Beiträge

Peter Kadiru: „Ich habe keine richtige Schwäche“

Obwohl erst 24, boxt Peter Kadiru seit drei Jahren ungeschlagen im Profilager. 2020 gewann er den Titel des Deutschen Meisters im Schwergewicht. Ein Gespräch über Muhammad Ali, motivierende Nervosität und Rassismus

Interview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Peter, auf deinem Insta-Profil steht: „Bad energy stay far away“. Was ist für dich Bad Energy?

Peter Kadiru: Wenn Leute negativ drauf sind, dir hintenrum was Schlechtes wollen. Diese Doppeldeutigkeiten: „Sieht gut aus, aber ich würde es nicht tragen.“ Oder die, die dir schlechte Tipps geben oder alles besser wissen.

Mit welchen Gefühlen gehst du in einen Boxkampf? Ist Angst dabei?

Nein. Eher extreme Aufregung. Ich bin vor meinen Kämpfen maximal nervös, aber auch maximal motiviert. Ich muss mir selber sagen: „Ich bin der Beste, niemand kann mich besiegen.“ Würde ich denken, „Boah, mein Gegner ist echt stark, ich weiß nicht, ob das heute klappt“, dann wäre der Kampf schon im Kopf verloren. Ich sage mir immer: „Ich werde dieses Duell gewinnen.“

Wie geht’s dir nach dem Kampf?

Darum liebe ich Boxen so sehr: Ich liebe es, zu gewinnen. Ich bin ein schlechter Verlierer. Die Emotionen, diese Freude, als würde eine Riesenlast von einem fallen. In der Woche des Kampfes ist man extrem aufgeregt, komplett darauf fokussiert. Danach ist man endlich entspannt. In einem Fight, den ich in der zweiten Runde durch K. o. gewonnen habe, hatte ich trotzdem danach Muskelkater, weil ich so angespannt war. Da erkennt man, welche Kräfte im eigenen Körper wirken.

Was ist deine Einlaufhymne?

Kanye West: „Power“. Gibt viel Energie, ich hör das gerne. Das Lied gibt’s schon länger, mein Bruder war auch Boxer und das war sein Einlauflied. Ich wollte das unbedingt übernehmen.

 

Ein schwerer Wechsel

 

Du bist seit drei Jahren Profi. War es schwer, vom Amateurlager ins Profilager zu wechseln?

Ja. Amateurboxen geht nur über drei Runden. Du musst in kurzer Zeit extrem viel schlagen, extrem viel ausweichen. Es ist wie ein Sprint. Usain Bolt hat auch nicht jeden Sprint gewonnen, obwohl er der beste war. So ist es beim Amateurboxen auch. Du kannst der Beste sein, aber wenn du einen schlechten Tag hast, bist du nach drei Runden geliefert. Beim Profiboxen hast du sechs, acht, zehn oder bei internationalen Titelkämpfen sogar zwölf Runden Zeit, um Fehler zu korrigieren. Ein guter Aspekt am Profiboxen.

Du giltst als Ausnahmetalent. Was ist die Ausnahme?

Ich glaube, durch meine sehr erfolgreiche Amateurkarriere – dreimal Europameister, einmal Jugend-Olympiasieger – also, es ist schwer, sich selbst zu loben. Ich sag jetzt, was die anderen sagen: Ich habe einen guten Boxstil, ich bin schnell, ich kann mich gut bewegen, ich kann Druck machen. Ich bin ein Allrounder, ich kann mich auf jede Situation gut einstellen.

Was ist deine größte Schwäche?

(Schreit zum Trainer Christian Morales) Was ist meine Schwäche? (Christian Morales schreit zurück) Auf den Trainer hören.

Auf den Trainer hören? Das stimmt doch gar nicht! (Gelächter) Man kann alles immer verbessern, aber ich habe keine richtige Schwäche. Ich muss einfach noch mehr Erfahrung im Ring sammeln, das ist das Wichtigste.

 

Sparring mit einem der Größten

 

Du warst Sparringspartner bei Anthony Joshua, dem zweifachen Weltmeister im Schwergewicht. Wie war das?

Ich dachte, ich geh da ins Camp, mach etwas Sparring, fliege schnell wieder nach Hause. Aber dann war ich sechs Wochen in seinem Camp in Sheffield. Der hat unglaubliche Trainer, die haben mir viele neue Sachen beigebracht. Toll zu sehen, wie ein Champion Sparring macht. Es gibt Tage, wo er einfach zehn Runden macht, dann auch mal 16 Runden. Mit wechselnden Sparringspartnern. Das ist krass. Auch wie intensiv er arbeitet. Ich wärme mich vor dem Sparring 15 Minuten auf – der 45 Minuten. Dann macht er Sparring und geht danach noch an den Sandsack.

Wie ist das im Sparring mit ihm?

Ich hab noch nie mit jemand Sparring gemacht, der so eine Power hat. Aber seine Coaches haben auch mir gesagt, dass mein Sparring richtig gut war. Ich war der einzige Boxer, der in der Kampfwoche noch bleiben durfte. Ich saß bei seinem WM-Kampf sogar am Ring. Er ist eine Urgewalt. Gut war: Ich habe gemerkt, der ist noch deutlich über mir, aber ich kann auch da hinkommen. Das war wichtig für mich, dass ich erkenne: Wenn ich hart arbeite, komme ich dahin.

Wie ist der privat so?

Richtig cooler Typ. Man sagt ja immer: „Anthony Joshua ist so bodenständig“, aber das ist bei vielen nur vor der Kamera so. Aber AJ ist es wirklich. Er hat mir viele gute Ratschläge gegeben. Eine mega Erfahrung.

 

Ein wertvoller Ratschlag

 

Welchen Ratschlag fandest du besonders gut?

Dass man sich nicht von Social Media beeindrucken lassen soll. Wenn man so berühmt ist wie er, viele Follower hat, dann reden auch viele schlecht über dich: „Der hat kein Kinn, der wurde im Sparring ausgeknockt.“ Die Sachen stimmen nicht, aber das erzählen die Leute über dich. Man muss lernen, das nicht an sich ranzulassen. Ein Ratschlag für die Zukunft.

