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Hinz&Kunzt: Chefredakteurin Annette Bruhns im Interview

Nach 25 Jahren beim „Spiegel“ übernahm Annette Bruhns die Chefredaktion bei „Hinz&Kunzt“. Im Interview spricht sie über ihre Motivation, die Bedeutung des Magazins für die Hamburger Obdachlosen und was beim Hamburger Winternotprogramm schiefläuft

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Annette Bruhns, Sie waren 25 Jahre lang beim „Spiegel“ und sind jetzt seit Anfang des Jahres Chefredakteurin bei „Hinz&Kunzt“. Warum?

Annette Bruhns: Weil das für mich einer der coolsten Jobs ist, den der Journalismus zu vergeben hat. Ich habe hier tolle Gestaltungsfreiheiten: 60 Seiten, die ich Monat um Monat mit Themen füllen kann, mit spannenden, relevanten Texten. Und mit Bildern von hervorragenden Fotografen. Die „Hinz&Kunzt“ bietet alles, was ein gutes Magazin ausmacht.

Was ist der größte Unterschied zum „Spiegel“?

Der „Spiegel“hat natürlich irre hohe Standards, die arbeitsteilig organisiert sind, mit eigenem Archiv, Verifikationsabteilung, Justiziariat, Schlussredaktion. Diese Standards habe ich quasi inhaliert. Da muss sich die Redaktion nun beugen – ein wenig zumindest (lacht). Ich habe aber den Eindruck, dass alle dazu auch Lust haben.

 

Professioneller Journalismus und soziales Projekt

 

Was ist in Ihren Augen das Besondere an „Hinz&Kunzt“?

Die „Hinz&Kunzt“ bietet professionellen Journalismus und ist zugleich ein soziales Projekt. Die obdachlosen Verkäufer und Verkäuferinnen sind quasi freie Unternehmer und haben durch den Verkauf der Straßenzeitung Einnahmen sowie eine Struktur in ihrem Alltag.

Das Besondere ist, dass sie den Mitmenschen gegenüber gleichberechtigt auftreten und etwas anbieten können, statt nur um Almosen zu bitten. Dadurch entsteht ein ganz anderer Umgang.

Was möchten Sie anders machen?

Ich kann mich mit dem Bisherigen gut identifizieren und sehe einen langsamen, behutsamen Wandel vor mir. Eine Sache, die wir ändern werden, ist, dass wir weniger Verkäuferinnen und Verkäufer auf dem Cover zeigen, damit nicht der Eindruck entsteht, dass Obdachlosigkeit unser einziges Thema ist.

Dieses Magazin ist ungeheuer vielseitig. Wir sind und bleiben als Projekt eine Lobby für Arme, aber als Magazin fühlen wir uns ganz klar dem unabhängigen Journalismus verpflichtet.

Wird es keine inhaltliche Neuausrichtung geben?

Ich sehe eine Menge Themen, die wir spielen können, ohne den Markenkern zu vernachlässigen. Ich möchte unbedingt Frauen sichtbarer machen, die zwar nicht obdachlos sind, aber bettelarm. Meiner Meinung nach tut Deutschland nicht genug für Ein-Eltern-Familien.

Es wird auch jede Menge Tipps geben, wie man seine Freizeit ohne viel Knete bestreiten kann, nach dem Motto: „Elbinsel statt Elphi“.

 

Digitale Veränderungen

 

Viele Magazine haben an Auflage und Anzeigen verloren. Wie sieht es bei Hinz&Kunzt aus?

Natürlich merken wir, dass die Leute weniger Print lesen. Ich will deshalb, dass wir so schnell wie möglich den digitalen Erwerb der Zeitschrift ermöglichen. Die Verkäufer könnten das Heft mittels eines QR-Code anbieten und die Zahlung digital abwickeln. Wir hoffen, dass Wirtschaftsminister Altmaier, der ja für die Digitalisierung 200 Millionen Euro zur Verfügung stellt, jetzt mal in die Puschen kommt, sodass die Straßenmagazine gemeinsam einen Antrag stellen können.

Ist „Hinz&Kunzt“ bei den Menschen ausreichend präsent?

Nein, deshalb müssen wir die Informationen verstärkt über unsere Website und Social-Media-Kanäle an die Hamburger und Hamburgerinnen herantragen – und das werden wir auch.

„Hinz&Kunzt“ hat schon immer viel Unterstützung von Profis oder Agenturen pro bono bekommen. Das ist großartig! Ich kann mir auch gut vorstellen, ehemalige Kollegen als Autoren zu gewinnen.

Wie wird man eigentlich Hinz&Künztler?

Die Verkäufer und Verkäuferinnen in spe wenden sich dazu an unsere Sozialarbeiter und werden im Vertrieb geschult. Zu Beginn erhalten sie zehn Zeitungen kostenlos. Mit den Gewinnen können sie weitere Zeitungen für 1,10 Euro erwerben und zum regulären Preis von 2,20 Euro verkaufen. Oft kriegen sie etwas mehr drauf. Sie bilden also eine Art Mini-Kapital, das sie vermehren können, wenn sie mit ihrem Geld und den Magazinen gut umgehen. Das ist klassische Hilfe zur Selbsthilfe.

Wir helfen auch dabei, Wohnungen zu finden und stellen Bürgschaften bereit. Niemand ist freiwillig obdachlos. Diese Menschen brauchen Unterstützung, denn das Leben auf der Straße macht mürbe.

Wie sieht die Schulung der Verkäufer aus?

Wir haben Mitarbeiter im Vertrieb, die selbst als Straßenverkäufer angefangen haben. Die geben Ratschläge und können das gut vermitteln. Dazu gehören ganz banale Dinge wie ein höfliches, unaufdringliches Auftreten.

 

„Die Pandemie hat massive Folgen für uns“

 

Wie hat sich Corona auf „Hinz&Kunzt“ ausgewirkt?

Die Pandemie hat massive Folgen für uns. Im April vergangenen Jahres gab es erstmals in der Geschichte des Magazins kein gedrucktes Heft, weil man die Gesundheit aller schützen wollte. Seither gibt es auch gewisse Berührungsängste. Viele Menschen gehen nicht mehr oft aus dem Haus und zahlen nur noch mit Karte oder Handy. Das macht den Verkauf der Zeitschrift schwierig.

Ist Hamburg eine hilfsbereite Stadt?

In Hamburg gibt es – und das finde ich hocherfreulich – ein Bewusstsein für die Nöte der Obdachlosen. Erst kürzlich hat Ulrich Tukur, der „Tatort“- Schauspieler, bei einem Fernsehquiz die Hälfte seines Gewinns in Höhe von 50.000 Euro an „Hinz&Kunzt“ gespendet. Aber auch die unzähligen kleinen Spenden helfen ungemein. Danke!

In Hamburg ist die Unterbringung der Obdachlosen im Winter in die Schlagzeilen geraten – weil seit Silvester fünf Obdachlose durch die Kälte auf der Straße starben (Stand: 20.1.2020). Tut die Politik genug für Obdachlose?

Die Stadt scheint stets darauf zu warten, dass irgendein Mäzen sich der Sache schon annehmen wird, dabei ist es die ureigenste Aufgabe der Politik, den Bedürftigen zu helfen. Man ist unheimlich stolz darauf, dass man die Markthalle als Wärmestube bereitstellt oder die Sammelunterkünfte öffnet, statt sich zu überlegen, dass es in einer Pandemie gefährlich ist, Menschen zusammenzupferchen.

