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Freiwurf für alle – die Handball-Inklusionsliga

Fünf Vereine, acht Teams, eine Liga. „Freiwurf Hamburg“, die einzige Handball-Inklusionsliga in Deutschland, ist eine Hamburger Erfolgsgeschichte.

Als die Mannschaften eingeteilt werden, habe ich ein Problem. Beim Sport bin ich extrem ehrgeizig, will unbedingt gewinnen. Andererseits kann ich doch unmöglich mit voller Power spielen, oder? Schließlich nehme ich als Journalist am Training der Inklusionshandball-mannschaft Spielgemeinschaft Wilhelmsburg teil. Um mal zu erspüren, wie das ist, wenn Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Handball spielen. Plötzlich passiert es, während ich noch sinniere. Ich passe in der Verteidigung nicht auf und wir kassieren das Tor zum 0:1. „Toooor“, ruft Lennart und dreht strahlend ab. Der kräftige 27-Jährige hat die plötzliche Lücke in der Deckung genutzt. Zwanzig Minuten später bin ich ganz schön ins Schwitzen gekommen. Gewinnen war auf einmal gar nicht mehr so wichtig. Besonders gefreut habe ich mich, als Tanja – die einzige Rollstuhlfahrerin auf dem Feld – einen gelungenen Pass gespielt hat.

Jens Krüger ist seit über 50 Jahren beim SG Wilhelmsburg – zuerst als Spieler, dann als Trainer. Foto: Jakob Börner

„So ist das bei uns. Es geht vor allem um das Miteinander und weniger um die Leistung“, sagt Jens Krüger (57). Der Mann ist eine Handball-Institution in Wilhelmsburg. Seit über 50 Jahren im Verein – erst als Spieler, dann als Trainer – gründete er die Inklusionsmannschaft, die in der einzigen vom Deutschen Handball-Bund offiziell anerkannten Handball-Inklusionsliga spielt: „Freiwurf Hamburg“. Aus fünf Hamburger Vereinen haben sich dabei acht Teams mit fast hundert Sportlerinnen und Sportlern mit und ohne Behinderung gebildet, die in einer Liga gegeneinander antreten.

„Warum eigentlich nicht Handball?“

Eine dieser Mannschaften ist die SG Wilhelmsburg „Ich habe in allen Sportarten gesehen, wie sie auch von behinderten Menschen mit Leidenschaft betrieben wird. Da habe ich mir gedacht: Warum eigentlich nicht beim Handball?“, sagt Krüger. Torschütze Lennart ist ein gutes Beispiel dafür, wie goldrichtig die Gründung des Teams war. Durch Komplikationen bei der Geburt leidet er unter Sauerstoffmangel im Gehirn, ist oft orientierungslos, kann sich schlecht artikulieren. „Aber er ist ein herzensguter Kerl. Am Anfang kam er alle vier Wochen aus Ratzeburg her, dann alle zwei, mittlerweile ist er jede Woche dabei“, erzählt Krüger. Lennarts Vater Uwe ist ebenfalls in die SG Wilhelmsburg eingetreten. „Unser Sohn fiebert dem Training und den Spieltagen richtig entgegen“, sagt er.

Die Basis dafür, dass dies alles möglich war, hat Martin Wild geschaffen. Er ist der Vorsitzende der Inklusionsliga „Freiwurf Hamburg“. 2009 baute er beim Altrahlstedter Männerturnverein (AMTV) die erste Handball-Inklusionsmannschaft in Hamburg auf. „Die Idee kam damals sofort super an. Die Halle war proppenvoll mit 18 Leuten. Wir trainierten ein Jahr für uns, und natürlich wollte die Mannschaft schon gern gegen andere Teams spielen.“ Glücklicherweise waren bereits andere Handballvereine aufmerksam geworden – und Wild war bereit, weitere Pionierarbeit zu leisten.

Feinarbeit vorm ersten Anpfiff

Erst leistete er Aufbauhilfe beim SV Eidelstedt, danach beim FC St. Pauli. Mit der SG Wilhelmsburg und dem Elmshorner Handball- Team kamen zwei weitere Vereine dazu. Und im Jahr 2013/14 startete „Freiwurf Hamburg“ unter dem Dach des Deutschen Handball-Bundes, der von der Idee ebenfalls begeistert war. Doch vor dem ersten Anpfiff war viel Feinarbeit notwendig. Unter dem Motto „Inklusion für alle in der Metropolregion Hamburg“ wurde das Projekt wissenschaftlich begleitet, unter anderem von der Uni Hamburg und der Sporthochschule Köln. Die Regeln wurden stets angepasst, damit wirklich alle Spielerinnen und Spieler unter fairen Bedingungen dabei sein können.

