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„Sexualität ist eine positive Lebensenergie“

Familienplanung und sexuelle Selbstbestimmung sollten mittlerweile für alle selbstverständlich sein. Warum das nicht so ist und wie es doch noch werden kann, erklären die Frauenbeauftragen der Elbe-Werkstätten Bianca Bicker, Andrea Junginger, Kristine Westermann mit ihren Vertrauenspersonen Chasa Chahine und Margarita Martinez und die Sexualpädagogin Annica Petri vom Familienplanungszentrum HH e. V. (FPZ)

Text & Fotos: Markus Gölzer

 

Man sitzt als besorgte Mutter am Bett seines Kindes auf der Intensivstation. Endlich kommt der Arzt. Seine erste Frage: Wo sind die Eltern? Dann könnte es sein, dass man im Rollstuhl sitzt. Und der Arzt nicht der Erste im Leben war, der einem das klassische Lebensmodell „Mutter“ nicht zugetraut hat. Kinderwunsch von Menschen mit Behinderung ist immer noch ein Tabu. Es gibt ganz schnell den Reflex: Alles darf sein, nur das nicht. Der Wind kommt bei behinderten Menschen mit Kinderwunsch nicht nur von gesellschaftlicher Seite von vorn, sondern auch aus dem persönlichen Umfeld. Vom Frauenarzt, der empfiehlt, doch bitte die Pille zu nehmen, bis hin zu den eigenen Eltern. Kristine Westermann, Frauenbeauftragte Elbe Ost, über ihre Erfahrungen: „Kinder zu bekommen, ist teilweise verpönt gewesen. Man hört ‚Du darfst keine Kinder haben‘ oder ,Das Jugendamt nimmt dir das Kind weg‘. Sogar ‚Du darfst nicht heiraten.‘ Das stimmte alles nicht. Ich habe zwei Kinder mit meinem Ehemann.“

 

Eine Behinderung ist nichts Defizitäres

 

Behinderung wird nach wie vor mit Krankheit verbunden. Es wird davon ausgegangen, dass sich diese Menschen nicht um ihre Kinder kümmern können. Annica Petri: „Behinderung wird von der Mehrheitsgesellschaft oft als etwas Defizitäres verstanden. Das ist falsch: Wie komme ich darauf, dass eine Mutter oder ein Vater im Rollstuhl ihr Kind nicht versorgen können? Da müssen wir über Assistenzgeräte reden und wie man eine Babywippe am Rollie anbringt und so weiter. Warum denken Menschen, dass das nicht möglich ist? Das ist das, was bei Inklusion fehlt: der Blickwechsel.“ Oder wie es Kristine Westermann in einem Statement formuliert: „Es muss noch viel bekannter werden, dass Frauen mit einer Einschränkung auch gute Mütter sein können.“

 

„Wir werden von vornherein schon als Opfer gesehen“

 

Mit oder ohne Kinderwunsch – Frauen mit Behinderung werden öfter benachteiligt, erleben häufiger Diskriminierung. Sie werden schlechter bezahlt und viermal so häufig Opfer sexueller Gewalt.

Bianca Bicker, Frauenbeauftragte Elbe ReTörn: „Viele wissen nicht, was ihre Rechte sind. Das sie Nein sagen dürfen, dass sie nicht alles machen müssen. Die Aufklärung fehlt bei vielen. Anders­rum denken die Menschen, die diese Gewalt ausüben, mit denen kann man’s ja machen.“ Andrea Junginger, Frauenbeauftragte Elbe West: „Wir werden von vornherein schon als Opfer gesehen. Ich selbst hatte da auch schon ein Erlebnis. Ich dachte früher, dein Freund ist auch mein Freund, und da bin ich eines Besseren belehrt worden. Der Punkt ist: Das frisst sich so tief rein, dass man das nicht vergisst. Auch wenn man einen 120-prozentigen Schaden im Kurzzeitgedächtnis hat – das ist eine Sache, die vergisst du dein Leben lang nicht.“

Aufklärungs- und Informationsmaterial im Familienplanungszentrum (FPZ) (Foto: Markus Gölzer)

Aufklärungs- und Informationsmaterial im Familienplanungszentrum (FPZ) (Foto: Markus Gölzer)

 

„Menschen mit Behinderung haben ein Glaubwürdigkeitsproblem“

 

Chasa Chahine ergänzt: „Ich würde noch sagen, Frauen, die mit einer Behinderung aufwachsen, psychisch, geistig, körperlich, sind oft in Institutionen aufgewachsen, hatten viel mit ÄrztInnen zu tun, haben immer so erlebt, dass der Körper allen gehört, haben kein Gefühl für die Grenzen des eigenen Körpers auf psychischer Ebene. Viele Täter denken: Die kann ja froh sein, dass die überhaupt mal ein Mann beachtet und berührt.“ „Menschen mit Behinderung haben ein Glaubwürdigkeitsproblem“, führt Bianca Bicker weiter aus. „Viele denken sich, die weiß ja gar nicht, was das ist, der hat sie vielleicht nur an der Schulter angefasst. Man sollte dem Opfer glauben, aber viele machen es einfach nicht.

Das gibt es auch innerhalb von Einrichtungen. Der Gruppenleiter sagt: Das war doch nur ein Scherz. Die Frau denkt: Nein, das wollte ich jetzt nicht.“ Das macht es Tätern und Täterinnen leicht, ihre Strategien auszuspielen. Annica Petri: „Das Opfer einbinden in die Handlung, Angst machen, bedrohen, Schweigegebot auferlegen. Wenn jemand eine Lernschwierigkeit oder kognitive Behinderung hat, wirken Täter noch viel mächtiger. Und sind es auch. Dann ist es sehr wichtig, wie sensibel das Umfeld reagiert: Wenn ich berichten will als Opfer. Es kommt darauf an: Kann ich sprechen? Was ist, wenn ich gebärde? Wer versteht meine Gebärden? Was ist, wenn ich Autistin bin? Wer versteht meine Zeichen? Da kommt eine Vielfalt an Gründen zusammen, wo wir in allem, auch bei den Behörden, bei der Polizei, Fortbildung brauchen. Wenn jemand kommt und sagt, es ist etwas Schlimmes passiert: Jemand hat mich angefasst. Dass die Leute sensibilisiert sind, auch für verschiedene Behinderungsarten, Material haben wie zum Beispiel Gebärdenvideos.“

 

„Nein heißt Nein“

 

Bianca Bicker: „Barrierefreiheit fängt in den Köpfen an. Wo darf ich hin, was ist erlaubt, darf ich Nein sagen. Dann geht das weiter: Ärzte, Anwälte, Polizei, Beratungsstellen, an wen kann ich mich wenden. Man googelt das im Internet und viele verstehen das gar nicht. Ich habe bei den Elbe-Werkstätten ein Schulungskonzept in Einfacher Sprache entwickelt: ‚Nein heißt Nein: Schutz vor sexualisierter Gewalt am Arbeitsplatz‘. Solche Sachen sind überall wichtig. Nicht nur in Werkstätten und Wohnungseinrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigungen, sondern auch außerhalb.“

„Auch ein Mensch mit Lernschwierigkeiten ist ein erwachsener Mensch.“ Andrea Junginger spricht aus ureigener Erfahrung. Ihr wurde als erwachsene Frau auf einer Polizeistation wegen einer anderen Sache ein Polizeiteddy zur Beruhigung gereicht.

 

„Die Sexuelle Selbstbestimmung ist an vielen Punkten eingeschränkt“

 

Annica Petri im FPZ mit Materialien für die sexuelle Bildung (Foto: Markus Gölzer)

Annica Petri im FPZ mit Materialien für die sexuelle Bildung (Foto: Markus Gölzer)

Für Annica Petri ist es in der sexuellen Bildung wichtig, dass Menschen Worte haben für die Genitalien, Zeichen, Gebärden. Manche nutzen einen Talker, einen kleinen Sprachcomputer mit Bildern auf den Tasten oder ganzen Sätzen zur Sprachausgabe. „Wenn auf dem Talker Vulva, Vagina und Penis nicht eingearbeitet sind, und ein Jugendlicher oder eine Jugendliche will berichten, es hat mich jemand an den Genitalien angefasst, wie sollen sie das machen? Das geht dann nicht. Oder wenn das in der Familie sehr schamhaft ist, dann erklär’ ich den Eltern, warum es gut ist, über das Thema zu sprechen. Nur wenn Kinder Worte haben, können sie auch berichten. Wir haben mal einen Jugendlichen in der Jungsgruppe gehabt, der mit Talker kommuniziert hat und der ganz lang was eingetippt hat für meinem Kollegen, und am Ende kam raus: Er wollte, dass ihm jemand Worte für die Genitalien programmiert. Und dass ihm jemand ‚Fuck‘ programmiert. Er meinte: Ich will dazugehören, ich will das so gerne sagen. Die Erwachsenen wollen nicht, dass ich das einprogrammiere.