In den Unterkünften des Winternotprogramms schlafen vier Personen und mehr in einem Raum! Dabei hat
das Robert-Koch-Institut vor Sammelunterkünften explizit gewarnt wegen der Infektionsgefahr. Ich hatte für „Hinz&Kunzt“ mit Prof. Dr. Friedemann Weber, dem Leiter der Virologie an der Uni Gießen, über die Unterbringung der Obdachlosen gesprochen. Der sagte: „Was Hamburg da macht, ist ein Rezept für ein Desaster.“

 

Klima der Angst

 

Was ist die Folge dieser Politik?

Die Obdachlosen schlafen wieder auf der Straße, weil sie Angst haben, sich in den Notunterkünften mit dem Coronavirus anzustecken. Diese Menschen sind ja schon oft krank, ihr Immunsystem ist geschwächt. Sie müssten geschützt werden. Das gebietet die Humanität.

Zudem kann es in den Unterkünften rau zugehen. Aber auch auf der Straße herrscht teilweise ein ungeheures Maß an Gewalt. Es wird geschlagen, getreten, geraubt. Da herrscht ein Klima der Angst.

Wie könnte eine gute Lösung aussehen?

Wir plädieren schon lange für kleinere Unterkünfte, die in der Stadt besser verteilt sind. In der Zwischenzeit ist wie im letzten Lockdown die Zivilgesellschaft aktiv geworden und hat Hotelzimmer für Obdachlose gebucht. Ohne die Großspende der Reemtsma Cigarrettenfabriken in Höhe von 300.000 Euro wäre das nicht möglich.

Solche Spenden sind begrüßenswert und zugleich beschämend, weil es eigentlich die Aufgabe der Stadt wäre, sich um die Obdachlosen zu kümmern. Die Sozialsenatorin Melanie Leonhard und die rot-grüne Mehrheit in der Bürgerschaft haben eine Hotelunterbringung im Dezember aber abgelehnt.

Woran liegt das?

Ich habe manchmal das Gefühl, dass in der Sozialbehörde ein gewisses dogmatisches Denken herrscht, nach dem Motto: Wir machen es denen mal nicht zu bequem, sonst gibt es bald noch mehr Obdachlose …

Drückt sich die Hamburger Politik vor der eigenen Verantwortung?

Der rot-grüne Senat setzt sehr stark auf Freiwilligkeit und Ehrenamt – und das nicht nur bei der Unterbringung im Winternotprogramm, sondern auch bei medizinischen Hilfen. Die Leute, die den Kältebus betreiben oder die medizinischen Praxen für Obdachlose, beklagen schon länger, dass sich die Stadt immer mehr aus ihrer Daseinsvorsorge herauszieht.

 

Verbunden fühlen

 

Gilt für „Hinz&Kunzt“ nun das alte „Spiegel“-Motto: „im Zweifelsfall links“?

Einer unserer Gesellschafter ist die Diakonie. Die würde wohl eher einen Satz erwarten wie: „Im Zweifel mit Gott“ (lacht). Aber im Ernst: Das Thema Armut betrifft letztlich uns alle. Wir alle haben eine soziale Verantwortung, egal, ob wir links oder eher konservativ sind.

Warum sollten die Hamburger „Hinz&Kunzt“ kaufen?

Es ist ein schönes Magazin und zugleich eine großartige Möglichkeit zu helfen. Es geht ja nicht nur um das bloße Kaufen der Zeitschrift: Vielleicht spricht man mit dem Verkäufer oder der Verkäuferin auch mal ein paar Worte. Es hilft ihnen ungemein, sich mit den Mitmenschen verbunden zu fühlen, dazuzugehören. Das sind Menschen, die oft niemanden sonst haben. Wir haben unsere Familie, Freunde, Kollegen. Diese Menschen haben oft keine Familie mehr, keine Heimat, nichts. Sie können jederzeit den Halt verlieren.

hinzundkunzt.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Das epische Format: Florian Weischer über Kinowerbung

Florian Weischer gehört mit seinem Unternehmen Weischer.Cinema zu den Marktführern im Bereich Kinowerbung. Mit SZENE HAMBURG spricht er über die gegenwärtige Situation, die Entwicklung der Kinobranche und wie er in die Welt des Kinos kam

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Herr Weischer, Sie haben Ihrem Unternehmen vor einem Jahr eine neue Corporate Identity verpasst. Was auffiel, war die Welle im neuen Logo. Haben Sie die Infektionswellen vorausgesehen, oder was wollten Sie damit zum Ausdruck bringen?

Florian Weischer: (lacht) Die Welle in unserem Logo ist das Ergebnis eines langen Diskussionsprozesses. Sie steht für Veränderung, Bewegung und die Nähe zum Wasser, da unsere Hamburger Zentrale am Hafen liegt. Wir gucken auf die Elbe und sehen das tägliche Kommen und Gehen des Wassers. Diese permanente Veränderung ist für uns etwas sehr Prägendes. Medienlandschaften verändern sich auch oft gravierend – und das in kurzen Zeitabschnitten. Darauf müssen wir reagieren, aber auch agieren, indem wir die Veränderungen mitgestalten.

Nun gab es 2020 eine ziemlich massive Veränderung, mit der so keiner gerechnet hatte: Welchen Einfluss hat die Pandemie auf Ihr Geschäft?

Wir haben mit unserer Kinosparte in diesem Jahr gut 80 Prozent unseres geplanten Umsatzes eingebüßt.

 

Kino und Lockdown

 

Als der erste Lockdown beschlossen war, haben Sie eine Kampagne namens #hilfdeinemkino ins Leben gerufen. Durch das Anschauen von Kinowerbung im Internet wurde Geld für die Kinos gesammelt. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Das war die Idee unseres Innovationsteams. Die haben sich organisiert, über Videokonferenzen abgestimmt und in wenigen Tagen das Konzept #hilfdeinemkino aus der Taufe gehoben. Die technischen Möglichkeiten dazu hatten wir, die Menschen mit ausreichender Kreativität und Vorstellungsvermögen auch. Da haben wir Gesellschafter am nächsten Morgen gesagt: „Mensch, das ist toll. Macht das!“ Das war wichtig für die Moral – sowohl in unserem Unternehmen als auch bei den Kinobetreibern und -besuchern.

Welche Summe kam zusammen?

Es waren knapp hunderttausend Euro, die wir auf diesem Wege generieren konnten. Wir haben dieses Geld zum größten Teil an die Kinos ausgeschüttet, was bei knapp 4.500 Leinwänden in Deutschland pro Kino kein riesiger Betrag ist. Aber zumindest konnten wir so Aufmerksamkeit für die Filmtheater generieren.

Ihr Unternehmen betreibt unter anderem auch Außen- und Onlinewerbung. Konnten Sie die Verluste in der Kinosparte dadurch etwas ausgleichen?

Es ist dadurch weniger dramatisch gewesen, aber der Einschnitt ist dennoch gewaltig. Es ist bei uns ein zweistelliger Millionenverlust entstanden. Wir überstehen das, aber wir standen durchaus vor der Frage: Glauben wir an die Zukunft des Kinos oder nicht?

Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Wir glauben daran, dass das Kino zurückkommt. Das kann aber ein bisschen dauern. Wir hätten die Freiheit, auch anders darüber zu denken. Tun wir aber nicht.