Taktische Besprechung: Das Trainerteam bei der Arbeit. Foto: Jakob Börner

So gibt es zum Beispiel für Rollstuhlfahrerinnen wie Tanja einen eigenen Streifen auf dem Feld, in dem nur sie den Ball berühren dürfen. „Das Ganze ist ein demokratischer Prozess. Wir überprüfen fortlaufend, ob wir unserem Anspruch an Inklusion für wirklich alle gerecht werden können. Manchmal ist das anstrengend und mühselig, aber es lohnt sich wirklich sehr“, sagt Wild. Wichtig ist also nicht, wer jedes Jahr Meister wird. Wichtig ist, dass Menschen wie Lennart und Tanja mit ganz viel Leidenschaft am Sport Spaß haben können. Eine gelungene Lektion für Menschen wie mich.

Text: Mirko Schneider
Fotos: Jakob Börner

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 Dieser Text stammt aus der Beilage „Vielfalt Leben“, dem gemeinsamen Magazin von SZENE HAMBURG (Juni 2018) und dem Inklusionsbüro. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

 

 

 

 

 

 

Fans #2: Fischbek Dynamites

Folge #2 unserer Reihe über Fans in Hamburg: Sport ohne Fans? Nicht denkbar! Fans sind ein wesentlicher Teil des sportlichen Engagements. Sie unterstützen den Erfolg und sind meist die treuesten Freunde.

Professionalität mit Herz und Leidenschaft

Gefunden haben sich die Dynamites im Oktober 1991, damals sind die Volleyball-Frauen vom TV Fischbek in die 2. Bundesliga aufgestiegen. Durch die Nähe und persönlichen Kontakte hat sich zunächst ein kleiner Kreis von ehrenamtlichen Helfern gebildet. „Wir haben im Lauf der Saison geholfen, die Tribünen aus der Garage neben der Halle Quellmoor in Hamburg/Neugraben zu holen und aufzubauen, den Kuchen- und Getränkeverkauf sowie den Eingangsbereich zu organisieren, und eben was noch alles so anstand. Da wir außerdem nicht nur zwischen den Zuschauern sitzen und in die Hände klatschen wollten, ist schnell die Grundidee des Fanclubs entstanden“, erzählt Georg Bücking, der Mann der ersten Stunde.

Mit den Jahren wuchsen die Anforderungen, aber auch die Mitglieder der familiären Gruppe, nicht nur die Heimspiele brauchten ihre Hilfe, bald wurden auch die Spielerinnen bei den Auswärtsfahrten mit Essen und Getränken versorgt, bei Siegen wurde zusammen im Bus gefeiert, bei Niederlagen getröstet – ein Symbiose zwischen Fans und Sportlerinnen hatte sich entwickelt. Mit dem Aufstieg und der Etablierung in der 1. Liga wurden das Team und natürlich auch das Umfeld professionalisiert. Es standen einige Veränderungen an und auch der damit einhergehende Umzug, in die größere Süderelbe-Arena 2001, brachte neue Anforderungen mit sich. Die Professionalisierung hatte für das bisherige Gefüge aus Team und Umfeld auch seinen Preis. Die Spielerinnen sollten bereits während der Fahrt den Fokus auf das kommende Spiel richten, dazu entsprechende Ruhe im Bus haben und die Fahrtzeit u.a. auch zur Videoanalyse nutzen. Für die Fans war da kein Platz mehr auf engem Raum. „Das war aber auch nicht schlimm“, Georg Bücking hat Verständnis für die Entwicklung,“ dafür haben wir dann eben mehr gemeinsame Aktionen außerhalb der Wettkämpfe organisiert.“

Wir arbeiten professionell und ehrenamtlich!