Das ist ein Minibeispiel, wie sexuelle Selbstbestimmung an vielen Punkten eingeschränkt ist und es niemandem auffällt. Und wenn wir das Thema nicht besprechen, dann können sich die Menschen darin weder fortbilden, noch ihre Lust entdecken. Das ist ein Teil meiner Arbeit in der sexuellen Bildung, zu vermitteln, dass Sexualität eine positive Lebensenergie ist. Dass auch für das Lustvolle ein Raum geschaffen wird. Etwas, was wahnsinnig bereichernd sein kann und wo alle Menschen das Recht haben, rauszufinden: Was ist für mich schön, mit wem will ich das leben, auf welche Art will ich das leben.“

familienplanungszentrum.de; elbe-werkstaetten.de


Information:

Das Familienplanungszentrum HH e. V. ist eine Schwangerenberatungsstelle mit einem breiten Angebotsspektrum rund um Körper, Partnerschaft, Liebe, Sexualität und Kinderwunsch. Die Elbe-Werkstätten bieten 3100 Menschen mit Behinderung einen Arbeitsplatz. Frauenbeauftragte sind gesetzliche Pflicht. Sie sind in den Werkstätten beschäftigt, vertreten die Interessen der dort beschäftigten Frauen gegenüber der Werkstattleitung. Schwerpunkte sind: Vereinbarkeit von Familie und Beschäftigung, Gleichstellung von Frauen und Männern sowie Schutz vor körperlicher, sexueller, psychischer Belästigung und Gewalt.



 VIELFALT LEBEN ist in Zusammenarbeit mit dem Inklusionsbüro Hamburg entstanden und liegt der SZENE HAMBURG aus dem Dezember 2021 bei. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Rollstuhltennis: Aufschlag für die Inklusion

Der SV Eidelstedt will als erster Hamburger Verein seine Anlage barrierefrei gestalten

Text: Mirko Schneider

 

Diesen Termin wollte sich Altonas Bezirksamtsleiterin Dr. Stefanie von Berg, 57, nicht nehmen lassen. Am vorletzten August-Wochenende eröffnete die Politikerin der Grünen mit einem Aufschlag aus dem Rollstuhl den Inklusionstag des SV Eidelstedt im Rollstuhltennis auf der Anlage des TC Rolandsmühle in der Bernadottestraße in Othmarschen. 100 Teilnehmer lieferten sich danach auf den Plätzen spannende Spiele. Rollstuhlfahrer und Menschen wie von Berg, die nachempfinden wollten, wie sich Tennis im Rollstuhl anfühlt, trieben gemeinsam Sport. „Dieser Tag war ein Riesenerfolg für uns“, sagt Stephan Schlegel.

Der 60 Jahre alte Schlegel ist seit stolzen 34 Jahren Inklusionsbeauftragter des SV Eidelstedt. „Ich wurde schon Inklusionsbeauftragter, als es das Wort noch gar nicht gab“, sagt er verschmitzt. Schlegel hat maßgeblich dazu beigetragen, den großen SV Eidelstedt (7000 Mitglieder) mit über 35 Inklusionsangeboten zu einem der größten Inklusionssportvereine in ganz Hamburg zu formen. Im Gespräch ist er zuvorkommend, uneitel und strahlt einen ansteckenden, unerschütterlichen Optimismus aus.

Vielleicht auch, weil der damalige Inklusionstag im Rollstuhltennis der erste Booster für das neueste Projekt des SV Eidelstedt war: eine barrierefreie Tennisanlage für Rollstuhltennis an der Bernadottestraße in Othmarschen. Noch kein Verein in Hamburg nahm ein solches Projekt bislang in Angriff. Der SV Eidelstedt ist hier Pionier. Das liegt auch dran, dass Inklusion noch bis in die 90er-Jahre hinein nicht den heutigen guten Ruf besaß. „Als ich 1988 meine erste Integrationsgruppe aufgebaut habe, bin ich von vielen Seiten inklusive der Politik belächelt worden. Ich bekam häufig zu hören ,Wie soll das denn möglich sein? Behinderte können doch gar keinen Sport treiben‘.“

 

Das ehrenamtliche Engagement ist riesengroß

 

Die damalige Haltung in Hamburgs Sportvereinen hatte architektonisch ganz praktische Folgen. Weder der Zugang zu den Plätzen noch die Vereinsheime wurden barrierefrei gebaut. Letztere vielmehr oft so, dass man aus der Draufsicht die Plätze überblicken konnte. Da Menschen im Rollstuhl sowieso meist nicht ins Vereinsheim konnten, bestand auch keine Notwendigkeit, dort die WCs, die Umkleidekabinen und die Duschen barrierefrei zu gestalten. All diese Dinge – ein barrierefreier Zugang nicht nur zu den Plätzen, sondern auch zu Vereinsheim, WC, Umkleidekabinen und Duschen – haben sich der SV Eidelstedt und der im SV Eidelstedt ansässige TC Rolandsmühle nun vorgenommen. Kostenpunkt: 297.000 Euro. Von der Stadt Hamburg, der Aktion Mensch und kleineren Stiftungen existieren bereits Zusagen. „Circa 50 Prozent des Projektes sind durchfinanziert“, sagt Schlegel. „Nun sind wir fleißig dabei, die anderen 50 Prozent einzuwerben.“

Da der SV Eidelstedt unter Corona litt wie alle anderen Vereine, kann er nämlich nicht einfach Vereinsmittel einbringen. Dafür ist das ehrenamtliche Engagement der Vereinsmitglieder riesengroß. Schon beim Inklusionstag wurde eine Dixie-Toilette nahe des Platzes installiert, Sportrollstühle wurden gestellt und die Rollstuhlfahrer über Hindernisse hinweggehoben. Nun arbeiten sowohl die Statikerin als auch die Architektin unentgeltlich. Die Malerarbeiten wollen Vereinsmitglieder selbst übernehmen, ebenso das Freiräumen von Hindernissen wie Steinplatten, die durch neue Installationen ersetzt werden sollen. „Wir können wirklich stolz auf unsere Mitglieder sein. Es gab nach dem Inklusionstag unheimlich viele positive Rückmeldungen. Viele hier betrachten dieses Projekt auch als einen gesellschaftspolitischen Auftrag“, sagt Schlegel.

 

„Reden reicht nicht“

 

Dies wiederum wurde bereits mit einem Preis gewürdigt, welcher den zweiten Booster nach dem Inklusionstag darstellte. Ende Oktober gewann der SV Eidelstedt mit seinem Projekt den mit 4000 Euro dotierten Silbernen Stern des Sports. Verliehen wird der vom Deutschen Olympischen Sportbund und der Raiffeisenbank. Besonderes ehrenamtliches Engagement soll auf diese Weise ausgezeichnet werden. Zusätzlich hat sich Eidelstedt durch den Sieg für das Bundesfinale in Berlin im Januar qualifiziert. Holt der SVE dort beim von den Veranstaltern so betitelten „Oscar des Breitensports“ Gold, sind weitere 10.000 Euro drin.

Einer, der dem SV Eidelstedt die Daumen drückt und sich seit Monaten aktiv in das Projekt einbringt, ist Markus Wasmund. Der 43-Jährige lebt in Friedeburg, nur 27 Kilometer von Wilhelmshaven entfernt. Trotzdem ist Hamburg durch das Projekt des SVE für ihn mittlerweile ein Sehnsuchtsort.

„Es reden viele Leute über Integration“, sagt Wasmund. „Aber reden reicht nicht. Man muss auch was tun. Und in Eidelstedt wird nicht nur geredet, sondern gehandelt.“ Wasmunds Leben und das seiner Frau änderte sich auf tragische Weise im Jahr 2016. Ein 40 Tonner fuhr dem Ehepaar Wasmund in den Wagen. Seine Frau kann noch laufen, kämpft seitdem aber mit massiven körperlichen Problemen. Wasmund trug eine inkomplette Querschnittslähmung davon. Er ist seitdem auf den Rollstuhl angewiesen. Wasmund ist Westfale und pflegt die klare Sprache des Ruhrpotts. „Die ersten zwei Jahre nach dem Umfall waren einfach nur scheiße“, sagt er. „Ich musste mich wiederfinden und hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte.“

 

Hoher organisatorischer Aufwand

 

Die Wende kam bei einem Besuch der RehaCare in Düsseldorf, der weltgrößten Fachmesse für Rehabilitation und Pflege. Wasmunds Stimme nimmt eine warme Färbung an, wenn er darüber spricht. „Auf der RehaCare wurde an einem Stand Rollstuhltennis vorgestellt. Da habe ich mir gesagt ,Du hast immer gerne Tennis gespielt. Das machst du jetzt.‘“ Neue Regeln musste Wasmund dafür bis auf eine Ausnahme nicht lernen. Beim Rollstuhltennis darf der Ball zweimal im Feld aufticken, sonst ist alles gleich.