Du trägst im Ring die Hose in den gleichen Farben wie Muhammad Ali. Weiß mit schwarzen Streifen.

Mich fasziniert, wie er als Mensch war. Er hat sich von niemandem etwas sagen lassen. Er ging seinen Weg. Nicht nur, dass er sich für Schwarze und Bürgerrechte eingesetzt hat, sondern auch, dass er gesagt hat: „Ich gehe nicht als Soldat in den Krieg in Vietnam. Die Leute da haben mir nichts getan. Ihr kämpft gegen mich in meinem Land – warum soll ich für euch woanders kämpfen.“

 

Rassismus

 

Du stehst als schwarzer Deutscher für eine moderne Gesellschaft. Trotzdem ist Rassismus eines der großen Themen unserer Zeit. Wie sind da deine Erfahrungen? Im Ring und privat?

Nur im Alltag. Da kommt es oft vor, dass man blöd angeschaut wird. Es gibt immer Leute mit anderer Hautfarbe, aus anderen Ländern, mit anderer Religion, die sich schlecht benehmen. Aber wenn man ein paar schlechte Äpfel hat, muss das nicht für den ganzen Baum gelten. Leider haben viel zu viele Menschen Vorurteile. Ich glaube einfach, wenn die Leute mehr aufeinander zugehen, sich kennenlernen, dass wir dann alle zusammen besser miteinander leben können. Wir beide haben verschiedene Hautfarben, verstehen uns super, und ich habe nicht gedacht, komischer Typ, weil er weiß ist, und du bist nicht zu mir gekommen und hattest Angst, weil ich schwarz bin. Man muss nur miteinander sprechen. Die Leute haben meist Angst vor Dingen, die sie nicht kennen.

Du bist stolzer Vater einer dreijährigen Tochter. Wirst du sie auf Rassismus vorbereiten?

Eigentlich will ich sie nicht darauf vorbereiten, weil Rassismus so unfassbar sinnlos ist. Aber ich glaube, wenn ich sie nicht vorbereite, weiß sie nicht, was auf sie zukommt. Weil ich meine Tochter liebe, werde ich zu gegebener Zeit mit ihr darüber sprechen. Es ist schade, dass sie in so einer Welt aufwachsen muss. Ich werde ihr die Geschichte des Rassismus erklären, Beispiele erzählen, die in der Vergangenheit passiert sind. Die können aber eben auch in der Zukunft geschehen. Wenn sie später eine Reise in die USA machen sollte, würde ich sagen: „Schatz, pass auf.“ Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich bis dahin doch noch mehr zum Positiven wendet.

Deine Eltern sind aus Ghana, auf deiner Insta-Seite weht neben der deutschen die ghanaische Flagge. Wie wichtig ist Herkunft für dich?

Ich hab die deutsche Flagge, weil ich hier geboren bin. Die ghanaische Flagge habe ich, weil das zu meiner Kultur gehört. Ich habe die deutsche Kultur angenommen, weil ich in Hamburg geboren bin. Die ghanaische ist meine Herkunft. Das ist wichtig für mich, dass ich beide repräsentiere.

instagram.com/peterkadiru/


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

„Sexismus ist etwas, was wir alle internalisiert haben“

Hamburger Nachwuchs: Hamburg Music Award Krach+Getöse für Nachwuchsmusiker, Show bei „Fast ein Festival“ von MS Dockville, frisch gesignt bei Europas erstem Female-MC-Label – die Rapperin Mariybu, 27, startet durch. Mit queerfeministischen Texten, starker Stimme und DIY-Producing

Interview: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Mariybu, wie lange gibst du dem Patriarchat noch?

Mariybu: Ouh. In meinem Traum gebe ich dem Ganzen noch ein paar Tage. In der Realität ist das unrealistisch. Aber man darf ja träumen, nä?

Deine Texte verhandeln männliche Machtstrukturen auf verschiedenen Ebenen. Sexuell, emotional, geschäftlich. Du klingst dabei stark und verletzlich zugleich. Wie viel eigene Erfahrungen schwingen da mit?

Nur. Meine Texte sind alle eigene Erfahrungen. Songtexte schreiben ist wie Tagebuchschreiben für mich. Es ist nicht so, dass ich denke, ich will über das schreiben, dann schreibe ich darüber. Es ist das, was mich gerade beschäftigt. Dann wird daraus ein Song. Dass es politisch wird, ist nicht beabsichtigt. Das Persönliche wird dann politisch.

Wann und wie bist du zum Rap gekommen?

2018. Als Kind hab ich Tic Tac Toe und so gehört, dann aber lange keinen Rap mehr. Ich kannte nur noch frauenverachtende Texte, wie von Bushido und Sido. Ich habe nicht gecheckt, warum ich mir Texte geben soll, die mich beleidigen. Ich habe spät meinen Weg zurückgefunden. Das hat angefangen mit einem Konzert von Finna, eine queerfeministische Rapperin und Aktivistin aus Hamburg. Das hat mich super berührt. Ich habe angefangen, Texte zu schreiben, habe mich mit Finna getroffen. Dann kam der 365Female*MCs-Blog von Mona Lina. Der startete Ende 2018. Lina Burghausen hat ganz, ganz viele gepostet, die ich mir als Vorbilder nehmen konnte. Das hat mich empowered, selber weiterzumachen. Dann habe ich vor zweieinhalb Jahren angefangen, zu produzieren.

 

Gegen strukturelle Benachteiligung

 

Du bist auch auf dem Label 365XX von Lina „Mona Lina“ Burghausen gesignt.

Das Label ist einfach geil. Es signt nur FLINTA*s: Frauen, Lesben, Inter-, Nicht-binäre-, Trans-, Agender-Personen – also Menschen, die aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität patriarchal diskriminiert werden. 365XX sagt nicht: Wir wollen Cis-Männer, also Männer, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurden, ausschließen. Aber wir sehen, dass FLINTA*s strukturell benachteiligt sind. Deshalb supporten wir sie. Das finde ich einfach krass, weil es so ein Label bisher noch nicht gab. Ich finde es super-beeindruckend, dass sie das machen, wie sie das machen und dass sie sich das trauen.

Welche Vorbilder hast du neben Finna?