Sie haben auch einen Trailer mit dem Titel „Dein Kino – Du fehlst“ produzieren lassen, der die Sehnsucht nach dem Kinoerlebnis spürbar macht. Was haben Sie gefühlt, als sie den Clip erstmals sahen?

Ich hatte Gänsehaut. Ich war gerührt von der Emotionalität der filmischen Umsetzung. Die Idee zum Clip kam ebenfalls von unserem Innovationsteam. Der Clip ist mit einem Mikrobudget produziert worden. Es waren höchstens eine Handvoll Tausend Euro. Sky du Mont hat uns seine Stimme kostenlos geliehen. Eine schöne Aktion. Der Trailer wurde später ins Englische übersetzt und kam weltweit in über 20 Ländern zum Einsatz.

 

„Kino braucht das epische Format“

 

Ihr Unternehmen wurde 1954 von Ihrem Vater, Hans Weischer, als Spezialagentur für Kinowerbung gegründet. Die Kinobranche wird seither immer wieder gern totgesagt. Ist Ihnen die Kinosparte nur aufgrund der Unternehmensgeschichte wichtig oder lohnt es sich auch?

Wir haben in den letzten Jahren eine gute Entwicklung gehabt. 2019 war ein super Jahr mit zweistelligen Wachstumsraten bei der Kinowerbung, aber auch zweistelligem Wachstum bei den Kinobesuchen. Das ist vielen gar nicht so klar. Viele denken, das Kino sei allgemein in der Krise. Das ist aber ein völlig falsches Bild.

Viele Besucher schauen sich die Reklame im Kino komplett an. Wie erklären Sie sich das?

Kinowerbung ist wahrscheinlich das letzte Medienformat, bei dem sich Menschen bewusst, freiwillig und zufrieden mit Werbung befassen (lacht). Der Akzeptanzwert für Kinowerbung liegt bei über 80 Prozent. Wir haben uns damals, als die Kinos vor etwa 25 Jahren die Platzreservierung und Buchungssysteme eingeführt hatten, große Sorgen gemacht.

Wir befürchteten, dass die Zuschauer erst nach dem Werbeblock in den Saal gehen würden, da ihr Sitzplatz sicher ist. Das ist aber nicht eingetreten. Die Zuschauer empfinden das Vorprogramm als attraktiv. Werbung wird akzeptiert, wenn es unterhaltsam, spannend, attraktiv und lustig ist.

Nicht wenige empfinden die Werbung im Kino sogar als Teil des Kinoerlebnisses, wie eine Art Vorspiel zum eigentlichen Hauptfilm. Sehen Sie das auch so?

Ja, absolut. Ich bin mit Kinowerbung groß geworden. Ich habe damals als Teenager für das Unternehmen meines Vaters Kontrollbögen ausgefüllt. Ich musste überprüfen, ob alle Werbefilme auch in den Kinos abgespielt wurden. Als Entlohnung erhielt ich Kinotickets. Die Werbung war quasi mein Zugang zum Kino. (lacht)

Stanley Kubrick soll von Nescafé-Werbespots fasziniert gewesen sein. Er fragte sich damals, Sydney Pollack zufolge, wie man eine Geschichte in so kurzer Zeit überhaupt erzählen kann …

Es ist schon eine Kunst, eine Geschichte in ein bis zwei Minuten zu erzählen. Das erfordert, dass sie auch wirklich gut ist. Bei der Kinowerbung kommt hinzu, dass das Format und der Ton auch wirklich genutzt werden müssen. Das Kino kann mit modernen Social-Media-Erzählformen und -Formaten wenig anfangen. Ein Siebensekünder funktioniert in einem Filmtheater einfach nicht. Kino braucht das epische Format.

Sehen Sie das Kino angesichts der Streaming-Konkurrenz in Gefahr?

Es ist nicht so, dass Streaming-Dienste das Kino in irgendeiner Weise ersetzen könnten – und das tun sie auch nicht. Für mich sind die Streaming-Dienste eine andere Form von Fernsehen. Wir haben eine ziemlich stabile Entwicklung bei den Kinobesuchen und schwanken seit etwa zehn Jahren zwischen 110 und 130 Millionen Kinobesuchen im Jahr. Die Kinobesucher sind zwar inzwischen älter als noch vor 20 Jahren, aber das ist für uns nicht schlecht, denn dass die 30-, 40- und 50-Jährigen das Kino wiederentdeckt haben, bedeutet für uns einen größeren Markt.

Viele Filmstudios sind dazu übergegangen, ihre Filme direkt in die Streaming-Portale zu geben. Warner Bros. planen, ihre Filme für 2021 zeitgleich in den Kinos und im eigenen Streaming-Kanal HBO herauszubringen. Wird das nicht die gesamte Kinokultur verändern?

Ich glaube nicht, dass die Filmverleiher sich langfristig vom Kino abwenden. Das mag im Moment so erscheinen, aber das kann ich mir angesichts der Gewinne, die die Filmverleiher und Filmproduzenten sich entgehen ließen, nicht vorstellen. Die Wertschöpfung der Streaming-Dienste ist im Vergleich zu dem der Kinos wesentlich geringer.

 

Sehen, was im Kino funktioniert und was nicht

 

Welches Hamburger Kino besuchen Sie gerne?

Ich mag das Cinemaxx-Dammtor mit seinen 1.000 Plätzen, ich bin sehr gerne in der Astor Lounge in der HafenCity, wenn es mal die Originalsprache sein soll im Savoy, und wenn es um Filmkunst geht im Abaton. Es ist schön, dass Hamburg diese Bandbreite bietet.

Hand aufs Herz: Wenn Sie in ein Kino gehen, schauen Sie sich die komplette Werbung an oder schleichen Sie sich kurz vor Filmbeginn hinein?

(lacht) Ich bin tatsächlich ab dem ersten Bild schon auf dem Platz, weil ich neugierig bin, wie die Menschen auf die Werbung reagieren. Ich finde es wichtig, zu sehen, was im Kino funktioniert und was nicht. Das kriegt man anhand der Reaktionen ganz gut mit.

Gibt es einen Kino-Werbespot, den sie nie vergessen haben?

Wir hatten vor vielen Jahren die Idee, ein sogenanntes Duftkino zu machen. Hierzu hatten wir eine Apparatur, die mit der Klimaanlage des Kinos gekoppelt war und die punktgenau einen Duft ausspielte. An einem Abend testeten wir das im Cinemaxx-Dammtor. Es lief ein Nivea-Werbespot. Der Spot selbst war unspektakulär. Er zeigte einige Strandszenen, Dünen an der Nordsee, spazierende Menschen, vorbeifliegende Möwen, rauschende Wellen.

Dann prallte, wie mit einer Keule geschwungen, der Duft von Nivea-Sonnenlotion in die Nasen der Zuschauer. Alle hatten sofort Assoziationen von Sommer, Strand, Urlaub im Kopf. Einige sprangen sogar kurz enthusiastisch von ihren Sitzen auf, weil der Geruchsreiz direkt im Stammhirn verarbeitet wird. Das war ein phänomenales Erlebnis.

Ihr Unternehmen zog 1971 von Hannover nach Hamburg. Warum?

Die Kundennähe war für meinen Vater sehr wichtig. Die größten Auftragnehmer für unser Unternehmen saßen damals und sitzen noch heute in Hamburg. Da wollte mein Vater nah ran. Das fanden mein Bruder Marcus und ich als Kinder zwar nur so mittelprächtig, weil unser Vater von Montag bis Freitag in Hamburg war und wir in Hannover lebten, aber aus Sicht des Unternehmens war das eine sehr kluge Entscheidung.

