.

Meine Kinder sind heute beide um die 40. Und klar: Ich wollte vieles anders machen, als ich es von meiner Geschichte kannte. Aber das sagt sich so leicht. Auch wenn ich von irgendwem höre, er habe den Entschluss gefasst ‘jetzt alles anders zu machen’, muss ich immer ein wenig schmunzeln. Ich war sehr krank bevor ich 30 war, hatte Krebs und hab es mit Chemotherapie und dem ganzen Programm überstanden. Damals habe ich mir auch gesagt, ich mache jetzt alles anders, lebe und erfreue mich daran, dass ich gesund bin. Die Anfangszeit, nachdem es überstanden war, war auch sehr besonders. Irgendwann bewegst du dich aber wieder auf deiner Schiene, hast deinen Trott, deinen Rhythmus. Ich befürchte, auch nach der Pandemie wird wieder alles so, wie es mal war.

Dabei könnten wir mal etwas vernünftiger miteinander umgehen und entspannter sein. So ein Rat ist wahrscheinlich etwas altersweise und sagt sich so daher, wenn man ein paar Jahre hinter sich hat. Vielleicht bekommt man für sowas auch erst spät einen Blick. Ich kenne das Gefühl der Jugend auch noch sehr gut. Da dachte ich, mir gehört die Welt, ich reiße Bäume aus, dreh die Welt um. Und irgendwann, wenn du älter bist, merkst du: ‘gut, einen ganzen Baum schaffe ich vielleicht gar nicht’.

 

„Ein Vorbild, das ich nie kannte“

 

Manchmal frage ich mich, was mein Großvater über dieses oder jenes gedacht hätte. Ich habe ihn eigenartigerweise immer als ein geheimes Vorbild gesehen. Und das, obwohl ich ihn gar nicht kennengelernt habe. Er ist gestorben, da war ich drei Jahre alt. Ich kenne ihn nur von einem Foto und den Erzählungen meiner Mutter: Ein Chefarzt im ehemaligen Bethanien-Krankenhaus in Eppendorf, klug, streng, sehr gerecht. Doch irgendwas hat mir dieses Bild von ihm immer gesagt. Ich habe zu ihm aufgesehen. Ich glaube, er hätte es aber nicht zu mir. Dafür war ich zu faul.

Auch wenn ich in meinem Leben ein paar Dummheiten gemacht habe, bin ich heute wahrhaft zufrieden. Ich habe mal eine Frau betrogen, in der Jugend hier und da Dinge ausprobiert, die nicht hätten sein müssen und halt so ein Zeug. Wenn du aber mit 74 in den Spiegel guckst und sagen kannst: So viel haste gar nicht verkehrt gemacht, dann ist das für mich eine Rechnung, die aufgeht.“


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Hamburgerin des Monats: Kassiererin Karima Quattaybi

Ohne Frauen wie Karima Quattaybi, 40, würde in Hamburg nichts laufen. Sie saß an der Kasse im Rewe Center Altona, als dort im Frühjahr 2020 Menschenmengen einkauften, als würde es dort morgen nichts mehr geben, und hatte ein mulmiges Gefühl, sich mit dem Coronavirus anzustecken. Anfangs wurde auf den Balkonen auch für die Kassiererinnen und Kassierer geklatscht, doch im zweiten Lockdown gibt es nur noch wenig Aufmunterung der Kunden, bei denen viele mit eigenen Problemen zu kämpfen haben

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Karima Quattaybi, erinnert Sie die aktuelle Situation an den Lockdown im März?

Karima Quattaybi: Wir nehmen im Januar schon wahr, dass die Kunden weiterhin verstärkt einkaufen. Das ist zum Jahresanfang ungewöhnlich. Die Kunden sind aber ruhiger und respektieren die getroffenen Vorkehrungen.

Was ist anders als im Frühjahr 2020?

Durch die Auflagen und Landesverordnungen ist die Kundenanzahl im Markt limitiert, dadurch ist es insgesamt ruhiger als im Frühjahr. Damals habe ich einer Zeitung gesagt: ,Da hatten wir jeden Tag Silvester.‘ Dazu muss man wissen, dass dies normalerweise der stärkste Einkaufstag für uns im Jahr ist.

Wie läuft es mit dem Verkaufsverbot für Alkohol, das in diesem Gebiet in Altona seit vergangenem Sommer gilt?

Wir haben am Eingang und im Markt in der Abteilung entsprechende Aushänge, die darauf hinweisen. Am Anfang haben die Kunden mit Unverständnis reagiert, mittlerweile ist dies aber ebenfalls Gewohnheit und sorgt für wenig Trubel.