Ebow war und ist für mich ein Riesenvorbild. Die ist unglaublich. Sie steht als queere Person in der Öffentlichkeit, macht voll ihr eigenes Ding, ohne sich was vorschreiben zu lassen. Auch ein ganz großes Vorbild: KeKe aus Wien. Was ich auch bei ihr krass finde: Sie ist stark und verletzlich zugleich.

Gibt’s auch sexistische Rapperinnen? Cardi B und Megan Thee Stallion waren in der Diskussion mit ihrem Wet-Ass-Pussy Song.

Wet-Ass-Pussy finde ich gar nicht sexistisch. Das ist superempowernd. Die eigene Sexualität, den eigenen Körper feiern wie auch Shirin David, da seh ich keinen Sexismus. Natürlich gibt es auch sexistische Rapperinnen. Sexismus ist ja etwas, was wir alle internalisiert haben. Ich selber bin an bestimmten Punkten auch noch sexistisch und lerne dazu, weil wir einfach alle im Patriarchat aufgewachsen sind. Das ist ein ewig langer Lernprozess.

Du kämpfst nicht allein für Feminismus, sondern mit dem Rap-Kollektiv Fe*Male Treasure und im Duo mit Girrrlitas. Kämpft ihr ausschließlich musikalisch oder noch mit anderen Waffen?

Ich bin Feministin 24/7. Wenn ich auf der Straße bin und irgendwas mitbekomme, mische ich mich ein. Wenn mir irgendwas passiert, führe ich Diskussionen. Es ist jeden Tag politische Arbeit. Ich geh auf Demos, wir treten auf Demos auf, bei Soli-Veranstaltungen. Femrep ist auch eine ganz tolle Gruppe. Da war ich mal, bin aber leider nicht mehr aktiv. Es ist nicht nur die Musik. Ich betreibe neben ihr auch noch Lohnarbeit, und in dem Unter- nehmen, wo ich arbeite, sind leider öfter Situationen, die echt scheiße sind. Und die spreche ich dann an. Das betrachte ich auch als feministische Arbeit.

 

Sexismus

 

Was war die sexistischste Scheiße, die du dir je anhören musstest?

„Ich kann kein Sexist sein, ich mag doch Sex.“ Das war auf der Familienfeier von einem Ex-Freund. Da wusste ich nicht genau, wo ich ansetzen sollte. Da hab ich gemerkt: Gut, da fehlt viel Wissen (lacht).

Deine Generation treibt Veränderungen voran wie wenige vor ihr. #MeToo, Black Lives Matter, Fridays for Future. Gleichzeitig hält eine neue Strenge Einzug. Amanda Gorman, die junge Dichterin von Bidens Inauguration, darf nur von Schwarzen übersetzt werden. In den Amazon Studios sollen nur noch Homosexuelle Homosexuelle spielen.

Dass Schwarze nur von Schwarzen übersetzt werden dürfen, kann ich total nachvollziehen. Das ist ein Job. Wenn die sagen, es geht auch darum, uns untereinander zu supporten, dann finde ich das gut. Es ist superindividuell. Kann sein, dass ich ein Feature nur mit einer queeren Person machen will. Ich arbeite aber auch mit anderen Leuten. Allerdings nur, wenn die nicht gegen meine grundlegenden moralischen Werte sind. Ich würde nie mit einem sexistischen Rapper ein Feature machen. Ich arbeite aber auch mit Cis-Männern. Einige meiner Videos macht ein Cis Mann. Er supportet, wofür ich stehe, ist kein Arschloch. Deshalb mach ich das mit ihm. Aber wenn ich für einen Job eine queere und eine nichtqueere Person habe, die gleich gut sind, würde ich die queere Person nehmen. Einfach, weil sie strukturell benachteiligt ist, nicht die gleichen Chancen hat.

Der Kapitalismus ist auf den Bewusstseins-Zug aufgesprungen: Großbanken geben Kreditkarten in Regenbogenfarben aus, Werbung wird immer diverser. Ärgerlich oder halb so schlimm, weil die richtige Botschaft transportiert wird?

Ich steh superambivalent dazu. Einerseits finde ich es ätzend, dass einen Monat lang überall Regenbogenflaggen bei irgendwelchen Scheißunternehmen flattern, dann ist der Monat vorbei und es wieder aus den Köpfen weg. Die Diskriminierung innerhalb des Unternehmens ist aber noch da. Das finde ich scheiße. Cool wäre, wenn sie weiter darüber hinausdenken. Wenn es nicht nur um Geld geht. Wenn sie sagen, ok, wir hissen hier die Flagge, und im Teammeeting sprechen wir über die Diskriminierung von queeren Menschen und wie wir das verändern können. Dann finde ich das geil. Aber nur als kapitalistisches Verkaufsding ist es zu kurz. Aber wer weiß, vielleicht ändert sich dadurch trotzdem was in den Köpfen. Ich hoffe es.

Wie findest du die Golden-Era-Rap-Generation? Biggie, Eminem, Wu-Tang und Kollegen? Die waren ja durchaus homophob und sexistisch in ihren Texten.

Die Dinge, wofür die gekämpft haben, sind ganz andere. Natürlich waren das Wegbereiter, die haben gute Sachen gemacht, für krasse Sachen gekämpft. Man muss es auch immer zeitlich einordnen. Trotzdem: Das ist keine Entschuldigung. Homophobe Scheiße geht auf keinen Fall. Das war damals auch schon scheiße.

Wann ist mit deinem ersten Album zu rechnen?

Meine erste EP erscheint am 3. September. Album, mal gucken. Es ist noch nichts in Planung direkt, aber es ist nicht auszuschließen, dass da noch ein Album kommt.

instagram.com/mariybu_


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2021. Das Magazin ist seit dem 28. August 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Grafy: „Kunst kann man nicht lernen“

Grafy, 23, entschied sich nach dem Abitur, hauptberuflich Künstler zu werden. Das Zusammenspiel von Abstraktion und Realismus zeichnet seine Kunst aus. Sein Malstil kombiniert Techniken und Arbeitsweisen vergangener Epochen auf neue Art und Weise. Grafy hat mittlerweile Kunden in aller Welt

Inteview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Grafy, wie hast du gemerkt, dass du Künstler werden willst?