Ihr Unternehmen ist seit 60 Jahren im Geschäft. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Da sind wir wieder beim Logo (lacht). Ich denke, die Bereitschaft und die Fähigkeit Veränderungen mitzugehen oder zu gestalten hat wesentlich dazu beigetragen, dass es uns gut gegangen ist und wir uns gut entwickeln konnten. Kino ist das mit Abstand Wichtigste für uns.

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Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hilfreiche Tipps: So spart ihr Geld im Studium

In studentischen Geldbeuteln herrscht oft gähnende Leere – besonders am Monatsende. Dabei helfen oft schon kleine Kniffe, um sein Geld besser zusammenzuhalten. Finanzcoach Dani Parthum erklärt, warum sich Studierende das Leben leichter machen, wenn sie sich schon früh mit ihren Finanzen beschäftigen

Interview & Texte: Sophia Herzog

 

Finanzcoach Dani Parthum (Foto: Tom Salt)

Uni-Extra: Frau Partum, kann man lernen, mit Geld umzugehen? 

Dani Parthum: Natürlich! So, wie wir alles lernen, von Chemie über Betriebswirtschaft, wie wir Essen kochen, Laufen, Sprechen. Dooferweise lernen wir den Umgang mit Geld nicht systematisch, zum Beispiel in der Schule oder an Facheinrichtungen, sondern vor allem von unseren Eltern. Und die wissen meist auch nicht wirklich Bescheid, haben Halbwissen oder eine schwierige Einstellung zu Geld und Geldanlage.

Welche Fehler machen junge Menschen denn besonders häufig, wenn es um Geld geht? 

Die gleichen wie ältere Menschen auch. Sie denken, das Geld gleich Konsum bedeutet und nicht Gestaltungsspielraum. Geld als Ressource des eigenen Lebens zu begreifen, ist der Schlüssel zu einem bewussten Umgang damit. Mit Geld kann ich mein eigenes Unternehmen gründen, die Welt bereisen, gesellschaftliche Veränderungen unterstützen, mich und andere bilden, nach meinen Werten leben. Sein Geld ausschließlich zu verkonsumieren ist kurzfristig gedacht und dumm.

Welche Tipps haben Sie für finanzunerfahrene Studierende? 

Klug ist es, dem Sparen, und damit auch Investieren, immer einen Vorrang vor dem Konsum zu geben. Und wenn man im Monat nur 25 Euro zurücklegt. Außerdem ist es wichtig, Ausgaben im Blick zu behalten, damit man weiß, wo das Geld in welcher Größenordnung hinfließt. Es gibt da tolle Haushalts-Apps fürs Smartphone oder Online-Banken, die alle Zahlungen automatisch kategorisieren. Und es hilft, Budgets für bestimmte Ausgaben festzulegen wie Feiern, Urlaub, Essen gehen, Kleidung, sowas. Und vor allem: Finger weg von Konsumschulden, also dem Kauf von Gebrauchsgegenständen auf Pump, wie Smartphones. Lieber darauf sparen, das macht mehr Laune und man bleibt unabhängig. Überhaupt Konsum hinterfragen und öfter Secondhand kaufen.

Warum ist es so wichtig, sich schon früh mit dem Thema Finanzen zu beschäftigen?

Weil zu einem selbstbestimmten Leben dazugehört, sich um seine Finanzen zu kümmern. Geld durchzieht alle unsere Lebensbereiche – es gibt nicht mehr vieles, was sich nicht in Geldeinheiten bezahlen ließe. Das müssen wir nicht gut finden, ist aber Realität. Wer diese Realität als etwas Positives erkennt, sein Geld pflegt, einen Finanzplan und ein Vermögensziel für sein Leben entwirft, wird unabhängig sein und selbstbestimmt leben können. Außerdem bedeutet Geld nicht nur Gestaltungsmöglichkeit und Wohlstand, sondern vor allem auch Macht und Einfluss. Warum das anderen überlassen, statt selbst die Welt zu verändern?

Tipps: So geht sparen

 

Internationaler Studierendenausweis

Wer auch im Auslandssemester von Studentenrabatten profitieren will, sollte sich den Internationalen Studierendenausweis ISIC zulegen: Mit der Karte haben Inhaber Zugang zu Vergünstigungen in über 130 Ländern, die Angebote reichen von Inneneinrichtung bis hin zu Flixbus-Fahrten.
www.isic.de

Hochschulsport

Sport machen kann ein ganz schön großes Loch in den studentischen Geldbeutel fressen. Hochschulsport geht günstiger: Für 52 Euro pro Semester können sich Studis normalerweise durch rund 200 verschiedene Sportarten probieren. Aber Achtung: Aufgrund der Corona-Verordnungen ist das Programm gerade geschrumpft.
hsp-hh.sport.uni-hamburg.de

 

NDR Kultur Karte

Lust auf Kulturprogramm? Mit der Rabattkarte von NDR Kultur bekommen Inhaber für 20 Euro ein Jahr lang Vergünstigungen bei 150 Kulturpartnern in Norddeutschland. Mit dabei sind unter anderem das Abaton Kino, das Schauspielhaus und die Konzerte des NDR Orchesters. Rundum-Infos zu den Events findet man online bei NDR Kultur.
www.ndrkulturkarte.de

 

Kunstmeile Hamburg

Kunsthalle, Deichtorhallen, Kunstverein, das Museum für Kunst und Gewerbe und das Bucerius Kunst Forum – wer diese fünf Häuser besuchen will, kann das vergünstigt mit dem Kunstmeilen-Pass: Für 22 Euro haben Studierende ein ganzes Jahr jeweils einmalig Zutritt zu den Museen. Bei Zeitdruck gibt es einen Drei- Tages-Pass für drei Euro weniger. Unser Tipp: Die beeindruckende Ausstellung „Peter Lindbergh: Untold Stories“ ist noch bis zum 1.11.2020 im Museum für Kunst & Gewerbe zu sehen kunstmeile-hamburg.de

 

Too Good To Go

Eigentlich soll die App Lebensmittel vor einem voreiligen Schicksal im Mülleimer bewahren. Dass die geretteten Lebensmittel dabei aber auch noch günstiger sind, ist ein netter Nebeneffekt. Warme Mahlzeiten, Backwaren, Obst oder Gemüse lassen sich ganz einfach über die App reservieren – kulinarische Schätze für kleines Geld.
toogoodtogo.de

 

Haspa Joker unicus

Mit diesem Girokonto können Studierende nicht nur viele Rabatte nutzen, sondern haben auch andere praktische Vorteile – wie ein Handy- Ersatzservice und einen Festpreis für den Schlüsseldienst – falls es mal anders laufen sollte als gedacht. Den Internationalen Studierendenausweis und eine Kreditkarte gibt es übrigens kostenlos dazu.
haspa.de

 


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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StrassenBLUES: Draußen ist noch wer

In Zeiten menschenleerer Straßen kümmert sich der Verein StrassenBLUES auf verschiedenen Wegen um Obdachlose

Text: Erik Brandt-Höge

 

Einfache Geschichte: Wer während der Corona-Krise zu Hause bleiben kann, der bleibt auch zu Hause. Ist nicht immer toll, aber es gibt Schlimmeres als Homeoffice im Wohnzimmer, in der Küche, auf dem Balkon, im Garten. Schwieriger wird es, wenn kein Zuhause vorhanden ist.

