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Marathon in Hamburg erleben – und mehr

Es wird wieder gelaufen in der Stadt. Am 24. April 2022 startet der 36. Hamburg-Marathon. Rund um die Strecke können dabei nicht nur die Läufer:innen angefeuert werden, es gibt auch viel zu erleben. Hier kommen zehn Tipps für den Marathonsonntag

Während beim diesjährigen Hamburg-Marathon fast 30.000 Läufer:innen an den Start gehen, werden sie von deutlich mehr Menschen an der Strecke unterstützt. Was es drumherum zu erleben gibt, zeigen wir hier: 

Start & Ziel an den Messehallen

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Auf der Marathon-Messe können sich Sportler:innen nochmal mit allem Notwenigen versorgen (Foto: unsplash/Hobi industri)

Die Ersten und die Letzten kommen und gehen sehen, das geht natürlich am besten an Start und Ziel direkt unterm Fernsehturm. Während sich die Läufer:innen um 9:30 Uhr auf den Weg machen, kann man von hier aus wunderbar auf einen Kaffee ins Karolinenviertel schlendern und ist pünktlich um 11:30 Uhr zurück, wenn die ersten im Ziel erwartet werden.
Kleiner Tipp: Auf der Marathon-Messe gibt es kurz vor dem Marathon rund um den Lauf alles, was Läufer:innen brauchen – insbesondere günstige Laufschuhe.

Marathon-Messe
22. April 2022 12 bis 19 Uhr & 23. April 9 bis 19 Uhr

Nach der Party-Nacht Marathon gucken

Kilometer 2 & 11

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Nach der langen Kiez-Nacht auf den Fischmarkt und dabei auch noch Marathon gucken, das geht nur in Hamburg (Foto: Johanna Zobel)

Samstagabend auf dem Kiez, Sonntagmorgen für Kaffee und Fischbrötchen auf den Fischmarkt – ein Klassiker. Doch an diesem Sonntag geht noch mehr: Beseelt von einer guten Nacht kann man auf dem Heimweg noch die ersten Sportler:innen anfeuern. Zwischen 8:30 Uhr (Rollstuhlfahrer:innen) und 10:15 Uhr (die letzten Läufer:innen) führt der Marathon über die komplette Reeperbahn. Und wer besonders viel Ausdauer hat, kann bis 11:30 Uhr auch noch an den Landungsbrücken Athlet:innen abfangen.

An den Landungsbrücken raus

Kilometer 11

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Die Landungsbrücken: Ein beliebter Spot zum Marathon gucken (Foto: unsplash/Christian Lue)

„An den Landungsbrücken raus, dieses Bild verdient Applaus“, ist zwar eine der bekanntesten Liedzeilen der Hamburger Band Kettcar, doch hoffentlich nicht das Motto der Läufer:innen. Aber egal was man hier tut, die Landungsbrücken sind und bleiben einer der beliebtesten Orte in Hamburg – nicht nur für Tourist:innen. Beim Marathon ist hier fast immer gute Stimmung. Schließlich sind die Landungsbrücken einer von 23 Spots, an denen Bands die Marathonis nach vorne treiben. Traditionell ist dabei am Alten Elbtunnel Samba angesagt. 

Neue Eindrücke im Museum für Kunst und Gewerbe

Kilometer 14

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DRIFT: Shylight, 2006 im Museum für Kunst und Gewerbe (Foto: Henning Rogge)

Sport ist ein Kulturgut, genauso wie das gute alte Museum. Wer nach dem Läufer:innengucken noch im mehr Eindrücke sammeln will, für den lohnt sich ein Ausflug ins Museum für Kunst und Gewerbe. Aktuell werden hier mit „Die Sprache der Mode“ und „Dressed“ gleich zwei Ausstellungen zum Thema Mode und Textil gezeigt. Hinzu kommt mit „Drift“ eine Installation anlässlich des fünften Geburtstags der Elbphilharmonie. Und natürlich setzt auch das MK&G ein Zeichen gegen den Angriffskrieg auf die Ukraine. Im ganzen Haus sind daher Plakate und Fotografien zu sehen, die sich auf unterschiedlichste Art und Weise mit dem Wunsch nach Frieden und dem Land Ukraine auseinandersetzen.