Was wird jetzt gehamstert?

Wir haben im Frühjahr viel gelernt, und ich denke die Kunden auch. Aufgrund des Lockdowns merken wir aber eine erhöhte Nachfrage bei Non-Food-Artikeln, beispielsweise den Haushaltsartikeln. Bei uns gilt, unabhängig von der Warengruppe: Wir verkaufen alles in haushaltsüblichen Mengen.

Verstehen Sie, warum so viel gekauft wird?

Eher nicht, wenn man alleine auf das Thema Öffnungszeiten etc. schaut. Wir hatten nicht einen Tag in den letzten Monaten, außer der gesetzlichen Feiertage, zu. Wobei man auch nicht vergessen darf, dass viele Familien zu Hause sind und da natürlich auch ein größerer Bedarf an Lebensmitteln vorhanden ist. Es wird jeden Tag für Groß und Klein gekocht, da braucht man natürlich schon mehr Lebensmittel.

Was beschäftigt die Menschen?

Viele sind in Kurzarbeit. Wir kennen einige Kunden in Altona schon lange und das ist dann traurig zu hören. Gerade von den Menschen in der Gastro, für die es gerade nicht einfach ist. Sie müssen jeden Cent umdrehen und wissen nicht, wie es weitergeht. Und viele haben zurzeit nichts anderes als einzukaufen. Die Kunden sind nicht mehr so gesprächig, muss ich sagen. Das finde ich schade. Wir wollen alle einkaufen gehen und wir machen das hier gerne.

Wie lange arbeiten Sie schon hier?

Seit 2002. Im nächsten Jahr also schon 20 Jahre.

Sie haben eben kurz gelacht, als Ihre Kollegin sagte, Sie seien hier der Sonnenschein.

Nach der Spätschicht von letzter Woche brauche ich noch etwas, um zu strahlen.

 

„Wir bekommen das hin – auf jeden Fall“

 

Wie geht Ihre Familie mit der Situation um?

Ich habe eine Tochter. Die ist 16, geht aufs Gymnasium und sitzt gerade im Online-Schooling. Ist auch alles ein bisschen schwierig. Läuft alles nicht rund gerade. Das Internet bricht dauernd zusammen, hat sie mir berichtet. Ich verlasse mich darauf, dass sie es alleine hinkriegt. Aber sie macht es gut und macht keinen Blödsinn.

Reden Sie mit Ihren Kollegen über die Gefahr, sich anzustecken?

Wir alle haben diese Gedanken. Wir haben Kontakt zu vielen verschiedenen Menschen. Das gibt ein mulmiges Gefühl. Das Risiko, sich anzustecken, ist da. Dazu kommt: Jetzt ist Erkältungszeit und es kommt vor, dass Leute husten. Im Markt weisen wir nach wie vor auf die Abstandsregeln, Maskenpflicht und das regelmäßige Händewaschen hin – denn das sind die wichtigsten Regeln, um gesund zu bleiben.

Fühlen Sie sich sicher hinter der Plexiglasscheibe?

Ich bin froh, dass wir diese Plexiglasscheiben gekriegt haben.

Wie erinnern Sie sich an die Zeit, als abends auf den Balkonen geklatscht wurde?

Das waren zwei Wochen. Wir haben viele Stammkunden, die sagten: ,Toll, dass ihr noch da seid.‘ Es war ja schon beeindruckend, weil man auf einmal wichtig war. Sonst war es selbstverständlich, dass wir da waren. Jetzt gehörten wir zur besonderen Kategorie, die für die Versorgung wichtig ist.

Ist noch etwas aus dieser Zeit bei den Kunden da?

Nein, wirklich nicht viel. Das war ganz schnell vorbei. Der Einzelhandel ist ein bisschen untergegangen, was die Wertschätzung betrifft.

Haben Sie zum Jahresende eine Prämie bekommen?

Ja, die gab es. Vom Arbeitgeber auf freiwilliger Basis. Hat mich gefreut. Und noch etwas ist ganz gut: Wir dürfen uns Obst, einen Snack und Getränke nehmen und müssen die Artikel nicht an den anderen Kassen bezahlen, wenn es voll ist.

Wie sind die Aussichten für die nächsten Wochen und Monate?