Grafy: Das ist eigentlich ein ganz natürlicher Prozess gewesen. Der einschneidenste Punkt war tatsächlich: Mit 16 war ich in New York, habe dort die ganzen großen Künstler in Museen gesehen und war absolut begeistert. Mich hat die Frage getrieben, was einen Künstler veranlasst, seine Werke zu machen. Daraus ist meine Energie entstanden, Kunst zu machen. Das hat sich mit der Zeit geformt, und jetzt sind es diese alltäglichen Dinge wie Gespräche, die mich inspirieren. Es kann alles sein, was mich zu einem Werk treibt.

Wie waren die Reaktionen in Familien- und Freundeskreis?

Langwieriger Prozess (lacht). Also, das Wort „Brotlose Kunst“ wird einem natürlich schnell in die Wiege gelegt. Ich war überzeugt, dass das so nicht sein wird. Und nachdem ich da mit so einer Leidenschaft ran gegangen bin, wusste ich, dass ich Erfolg haben werde – wenn ich es so in meinem Herzen weiter fühle. Aber die ersten zwei Jahre waren schon manchmal ein Überzeugungskampf. Danach hatte ich dann die volle Unterstützung. Viele Zweifler sind heute irgendwie kleine große Fans.

Wäre für dich noch ein anderer Beruf infrage gekommen?

Nein, absolut nicht.

 

Der eigene Weg

 

Du bist Autodidakt, warst nie auf einer Kunsthochschule. Warum?

Die Düsseldorfer Kunstakademie hatte einen Claim auf der Website: „Kunst kann man nicht lernen.“ Das ist auf alle Fälle mein Motto. Ich liebe es, aus mir selbst die Kunst herauszuziehen und daraus mein eigenes Weltbild und meine eigene Kunst zu erschaffen. Deshalb habe ich mich dagegen entschieden.

Wie würdest du deinen Stil bezeichnen?

Ich habe bewusst einen Künstlernamen gewählt, der einen – meinen – Stil beschreiben könnte: Grafy. So steht eine Mixtur aus Graffiti, Fotografie und Kalligrafie für meinen Malstil – keine gelernte, ‚klassisch-etablierte‘ Stilrichtung.

Was macht gute Kunst für dich aus?

Das ist sehr individuell. Und natürlich subjektiv. Für mich macht gute Kunst aus, dass sie Tiefgang und Energie hat. Und dass sie etwas mit den Menschen macht. Beziehungsweise, was sie mit mir macht. Wenn ich ein Kunstwerk anschaue, dann soll es einfach vor Energie strotzen, ein Thema haben, es auf den Punkt bringen. Das macht für mich gute Kunst aus.

Hast du Vorbilder?

Vorbild ist so ein Wort … Ich würde sagen, dass ich bei Menschen Inspiration finde. Und ich finde den Gedanken toll, dass mein eigenes schaffendes Zukunfts-Ich mein Vorbild sein könnte (lacht).

Hast du einen Plan, wo dein Zukunfts-Ich in zehn Jahren stehen soll?

Man weiß natürlich nie, wie sich der Weg so entwickelt und was daraus entsteht, aber ich weiß auf alle Fälle, dass ich bestimmte Dinge noch erreichen möchte. Vor allem möchte ich den Weg dahin genießen.

 

Ran an die Großen

 

Du traust dich an die ganz Großen ran: Muhammad Ali, Nelson Mandela, Karl Lagerfeld, Frida Kahlo. Faszinieren dich Ikonen, ist das ein Kommentar zum Personenkult oder ganz unironisch eine Verbeugung vor ihnen?

Tatsächlich, wie anfangs gesagt, interessiert mich: Was treibt eine bestimmte Persönlichkeit an? Ich habe sehr viel über Künstler gelesen und irgendwann bin ich auf Ikonen gestoßen. Ich habe mich da eingelesen und fand sehr viele Persönlichkeiten, wie zum Beispiel Nelson Mandela und Muhammad Ali unheimlich stark. Das ist zum einen die Ikone, und wenn man dann in die Tiefe geht, bekommt man ein komplett anderes Bild von der Person. Und das finde ich unglaublich spannend, daraus für sich selbst seine Lehren zu ziehen.

Deine Bilder sind dann auch so eine Art Tiefenanalyse.

Auf alle Fälle. Ich habe deren Leben sozusagen dargestellt. Habe versucht, das in einem Bild kompakt zu präsentieren. Oder auch eine bestimmte Lebenssituation.

Was bewegt dich sonst noch so?

Ich liebe die Ästhetik. Ich liebe psychologische Themen. Wenn ich eine Person interessant finde und sie eine Emotion bei mir auslöst, dann stelle ich sie dar. Das finde ich unheimlich spannend.

 

Selfmade

 

Hast du eine Galerie, die dich vertritt oder vermarktest du dich selbst?

Ich vermarkte mich tatsächlich selbst, aber ich habe auch Galerien, mit denen ich zusammenarbeite.

Wie vermarktest du dich?

Soziale Medien spielen eine Rolle. Aber hauptsächlich über mein eigenes Netzwerk.

Wie hast du das aufgebaut?

Auch das ist wieder ein Prozess. Ich bin zu Ausstellungen gegangen, habe versucht, Menschen aus der Kunst kennenzulernen. Davon lebt ja auch meine Kunst. Ich liebe es, mich zu unterhalten, zu lernen, daraus Inspiration zu ziehen. Und irgendwann lernt man dann Menschen kennen, die verstehen, was man mit seiner Kunst ausdrücken will. Und diese Menschen unterstützen einen dann, indem sie die Kunst kaufen.

Hattest du so etwas wie einen Mäzen, der dich besonders gefördert hat?

Ich habe Kunstsammler als Kunden, die mehrere Werke gekauft haben, aber einen Mäzen als solchen nicht.

Was kostet ein echter Grafy?

Kommt darauf an. 3.000 Euro aufwärts und es geht dann je nach Größe auch ins Fünfstellige. Einen fixen Preis zu nennen, ist schwierig, aufgrund der unterschiedlichen Techniken, Maße und Materialien.

Graffiti kommt aus dem HipHop-Kontext. Hörst du Rap?