Angetrieben von seiner sportlichen Leidenschaft fand Wasmund ins Leben zurück. Mittlerweile ist er in die Leistungsklasse gewechselt, besucht Lehrgänge und nimmt an internationalen Turnieren teil. Dies alles verbunden mit hohem organisatorischen Aufwand und oft – zumindest bei vielen Plätzen in Deutschland – großer Enttäuschung über die mangelnde Barrierefreiheit. Verbunden mit dem ständigen Angewiesensein auf Hilfe. „Seit ich im Rollstuhl sitze, sehe ich das Leben völlig anders. Es geht ja nicht nur um Stufen. Jede Schotterpiste kann meinen Rollstuhl zum Stehen bringen. Ist eine Straße etwas abschüssig, bereitet mir das Probleme. Das Schlimmste finde ich aber, wenn Leute auf mich herabsehen. Denn auch ich möchte dazu gehören. Wenn ich so etwas spüre, sage ich immer ,Mensch, ich kann genauso spielen wie ihr. Ich möchte einfach nur Spaß am Tennis haben.‘“

 

„Es ist viel Arbeit, aber wir werden das alle gemeinsam packen“

 

Deshalb fiebert Wasmund, wie einige andere der insgesamt gut 1200 Rollstuhltennisspieler in Deutschland auf die Realisierung der barrierefreien Tennisanlage beim SV Eidelstedt hin. Und er engagiert sich dafür, ist fest in die Planungen eingebunden. „Ich bin Mitglied im Deutschen Rollstuhlverband. Dort hörte ich von dem Projekt und war sofort Feuer und Flamme dafür“, so Wasmund. „Ich finde es auch megagut, wie wir Rollstuhlfahrer beim SV Eidelstedt behandelt werden. Ich habe da noch nie einen blöden Spruch gehört. Ich werde einfach akzeptiert. Das Projekt wird gelingen. Und dann werde ich da so häufig spielen, wie ich kann.“

Dass das Projekt gelingt, davon ist auch Stephan Schlegel, der Wasmund als „tollen Menschen und unentbehrlichen Helfer für uns“ beschreibt, überzeugt. „Ich bin seit 34 Jahren Inklusionsbeauftragter des SV Eidelstedt und habe alle Projekte zum Erfolg führen können“, sagt Schlegel. „Es ist viel Arbeit, aber wir werden das alle gemeinsam packen.“ Aktuell spricht Schlegel weitere Stiftungen an. Mit allen möglichen Beteiligten aus der Politik und dem Verein befindet er sich in ständigem Austausch. Geht alles gut, soll die barrierefreie Tennisanlage des SV Eidelstedt Anfang 2023 zum Spielen einladen. Vielleicht macht ja dann Markus Wasmund den ersten Aufschlag.

Inklusionssport beim SV Eidelstedt


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Kita-Helferin: „Das ist ein gesellschaftliches Problem“

Mit der Qualifikation als Kita-HelferIn erhalten junge lernbeeinträchtigte Menschen die Chance, auf dem Arbeitsmarkt teilzuhaben. Ganz barrierefrei ist das inklusive Bildungsangebot allerdings nicht

Text: Sarah Seitz

 

Die Menschen werden auf dem Arbeitsmarkt ganz stark auf ihre Defizite reduziert“, sagt Birthe Nowak. Sie ist Abteilungsleiterin für die Qualifikation als Kita-HelferIn an der Staatlichen Fachhochschule für Sozialpädagogik FSP2. Seit fast 20 Jahren bietet sie mit dem Bildungsangebot für HelferInnen in Kindertagesstätten jungen Menschen, die sich am Rand des leistungsorientierten Arbeitsmarktes entlanghangeln, eine Alternative.

Saskia N., 19, angehende Kita-Helferin (Foto: Christiane Koch-Engelhorn)

Saskia N., 19, angehende Kita-Helferin (Foto: Christiane Koch-Engelhorn)

In enger Zusammenarbeit mit den Elbe-Werkstätten soll die deutschlandweit einzigartige Qualifikation der Kita-HelferIn für mehr Inklusion am Arbeitsmarkt sorgen. Die SchülerInnen der FSP2 werden während der vierjährigen Bildungsmaßnahme ganz individuell gefördert – je nach Beeinträchtigung. Denn die Qualifikation richtet sich ausschließlich an junge Menschen mit Behinderung. Eine von ihnen ist Saskia N. Die 19-Jährige ist im zweiten Lehrjahr. Neben der Kita-Kompetenz hat sie in dieser Zeit auch viel für sich selbst gelernt. „Ich halte mich nicht mehr so zurück“, erzählt sie. In der Kita, in der sie arbeitet, fühle sie sich mittlerweile als richtige Kollegin. So wie Saskia geht es auch den aktuell insgesamt 23 weiteren angehenden Kita-HelferInnen. Durch die Arbeit mit den Kindern und Erziehenden fühlen sie sich gesellschaftlich bedeutsam, werden mutiger und selbstbewusster.

 

SpielpartnerInnen, TrösterInnen oder WegbegleiterInnen

 

Neben der persönlichen Entwicklung eignen sich die angehenden Kita-HelferInnen viel fachliche Kompetenzen an. Von Beginn an sind sie, parallel zur Schule, auf die 19 aktuell teilnehmenden Hamburger Kitas verteilt. Dort sind sie als SpielpartnerInnen, TrösterInnen oder WegbegleiterInnen im Einsatz. „Und das können sie unwahrscheinlich gut, weil sie einfach aus einer anderen Lebenswelt kommen. Mit neuen Impulsen und ihrer anderen Denkweise bringen sie uns manchmal ganz tolle Dinge näher, auf die wir selbst gar nicht erst gekommen wären“, erzählt Nowak. Im ständigen Wechsel von Theorie und Praxis konzentriert sich die erste Hälfte der Qualifikation auf die sogenannte Berufsvorbereitung. Anschließend folgt im dritten und vierten Jahr der Berufsbildungsbereich. Die Jugendlichen lernen den Umgang mit Säuglingen und Kleinkindern. Aber auch hauswirtschaftliche Aufgaben, die Orientierung im Berufsalltag oder Musik, Sport und Spiel stehen auf dem Lehrplan. So haben mittlerweile 74 KitaHelferInnen ausgelernt.

Ob als Unterstützung für das Fachpersonal oder auch im Austausch mit den Kindern – viele Betriebe, die KitaHelferInnen beschäftigen, sind begeistert. Doch es fehle leider an Offenheit und Bereitschaft, klagt Nowak. Denn trotz des inklusiven Bildungsangebots bleibt es für die SchülerInnen hart auf dem deutschen Arbeitsmarkt.

 

Schwierige Finanzierung

 

Abteilungsleiterin für die Qualifikation als Kita-HelferIn an der Staatlichen Fachhochschule für Sozialpädagogik FSP2: Birthe Nowak (Foto: Christiane Koch-Engelhorn)

Abteilungsleiterin für die Qualifikation als Kita-HelferIn an der Staatlichen Fachhochschule für Sozialpädagogik FSP2: Birthe Nowak (Foto: Christiane Koch-Engelhorn)

Bürokratische Hürden erschweren den Sprung aus der Qualifikation in die Festanstellung. Vor allem in den letzten Jahren sei es schwieriger geworden, Kitas zu finden, die die ausgelernten HelferInnen übernehmen, erzählt Nowak. Denn in der vierjährigen Bildungsmaßnahme gibt es weder Klausuren noch Tests. Das könnten viele der SchülerInnen nicht leisten, erklärt Nowak. Keine Abschlussprüfung bedeutet allerdings auch keine anerkannte Ausbildung. Hinzu kommt: Kita-HelferInnen sind nicht im Landesrahmenvertrag für Kindertagesstätten aufgeführt – was die Finanzierung der HelferInnen für die Kitas schwer macht. Unterstützung leistet da zum einen das Hamburger Budget für Arbeit, das Kitas mit festangestellten HelferInnen bezuschusst. Zum anderen bieten die Elbe-Werkstätten, als Kooperationspartner der Qualifikation, sogenannte Außenarbeitsplätze. Das heißt, die Kindertagesstätten beschäftigen die HelferInnen, Hauptarbeitgeber sind aber die Elbe-Werkstätten.

