Beiträge

„Zu hundert Prozent ausgeschlossen“

Der FC Teutonia 05 möchte Untermieter im neuen Stadion seines Nachbarn Altona 93 werden. Die Absage ist deutlich und zeigt einen tiefen Konflikt

Text: Mirko Schneider

Ein Sonntagnachmittag an der Griegstraße. Im altehrwürdigen, etwas modrigen Stadion an der Adolf-Jäger-Kampfbahn kämpft in wenigen Minuten Regionalligist Altona 93 gegen den Lüneburger SK Hansa um Punkte für den Klassenerhalt. 1000 Fans warten auf der langen Gegengerade, der gegenüberliegenden Haupttribüne, der „Meckerecke“ links daneben und dem „Zeckenhügel“ hinter dem Tor auf der Westseite auf den Anpfiff. Jeder Ball, der beim Aufwärmen von den Spielern versehentlich auf den „Zeckenhügel“ geschossen wird, löst bei den Hunden einiger Altonaer Anhänger große Freude aus. Der Einlauf der Mannschaften sagt schließlich mehr als tausend Worte. Wie üblich spielt die Stadionregie die berühmte Melodie aus „Star Wars: A new hope“. So sieht sich Altona 93 selbst. Die Jedi-Ritter treten gegen das Imperium an. Nur eben auf dem Fußballfeld.

„Altona 93 ist für mich ursprünglicher Fußball. Ich kann mit den Spielern schnacken und den Rasen anfassen. Der Besuch eines Spiels fühlt sich an wie ein großer, entspannter Nachbarschaftstreff. Und das auf einem sportlichen Niveau in der 4. Liga, welches wirklich Spaß macht“, sagt Ragnar Törber. Der heute 47 Jahre alte selbstständige Architekt und stellvertretende Vorsitzende von Altona 93 wurde in den 80er-Jahren als Fan des FC St. Pauli sozialisiert. Damals verfolgte er die Partien der Kiezkicker von den Bäumen der Nordkurve aus. Mit Altonas nur 800 Meter Luftlinie entferntem Nachbarverein, dem Staffelrivalen FC Teutonia 05, kann Törber wenig anfangen. „Was der FC Teutonia 05 macht, ist für uns nicht wichtig. Wenn Teutonia mit viel Geld in die 3. Liga will, ist das deren Sache. Unsere Planungen bleiben davon unberührt“, sagt Törber.

Für viele der Inbegriff von Fußballkultur: Altona 93 und die Adolf-Jäger-Kampfbahn (Foto: Erik Brandt-Höge)

Die geeignete Fläche ist längst gefunden

Diese Planungen betreffen das neue Stadion von Altona 93 am Diebsteich. 2007 verkaufte Altona 93 nämlich die Adolf-Jäger-Kampfbahn für 11,25 Millionen Euro an Behrendt Wohnungsbau und den Altonaer Spar- und Bauverein für den dringend benötigten Bau 300 neuer Wohnungen. Der Deal mit der Stadt Hamburg versprach Altona dafür eine andere Fläche, auf der der Amateurfußballkultclub eine neue Heimat finden sollte. Den Verkaufspreis sollte Altona dort zweckgebunden für die Errichtung eines neuen Stadions einsetzen.

„Ohne neues Stadion können wir als Club nicht weiterexistieren“

Ragnar Törber, stellvertretender Vorsitzender von Altona 93

Erst wenn das neue Stadion steht, muss Altona seine Adolf-Jäger-Kampfbahn verlassen. Allerdings spätestens bis zum 31. Dezember 2026. Die geeignete Fläche ist längst gefunden, seit fünf Jahren laufen die konkreten Planungen für einen Umzug von Altona 93 in ein neu zu errichtendes Stadion am Diebsteich mit einer Zuschauerkapazität von 5000 Fans. Törber hat die Stadionfrage gemeinsam mit der Stadt Hamburg, dem Sportamt und der Bezirksversammlung Altona in vielen Gesprächen weit vorangetrieben. 2023 sollen die Bauverträge unterzeichnet werden, wobei zuvor 75 Prozent der Mitglieder von Altona 93 zustimmen müssen. Ende 2026 soll dann der Umzug erfolgen.

Teutonia möchte auch gerne am Diebsteich spielen

An dieser Stelle kommt Altonas Nachbar ins Spiel, der FC Teutonia 05. Die Teutonen, die in der Saison 2016/17 noch in der sechstklassigen Landesliga spielten, haben einen rasanten sportlichen Aufstieg hingelegt. Teutonia darf auf einige potente Geldgeber zählen und möchte hinter dem HSV und dem FC St. Pauli dritter Proficlub in Hamburg werden. Das nächste Ziel ist der Aufstieg in die 3. Liga. Nur ist kein passendes Stadion in Sicht. Da die Stadt Hamburg für Teutonia bislang keine geeignete Fläche anbot, möchte Teutonia gerne ebenfalls am Diebsteich spielen und in die bestehenden Stadionplanungen mit einsteigen. Liborio Mazzagatti (48), stellvertretender Vorsitzender Teutonias, betonte bereits, gerne mit Altona über das Thema sprechen zu wollen.

Törber wiederum verwundert das. „Teutonia ist mit seinem Wunsch, bei uns zu spielen, an die Medien gegangen, ohne auch nur einmal vorher mit uns zu sprechen. Das fühlt sich unsportlich an“, sagt Törber. Gegen ein Treffen und ein freundliches Gespräch mit Mazzagatti habe er nichts einzuwenden. Ändern werde sich an der Haltung Altonas aber nichts. „Wir brauchen uns nicht zu einigen. Für uns ist es zu hundert Prozent ausgeschlossen, gemeinsam mit Teutonia in unserem neuen Stadion zu spielen. Denn das wird unsere neue Heimat und wir werden alle Spielzeiten für unsere Teams brauchen“, sagt Törber. In so lange bestehende Planungen noch einmal einzugreifen sei unmöglich. Zumal Teutonia sich ein Stadion für 10.000 Fans wünscht.

Schneller Erfolg mit vermögenden Investoren – das ist nicht Altona 93

altona93-live_c_ebh-3-klein
Altona 93 spielt aktuell in der Regionalliga Nord gegen den Abstieg (Foto: Erik Brandt-Höge)

Was unter anderem durch Banner in Altonas Stadion offensichtlich ist: Der FC Teutonia 05 steht für einen Fußball, der von den Fans von Altona 93 zutiefst abgelehnt wird. Schnellen Erfolg mit vermögenden Investoren – Teutonia plant in Liga drei mit einem Etat von bis zu 15,3 Millionen Euro – will in Altona niemand, weil das dem ursprünglichen Fußball widerspricht. Dem, was Altonas Fans als „echt“ empfinden. Fußball gilt beim Altonaer Fußballclub von 1893 als kulturelles Gut, welches es zu verteidigen gilt gegen die „Höher, schneller, weiter“-Mentalität des einst kleinen Nachbarn Teutonia, der Altona mittlerweile in der Tabelle sportlich überflügelt hat. Würde Törber den Mitgliedern einen Vertrag über das neue Stadion am Diebsteich vorlegen, der Teutonia die Möglichkeit eines Einstiegs ließe, würde er niemals 75 Prozent Zustimmung bekommen.

„Altona 93 ist für mich ursprünglicher Fußball“

Ragnar Törber, stellvertretender Vorsitzender von Altona 93

Dennoch steigt der Druck in der öffentlichen Debatte. Christian Okun, der Präsident des Hamburger Fußball-Verbandes, hat sich eindeutig pro Teutonia positioniert. Er sieht die Notwendigkeit eines Stadions mittlerer Größe für die Sportstadt Hamburg. Bei der Öffentlichen Planungsdiskussion im Rathaus Altona traten Redner auf, die sich ebenfalls für Teutonia positionierten. Sogar aus der Amateurabteilung des FC St. Pauli. „Ich spreche mit St. Pauli seit vielen Jahren und dort findet man unsere Pläne gut. Das wirkte auf mich inszeniert und hatte etwas von RTL 2“, sagt Törber. Mit den Altonaer Politikern, die sich auf Teutonias Seite schlugen, möchte Törber nun wieder ins Gespräch kommen. Genauso wie mit Verbandspräsident Okun, dessen Vorgehen Törber zutiefst irritiert hat. „Zwei unserer ehemaligen Schatzmeister arbeiten beim Verband. Unsere Pläne sind seit Jahren bekannt. Ich verstehe daher den plötzlichen Vorstoß von Herrn Okun nicht.“

Ohne das „Ja“ von Altona 93 ist es ein „Nein“ für Teutonia

Entscheidend wird nun sein, ob die Stadt Hamburg ihr Wort gegenüber Altona 93 hält. Das alleinige Nutzungsrecht für das neue Stadion ließ sich der Verein längst zusagen. Ohne Altonas „Ja“ kann Teutonia nicht dabei sein. Was aber passiert, wenn der Stadt Hamburg die Vision eines dritten Proficlubs in der Stadt so gut gefällt, dass sie ihre Meinung ändert? Törber ist da glasklar. „Das wird keinesfalls passieren, weil die politisch Verantwortlichen in Hamburg vernünftige Leute sind. Aber wenn es passieren würde, dann wären wir als Altona 93 aus dem Projekt sofort raus. Dann allerdings müsste die Stadt öffentlich zu ihrer Verantwortung stehen, uns als Traditionsclub über die Klippe springen zu lassen. Denn ohne neues Stadion können wir als Club nicht weiterexistieren.“


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Ohnsorg Theater: Die Not muss bedient werden

Der Titel der Premiere ist von einer TV-Sendung inspiriert: „Bares is nix Rares“. Im neuen Stück am Ohnsorg Theater geht es also um Geld – illegal beschafftes, natürlich. Den fantasievollen Betrüger spielt Erkki Hopf

Interview: Dagmar Ellen Fischer

SZENE HAMBURG: Erkki, du spielst Erik, der seinen Job verloren hat, das aber vor seiner Frau verheimlichen will. Deshalb muss er auf andere Weise Geld beschaffen, und ist dabei ungewöhnlich kreativ.