Obdachlose haben es durch die Pandemie noch schwerer, ans Nötigste zu gelangen – es sind schließlich kaum noch Menschen da, die direkt auf der Straße mit Geld, Essen oder Kleidung helfen. Die Macher des gemeinnützigen Vereins StrassenBLUES e. V. haben sich einmal mehr Gedanken gemacht, wie den Mittellosen zur Seite gestanden werden kann.

Es wurden allerhand Aktionen ins Leben gerufen, etwa die StrassenSPENDE, die online abgegeben werden kann, und die von den ehrenamtlichen Vereinsmitgliedern in bar oder als Supermarkt-Gutscheine weitergeleitet wird. Wichtige, auch warme Mahlzeiten bringt das StrassenBLUES-Team ebenso direkt zu Menschen ohne festen Wohnsitz. Und es setzt sich dafür ein, dass Hotels leer stehende Zimmer zur Verfügung stellen, um Obdachlosen etwas Schutz zu bieten. Denn diese gehören aufgrund ihres schwachen Immunsystems zur Risikogruppe und haben auf der Straße nicht nur mit Armut und Hunger zu kämpfen, sondern auch mit Krankheiten und dem Virus, das die Welt gerade so sehr verändert.

www.strassenblues.de; www.strassenspende.de; www.strassensuppe.de; www.hotelsforhomeless.org; www.letmebesafe.org


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Netflix für die Ohren: Das Hörspiel „Head Money“

Das Hörspiel „Head Money“ des Hamburger Verlags „Lausch Medien“ verhandelt die sozialen Verwerfungen unserer Zeit. Ein Gespräch mit Verlagschef, Autor und Sprecher Günter Merlau über Kunst als Gesellschaftsinkubator und die Vorzüge des Hörspiels

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Man stelle sich vor: 100 Milliarden Dollar für den Kopf eines Milliardärs – wortwörtlich. So viel ruft die anonyme Organisation „Janus“ für die Ermordung eines OPEC-Generalsekretärs aus. Anfangs halten Politik und Medien die Aktion für einen makabren Streich. Ist es aber nicht, wie nach einer pulpigen Szene in der Elbphilharmonie klar wird.

Günter Merlau entwirft in „Head Money“ eine Dystopie, die eines der drastischeren unter den möglichen Zukunftsszenarien durchdekliniert. Dafür baut er verschiedene Handlungsstränge auf : Ein EU-Abgeordneter, der gegen die globale Steuerflucht kämpft, muss sich in Norwegen seiner linksradikalen Vergangenheit stellen. Eine Gaming-Bloggerin und ein LKA-Beamter kommen einer Verschwörung auf die Schliche. In Nigeria findet eine Polizistin die Spuren von „Janus“.

Das klingt nach Netflix und Co. Kein Zufall: Zur Zielgruppe gehören Fans von Serien wie „House of Cards“, „Homeland“ und „Westworld“. Merlau weiß den Unterhaltungsfaktor – inklusive Zuspitzungen und (manchmal über-) dramatischer Geräuschkulisse – mit politischem Anspruch zu verknüpfen. Die im Kopf entstehende Bilderwelt ist dank der hervorragenden Sprecher – darunter Rolf Becker und Dayan Kodua – reich und farbenprächtig. Die erste Staffel mit sechs Folgen ist seit dem 21. Februar auf dem Markt. Die Fortsetzung der auf drei Staffeln angelegten Serie soll ein halbes Jahr später folgen. Man darf gespannt sein.

 

SZENE HAMBURG: Herr Merlau, finden Sie es legitim, einem Milliardär den Kopf abzuschneiden?

Günter Merlau: Das ist die große Frage, mit der sich die Serie beschäftigt: Darf ein Zweck die Mittel heiligen? Als ich für die Recherche bei einem linksradikalen Wirtschaftsblatt in Berlin saß, haben sich zwei Redakteure gestritten, als ich sie nach ihrer Bewertung des Szenarios fragte. Der eine sagte, daraus könne nichts Gutes entstehen. Die andere sagte, jede Revolution habe blutig begonnen, deswegen könne sie sich vorstellen, dass ein solches Szenario auch positive Effekte hätte. Die meisten ordnen sich wohl irgendwo zwischen „absolut nein“ und „absolut ja“ ein.

 

„Wer mehr als 100 Millionen Euro für sich nutzt, ist ein Verbrecher“

Günter Merlau

 

Sie geben in der Serie sehr vielen Milieus Raum: von den Linksradikalen bis zu den Rechtsradikalen inklusive antisemitischer Kapitalismuskritik, bis hin zu den normalen Durchschnittsbürgern, den Konservativen und den Linksliberalen. Wo positionieren Sie sich?

Ich halte jemanden, der über 100 Millionen Euro für sich beansprucht, für einen Verbrecher. Man kann sicherlich unterscheiden zwischen Leuten, die Kapital und Vermögensinhalte verwalten, und Unternehmern, die nachhaltig Produktionsmittel und Arbeitsplätze schaffen. Grundsätzlich halte ich es aber für falsch, so viele Ressourcen an eine einzelne Person zu binden.

Das heißt, Sie sind auch für eine Reichensteuer, wie die von Ihnen gesprochene Figur des Politikers Alexander Schachat?

Ja, allerdings gibt es zahlreiche Details, und da liegt der Teufel begraben. Es gibt verschiedene Konzepte, momentan wird auch wieder die Transaktionssteuer verstärkt diskutiert, nachdem sie lange brach lag. Ich finde es wichtig, dass Derivate und der gesamte Aktienhandel endlich mal besteuert werden. Das kann doch alles nicht wahr sein – auch diese ganze Cum-Ex-Geschichte.

Das Thema Cum-Ex hatten wir gerade in Hamburg, als im Zusammenhang mit der privaten Warburg Bank der SPD politische Einflussnahme vorgeworfen wurde. Den meisten Bürgern schien das aber egal zu sein, obwohl sie die fehlenden Steuergelder zu spüren bekommen. Warum?

Weil es so weit weg ist. Man guckt dann doch lieber den Mercedes an, der durch die Straßen fährt, oder den Migranten, der einem angeblich „die Arbeit wegnimmt“, was natürlich nicht stimmt. Die 0,1 Prozent der Superreichen sind zu weit weg und der Abstraktionsgrad ist zu hoch, deswegen will man sich nicht weiter damit beschäftigen.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass Politiker wie Sven Giegold das tun. Er kämpft seit neun Jahren im Europaparlament gegen Steuerflucht und dafür, dass die Finanztransaktionssteuer durchgesetzt wird.

Cover-HeadMoneyIst Alexander Schachat nach Giegold konzipiert?

Ja. Ich habe Giegold für meine Recherchen interviewt. Natürlich habe ich vieles geändert, aber er ist eine Art Role Model für Schachat. Ich muss ihn allerdings ganz klar freisprechen von einer Nähe zum Szenario im Hörspiel. Er ist ein sehr menschenfreundlicher Geselle und sagt ganz klar: Wenn wir den Rechtsstaat verlassen, dann ist alles verloren.

Schachat ist ein ehemaliger Linksradikaler, der regierungsfähig geworden ist…

…und mit den Zwängen und der Realität in einer Art konfrontiert wird, wie wir es bei allen gesehen haben – von Joschka Fischer bis zu Otto Schily. In meinen Augen ist er ein weiser Politiker – also jemand, der führungsfähig ist, nicht herumwütet, die Probleme und die notwendigen Kompromisse auf dem Lösungsweg nicht wegleugnet. Jemand, der sich der Verantwortung nicht entzieht und der nicht so tut, als könnte man die Probleme der Welt mit Molotow-Cocktails wegbomben. Eine Gesellschaft besteht nun einmal aus vielen Teilen und sie braucht Staatsmänner, die integrativ sind und verbinden.