 

Im kommenden Sommer geht es weiter

 

Aber auch Vorurteile machen es den Kita-HelferInnen schwer. „Erwachsene Frauen und Männern mit Beeinträchtigung werden immer als Synonym für das dritte Kind gesehen. Wir haben häufig gar nicht die Chance, Schülerinnen und Schüler zu verorten, damit sie überhaupt zeigen können, was in ihnen steckt“, erklärt Nowak. Für sie ist es ein gesellschaftliches Problem: „Es braucht eine Bewusstseinsveränderung bei uns allen, nicht nur bei den ArbeitgeberInnen, sondern auch tatsächlich bei den KollegInnen, bei den MitarbeiterInnen.“

Im kommenden Sommer startet eine neue Klasse der Kita-HelferInnen. Bewerben können sich SchülerInnen, die eine Integrationsklasse oder eine Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung besuchten und sich gut in ihrem Umfeld orientieren können. „Jeder und jede, der und die sich bewirbt und orientieren kann, wird genommen. Das ist unser Ansinnen“, versichert Nowak.

fsp2-hamburg.de


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#GemeinsamGegenCorona: Dialog im Dunkeln braucht Unterstützung

Das Dialoghaus, das sich für inklusive Ausstellungen wie Dialog im Dunkeln verantwortlich zeichnet, ist aufgrund der Corona-Entwicklungen gefährdet und bittet um Spenden.

Bild: Dialoghaus 

 

Das Sozialunternehmen Dialoghaus, das die Erlebnisausstellungen Dialog im Dunklen, Dialog im Stillen und Dialog mit der Zeit ins Leben rief, hatte am 1. April 2020 zum 20-jährigen Jubiläum geladen. An diesem Tag sollte die Geschichte des Unternehmens gefeiert werden und auf die Zukunft angestoßen werden. Geplant war außerdem, an diesem Tag Spenden zu sammeln, um weitere Pläne für das Museum auf den Weg zu bringen.

Aufgrund der aktuellen Entwicklungen ist die Veranstaltung abgesagt. Eine Unterstützung ist jedoch dringend notwendig, um den Fortbestand des Hauses zu sichern. Geschäftsführer Andreas Heinecke sieht die Zukunft des Unternehmens gefährdet: ‚‚Als soziales Unternehmen waren wir immer stolz, dass wir ohne Dauerfluss an Spenden unseren Betrieb mit 132 Mitarbeitern am Leben halten und mehr als 100.000 Menschen jährlich eine Einladung zum Umdenken in Sachen Behinderung oder Alter geben konnten. Jetzt kann uns niemand sagen, ob wir Corona als Unternehmen überleben.‘‘

Das Dialoghaus ist aktuell geschlossen und die Angestellten arbeiten in Kurzarbeit. Wie viele andere Betriebe erwirtschaftet das Dialoghaus aktuell keine Erlöse, hat aber dennoch maßgebliche Kosten zu stemmen. Um die Zeit der Krise zu überstehen und auch nach Corona einen wichtigen Beitrag zur Inklusion leisten zu können, bittet das Unternehmen um Unterstützung. ‚‚Spenden Sie einen Betrag, der Ihnen nicht wehtut, aber unsere Schmerzen mindert‘‘, appellierte Heinecke an die Hamburger. Die Jubiläumsfeier soll übriges sobald möglich nachgeholt werden.

Spenden Sie online über das Spendenformular oder nutzen Sie die folgende Bankverbindung:

Kontoinhaber: Dialoghaus Hamburg gGmbH
Kto.-Nr.: 2048878703
IBAN: DE57 4306 0967 2048 8787 03
BIC/SWIFT: GENODEM1GLS
Kreditinstitut: GLS Gemeinschaftsbank eG 

 

Michel Arriens: Im Einsatz gegen Diskriminierung

Inklusionsaktivist Michel Arriens strotzt vor Tatendrang: Der kleinwüchsige Mann ist unermüdlich im Einsatz gegen Diskriminierung

Interview: Mirko Schneider
Foto: Anna Spindelndreier

Michel, du nennst dich „Inklusionsaktivist“. Was verstehst du darunter?

Michel Arriens: Ich setze mich für die Bedürfnisse der zehn Millionen Menschen mit Behinderung in Deutschland ein. Aber nicht nur für die der rund 100.000 kleinwüchsigen Menschen. Als studierter Medien- und Kommunikationswissenschaftler arbeite ich als Head of Social Media & Campaigner bei Change.org.

Außerdem bin ich Pressesprecher beim Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien. Online bin ich auf Facebook und Twitter sehr aktiv, blogge, filme, fotografiere, führe viele Gespräche mit Entscheidungsträgern und besuche Veranstaltungen wie zum Beispiel die re:publica. Da schmeiße ich dann meinen Roller an und ab geht die Post.

In deinem Blog schreibst du, du seiest „Experte für Kampagnen-Eskalation“. Verrätst du uns ein paar Tricks?

(lacht) Für welche Kampagne denn? Grundsätzlich ist eine Kampagne als Dreieck zu betrachten. Erste Seite: eine Masse von Menschen, die etwas verändern will. Zweite: die mediale Berichterstattung. Dritte: die Entscheidungsträger, die zu Taten bewegt werden sollen. Alle drei Seiten müssen bedacht werden. Eine Online-Petition zum Beispiel, selbst wenn sie viele Menschen mobilisiert, nützt ohne medialen Druck kaum etwas.

Also müssen die Belange der Medien mitgedacht, ihnen wahre und gute Geschichten geliefert werden, über die sie berichten können. Durch die Öffentlichkeit wird das Anliegen sichtbarer, die Mobilisierung wird verstärkt – und der Druck auf die Entscheidungsträger wächst. Mit denen muss man dann parallel in den Dialog treten, damit sie die Plastiktüte im Discounter abschaffen. Oder eben das tun, was das Ziel der Kampagne ist.

 

„Man sieht den Körper – und traut uns viel weniger zu“

 

Für kleinwüchsige Menschen fällt eine Benachteiligung sofort auf: die oft nicht gegebene Barrierefreiheit.

Richtig. Schon beim Aufwachsen existiert eine Spaltung unserer Lebensrealitäten. Wenn ich nicht in deine Lieblingsdisco, dein Lieblingscafé, dein Lieblingsrestaurant, deinen Lieblingssportverein gehen kann – wie sollen wir uns dann eigentlich kennenlernen? Mindestens genauso schlimm ist oft die Haltung, kleinwüchsige Menschen nichts zuzutrauen.

Wenn ich dafür gelobt werde, dass ich „trotzdem“ im Club feiere und abgehe, ärgere ich mich. Oder dass ich „trotzdem“ lächele. Was ist denn dieses „Trotzdem“? Ich kann genauso feiern und lächeln wie andere Menschen auch. Ich will nicht diesen Makel angeheftet bekommen. Der hat übrigens ganz reale ökonomische Konsequenzen.

Welche?

Es gibt eine Menge Studien dazu. Trotz erwiesenermaßen überdurchschnittlicher Qualifikation ist die Arbeitslosenquote unter kleinwüchsigen Menschen doppelt so hoch. Man sieht ihren Körper – und traut ihnen viel weniger zu. Das ist diskriminierend und traurig.

Du hast die Medien angesprochen, die eine wichtige Rolle für die Belange benachteiligter Menschen spielen. Doch sie können auch ein weniger rühmlicher Akteur sein, oder?

Ja. Die Erfahrung habe ich am eigenen Leib gemacht. Für Sat.1 moderierte ich 2012 die Doku-Serie „Die große Welt der kleinen Menschen“ mit Ulla Kock am Brink. Vorneweg: Mit Ulla Kock am Brink würde ich jederzeit wieder zusammenarbeiten. Sie war ausgezeichnet. Doch es gab viel berechtigte Kritik daran. So wurde beispielsweise ein kleiner Mann gezeigt, der durch einen Wald geht.

Unterlegt wurde die Szene ohne mein Wissen mit der Musik aus den „7 Zwergen“. Es wurde sich zu oft lustig gemacht, zu viele Stereotype reproduziert. Mit dem Wissen von heute würde ich die Sendung so nicht mehr machen.

 

Die Disco, die Kleinwüchsige jagen ließ

 

Manchmal geben sich kleinwüchsige Menschen leider für Aktionen her, bei denen man nur den Kopf schütteln kann. So wie das Zwergenwerfen. Wie findest du das?

Das nervt mich. Klar, die Menschen machen das freiwillig. Aber welches Bild transportiert denn das? Wir sind klein, putzig, nicht ernst zu nehmen. Extrem schlimm fand ich im Jahre 2013 die Aktion einer Disco in Cuxhaven namens „Fang den Liliputaner und gewinne einen Flatscreen“. Vorbild war der Film „Project X“, in dem eine Party von Jugendlichen vollends eskaliert. Als die Eskalation so richtig ins Rollen kommt, wird ein kleinwüchsiger Mensch in einen Backofen eingesperrt. Die Disco ließ also einen kleinwüchsigen Menschen von den Disco-Besuchern jagen, um ihn dann einzusperren!