Erkki Hopf: Dieser arbeitslose Erik versucht zunächst, einen Job zu bekommen, aber irgendwann wird die Not zu groß. Dann merkt er, wie einfach es ist, an Gelder zu kommen, zum Beispiel an das Arbeitslosengeld seines Untermieters, der nicht mehr bei ihm wohnt. Also erfindet er weitere Untermieter, deren Zuwendungen er einstreichen kann.

Er ist eigentlich kein Gauner, aber die Ämter scheinen das Geld gern zu geben, und das ermutigt ihn zu weiteren Missbräuchen. Das geht natürlich nur eine Weile gut, und dann? Steht eines Tages ein Beamter vor der Tür, der überprüfen will, wer denn tatsächlich dort wohnt. Und auf den ersten Prüfer folgende weitere, und jedem spielen die Anwesenden eine neue Version von Großfamilie oder Wohngemeinschaft vor.

Das Problem ist, dass sich niemand merken kann, welche Rolle er für welchen Besucher spielte. Eriks Onkel hat zudem eine weitere Einnahmequelle aufgetan: Er stiehlt im Krankenhaus, wo er als Raumpfleger arbeitet, BlankoFormulare, mit denen man diverse Hilfsmittel beantragen kann. Und so sammeln sich Still-BHs, Umstandskleider, Leistenbruchslips und ähnliche Dinge, die später auf Flohmärkten verkauft werden sollen. Doch bevor es dazu kommt, entdeckt Eriks Frau diese absurde Sammlung und hält ihren Gatten für einen Fetischisten.

Die Farbe der Rolle

Das klingt nach einer Rolle, die wie für dich gemacht scheint …

Ja, Männer in Nöten, mit denen werde ich gern besetzt. Erik ist mit den Nerven am Ende, sein Lügengebäude stürzt ein. Das ist eine sehr dankbare Rolle, aber auch ganz schön anstrengend. Wenn man da nicht voll einsteigt und die Not bedient, ist das nur halb so komisch, man muss hundert Prozent geben in solchen Rollen.

Wie gehst du an eine solche Figur heran?

Zuerst finde ich heraus: Welche Farbe hat Erik? Ich fasse in meine Kiste mit Buntstiften, PolychromosStifte – mit solchen hat auch Horst Janssen gezeichnet – und greife intuitiv eine Farbe heraus. Es ist ein bisschen wie das Orakel der Krake.

Welche Farbe hat Erik?

Das habe ich noch nicht entschieden. Aber ich kann es jetzt gleich tun. (kurze Pause, raschelndes Geräusch) Es ist ein dunkler TürkisTon, kobaltgrün steht auf dem Stift. Damit markiere ich alle meine Textstellen. Danach suche ich eine zweite, etwas blassere Farbe für alle meine Stichworte, die muss ich ja mitlernen, und dann geht es los.

Volkstheater macht glücklich

Hast du beim Textlernen schon Ideen zum Sprechtempo deiner Figur, zum Gang?

Solche Dinge schreibe ich vorab auf einen Zettel. Im Fall von Erik schaue ich gerade, inwieweit er am Anfang noch cool ist mit diesen illegalen Aktionen, bevor alles auf ihn einstürmt und er am Rad dreht. Ich überlege mir ein inneres Tempo und auch einen typischen Gang. Gerade bei diesen Kloppern muss alles authentisch sein.

Du bist seit 28 Jahren am Ohnsorg-Theater, was macht dieses Haus so attraktiv?

Ich merke, wie sehr man ein Publikum beglücken kann: Es ist Volkstheater, man ist einfach nah dran, und da kommt was zurück!

„Bares nix Rares“, ab dem 27. Februar 2022 (Premiere) am Ohnsorg-Theater


Die März-Ausgabe der SZENE HAMBURG erscheint am 26. Februar 2022.

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Kommentar: BAföG immer noch zeitgemäß?

Am 1. September 1971 trat das Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) in Kraft. Wie zeitgemäß ist es heute noch?

Kommentar: Felix Willeke

 

Kennt noch jemand das Honnefer Modell? Es war von 1957 bis 1971 der Vorläufer des Studierenden-BAföGs. Es diente auch zur Unterstützung von Studierenden, aber nicht als Darlehen wie heute, sondern als Vollstipendium für die besten Studierenden. Wurden damals nur etwa 15 Prozent der Studierenden gefördert, sind es heute in der Regel über 20 Prozent. Auch ein Grund, warum unter anderem die SPD 1971 auf die Verabschiedung des BAföGs drängte. Wer heute die strengen Voraussetzungen erfüllt, sich durch die Formulare kämpft, wird gefördert und muss später „nur“ bis zu 50 Prozent des Darlehens zurückzahlen. Die Leistungen werden familienabhängig gewährt. Das heißt, wer aus einem Elternhaus mit zwei erwerbstätigen Eltern stammt, hat nur selten Anspruch auf Förderung, egal wie gut es der Familie finanziell geht und welche Beziehungen die Person zu den eigenen Eltern hat. Ist das Modell damit heute noch zeitgemäß?

 

Die Gesellschaft hat sich verändert

 

Die Förderung sorgt zwar für Diversität an den Universitäten und bereichert diese zugleich. Aber mit fortschreitender Liberalisierung der Gesellschaft werden auch die Familienbilder, Berufs- und Bildungsbiografien immer diverser. Es gibt neue Familienmodelle, Eltern haben zum Teil kein oder kein gutes Verhältnis zu ihren Kindern oder wollen beziehungsweise können diese nicht finanziell unterstützen. Dazu gibt es viele junge Menschen, die sich nach Studienbeginn im Laufe des ersten Studiums – wie ich selbst – zu einem Studiengangwechsel entscheiden. Hier muss sich das Modell BAföG anpassen. Hinzu kommt, dass sich durch das Bachelor-/Master-System die Studienzeit im Vergleich zu Zeiten des Diploms und des Magisters verkürzt hat und immer weniger Zeit bleibt – wenn man in Regelstudienzeit fertig werden möchte – sich neben der Uni noch um einen Job zu kümmern oder sich anderweitig zu engagieren. Deswegen ist die familienabhängige Förderung des BAföGs nicht mehr zeitgemäß.

 

Auch in der Politik ein Thema

 

Die Diskussion um das BAföG ist längst auch in der Politik angekommen. So gab es beim Wahl-O-Mat zur Bundestagswahl 2021 die Frage, ob Studierende BAföG unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern erhalten sollten. Die CDU/CSU, SPD und AfD lehnten dies ab, GRÜNE, LINKE und die FDP sprachen sich dafür aus. Während die FDP ein BaukastenBAföG mit einem Maximalbetrag von 400 Euro vorsah, sprach sich die LINKE für ein nicht-rückzahlungspflichtiges Fördergeld aus. Die GRÜNEN wollten das BAföG in Grundsicherung für Studierende umwandeln. Diese sollte aus einem Garantiebetrag und einem Bedarfszuschuss bestehen – konkrete Zahlen wurden nicht genannt. Während beim Vorschlag der FDP die Förderung für Studierende gekürzt und im Lichte des Bachelor-/Master-Systems noch weiter eingeschränkt werden würde, liegt die Wahrheit wahrscheinlich zwischen dem Vorschlag der LINKEN und dem der GRÜNEN.

 

Der Tod der Debattenkultur?

 

Diese politische Diskussion findet derweil in einem Land statt, das mit seiner Bildungsgerechtigkeit hinter vielen Industrieländern zurückliegt und in dem es für Nicht-Akademikerkinder schwer genug ist, das Abitur zu schaffen. Deswegen ist es bei einem auf Effizienz und Planbarkeit getrimmten Studium keine Lösung, den Studierenden beim BAföG noch zusätzlich Steine in den Weg zu legen. Das Modell BAföG muss an die heutige Realität angepasst und vielleicht auch entgegen dem Trend solidarischer für alle werden. Denn wenn dem nicht so ist, wird die Universität langfristig immer mehr zu einem Ort der Bildungseliten und die Diversität geht verloren – ein Todesurteil für jede Debattenkultur.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Studierende in Zeiten von Corona: Konkurssemester

Cafés und Geschäfte zu, Veranstaltungen abgesagt, Kultur eingestampft: Die Corona-Krise hat auch Hamburgs Studierende hart getroffen, weil ihnen die Nebenjobs weggebrochen sind. Vielleicht gehen sie trotzdem als Gewinner aus der Krise

Text: Max Nölke

 

Zu viel Monat am Ende des Geldes: Wer studiert, kennt das Dilemma womöglich. Ausgereizter Dispo, von Nudeln mit Ketchup ernähren und durch einen minimalistischen Lebensstil die letzten Münzen wahren – um sich dann irgendwie über den Ersten des nächsten Monats zu robben. In der Rückschau auf die eigene Studienzeit lassen sich diese prekären Verhältnisse wunderbar verklären, gegenwärtig sind sie mitunter vertrackt, in einer Pandemie sogar äußerst brenzlig.

Viele Studierende befinden sich momentan in solch finanziellen Nöten. Und das ist ausnahmsweise mal nicht ihrer oft monierten Lethargie zuzuschreiben, sondern weil jungen Menschen im Lockdown reihenweise die Möglichkeiten weggebrochen sind, neben dem Studium Geld zu verdienen.

 

Von Verlierern und Verlierern

 

Lange schlichen die Studierenden ein wenig unter dem Radar durch die Corona-Krise. Es ist noch immer viel über die Kinder als Verlierer der Pandemie zu lesen. Weil ihnen entscheidende Monate in der Entwicklung genommen würden, weil sie die Bildungslücken mit dem wegfallenden Präsenzunterricht nicht wieder auffüllen könnten. Und weil Kinder in der Politik ja sowieso ständig zu kurz kämen.

Und wenn die Kinder es schon schwer haben, wie ist es dann erst um Erwachsene bestellt, die sich ihrer Existenz bedroht fühlen, die um ihre Jobs bangen müssen. Und die im Zweifelsfall auch noch das Familienleben samt Homeschooling meistern müssen. Und mit all den Unternehmen, die wegsterben, wollen wir erst gar nicht anfangen. Schlimm und Schlimmer. Und die Studierenden? Um die ist es erstaunlich lange still geblieben. Gut, Online-Vorlesungen und ewiger Mailverkehr sind nervig, aber ja wohl nicht existenzbedrohend, so hieß es. Doch der Ton ist mittlerweile ein anderer. Studierende gehören gleichermaßen zu den großen Verlierern der Krise.