Ich höre vieles gern, auch Rap. Aber ich komme nicht aus der Streetart-Szene. Auch wenn meine Kunst viele Streetart-Einflüsse hat. Aber das liegt daran, dass ich Graffities unheimlich interessant finde, wegen der hohen Lack-Deckkraft, einer Verschmelzung aus Pigmenten und Harz. Ich finde aber auch Kalligrafie spannend, experimentiere viel mit Materialien.

 

Darum Hamburg

 

Du bist von Lübeck nach Hamburg gezogen. Warum?

Ich liebe das Hanseatische. Die Kunstwelt hier ist offener. Ich habe mich da sofort hingezogen gefühlt. Ich war, wie gesagt, auch auf vielen Ausstellungen, und der Kulturbereich hier ist natürlich anders als in Lübeck. Ich liebe Hamburg und werde hier auf alle Fälle länger bleiben.

Was inspiriert dich an Hamburg?

Vor allem die Menschen.

Was würdest du jungen Menschen mit auf den Weg geben, die auch Künstler werden wollen?

Einfach machen. Jeden Tag dahinter zu sein. Sich ein Ziel vor Augen zu setzen, wo man hinmöchte. Das zu definieren. Galerien, Ausstellungen, Museen besuchen, sich weiterentwickeln. Immer daran festhalten.

Wann und wo kann man deine nächste Ausstellung besuchen?

Im Oktober in der Barlach Halle K am Klosterwall.

grafy.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Juli 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Hamburger Nachwuchs: Taschenlabel OAK25

Aus dem Hamburger Stadtbild sind sie kaum noch wegzudenken: Die Rucksäcke und Bauchtaschen von Oak25, die nicht nur praktisch und stylish sind, sondern durch ihre reflektierende Oberfläche auch Sicherheit im Straßenverkehr bieten. Hinter dem Label stecken die beiden Hamburger Emil Woermann, 19, und Jacob Leffers, 21

Interview: Daniel Schieferdecker

 

SZENE HAMBURG: Emil und Jacob, wie habt ihr beiden euch kennengelernt?

Emil: Wir kennen uns seit Grundschulzeiten aus dem Chor. Mit Einsetzen des Stimmbruchs hatte sich das Singen jedoch erledigt, und das entstandene Freizeitvakuum haben wir mit unzähligen Projekten gefüllt.

Jacob: Wir hatten einen YouTube-Kanal, haben eine Website …

Emil: … und einen Computer gebaut. Vor zwei Jahren haben wir darüber sogar ein Buch geschrieben: „Secret Book For Digital Boys“.

Jacob: Für uns war so etwas immer erfüllender, als jeden Tag nur vorm Computer zu sitzen und Fifa zu zocken.

Meist waren es digitale Projekte, um die es ja auch in eurem Buch geht. Warum?

Jacob: Uns hat es immer schon Spaß gemacht, sich in die Komplexität digitaler Themen reinzudenken. Ein Buch darüber hätten wir damals selbst gerne gehabt, aber das gab’s nicht. Also haben wir es kurzerhand selbst geschrieben.

 

„Wir sind da sehr naiv rangegangen“

Jacob Leffers

 

Wie kam es dann zur Gründung von Oak25?

Emil: In der Stadt nutzen wir zur Fortbewegung vor allem das Fahrrad. Unsere Eltern wollten immer, dass wir Warnwesten anziehen, damit wir von Autofahrern gesehen werden. Das fanden wir aber immer semi-sexy und kamen daher auf die Idee, reflektierende Rucksäcke zu machen.

Jacob: Das war der Ausgangspunkt für unsere Luminant Bag.

Wie habt ihr das finanziert?

Emil: Uns selbst fehlte das nötige Geld, also haben wir gekickstartert. Mit dem eingesammelten Startkapital von 20.000 Euro konnten wir loslegen.

Was waren die ersten Schritte?

Jacob: Wir sind da sehr naiv rangegangen. Wir dachten, wir zeichnen das mal auf und zeigen das jemandem, der uns daraus dann ein Muster näht – aber so einfach funktioniert das natürlich nicht. Allein das Zeichnen der Rucksäcke war kompliziert. Erst habe ich das auf Papier gemacht, aber damit konnte niemand arbeiten. Daraufhin hat Emil sich in Photoshop reingefuchst und darin die erste Vorlage erstellt.

Warum habt ihr nicht andere Leute gebeten, das für euch zu übernehmen?

Jacob: Weil wir uns in sämtliche Bereiche unseres Unternehmens lieber selbst reinfuchsen. Das dauert zwar und ist manchmal auch frustrierend, kostet aber weniger Geld und führt dazu, dass wir ständig lernen, uns weiterentwickeln und uns in allen Bereichen, die unsere Firma betreffen, perfekt auskennen.

Klingt, als hättet ihr beide eine Menge Geduld und eine hohe Frustrationstoleranz.

Jacob: Es gibt immer mal Phasen, durch die man sich ein bisschen quält, aber dass wir stets am Ball geblieben sind, hat uns eben auch erst vorangebracht. Und es dann geschafft zu haben, fühlt sich doppelt gut an.

„Wir haben uns gefühlt wie Steve Jobs“

Emil Woermann

 

Warum der Name Oak25?

Emil: Der hat mit dem Sitz unseres ersten Büros zu tun: in der Eichenstraße 25. Das war noch bei meinen Eltern. In deren Fahrradkeller.

Jacob: Büro ist leicht übertrieben – da stand halt ein Schreibtisch. (lacht) An dem saßen wir jeden Abend und haben gearbeitet.

Emil: Wir hatten immer die Vorstellung, ein Büro zu brauchen. Eigentlich voll unwichtig, aber das hat uns die Vision für das Ganze eröffnet. Wir haben uns dadurch ein bisschen wie Steve Jobs gefühlt, bei dem ja auch alles in seiner Garage angefangen hat. Mittlerweile haben wir aber richtige Büroräume in der Eimsbütteler Chaussee.

Wie sind eure Eltern mit eurer Geschäftstüchtigkeit umgegangen?

Emil: Die fanden das immer cool und haben uns unterstützt. Deren Sorge war bloß, dass die Schule dabei hintenüberfällt – oder später mein E-Commerce-Studium. Das pausiere ich aber gerade.