Wir haben dazu vom Bundesverband für Kleinwüchsige Menschen eine Stellungnahme verfasst, unsere Abscheu kundgetan. Die Aktion ist totale Scheiße – und der Begriff „Liliputaner“ übrigens auch. Man kann sich das leicht klarmachen, wenn man den Begriff tauscht. Was wäre wohl los, wenn eine Disco mit dem Slogan „Fang den Neger und gewinne einen Flatscreen“ wirbt?

Treibt dich das vor allem an?

Dass solches Gedankengut nicht wieder salonfähig wird? Klares Ja! Ich nehme einen gesellschaftlichen Ruck in eine bestimmte Richtung wahr. Dagegen stelle ich mich und ich wünsche mir, dass es viele andere Menschen auch tun. Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, das Aufstellen von Barrieren gegenüber Behinderten durch jegliche Form der Ausgrenzung – all diese Diskriminierungen müssen bekämpft werden. Ich persönlich habe mit 20 Jahren den Entschluss gefasst, etwas zu tun.

Ich habe mir eine große Klappe antrainiert, um gehört zu werden. Das war wichtig, hat mich selbstbewusster gemacht. Denn ich will nicht als Mensch mit einer Behinderung in einer Gesellschaft leben, die mich als Sonderling betrachtet.

Michel Arriens.de


Wie inklusiv ist Hamburg schon? Dieser Text stammt aus Vielfalt leben – dem Magazin von SZENE HAMBURG und Inklusionsbüro, Juni 2019
Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel erhältlich: inklusive der SZENE HAMBURG, im 
Online Shop oder hierVielfalt-leben-Juni-2019-cover


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Hamburger des Monats – Jan Schierhorn

Wenn etwas Schönes um ihn herum passiert, bekommt Jan Schierhorn eine Gänsehaut – und die hat er oft. Kein Wunder bei den vielen sozialen und Herzens-Projekten, die er umsetzt. Ein Gespräch über die organische Revolution, Koexistenz und vergessene Menschen.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Andrea Rüster

SZENE HAMBURG: Jan, neben den vielen Projekten, die du machst, ist „Das Geld hängt an den Bäumen“ deine große Liebe?

Jan Schierhorn: Genau. Damit verbringe ich auch 80 Prozent meiner Lebensarbeitszeit aus vollster Überzeugung. Wir sammeln mit, wie wir sie nennen, vergessenen Menschen, vergessenes Obst und machen daraus Säfte und Schorlen. Mit dem Verkaufsertrag schaffen wir neue Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung, Geflüchtete oder Langzeitarbeitslose. All diejenigen, die viel zu oft in ihrem Leben gehört haben, sie seien nichts wert, sie können nichts und werden das auch niemals. So werden aus Hilfe-Empfänger Steuerzahler.

Wie fangt ihr die Menschen, die bei euch arbeiten, auf?

Ich glaube nicht an Inklusion, solange mein Nachbar mir das größere Auto oder den Urlaub neidet. Da können noch so viele Gesetze geschrieben werden, das muss von der anderen Seite kommen. Gleichwohl finde ich es wichtig, dass sich Leute dafür einsetzen, um dieses Wort zu beleben. Unser Ansatz ist, dass jeder was kann. Und jeder, der hier was lernt wie Obstbaum- oder Gehölzschnitt, bringt es wiederum anderen bei.

Dadurch erfahren sie eine Wertigkeit, die dazu führt, dass einige unserer Mitarbeiter nicht mal mehr mit ihrem Therapeuten sprechen müssen, weil ihre Persönlichkeitsentwicklung so enorme Schübe macht, sie sich da durch beispielsweise von ihrer Tabletten- oder Alkoholsucht selbst heilen. Oder depressive Phasen treten nicht mehr auf. Durch ein fast familiäres Arbeitsumfeld, in dem freundschaftliches, soziales Miteinander stattfindet, entsteht ein sicherer Rahmen, in dem sie Ver trauen entwickeln, sodass sie sich auch in Konfliktsituationen öffnen. Das ist ein stabiles Fundament.

 

„Bei uns läuft vieles intuitiv“

 

Habt ihr begleitendes Fachpersonal oder ist es eine Art Therapie durch Arbeit?

Wir machen es nicht programmatisch. Bei uns läuft vieles intuitiv. Aber seit einem halben Jahr ist Johanna, eine Psychologin, bei uns, die an den wöchentlichen Gruppensitzungen teilnimmt. Weil wir mittlerweile so gewachsen sind, war uns ein professionelles Korrektiv wichtig, damit es weiterhin gut läuft, Spaß macht und sich auch Erfolge zeigen, sowohl auf der persönlichen, als auch der betriebswirtschaftlichen Seite.

Gab es einen Initialauslöser, dich vorrangig sozial zu engagieren?

Meine Kinder. Als von ihnen die ersten Fragen kamen, wieso ich im Leben das eine so, das andere so mache, wollte ich ihnen ehrlich antworten. Dabei habe ich festgestellt, dass meine fertigen Antworten auf die Lebensfragen, die eines Singles waren. Und nicht die eines Vaters, der nicht nur seine Generation auf dem Radar haben muss, sondern auch die nachkommenden. Da habe ich klar gespürt, die persönliche Verantwortung endet nicht an der eigenen Haustür, sondern zieht viel mehr Konsequenzen nach sich. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich diese Korrektur in meinem Leben schon vor etwa 13 Jahren machen durfte.

Du wirst im April 50, hast viel gemacht und erreicht. Sind deine Visionen ausgelebt?

Noch lange nicht. Ich möchte mich immer mehr ökonomisch-politisch einbringen, denn da liegt die Kraft der Veränderung. Und so den dringend notwendigen gesellschaftlichen Wandel mitgestalten. Ich lebe ja beide Seiten, die altruistische und die betriebswirtschaftliche. Und die wirtschaftlichen Mantren, die das ständige Weiterwachsen einfordern, sind totaler Schwachsinn, und werden vor allem von einer alten Generation aufrechterhalten.

Früher habe ich gedacht, es braucht eine Revolution, die mit ganz viel aggressiver Kraft das System verändert. Aber ich erlebe gerade, dass die Revolution schon voll im Gange ist. Es sind unsere Kinder, die plötzlich aufstehen und den alten Glaubenssätzen nicht mehr vertrauen. Unsere Kinder strecken die Hände aus und greifen nach dem Ruder der Gesellschaft. Dabei laufen mir die Tränen runter, denn das ist eine Revolution, die organisch ist, menschlich und gut für das Leben.

 

„Wozu brauche ich 20 Paar Turnschuhe?“

 

Könnte die Gemeinwohl-Ökonomie ein Teil des Wandels sein?

Ich bin Fan davon, regionale Kreisläufe aufzubauen. Ich muss keinen Saft nach München transportieren, die machen da auch tolle Säfte. Ich brauche auch kein Pangasiusfilet aus der Südsee. Wasser in Flaschen abzufüllen, einer der größten PR-Tricks, ist so ein großes ökonomisches und ökologisches Desaster, außer für die wenigen Shareholder. Es muss eine Evolution von alten in neue Geschäftsfeldern stattfinden. Nestlé zum Beispiel könnte das Geschäftsmodell „Wasser“ transformieren, indem sie an jede Kommune im Land Wasser-Förderanlagen vermietet. Es geht nicht darum zu beschneiden, es geht immer um Koexistenz und um eine intelligente und sinnhafte Ressourcennutzung.

Auch auf Seiten des Verbrauchers …

Wozu brauche ich 20 Paar Turnschuhe? Wofür brauche ich all den Mist, den ich anhäufe? Weil die innere Leere durch Äußeres gestillt wird. Das ist von unserer Wirtschaft, die wir alle mitanfeuern, so gewollt und auch deren Motor. Und wenn wir hier keine neuen Denkmodelle zulassen, wird unsere Gesellschaft die Konsequenzen zu tragen haben.

Aber eine deiner sechs Firmen, dein Moneymaker Baudek & Schierhorn, verteilt Produktproben für Markenartikler, die genau in diese Kerbe schlagen …

Ja, das stimmt. Und das ist meine größte Polarität, die ich im Leben habe. Aber keine meiner Firmen gauckelt etwas vor, was nicht ist. Es geht nie um Manipulation. Meine Agentur verteilt Produktproben in einem Umfeld, in das sie passen wie zum Beispiel beim Bäcker Frischkäseproben. Dabei brauchen wir keine künstlich geschaffenen Welten, denn der Kunde kann ein – fach das Produkt ausprobieren und sich frei entscheiden, ob er es mag oder scheußlich findet. Aber das grundsätzliche Spannungsfeld ist vorhanden.

Deshalb steht auch in der Satzung der meisten meiner Firmen, dass zehn Prozent des Erlöses an soziale Projekte gespendet werden.

Was wünscht du dir für dich?