 

Vor allem Studierendenjobs und Praktika brachen weg

 

Mal abgesehen vom emotionalen Wert, den ein Studium in seiner Ursprungsform mit sich bringen kann, sind es auf dem Arbeitsmarkt vor allem Studierendenjobs und Praktika, die im Lockdown weggefallen sind. Laut einer Analyse des Indeed Hiring Lab aus dem vergangenen Herbst sank die Anzahl an Stellenausschreibungen für Studierendenjobs auf dem Berufsportal „Indeed“ im September 2020 um 51 Prozent zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr. Inserate für Praktika brachen zeitweise um 45 Prozent ein. Der Gesamtarbeitsmarkt ist weniger stark betroffen: Hier lag der Rückgang der Stellenausschreibungen im September bei 21 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Dabei ist Hamburg im Deutschlandvergleich, zusammen mit Frankfurt, am stärksten betroffen. Über das Jobportal gab es in Hamburg im Vorjahresvergleich 56 Prozent weniger Stellenausschreibungen für Studierendenjobs (Frankfurt: 57 Prozent). „Auf Studierende wird in Krisenzeiten als erstes verzichtet, um zunächst die Stammbelegschaft sichern zu können“, sagt Annina Hering, Ökonomin im Indeed Hiring Lab, zu den Ergebnissen der Studie.

„Gerade die klassischen Studierendenjobs in der Gastronomie oder in der Kultur und Hotellerie sind weggefallen“, erklärt Daniela Janßen, Leiterin des Hochschul-Jobportals „stellenwerk“, das 2007 als Gemeinschaftsprojekt der Universität Hamburg, der HAW Hamburg und der Technischen Universität Hamburg gestartet ist.

Vor allem im ersten Lockdown Mitte März sei der Markt stark eingebrochen, mittlerweile habe sich vieles stabilisiert. Auch weil sich neue Jobmöglichkeiten aufgetan hätten. „Im Bereich der IT werden vermehrt studentische Hilfskräfte gesucht, Architekturbüros brauchen Personal, außerdem Einzelhändler, die verstärkt Online-Shops aufgebaut haben.“ Lieferdienste und Logistikunternehmen suchen händeringend Minijobber. Und auch private Nebenjobs, wie Nachhilfe, seien gefragt wie nie.

 

„Ich hatte nur noch sieben Euro auf dem Konto“

 

Mehr als 100.000 Menschen studieren in Hamburg. Einer von ihnen ist Jonas, 27 Jahre alt. Er steckt in den Endzügen seines Masters in Digitaler Kommunikation. Weil auch die Skatehalle I-Punkt Skateland am Berliner Tor im November ein zweites Mal in den Lockdown musste, hat er seinen Nebenjob verloren.

Jonas hat auf 450-Euro-Basis einmal die Woche in der Halle gearbeitet. Mit zusätzlich 400 Euro vom Bafög-Amt kam er damit immer ganz gut über die Runden, erzählt er. 450 Euro haben oder nichthaben: Die Abwägung stellte sich Jonas nie. Er ist auf den Nebenverdienst angewiesen. „Und plötzlich hatte ich am Anfang des Monats nur noch sieben Euro auf dem Konto“, sagt er. „Für die Miete musste ich meine Mutter anpumpen.“ Eine Rückendeckung, auf die nicht jeder zählen kann. Und die gemeinhin auch nicht unerschöpflich ist.

 

portrait-jonas-credits-leon-ziock

Jonas studiert Digitale Kommunikation im Master (Foto: Leon Ziock)

 

Für ihn kam die Rettung mit der staatlichen Überbrückungshilfe. Weil Jonas an einer staatlich anerkannten Hochschule immatrikuliert ist, kann er Hilfsgelder vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) beantragen. Das sind monatlich zwischen 100 und 500 Euro. Je weniger auf seinem Konto ist, desto mehr darf er beantragen. Kann Jonas nachweisen, dass er weniger als 500 Euro zur Verfügung hat, darf er 100 Euro an Zuschuss beziehen, steht sein Kontostand bei unter 100 Euro, darf er mit 500 Euro rechnen. Und das, auch wenn bereits Darlehen, Stipendien oder sonstige Unterstützung bezogen werden. Zurückzahlen muss der Student die Überbrückungshilfe nicht.

 

„Es läuft echt unkompliziert und gut“

 

Mittlerweile beansprucht Jonas seit fünf Monaten die Hilfsgelder des Staates und hat sich den ein oder anderen Kniff überlegt, um den Höchstsatz zu beziehen. „Im März musste ich zum Beispiel Semestergebühren bezahlen, das sind 330 Euro, ganz schön happig für Studis“, erzählt er. „Da habe ich die Überbrückungshilfe erst beantragt, nachdem das Geld vom Konto gezogen wurde.“ Denn somit lag er unter der 100-Euro-Grenze und bekam den Höchstsatz ausgezahlt.

Dabei spielt es keine Rolle, ob ein Studierender das Geld Anfang, Mitte oder Ende des Monats beantragt. „Es dauert drei, vier Tage, dann kommt die Bestätigung, wenn deinem Antrag stattgegeben wurde und am nächsten Tag ist das Geld da. Das läuft schon echt unkompliziert und gut.“ Eine ähnliche Hilfe leistet die Förderbank KfW. Dort können sich Studierende Geld leihen. Der Studienkredit von bis zu 650 Euro muss zurückgezahlt werden, bis Dezember 2021 entfallen dafür allerdings keine Zinsen.

Mit der Überbrückungshilfe und dem Bafög-Geld schafft Jonas es mittlerweile sein ein paar Monaten über die Runden. Einzig größere Geldbeträge, die nicht in raten zahlbar sind, bereiten ihm Probleme. Daher hätte er sich zusätzlich zum Hilfsgeld eine Art Bonus für die Studiengebühren gewünscht.

 

Bars, Restaurant und Cafés geschlossen

 

Auch Anna verlor mit dem Lockdown ihren Nebenjob. Die 24-Jährige studiert im Bachelor Ökotrophologie und hat bis letztes Jahr auf 450-Euro-basis im „Café LilliSu“ in Altona gekellnert. Den ersten Lockdown im März letztes Jahr haste sie noch durchgestanden, gewartet bis das „LilleSu“ wieder öffnet. Mit Rücklagen und Unterstützung der Eltern hiße die oberste Prämisse: Haushalten. „Bio-Produkte im Supermarkt waren nicht drin. Dafür fehlte mir das Geld.“

Im Sommer 2020, als sich nicht nur Hamburg vermeintlich über dem Berg sah, gab es unter Auflagen wieder eine Art Normalbetrieb im „Café LilleSu“. Anna fing wieder an zu kellnern und konnte sich finanziell etwas Luft verschaffen.

Mit Beginn des zweiten Lockdowns im November ging die Unsicherheit wieder los: „Ich bin auf die Nebeneinnahmen angewiesen, daher habe ich gekündigt und mich anderweitig umgeschaut.“ Für sie persönlich war das ein kleiner Glücksgriff: Sie heuerte in einem Unternehmen an, das online Rezepte entwickelt und Ernährungsratgeber schreibt. Dort bekam sie anfangs sogar einen Coworking Space bezahlt, von wo aus sie arbeiten konnte, mittlerweile ist sie wieder an den hauseigenen Schreibtisch gewechselt und arbeitet von dort aus.

Für die Ökotrophologie-Studentin hat sich durch den Lockdown insoweit ein neues Fenster eröffnet: „ich bin froh, dass ich meinen jetzigen Nebenjob mit dem Wissen aus dem Studium verknüpfen kann.“ Auf Kellnern, sagt sie, habe sie sowieso keine Lust mehr gehabt.

 

Gehen Studierende als als Gewinner aus der Krise?

 

Daniele Janßen vom „Stellenwert“ glaubt, das Arbeitsleben werde sich nach Corona grundlegend verändert haben. „Der markt“ wird flexibler, viele Unternehmen werden auf remote setzen, Arbeit, die im Homeoffice funktioniert.“ Davon könnten Studierende profitieren. „Sie sind mit digitalen Medien aufgewachsen, haben meist eine offene Einstellung gegenüber neuen Themen und Arbeitsfeldern, was Ihnen hilft, mit Veränderungen umzugehen“, glaubt sie. Ist Corona überwunden, werden viele Unternehmen mit Vorsicht reagieren, sich flexibel absichern. Dann könnten Studierende als günstige Lösung gesehen werden und Positionen besetzen, die Firmen noch nicht als volle Stelle ausschreiben möchten. Viellicht gehen Studierende so als große Gewinner aus der Krise.


 SZENE HAMBURG UNI-EXTRA, April 2021. Das Magazin ist als Heft in unserem Stadtmagazin seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Volleyball: Das Wunder von Eimsbüttel

Die ETV-Damen sind das beste Team der Stadt – und sie wollen sich ohne viel Geld im Profibereich etablieren

Text: Mirko Schneider

 

Ein Sonntagnachmittag in der Sporthalle Hoheluft. Eine stimmungsvolle Musikauswahl mit unüberhörbarem 90er-Jahre-Touch dröhnt aus den Boxen. In 30 Minuten beginnt die Volleyball-Partie der Damen des Eimsbütteler TV gegen den VC Allbau Essen in der Zweiten Bundesliga. Und was machen die ETV-Damen beim Aufwärmen? Bauen „I want it that way“ von den Backstreet Boys in ihre Übungen ein. Als der Hallensprecher die Spielerinnen beider Teams einzeln vorstellt, stürmt Libera Ines Laube mit einem kleinen Krönchen auf dem Kopf auf die Platte. Sie feiert heute ihren 31. Geburtstag.