Wir haben 120 Mitarbeiter in Altona, unter denen auch viele jünger sind. Ich denke, wir bekommen das hin. Auf jeden Fall. Weil wir uns auch mit den Kollegen austauschen. Dadurch, dass wir zusammenhalten, ist das Team gut. Ansonsten würden wir das nicht so einfach durchstehen. Denn wir sind auch angespannt, muss ich zugeben.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Gündogan: „Meine Frau ist krank und ich bin alt”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Gündogan begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Meine Frau ist zuckerkrank, ich bin alt, unsere Kinder sind aus dem Haus. So spielt die Zeit, es ist normal. Vor 30 Jahren sind wir aus der Türkei gekommen, der Rest meiner Familie lebt noch in unserem Dorf – 600 Kilometer von Istanbul entfernt.

Meine beiden Söhne arbeiten hier in Hamburg bei der Hochbahn, fahren U- und S-Bahnen. Als ich nach Hamburg kam, habe ich angefangen für eine Eisfirma zu arbeiten, später dann 15 Jahre Tofu und Soja für ein chinesisches Unternehmen produziert, heute bin ich bei der Stadtreinigung.

Ich habe außerdem eine Tochter und sieben Enkelkinder. Einer von ihnen ist vor kurzem 18 geworden. Er spielt sehr gut Geige. Manchmal gibt er Konzerte, dann mache ich eine Flasche Raki auf, dazu gibt es Salat und guten Fisch. Es fühlt sich an wie zu Hause in der Türkei.

 

Zurück nach Hause

 

Wenn Recep Tayyip Erdoğan weg ist, werde ich zurückgehen. Aber so lange er an der Macht ist, kann ich nicht. Dieser Mann ist schrecklich, ein Idiot, der mit dem Kopf im Osmanischen Reich ist. Die Türkei muss wieder demokratisch werden. Es braucht jemanden wie Mustafa Kemal Atatürk, er war ein Demokrat und hat unser Land vorwärts gebracht. Erdoğan reißt es runter.

Aber ich bleibe zuversichtlich: Irgendwann geht es zurück nach Hause, dann sehe ich meine Schwestern und Brüder wieder, baue endlich unser Haus fertig, mache eine Flasche Raki auf und schaue aufs Wasser.”


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Jan: „Die Rockmusik hilft mir zu verarbeiten”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Jan begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Seitdem ich 15 bin, mache ich Rockmusik. Ich bin Bassist und vor ein paar Monaten in die Band Rockhaus Hamburg gekommen. Wir sind zu viert, spielen eigene Kompositionen und Coversongs aus den sechziger, siebziger und achtziger Jahren. Mich trifft die Corona-Situation sehr, weil ich meiner Musik nicht nachgehen kann. Ich verarbeite Dinge darin, es ist mein Ausgleich zur Arbeit und zum Älterwerden. Klar, wir haben uns hier und da mal zusammengefunden, dann macht der eine ne Spur fertig, der andere spielt was drauf. Das geht zum Teil auch zu Hause über Kopfhörer, aber es fühlt sich natürlich nicht ansatzweise so an, als würden wir zusammen – am besten noch mit Publikum – Musik machen.

Beruflich habe ich derzeit keine Ängste. Es sind vielmehr familiäre Sorgen, die mich umgeben. Wenn man Familie hat, gehen Ängste da automatisch mit einher. In jungen Jahren war das anders. Vor allem in den Siebzigern und Achtzigern. Damals war alles etwas unbeschwerter, wir waren unbedarft. Ich habe das Gefühl, wir haben früher mehr Ideen entwickelt, obwohl wir weniger Möglichkeiten hatten. 

 

Kleine Momente

 

Naja, woran das wohl liegt? Vielleicht an der allgemeinen Verblödung. Daran, dass viele nicht mehr hungrig sind, Kinder schon in der Schule überinformiert werden und dadurch kaum noch etwas selbst erfahren. Vieles wird ihnen abgenommen und vorgekaut, so schleift man sie glatt. Dabei sind Menschen mit Ecken und Kanten doch viel interessanter.

Womöglich stimmt mich die aktuelle Lage aber auch pessimistisch. Ich habe trotzdem viele winzige Freuden. Letztens saß ich in meiner Pause am Jungfernstieg und dann setzte sich da ganz frech ein Spatz neben mich. Ich habe ihn mit meinen Brotkrumen gefüttert und dachte: Das ist ja stark. Der kennt mich überhaupt nicht, irgendwie war es goldig. Das sind so kleine Momente, die man auch erkennen muss. Da sind wir nur leider wieder bei einem unserer Probleme. Wir sind oft programmiert und denken nur in unseren eigenen Bahnen.

Genau deswegen mache ich Musik, um dagegen anzukämpfen. Sie bricht so ein Denken auf. Google doch mal Rockhaus Hamburg, wenn du zu Hause bist.“


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