Ich möchte ein guter Vater für meine Kinder sein. Und wahrhaftig durchs Leben gehen – mit klarem Verstand und offenem Herzen.

www.dasgeldhaengtandenbaeumen.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Elbe-Werkstätten – Das Normalisierungsprinzip

So geht Gemeinschaft #3: Der Betrieb „ReTörn“ der Elbe-Werkstätten ermöglicht Menschen, die durch eine psychische Krankheit eingeschränkt sind, wieder einen Weg zurück zum „normalen“ Arbeitsmarkt zu finden.

Manche der Arbeiter unterbrechen für einen Augenblick ihre Tätigkeit und mustern kurz den Besucher, den Jens Rabe durch die Buchbinde-Werkstatt führt. Rabe ist Angestellter der Elbe-­Werkstätten, genauer: Er leitet die Produktion im Betrieb Elbe ReTörn, der Menschen mit psychischen Erkrankungen eine Rehabilitation und die Teilhabe am Arbeitsmarkt ermöglicht. Doch zu lange will sich keiner von dem Besuchern ablenken lassen, und schnell sind wieder alle in ihre Aufgabe vertieft. „Ein Stück Öffentlichkeit in die Werkstatt zu bringen gehört zum Normalisierungsprinzip“, sagt Rabe. Denn das ist das Kernziel des Betriebs: ReTörn will Menschen, die psychisch so stark erkrankt sind, dass sie für den normalen Arbeitsmarkt zu eingeschränkt sind, zu ebendiesem zurück verhelfen.

Normalität und Struktur im Alltag

450 Menschen mit verschiedensten psychischen Erkrankungen verhelfen die Elbe-Werkstätten somit zu mehr Normalität und Struktur im Alltag. Entweder mit einer Außenstelle in der Produktion bei Unternehmen wie Otto und Lidl, die mit den Elbe-Werkstätten zusammenarbeiten. Rund 30 Prozent der Arbeiter sind an einer solchen Außenstelle aktiv. Oder in einem der drei ReTörn-Betriebe wie hier in der Behringstraße, wo knapp 100 Menschen in unterschiedlichen Bereichen arbeiten – je nach den individuellen Fähigkeiten ausgerichtet: In der Hauswirtschaft, in der Digitalisierung oder eben in der Buchbinderei. Letztere ist der große Stolz des Betriebs. „Wir leisten hier Arbeit auf hohem Niveau, die Kunden sind erstaunt“, sagt Rabe, der seit 28 Jahren bei den Elbe-­Werkstätten und seit 18 Jahren als Betriebsleiter tätig ist.

Stolz auf die hochwertige Arbeit

In der Buchbinderei werden Bücher für den Print-on-Demand-Dienstleister „BoD“ fertiggestellt – also jene Bücher, die Verlage erst auf Bestellung drucken lassen, um die hohen Kosten einer ganzen Auflage zu sparen. Hier kommt Rabes Werkstatt ins Spiel: In rund 20 Teilschritten werden die Seiten ins richtige Format gebracht, die gebundenen Seiten mit Leim am Umschlag befestigt und gegebenenfalls wird auch ein Lese­bändchen angebracht – so werden hier bis zu 300 Bücher am Tag produziert. Der Stolz auf die hochwertige Arbeit ist auch bei vielen Mitarbeitern angekommen – so wie bei der Frau an der Einhänge­maschine, die bereitwillig demonstriert, wie die Buchseiten mit dem Hardcover verbunden werden. Eine Arbeit, die viel Feinsinn verlange, wie Jens Rabe erzählt. Um es dorthin schaffen zu können, müssen die Mitarbeiter zunächst für ein bis zwei Jahre in den Berufsbildungsbereich, in dem durch Praktika in den Werkstätten die individuellen Fähigkeiten eins jeden festgestellt werden. Erst dann geht es in ­ die eigentliche Praxis, die viele Tätigkeitsfelder bereithält.

Ein großes Sprungbrett, um Menschen mit Behinderungen eine tarifliche Beschäftigung zu vermitteln

„Das öffentliche Bewusstsein für psychische Erkrankungen ist gestiegen“, sagt Rabe. „Unternehmen zeigen zunehmend die Bereitschaft, eingeschränkte Menschen zu beschäftigen.“ Und die Politik hilft mit: Seit 2012 gibt es mit dem Hamburger Budget für Arbeit einen Lohnkostenzuschuss für Unternehmen, die Menschen mit Behinderungen beschäftigen. „Das ist ein großes Sprungbrett, um Menschen mit Behinderungen eine tarifliche Beschäftigung zu vermitteln“, erklärt Rabe. Bis Ende 2017 wurden in ganz Hamburg über 250 Menschen durch das Gesetz in Arbeit gebracht. Damit wird auch einer bedauernswerten Entwicklung entgegengewirkt: „Früher gab es in der Arbeitsgesellschaft für Menschen mit ausgeprägten individuellen Verhaltensweisen mehr Plätze auf dem Arbeitsmarkt, etwa als Bote in einem großen Unternehmen“, so Rabe. „Es gab mehr Nischen, die auf dem heutigen Arbeitsmarkt durch die Technisierung wegfallen.“ Auch dank des Gesetzes registrierten aber immer mehr Unternehmen, dass Menschen mit Behinderungen zwar weniger Leistung bringen, aber trotzdem gewissenhaft arbeiten, so Rabe.

Text: Ulrich Thiele

www.elbe-werkstaetten.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

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Freiwurf für alle – die Handball-Inklusionsliga

Fünf Vereine, acht Teams, eine Liga. „Freiwurf Hamburg“, die einzige Handball-Inklusionsliga in Deutschland, ist eine Hamburger Erfolgsgeschichte.

Als die Mannschaften eingeteilt werden, habe ich ein Problem. Beim Sport bin ich extrem ehrgeizig, will unbedingt gewinnen. Andererseits kann ich doch unmöglich mit voller Power spielen, oder? Schließlich nehme ich als Journalist am Training der Inklusionshandball-mannschaft Spielgemeinschaft Wilhelmsburg teil. Um mal zu erspüren, wie das ist, wenn Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Handball spielen. Plötzlich passiert es, während ich noch sinniere. Ich passe in der Verteidigung nicht auf und wir kassieren das Tor zum 0:1. „Toooor“, ruft Lennart und dreht strahlend ab. Der kräftige 27-Jährige hat die plötzliche Lücke in der Deckung genutzt. Zwanzig Minuten später bin ich ganz schön ins Schwitzen gekommen. Gewinnen war auf einmal gar nicht mehr so wichtig. Besonders gefreut habe ich mich, als Tanja – die einzige Rollstuhlfahrerin auf dem Feld – einen gelungenen Pass gespielt hat.

Jens Krüger ist seit über 50 Jahren beim SG Wilhelmsburg – zuerst als Spieler, dann als Trainer. Foto: Jakob Börner

„So ist das bei uns. Es geht vor allem um das Miteinander und weniger um die Leistung“, sagt Jens Krüger (57). Der Mann ist eine Handball-Institution in Wilhelmsburg. Seit über 50 Jahren im Verein – erst als Spieler, dann als Trainer – gründete er die Inklusionsmannschaft, die in der einzigen vom Deutschen Handball-Bund offiziell anerkannten Handball-Inklusionsliga spielt: „Freiwurf Hamburg“. Aus fünf Hamburger Vereinen haben sich dabei acht Teams mit fast hundert Sportlerinnen und Sportlern mit und ohne Behinderung gebildet, die in einer Liga gegeneinander antreten.

„Warum eigentlich nicht Handball?“

Eine dieser Mannschaften ist die SG Wilhelmsburg „Ich habe in allen Sportarten gesehen, wie sie auch von behinderten Menschen mit Leidenschaft betrieben wird. Da habe ich mir gedacht: Warum eigentlich nicht beim Handball?“, sagt Krüger. Torschütze Lennart ist ein gutes Beispiel dafür, wie goldrichtig die Gründung des Teams war. Durch Komplikationen bei der Geburt leidet er unter Sauerstoffmangel im Gehirn, ist oft orientierungslos, kann sich schlecht artikulieren. „Aber er ist ein herzensguter Kerl. Am Anfang kam er alle vier Wochen aus Ratzeburg her, dann alle zwei, mittlerweile ist er jede Woche dabei“, erzählt Krüger. Lennarts Vater Uwe ist ebenfalls in die SG Wilhelmsburg eingetreten. „Unser Sohn fiebert dem Training und den Spieltagen richtig entgegen“, sagt er.

Die Basis dafür, dass dies alles möglich war, hat Martin Wild geschaffen. Er ist der Vorsitzende der Inklusionsliga „Freiwurf Hamburg“. 2009 baute er beim Altrahlstedter Männerturnverein (AMTV) die erste Handball-Inklusionsmannschaft in Hamburg auf. „Die Idee kam damals sofort super an. Die Halle war proppenvoll mit 18 Leuten. Wir trainierten ein Jahr für uns, und natürlich wollte die Mannschaft schon gern gegen andere Teams spielen.“ Glücklicherweise waren bereits andere Handballvereine aufmerksam geworden – und Wild war bereit, weitere Pionierarbeit zu leisten.