„Mein Team besteht aus vielen fröhlichen, spontanen und aufgeschlossenen Damen, die viel Spaß miteinander haben“, hat Trainer Ulrich Kahl, 58, im Vorgespräch gesagt. Das ist in jeder Sekunde zu spüren. Was er auch gesagt hat: „Unser Teamspirit ist riesig und alle haben große Lust darauf, Leistung zu bringen und gemeinsam guten Volleyball miteinander zu spielen.“ Das wiederum beweisen die ETV-Damen ab dem ersten Ball. Sie machen es dem Tabellendritten so schwer wie möglich und unterliegen erst nach tapferem Kampf in vier Sätzen.

Dennoch ist der Klassenerhalt so gut wie gesichert. Und das ist eine erneute Überraschung, nachdem der erstmalige Aufstieg in den Leistungsbereich der Zweiten Liga einem Wunder gleich kam.

 

„Wollen wir aufsteigen oder nicht?“

Ulrich Kahl

 

Denn zum einen ließ der Absturz des VT Aurubis (mittlerweile Volleyball-Team Hamburg; Anm. d. Red.) von der Bundesliga in die Dritte Liga große Zweifel aufkommen, ob Damen-Volleyball sich in Hamburg als Profisportart überhaupt dauerhaft etablieren lässt. Zum anderen schreibt sich mit dem ETV nun ein typischer Breitensportverein dieses Ziel auf die Fahnen.

Der dafür entscheidende sportliche Moment spielte sich Anfang 2020 bei einer Mannschaftssitzung ab. Kahl, seit 19 Jahren Coach der Volleyball-Damen beim ETV, stellte seine Spielerinnen vor die Wahl. „Wir waren Tabellenführer der Dritten Liga und hatten gerade unser erstes Spiel verloren. Gegen den Zweiten. Das ärgerte uns mächtig. Da habe ich meinen Spielerinnen gesagt: ‚Jetzt Butter bei die Fische! Wollen wir aufsteigen oder nicht?‘“ Einstimmig wurde der Beschluss gefasst: Wir wollen hoch.

Ab diesem Zeitpunkt rauschten die ETV-Volleyball-Damen durch die Dritte Liga. Sie gaben in der Rückrunde keinen Satz mehr ab. Nur war da ja noch der zu stemmende Etat. 10.000 Euro betrug er in der Dritten Liga, 50.000 Euro waren für die Zweite Liga nötig. Wohlgemerkt ohne Zahlungen an die Spielerinnen wie in anderen Clubs mit wesentlich höherem Budget. „Das ist leider einfach nicht drin. Damit sind wir sicher eine Ausnahme in der Zweiten Liga“, sagt Kahl. Trotzdem konnte sogar Außenangreiferin Saskia Radzuweit, 30, Ex-Bundesliga- und Ex-Nationalspielerin, von einem Comeback überzeugt werden, nachdem sie ihre Karriere 2018 schon beendet hatte. „Was der ETV hier gerade aufbaut, sehe ich genauso positiv wie das Team selbst. Dass kein Geld gezahlt wird, hat mich nicht gestört“, sagt Radzuweit.

 

„Träumen ist erlaubt“

Ulrich Kahl

 

Ebenso erfolgreich verlief die intensive Sponsorensuche. Mit der Top-motive-Gruppe als Hauptsponsor und der Pizzakette Smiley’s wurden schließlich namhafte Unternehmen von einem Engagement überzeugt. So konnte das Abenteuer Zweite Bundesliga starten. Dreimal die Woche Balltraining in der Halle, dazu ein- bis zweimal Krafttraining in Eigenregie. 14 Damen im Kader, die meisten Anfang 20 und Studentinnen. Der ETV ging nicht gerade als Favorit in die Saison. Doch das eingeschworene Team fand seinen Platz im unteren Mittelfeld der Zweitligatabelle mit Puffer auf die Abstiegsränge.

Nun stellt sich die Frage: Ist sogar noch mehr drin? „Eine Sportstadt wie Hamburg muss natürlich das Ziel haben, auch im Damen-Volleyball in der Ersten Bundesliga vertreten zu sein“, sagt Kahl. „Doch unter 250.00 Euro Etat würde da gar nichts gehen. Und das wäre das absolute Minimum. Wenn wir irgendwann die Chance haben, wirtschaftlich verantwortbar aufzusteigen, werden wir uns nicht wehren. Bis dahin müsste allerdings unglaublich viel passieren. Träumen ist aber erlaubt.“


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Hinz&Kunzt: Chefredakteurin Annette Bruhns im Interview

Nach 25 Jahren beim „Spiegel“ übernahm Annette Bruhns die Chefredaktion bei „Hinz&Kunzt“. Im Interview spricht sie über ihre Motivation, die Bedeutung des Magazins für die Hamburger Obdachlosen und was beim Hamburger Winternotprogramm schiefläuft

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Annette Bruhns, Sie waren 25 Jahre lang beim „Spiegel“ und sind jetzt seit Anfang des Jahres Chefredakteurin bei „Hinz&Kunzt“. Warum?

Annette Bruhns: Weil das für mich einer der coolsten Jobs ist, den der Journalismus zu vergeben hat. Ich habe hier tolle Gestaltungsfreiheiten: 60 Seiten, die ich Monat um Monat mit Themen füllen kann, mit spannenden, relevanten Texten. Und mit Bildern von hervorragenden Fotografen. Die „Hinz&Kunzt“ bietet alles, was ein gutes Magazin ausmacht.

Was ist der größte Unterschied zum „Spiegel“?

Der „Spiegel“hat natürlich irre hohe Standards, die arbeitsteilig organisiert sind, mit eigenem Archiv, Verifikationsabteilung, Justiziariat, Schlussredaktion. Diese Standards habe ich quasi inhaliert. Da muss sich die Redaktion nun beugen – ein wenig zumindest (lacht). Ich habe aber den Eindruck, dass alle dazu auch Lust haben.

 

Professioneller Journalismus und soziales Projekt

 

Was ist in Ihren Augen das Besondere an „Hinz&Kunzt“?

Die „Hinz&Kunzt“ bietet professionellen Journalismus und ist zugleich ein soziales Projekt. Die obdachlosen Verkäufer und Verkäuferinnen sind quasi freie Unternehmer und haben durch den Verkauf der Straßenzeitung Einnahmen sowie eine Struktur in ihrem Alltag.

Das Besondere ist, dass sie den Mitmenschen gegenüber gleichberechtigt auftreten und etwas anbieten können, statt nur um Almosen zu bitten. Dadurch entsteht ein ganz anderer Umgang.

Was möchten Sie anders machen?

Ich kann mich mit dem Bisherigen gut identifizieren und sehe einen langsamen, behutsamen Wandel vor mir. Eine Sache, die wir ändern werden, ist, dass wir weniger Verkäuferinnen und Verkäufer auf dem Cover zeigen, damit nicht der Eindruck entsteht, dass Obdachlosigkeit unser einziges Thema ist.

Dieses Magazin ist ungeheuer vielseitig. Wir sind und bleiben als Projekt eine Lobby für Arme, aber als Magazin fühlen wir uns ganz klar dem unabhängigen Journalismus verpflichtet.

Wird es keine inhaltliche Neuausrichtung geben?

Ich sehe eine Menge Themen, die wir spielen können, ohne den Markenkern zu vernachlässigen. Ich möchte unbedingt Frauen sichtbarer machen, die zwar nicht obdachlos sind, aber bettelarm. Meiner Meinung nach tut Deutschland nicht genug für Ein-Eltern-Familien.

Es wird auch jede Menge Tipps geben, wie man seine Freizeit ohne viel Knete bestreiten kann, nach dem Motto: „Elbinsel statt Elphi“.

 

Digitale Veränderungen

 

Viele Magazine haben an Auflage und Anzeigen verloren. Wie sieht es bei Hinz&Kunzt aus?

Natürlich merken wir, dass die Leute weniger Print lesen. Ich will deshalb, dass wir so schnell wie möglich den digitalen Erwerb der Zeitschrift ermöglichen. Die Verkäufer könnten das Heft mittels eines QR-Code anbieten und die Zahlung digital abwickeln. Wir hoffen, dass Wirtschaftsminister Altmaier, der ja für die Digitalisierung 200 Millionen Euro zur Verfügung stellt, jetzt mal in die Puschen kommt, sodass die Straßenmagazine gemeinsam einen Antrag stellen können.

Ist „Hinz&Kunzt“ bei den Menschen ausreichend präsent?

Nein, deshalb müssen wir die Informationen verstärkt über unsere Website und Social-Media-Kanäle an die Hamburger und Hamburgerinnen herantragen – und das werden wir auch.

„Hinz&Kunzt“ hat schon immer viel Unterstützung von Profis oder Agenturen pro bono bekommen. Das ist großartig! Ich kann mir auch gut vorstellen, ehemalige Kollegen als Autoren zu gewinnen.

Wie wird man eigentlich Hinz&Künztler?

Die Verkäufer und Verkäuferinnen in spe wenden sich dazu an unsere Sozialarbeiter und werden im Vertrieb geschult. Zu Beginn erhalten sie zehn Zeitungen kostenlos. Mit den Gewinnen können sie weitere Zeitungen für 1,10 Euro erwerben und zum regulären Preis von 2,20 Euro verkaufen. Oft kriegen sie etwas mehr drauf. Sie bilden also eine Art Mini-Kapital, das sie vermehren können, wenn sie mit ihrem Geld und den Magazinen gut umgehen. Das ist klassische Hilfe zur Selbsthilfe.

Wir helfen auch dabei, Wohnungen zu finden und stellen Bürgschaften bereit. Niemand ist freiwillig obdachlos. Diese Menschen brauchen Unterstützung, denn das Leben auf der Straße macht mürbe.

Wie sieht die Schulung der Verkäufer aus?

Wir haben Mitarbeiter im Vertrieb, die selbst als Straßenverkäufer angefangen haben. Die geben Ratschläge und können das gut vermitteln. Dazu gehören ganz banale Dinge wie ein höfliches, unaufdringliches Auftreten.

 

„Die Pandemie hat massive Folgen für uns“

 

Wie hat sich Corona auf „Hinz&Kunzt“ ausgewirkt?

Die Pandemie hat massive Folgen für uns. Im April vergangenen Jahres gab es erstmals in der Geschichte des Magazins kein gedrucktes Heft, weil man die Gesundheit aller schützen wollte. Seither gibt es auch gewisse Berührungsängste. Viele Menschen gehen nicht mehr oft aus dem Haus und zahlen nur noch mit Karte oder Handy. Das macht den Verkauf der Zeitschrift schwierig.