Museum für Kunst und Gewerbe
Sonntags von 10 bis 18 Uhr, Eintritt 12 Euro (ermäßigt 8 Euro), alle unter 18 Jahren haben freien Eintritt

Brunch im Café Paris

Kilometer 15,5

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Perfekt zum brunchen: Das Café Paris (Foto: Café Paris)

Es ist 10:15 Uhr, die Spitze der Läufer:innen ist gerade durch und jetzt wartet man noch auf die oder den Liebste:n, aber dann muss auch mal was gefrühstückt werden. Wieso nicht genau hier der Strecke den Rücken zuwenden und im Café Paris direkt hinterm Rathaus richtig lecker brunchen? Das gemütliche Café gehört dabei zu den besten Spots der Stadt für einen gemütlichen Brunch

Café Paris
Geöffnet ab 9:30 Uhr

Alsterspaziergang

Kilometer 16 – 20 & 38,5 – 39,5

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Nichts geht über einen gemütlichen Sonntagsspaziergang an der Alster (Foto: Isabel Rauhut)

Und er sah, dass das Wetter gut war – hoffentlich. Der April in Hamburg hält zwar immer die ein oder andere Überraschung bereit, doch aktuell verspricht der Sonntag zumindest nicht, verregnet zu werden. Daher lohnt parallel zum Marathon auch immer ein Spaziergang an der Alster. Während sich die Läufer:innen 10 bis 12:30 Uhr (Ostseite) und von 11:30 bis 15:00 Uhr (Westseite) an Hamburgs blauer Mitte entlang quälen, können sich diejenigen, für die das Café Paris nicht gepasst hat, gemütlich schlendern oder sich im Literaturhaus Café verwöhnen lassen. 

Literaturhaus Café
Geöffnet ab 9:30 Uhr (Reservierung empfohlen)

Neue Perspektive auf die Stadt

ab Kilometer 22

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Auf dem Wasser durchs Grüne – eine ganz neue Perspektive auf die Stadt (Foto: Felix Willeke)

Sonntag in Hamburg ist auch immer Familienzeit. Für viele geht es deswegen zum Fußball spielen, Minigolfen oder einfach zum Spazieren in den Stadtpark. Für die etwas andere Perspektive lohnt ein Abstecher auf die Liebesinsel. Am hiesigen Bootsverleih lassen sich neben Tretbooten auch Ruderboote und Kanus leihen, um Hamburg vom Wasser aus zu erkunden. 

Bootsvermietung auf der Liebesinsel
Geöffnet bei gutem Wetter ab ca. 9:30 Uhr

Familiäre Atmosphäre

Kilometer 30,5

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Frisches vom Grill und gute familiäre Stimmung gibt‘s in Ohlsdorf fast in jedem Jahr (Foto: pixabay)

Marathon in Hamburg und Ohlsdorf, das ist eine wahre Liebesbeziehung. Während die Strecke in den vergangenen Jahren immer wieder angepasst wurde, blieb der nördlichste Punkt immer gleich: Die Querung der Alster „am Hasenberge“. Direkt am S- und U-Bahnhof Ohlsdorf trifft sich der Hamburger Norden zum Marathon gucken. Hier gibt es frisch Gegrilltes von der Freiwilligen Feuerwehr und dem THW, dazu extrem viel gute Laune und familiäre Stimmung. 

Eppendorf und der „Mann mit dem Hammer“

Kilometer 36 – 38

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Wenn am Eppendorfer Baum die Beine brennen, helfen gute Stimmung und grüße von oben (Foto: Alice von der Laden)

Wenn der sprichwörtliche „Mann mit dem Hammer“ kommt, dann braucht es erst recht Unterstützung. Spätestens ab Kilometer 37 setzen bei vielen Marathonis Krämpfe und Erschöpfung ein. Gut, dass der Hamburg-Marathon hier sein stimmungsmäßiges Epizentrum bereit hält: den Eppendorfer Baum. Geht es bei Kilometer 36 an der Eppendorfer Landstraße um 11:15 Uhr schon mit den ersten Bands los, erreicht die Stimmung an der U-Bahn Eppendorfer Baum ihren Höhepunkt. Bis kurz vor drei werden hier auch die letzten Läufer:innen nach vorne gepeitscht.