Neben Giegold haben Sie für Ihre Recherchen mit Experten wie Tom Strohschneider und Benedikt Strunz gesprochen und sich von NGOs wie Oxfam, Attac und Sea Shepherds beinflussen lassen. Warum haben Sie nicht mit Konservativen geredet?

Das ist eine kleine Lücke. Ich habe das nicht im Rahmen der Recherchen getan, allerdings vorher schon für andere Projekte und mich daran auch beim Schreiben bedient. Ich setze mich intensiv mit internationaler Politik auseinander, auch in verschiedenen Medien, so bekomme ich etwas von allen Stimmen aus den verschiedenen Meinungsmilieus mit. Es gibt viele tolle konservative Politiker und Unternehmer, die ich schätze.

Ich bin ja selbst ein Unternehmer. Ich lebe selbst in einem ambivalenten Spannungsfeld. Meine Mitarbeiter werden sich kein Häuschen in Hamburg leisten können mit dem Geld, das sie bei mir verdienen. Ich habe meinen Wohlstand nur durch die „Ausbeutung“ von Mitarbeitern bekommen. „Ausbeutung“ im Sinne von: Ich habe ihre Arbeitskraft genutzt, um Kapital zu vermehren. Die eigene Arbeit allein kann niemals Reichtum erzielen.

Wie würden Sie reagieren, wenn verstärkte Steuererhöhungen Ihre Einkommensklasse beträfen?

Ich habe nichts dagegen, viele Steuern zu zahlen. Ich zahle tatsächlich den Spitzensteuersatz. Es ist nicht ungerecht, dass man als wohlhabender Mensch viel abgeben muss, es ist ungerecht, dass Multimilliardäre nur ein Prozent oder weniger Steuern zahlen. Wenn die Steuerflucht der Konzerne nicht eingedämmt wird, ist das falsch – sieben bis acht Milliarden Euro pro Jahr sind ja die Regel.

Keine Angst vor Einschränkungen Ihres Lebensstils?

Ich lebe bescheiden, ich habe kein Problem damit. Aber ich möchte dann auch vom Staat sichergestellt bekommen, dass ich im Alter existieren kann. Es kann doch nicht sein, dass ich mein Leben lang hohe Steuern zahle und trotzdem in Altersarmut ende. Das gilt ja nicht nur für mich: Zumal die Leute in Deutschland viel weniger absicherndes Eigentum haben als zum Beispiel in Portugal. In Hamburg kann sich kaum einer ein Haus leisten. Das ist doch scheiße! Ein vernünftiges Sozialsystem kann es nur mit den Milliarden der Superreichen geben.

Kann man Millionär oder sogar Milliardär und trotzdem links sein?

Waren Buffett gilt ja als Paradebeispiel für jemanden, der sich seiner Position sehr bewusst ist. Es gibt unter den 0,01 Prozent der Reichsten durchaus Bestrebungen, das eigene Vermögen für die Gesellschaft einzusetzen.

Es gibt auch Kritik an der Charity der Milliardäre.

Das stimmt, man kann alles kritisieren. Ich finde trotzdem, dass man schwerreich und links sein kann. Wenn ein Milliardär seine Ressourcen der Gesellschaft zur Verfügung stellt, finde ich das richtig.

 

 

Sie sagten, Themen wie Steuerflucht seien zu abstrakt für die meisten Menschen. Es gibt eine Szene, in der Alexander Schachat auf einer Pressekonferenz erklärt, wie die Steuerflucht der Multimilliardäre und der Konzerne funktioniert. Ist das Ihre Intention: Aufklärung im Unterhaltungsmedium?

Absolut. Ich will mich näher an die Finanztransaktionssteuer wagen. Im besten Fall akklimatisieren sich Hörer mit den Themen, die ja wirklich maßgeblich für die Zukunft der Menschheit sind. Wie gehen wir mit der globalen Steuerflucht und der enormen sozialen Ungleichheit um? Die Ressourcen verschwinden in Kanäle, die keiner mehr beobachten kann – wir brauchen diese Ressourcen aber dringend, um die Klimakatastrophe, Armut und Überbevölkerung zu regeln.

Was sagt das über uns und unsere Medienwelt aus, dass wir uns für derart maßgebliche Themen, die für Milliarden Menschen physisch spürbare Folgen haben, erst interessieren, wenn sie unterhaltsam verpackt sind?

Tja, und was sagt das über mich aus, der solche Medien herstellt? Ich sehe das so: Man muss dahin gehen, wo die Menschen sind – also in die Medien. Wenn man etwas zu sagen hat, muss man mit seinen Inhalten dahin gehen. Vielleicht ist es so einfach. Wie frag- würdig es ist, dass wir so sehr vom Me- dienkonsum geprägt sind, wäre noch- mal ein Thema für eine eigene Serie.

Es gibt eine Szene, in der ein Kreis von Milliardären, darunter Edward Silberstein, auf den später ein Kopfgeld ausgesetzt wird, als betont dekadent und unsympathisch dargestellt wird. Im diesjährigen Oscar-Gewinner „Parasite“ gibt es eine Szene, in der es sinngemäß heißt: „Wie kann jemand, der so reich ist, so freundlich sein?“. Die Antwortet darauf lautet: „Diese Leute sind so freundlich, gerade weil sie reich sind.“ Ist das nicht ein viel stärkeres Bild?

Die Kritik ist absolut berechtigt. Aber ich fange gerade erst an. Ich verfolge eine Entwicklung über drei Stufen. Am Anfang der Serie können sich viele Hörer sehr schnell auf eine Haltung einigen: Die Reichsten der Reichen müssen von ihrem Reichtum abgeben. In der zweiten Staffel wird das eine neue Farbe bekommen. Die anfängliche Verbrüderung gegen „die da oben“ wird weniger eindeutig. Die zweite Staffel wird sich schon deutlich dem System an sich widmen. In der dritten Staffel wird sich jeder Hörer unsicher sein.

Ich spüre auch in mir: Ich bin nicht so eindeutig. Ich bin ein Feld aus konservativen, linksradikalen, rückwärtsgewandten und progressiven Milieus. Es wird nicht moralisch eindeutig, denn es ist so, dass etwas Schlechtes etwas Gutes und das wiederum etwas Schlechtes auslösen kann – das ist das Wesen der Janusköpfigkeit.

Ist das Szenario eigentlich realistisch?

Das ist absolut möglich. Vor einigen Wochen wurden 80 Millionen Dollar auf Donald Trump ausgesetzt. Ich frage mich schon lange, warum es eine solche Situation noch nicht gab. Warum haben die Rechten eine Liste von Journalisten, die sie zum Abschuss freigeben, aber die Linken noch keine Liste von korrupten Milliardären? Ich unterstütze das nicht, aber ich wundere mich.

 

„Die eigene Bilderwelt füllt die Lücken, die das Hörspiel gibt“

Günter Merlau

 

Um noch ein Filmbeispiel zu nennen: Als letztes Jahr „Joker“ in die Kinos kam – in dem es ebenfalls um den sozialen Sprengstoff der ungleichen Verteilung geht –, wurde die ewige Debatte wieder aufgerollt, ob Kunst eine Verantwortung trägt, weil die dargestellte Gewalt Nachahmer anstiften könnte. Haben Sie Angst vor Nachahmern?

