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Die Schönheit des Verfalls

22 Jahre alt und eine umfangreiche Biografie. Elizaveta Ostapenko, die russischstämmige Künstlerin besuchte die British Higher School of Art & Design in Moskau und nahm an internationalen Festivals wie der Monumenta in Leipzig teil. Aktuell studiert Elizaveta an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HfbK) bei Pia Stadtbäumer

Interview: Markus Gölzer

SZENE HAMBURG: Lisa, in deiner Serie „Pasteurisation“ arbeitest du mit Fundstücken von der Straße wie Papierfetzen oder Plakatresten.

Elizaveta Ostapenko: Ich gehe gern spazieren und mache Fotos von kuriosen Fundstücken. Diese Fotos sind Grundlage für Experimente. Ich verarbeite sie zu Gemälden, indem ich sie übermale und per Tiefdruck auf Papier übertrage. Ich bin sehr neugierig, wie die die Leute das interpretieren. Ich möchte Aspekte der Stadt zeigen, die oft unbemerkt bleiben wie zum Beispiel Plakatfetzen. Ich finde es schön, wie sie sich auf natürliche Weise verändern. Wenn sich die Betrachter meiner Bilder danach die Straße genauer ansehen und auch etwas finden, bin ich zufrieden mit meiner Arbeit.

Was fasziniert dich am Thema „Haltbarmachen“?

Ich interessiere mich sehr für Nostalgie und Zeit. Das ist etwas Russisches, glaube ich (lacht). Alle Russen sind nostalgisch. Ich interessiere mich, wie bestimmte Orte aussehen, welche Bedeutung sie haben, wie sie sich verändern und warum. Das hat auch mit Konservierung zu tun. Wie können wir Bilder dokumentieren und konservieren, die später verschwinden. Warum sollen wir das machen? Was bedeutet das für die Kunst? Was ist der Unterschied zwischen Alt und Neu? Altes ist für viele Leute uninteressant. Für mich ist es interessant.

Hamburg und Berlin

Deine Fundstücke stammen aus Hamburg, Berlin, Moskau, St. Petersburg und Brüssel. Wie ging es dir in den diversen Lockdowns mit ihren Bewegungsbeschränkungen?

Am Anfang war es sehr schwierig für mich. Ich reise gerne, und es ist wichtig für mich, draußen neues Research-Material zu finden. Während des ersten Lockdowns habe ich mein altes Fotoarchiv durchforstet, um Inspiration zu finden. Das hat mir sehr geholfen. Ich habe eine kleine neue Serie gemacht, das Quarantine Sketchbook.

Du warst zuerst in Berlin und bist dann nach Hamburg gegangen. In der Kunstszene ist es meist umgekehrt.

Ich bin nach Berlin gezogen, weil ich mich an einer deutschen Kunsthochschule bewerben wollte. Die Kunstszene in Deutschland entwickelt sich sehr gut. Es gibt so viele Möglichkeiten für junge Künstler. Ich habe eine Cousine, die damals in Berlin gelebt hat. Ich konnte bei ihr wohnen und verschiedene Kunsthochschulen ansehen. Ich habe mich an drei Schulen beworben und dann in Hamburg meinen Platz bekommen.

„Es ist schrecklich, was im Moment in Russland passiert“

Du bist ziemlich rumgekommen. Fühlst du dadurch weniger oder eher mehr als Russin?

Als ich ihn Russland war, dachte ich, ich wäre sehr international. Jetzt lebe ich seit drei Jahren in Deutschland und es wichtig für mich, dass ich einen russischen Hintergrund habe. Wenn ich mit Leuten spreche oder meine Kunst mache, versuche ich, etwas Russisches hinzuzufügen, weil es ein großer Teil von mir ist.

In westlichen Medien hört man selten Gutes über die russische Politik. Wie empfindest du das?

Ich denke, das ist ein wichtiges Thema. Es ist schrecklich, was im Moment in Russland passiert. Ich bin sehr traurig darüber. Aber ich versuche, meinen Freunden ein paar Insights über Russland zu geben. Es gibt trotz der aktuellen Situation so viele tolle Dinge, tolle Projekte und talentierte Menschen in Russland. Es hat nicht alles mit Politik zu tun.

Was ist dein aktuelles Projekt?

Im Moment arbeite ich an einer Serie von Objekten. Ich habe mich entschieden, in Richtung Skulpturen zu gehen. Ich arbeite mit Pappmaché und Keramik. Mit dieser Serie wird mein Research über die Stadt und ihre Straßen fortgesetzt. Ich plane, sie in der Jahresausstellung der HfbK zu zeigen.

elizavetaostapenko.com


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 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist seit dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburger Nachwuchs: Grenzenlose Kunst

Claudia Tuyet Scheffel, 26, erzählt in ihrem Film „Amputierte Arschbacken“ mit viel Flow von einer Nacht und einem Morgen junger Vietnamesisch-Deutscher. Der Film wurde beim „up-and-coming“ Internationales Filmfestival Hannover mit dem Deutschen Nachwuchsfilmpreis ausgezeichnet

Interview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Claudia, Gratulation zur Auszeichnung! Dein Film scheint ohne Plot auszukommen.

Claudia Tuyết Scheffel: Genau. Der Plot ist der Antiplot (lacht). Der Film fing damit an, dass eine Freundin und ich die Wortkombination „Amputierte Arschbacken“ total lustig fanden. Der Schreibprozess war intuitiv. So entstand die Grundidee: Es gibt eine Kamera, die sich eher für Dinge links und rechts von ihr interessiert, nicht verlässlich ist. Die Vietnamthematik kam automatisch mit rein. Meine Mutter ist Vietnamesin, mein Vater Deutscher, ich bin in dem bikulturellen Clash aufgewachsen.

Du sprichst von bikulturellem Clash. Fühlst du dich irgendwo zugehörig, zählt der Begriff Herkunft für dich?

Beides. Ich merke, wenn ich in Vietnam bin, dass ich da fremd bin. Ich habe auch meine Schwierigkeiten in urdeutschen Gemeinschaften. Ich finde die Mischung schön. Deutsch mit Migrationshintergrund – da würde ich mich dazuzählen. Mit den Leuten komme ich sehr schnell auf einen Nenner.

In „Amputierte Arschbacken“ leben Vietnam-Deutsche und Deutsche in Parallelgesellschaften. Spiegelt das deine Erfahrungen wider?

Ein bisschen. Es gibt einige vietnamesisch-deutsche Jugendliche, die fast nur mit Vietnamesisch-Deutschen chillen. Die sind in der Community aufgewachsen, freunden sich da rein, bleiben unter sich. Eigentlich genau wie viele Deutsche nur mit Deutschen rumhängen. Ich wollte zeigen, dass es eine gewisse Sprachlichkeit gibt. Die Vietnamesen auf der Party unterhalten sich auf Deutsch. Dann taucht Duc, der Typ, der Geburtstag hat, in die andere Welt seiner Eltern ab, spricht Vietnamesisch. Er ist immer zwischen diesen beiden Lagern.

 

Eine scheinwissenschaftliche Arbeit

 

Neben „Amputierte Arsch backen“ im Jahr 2020 hast du kaum ein Jahr später im Oktober deinen Roman „Scherben im Plateau“ veröffentlicht. Du erzählst von der Reaktion auf das Verschwinden einer Vietnamesin auf einer Fähre nach Grönland. Gibt es eine Verbindung zwischen beiden Werken?