Eine Ruheoase kurz vor dem Ziel

Kilometer 41

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Direkt neben Start und Ziel liegt mit Planten un Blomen eine Oase der Ruhe (Foto: Berndt Andresen)

Man hat schon über 40 Kilometer in den Beinen, läuft bei der Spielbank Hamburg um die Ecke und vor einem taucht der Gorch-Fock-Wall auf, die letzte „Steigung“ beim Hamburg Marathon. Auch wenn das Wort Steigung hier wohl kaum ernsthaft verwendet werden sollte, tut den Läufer:innen jeder Schritt weh und jeder Höhenmeter nervt. Deswegen brauchen sie gerade hier besonders viel Unterstützung. Und wer keine Lust aufs Anfeuern hat, für den wartet mit Planten un Blomen eine echte Ruheoase direkt um die Ecke.

Wer sich selbst nochmal orientieren möchte: Den Strecken- und Zeitplan sowie alle Infos rund um den Marathon gibt es auf haspa-marathon-hamburg.de


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High Voltage | Frühjahrslesetage Hamburg 2022

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Die Früjahrslesetage Hamburg sind zurück – vom 6. bis 12. April 2022 erleben Literatur-Fans hochkarätige Lesungen an ungewöhnlichen Orten.

Endlich, nach zwei Jahren Pandemie-Pause: Im Rahmen der Frühjahrslesetage HIGH VOLTAGE präsentieren Stromnetz Hamburg und das Literaturhaus Hamburg wieder eine Woche voller Lese-Hochspannung! Besucher*innen erhalten einen guten Überblick darüber, was die Verlage an lesenswerten Neuerscheinungen auf den Markt bringen. Live, abwechslungsreich und für jedes Alter.

Zwischen Liebe, Politik und Balladen

Im Rahmen der Veranstaltung lesen Fatma Aydemir, Lucy Fricke, Katerina Poladjan und Monica Ali aus ihren neuen Romanen. Die Besucher*innen erleben hierin Geschichten zwischen tragisch-komischer Liebe, Politik und gesellschaftlichem Umbruch. Manuela Reichart und Leslie Malton präsentieren zudem mit „Walzer mit dem Teufel“ einen Sylvia Townsend Warner Abend und lassen die britische Autorin wieder lebendig werden. Schauspielerin Julia Nachtmann und Autor Christian Maintz entführen Balladen-Fans in eine facettenreiche und komische Welt zwischen Goethe, Wilhelm Busch, Mascha Kaléko und anderen Lyriker*innen.

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HIGH VOLTAGE – die Frühjahrslesetage Hamburg vom Literaturhaus und Stromnetz Hamburg

Programm für Kinder: Nachhaltig und unterhaltsam

An fünf Vormittagen gibt es zudem lebendige Lesungen für Schulklassen: Die Kinder bekommen einen humorvollen Einblick in die Geschichte des Geldes. Sie hören Überraschendes aus dem Leben von Wildkatzen und Wildbienen, erfahren altersgerecht, wie Demokratie funktioniert oder hören, was Bionik ist und warum die Natur meist ein besserer Erfinder ist als der Mensch.

Lesungen im UKE oder auf dem Gutshof

Alle Lesungen finden an eher ungewöhnlichen Orten in Hamburg statt: Stromnetz Hamburg und das Literaturhaus laden unter anderem ins Museum für Hamburgische Geschichte, ins UKE, auf das Gut Karlshöhe, in das Science Center im Wälderhaus oder in die Hafenbühne in der HafenCity ein. 

Tickets gibt es seit dem 10. März 2022 unter high-voltage.hamburg und literaturhaus-hamburg.de sowie an den Abendkassen.


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„Wer singt, ist stärker“

Katharina Hagenas „Herzkraft“ ist eine literarische Erkundung der Wirkmacht des Singens. Ein Gespräch über Frauenbilder in Märchen und Mythen, Unmittelbarkeit und darüber, warum die Hemmschwelle zum Singen in Deutschland höher ist als in anderen Ländern

Interview: Ingrun Thiele

SZENE HAMBURG: Frau Hagena, die Unterdrückung der Frau spielt in Ihrem Buch eine wichtige Rolle, etwa am Beispiel von Märchen und Mythen – Sirenen, Wasserfrauen, Nymphen. Sie hinterfragen an einer Stelle, ob die Meerhexe in Hans Christian Andersens „Die kleine Meerjungfrau“ wirklich böse ist und haben ein alternatives Ende erfunden. Sollten Märchen generell modernisiert werden, um das Frauenbild anzupassen?