Gehst du davon aus, das Studium weiterzuführen?

Emil: Ich glaube nicht. Das hat zwar Spaß gemacht, war mir aber viel zu theoretisch.

Jacob: Ich habe meine E-Commerce- Ausbildung auch pausiert. Was uns immer gestört hat: Dass es immer darum geht, was man tun würde, wenn man mal in einem entsprechenden Unternehmen arbeitet. Wir haben stattdessen lieber ein Unternehmen gegründet und all unsere Ideen praktisch umgesetzt, nicht nur theoretisch.

 

„Wir zahlen uns keine Megagehälter aus, sondern konzentrieren uns vorrangig aufs Wachstum“

Emil Woermann

 

Könnt ihr von Oak25 schon leben?

Jacob: Ja. Im letzten Jahr haben wir Investoren gefunden, was es uns ermöglicht, das Ganze Vollzeit zu betreiben.

Emil: Wir zahlen uns aber keine Megagehälter aus, sondern konzentrieren uns vorrangig aufs Wachstum. Aber wir können davon leben und unsere Mitarbeiter bezahlen.

Wie viele Exemplare gab es von eurer ersten Kollektion?

Emil: 8.000 Stück. Die waren aber schnell ausverkauft.

Könnt ihr euch noch daran erinnern, als ihr das erste Mal auf der Straße einen Fremden mit einem eurer Rucksäcke gesehen habt?

Jacob: Ja. Da bin ich mit dem Fahrrad übern Jungfernstieg gefahren und hab da innerhalb von fünf Minuten drei Leute mit unserem Rucksack gesehen. Das war schon krass. Ich bin selten mit einem so breiten Grinsen nach Hause gefahren.

Ihr seid Freunde, die nun auch Geschäftspartner sind. Macht es das leichter oder schwieriger?

Emil: Sowohl als auch. Wir reden schon viel übers Geschäft. Gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass wir im Büro nicht nur ständig über Privates quatschen.

Ihr wohnt auch noch zusammen. Ihr seht euch also nur nicht, wenn ihr schlaft.

Jacob: (lacht) Abends sind wir schon auch gerne mal für uns alleine. Und im Büro hat jeder von uns seine Aufgabenbereiche, sodass wir auch da nicht ständig aufeinanderhocken. Ich bin vorrangig fürs Marketing zuständig … Emil: … und ich betreue die IT und die ganze Administration – von Steuern bis Personal.

Was waren bisher die wichtigsten Learnings?

Emil: Dass man keine Angst haben sollte, Dinge direkt anzugehen. Manchmal macht es zwar Sinn, vorher noch mal einen Schritt zurückzugehen und mit etwas Abstand draufzukucken, aber uns hat es immer geholfen, direkt loszulegen. Und wenn man mal einen Fehler macht – auch nicht schlimm. Beim nächsten Mal ist man schlauer.

oak25.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Hamburger Nachwuchs: Sängerin Sukie

Gerade mal ein Jahr ist es her, dass Sukie ihren ersten eigenen Song veröffentlichte. Doch spätestens, als im Oktober ihre Debüt-EP „Love And Impatience“ erschien und die Kunde von einer neuen, talentierten Sängerin aus Hamburg die Runde machte, war klar: Mit Sukie wird zukünftig zu rechnen sein. Im Interview spricht die 22-Jährige über Schwermut als Treibstoff, das derzeitige Darben der Kreativszene und Lichter am Ende des Tunnels

Interview: Daniel Schieferdecker

 

SZENE HAMBURG: Sukie, wie bist du zur Musik gekommen?

Sukie: Musik war immer ein großer Teil meines Lebens. Ich war ein sehr ruhiges Kind, habe viel Zeit mit mir selbst verbracht – und dabei fast immer Musik gehört und gesungen. Ich habe es dann aber eine Weile schleifen lassen – bis vor drei Jahren mein bester Freund bei einem Autounfall gestorben ist.

Und dann?

Das war jemand, der sehr krass gelebt hat; der immer seinen Weg gegangen ist und das gemacht hat, was er machen wollte. Da ist mir bewusst geworden, dass ich viel zu lange meine Zeit mit Dingen vergeudet habe, die mich nicht erfüllen – das ist für viele Leute ja deren Realität. Aber das wollte ich nicht.

Ich habe dann einen Coversong bei Instagram hochgeladen, coole Reaktionen darauf bekommen und weitergemacht. Im Oktober kam dann meine erste EP „Love And Impatience“.

Bist du tatsächlich so ungeduldig, wie es der EP-Titel verheißt?

Ja, ganz schlimm! Wenn ich Dinge nicht auf Anhieb kann, höre ich sofort wieder damit auf. Ich werde sonst wahnsinnig. (lacht)

Deine Pressesgentur hat dich angepriesen als „junge Frau mit Charakter“. Was meinen die damit?

(lacht schrill) Wenn ich das nur wüsste! Hat nicht jeder einen Charakter? Aber sagen wir so: Ich bin in gewissen Dingen sehr speziell – aber auf eine gute Art und Weise.

Das musst du erklären.

Ich bin sehr feinfühlig, eine sehr empathische Person. Das schadet mir manchmal zwar auch, weil ich oft mehr bei anderen bin als bei mir. Aber das ist etwas, das mich ausmacht.

 

 

Deine Lyrics schreibst du auf Englisch. Warum?

Ich habe einen besseren Zugang zu der Sprache. Deutsch als Muttersprache ist einfach zu nah an mir dran. Das Englische ermöglicht mir eine etwas objektivere Sicht auf die Dinge. Aber: Ich bin bilingual aufgewachsen, weil meine Mutter lange in London gelebt hat.

In deinen Songs liegt viel Schwere, in den meisten geht es um düstere Themen. Ist das deine Art der Verarbeitung?

Ja, absolut. Ich kann aber keine Songs schreiben, wenn es mir richtig schlecht geht. Das passiert erst danach, wenn ich die Situation für mich selbst schon ein bisschen verarbeitet habe.

Du machst nicht nur Musik, sondern studierst auch Ethnologie und klassische Archäologie. Inwiefern hat dein Studium Einfluss auf deine Songs?