Ist Hamburg eine hilfsbereite Stadt?

In Hamburg gibt es – und das finde ich hocherfreulich – ein Bewusstsein für die Nöte der Obdachlosen. Erst kürzlich hat Ulrich Tukur, der „Tatort“- Schauspieler, bei einem Fernsehquiz die Hälfte seines Gewinns in Höhe von 50.000 Euro an „Hinz&Kunzt“ gespendet. Aber auch die unzähligen kleinen Spenden helfen ungemein. Danke!

In Hamburg ist die Unterbringung der Obdachlosen im Winter in die Schlagzeilen geraten – weil seit Silvester fünf Obdachlose durch die Kälte auf der Straße starben (Stand: 20.1.2020). Tut die Politik genug für Obdachlose?

Die Stadt scheint stets darauf zu warten, dass irgendein Mäzen sich der Sache schon annehmen wird, dabei ist es die ureigenste Aufgabe der Politik, den Bedürftigen zu helfen. Man ist unheimlich stolz darauf, dass man die Markthalle als Wärmestube bereitstellt oder die Sammelunterkünfte öffnet, statt sich zu überlegen, dass es in einer Pandemie gefährlich ist, Menschen zusammenzupferchen.

In den Unterkünften des Winternotprogramms schlafen vier Personen und mehr in einem Raum! Dabei hat
das Robert-Koch-Institut vor Sammelunterkünften explizit gewarnt wegen der Infektionsgefahr. Ich hatte für „Hinz&Kunzt“ mit Prof. Dr. Friedemann Weber, dem Leiter der Virologie an der Uni Gießen, über die Unterbringung der Obdachlosen gesprochen. Der sagte: „Was Hamburg da macht, ist ein Rezept für ein Desaster.“

 

Klima der Angst

 

Was ist die Folge dieser Politik?

Die Obdachlosen schlafen wieder auf der Straße, weil sie Angst haben, sich in den Notunterkünften mit dem Coronavirus anzustecken. Diese Menschen sind ja schon oft krank, ihr Immunsystem ist geschwächt. Sie müssten geschützt werden. Das gebietet die Humanität.

Zudem kann es in den Unterkünften rau zugehen. Aber auch auf der Straße herrscht teilweise ein ungeheures Maß an Gewalt. Es wird geschlagen, getreten, geraubt. Da herrscht ein Klima der Angst.

Wie könnte eine gute Lösung aussehen?

Wir plädieren schon lange für kleinere Unterkünfte, die in der Stadt besser verteilt sind. In der Zwischenzeit ist wie im letzten Lockdown die Zivilgesellschaft aktiv geworden und hat Hotelzimmer für Obdachlose gebucht. Ohne die Großspende der Reemtsma Cigarrettenfabriken in Höhe von 300.000 Euro wäre das nicht möglich.

Solche Spenden sind begrüßenswert und zugleich beschämend, weil es eigentlich die Aufgabe der Stadt wäre, sich um die Obdachlosen zu kümmern. Die Sozialsenatorin Melanie Leonhard und die rot-grüne Mehrheit in der Bürgerschaft haben eine Hotelunterbringung im Dezember aber abgelehnt.

Woran liegt das?

Ich habe manchmal das Gefühl, dass in der Sozialbehörde ein gewisses dogmatisches Denken herrscht, nach dem Motto: Wir machen es denen mal nicht zu bequem, sonst gibt es bald noch mehr Obdachlose …

Drückt sich die Hamburger Politik vor der eigenen Verantwortung?

Der rot-grüne Senat setzt sehr stark auf Freiwilligkeit und Ehrenamt – und das nicht nur bei der Unterbringung im Winternotprogramm, sondern auch bei medizinischen Hilfen. Die Leute, die den Kältebus betreiben oder die medizinischen Praxen für Obdachlose, beklagen schon länger, dass sich die Stadt immer mehr aus ihrer Daseinsvorsorge herauszieht.

 

Verbunden fühlen

 

Gilt für „Hinz&Kunzt“ nun das alte „Spiegel“-Motto: „im Zweifelsfall links“?

Einer unserer Gesellschafter ist die Diakonie. Die würde wohl eher einen Satz erwarten wie: „Im Zweifel mit Gott“ (lacht). Aber im Ernst: Das Thema Armut betrifft letztlich uns alle. Wir alle haben eine soziale Verantwortung, egal, ob wir links oder eher konservativ sind.

Warum sollten die Hamburger „Hinz&Kunzt“ kaufen?

Es ist ein schönes Magazin und zugleich eine großartige Möglichkeit zu helfen. Es geht ja nicht nur um das bloße Kaufen der Zeitschrift: Vielleicht spricht man mit dem Verkäufer oder der Verkäuferin auch mal ein paar Worte. Es hilft ihnen ungemein, sich mit den Mitmenschen verbunden zu fühlen, dazuzugehören. Das sind Menschen, die oft niemanden sonst haben. Wir haben unsere Familie, Freunde, Kollegen. Diese Menschen haben oft keine Familie mehr, keine Heimat, nichts. Sie können jederzeit den Halt verlieren.

hinzundkunzt.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Das epische Format: Florian Weischer über Kinowerbung

Florian Weischer gehört mit seinem Unternehmen Weischer.Cinema zu den Marktführern im Bereich Kinowerbung. Mit SZENE HAMBURG spricht er über die gegenwärtige Situation, die Entwicklung der Kinobranche und wie er in die Welt des Kinos kam

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Herr Weischer, Sie haben Ihrem Unternehmen vor einem Jahr eine neue Corporate Identity verpasst. Was auffiel, war die Welle im neuen Logo. Haben Sie die Infektionswellen vorausgesehen, oder was wollten Sie damit zum Ausdruck bringen?

Florian Weischer: (lacht) Die Welle in unserem Logo ist das Ergebnis eines langen Diskussionsprozesses. Sie steht für Veränderung, Bewegung und die Nähe zum Wasser, da unsere Hamburger Zentrale am Hafen liegt. Wir gucken auf die Elbe und sehen das tägliche Kommen und Gehen des Wassers. Diese permanente Veränderung ist für uns etwas sehr Prägendes. Medienlandschaften verändern sich auch oft gravierend – und das in kurzen Zeitabschnitten. Darauf müssen wir reagieren, aber auch agieren, indem wir die Veränderungen mitgestalten.

Nun gab es 2020 eine ziemlich massive Veränderung, mit der so keiner gerechnet hatte: Welchen Einfluss hat die Pandemie auf Ihr Geschäft?

Wir haben mit unserer Kinosparte in diesem Jahr gut 80 Prozent unseres geplanten Umsatzes eingebüßt.

 

Kino und Lockdown

 

Als der erste Lockdown beschlossen war, haben Sie eine Kampagne namens #hilfdeinemkino ins Leben gerufen. Durch das Anschauen von Kinowerbung im Internet wurde Geld für die Kinos gesammelt. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Das war die Idee unseres Innovationsteams. Die haben sich organisiert, über Videokonferenzen abgestimmt und in wenigen Tagen das Konzept #hilfdeinemkino aus der Taufe gehoben. Die technischen Möglichkeiten dazu hatten wir, die Menschen mit ausreichender Kreativität und Vorstellungsvermögen auch. Da haben wir Gesellschafter am nächsten Morgen gesagt: „Mensch, das ist toll. Macht das!“ Das war wichtig für die Moral – sowohl in unserem Unternehmen als auch bei den Kinobetreibern und -besuchern.

Welche Summe kam zusammen?

Es waren knapp hunderttausend Euro, die wir auf diesem Wege generieren konnten. Wir haben dieses Geld zum größten Teil an die Kinos ausgeschüttet, was bei knapp 4.500 Leinwänden in Deutschland pro Kino kein riesiger Betrag ist. Aber zumindest konnten wir so Aufmerksamkeit für die Filmtheater generieren.

Ihr Unternehmen betreibt unter anderem auch Außen- und Onlinewerbung. Konnten Sie die Verluste in der Kinosparte dadurch etwas ausgleichen?

Es ist dadurch weniger dramatisch gewesen, aber der Einschnitt ist dennoch gewaltig. Es ist bei uns ein zweistelliger Millionenverlust entstanden. Wir überstehen das, aber wir standen durchaus vor der Frage: Glauben wir an die Zukunft des Kinos oder nicht?

Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Wir glauben daran, dass das Kino zurückkommt. Das kann aber ein bisschen dauern. Wir hätten die Freiheit, auch anders darüber zu denken. Tun wir aber nicht.

Sie haben auch einen Trailer mit dem Titel „Dein Kino – Du fehlst“ produzieren lassen, der die Sehnsucht nach dem Kinoerlebnis spürbar macht. Was haben Sie gefühlt, als sie den Clip erstmals sahen?

Ich hatte Gänsehaut. Ich war gerührt von der Emotionalität der filmischen Umsetzung. Die Idee zum Clip kam ebenfalls von unserem Innovationsteam. Der Clip ist mit einem Mikrobudget produziert worden. Es waren höchstens eine Handvoll Tausend Euro. Sky du Mont hat uns seine Stimme kostenlos geliehen. Eine schöne Aktion. Der Trailer wurde später ins Englische übersetzt und kam weltweit in über 20 Ländern zum Einsatz.

 

„Kino braucht das epische Format“

 

Ihr Unternehmen wurde 1954 von Ihrem Vater, Hans Weischer, als Spezialagentur für Kinowerbung gegründet. Die Kinobranche wird seither immer wieder gern totgesagt. Ist Ihnen die Kinosparte nur aufgrund der Unternehmensgeschichte wichtig oder lohnt es sich auch?

Wir haben in den letzten Jahren eine gute Entwicklung gehabt. 2019 war ein super Jahr mit zweistelligen Wachstumsraten bei der Kinowerbung, aber auch zweistelligem Wachstum bei den Kinobesuchen. Das ist vielen gar nicht so klar. Viele denken, das Kino sei allgemein in der Krise. Das ist aber ein völlig falsches Bild.