Katharina Hagena: Prinzipiell finde ich, dass man gar nichts umschreiben muss, sondern lieber die Texte genauer lesen sollte. Kunstmärchen wie die von Hans Christian Andersen sind letztlich sehr in ihrer Zeit verhaftet, dort lernen wir etwas über die bürgerlichen Fantasien des 19. Jahrhunderts. Eine singende Meerjungfrau, die ihre Stimme gegen Beine eintauscht und hofft, durch Heirat eine Seele zu bekommen? Ernsthaft? Glücklicherweise ist aber ein guter Text klüger als sein Autor, und wir sehen darin heute Dinge, die vielleicht im vorvorigen Jahrhundert noch nicht sichtbar waren. Echte Volksmärchen hingegen sind so reduziert und so stark, dass sie ohnehin genug Raum zum Interpretieren lassen. Und nicht nur in eine Richtung.

„Singen hat etwas befreiendes“

Frauenfiguren in Märchen sind nur ein Teil Ihres Buches über das Singen. Sie richten Ihren Blick querfeldein auf die Kulturgeschichte, Soziologie, Physiologie, auch Singtherapien werden erwähnt. Hätten Sie noch mehr Themen in petto gehabt?

Auf jeden Fall, unendlich viele. Aber ich muss selbst eine gewisse Notwendigkeit verspüren, um ein Buch schreiben zu können. Das geschieht, wenn mich ein Thema so umtreibt, dass ich versuchen muss, mich ihm schreibend zu nähern. Schreiben ist immer eine Art Wahrheitssuche. Ich bin nicht systematisch vorgegangen, sondern habe darüber geschrieben, welche Aspekte des Singens mich begeistern und bewegen. Dadurch ist „Herzkraft“ sehr persönlich und eher eklektizistisch.

In welchen Lebenslagen singen Sie persönlich gern?

Ich glaube, wenn mein Herz sehr voll ist. Oft habe ich auch das Gefühl, dass man singend diesen Grauschleier, der manchmal auf einen herabsinkt, zerreißen kann, das hat etwas Befreiendes. Aber wenn er zu dicht ist, bleibt mir auch mal die Stimme weg.

„Im Nationalsozialismus wurde sehr viel gesungen“

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„Die Faschisten hätten überhaupt nicht so mächtig werden können,
wenn sie nicht so viele Lieder gehabt hätten“, sagt Katharina Hagena in „Herzkraft“

Obwohl Singen etwas Befreiendes ist, wie Sie sagen, gibt es eine weit verbreitete Hemmschwelle. Wie erklären Sie sich das?

Beim Singen wird das Innerste nach außen getragen. Wir zeigen viel von uns, wenn wir vor anderen singen, machen uns also verletzlich. Das finde ich auch immer wieder schwierig. Viele Menschen singen deshalb lieber für sich allein. Dass Deutsche, die im Ausland aufgefordert werden zu singen, bisweilen verschämt einen spontanen Kehlkopfriss simulieren, hat vielleicht auch etwas mit unserer jüngeren Geschichte zu tun. Im Nationalsozialismus wurde sehr viel gesungen. Die Faschisten hätten überhaupt nicht so mächtig werden können, wenn sie nicht so viele Lieder gehabt hätte. Ein echter Bruch mit diesen Liedern kam erst mit der 68er-Generation, die alles, was in der NS-Zeit gefeiert wurde, hinterfragte. Es entwickelte sich ein Misstrauen gegenüber dem Gesang und dem, was es mit einem macht. Das war auch notwendig. Jetzt wird das zum Glück wieder anders.

Was meinen Sie damit, „was es mit einem macht“?

Singen ist wahnsinnig emotional und kann einen ganz unmittelbar ergreifen. Es ist rauschhaft, lustvoll und beglückend. Es spricht die Sinne an genauso wie die Seele, macht Mut und stärkt das Gemeinschaftsgefühl.