Das Einfließen der vietnamesisch-deutschen Bikultur. Aber es ist ein ganz anderer Ton. „Scherben im Plateau“ war meine schriftliche Bachelorarbeit an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Ich sollte eigentlich eine wissenschaftliche Arbeit schreiben, dann wurde eine scheinwissenschaftliche Arbeit draus. Ich hab mir einen fiktiven Vermisstenfall ausgedacht. Es wird ein Tagebuch der Verschwundenen entdeckt. Auszüge aus dem Tagebuch fließen in das Buch ein, gleichzeitig Hausarbeiten aus dem Seminar, das sich mit dem Verschwinden beschäftigt. Wie gehen Leute damit um, wenn eine Person verschwindet, was passiert da in den Medien. Der wissenschaftliche Teil war dann, dass ich mir die Quellen ausgedacht habe (lacht).

Was magst du lieber: ein Buch schreiben oder einen Film drehen?

Was mir am meisten gefällt, ist das Schreiben von Büchern, die Stoffentwicklung. Ich habe mit Gedichten angefangen. Schreiben ist ein Prozess, in dem keine Grenzen gesetzt sind, in dem man sich kreativ krass ausspielen kann. Dann kommt das Vorbereiten und Produzieren, falls der Text zu einem Film wird. Da arbeitet es sich strukturierter. Aber ich mag auch das Drehen, die Zusammenarbeiten mit Leuten. Beim Filmemachen schreibt man und zeigt es dann. Jeder hat die Vorstellung, die man vermitteln will. Das ist bei literarischen Texten nicht auf die gleiche Art möglich.

claudiascheffel.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburger Nachwuchs: Den Moment festhalten

Niklas Christensen, 25, ist Fotograf, Webdesigner und Entwickler. Gemeinsam mit den Filmemachern Tom Köhn und Carlos Viering feierte er kürzlich die Premiere von „Hotspot“, einem Dokumentarfilm des Trios über die Vor- und Nachteile des Tourismus in Island

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Niklas, es heißt, du hättest bereits mit 16 Jahren erste eigene kreative Projekte umgesetzt. Was für Projekte waren das?

Niklas Christensen: Ich habe sehr früh angefangen mich für moderne Medien zu interessieren. Mit 16 Jahren habe ich erste Webseiten gebaut, Musikvideos gedreht, mich mit der Fotografie auseinandergesetzt und eine eigene Schülerzeitung gegründet, die mit der ersten Ausgabe zur besten Schülerzeitung des Bundeslandes gekürt wurde. Damit stand für mich fest, dass ich das weiterverfolgen sollte.

Und wann hast du dich entschieden, Fotografie und Webdesign zu deinem Beruf zu machen?

In der zehnten Klasse habe ich den Beruf des Webdesigners für mich entdeckt. Wegen meines Realschulabschlusses hatte ich damals früher Ferien als meine Freunde und habe die Zeit für ein Praktikum in einer Werbeagentur genutzt. Das hat dazu geführt, dass ich drei Jahre später die Ausbildung gemacht habe. Auf Reisen hat dann die Naturund Dokumentarfotografie mein Herz erobert, sodass ich mich am Anfang der Ausbildung mit dokumentarischer Fotografie nebenberuflich selbstständig gemacht habe.

 

Ein zweiter Film ist in Planung

 

Für „Hotspot“ warst du nicht nur Fotograf, sondern auch Kameramann. Was waren die größten Herausforderungen für dich bei dieser Arbeit?

Gute Frage – wahrscheinlich war es am schwierigsten, in den wichtigen Situationen zu entscheiden, ob ich den Moment fotografisch oder videografisch festhalten möchte. Und aus welcher Perspektive und mit welchem Bildausschnitt ich arbeiten möchte. Für diese Entscheidungen musste ich dauerhaft zu 100 Prozent konzentriert sein. Glücklicherweise habe ich meine Kollegen Carlos und Tom nur bei Bedarf als Kameramann unterstützt und konnte mich hauptsächlich auf die Fotografie und die Organisation konzentrieren, damit wir entsprechendes Material für unsere Marketingmaßnahmen wie die Website, die Plakat etcetera haben.

Planst du weitere Filmprojekte dieser Größenordnung?

Ich alleine? Eher nicht. Ohne all die Unterstützung wäre ein solches Projekt selbst zu dritt eine sehr große Herausforderung. Aber es ist tatsächlich bereits ein zweiter Kinofilm geplant – Näheres kann und darf ich dazu aber leider noch nicht sagen.

christensen-design.com; vier-ecken.com

Mehr Eindrücke gefällig? Hier gibt‘s den Trailer zu „Hotspot“:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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„Ich würde gerne mit Fahri Yardım arbeiten“

Besonders lange hat man Ümran Algün noch nicht auf dem Schirm, zumindest nicht auf dem Bildschirm. Die 23-Jährige war dieses Jahr zum ersten Mal im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen – dafür in gleich drei Produktionen. Ein Gespräch über ihre Anfänge im Theater, ihr Händchen für Sprache und ein prägendes Erlebnis mit Fahri Yardım

Interview: Caroline Franke

 

SZENE HAMBURG: Ümran, wie bist du aufgewachsen?

Ümran Algün: Ich bin in Bursa in der Türkei aufgewachsen. Mit zehn Jahren bin ich dann mit meiner Mutter und Schwester nach Deutschland ausgewandert. Ich hatte eine sehr bunte Kindheit, in der ich mich frei entfalten konnte.

Ihr seid dann nach Hamburg. Was gefällt dir an der Stadt?

An Hamburg gefällt mir, dass es eine multikulturelle Stadt ist. Es ist mein zweites Zuhause. Ich fühle mich hier wohl und entdecke gerne jeden Park mit meinem Hund.

 

„Auf der Bühne kann ich alles machen, was ich möchte“

 

Wann und wie hast du die Schauspielerei für dich entdeckt?

Ich wollte als Kind Lehrerin, Tänzerin, Prinzessin und Ärztin sein – und zwar gleichzeitig. Mit 14 Jahren wollte ich dann ans Theater. Und als ich gemerkt habe, dass ich auf der Bühne alles machen kann und alles sein kann, was ich möchte, wollte ich da nicht mehr weg.

Wann hast du zum ersten Mal auf der Bühne oder vor der Kamera gestanden?

2017 war ich zum ersten Mal auf der Bühne des Ernst-Deutsch-Theaters für „Die Welle“ mit Wolf-Dietrich Sprenger als Regisseur.

Stimmt es, dass du fünf verschiedene Sprachen sprichst? Hilft dir das bei der Schauspielerei?

Deutsch, Türkisch, Englisch und Spanisch. Die fünfte Sprache, Französisch, lerne ich gerade. Ich denke, jede Art von Weiterbildung hilft bei der Schauspielerei. Aber ich hoffe auch, in der Zukunft bei internationalen Projekten mitwirken zu können.

 

Vielfältigkeit mit Fokus

 

Hamburger Schauspielhoffnung: Ümran Algün (Foto: Sasha Ilushina)

Hamburger Schauspielhoffnung: Ümran Algün (Foto: Sasha Ilushina)

Du schauspielerst nicht nur, sondern tanzt und singst auch. Worauf liegt derzeit dein Fokus?

Die Schauspielerei. Alles Weitere mache ich sehr gerne, aber immer nur nebenbei.

Hast du vor, die Schauspielerei beruflich zu betreiben? Oder hast du eigentlich etwas anderes vor?

Ich habe dieses Jahr meine Schauspielausbildung abgeschlossen und könnte mir nichts anderes vorstellen, als diesen Beruf auszuüben.

Wie steht deine Familie zu deiner Schauspielerei?