Die Fangruppe war inzwischen auf etwa 40 Leute angewachsen. „Die Aufgaben hatten sich verändert, jeder einzelne und auch wir als Team in Gänze mussten unseren Platz neu finden“, erklärt Bücking. Geholfen hat uns dabei, dass wir als eigenes Team den Weg der Professionalisierung mitgegangen sind, indem wir unser Handeln an die veränderten und komplexeren Anforderungen, die ein Spielbetrieb in der 1. Bundesliga mit sich bringt, fortlaufend angepasst haben. Unser Leitspruch war immer: wir arbeiten professionell und ehrenamtlich! Hätte es für einzelne Aufgaben Aufwandsentschädigungen gegeben, wäre das System zum Nachteil aller Beteiligten in sich zusammengebrochen. Bei all den Aufgaben, die wir vor allem bei den Heimspielen übernommen haben, um unser Team zu unterstützen, gab es immer auch das Bemühen „unser Team“ durch Trommeln und lautstarkes Anfeuern auch akustisch zu stärken. Die nächste große Veränderung kam 2011. Inzwischen hieß das Team VT Aurubis und wurde vom weltweit größten Kupferrecycler finanziell unterstützt.

Große sportliche Pläne machten einen Umzug in die CU-Arena am S-Bahnhof Neugraben unumgänglich. Das Fassungsvermögen von 2300 Zuschauern hatte mit den Tribünenaufbau der 90er Jahre nichts mehr zu tun. Fast die komplette Kraft der Fangruppe ging in die Organisation der Heimspiele, die inzwischen teilweise auch im europäischen Challange Cup stattfanden. Die Anforderungen waren also noch einmal gestiegen, wurden aber erneut, auch von uns professionell bewältigt. Das Trommeln und Anfeuern trat dabei noch einmal in den Hintergrund. Dies haben wir dann bei den Auswärtsspielen zu kompensieren versucht.

Auch die Handballerinnen profitieren

2016 dann der Bruch. Die Aurubis AG steigt als Sponsor aus und die Mannschaft findet sich als VT Hamburg in der 2. Liga wieder. Bücking: „Auch für uns Fans war das eine schlimme Zeit.“ Aufgeben wollten sie eigentlich nie, aber die sich ändernden Rahmenbedingungen, das aus ihrer Sicht aussichtslose Konzept und die in der neuen Führung fehlende Wertschätzung veranlassten sie zu einem lang diskutierten und schmerzhaften Schritt. Die Fischbek Dynamites kehrten dem Bundesliga-Volleyball im Hamburger Süden den Rücken – und das im 25. Jubiläumsjahr. Eine lange Zeit, die prägt und zusammenschweißt, also sucht sich die Gruppe ein anderes Wirkungsfeld: „Da wo Fankultur, Ehrenamt und unser know how wirklich geschätzt wird.“

Es muss ja nicht immer dieselbe Sportart sein. Als Fan kann man ja auch mal die Sportart wechseln, Hauptsache man bleibt Fan. Die Fischbek Dynamites sind so ein Grüppchen. Ihre Motivation ist der Zusammenhalt in der Gruppe und die ehrenamtliche Tätigkeit im Sport. Manchmal muss man dafür auch andere Wege gehen, wenn auch nicht immer ganz freiwillig. Sie landeten auf dem Estering, der Motorsport-Rennstrecke für Rallycross-Wettbewerbe in Buxtehude. Bücking: „Dort waren zwei unser Helfer seit Jugendtagen aktiv und als der ACN Hilfe bei den Rennen suchten, haben wir nicht lange gezögert. Also regeln wir jetzt den Durchlass der Autos und der Zuschauer von und auf das Gelände.“ Seit Kurzem profitieren auch die Zweitliga-Handballerinnen Buchholz 08- Rosengarten – die Handball-Luchse – vom know how der Dynamites. Ballsport ist halt Ballsport. Dort helfen regelmäßig vier bis fünf Leute aus dem Kreis. Die Fangruppe an sich ist mit rund 20 Leuten regelmäßig im Dialog und trifft sich hin und wieder zum persönlichen Austausch, am liebsten in alter Gewohnheit beim Grillen. Erst kürzlich haben sie ihr Logo erneuert und sich neue Polohemden und Sweat-Jacken für die gemeinsamen Aktivitäten zugelegt. Vielleicht werden ja auch demnächst noch mehr von ihnen zu den Spielen der Handballerinnen kommen, die den Aufstieg in die Erste Bundesliga anpeilen. So mit Trommeln und Anfeuern. Eben ein bisschen zurück zu den Wurzeln.