In vielerlei Hinsicht: Durch das Ethnologie-Studium bekommt man einen sehr weiten Blick darauf, wie die Menschen auf der Welt in der Gesellschaft funktionieren.

Kennst du den Begriff der kulturellen Universalien? Das sind Dinge, die nicht kulturabhängig variieren, die es in jeder Gesellschaft gab und gibt – und eine davon ist Musik. Das finde ich spannend: dass Musik, unabhängig vom Text, eine Sprache ist, die von jedem überall auf der Welt verstanden werden kann.

 

„Ich sehe gerade ganz viele Existenzen sterben“

 

Vor Corona hast du in einer Bar gearbeitet. Seit einem Jahr nun nicht mehr. Hatte das einen Einfluss auf deine Musik?

Total! Ich habe immer gerne Gastro gemacht, aber das schlaucht auch – zumal das ein Job ist, der dir menschlich nicht viel zurückgibt und deinen Schlafrhythmus total zerschießt.

Durch den Wegfall dieses Jobs hatte ich nun mehr Zeit, mich auf mich selbst zu konzentrieren. Mich zu fragen: Wer will ich sein? Wie will ich klingen? Das hat mir geholfen. So perfide es klingen mag: Ein Stück weit bin ich tatsächlich dankbar für die Situation. Aber jetzt ist auch gut. (lacht)

Welche negativen Einflüsse hatte die Pandemie auf dich?

Ich hatte dadurch viel Zeit zu zweifeln. Zwischendurch bin ich in tiefe Löcher gefallen und hab mich gefragt, wofür ich das eigentlich mache, wenn es ja doch niemand  zu hören bekommt – vor allem nicht live.

Ich kriege ja auch mit, was in meinem Umfeld los ist, wo viele Leute professionell Musik machen. Ich sehe gerade ganz viele Existenzen sterben, Clubs schließen, eine ganze Branche untergehen.

Wie motivierst du dich, trotzdem weiterzumachen?

Indem ich versuche, mich darauf zu besinnen, Kunst nicht für andere, sondern in erster Linie für mich selbst zu machen. Trotzdem macht die Situation mir Angst. Ich saß durchaus schon mit Heulkrämpfen im Studio. Aber eigentlich bleibt einem gar nichts anderes übrig, als positiv zu bleiben und nicht den Glauben zu verlieren.

 

 

Hast du eigentlich eine Lieblingszeile von dir?

Ja, aus „Hit Me“. Da singe ich: „And the night might be yours, but the morning is mine.” Die finde ich sehr schön. Es gibt auch noch eine andere, aber die ist noch nicht veröffentlicht. Kann ich daher nicht verraten, sonst klaut die noch einer. (lacht)

Wenn es unveröffentlichte Textzeilen von dir gibt: Kommt dann dieses Jahr noch was Neues von dir?

Auf jeden Fall! Wahrscheinlich noch eine EP. Und dann mal schauen, wie es insgesamt mit der Musik und Kultur hier weitergeht. Ich habe auf jeden Fall noch einige sehr, sehr gute Songs, die nur darauf warten, veröffentlicht zu werden.

thisissukie.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Hamburger Nachwuchs: Sängerin Zoe Wees im Interview

Vor drei Jahren war Zoe Wees bei „The Voice Kids“ zu bestaunen. Auch wenn sie damals nicht gewann, ist die 18-Jährige mit der rauen Soulstimme nicht mehr aus dem nationalen Pop-Geschehen wegzudenken. Mehr noch: Zoe Wees, die in ihrer Kindheit mit Rolando-Epilepsie zu kämpfen hatte, strebt eine Weltkarriere an

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Zoe, du warst 15, als du an „The Voice Kids” teilgenommen hast. Was hast du von deinem Ausflug ins Casting-TV gelernt?

Zoe Wees: „The Voice Kids“ war auf jeden Fall eine interessante Erfahrung und hat Spaß gemacht. Aber es hat mir eigentlich nur gezeigt, dass ich lieber selbst Schritt für Schritt eine eigene Karriere aufbauen möchte, mit einem starken Team, das mich unterstützt.

Was würdest du denn generell jungen Talenten empfehlen, um ins Musikgeschäft einzusteigen: die Teilnahme an einer Castingshow oder Eigenmarketing per Social Media? 

Das muss, glaube ich, jeder selbst für sich herausfinden. Ich persönlich finde, man sollte versuchen, sich selbst etwas aufzubauen. Über Social Media zu gehen, ist meiner Meinung nach der beste Weg dafür. Jeder hat eine Chance verdient, und jeder hat dort die Möglichkeit, kreativ zu werden und sich eine Fanbase aufzubauen, vor allem auf Plattformen wie Tiktok oder Instagram.

Nicht fehlen dürfen sicherlich auch Mentoren auf dem frühen Karriereweg. Eine Förderin besingst du in deiner Single „Control“: deine ehemalige Grundschullehrerin. Inwieweit hat sie dich unterstützt?

Sie war damals immer für mich da, wenn es mir schlecht ging. Jedes Mal, wenn ich einen epileptischen Anfall hatte, hat sie mich an die Hand genommen und ist mir zur Seite gestanden. Sie hat sich viel Zeit für mich genommen, was nicht selbstverständlich ist. Dafür bin ihr unendlich dankbar, und darum habe ich den Song „Control“ auch für sie geschrieben. Es war ein sehr emotionaler Moment, als ich ihr den Song zum ersten Mal vorgespielt habe.

 

„Ich habe gelernt, mit der Krankheit zu leben”

 

In „Control“ erzählst du von eben diesen Erfahrungen mit Rolando-Epilepsie. Steht diese deiner Karriere heute noch im Weg? 

Nicht direkt. Die Rolando-Epilepsie ist eine Krankheit, die in den meisten Fällen während der Pubertät ausheilt, und das war glücklicherweise auch bei mir so. Aber auch heute habe ich morgens manchmal noch das Gefühl und die Angst, dass ich einen Anfall haben könnte, obwohl ich eigentlich weiß, dass es nicht sein kann. Das verfolgt mich also weiterhin, aber ich habe gelernt, damit zu leben.