Meine Familie steht immer hinter mir. Ich habe sehr viel Glück, dass ich so viel Unterstützung bekomme und Menschen habe, die an mich glauben.

Du hast für „Laufen“ mit Rainer Kaufmann zusammenarbeiten können, der ja ein gestandener Regisseur ist. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?

Es war wirklich eine Ehre, mit ihm zusammenzuarbeiten. Er schätzt künstliche Authentizität und schafft eine lockere und vertrauensvolle Atmosphäre am Set, weswegen ich mich total sicher und gut aufgenommen gefühlt habe.

 

Subtext und ein großer Wunsch

 

Wie bereitest du dich auf eine Rolle vor?

Ich arbeite sehr viel mit Subtext. Es ist sehr wichtig für mich zu wissen, mit welcher Intention eine Figur etwas sagt. Je klarer das für mich ist, desto besser kann ich es rüberbringen. Danach ist das Auswendiglernen gar kein Problem mehr.

Welche Produktion hat dir bisher am meisten Spaß gemacht und warum?

Da ich noch sehr am Anfang stehe, ist das gar nicht möglich zu beantworten. Es macht alles sehr viel Spaß. Ich freue mich auf jede Erfahrung!

Gibt es hinsichtlich der Schauspielerei eine Rolle, die du gerne spielen würdest? Schauspieler und Schauspielerinnen, mit denen du gerne mal zusammenarbeiten würdest?

Eine spezifische Rolle nicht, aber ich nehme immer gerne Herausforderungen an und spiele auch gerne mal etwas, dass sich total von mir unterscheidet. Ich würde sehr gerne mal mit Fahri Yardım zusammenarbeiten. Wir haben die gleiche Schule besucht, natürlich zu verschiedenen Zeiten. Aber als Kind hatte ich ihn dort getroffen und er hatte mich zur Schauspielerei ermutigt. Deswegen fände ich es schön, ihn als Schauspielerin wieder zu treffen.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Peter Kadiru: „Ich habe keine richtige Schwäche“

Obwohl erst 24, boxt Peter Kadiru seit drei Jahren ungeschlagen im Profilager. 2020 gewann er den Titel des Deutschen Meisters im Schwergewicht. Ein Gespräch über Muhammad Ali, motivierende Nervosität und Rassismus

Interview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Peter, auf deinem Insta-Profil steht: „Bad energy stay far away“. Was ist für dich Bad Energy?

Peter Kadiru: Wenn Leute negativ drauf sind, dir hintenrum was Schlechtes wollen. Diese Doppeldeutigkeiten: „Sieht gut aus, aber ich würde es nicht tragen.“ Oder die, die dir schlechte Tipps geben oder alles besser wissen.

Mit welchen Gefühlen gehst du in einen Boxkampf? Ist Angst dabei?

Nein. Eher extreme Aufregung. Ich bin vor meinen Kämpfen maximal nervös, aber auch maximal motiviert. Ich muss mir selber sagen: „Ich bin der Beste, niemand kann mich besiegen.“ Würde ich denken, „Boah, mein Gegner ist echt stark, ich weiß nicht, ob das heute klappt“, dann wäre der Kampf schon im Kopf verloren. Ich sage mir immer: „Ich werde dieses Duell gewinnen.“

Wie geht’s dir nach dem Kampf?

Darum liebe ich Boxen so sehr: Ich liebe es, zu gewinnen. Ich bin ein schlechter Verlierer. Die Emotionen, diese Freude, als würde eine Riesenlast von einem fallen. In der Woche des Kampfes ist man extrem aufgeregt, komplett darauf fokussiert. Danach ist man endlich entspannt. In einem Fight, den ich in der zweiten Runde durch K. o. gewonnen habe, hatte ich trotzdem danach Muskelkater, weil ich so angespannt war. Da erkennt man, welche Kräfte im eigenen Körper wirken.

Was ist deine Einlaufhymne?

Kanye West: „Power“. Gibt viel Energie, ich hör das gerne. Das Lied gibt’s schon länger, mein Bruder war auch Boxer und das war sein Einlauflied. Ich wollte das unbedingt übernehmen.

 

Ein schwerer Wechsel

 

Du bist seit drei Jahren Profi. War es schwer, vom Amateurlager ins Profilager zu wechseln?

Ja. Amateurboxen geht nur über drei Runden. Du musst in kurzer Zeit extrem viel schlagen, extrem viel ausweichen. Es ist wie ein Sprint. Usain Bolt hat auch nicht jeden Sprint gewonnen, obwohl er der beste war. So ist es beim Amateurboxen auch. Du kannst der Beste sein, aber wenn du einen schlechten Tag hast, bist du nach drei Runden geliefert. Beim Profiboxen hast du sechs, acht, zehn oder bei internationalen Titelkämpfen sogar zwölf Runden Zeit, um Fehler zu korrigieren. Ein guter Aspekt am Profiboxen.

Du giltst als Ausnahmetalent. Was ist die Ausnahme?

Ich glaube, durch meine sehr erfolgreiche Amateurkarriere – dreimal Europameister, einmal Jugend-Olympiasieger – also, es ist schwer, sich selbst zu loben. Ich sag jetzt, was die anderen sagen: Ich habe einen guten Boxstil, ich bin schnell, ich kann mich gut bewegen, ich kann Druck machen. Ich bin ein Allrounder, ich kann mich auf jede Situation gut einstellen.

Was ist deine größte Schwäche?

(Schreit zum Trainer Christian Morales) Was ist meine Schwäche? (Christian Morales schreit zurück) Auf den Trainer hören.

Auf den Trainer hören? Das stimmt doch gar nicht! (Gelächter) Man kann alles immer verbessern, aber ich habe keine richtige Schwäche. Ich muss einfach noch mehr Erfahrung im Ring sammeln, das ist das Wichtigste.

 

Sparring mit einem der Größten

 

Du warst Sparringspartner bei Anthony Joshua, dem zweifachen Weltmeister im Schwergewicht. Wie war das?

Ich dachte, ich geh da ins Camp, mach etwas Sparring, fliege schnell wieder nach Hause. Aber dann war ich sechs Wochen in seinem Camp in Sheffield. Der hat unglaubliche Trainer, die haben mir viele neue Sachen beigebracht. Toll zu sehen, wie ein Champion Sparring macht. Es gibt Tage, wo er einfach zehn Runden macht, dann auch mal 16 Runden. Mit wechselnden Sparringspartnern. Das ist krass. Auch wie intensiv er arbeitet. Ich wärme mich vor dem Sparring 15 Minuten auf – der 45 Minuten. Dann macht er Sparring und geht danach noch an den Sandsack.

Wie ist das im Sparring mit ihm?

Ich hab noch nie mit jemand Sparring gemacht, der so eine Power hat. Aber seine Coaches haben auch mir gesagt, dass mein Sparring richtig gut war. Ich war der einzige Boxer, der in der Kampfwoche noch bleiben durfte. Ich saß bei seinem WM-Kampf sogar am Ring. Er ist eine Urgewalt. Gut war: Ich habe gemerkt, der ist noch deutlich über mir, aber ich kann auch da hinkommen. Das war wichtig für mich, dass ich erkenne: Wenn ich hart arbeite, komme ich dahin.

Wie ist der privat so?

Richtig cooler Typ. Man sagt ja immer: „Anthony Joshua ist so bodenständig“, aber das ist bei vielen nur vor der Kamera so. Aber AJ ist es wirklich. Er hat mir viele gute Ratschläge gegeben. Eine mega Erfahrung.

 

Ein wertvoller Ratschlag

 

Welchen Ratschlag fandest du besonders gut?