Ach, die Leute sollten sich lieber darum kümmern, einander in den sozialen Medien nicht permanent zu beschimpfen und zu Unmenschen zu erklären. Ich sehe das anders. Ich würde sagen: Das ist nicht der Punkt.

Kunst ist ein Inkubator. Wir können in der Kunst gesellschaftliche Simulationen beobachten, studieren und auf unsere Gesellschaft anwenden. Kunst ist so frei wie der Narr am Königshofe. Wenn es diesen Freiraum nicht mehr gibt, wird es schwierig. Ich mache in meiner Kunst, was ich will, verfolge aber ein Aufklärungsmoment, indem ich mich selber bilde und das weitergebe.

Andererseits ist es eine Bestandsaufnahme dessen, was ich mitkriege, und am Ende der Serie wird es durchaus einen konkreten Vorschlag geben, wie es anders sein könnte. Die Kunst ist also in diesem Fall eine Was-wäre-wenn-Maschine.

Man liest im Zusammenhang mit Hörspielen oft von „Netflix für die Ohren“. Was kann ein Hörspiel, was eine Fernsehserie nicht kann?

Grundsätzlich bereitet einem das, was man sieht und was einem mit blauem Licht vermittelt wird, viel mehr Stress. Das Flackerbild ermüdet die Sensorik. Beim Hörspiel ist das anders: Die Bilder werden nicht vorgegeben, deswegen hat das Hören von Geschichten einen ganz anderen psychologischen Effekt.

Dem Hörer wird nichts reingedrückt, er wird in die Geschichte gezogen. Weil seine gesamte Sensorik, seine Bilderwelt die Lücken füllt, die das Hörspiel gibt. Das ist eine echte Interaktion, eine echte Verknüpfung und das hat emotional einen ganz anderen Impact. Ein Teil vom Hörer geht ins Hörspiel, und ein Teil vom Hörspiel geht in den Hörer – so erlebt man die Geschichte gemeinsam.

Die erste Staffel von „Head Money“ ist als CD erhältlich (Lausch Medien, 316 Minuten, 30,99 Euro) sowie digital auf Spotify, Audible, Deezer, Apple Music und YouTube Music


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Digitalisierung: Schöne, neue Gastro-Welt

Tablets und Roboter übernehmen den Service und eine neue App soll leere Gasträume füllen – kurzlebige Spielereien oder echter Fortschritt?

Text: Lilli Gavrić

 

Alexa macht das Licht aus, Fitnesstracker zählen jede zu sich genommene Kalorie und Staubsaugerroboter sorgen für sauberes Parkett. Die Welt wird immer digitaler – auch die gastronomische. Das beginnt schon bei der Rechnungsbegleichung. Während Dänemark bis 2030 erstes bargeldloses Land werden will und selbst am Hotdog-Stand schon niemand mehr nach Öre kramt, hängen in Deutschland oft noch Cash-only-Schilder an der Kaffeetheke.

Aber warum klammern die Deutschen sich so an ihre Münzen? Transaktionskosten sind oft ein Argument, warum die Karte erst ab Zehn-Euro-Beträgen gezückt werden darf. Aber was kostet Gastronomen eine Transaktion bei Kartenzahlung? Dank neuer Systeme wie Sum-Up weniger als je zuvor. Waren früher noch Grundgebühren plus Prozente vom Umsatz fällig, bleibt inzwischen nur noch eine Transaktionsgebühr. Die liegt bei Sum-Up aktuell bei 1,9 Prozent pro Kartenzahlung. Das ermöglicht auch kleineren Betrieben die Umstellung.

 

Ohne Karte kein Kaffee

 

Die Card-only-Politik ist in Hamburger Gastronomien noch selten. Vorreiter ist die Kaffeerösterei „Public Coffee Roasters“. Ohne Karte kein Kaffee – was einige Kunden als praktisch und zeitgemäß bewerten, empfinden andere als Bevormundung. Public Coffee Roasters-Betreiber Argin Keshishian erleichtert vor allem die sich daraus ergebene enorme Zeitersparnis seinen Arbeitsalltag: Von der Bestellung bis zur Abrechnung über den Kassensturz am Ende des Tages wird alles per App erledigt und direkt in der Cloud gespeichert.

Neben Kartenzahlung kann man mit der Public Familycard oder Apple Pay zahlen. Aktuell tüftelt er an einer App, bei der man bereits auf dem Weg zum Café seinen Flat White bestellen und bezahlen kann. Ein weiterer Vorteil ist die Transparenz. „Kein Bargeld, keine Schwarzarbeit. Ein Thema, das der Gastroszene durchaus nachhängt“, so Argin.

Noch wird am Tresen bestellt. Bei „Burgerlich“ am Speersort sieht das schon anders aus, denn die Order läuft elektronisch. In die massiven Nussbaumtische sind ausfahrbare Tablets eingebaut. Für Zutaten und Garstufe entscheidet der Gast sich auf dem Screen. Brotsorte, Touch. Trüffelmayo, Jalapenos, Bestellbutton. Wie bei der Pizza-Bestellung auf dem heimischen Sofa. Kann man dann nicht gleich zu Hause bleiben? Ist Effizienz wichtiger, als der persönliche Draht zum Gast?

 

Der Gastro-R2D2

 

Das Sushi-Bar Kofookoo geht noch einen Schritt weiter und schickte Anfang des Jahres den ersten digitalen Kellner ins Rennen. Ein Roboter mit Fliege? Die Realität sieht unromantischer aus: Die smarte Servicekraft ähnelt eher einem ferngesteuerten Servierwagen. Bestellt wird per Tablet, Standort und Route zum jeweiligen Tisch kennt Gastro-R2D2 von allein. Zudem kann der Gast bis zu fünf Gerichte auf einmal und im 15-Minutentakt nach dem All- You-Can-Eat-Prinzip bestellen, die der Roboter alle zeitgleich serviert.

Revolutionäre Hilfe oder bloß digitales Spielzeug für Erwachsene? Ein teures in jedem Fall, stolze 8.000 Euro kostet der Roboter. Braucht es das? Die „Zeit“ beschreibt es so: „Ein Restaurant sollte genau wie ein Markt sozialer Raum sein und nicht bloß Plattform für den Transfer von Waren.“ Aber auch: „Einen Food-Nerd muss das nicht kümmern. Der bekommt hier, was ihm wichtig ist: ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis. Und ein innovatives Konzept. Wo sonst in Hamburg kann man schon essen wie in der Science-Fiction?“

 

Eine App gegen leere Tische

 

Sinniger erscheinen Tools, die versuchen Lösungsansätze für typische gastronomische Probleme, wie etwa die schwache Auslastung außerhalb der Kernzeiten zu liefern. Die Plattform „Delinski“ ist seit diesem Jahr in Hamburg aktiv und arbeitet außerdem an den Standorten Wien, Graz, Linz und München erfolgreich mit über 600 Partner-Restaurants zusammen. In Hamburg sind aktuelle Hotspots wie das Zeik in Winterhude oder Shiso Burger in der Altstadt gelistet.