Feinarbeit vorm ersten Anpfiff

Erst leistete er Aufbauhilfe beim SV Eidelstedt, danach beim FC St. Pauli. Mit der SG Wilhelmsburg und dem Elmshorner Handball- Team kamen zwei weitere Vereine dazu. Und im Jahr 2013/14 startete „Freiwurf Hamburg“ unter dem Dach des Deutschen Handball-Bundes, der von der Idee ebenfalls begeistert war. Doch vor dem ersten Anpfiff war viel Feinarbeit notwendig. Unter dem Motto „Inklusion für alle in der Metropolregion Hamburg“ wurde das Projekt wissenschaftlich begleitet, unter anderem von der Uni Hamburg und der Sporthochschule Köln. Die Regeln wurden stets angepasst, damit wirklich alle Spielerinnen und Spieler unter fairen Bedingungen dabei sein können.

Taktische Besprechung: Das Trainerteam bei der Arbeit. Foto: Jakob Börner

So gibt es zum Beispiel für Rollstuhlfahrerinnen wie Tanja einen eigenen Streifen auf dem Feld, in dem nur sie den Ball berühren dürfen. „Das Ganze ist ein demokratischer Prozess. Wir überprüfen fortlaufend, ob wir unserem Anspruch an Inklusion für wirklich alle gerecht werden können. Manchmal ist das anstrengend und mühselig, aber es lohnt sich wirklich sehr“, sagt Wild. Wichtig ist also nicht, wer jedes Jahr Meister wird. Wichtig ist, dass Menschen wie Lennart und Tanja mit ganz viel Leidenschaft am Sport Spaß haben können. Eine gelungene Lektion für Menschen wie mich.

Text: Mirko Schneider
Fotos: Jakob Börner

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 Dieser Text stammt aus der Beilage „Vielfalt Leben“, dem gemeinsamen Magazin von SZENE HAMBURG (Juni 2018) und dem Inklusionsbüro. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

 

 

 

 

 

 

Ein Fußballteam für alle!?

Tobias Hillebrand hat eine Vision: Eine Fußball-Liga, in der jeder mitspielen darf – egal, ob mit oder ohne Handicap. 2019 soll die neue Inklusionsliga starten.

Tobias Hillebrand (26) hat einen Traum. „Klar kann ich mir vorstellen, bei der Eröffnung dabei zu sein. Das wäre schon cool, wenn man einen Weg so lange mitgegangen ist“, sagt er. Hillebrand ist im Hamburger Fußballverband (HFV) Koordinator für die Bereiche Behindertenfußball und Inklusion – und arbeitet für den Verband an einer kleinen Revolution: der Inklusionsliga. „Inklusion bedeutet, dass alle mitspielen können“, sagt Hillebrand, der gerade seine Magisterarbeit im Sportstudium schreibt und zudem Erziehungswissenschaften studiert hat.

Was sich aufs erste Hören selbstverständlich anhört, wäre bei genauerer Betrachtung etwas für Hamburg völlig Neues. Menschen mit geistigem und/oder körperlichem Handicap, Menschen ohne Handicaps, Frauen und Männer, Alte und Junge – alle in einer Fußballmannschaft. Unter anderem in Bayern und am Niederrhein existieren erfolgreiche Modellversuche. Auch in Hamburg gibt es ein Vorbild. In der Freiwurf-Hamburg-Liga spielen acht Teams in der bundesweit ersten vom Deutschen Handball-Bund anerkannten inklusiven Handball-Liga.

Hürden auf dem Weg zur Inklusionsliga

Hillebrand selbst scheint wie geschaffen für die Aufgabe, das gute Beispiel des Handballs nun auf die Fußball-Felder unserer Stadt zu transferieren. Die Eltern des jungen Mannes waren gehörlos. Er kennt den Kontakt zwischen Menschen mit und ohne Handicap also aus eigener Erfahrung. „Ich habe viel mit Zeichensprache übersetzt und ich war immer der Erste, der ans Telefon gegangen ist. Ich war sozusagen der Ansprechpartner vom Arzt bis zur Kirche. Mit Unterstützung meiner Großeltern hat das alles sehr gut geklappt und ich habe auch viel Freizeit mit anderen gehörlosen Menschen verbracht“, sagt Hillebrand. Er ist überzeugt, dass nur der Kontakt zur Inklusion beiträgt. Hier könne der Fußball seine oft gerühmte Brückenfunktion einnehmen. „Ein hemmender Faktor für Menschen ohne Handicap ist es oft, dass sie die Reaktionen von Menschen mit Handicap nicht so richtig einschätzen können. Das können sie aber mit der Zeit. Und dann wachsen tolle Gemeinschaften heran.“

Lob erhält Hillebrand von HFV-Pressesprecher Carsten Byernetzki: „Dem Verband liegt das Thema schon seit Jahren sehr am Herzen. Tobias treibt das hier bei uns super voran. Wer einmal gesehen hat, wie ehrlich und natürlich diese Menschen sich freuen, wenn sie zum Beispiel ein Tor schießen, der weiß, es lohnt sich.“ Doch auf dem Weg zur Inklusionsliga, die im Sommer 2019 starten soll, sind noch einige Hürden zu überwinden. Hillebrand netzwerkt viel, spricht mit Vereinen über deren klassische Probleme beim Aufbau einer Mannschaft wie zum Beispiel notwendige Fahrdienste für Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Das erste Hallen-Inklusionsturnier fand bereits statt, der im Bereich Inklusion sehr aktive SV Nettelnburg-Allermöhe siegte im Beisein des von der entspannten Turnieratmosphäre und den sportlichen Leistungen begeisterten HFV-Präsidenten Dirk Fischer. Weitere Turniere sind in diesem Jahr geplant. „Der Hamburger Sportbund finanziert die Turniere aus seinem Inklusionstopf, wir als HFV steuern zum Beispiel etwas Geld für die Pokale bei“, so Hillebrand.

Nächstes Jahr soll’s losgehen

Die acht Mannschaften für einen Ligastart sind bereits beisammen, aber losgehen kann es trotzdem noch nicht. Denn mehrere rechtliche Hürden sind zu überwinden. Nach den HFV-Statuten wird nach Geschlechtern getrennt in Altersgruppen (Jugendmannschaften, Damen, Herren, Senioren etc.) gespielt. Und es dürfen nur Mannschaften mitkicken, die HFV-Mitglieder sind. Unter den acht Interessenten befinden sich aber mit dem SV Eichede und Bad Oldesloe zwei Teams, die Mitglied im Schleswig-Holsteinischen Fußball-Verband sind. „Wir müssen für die Inklusionsliga neue rechtliche Rahmenbedingungen schaffen, wollen die Statuten ändern. Das soll auf dem Verbandstag 2019 geschehen“, sagt Byernetzki.

Der HFV will dann selbst einen Antrag stellen, zustimmen müssen die Hamburger Amateurfußballvereine. „2018 ist ein hoffnungsvolles Jahr. Ich bin zuversichtlich, dass es 2019 losgeht“, sagt Hillebrand. Und die vorsichtige Frage, ob sich auch genügend Menschen ohne Handicap finden werden, die mitspielen, beantwortet Hille-
brand lächelnd und gelassen: „Die Frage sollte lauten: Warum eigentlich nicht?“

Text: Mirko Schneider
Foto: HFV

 


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Barrierefreie Ausgeh-Tipps

Die Suche nach einer Location ist in Hamburg nicht immer einfach. Am Telefon geben sich viele Restaurants und Bars als barrierefrei aus, ohne es wirklich zu sein. „Irgendwie kriegen wir das schon hin“, heißt es gern. Besser ist es, sich auf Empfehlungen zu verlassen. Oder eine Alternative zu finden … Anastasia Umriks Tipps für Kaffee, Dinner und Tanz

Restaurants

Saliba
Dieses (sehr!) kleine syrische Restaurant ist nichts für große Rollstühle und laute Stimmen. Aber es ist für Menschen mit feinen Geschmacksnerven und der perfekte Ort, um jemanden zu beeindrucken oder um einen Satz mit „Willst du mich …“ zu beginnen. Finde ich.

▶ Rollstuhltoilette befindet sich im „Parlament“, nicht weit von dem Restaurant.
Neuer Wall 13 (Neustadt), Telefon 34 50 21, Mo-Sa 12–23 Uhr; www.saliba.de

Petit Bonheur
Wer französische Musik, das französische Essen und generell Frankreich mag, der sollte das Restaurant „Petit Bonheur“ kennen. Es ist wie ein spontaner Kurzurlaub, es ist wie im Film: Intensiv, französisch, betörend und lecker.