Dass man sich nicht von Social Media beeindrucken lassen soll. Wenn man so berühmt ist wie er, viele Follower hat, dann reden auch viele schlecht über dich: „Der hat kein Kinn, der wurde im Sparring ausgeknockt.“ Die Sachen stimmen nicht, aber das erzählen die Leute über dich. Man muss lernen, das nicht an sich ranzulassen. Ein Ratschlag für die Zukunft.

Du trägst im Ring die Hose in den gleichen Farben wie Muhammad Ali. Weiß mit schwarzen Streifen.

Mich fasziniert, wie er als Mensch war. Er hat sich von niemandem etwas sagen lassen. Er ging seinen Weg. Nicht nur, dass er sich für Schwarze und Bürgerrechte eingesetzt hat, sondern auch, dass er gesagt hat: „Ich gehe nicht als Soldat in den Krieg in Vietnam. Die Leute da haben mir nichts getan. Ihr kämpft gegen mich in meinem Land – warum soll ich für euch woanders kämpfen.“

 

Rassismus

 

Du stehst als schwarzer Deutscher für eine moderne Gesellschaft. Trotzdem ist Rassismus eines der großen Themen unserer Zeit. Wie sind da deine Erfahrungen? Im Ring und privat?

Nur im Alltag. Da kommt es oft vor, dass man blöd angeschaut wird. Es gibt immer Leute mit anderer Hautfarbe, aus anderen Ländern, mit anderer Religion, die sich schlecht benehmen. Aber wenn man ein paar schlechte Äpfel hat, muss das nicht für den ganzen Baum gelten. Leider haben viel zu viele Menschen Vorurteile. Ich glaube einfach, wenn die Leute mehr aufeinander zugehen, sich kennenlernen, dass wir dann alle zusammen besser miteinander leben können. Wir beide haben verschiedene Hautfarben, verstehen uns super, und ich habe nicht gedacht, komischer Typ, weil er weiß ist, und du bist nicht zu mir gekommen und hattest Angst, weil ich schwarz bin. Man muss nur miteinander sprechen. Die Leute haben meist Angst vor Dingen, die sie nicht kennen.

Du bist stolzer Vater einer dreijährigen Tochter. Wirst du sie auf Rassismus vorbereiten?

Eigentlich will ich sie nicht darauf vorbereiten, weil Rassismus so unfassbar sinnlos ist. Aber ich glaube, wenn ich sie nicht vorbereite, weiß sie nicht, was auf sie zukommt. Weil ich meine Tochter liebe, werde ich zu gegebener Zeit mit ihr darüber sprechen. Es ist schade, dass sie in so einer Welt aufwachsen muss. Ich werde ihr die Geschichte des Rassismus erklären, Beispiele erzählen, die in der Vergangenheit passiert sind. Die können aber eben auch in der Zukunft geschehen. Wenn sie später eine Reise in die USA machen sollte, würde ich sagen: „Schatz, pass auf.“ Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich bis dahin doch noch mehr zum Positiven wendet.

Deine Eltern sind aus Ghana, auf deiner Insta-Seite weht neben der deutschen die ghanaische Flagge. Wie wichtig ist Herkunft für dich?

Ich hab die deutsche Flagge, weil ich hier geboren bin. Die ghanaische Flagge habe ich, weil das zu meiner Kultur gehört. Ich habe die deutsche Kultur angenommen, weil ich in Hamburg geboren bin. Die ghanaische ist meine Herkunft. Das ist wichtig für mich, dass ich beide repräsentiere.

instagram.com/peterkadiru/


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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„Sexismus ist etwas, was wir alle internalisiert haben“

Hamburger Nachwuchs: Hamburg Music Award Krach+Getöse für Nachwuchsmusiker, Show bei „Fast ein Festival“ von MS Dockville, frisch gesignt bei Europas erstem Female-MC-Label – die Rapperin Mariybu, 27, startet durch. Mit queerfeministischen Texten, starker Stimme und DIY-Producing

Interview: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Mariybu, wie lange gibst du dem Patriarchat noch?

Mariybu: Ouh. In meinem Traum gebe ich dem Ganzen noch ein paar Tage. In der Realität ist das unrealistisch. Aber man darf ja träumen, nä?

Deine Texte verhandeln männliche Machtstrukturen auf verschiedenen Ebenen. Sexuell, emotional, geschäftlich. Du klingst dabei stark und verletzlich zugleich. Wie viel eigene Erfahrungen schwingen da mit?

Nur. Meine Texte sind alle eigene Erfahrungen. Songtexte schreiben ist wie Tagebuchschreiben für mich. Es ist nicht so, dass ich denke, ich will über das schreiben, dann schreibe ich darüber. Es ist das, was mich gerade beschäftigt. Dann wird daraus ein Song. Dass es politisch wird, ist nicht beabsichtigt. Das Persönliche wird dann politisch.

Wann und wie bist du zum Rap gekommen?

2018. Als Kind hab ich Tic Tac Toe und so gehört, dann aber lange keinen Rap mehr. Ich kannte nur noch frauenverachtende Texte, wie von Bushido und Sido. Ich habe nicht gecheckt, warum ich mir Texte geben soll, die mich beleidigen. Ich habe spät meinen Weg zurückgefunden. Das hat angefangen mit einem Konzert von Finna, eine queerfeministische Rapperin und Aktivistin aus Hamburg. Das hat mich super berührt. Ich habe angefangen, Texte zu schreiben, habe mich mit Finna getroffen. Dann kam der 365Female*MCs-Blog von Mona Lina. Der startete Ende 2018. Lina Burghausen hat ganz, ganz viele gepostet, die ich mir als Vorbilder nehmen konnte. Das hat mich empowered, selber weiterzumachen. Dann habe ich vor zweieinhalb Jahren angefangen, zu produzieren.

 

Gegen strukturelle Benachteiligung

 

Du bist auch auf dem Label 365XX von Lina „Mona Lina“ Burghausen gesignt.

Das Label ist einfach geil. Es signt nur FLINTA*s: Frauen, Lesben, Inter-, Nicht-binäre-, Trans-, Agender-Personen – also Menschen, die aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität patriarchal diskriminiert werden. 365XX sagt nicht: Wir wollen Cis-Männer, also Männer, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurden, ausschließen. Aber wir sehen, dass FLINTA*s strukturell benachteiligt sind. Deshalb supporten wir sie. Das finde ich einfach krass, weil es so ein Label bisher noch nicht gab. Ich finde es super-beeindruckend, dass sie das machen, wie sie das machen und dass sie sich das trauen.

Welche Vorbilder hast du neben Finna?

Ebow war und ist für mich ein Riesenvorbild. Die ist unglaublich. Sie steht als queere Person in der Öffentlichkeit, macht voll ihr eigenes Ding, ohne sich was vorschreiben zu lassen. Auch ein ganz großes Vorbild: KeKe aus Wien. Was ich auch bei ihr krass finde: Sie ist stark und verletzlich zugleich.

Gibt’s auch sexistische Rapperinnen? Cardi B und Megan Thee Stallion waren in der Diskussion mit ihrem Wet-Ass-Pussy Song.

Wet-Ass-Pussy finde ich gar nicht sexistisch. Das ist superempowernd. Die eigene Sexualität, den eigenen Körper feiern wie auch Shirin David, da seh ich keinen Sexismus. Natürlich gibt es auch sexistische Rapperinnen. Sexismus ist ja etwas, was wir alle internalisiert haben. Ich selber bin an bestimmten Punkten auch noch sexistisch und lerne dazu, weil wir einfach alle im Patriarchat aufgewachsen sind. Das ist ein ewig langer Lernprozess.