Singen vs. Sprechen

Sie schreiben, Singen sei etwas so Emotionales, dass ein negativer Kommentar zur eigenen Stimme gleich ein negativer Kommentar zum ganzen Menschen sei.

Total! Alle, die sagen, dass sie nicht singen können, hatten mindestens ein kränkendes Erlebnis, meist schon in frühster Jugend. Die Stimme ist so ein großer Teil der Persönlichkeit. Die „Persona“ war in der Antike eine Theatermaske, aber das Wort kommt von personare, hindurchklingen. Das, was durch die Maske dringt, definiert den Menschen. Die Stimme trägt alles in sich, definiert den Menschen, zeigt seine Gefühle, macht ihn aus. Natürlich ist die Stimme nur eines von vielen Fenstern in die menschliche Seele oder Natur. Es ist eben das, durch das ich in diesem Buch schauen wollte.

Und beim Singen ist dieser Effekt noch stärker als beim Sprechen?

Genau, weil das Sprechen eher auf einer rationalen Ebene stattfindet, Singen ist viel emotionaler, und deshalb packt es auch die, die es hören. Singend macht man sich zwar selbst verwundbar, aber auch die Zuhörenden öffnen sich und lassen sich auf die Gefühle ein, die ihnen entgegenströmen. Singen gibt einem daher auch Macht über andere. Es betört, verführt, ergreift. Genau wie bei den singenden Frauen, über die ich schreibe.

„Es geht wahrscheinlich um Wahrhaftigkeit“

Was bedeutet der Titel „Herzkraft“?

Ich habe eine sehr alte und wundervolle Gesangslehrerin. Als Herzkraft bezeichnet sie diese Stärke, die das Singen ausmacht. Es ist das Gefühl, wenn Atem und Stimme ganz leicht beieinander liegen. Es muss aus dem ganzen Körper kommen, nicht nur aus der Kehle. Alles schwebt und fließt. Es ist nicht anstrengend, aber trotzdem passiert ganz viel im Körper. Wenn mir das – sehr selten – gelingt, ruft sie aus: „Jetzt singen Sie mit Herzkraft!“ Und das ist immer das Beste.

Ist die Herzkraft auch hörbar, wenn jemand technisch nicht auf hohem Niveau singt?

Ja, das empfinde ich ganz stark so. Viele Sängerinnen und Sänger sind technisch virtuos und brillant und haben große Stimmen und eine tolle Musikalität. Und manche davon berühren mich, andere nicht. Ich weiß nicht genau, woran es liegt. Vielleicht hat es am Ende doch etwas mit der Person selbst zu tun. Ich meine „Person“ im ganz wörtlichen Sinne, also das, was hinter der Maske liegt. Natürlich kommen mir genauso oft die Tränen bei Liedern von Menschen, die gar keine ausgebildeten Stimmen haben, aber eben mit Herzkraft singen. Es geht wahrscheinlich um Wahrhaftigkeit – wie immer eigentlich.

Singen als Friedensbringer

Das heißt, wenn jemand voller Leidenschaft und Inbrunst, dafür aber umso schiefer singt, finden Sie das schön?

Tja, die Schönheit ist ein weites Feld. Wenn ich voller Inbrunst ein Pferd male, ist es leider nicht möglich, das schön zu finden – auch wenn ich das selbst vielleicht so fühle. Und oft ist das beim Singen ähnlich. Aber es gibt auch Gesänge, mit denen sich zum Beispiel Verzweifelte Mut zusingen, mit denen Mütter oder Väter um ihre Kinder trauern, da werden ästhetische Bedenken einfach bedeutungslos, denn der Gesang ist notwendig und roh und unmittelbar. Das ist mehr als schön, auch wenn es unsere Vorstellung von Schönheit erst einmal aushebelt.

Ist es auch möglich, sich in Rage zu singen?

Ja, klar gibt es Hetzgesänge, Lieder, die Aggressionen schüren. Die Macht dieser Lieder liegt aber weniger im Hass, den sie versprühen, als in der Stärkung des Gemeinschaftsgefühls der Mitsingenden. Und doch glaube ich, Yehudi Menuhin hat recht, wenn er sagt: Wer mit ganzem Herzen singt und zuhört, wie jemand neben ihm mit ganzem Herzen singt, der kann diesen nicht hassen. Nach Menuhin ist Singen zuallererst ein Frieden stiftendes Unterfangen.