▶ Rollstuhltoilette ist vorhanden.
Hütten 85-86 (Neustadt), Telefon 33 44 15 26, Mo-Fr, 12–18, Sa 17–24 Uhr; www.petitbonheur-restaurant.de

Vju im Energiebunker
Der Blick über Hamburg, der Blick ins Weite … da ist es fast egal, wie der Kuchen schmeckt. Aber er schmeckt! Und der Kaffee auch. Alles ist wunderbar an diesem Ort und ganz egal, ob bei einem Date oder nicht, diese Location verlässt man positiv und beseelt.

▶ Rollstuhltoilette ist vorhanden, wird aber leider oft als Abstellkammer genutzt. Aber es gibt eine, ja.
Neuhöfer Straße 7 (Wilhelmsburg), Telefon 0157 58 55 37 06 , Fr 12–18, Sa-So 10–18 Uhr; www.vju-hamburg.de

Altes Mädchen
Ein Ort zum Bleiben und zum Genießen. Im Winter kann man an der Feuerstelle sitzen, im Sommer draußen – und überhaupt geht es mir an diesem Ort immer gut. Die Gedanken und die Gespräche fließen, das Bier auch. Schön!

▶ Rollstuhltoilette ist vorhanden.
Lagerstraße 28b (St. Pauli), Telefon 80 00 77 75 0, Mo-Sa ab 12, So ab 10 Uhr; www.altes-maedchen.com

Frau Möller
Ach, Möller … wie viele Abende habe ich in dieser Kneipe verbracht! Ich liebe es dort zu sein, weil sich in dieser Kneipe Reiche und Arme, Junge und Alte begegnen, Anzugträger neben Kapuzenträger/innen sitzen und gemeinsam auf HSV oder St. Pauli anstoßen. Sowohl das Essen als auch die Getränke sind bezahlbar, die Stimmung ist entspannt. Die Kneipe ist sowohl als Dating-Location als auch für Singles (um es nicht mehr lang zu sein) geeignet.

▶ Rollstuhltoilette ist nicht vorhanden, aber schräg gegenüber ist das Hotel George mit einer großen Toilette.
Lange Reihe 96 (St. Georg), Telefon 25 32 88 17, Mo-Do 11.30–4, Fr 11.30–6, Sa 11–6, So 11-4 Uhr; www.fraumoeller.com

Atelier F
Französische und amerikanische Speisen neu definiert, sehr feine Küche und das Interieur ist der Wahnsinn: Jeder Raum hat ein eigenes Design, es gibt die ganze Zeit etwas zu entdecken und selbst dann hat man noch nicht alles gesehen. Und für die, die es sehr kuschelig mögen, gibt es sogar kleine Kabinen für zwei bis vier Personen. Ganz wie zu Hause – nur besser. Ein Muss für alle Leute mit Sinn für schönes Design!

▶ Es gibt eine barrierefreie Toilette im Kaufmannshaus, zu dem das Atelier F gehört.
Große Bleichen 31 (Neustadt); www.atelierf.eu

Portonovo
Ein Blick aus dem Fenster und dieser landet direkt auf der Außenalster. Mit ganz viel Fantasie kann man sich einbilden, man sei gerade in Italien und warte auf das Essen: Nudeln, Pizza, Fisch, Fleisch … alles steht hier zur Auswahl. Der Sonnenuntergang lässt sich sommers wie winters wunderbar genießen! Kurzurlaub für die Seele.

▶ Es gibt hier leider keine (große) barrierefreie Toilette, allerdings sind die Toiletten ebenerdig zugänglich. Für die einen gegebenenfalls passend, für andere wiederum nicht.
Alsterufer 2 (Rotherbaum); www.ristorante-portonovo.de

Tschebull
Seid nicht so naiv wie ich und geht da nicht ohne eine Reservierung hin; es ist nämlich oft ziemlich ausgebucht. Als ich dort endlich einen Tisch bekam, verstand ich, warum es spontan immer ausgebucht war: Gutes österreichisches Essen, sehr gute Weine und eine warme, gemütliche Atmosphäre. Ich habe als Letzte das Restaurant verlassen.

▶ Rollstuhltoilette befindet sich im Hotel Hyatt im gleichen Gebäude.
Mönckebergstraße 7 (Altstadt); www.tschebull.de

Chapeau
Wer im Chapeau essen geht, der sollte sich auf viele „Wow“-Momente einstellen. Dort ist, neben dem hervorragenden Essen, auch das Einrichtungsdesign sehr exklusiv und bis ins Detail ausgewählt. Man kann sich stundenlang umgucken und entdeckt auch dann noch neue Dinge. Sehr gut fürs erste Date geeignet – es entsteht keine Langeweile, selbst wenn das Gegenüber öde ist.

▶ Rollstuhltoilette ist vorhanden.
Moorfuhrtweg 10 (Winterhude); www.chapeau-restaurant.com

 

Cafés

Mutterland
Das Café eignet sich als zentraler Treffpunkt genauso wie für eine eine angenehme Wartezeit auf den nächsten Zug. Auch ist es ein guter Ort fürs Abendessen, bevor man ins Schauspielhaus oder in die Lange Reihe weiterzieht. Herrlich: der kleine Laden mit kulinarischen Geschenken (die man auch für sich selbst kaufen darf). Beim Herausgehen ist man sehr befriedigt. Und arm. Aber das macht nichts!

▶ Zahlreiche barrierefreie Toiletten befinden sich in der zentral gelegenen Umgebung.
Ernst-Merck-Straße 9 (St. Georg); www.mutterland.de

Café Leonar
Ich dachte immer, das Café sei eher etwas für intellektuelle, belesene, Fremdwörter benutzende Professoren. Bis ich dort eine Verabredung (na gut, nennen wir es „Date“) hatte und seitdem von dort nicht mehr wegzukriegen bin. Angenehme, friedliche Atmosphäre. Und hinterher fühlt man sich gleich so viel schlauer!

▶ Rollstuhltoilette ist nicht vorhanden.
Grindelhof 59 (Rotherbaum); www.cafeleonar.de

Entenwerder1
Noch bevor die Hamburger BloggerInnen diesen wunderbaren Ort entdeckt haben, saß ich da schon längst mit meiner kleinen Schwester und trank die Hauslimonade mit Ingwer und Gurke. Es ist nämlich das einzige Café in meiner Wohngegend – und es ist das allerschönste in ganz Hamburg. Mehr sag ich dazu nicht!

▶ Rollstuhltoilette ist nicht vorhanden.
Entenwerder 1 (Rothenburgsort), Telefon 70 29 35 88, Mo-Fr 11–20, Sa 10–22, So 10–18 Uhr

Koppel 66
Ich bin mindestens alle zehn Tage in der Koppel und inzwischen weiß jede/r Kellner/in wie ich meinen Kaffee trinke: Cappuccino, in einem Pappbecher (wegen des Gewichts) und mit einem Strohhalm. Ein Öko-Café in sehr cool. Dort fühle ich mich wohl und bekomme die besten Ideen!

▶ Rollstuhltoilette ist nicht vorhanden, aber eine Station weiter ist das George Hotel mit einer sehr großen Toilette.
Koppel 66 (St. Georg); www.koppel66.de

 

Clubs/ Bars

Uebel & Gefährlich
Konzerte und Partys jeglicher Musikrichtungen finden hier statt, meistens irgendetwas mit Elektro, was das Durchfeiern der Nächte angeht

▶ Rollstuhltoilette ist leider nicht vorhanden. Rausschwitzen!
Feldstraße 66 (St. Pauli), Telefon 31 79 36 10; www.uebelundgefaehrlich.com

Bar 1910
Für einen Moment habe ich vergessen, welches Jahr wir haben und wo ich bin. Der Pianist spielte „Happy Birthday“ und ich war so sehr in Gedanken verloren, dass ich vergessen habe, dass er womöglich für mich spielt … Das war an meinem ersten Abend in der Bar 1910 und seitdem bin ich sehr gern an diesem Ort. Die Inneneinrichtung ist aus den 20er Jahren und riecht nach einer intensiven Geschichte, während an der Bar meistens sehr interessante Persönlichkeiten verweilen.

▶ Rollstuhltoilette ist vorhanden.
Kirchenallee 34-36 (St. Georg); www.bar1910-hamburg.de

Mojo
Wer Funk, Soul, HipHop und tolle Menschen mag, der ist hier richtig. Etwas zu dunkel der Club, aber der Sound dafür umso besser. Ich bin gern hier!

▶ Rollstuhltoilette ist vorhanden.
Reeperbahn 1 (St. Pauli); www.mojo.de

/ Texte: Anastasia Umrik / Foto: Philipp Jung

 


Mehr Geschichten rund um das Thema Inklusion gibt es in unserem Special “Vielfalt leben”, das zusammen mit der Dezember-Ausgabe der SZENE HAMBURG erschienen ist. Hier geht’s zum PDF der ersten Ausgabe aus Juni 2017.