Du kämpfst nicht allein für Feminismus, sondern mit dem Rap-Kollektiv Fe*Male Treasure und im Duo mit Girrrlitas. Kämpft ihr ausschließlich musikalisch oder noch mit anderen Waffen?

Ich bin Feministin 24/7. Wenn ich auf der Straße bin und irgendwas mitbekomme, mische ich mich ein. Wenn mir irgendwas passiert, führe ich Diskussionen. Es ist jeden Tag politische Arbeit. Ich geh auf Demos, wir treten auf Demos auf, bei Soli-Veranstaltungen. Femrep ist auch eine ganz tolle Gruppe. Da war ich mal, bin aber leider nicht mehr aktiv. Es ist nicht nur die Musik. Ich betreibe neben ihr auch noch Lohnarbeit, und in dem Unter- nehmen, wo ich arbeite, sind leider öfter Situationen, die echt scheiße sind. Und die spreche ich dann an. Das betrachte ich auch als feministische Arbeit.

 

Sexismus

 

Was war die sexistischste Scheiße, die du dir je anhören musstest?

„Ich kann kein Sexist sein, ich mag doch Sex.“ Das war auf der Familienfeier von einem Ex-Freund. Da wusste ich nicht genau, wo ich ansetzen sollte. Da hab ich gemerkt: Gut, da fehlt viel Wissen (lacht).

Deine Generation treibt Veränderungen voran wie wenige vor ihr. #MeToo, Black Lives Matter, Fridays for Future. Gleichzeitig hält eine neue Strenge Einzug. Amanda Gorman, die junge Dichterin von Bidens Inauguration, darf nur von Schwarzen übersetzt werden. In den Amazon Studios sollen nur noch Homosexuelle Homosexuelle spielen.

Dass Schwarze nur von Schwarzen übersetzt werden dürfen, kann ich total nachvollziehen. Das ist ein Job. Wenn die sagen, es geht auch darum, uns untereinander zu supporten, dann finde ich das gut. Es ist superindividuell. Kann sein, dass ich ein Feature nur mit einer queeren Person machen will. Ich arbeite aber auch mit anderen Leuten. Allerdings nur, wenn die nicht gegen meine grundlegenden moralischen Werte sind. Ich würde nie mit einem sexistischen Rapper ein Feature machen. Ich arbeite aber auch mit Cis-Männern. Einige meiner Videos macht ein Cis Mann. Er supportet, wofür ich stehe, ist kein Arschloch. Deshalb mach ich das mit ihm. Aber wenn ich für einen Job eine queere und eine nichtqueere Person habe, die gleich gut sind, würde ich die queere Person nehmen. Einfach, weil sie strukturell benachteiligt ist, nicht die gleichen Chancen hat.

Der Kapitalismus ist auf den Bewusstseins-Zug aufgesprungen: Großbanken geben Kreditkarten in Regenbogenfarben aus, Werbung wird immer diverser. Ärgerlich oder halb so schlimm, weil die richtige Botschaft transportiert wird?

Ich steh superambivalent dazu. Einerseits finde ich es ätzend, dass einen Monat lang überall Regenbogenflaggen bei irgendwelchen Scheißunternehmen flattern, dann ist der Monat vorbei und es wieder aus den Köpfen weg. Die Diskriminierung innerhalb des Unternehmens ist aber noch da. Das finde ich scheiße. Cool wäre, wenn sie weiter darüber hinausdenken. Wenn es nicht nur um Geld geht. Wenn sie sagen, ok, wir hissen hier die Flagge, und im Teammeeting sprechen wir über die Diskriminierung von queeren Menschen und wie wir das verändern können. Dann finde ich das geil. Aber nur als kapitalistisches Verkaufsding ist es zu kurz. Aber wer weiß, vielleicht ändert sich dadurch trotzdem was in den Köpfen. Ich hoffe es.

Wie findest du die Golden-Era-Rap-Generation? Biggie, Eminem, Wu-Tang und Kollegen? Die waren ja durchaus homophob und sexistisch in ihren Texten.

Die Dinge, wofür die gekämpft haben, sind ganz andere. Natürlich waren das Wegbereiter, die haben gute Sachen gemacht, für krasse Sachen gekämpft. Man muss es auch immer zeitlich einordnen. Trotzdem: Das ist keine Entschuldigung. Homophobe Scheiße geht auf keinen Fall. Das war damals auch schon scheiße.

Wann ist mit deinem ersten Album zu rechnen?

Meine erste EP erscheint am 3. September. Album, mal gucken. Es ist noch nichts in Planung direkt, aber es ist nicht auszuschließen, dass da noch ein Album kommt.

instagram.com/mariybu_


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2021. Das Magazin ist seit dem 28. August 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Grafy: „Kunst kann man nicht lernen“

Grafy, 23, entschied sich nach dem Abitur, hauptberuflich Künstler zu werden. Das Zusammenspiel von Abstraktion und Realismus zeichnet seine Kunst aus. Sein Malstil kombiniert Techniken und Arbeitsweisen vergangener Epochen auf neue Art und Weise. Grafy hat mittlerweile Kunden in aller Welt

Inteview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Grafy, wie hast du gemerkt, dass du Künstler werden willst?

Grafy: Das ist eigentlich ein ganz natürlicher Prozess gewesen. Der einschneidenste Punkt war tatsächlich: Mit 16 war ich in New York, habe dort die ganzen großen Künstler in Museen gesehen und war absolut begeistert. Mich hat die Frage getrieben, was einen Künstler veranlasst, seine Werke zu machen. Daraus ist meine Energie entstanden, Kunst zu machen. Das hat sich mit der Zeit geformt, und jetzt sind es diese alltäglichen Dinge wie Gespräche, die mich inspirieren. Es kann alles sein, was mich zu einem Werk treibt.

Wie waren die Reaktionen in Familien- und Freundeskreis?

Langwieriger Prozess (lacht). Also, das Wort „Brotlose Kunst“ wird einem natürlich schnell in die Wiege gelegt. Ich war überzeugt, dass das so nicht sein wird. Und nachdem ich da mit so einer Leidenschaft ran gegangen bin, wusste ich, dass ich Erfolg haben werde – wenn ich es so in meinem Herzen weiter fühle. Aber die ersten zwei Jahre waren schon manchmal ein Überzeugungskampf. Danach hatte ich dann die volle Unterstützung. Viele Zweifler sind heute irgendwie kleine große Fans.

Wäre für dich noch ein anderer Beruf infrage gekommen?

Nein, absolut nicht.

 

Der eigene Weg

 

Du bist Autodidakt, warst nie auf einer Kunsthochschule. Warum?

Die Düsseldorfer Kunstakademie hatte einen Claim auf der Website: „Kunst kann man nicht lernen.“ Das ist auf alle Fälle mein Motto. Ich liebe es, aus mir selbst die Kunst herauszuziehen und daraus mein eigenes Weltbild und meine eigene Kunst zu erschaffen. Deshalb habe ich mich dagegen entschieden.

Wie würdest du deinen Stil bezeichnen?

Ich habe bewusst einen Künstlernamen gewählt, der einen – meinen – Stil beschreiben könnte: Grafy. So steht eine Mixtur aus Graffiti, Fotografie und Kalligrafie für meinen Malstil – keine gelernte, ‚klassisch-etablierte‘ Stilrichtung.

Was macht gute Kunst für dich aus?