Viele Besucher schauen sich die Reklame im Kino komplett an. Wie erklären Sie sich das?

Kinowerbung ist wahrscheinlich das letzte Medienformat, bei dem sich Menschen bewusst, freiwillig und zufrieden mit Werbung befassen (lacht). Der Akzeptanzwert für Kinowerbung liegt bei über 80 Prozent. Wir haben uns damals, als die Kinos vor etwa 25 Jahren die Platzreservierung und Buchungssysteme eingeführt hatten, große Sorgen gemacht.

Wir befürchteten, dass die Zuschauer erst nach dem Werbeblock in den Saal gehen würden, da ihr Sitzplatz sicher ist. Das ist aber nicht eingetreten. Die Zuschauer empfinden das Vorprogramm als attraktiv. Werbung wird akzeptiert, wenn es unterhaltsam, spannend, attraktiv und lustig ist.

Nicht wenige empfinden die Werbung im Kino sogar als Teil des Kinoerlebnisses, wie eine Art Vorspiel zum eigentlichen Hauptfilm. Sehen Sie das auch so?

Ja, absolut. Ich bin mit Kinowerbung groß geworden. Ich habe damals als Teenager für das Unternehmen meines Vaters Kontrollbögen ausgefüllt. Ich musste überprüfen, ob alle Werbefilme auch in den Kinos abgespielt wurden. Als Entlohnung erhielt ich Kinotickets. Die Werbung war quasi mein Zugang zum Kino. (lacht)

Stanley Kubrick soll von Nescafé-Werbespots fasziniert gewesen sein. Er fragte sich damals, Sydney Pollack zufolge, wie man eine Geschichte in so kurzer Zeit überhaupt erzählen kann …

Es ist schon eine Kunst, eine Geschichte in ein bis zwei Minuten zu erzählen. Das erfordert, dass sie auch wirklich gut ist. Bei der Kinowerbung kommt hinzu, dass das Format und der Ton auch wirklich genutzt werden müssen. Das Kino kann mit modernen Social-Media-Erzählformen und -Formaten wenig anfangen. Ein Siebensekünder funktioniert in einem Filmtheater einfach nicht. Kino braucht das epische Format.

Sehen Sie das Kino angesichts der Streaming-Konkurrenz in Gefahr?

Es ist nicht so, dass Streaming-Dienste das Kino in irgendeiner Weise ersetzen könnten – und das tun sie auch nicht. Für mich sind die Streaming-Dienste eine andere Form von Fernsehen. Wir haben eine ziemlich stabile Entwicklung bei den Kinobesuchen und schwanken seit etwa zehn Jahren zwischen 110 und 130 Millionen Kinobesuchen im Jahr. Die Kinobesucher sind zwar inzwischen älter als noch vor 20 Jahren, aber das ist für uns nicht schlecht, denn dass die 30-, 40- und 50-Jährigen das Kino wiederentdeckt haben, bedeutet für uns einen größeren Markt.

Viele Filmstudios sind dazu übergegangen, ihre Filme direkt in die Streaming-Portale zu geben. Warner Bros. planen, ihre Filme für 2021 zeitgleich in den Kinos und im eigenen Streaming-Kanal HBO herauszubringen. Wird das nicht die gesamte Kinokultur verändern?

Ich glaube nicht, dass die Filmverleiher sich langfristig vom Kino abwenden. Das mag im Moment so erscheinen, aber das kann ich mir angesichts der Gewinne, die die Filmverleiher und Filmproduzenten sich entgehen ließen, nicht vorstellen. Die Wertschöpfung der Streaming-Dienste ist im Vergleich zu dem der Kinos wesentlich geringer.

 

Sehen, was im Kino funktioniert und was nicht

 

Welches Hamburger Kino besuchen Sie gerne?

Ich mag das Cinemaxx-Dammtor mit seinen 1.000 Plätzen, ich bin sehr gerne in der Astor Lounge in der HafenCity, wenn es mal die Originalsprache sein soll im Savoy, und wenn es um Filmkunst geht im Abaton. Es ist schön, dass Hamburg diese Bandbreite bietet.

Hand aufs Herz: Wenn Sie in ein Kino gehen, schauen Sie sich die komplette Werbung an oder schleichen Sie sich kurz vor Filmbeginn hinein?

(lacht) Ich bin tatsächlich ab dem ersten Bild schon auf dem Platz, weil ich neugierig bin, wie die Menschen auf die Werbung reagieren. Ich finde es wichtig, zu sehen, was im Kino funktioniert und was nicht. Das kriegt man anhand der Reaktionen ganz gut mit.

Gibt es einen Kino-Werbespot, den sie nie vergessen haben?

Wir hatten vor vielen Jahren die Idee, ein sogenanntes Duftkino zu machen. Hierzu hatten wir eine Apparatur, die mit der Klimaanlage des Kinos gekoppelt war und die punktgenau einen Duft ausspielte. An einem Abend testeten wir das im Cinemaxx-Dammtor. Es lief ein Nivea-Werbespot. Der Spot selbst war unspektakulär. Er zeigte einige Strandszenen, Dünen an der Nordsee, spazierende Menschen, vorbeifliegende Möwen, rauschende Wellen.

Dann prallte, wie mit einer Keule geschwungen, der Duft von Nivea-Sonnenlotion in die Nasen der Zuschauer. Alle hatten sofort Assoziationen von Sommer, Strand, Urlaub im Kopf. Einige sprangen sogar kurz enthusiastisch von ihren Sitzen auf, weil der Geruchsreiz direkt im Stammhirn verarbeitet wird. Das war ein phänomenales Erlebnis.

Ihr Unternehmen zog 1971 von Hannover nach Hamburg. Warum?

Die Kundennähe war für meinen Vater sehr wichtig. Die größten Auftragnehmer für unser Unternehmen saßen damals und sitzen noch heute in Hamburg. Da wollte mein Vater nah ran. Das fanden mein Bruder Marcus und ich als Kinder zwar nur so mittelprächtig, weil unser Vater von Montag bis Freitag in Hamburg war und wir in Hannover lebten, aber aus Sicht des Unternehmens war das eine sehr kluge Entscheidung.

Ihr Unternehmen ist seit 60 Jahren im Geschäft. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Da sind wir wieder beim Logo (lacht). Ich denke, die Bereitschaft und die Fähigkeit Veränderungen mitzugehen oder zu gestalten hat wesentlich dazu beigetragen, dass es uns gut gegangen ist und wir uns gut entwickeln konnten. Kino ist das mit Abstand Wichtigste für uns.

weischer.media


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Hilfreiche Tipps: So spart ihr Geld im Studium

In studentischen Geldbeuteln herrscht oft gähnende Leere – besonders am Monatsende. Dabei helfen oft schon kleine Kniffe, um sein Geld besser zusammenzuhalten. Finanzcoach Dani Parthum erklärt, warum sich Studierende das Leben leichter machen, wenn sie sich schon früh mit ihren Finanzen beschäftigen

Interview & Texte: Sophia Herzog

 

Finanzcoach Dani Parthum (Foto: Tom Salt)

Uni-Extra: Frau Partum, kann man lernen, mit Geld umzugehen? 

Dani Parthum: Natürlich! So, wie wir alles lernen, von Chemie über Betriebswirtschaft, wie wir Essen kochen, Laufen, Sprechen. Dooferweise lernen wir den Umgang mit Geld nicht systematisch, zum Beispiel in der Schule oder an Facheinrichtungen, sondern vor allem von unseren Eltern. Und die wissen meist auch nicht wirklich Bescheid, haben Halbwissen oder eine schwierige Einstellung zu Geld und Geldanlage.

Welche Fehler machen junge Menschen denn besonders häufig, wenn es um Geld geht? 

Die gleichen wie ältere Menschen auch. Sie denken, das Geld gleich Konsum bedeutet und nicht Gestaltungsspielraum. Geld als Ressource des eigenen Lebens zu begreifen, ist der Schlüssel zu einem bewussten Umgang damit. Mit Geld kann ich mein eigenes Unternehmen gründen, die Welt bereisen, gesellschaftliche Veränderungen unterstützen, mich und andere bilden, nach meinen Werten leben. Sein Geld ausschließlich zu verkonsumieren ist kurzfristig gedacht und dumm.

Welche Tipps haben Sie für finanzunerfahrene Studierende? 

Klug ist es, dem Sparen, und damit auch Investieren, immer einen Vorrang vor dem Konsum zu geben. Und wenn man im Monat nur 25 Euro zurücklegt. Außerdem ist es wichtig, Ausgaben im Blick zu behalten, damit man weiß, wo das Geld in welcher Größenordnung hinfließt. Es gibt da tolle Haushalts-Apps fürs Smartphone oder Online-Banken, die alle Zahlungen automatisch kategorisieren. Und es hilft, Budgets für bestimmte Ausgaben festzulegen wie Feiern, Urlaub, Essen gehen, Kleidung, sowas. Und vor allem: Finger weg von Konsumschulden, also dem Kauf von Gebrauchsgegenständen auf Pump, wie Smartphones. Lieber darauf sparen, das macht mehr Laune und man bleibt unabhängig. Überhaupt Konsum hinterfragen und öfter Secondhand kaufen.

Warum ist es so wichtig, sich schon früh mit dem Thema Finanzen zu beschäftigen?

Weil zu einem selbstbestimmten Leben dazugehört, sich um seine Finanzen zu kümmern. Geld durchzieht alle unsere Lebensbereiche – es gibt nicht mehr vieles, was sich nicht in Geldeinheiten bezahlen ließe. Das müssen wir nicht gut finden, ist aber Realität. Wer diese Realität als etwas Positives erkennt, sein Geld pflegt, einen Finanzplan und ein Vermögensziel für sein Leben entwirft, wird unabhängig sein und selbstbestimmt leben können. Außerdem bedeutet Geld nicht nur Gestaltungsmöglichkeit und Wohlstand, sondern vor allem auch Macht und Einfluss. Warum das anderen überlassen, statt selbst die Welt zu verändern?