Das Prinzip: Delinski nutzt Rabatte, um die Gasträume auch an einem Mittwoch um 18.30 Uhr zu füllen. Die Handhabung ist denkbar einfach. Der User meldet sich an, bucht Restplätze im Laden seiner Wahl und erhält 30 Prozent Rabatt auf die Gesamtrechnung. Welche positiven Effekte Gastronomen aus der Zusammenarbeit ziehen, fasst Zeik-Inhaber Maurizio Oster für sich zusammen: „Ich finde Delinski klasse! Der Gast hat die Möglichkeit neue Restaurants kennenzulernen und spart auch noch dabei. Wir als Gastronomen können unsere schwächeren Tage besser steuern – also eine Win-win-Situation.“

Zudem halten sich die Kosten gering, gezahlt wird nur pro Gastvermittlung. Dass zudem Schnelligkeit zur Lunchzeit essenziell ist, hat die App „Lunch-Now“ erkannt. Mit ihr lassen sich geschmackliche Vorlieben und Standort auswählen, tagesaktuelle Angebote checken und diese direkt mit Freunden teilen, um sich zur Mittagspause zu verabreden.

 

Delinski

Delinski: Restplätze finden und Rabatte per App sichern (Foto: Delinski)

 

Die andere Seite gewinnt ebenso. Partner-Restaurants wie das Brüdigams in Eppendorf unterstützt die App beim Social-Media-Auftritt, der noch immer gern stiefmütterlich behandelt wird und gleichzeitig so wichtig ist. Auf Wunsch übernimmt das Start-up das Einpflegen aktueller Tagesgerichte, platziert das Restaurant je nach Beitragshöhe im Ranking und steigert so den Bekanntheitsgrad des Mittagstischs.

Diesen Benefit bemerkt auch das edlere Au Quai am Hafen. Hier wird zusätzlich eine Brücke zu den Gästen geschlagen, die befürchten, Sneaker passten nicht ins schicke Ambiente. Im Hinblick darauf, dass viele Restaurants das Mittagsgeschäft aufgrund von geringem Zulauf aufgeben müssen, also ein guter Support.

Solange im Restaurant selbst sozialer Austausch stattfindet oder die neuen Tools sogar eine Hinwendung zum Gast erlauben, weil sie an anderer Stelle entlasten, spricht nichts gegen digitalen Fortschritt. Ein Robo-Kellner schenkt dem Gast aber letztlich kein ehrliches Lächeln oder reagiert mit Charme und Witz auf kleine Fauxpas.

Die Branche ist im Umbruch und muss probieren, ausloten und vielleicht auch wieder verwerfen. Denn ob Spielerei oder sinnvolle Unterstützung: Aufzuhalten sind die Entwicklungen ohnehin nicht.


Szene-Oktober-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Oktober 2019. Titelthema: Neu in Hamburg. Das Magazin ist seit dem 28. September 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Gewalt, Geld – und Glück

Warum die erste Ausstellung in den neuen Räumen des Bucerius Kunst Forums von Krieg, Katastrophen und Konsumterror handelt und trotzdem glücklich macht

Text: Karin Schulze
Foto (o.): Peter Piller: Zungen / Tongues (10), 2002–2004

 

Mit dicken schwarzen Kopfhörern auf den Ohren und auf einem Wall aus Sandsäcken hockend – so hat man den Besucher des Bucerius Kunst Forums bisher noch nicht gesehen. Der Titel der aktuellen Ausstellung „Here We Are Today“ verweist denn auch gleich dreifach auf neues Terrain: Er lädt stolz ein in das von Gerkan, Marg und Partner hinter der alten Fassade neu gebaute Haus am Neuen Wall. Er deutet auf eine programmatische Öffnung des bislang eher dem Altehrwürdigen zugeneigten Hauses auch für Gegenwartskunst. Und er benennt das Thema, das die Arbeiten der 18 ausgestellten Künstler skizzieren: den heutigen Zustand unserer Welt.

So sitzt man also mit Kopfhörern auf Sandsäcken und lauscht dem Videovortrag von Hito Steyerl, die – nicht erst seit ihrer diesjährigen Ausstellung im New Yorker Park Avenue Armory – weltweit zu den inhaltlich entschiedensten und zugleich ästhetisch überzeugendsten Künstlern zählt. Ihre Lecture Performance mischt Fakten mit absurden Scheinargumenten, wichtigtuerischen Enthüllungsgestus mit schelmischen Blicken.

 

Kunst und Krieg

 

So gelingt ihr das Kunststück, eine Fake-Argumentation von nahezu Trump’scher Perfidie abzuliefern und doch ihren Gegenstand – den Zusammenhang von Kunst und Krieg, von Museumssponsoring und Rüstungsindustrie – ernsthaft zu beleuchten und über die Augen, die Ohren und die barrikadenartige Sitzfläche in den Betrachter einsickern zu lassen.

Ein paar Meter weiter in dem luftig mit Arbeiten bestückten Ausstellungsraum trifft man auf die S/W-Porträtfotos von Samuel Fosso. Sie zeigen stets ihn selbst – aber im Outfit und der Pose von Malcolm X, Patrice Lumumba, Nelson Mandela oder Angela Davies. Als African Spirits vermitteln sie durch das Verkleidungs- und Verkörperungsspiel hindurch ein würdevolles Bild dessen, was Aimé Césaire als „Négritude“ bezeichnete.

 

bucerius-Erkan_OEzgen_Wonderland_2016

Erkan Özgen: Wonderland (Filmstill), 2016

 

Den stärksten Eindruck aber hinterlässt die Videoarbeit „Wonderland“ des türkischen Künstlers Erkan Özgen. Die Kamera fokussiert einen dreizehnjährigen gehörlosen Jungen, der mit seiner Familie aus dem nordsyrischen Kobanê in die Türkei geflohen ist. Gestisch und mimisch berichtet er von den Taten des Islamischen Staats, von Bomben, Folter und Enthauptungen. Tief verunsichernd sind die Intensität des erlebten Terrors, die Fassungslosigkeit im Blick des Kindes, aber auch die bange Frage, welcher vielleicht unheilbare Schaden in seiner von Gräueln und Granaten perforierten Seele angerichtet wurde.

 

„Sie sieht hin, wo es weh tut“

 

Kathrin Baumstark, der neuen Direktorin des Hauses, ist mit der Auswahl der Projekte von 18 Künstlern eine starke Schau geglückt. Mit den Kapiteln „Verbrechen“ „Heimat“ (dort etwa Eva Leitolfs fotografische Erkundungen rassistisch motivierter Gewalt) oder „Kapital“ (mit Andreas Gurskys Konsumhorror-Collage „Amazon“) wird klug ein Panorama der Bruchstellen gezeichnet, an denen sich unsere Zukunft entscheidet. Dabei ist vor allem realistisch-dokumentarisch agierende Kunst zu sehen.

Selbst dort, wo man vor abstrakten monochromen Bildtafeln zu stehen meint, schaut man in Wirklichkeit auf Abbilder des Schreckens: Johanna Diehl hat die farbigen Einbände der Tagebücher aufgenommen, in denen ihre Großmutter die Verdrängungsleistung erbrachte, alle historischen oder familiären Katastrophen auszublenden, die sich zwischen 1936 und 2009 ereigneten.

Ausblenden – genau das macht die Ausstellung nicht. Sie sieht hin, wo es weh tut. Und beglückt damit. Denn sie sieht die Welt durch die Augen und die widerständige Anverwandlungskraft der Künstler. Nicht resignierend, sondern als Form handelnden Einspruchs.

Bucerius Kunst Forum: Here We Are Today. Das Bild der Welt in Foto- & Videokunst, 7.6.-29.9.19, Alter Wall 12 (Altstadt)


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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