Das ist sehr individuell. Und natürlich subjektiv. Für mich macht gute Kunst aus, dass sie Tiefgang und Energie hat. Und dass sie etwas mit den Menschen macht. Beziehungsweise, was sie mit mir macht. Wenn ich ein Kunstwerk anschaue, dann soll es einfach vor Energie strotzen, ein Thema haben, es auf den Punkt bringen. Das macht für mich gute Kunst aus.

Hast du Vorbilder?

Vorbild ist so ein Wort … Ich würde sagen, dass ich bei Menschen Inspiration finde. Und ich finde den Gedanken toll, dass mein eigenes schaffendes Zukunfts-Ich mein Vorbild sein könnte (lacht).

Hast du einen Plan, wo dein Zukunfts-Ich in zehn Jahren stehen soll?

Man weiß natürlich nie, wie sich der Weg so entwickelt und was daraus entsteht, aber ich weiß auf alle Fälle, dass ich bestimmte Dinge noch erreichen möchte. Vor allem möchte ich den Weg dahin genießen.

 

Ran an die Großen

 

Du traust dich an die ganz Großen ran: Muhammad Ali, Nelson Mandela, Karl Lagerfeld, Frida Kahlo. Faszinieren dich Ikonen, ist das ein Kommentar zum Personenkult oder ganz unironisch eine Verbeugung vor ihnen?

Tatsächlich, wie anfangs gesagt, interessiert mich: Was treibt eine bestimmte Persönlichkeit an? Ich habe sehr viel über Künstler gelesen und irgendwann bin ich auf Ikonen gestoßen. Ich habe mich da eingelesen und fand sehr viele Persönlichkeiten, wie zum Beispiel Nelson Mandela und Muhammad Ali unheimlich stark. Das ist zum einen die Ikone, und wenn man dann in die Tiefe geht, bekommt man ein komplett anderes Bild von der Person. Und das finde ich unglaublich spannend, daraus für sich selbst seine Lehren zu ziehen.

Deine Bilder sind dann auch so eine Art Tiefenanalyse.

Auf alle Fälle. Ich habe deren Leben sozusagen dargestellt. Habe versucht, das in einem Bild kompakt zu präsentieren. Oder auch eine bestimmte Lebenssituation.

Was bewegt dich sonst noch so?

Ich liebe die Ästhetik. Ich liebe psychologische Themen. Wenn ich eine Person interessant finde und sie eine Emotion bei mir auslöst, dann stelle ich sie dar. Das finde ich unheimlich spannend.

 

Selfmade

 

Hast du eine Galerie, die dich vertritt oder vermarktest du dich selbst?

Ich vermarkte mich tatsächlich selbst, aber ich habe auch Galerien, mit denen ich zusammenarbeite.

Wie vermarktest du dich?

Soziale Medien spielen eine Rolle. Aber hauptsächlich über mein eigenes Netzwerk.

Wie hast du das aufgebaut?

Auch das ist wieder ein Prozess. Ich bin zu Ausstellungen gegangen, habe versucht, Menschen aus der Kunst kennenzulernen. Davon lebt ja auch meine Kunst. Ich liebe es, mich zu unterhalten, zu lernen, daraus Inspiration zu ziehen. Und irgendwann lernt man dann Menschen kennen, die verstehen, was man mit seiner Kunst ausdrücken will. Und diese Menschen unterstützen einen dann, indem sie die Kunst kaufen.

Hattest du so etwas wie einen Mäzen, der dich besonders gefördert hat?

Ich habe Kunstsammler als Kunden, die mehrere Werke gekauft haben, aber einen Mäzen als solchen nicht.

Was kostet ein echter Grafy?

Kommt darauf an. 3.000 Euro aufwärts und es geht dann je nach Größe auch ins Fünfstellige. Einen fixen Preis zu nennen, ist schwierig, aufgrund der unterschiedlichen Techniken, Maße und Materialien.

Graffiti kommt aus dem HipHop-Kontext. Hörst du Rap?

Ich höre vieles gern, auch Rap. Aber ich komme nicht aus der Streetart-Szene. Auch wenn meine Kunst viele Streetart-Einflüsse hat. Aber das liegt daran, dass ich Graffities unheimlich interessant finde, wegen der hohen Lack-Deckkraft, einer Verschmelzung aus Pigmenten und Harz. Ich finde aber auch Kalligrafie spannend, experimentiere viel mit Materialien.

 

Darum Hamburg

 

Du bist von Lübeck nach Hamburg gezogen. Warum?

Ich liebe das Hanseatische. Die Kunstwelt hier ist offener. Ich habe mich da sofort hingezogen gefühlt. Ich war, wie gesagt, auch auf vielen Ausstellungen, und der Kulturbereich hier ist natürlich anders als in Lübeck. Ich liebe Hamburg und werde hier auf alle Fälle länger bleiben.

Was inspiriert dich an Hamburg?

Vor allem die Menschen.

Was würdest du jungen Menschen mit auf den Weg geben, die auch Künstler werden wollen?

Einfach machen. Jeden Tag dahinter zu sein. Sich ein Ziel vor Augen zu setzen, wo man hinmöchte. Das zu definieren. Galerien, Ausstellungen, Museen besuchen, sich weiterentwickeln. Immer daran festhalten.

Wann und wo kann man deine nächste Ausstellung besuchen?

Im Oktober in der Barlach Halle K am Klosterwall.

grafy.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Juli 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburger Nachwuchs: Taschenlabel OAK25

Aus dem Hamburger Stadtbild sind sie kaum noch wegzudenken: Die Rucksäcke und Bauchtaschen von Oak25, die nicht nur praktisch und stylish sind, sondern durch ihre reflektierende Oberfläche auch Sicherheit im Straßenverkehr bieten. Hinter dem Label stecken die beiden Hamburger Emil Woermann, 19, und Jacob Leffers, 21

Interview: Daniel Schieferdecker

 

SZENE HAMBURG: Emil und Jacob, wie habt ihr beiden euch kennengelernt?

Emil: Wir kennen uns seit Grundschulzeiten aus dem Chor. Mit Einsetzen des Stimmbruchs hatte sich das Singen jedoch erledigt, und das entstandene Freizeitvakuum haben wir mit unzähligen Projekten gefüllt.

Jacob: Wir hatten einen YouTube-Kanal, haben eine Website …

Emil: … und einen Computer gebaut. Vor zwei Jahren haben wir darüber sogar ein Buch geschrieben: „Secret Book For Digital Boys“.

Jacob: Für uns war so etwas immer erfüllender, als jeden Tag nur vorm Computer zu sitzen und Fifa zu zocken.

Meist waren es digitale Projekte, um die es ja auch in eurem Buch geht. Warum?

Jacob: Uns hat es immer schon Spaß gemacht, sich in die Komplexität digitaler Themen reinzudenken. Ein Buch darüber hätten wir damals selbst gerne gehabt, aber das gab’s nicht. Also haben wir es kurzerhand selbst geschrieben.

 

„Wir sind da sehr naiv rangegangen“

Jacob Leffers

 

Wie kam es dann zur Gründung von Oak25?

Emil: In der Stadt nutzen wir zur Fortbewegung vor allem das Fahrrad. Unsere Eltern wollten immer, dass wir Warnwesten anziehen, damit wir von Autofahrern gesehen werden. Das fanden wir aber immer semi-sexy und kamen daher auf die Idee, reflektierende Rucksäcke zu machen.

Jacob: Das war der Ausgangspunkt für unsere Luminant Bag.

Wie habt ihr das finanziert?

Emil: Uns selbst fehlte das nötige Geld, also haben wir gekickstartert. Mit dem eingesammelten Startkapital von 20.000 Euro konnten wir loslegen.

Was waren die ersten Schritte?