Text: Andrea Marunde

Foto: Fischbek Dynamites


 Dieser Text ist ein Auszug aus der Titelgeschichte von SZENE HAMBURG SPORT 2018/1. Die Ausgabe ist eine Beilage von SZENE HAMBURG Februar 2018 und zeitlos in unserem Online Shop erhältlich!

#1 Fans: Abseits des Millerntors

Sport ohne Fans? Nicht denkbar! Fans sind ein wesentlicher Teil des sportlichen Engagements. Sie unterstützen den Erfolg und sind meist die treuesten Freunde. #1 Fans.

Willkommener Treffpunkt einer fast schon eingeschworenen Gemeinschaft ist die Sporthalle des FC St. Pauli Abteilung Handball  in der Budapester Straße. Man teilt gleiche Werte und Einstellungen. Zusammenhalt ist gewollt.

Der FC St. Pauli ist mehr als nur Bundesliga-Fußball. Bundesweit verfolgen Fans die Saison der Profi-Männer. Dabei lockt sie aber nicht unbedingt herausragende sportliche Leistung, sondern Werte, die sich der Verein und seine Anhänger auf Fahnen und Klamotten schreiben. Diese Werte tragen alle Mitglieder im Herzen. Auch in den anderen Abteilungen des Vereins geht es um weit mehr als nur Sport.

Die Fankultur des FC St. Pauli erlebt man nicht nur im Millerntor-Stadion, der legendären Spielstätte der Profi-Fußballer. Direkt neben dem Stadion sind die Handballerinnen und Handballer des Vereins zuhause. In der Dreifeldhalle eines Wirtschaftsgymnasiums in der Budapester Straße tragen die Teams ihre Heimspiele aus. Die Aktiven sprechen von ihrer Budahölle.

An Spieltagen besuchen bis zu 300 Zuschauer die Spiele der Teams, für Spiele in der Oberliga oder tiefer ein sehr hoher Zuspruch. Bemerkenswert ist, dass nicht nur die Spiele der ersten Teams gut besucht sind. Neben Freunden und Angehörigen sind unter den Zuschauern viele, die selber in einem Team des Clubs aktiv sind. Die Heimspiele sind willkommener Treffpunkt der Abteilung.

Dieser Zusammenhalt ist unbedingt gewollt und wird auch außerhalb der Spieltage gelebt. Soziales und politisches Engagement sind Vereinsalltag. Klare Aussagen wie „Lieb doch wen du willst“ und „love handball – hate fascism“ gehören zum gemeinsamen Verständnis.

Besonders ist ebenso, dass sich fast alle Mitglieder der Abteilung kennen. Das ist die gute Seite eines Dilemmas, in dem der FC St. Pauli steckt. Dem Verein stehen zu wenige Trainingszeiten in Sporthallen zur Verfügung. Darum müssen für die Teams der Handball-Abteilung immer wieder neue Pläne organisiert werden. Das führt zu ständig wechselnden Trainingszeiten und –orten für die einzelnen Teams, die sich dann auch noch eine Halle mit einem anderen Team teilen müssen. Positiver Effekt: Innerhalb eines Monats hat man fast jeden aus der Abteilung einmal gesehen.

Genau das ist in der Halle bei einem Spieltag spürbar. Auch wenn zu einem Handballspiel in der Oberliga ungewöhnlich viele Fans kommen, kennen sich die meisten. Wer sich den gemeinsamen Werten anschließen kann, ist bei Spieltagen der Abteilung gern gesehen, auch ohne selber Mitglied zu sein. So kommt es häufiger vor, dass nach einem Heimspiel der Profi-Fußballer Fans aus dem Millerntor-Stadion noch in die Budahölle kommen und die Handball-Teams unterstützen. Lautstarke Unterstützung war aber auch vorher schon da.

Die Atmosphäre in der Halle macht Laune aufs Wiederkommen. Ob Handball-Laie oder Tribünen-Profi, ob stiller Zuschauer oder Choreo-Mitsänger, hier ist fast alles erlaubt. Der Verein gibt über seine Internetseite eine klare Linie aus: „Das einzige, wofür es bei uns keinen Platz gibt, ist Intoleranz, Homophobie und Fremdenfeindlichkeit!“

Text: Thomas Michael


 Dieser Text ist ein Auszug aus der Titelgeschichte von SZENE HAMBURG SPORT 2018/1. Die Ausgabe ist eine Beilage von SZENE HAMBURG Februar 2018 und zeitlos in unserem Online Shop erhältlich!