Tipps: So geht sparen

 

Internationaler Studierendenausweis

Wer auch im Auslandssemester von Studentenrabatten profitieren will, sollte sich den Internationalen Studierendenausweis ISIC zulegen: Mit der Karte haben Inhaber Zugang zu Vergünstigungen in über 130 Ländern, die Angebote reichen von Inneneinrichtung bis hin zu Flixbus-Fahrten.
www.isic.de

Hochschulsport

Sport machen kann ein ganz schön großes Loch in den studentischen Geldbeutel fressen. Hochschulsport geht günstiger: Für 52 Euro pro Semester können sich Studis normalerweise durch rund 200 verschiedene Sportarten probieren. Aber Achtung: Aufgrund der Corona-Verordnungen ist das Programm gerade geschrumpft.
hsp-hh.sport.uni-hamburg.de

 

NDR Kultur Karte

Lust auf Kulturprogramm? Mit der Rabattkarte von NDR Kultur bekommen Inhaber für 20 Euro ein Jahr lang Vergünstigungen bei 150 Kulturpartnern in Norddeutschland. Mit dabei sind unter anderem das Abaton Kino, das Schauspielhaus und die Konzerte des NDR Orchesters. Rundum-Infos zu den Events findet man online bei NDR Kultur.
www.ndrkulturkarte.de

 

Kunstmeile Hamburg

Kunsthalle, Deichtorhallen, Kunstverein, das Museum für Kunst und Gewerbe und das Bucerius Kunst Forum – wer diese fünf Häuser besuchen will, kann das vergünstigt mit dem Kunstmeilen-Pass: Für 22 Euro haben Studierende ein ganzes Jahr jeweils einmalig Zutritt zu den Museen. Bei Zeitdruck gibt es einen Drei- Tages-Pass für drei Euro weniger. Unser Tipp: Die beeindruckende Ausstellung „Peter Lindbergh: Untold Stories“ ist noch bis zum 1.11.2020 im Museum für Kunst & Gewerbe zu sehen kunstmeile-hamburg.de

 

Too Good To Go

Eigentlich soll die App Lebensmittel vor einem voreiligen Schicksal im Mülleimer bewahren. Dass die geretteten Lebensmittel dabei aber auch noch günstiger sind, ist ein netter Nebeneffekt. Warme Mahlzeiten, Backwaren, Obst oder Gemüse lassen sich ganz einfach über die App reservieren – kulinarische Schätze für kleines Geld.
toogoodtogo.de

 

Haspa Joker unicus

Mit diesem Girokonto können Studierende nicht nur viele Rabatte nutzen, sondern haben auch andere praktische Vorteile – wie ein Handy- Ersatzservice und einen Festpreis für den Schlüsseldienst – falls es mal anders laufen sollte als gedacht. Den Internationalen Studierendenausweis und eine Kreditkarte gibt es übrigens kostenlos dazu.
haspa.de

 


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

StrassenBLUES: Draußen ist noch wer

In Zeiten menschenleerer Straßen kümmert sich der Verein StrassenBLUES auf verschiedenen Wegen um Obdachlose

Text: Erik Brandt-Höge

 

Einfache Geschichte: Wer während der Corona-Krise zu Hause bleiben kann, der bleibt auch zu Hause. Ist nicht immer toll, aber es gibt Schlimmeres als Homeoffice im Wohnzimmer, in der Küche, auf dem Balkon, im Garten. Schwieriger wird es, wenn kein Zuhause vorhanden ist.

Obdachlose haben es durch die Pandemie noch schwerer, ans Nötigste zu gelangen – es sind schließlich kaum noch Menschen da, die direkt auf der Straße mit Geld, Essen oder Kleidung helfen. Die Macher des gemeinnützigen Vereins StrassenBLUES e. V. haben sich einmal mehr Gedanken gemacht, wie den Mittellosen zur Seite gestanden werden kann.

Es wurden allerhand Aktionen ins Leben gerufen, etwa die StrassenSPENDE, die online abgegeben werden kann, und die von den ehrenamtlichen Vereinsmitgliedern in bar oder als Supermarkt-Gutscheine weitergeleitet wird. Wichtige, auch warme Mahlzeiten bringt das StrassenBLUES-Team ebenso direkt zu Menschen ohne festen Wohnsitz. Und es setzt sich dafür ein, dass Hotels leer stehende Zimmer zur Verfügung stellen, um Obdachlosen etwas Schutz zu bieten. Denn diese gehören aufgrund ihres schwachen Immunsystems zur Risikogruppe und haben auf der Straße nicht nur mit Armut und Hunger zu kämpfen, sondern auch mit Krankheiten und dem Virus, das die Welt gerade so sehr verändert.

www.strassenblues.de; www.strassenspende.de; www.strassensuppe.de; www.hotelsforhomeless.org; www.letmebesafe.org


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Netflix für die Ohren: Das Hörspiel „Head Money“

Das Hörspiel „Head Money“ des Hamburger Verlags „Lausch Medien“ verhandelt die sozialen Verwerfungen unserer Zeit. Ein Gespräch mit Verlagschef, Autor und Sprecher Günter Merlau über Kunst als Gesellschaftsinkubator und die Vorzüge des Hörspiels

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Man stelle sich vor: 100 Milliarden Dollar für den Kopf eines Milliardärs – wortwörtlich. So viel ruft die anonyme Organisation „Janus“ für die Ermordung eines OPEC-Generalsekretärs aus. Anfangs halten Politik und Medien die Aktion für einen makabren Streich. Ist es aber nicht, wie nach einer pulpigen Szene in der Elbphilharmonie klar wird.

Günter Merlau entwirft in „Head Money“ eine Dystopie, die eines der drastischeren unter den möglichen Zukunftsszenarien durchdekliniert. Dafür baut er verschiedene Handlungsstränge auf : Ein EU-Abgeordneter, der gegen die globale Steuerflucht kämpft, muss sich in Norwegen seiner linksradikalen Vergangenheit stellen. Eine Gaming-Bloggerin und ein LKA-Beamter kommen einer Verschwörung auf die Schliche. In Nigeria findet eine Polizistin die Spuren von „Janus“.

Das klingt nach Netflix und Co. Kein Zufall: Zur Zielgruppe gehören Fans von Serien wie „House of Cards“, „Homeland“ und „Westworld“. Merlau weiß den Unterhaltungsfaktor – inklusive Zuspitzungen und (manchmal über-) dramatischer Geräuschkulisse – mit politischem Anspruch zu verknüpfen. Die im Kopf entstehende Bilderwelt ist dank der hervorragenden Sprecher – darunter Rolf Becker und Dayan Kodua – reich und farbenprächtig. Die erste Staffel mit sechs Folgen ist seit dem 21. Februar auf dem Markt. Die Fortsetzung der auf drei Staffeln angelegten Serie soll ein halbes Jahr später folgen. Man darf gespannt sein.

 

SZENE HAMBURG: Herr Merlau, finden Sie es legitim, einem Milliardär den Kopf abzuschneiden?

Günter Merlau: Das ist die große Frage, mit der sich die Serie beschäftigt: Darf ein Zweck die Mittel heiligen? Als ich für die Recherche bei einem linksradikalen Wirtschaftsblatt in Berlin saß, haben sich zwei Redakteure gestritten, als ich sie nach ihrer Bewertung des Szenarios fragte. Der eine sagte, daraus könne nichts Gutes entstehen. Die andere sagte, jede Revolution habe blutig begonnen, deswegen könne sie sich vorstellen, dass ein solches Szenario auch positive Effekte hätte. Die meisten ordnen sich wohl irgendwo zwischen „absolut nein“ und „absolut ja“ ein.

 

„Wer mehr als 100 Millionen Euro für sich nutzt, ist ein Verbrecher“

Günter Merlau

 

Sie geben in der Serie sehr vielen Milieus Raum: von den Linksradikalen bis zu den Rechtsradikalen inklusive antisemitischer Kapitalismuskritik, bis hin zu den normalen Durchschnittsbürgern, den Konservativen und den Linksliberalen. Wo positionieren Sie sich?

Ich halte jemanden, der über 100 Millionen Euro für sich beansprucht, für einen Verbrecher. Man kann sicherlich unterscheiden zwischen Leuten, die Kapital und Vermögensinhalte verwalten, und Unternehmern, die nachhaltig Produktionsmittel und Arbeitsplätze schaffen. Grundsätzlich halte ich es aber für falsch, so viele Ressourcen an eine einzelne Person zu binden.

Das heißt, Sie sind auch für eine Reichensteuer, wie die von Ihnen gesprochene Figur des Politikers Alexander Schachat?

Ja, allerdings gibt es zahlreiche Details, und da liegt der Teufel begraben. Es gibt verschiedene Konzepte, momentan wird auch wieder die Transaktionssteuer verstärkt diskutiert, nachdem sie lange brach lag. Ich finde es wichtig, dass Derivate und der gesamte Aktienhandel endlich mal besteuert werden. Das kann doch alles nicht wahr sein – auch diese ganze Cum-Ex-Geschichte.

Das Thema Cum-Ex hatten wir gerade in Hamburg, als im Zusammenhang mit der privaten Warburg Bank der SPD politische Einflussnahme vorgeworfen wurde. Den meisten Bürgern schien das aber egal zu sein, obwohl sie die fehlenden Steuergelder zu spüren bekommen. Warum?

Weil es so weit weg ist. Man guckt dann doch lieber den Mercedes an, der durch die Straßen fährt, oder den Migranten, der einem angeblich „die Arbeit wegnimmt“, was natürlich nicht stimmt. Die 0,1 Prozent der Superreichen sind zu weit weg und der Abstraktionsgrad ist zu hoch, deswegen will man sich nicht weiter damit beschäftigen.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass Politiker wie Sven Giegold das tun. Er kämpft seit neun Jahren im Europaparlament gegen Steuerflucht und dafür, dass die Finanztransaktionssteuer durchgesetzt wird.

Cover-HeadMoneyIst Alexander Schachat nach Giegold konzipiert?

Ja. Ich habe Giegold für meine Recherchen interviewt. Natürlich habe ich vieles geändert, aber er ist eine Art Role Model für Schachat. Ich muss ihn allerdings ganz klar freisprechen von einer Nähe zum Szenario im Hörspiel. Er ist ein sehr menschenfreundlicher Geselle und sagt ganz klar: Wenn wir den Rechtsstaat verlassen, dann ist alles verloren.