Jacob: Wir sind da sehr naiv rangegangen. Wir dachten, wir zeichnen das mal auf und zeigen das jemandem, der uns daraus dann ein Muster näht – aber so einfach funktioniert das natürlich nicht. Allein das Zeichnen der Rucksäcke war kompliziert. Erst habe ich das auf Papier gemacht, aber damit konnte niemand arbeiten. Daraufhin hat Emil sich in Photoshop reingefuchst und darin die erste Vorlage erstellt.

Warum habt ihr nicht andere Leute gebeten, das für euch zu übernehmen?

Jacob: Weil wir uns in sämtliche Bereiche unseres Unternehmens lieber selbst reinfuchsen. Das dauert zwar und ist manchmal auch frustrierend, kostet aber weniger Geld und führt dazu, dass wir ständig lernen, uns weiterentwickeln und uns in allen Bereichen, die unsere Firma betreffen, perfekt auskennen.

Klingt, als hättet ihr beide eine Menge Geduld und eine hohe Frustrationstoleranz.

Jacob: Es gibt immer mal Phasen, durch die man sich ein bisschen quält, aber dass wir stets am Ball geblieben sind, hat uns eben auch erst vorangebracht. Und es dann geschafft zu haben, fühlt sich doppelt gut an.

„Wir haben uns gefühlt wie Steve Jobs“

Emil Woermann

 

Warum der Name Oak25?

Emil: Der hat mit dem Sitz unseres ersten Büros zu tun: in der Eichenstraße 25. Das war noch bei meinen Eltern. In deren Fahrradkeller.

Jacob: Büro ist leicht übertrieben – da stand halt ein Schreibtisch. (lacht) An dem saßen wir jeden Abend und haben gearbeitet.

Emil: Wir hatten immer die Vorstellung, ein Büro zu brauchen. Eigentlich voll unwichtig, aber das hat uns die Vision für das Ganze eröffnet. Wir haben uns dadurch ein bisschen wie Steve Jobs gefühlt, bei dem ja auch alles in seiner Garage angefangen hat. Mittlerweile haben wir aber richtige Büroräume in der Eimsbütteler Chaussee.

Wie sind eure Eltern mit eurer Geschäftstüchtigkeit umgegangen?

Emil: Die fanden das immer cool und haben uns unterstützt. Deren Sorge war bloß, dass die Schule dabei hintenüberfällt – oder später mein E-Commerce-Studium. Das pausiere ich aber gerade.

Gehst du davon aus, das Studium weiterzuführen?

Emil: Ich glaube nicht. Das hat zwar Spaß gemacht, war mir aber viel zu theoretisch.

Jacob: Ich habe meine E-Commerce- Ausbildung auch pausiert. Was uns immer gestört hat: Dass es immer darum geht, was man tun würde, wenn man mal in einem entsprechenden Unternehmen arbeitet. Wir haben stattdessen lieber ein Unternehmen gegründet und all unsere Ideen praktisch umgesetzt, nicht nur theoretisch.

 

„Wir zahlen uns keine Megagehälter aus, sondern konzentrieren uns vorrangig aufs Wachstum“

Emil Woermann

 

Könnt ihr von Oak25 schon leben?

Jacob: Ja. Im letzten Jahr haben wir Investoren gefunden, was es uns ermöglicht, das Ganze Vollzeit zu betreiben.

Emil: Wir zahlen uns aber keine Megagehälter aus, sondern konzentrieren uns vorrangig aufs Wachstum. Aber wir können davon leben und unsere Mitarbeiter bezahlen.

Wie viele Exemplare gab es von eurer ersten Kollektion?

Emil: 8.000 Stück. Die waren aber schnell ausverkauft.

Könnt ihr euch noch daran erinnern, als ihr das erste Mal auf der Straße einen Fremden mit einem eurer Rucksäcke gesehen habt?

Jacob: Ja. Da bin ich mit dem Fahrrad übern Jungfernstieg gefahren und hab da innerhalb von fünf Minuten drei Leute mit unserem Rucksack gesehen. Das war schon krass. Ich bin selten mit einem so breiten Grinsen nach Hause gefahren.

Ihr seid Freunde, die nun auch Geschäftspartner sind. Macht es das leichter oder schwieriger?

Emil: Sowohl als auch. Wir reden schon viel übers Geschäft. Gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass wir im Büro nicht nur ständig über Privates quatschen.

Ihr wohnt auch noch zusammen. Ihr seht euch also nur nicht, wenn ihr schlaft.

Jacob: (lacht) Abends sind wir schon auch gerne mal für uns alleine. Und im Büro hat jeder von uns seine Aufgabenbereiche, sodass wir auch da nicht ständig aufeinanderhocken. Ich bin vorrangig fürs Marketing zuständig … Emil: … und ich betreue die IT und die ganze Administration – von Steuern bis Personal.

Was waren bisher die wichtigsten Learnings?

Emil: Dass man keine Angst haben sollte, Dinge direkt anzugehen. Manchmal macht es zwar Sinn, vorher noch mal einen Schritt zurückzugehen und mit etwas Abstand draufzukucken, aber uns hat es immer geholfen, direkt loszulegen. Und wenn man mal einen Fehler macht – auch nicht schlimm. Beim nächsten Mal ist man schlauer.

oak25.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburger Nachwuchs: Sängerin Sukie

Gerade mal ein Jahr ist es her, dass Sukie ihren ersten eigenen Song veröffentlichte. Doch spätestens, als im Oktober ihre Debüt-EP „Love And Impatience“ erschien und die Kunde von einer neuen, talentierten Sängerin aus Hamburg die Runde machte, war klar: Mit Sukie wird zukünftig zu rechnen sein. Im Interview spricht die 22-Jährige über Schwermut als Treibstoff, das derzeitige Darben der Kreativszene und Lichter am Ende des Tunnels

Interview: Daniel Schieferdecker

 

SZENE HAMBURG: Sukie, wie bist du zur Musik gekommen?

Sukie: Musik war immer ein großer Teil meines Lebens. Ich war ein sehr ruhiges Kind, habe viel Zeit mit mir selbst verbracht – und dabei fast immer Musik gehört und gesungen. Ich habe es dann aber eine Weile schleifen lassen – bis vor drei Jahren mein bester Freund bei einem Autounfall gestorben ist.

Und dann?

Das war jemand, der sehr krass gelebt hat; der immer seinen Weg gegangen ist und das gemacht hat, was er machen wollte. Da ist mir bewusst geworden, dass ich viel zu lange meine Zeit mit Dingen vergeudet habe, die mich nicht erfüllen – das ist für viele Leute ja deren Realität. Aber das wollte ich nicht.

Ich habe dann einen Coversong bei Instagram hochgeladen, coole Reaktionen darauf bekommen und weitergemacht. Im Oktober kam dann meine erste EP „Love And Impatience“.

Bist du tatsächlich so ungeduldig, wie es der EP-Titel verheißt?

Ja, ganz schlimm! Wenn ich Dinge nicht auf Anhieb kann, höre ich sofort wieder damit auf. Ich werde sonst wahnsinnig. (lacht)

Deine Pressesgentur hat dich angepriesen als „junge Frau mit Charakter“. Was meinen die damit?

(lacht schrill) Wenn ich das nur wüsste! Hat nicht jeder einen Charakter? Aber sagen wir so: Ich bin in gewissen Dingen sehr speziell – aber auf eine gute Art und Weise.

Das musst du erklären.

Ich bin sehr feinfühlig, eine sehr empathische Person. Das schadet mir manchmal zwar auch, weil ich oft mehr bei anderen bin als bei mir. Aber das ist etwas, das mich ausmacht.