„Schlager geben mir nichts“

Was versetzt Sie als Hörerin in Rage?

Es gibt Stücke, bei denen ich mich über mich selbst ärgere. Ich ärgere mich, dass mich irgendein banaler Kitsch rührt und ich ihm irgendwie ausgeliefert bin. Ich höre ein Lied, ich finde es eigentlich richtig doof, und doch habe ich eine körperliche Reaktion, kriege sogar eine Gänsehaut, die wahrhaftig nicht der „Beweis“ für Qualität ist! Diese Art von Exploitation, die dabei stattfindet, hat auch etwas Pornografisches.

Sie meinen Schlager?

Schlager geben mir nichts, aber ich halte sie für harmlos.

Singen und Angst gehen Ihrer Meinung nach auch nicht zusammen – trotzdem kann man sich doch Mut machen durchs Singen, oder?

Es geht physiologisch nicht zusammen. Das, was im Gehirn beim Singen an einer Stelle ausgelöst wird, dämpft an einer anderen die Angstgefühle. Es fängt schon damit an, dass man eine stabile Haltung einnehmen muss, damit überhaupt Töne herauskommen. Das allein hilft schon gegen die Angst. Ich kenne Kinder, die laut singen, wenn sie allein in den Keller gehen oder an großen Hunden vorbei müssen. Wer singt, ist stärker.

Katharina Hagena: „Herzkraft“, Arche, 224 Seiten, 18 Euro. Autorenlesung am 8. Februar 2022 im Literaturhaus, 19.30 Uhr (via Livestream)


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist seit dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Der Kampf um Autonomie in „Kleine Paläste“

Zwei Familien, deren Lebenslinien durch ein traumatisches Ereignis in der Vergangenheit miteinander verbunden sind: Literarisch vielschichtig und mit spannendem Plot durchdringt Andreas Moster in „Kleine Paläste“ die Lebenslügen eines Kleinstadtmilieus – wofür er nun den Hamburger Literaturpreis in der Kategorie „Buch des Jahres“ erhält

Interview: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Herr Moster, die Kleinstadt ist in etlichen Romanen, Filmen und Serien – zum Beispiel „Twin Peaks“ – das Setting, in dem sich hinter einer glatten Fassade Abgründe auftun. Hatten Sie solche Vorbilder im Kopf?

Andreas Moster: Bei mir hat es den konkreten Hintergrund, dass ich dieses Milieu gut kenne. Ich komme aus einer Kleinstadt in der Pfalz. Ich wusste zuerst, dass ich eine Geschichte erzählen will, in der Ereignisse aus der Vergangenheit die Lebenswege aller Beteiligten dominieren. Erst dann habe ich mich entschieden, die Geschichte vor dem Hintergrund der Kleinstadt zu erzählen. Mit diesen Einfamilienhäusern und den Gärten, die sich gegenüberstehen und in denen die Menschen sich gegenseitig beobachten.

Was für Strukturen prägen dieses Milieu?

So wie ich es in den 80ern erlebt habe, spielt es eine große Rolle, das Eigenheim so zu präsentieren, dass man gegenüber seinem Umfeld möglichst gut dasteht. Das eigene Glück bemisst man im Vergleich mit den anderen. Ich habe das Gefühl, dass solche Strukturen in der Kleinstadt stärker zutage treten als in der Großstadt, wo man die Möglichkeit hat, in eine Anonymität zurückzutreten. Ich hatte immer das Gefühl einer erzwungenen Nähe. Es gab einen Familienzusammenhang, dem ich mich nicht entziehen konnte, und Erwartungshaltungen, die ich nicht erfüllen konnte und wollte. Genauso geht es den Figuren in meinem Roman, die deswegen nicht in der Lage sind, ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen.

 

„Wir als Leser wissen: Nein, so ist es nicht“

 

Im Innersten wissen alle Figuren, dass sie Lebenslügen leben, trotzdem klammern sie sich an die Fassaden, die sie unglücklich machen.