Schachat ist ein ehemaliger Linksradikaler, der regierungsfähig geworden ist…

…und mit den Zwängen und der Realität in einer Art konfrontiert wird, wie wir es bei allen gesehen haben – von Joschka Fischer bis zu Otto Schily. In meinen Augen ist er ein weiser Politiker – also jemand, der führungsfähig ist, nicht herumwütet, die Probleme und die notwendigen Kompromisse auf dem Lösungsweg nicht wegleugnet. Jemand, der sich der Verantwortung nicht entzieht und der nicht so tut, als könnte man die Probleme der Welt mit Molotow-Cocktails wegbomben. Eine Gesellschaft besteht nun einmal aus vielen Teilen und sie braucht Staatsmänner, die integrativ sind und verbinden.

Neben Giegold haben Sie für Ihre Recherchen mit Experten wie Tom Strohschneider und Benedikt Strunz gesprochen und sich von NGOs wie Oxfam, Attac und Sea Shepherds beinflussen lassen. Warum haben Sie nicht mit Konservativen geredet?

Das ist eine kleine Lücke. Ich habe das nicht im Rahmen der Recherchen getan, allerdings vorher schon für andere Projekte und mich daran auch beim Schreiben bedient. Ich setze mich intensiv mit internationaler Politik auseinander, auch in verschiedenen Medien, so bekomme ich etwas von allen Stimmen aus den verschiedenen Meinungsmilieus mit. Es gibt viele tolle konservative Politiker und Unternehmer, die ich schätze.

Ich bin ja selbst ein Unternehmer. Ich lebe selbst in einem ambivalenten Spannungsfeld. Meine Mitarbeiter werden sich kein Häuschen in Hamburg leisten können mit dem Geld, das sie bei mir verdienen. Ich habe meinen Wohlstand nur durch die „Ausbeutung“ von Mitarbeitern bekommen. „Ausbeutung“ im Sinne von: Ich habe ihre Arbeitskraft genutzt, um Kapital zu vermehren. Die eigene Arbeit allein kann niemals Reichtum erzielen.

Wie würden Sie reagieren, wenn verstärkte Steuererhöhungen Ihre Einkommensklasse beträfen?

Ich habe nichts dagegen, viele Steuern zu zahlen. Ich zahle tatsächlich den Spitzensteuersatz. Es ist nicht ungerecht, dass man als wohlhabender Mensch viel abgeben muss, es ist ungerecht, dass Multimilliardäre nur ein Prozent oder weniger Steuern zahlen. Wenn die Steuerflucht der Konzerne nicht eingedämmt wird, ist das falsch – sieben bis acht Milliarden Euro pro Jahr sind ja die Regel.

Keine Angst vor Einschränkungen Ihres Lebensstils?

Ich lebe bescheiden, ich habe kein Problem damit. Aber ich möchte dann auch vom Staat sichergestellt bekommen, dass ich im Alter existieren kann. Es kann doch nicht sein, dass ich mein Leben lang hohe Steuern zahle und trotzdem in Altersarmut ende. Das gilt ja nicht nur für mich: Zumal die Leute in Deutschland viel weniger absicherndes Eigentum haben als zum Beispiel in Portugal. In Hamburg kann sich kaum einer ein Haus leisten. Das ist doch scheiße! Ein vernünftiges Sozialsystem kann es nur mit den Milliarden der Superreichen geben.

Kann man Millionär oder sogar Milliardär und trotzdem links sein?

Waren Buffett gilt ja als Paradebeispiel für jemanden, der sich seiner Position sehr bewusst ist. Es gibt unter den 0,01 Prozent der Reichsten durchaus Bestrebungen, das eigene Vermögen für die Gesellschaft einzusetzen.

Es gibt auch Kritik an der Charity der Milliardäre.

Das stimmt, man kann alles kritisieren. Ich finde trotzdem, dass man schwerreich und links sein kann. Wenn ein Milliardär seine Ressourcen der Gesellschaft zur Verfügung stellt, finde ich das richtig.

 

 

Sie sagten, Themen wie Steuerflucht seien zu abstrakt für die meisten Menschen. Es gibt eine Szene, in der Alexander Schachat auf einer Pressekonferenz erklärt, wie die Steuerflucht der Multimilliardäre und der Konzerne funktioniert. Ist das Ihre Intention: Aufklärung im Unterhaltungsmedium?

Absolut. Ich will mich näher an die Finanztransaktionssteuer wagen. Im besten Fall akklimatisieren sich Hörer mit den Themen, die ja wirklich maßgeblich für die Zukunft der Menschheit sind. Wie gehen wir mit der globalen Steuerflucht und der enormen sozialen Ungleichheit um? Die Ressourcen verschwinden in Kanäle, die keiner mehr beobachten kann – wir brauchen diese Ressourcen aber dringend, um die Klimakatastrophe, Armut und Überbevölkerung zu regeln.

Was sagt das über uns und unsere Medienwelt aus, dass wir uns für derart maßgebliche Themen, die für Milliarden Menschen physisch spürbare Folgen haben, erst interessieren, wenn sie unterhaltsam verpackt sind?

Tja, und was sagt das über mich aus, der solche Medien herstellt? Ich sehe das so: Man muss dahin gehen, wo die Menschen sind – also in die Medien. Wenn man etwas zu sagen hat, muss man mit seinen Inhalten dahin gehen. Vielleicht ist es so einfach. Wie frag- würdig es ist, dass wir so sehr vom Me- dienkonsum geprägt sind, wäre noch- mal ein Thema für eine eigene Serie.

Es gibt eine Szene, in der ein Kreis von Milliardären, darunter Edward Silberstein, auf den später ein Kopfgeld ausgesetzt wird, als betont dekadent und unsympathisch dargestellt wird. Im diesjährigen Oscar-Gewinner „Parasite“ gibt es eine Szene, in der es sinngemäß heißt: „Wie kann jemand, der so reich ist, so freundlich sein?“. Die Antwortet darauf lautet: „Diese Leute sind so freundlich, gerade weil sie reich sind.“ Ist das nicht ein viel stärkeres Bild?

Die Kritik ist absolut berechtigt. Aber ich fange gerade erst an. Ich verfolge eine Entwicklung über drei Stufen. Am Anfang der Serie können sich viele Hörer sehr schnell auf eine Haltung einigen: Die Reichsten der Reichen müssen von ihrem Reichtum abgeben. In der zweiten Staffel wird das eine neue Farbe bekommen. Die anfängliche Verbrüderung gegen „die da oben“ wird weniger eindeutig. Die zweite Staffel wird sich schon deutlich dem System an sich widmen. In der dritten Staffel wird sich jeder Hörer unsicher sein.

Ich spüre auch in mir: Ich bin nicht so eindeutig. Ich bin ein Feld aus konservativen, linksradikalen, rückwärtsgewandten und progressiven Milieus. Es wird nicht moralisch eindeutig, denn es ist so, dass etwas Schlechtes etwas Gutes und das wiederum etwas Schlechtes auslösen kann – das ist das Wesen der Janusköpfigkeit.

Ist das Szenario eigentlich realistisch?

Das ist absolut möglich. Vor einigen Wochen wurden 80 Millionen Dollar auf Donald Trump ausgesetzt. Ich frage mich schon lange, warum es eine solche Situation noch nicht gab. Warum haben die Rechten eine Liste von Journalisten, die sie zum Abschuss freigeben, aber die Linken noch keine Liste von korrupten Milliardären? Ich unterstütze das nicht, aber ich wundere mich.

 

„Die eigene Bilderwelt füllt die Lücken, die das Hörspiel gibt“

Günter Merlau

 

Um noch ein Filmbeispiel zu nennen: Als letztes Jahr „Joker“ in die Kinos kam – in dem es ebenfalls um den sozialen Sprengstoff der ungleichen Verteilung geht –, wurde die ewige Debatte wieder aufgerollt, ob Kunst eine Verantwortung trägt, weil die dargestellte Gewalt Nachahmer anstiften könnte. Haben Sie Angst vor Nachahmern?

Ach, die Leute sollten sich lieber darum kümmern, einander in den sozialen Medien nicht permanent zu beschimpfen und zu Unmenschen zu erklären. Ich sehe das anders. Ich würde sagen: Das ist nicht der Punkt.

Kunst ist ein Inkubator. Wir können in der Kunst gesellschaftliche Simulationen beobachten, studieren und auf unsere Gesellschaft anwenden. Kunst ist so frei wie der Narr am Königshofe. Wenn es diesen Freiraum nicht mehr gibt, wird es schwierig. Ich mache in meiner Kunst, was ich will, verfolge aber ein Aufklärungsmoment, indem ich mich selber bilde und das weitergebe.

Andererseits ist es eine Bestandsaufnahme dessen, was ich mitkriege, und am Ende der Serie wird es durchaus einen konkreten Vorschlag geben, wie es anders sein könnte. Die Kunst ist also in diesem Fall eine Was-wäre-wenn-Maschine.

Man liest im Zusammenhang mit Hörspielen oft von „Netflix für die Ohren“. Was kann ein Hörspiel, was eine Fernsehserie nicht kann?

Grundsätzlich bereitet einem das, was man sieht und was einem mit blauem Licht vermittelt wird, viel mehr Stress. Das Flackerbild ermüdet die Sensorik. Beim Hörspiel ist das anders: Die Bilder werden nicht vorgegeben, deswegen hat das Hören von Geschichten einen ganz anderen psychologischen Effekt.

Dem Hörer wird nichts reingedrückt, er wird in die Geschichte gezogen. Weil seine gesamte Sensorik, seine Bilderwelt die Lücken füllt, die das Hörspiel gibt. Das ist eine echte Interaktion, eine echte Verknüpfung und das hat emotional einen ganz anderen Impact. Ein Teil vom Hörer geht ins Hörspiel, und ein Teil vom Hörspiel geht in den Hörer – so erlebt man die Geschichte gemeinsam.

Die erste Staffel von „Head Money“ ist als CD erhältlich (Lausch Medien, 316 Minuten, 30,99 Euro) sowie digital auf Spotify, Audible, Deezer, Apple Music und YouTube Music


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.