 

 

Deine Lyrics schreibst du auf Englisch. Warum?

Ich habe einen besseren Zugang zu der Sprache. Deutsch als Muttersprache ist einfach zu nah an mir dran. Das Englische ermöglicht mir eine etwas objektivere Sicht auf die Dinge. Aber: Ich bin bilingual aufgewachsen, weil meine Mutter lange in London gelebt hat.

In deinen Songs liegt viel Schwere, in den meisten geht es um düstere Themen. Ist das deine Art der Verarbeitung?

Ja, absolut. Ich kann aber keine Songs schreiben, wenn es mir richtig schlecht geht. Das passiert erst danach, wenn ich die Situation für mich selbst schon ein bisschen verarbeitet habe.

Du machst nicht nur Musik, sondern studierst auch Ethnologie und klassische Archäologie. Inwiefern hat dein Studium Einfluss auf deine Songs?

In vielerlei Hinsicht: Durch das Ethnologie-Studium bekommt man einen sehr weiten Blick darauf, wie die Menschen auf der Welt in der Gesellschaft funktionieren.

Kennst du den Begriff der kulturellen Universalien? Das sind Dinge, die nicht kulturabhängig variieren, die es in jeder Gesellschaft gab und gibt – und eine davon ist Musik. Das finde ich spannend: dass Musik, unabhängig vom Text, eine Sprache ist, die von jedem überall auf der Welt verstanden werden kann.

 

„Ich sehe gerade ganz viele Existenzen sterben“

 

Vor Corona hast du in einer Bar gearbeitet. Seit einem Jahr nun nicht mehr. Hatte das einen Einfluss auf deine Musik?

Total! Ich habe immer gerne Gastro gemacht, aber das schlaucht auch – zumal das ein Job ist, der dir menschlich nicht viel zurückgibt und deinen Schlafrhythmus total zerschießt.

Durch den Wegfall dieses Jobs hatte ich nun mehr Zeit, mich auf mich selbst zu konzentrieren. Mich zu fragen: Wer will ich sein? Wie will ich klingen? Das hat mir geholfen. So perfide es klingen mag: Ein Stück weit bin ich tatsächlich dankbar für die Situation. Aber jetzt ist auch gut. (lacht)

Welche negativen Einflüsse hatte die Pandemie auf dich?

Ich hatte dadurch viel Zeit zu zweifeln. Zwischendurch bin ich in tiefe Löcher gefallen und hab mich gefragt, wofür ich das eigentlich mache, wenn es ja doch niemand  zu hören bekommt – vor allem nicht live.

Ich kriege ja auch mit, was in meinem Umfeld los ist, wo viele Leute professionell Musik machen. Ich sehe gerade ganz viele Existenzen sterben, Clubs schließen, eine ganze Branche untergehen.

Wie motivierst du dich, trotzdem weiterzumachen?

Indem ich versuche, mich darauf zu besinnen, Kunst nicht für andere, sondern in erster Linie für mich selbst zu machen. Trotzdem macht die Situation mir Angst. Ich saß durchaus schon mit Heulkrämpfen im Studio. Aber eigentlich bleibt einem gar nichts anderes übrig, als positiv zu bleiben und nicht den Glauben zu verlieren.

 

 

Hast du eigentlich eine Lieblingszeile von dir?

Ja, aus „Hit Me“. Da singe ich: „And the night might be yours, but the morning is mine.” Die finde ich sehr schön. Es gibt auch noch eine andere, aber die ist noch nicht veröffentlicht. Kann ich daher nicht verraten, sonst klaut die noch einer. (lacht)

Wenn es unveröffentlichte Textzeilen von dir gibt: Kommt dann dieses Jahr noch was Neues von dir?

Auf jeden Fall! Wahrscheinlich noch eine EP. Und dann mal schauen, wie es insgesamt mit der Musik und Kultur hier weitergeht. Ich habe auf jeden Fall noch einige sehr, sehr gute Songs, die nur darauf warten, veröffentlicht zu werden.

thisissukie.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburger Nachwuchs: Sängerin Zoe Wees im Interview

Vor drei Jahren war Zoe Wees bei „The Voice Kids“ zu bestaunen. Auch wenn sie damals nicht gewann, ist die 18-Jährige mit der rauen Soulstimme nicht mehr aus dem nationalen Pop-Geschehen wegzudenken. Mehr noch: Zoe Wees, die in ihrer Kindheit mit Rolando-Epilepsie zu kämpfen hatte, strebt eine Weltkarriere an

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Zoe, du warst 15, als du an „The Voice Kids” teilgenommen hast. Was hast du von deinem Ausflug ins Casting-TV gelernt?

Zoe Wees: „The Voice Kids“ war auf jeden Fall eine interessante Erfahrung und hat Spaß gemacht. Aber es hat mir eigentlich nur gezeigt, dass ich lieber selbst Schritt für Schritt eine eigene Karriere aufbauen möchte, mit einem starken Team, das mich unterstützt.

Was würdest du denn generell jungen Talenten empfehlen, um ins Musikgeschäft einzusteigen: die Teilnahme an einer Castingshow oder Eigenmarketing per Social Media? 

Das muss, glaube ich, jeder selbst für sich herausfinden. Ich persönlich finde, man sollte versuchen, sich selbst etwas aufzubauen. Über Social Media zu gehen, ist meiner Meinung nach der beste Weg dafür. Jeder hat eine Chance verdient, und jeder hat dort die Möglichkeit, kreativ zu werden und sich eine Fanbase aufzubauen, vor allem auf Plattformen wie Tiktok oder Instagram.

Nicht fehlen dürfen sicherlich auch Mentoren auf dem frühen Karriereweg. Eine Förderin besingst du in deiner Single „Control“: deine ehemalige Grundschullehrerin. Inwieweit hat sie dich unterstützt?

Sie war damals immer für mich da, wenn es mir schlecht ging. Jedes Mal, wenn ich einen epileptischen Anfall hatte, hat sie mich an die Hand genommen und ist mir zur Seite gestanden. Sie hat sich viel Zeit für mich genommen, was nicht selbstverständlich ist. Dafür bin ihr unendlich dankbar, und darum habe ich den Song „Control“ auch für sie geschrieben. Es war ein sehr emotionaler Moment, als ich ihr den Song zum ersten Mal vorgespielt habe.

 

„Ich habe gelernt, mit der Krankheit zu leben”

 

In „Control“ erzählst du von eben diesen Erfahrungen mit Rolando-Epilepsie. Steht diese deiner Karriere heute noch im Weg? 

Nicht direkt. Die Rolando-Epilepsie ist eine Krankheit, die in den meisten Fällen während der Pubertät ausheilt, und das war glücklicherweise auch bei mir so. Aber auch heute habe ich morgens manchmal noch das Gefühl und die Angst, dass ich einen Anfall haben könnte, obwohl ich eigentlich weiß, dass es nicht sein kann. Das verfolgt mich also weiterhin, aber ich habe gelernt, damit zu leben.

Und wenn besagte Karriere ein Wunschkonzert wäre: Wo genau würdest du als Musikerin bestenfalls noch überall landen? 

In ein paar Jahren würde ich am liebsten auf Welttour gehen und auf den größten Bühnen stehen. Mein größter Traum ist es, vor einer riesigen Menschenmenge aufzutreten und gemeinsam mit den Leuten meine Songs zu singen. Außerdem will ich so viel Musik wie möglich releasen!

Hier könnt ihr in Zoe Wees’ Debüt-Single „Control“ reinhören:


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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