Besonders deutlich wird das an der Figur der Silvia. Das ist die Mutter der einen Familie, die ihre gesamte Kraft darauf verwendet, das Haus nach ihrem Willen zu gestalten. Sie will ihr eigenes Wesen in den Räumen verwirklichen. Natürlich zeugt das von einer wahnsinnigen Hilflosigkeit. Sie sieht nicht die Option, wegzugehen oder an sich oder der Familienkonstellation etwas zu verändern. Sie sieht ihre einzige Option darin, ihr konkretes Umfeld handwerklich zu gestalten.

Hanno, Silvias Sohn, hat die Kleinstadt verlassen, dennoch ist er gefangen.

Hanno war über 30 Jahre weg von zu Hause, er ist ein rastloser Typ, der keinen Beruf und keine Beziehung lange halten kann. Als er in sein Elternhaus zurückkehrt, ist er erst mal komplett unfähig, irgendwas zu machen. Er muss seinen kranken Vater pflegen, was er nicht hinkriegt, beziehungsweise nur durch die Hilfe von Susanne, der Nachbarstochter. Irgendwann kommt er wie seine Mutter Silvia in diese hilflose Art zu handeln, indem er an der Fassade herumdoktert und die kleinen Macken des Hauses repariert. Ich wollte im Roman eine Figur haben, die von dem Ereignis in der Vergangenheit nichts Konkretes weiß und in gewisser Weise unschuldig ist, von diesem Ereignis aber dennoch in eine Unfreiheit getrieben wird.

Endet der Roman deswegen mit ihm?

Das Ende ist ein bisschen fies. Zuvor gibt es ein versöhnliches Ende für Susanne mit dem Ausblick auf Freiheit. Dann macht der Roman eine Schleife zurück ins Jahr 1986, wo Hanno als Jugendlicher in der Nacht nach dem Ereignis der Meinung ist, sein wahres Leben fange jetzt gerade an. Wir als Leser wissen: Nein, so ist es nicht.

 

Gefangen in patriarchalen Strukturen

 

Der neue Roman „Kleine Paläste“ von Andreas Moster gewinnt den Hamburger Literaturpreis in der Kategorie „Buch des Jahres“

Der neue Roman „Kleine Paläste“ von Andreas Moster gewinnt den Hamburger Literaturpreis in der Kategorie „Buch des Jahres“

Interessanterweise schafft Susanne es, obwohl sie das Opfer des Ereignisses und immer zu Hause geblieben ist, sich am Ende loszulösen, während Hanno, der als junger Mann gegangen ist, handlungsunfähig bleibt.

In diesen beiden Figuren sind die Rollen ein bisschen verkehrt. Susanne steht seit Jahren in ihrem Kinderzimmer am Fenster und beobachtet durchs Fernglas, was im Haus der anderen Familie passiert. Dieses Spiel von Nähe und Distanz ist etwas, dass ich ganz stark mit dem Kleinstadtmilieu verknüpfe. Man ist sich vermeintlich sehr nah, trotzdem herrscht eine emotionale Distanz. Aber es ist auch ein Bild für dieses Sich-nicht-lösen können. Man hätte ja erwarten können, dass Susanne, nach allem, was passiert, die räumliche Distanz sucht. Stattdessen bohrt sie sich richtig rein und verhakt sich mit ihrer Vergangenheit. Erst im Laufe des Romans findet sie Möglichkeit, sich davon zu lösen. Hanno geht diese Möglichkeit komplett abhanden.

Hat das etwas mit dem Aspekt der Männlichkeit zu tun?

Es gibt im Roman die Figur des Carl, Hannos Vater. Er ist ein alter Patriarch, der in der Gegenwart ein kranker, dementer Mann ist. Er selbst kann zwar nichts mehr tun, trotzdem ist er das Zentrum des Romans, um das alle Figuren kreisen. Ich glaube, Hanno hat nie von seinen Eltern die Fähigkeit vermittelt bekommen, autonom zu handeln und bleibt in diesen patriarchalen Strukturen gefangen. Diese Strukturen verhindern auch so etwas wie eine Aufarbeitung, deswegen kann er sich zwar physisch lösen, indem er weggeht, emotional bleibt er aber an den Ort gebunden.

 

Am Schluss muss nicht alles gut werden

 

Inwiefern ist das seine eigene Schuld?