Und wenn besagte Karriere ein Wunschkonzert wäre: Wo genau würdest du als Musikerin bestenfalls noch überall landen? 

In ein paar Jahren würde ich am liebsten auf Welttour gehen und auf den größten Bühnen stehen. Mein größter Traum ist es, vor einer riesigen Menschenmenge aufzutreten und gemeinsam mit den Leuten meine Songs zu singen. Außerdem will ich so viel Musik wie möglich releasen!

Hier könnt ihr in Zoe Wees’ Debüt-Single „Control“ reinhören:


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Hamburger Nachwuchs: Diskuswerfer Mika Sosna

16 Jahre, 1,98 Meter, 100 Kilo – und Weltranglistenerster im Diskuswerfen in seiner Altersklasse: Das ist Mika Sosna. Ein Gespräch mit dem womöglich nächsten Leichtathletik-Superstar der Stadt

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Mika, du giltst als Hamburgs aktuell größte Leichtathletik­hoffnung. Kommst du damit zurecht oder spürst du einen zunehmenden Druck?

Mika Sosna: Och, ich komme relativ gut damit klar, Druck habe ich bisher noch nicht gespürt. Im Gegenteil: Die Aufmerksamkeit, die ich jetzt bekomme, spornt mich sogar an. Als ich noch keine anständigen Leistungen gebracht habe, hatte ich natürlich auch noch keine Medienpräsenz. Mittlerweile habe ich aber etwas erreicht und genieße es, wenn über mich berichtet wird und die Leute mehr von mir erfahren wollen.

Und generell: Bist du jemand, der rund um die stressigen Wettkämpfe viel nachdenkt und darüber sprechen möchte, sei es mit Trainern, Eltern oder Freunden?

Ich bin kein großer Nachdenker. Das einzige, worüber ich nach dem Sport zu Hause nachdenke, ist: Was könnte ich noch besser machen? Und: Welche neuen Trainingsmethoden könnte ich noch ausprobieren? Auch während des Wettkampfs denke ich nicht groß nach. Ich probiere dann einfach, mein Ding zu machen.

Keine Angst oder Nervosität?

Doch, ein bisschen Schiss habe ich manchmal schon vor einem Wettkampf. Wobei sich das deutlich gebessert hat im vergangenen Jahr.

Wie ist es besser geworden? Schlichtweg durch Erfahrung?

Genau, ich habe mich Wettkampf für Wettkampf an diese Situationen gewöhnt, in denen alle auf mich schauen. Eine gewisse Grundnervosität bleibt aber und ist ja auch normal.

 

„Olympia ist mein großes Ziel“

 

Wann hast du eigentlich ent­schieden, Leistungssport auf Dauer betreiben zu wollen – und warum?

Ich habe vor anderthalb Jahren den Trainer und den Verein gewechselt, bin von der Leichtathletikabteilung des HSV zur TSG Bergedorf gegangen. Mit meinem neuen Trainer kamen auch deutliche Leistungssprünge, und irgendwann war mir klar: Ich möchte im Leistungssport bleiben und in den Erwachsenenbereich.

Und warum der Diskuswurf ?

Dass ich ein Werfer werden würde, war schon relativ früh klar. Liegt einfach an meiner Statur, ich könnte kein Sprinter oder Mehrkämpfer sein. Vor zwei Jahren habe ich mich dann ganz gezielt auf den Diskus konzentriert.

Aktuell bist du mit einer Weite von 64,05 Metern Weltranglistenerster in deiner Alters­ klasse, visierst aber sicher schon Höheres an, zum Beispiel Olympia …

… das ist mein großes Ziel. Wenn ich verletzungsfrei bleibe und alles passt, möchte ich 2024 in Paris dabei sein. Noch realistischer sind die Spiele danach, nämlich 2028 in Los Angeles.

Würdest du dich als Höher­-Schneller­-Weiter-­Typen beschreiben?

Ja, definitiv! Klar, wenn man mir vor einem halben Jahr gesagt hätte, dass ich heute bei der Weite liegen würde, bei der ich liege, hätte ich mich ohne Ende gefreut. Aber mit der Zeit hat sich meine Einstellung etwas geändert, ich bin nie voll und ganz zufrieden mit meinen Weiten.

Warum nicht?

Weil ich weiß, dass immer noch deutlich mehr drin ist. Es mag für Außenstehende komisch wirken, wenn sich alle über eine gute Leistung von mir freuen und nur mein Trainer und ich eher ruhig bleiben. Das liegt aber nur daran, dass wir wissen, dass da noch viel mehr geht.

 

„Alles ist auf Sport gerichtet“

 

Die guten Ergebnisse, aber auch der Aufbau von einem Athletenkörper kosten viel Zeit und Kraft. Wie muss man sich deinen Alltag vorstellen?

Alles ist auf Sport ausgerichtet. Glücklicherweise gehe ich zu einer Eliteschule des Sports, die Athleten massiv fördert. Die Schule tut wirklich extrem viel für uns, ohne sie wäre ich nicht da, wo ich heute bin.

Was tut die Schule denn kon­kret?

Sie bietet zum Beispiel ein Abitur nach 14 anstatt nach 13 Jahren an. Außerdem ist es möglich, auch während der Schulzeit ein Frühtraining zu absolvieren, jeden Morgen. Das hilft total, wenn man eh mehrere Trainingseinheiten am Tag hat.

Und auf was musst du – ver­glichen mit Gleichaltrigen – schmerzvoll verzichten?

Vor allem natürlich aufs Feiern. Sich mit seinen Jungs zu treffen, abends irgendwohin zu gehen – das ist in meinem Alltag nicht möglich. Tagsüber bin ich nur mit dem Sport beschäftigt, und danach habe ich überhaupt keine Kraft mehr, irgendetwas zu unternehmen.

Und umgekehrt: Was fühlt sich am besten an in deinem Sport­ lerleben? Gibt es bestimmte Momente, die immer wieder neu beflügelnd wirken?

Am coolsten ist es, wenn ich in einem Wettkampf eine Leistung erziele, von der ich weiß, dass ich sehr lange und hart dafür gearbeitet habe. Das Gefühl, das ich dann habe, lässt sich gar nicht in Worte fassen. Es ist einfach die Belohnung für alles.


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.