Die Strukturen sind zwar eine Erklärung für sein Gefangensein, aber er ist ja nicht völlig determiniert. Beim Schreiben des Romans hätte ich Hanno mehrfach am Kragen packen könne, ich hätte ihn am liebsten durchgeschüttelt und angeschrien: Reiß dich doch mal zusammen und mach jetzt einfach mal, leb’ dein Leben verdammt noch mal! Aber die Figur hat etwas anderes verlangt, nämlich ein Kontrapunkt zu Susanne zu sein. Ich wollte nicht, dass am Schluss alles gut wird, alle ihren Weg finden und glücklich in den Sonnenuntergang reiten. Das wäre der Geschichte nicht angemessen gewesen.

Sie erzählen den Roman aus verschiedenen Perspektiven, auffällig oft aus weiblicher.

Ich habe in meinen Texten immer das Gefühl, dass massiv etwas fehlen würde, wenn ich nur aus männlicher Perspektive schreiben würde.

Was wäre in „Kleine Paläste“ verloren gegangen?

Der Kampf um Autonomie, den diese Frauen im Buch stärker und härter führen müssen als die Männer. Damit wäre eine Dynamik, eine Entwicklung verloren gegangen. Aus rein männlicher Perspektive wäre der Roman zu statisch geworden.

 

Fassaden, Verheimlichungen und Nicht-Wahrhaben-Wollen

 

Der Roman beginnt mit Silvias Tod, den sie selbst aus der Geisterperspektive beschreibt.

Sie begleitet die Leser als Stimme aus dem Jenseits – sie kann nicht mehr eingreifen und muss nun zusehen, wie ihr Lebenswerk, ihr Haus, vor ihren Augen zerbröselt.

Sie sagten einmal, dass diese Geisterfiguren in vielerlei Hinsicht den Lesern ähneln. Können Sie das erläutern?

Die Geister im Roman ziehen keine Vorhänge zurück und sie verrücken keine Gläser. Sie sind nach wie vor menschliche Figuren, die aber nicht mehr in der Lage sind, physisch in die Welt einzugreifen. Gleichzeitig haben sie die Fähigkeit, die intimsten Momente der Lebenden zu beobachten. Das erinnert mich an die Leserperspektive: Man folgt einer Geschichte, kann aber nicht eingreifen. Gleichzeitig war es mir wichtig, dass diese Geister eine Entwicklung durchmachen. Im Falle von Silvia ist die Entwicklung, dass sie auf ganz brutale Weise auf ihre Lebenslügen stößt und erkennen muss, dass ihr Leben zu großen Teilen auf Fassaden und Verheimlichungen und Nicht-Wahrhaben-Wollen aufgebaut war. Gegen Ende des Romans trifft sie zumindest insofern eine Entscheidung, als dass sie anfängt, sich alternative Lebensmöglichkeiten vorzustellen – auch wenn es für sie zu spät ist.

 

„Bis zu einem gewissen Grad ist es egal, was andere von einem denken.“

 

Andererseits können die Geister ja eingreifen, zumindest insofern, als der demente und im Rollstuhl sitzende Carl sie wahrnimmt.

Es wird zumindest angedeutet, dass es den Geistern doch einmal gelingt, in die physische Welt einzugreifen. Für mich weist das vor allem darauf hin, dass Carl selber schon langsam in Richtung Jenseits abdriftet. Aber ich wollte die Geister auch als Treiber der Geschichte drin haben, weil ich zeigen wollte, dass die vererbte Schuld und die Versäumnisse im Leben über den Tod hinaus wirken.

Sie leben in Hamburg in einem selbst gewählten familiären Zusammenhang. Was möchten Sie anders machen, als Sie es gelernt haben?

Ich versuche vor allem, meinen Kindern nicht mitzugeben, wie sie sich zu verhalten haben, damit nach außen hin alles gut aussieht. Als ich ein Kind war, hieß es immer: „Das kannst du nicht machen, was sollen denn die und die denken?“ Ich versuche meinen Kindern irgendwie zu vermitteln, dass es bis zu einem gewissen Grad egal ist, was andere von einem denken.

Andreas Moster: „Kleine Paläste“, Arche Verlag, 304 Seiten, 22 Euro
Am 6. Dezember um 19.30 Uhr werden im Literaturhaus die Hamburger Literaturpreise 2021 in elf Kategorien verliehen


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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