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Unsere Lieblingssommer-Spots

Manche zieht es ans Wasser, andere auf heißen Beton: SZENE HAMBURG-Autor:innen erzählen, wo sie sich an Sommertagen gerne aufhalten

Texte: SZENE-Redaktion

Heiligengeistfeld

„Wenn sich die Sonne langsam hinter den grauen Betonwänden des Bunkers herabsenkt, schimmert das Heiligengeistfeld so schön orangefarben.“

Anna Meinke, SZENE-Autorin
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Nicht immer ist so wenig los an warmen Tagen: Heiligengeistfeld (Foto: Erik Brandt-Höge)

Im Sommer, wenn sich die Mittagshitze zwischen den hohen Altbauten der Stadt nur so zu stauen scheint, weht auf dem Heiligengeistfeld stets ein frischer Wind. Dann hocke ich im Schatten der Stromkästen auf dem von der Sonne aufgeheizten Asphalt, und atme durch. Hunderte Menschen tun es mir gleich. In kleinen Grüppchen sitzen sie da. Wenn ich in die Sonne blinzele, erkenne ich sie, wie Farbtupfer auf dem harten Grau. Das muss schön von oben aussehen, denke ich.

Um mich herum höre ich das raue Tönen der Skateboards, irgendwo weiter hinten läuft Musik. Es ist nie laut hier, immer irgendwie angenehm ruhig. In der Weite des Feldes verschwimmen die Geräusche, und was bleibt ist nur ein Flimmern von Stimmen. Das Stimmenflimmern wird zum Sonnenflimmern. Die Hitze wird hier sichtbar, wenn sie sich in gleißenden Wellen über den Asphalt streckt – und trotzdem, zu heiß wird es mir nicht. Ich entfliehe der Enge der Stadt.

Wenn sich die Sonne langsam hinter den grauen Betonwänden des Bunkers herabsenkt, schimmert das Heiligengeistfeld so schön orangefarben. Die letzten Reste der Hitze zersetzen sich in der Abendsonne, legen sich nieder auf dem nun angenehm warmen Boden. Langsam schlendere ich auf dem Feld in Richtung Reeperbahn. Skater, Leute auf Fahrrädern, Rollschuhen oder mit Drachen kreuzen meinen Weg. Hier muss man immer aufmerksam sein. Ich bahne mir meinen Weg durch die rollenden Massen. Mit jedem kühlen Windstoß verblasst der Tag ein wenig mehr, und die letzten Sonnenstrahlen scheinen auf mein Gesicht.

Stuhlmannbrunnen

„Wer nah ran geht, erlebt eine angenehme, kleine Erfrischung. Am liebsten betrachte ich dieses zehn mal 20 Meter große Schauspiel von der direkt an den Brunnen angrenzenden Wiese.“

Erik Brandt-Höge, SZENE-Redakteur
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Plitsch, platsch: Nicht viele Krokodile können behaupten, eine beruhigende Wirkung zu haben (Foto: Erik Brandt-Höge)

Der Weg vom Bahnhof Altona zum Platz der Republik ist ein steiniger. Ja, auch buchstäblich, höhö. Was ich jedoch meine, ist der Stadtstress, der sich auf den paar hundert Metern zwischen Busabfahrten und sattgrüner Liegewiese ballt. Wem man hier auch begegnet: Die Leute sind in Eile, der Zeitdruck, der nächste unangenehme Termin, die Überstunden stehen ihnen auf die Stirnen geschrieben. Viele fröhliche Gesichter sieht man nicht. Bis zum Platz der Republik.

Da hocken Pärchen, Jugendcliquen und Familien ganz entspannt herum, auf Bänken, dem Rasen oder – für viele Kinder am interessantesten – auf den Mauern rund um den Stuhlmannbrunnen. Darin kämpfen zwei Zentauren mit einem Fisch und verspritzen dabei ziemlich viel Wasser. Wer nah ran geht, erlebt eine angenehme, kleine Erfrischung. Am liebsten betrachte ich dieses zehn mal 20 Meter große Schauspiel von der erwähnten, direkt an den Brunnen angrenzenden Wiese. Die Wasserspiele haben von da aus eine ziemlich beruhigende Wirkung. Braucht man ja auch nach dem Weg.

Metropolis Kino

„Wer bekannte und unbekannte Meisterwerke auf der großen Leinwand erleben und zugleich der überhitzten Realität entkommen möchte, ist im Metropolis genau richtig!“

Marco Arellano Gomes, SZENE-Redakteur
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Das Metropolis Kino bietet angenehme Temperaturen und großartige Filme (Foto: Jann Wilken)

Zugegeben: Dieser Hotspot ist eher ein Cool-Spot. Satte zwei Etagen geht es hinunter, ehe man den schattig-kühlen Kinosaal des Metropolis erreicht. Die vielen Treppen hinab lohnen sich aber, denn hier unten im zweiten Untergeschoss gibt es nicht nur einen gut gelüfteten, mit 24 Grad Celsius angenehm temperierten, nicht überfüllten Kinoraum, sondern eine Etage höher auch eine atmosphärische, dezent beleuchtete Bar mit kühlen Getränken und jeder Menge Knabberzeug. Das erfrischt und stärkt einen – insbesondere an heißen Sommertagen.

Doch das Beste gibt es im wunderschönen, historisch gestalteten Kinosaal: Filme mit Tiefgang – von Fellini über Bergman bis Kubrick. Wer bekannte und unbekannte Meisterwerke auf der großen Leinwand erleben und zugleich der überhitzten Realität entkommen möchte, ist im Metropolis genau richtig!

Das Sommerprogramm sieht für den Juli eine Antikriegsreihe mit dem Titel „Make Peace Not War“ vor, bei der unter anderem die Filme „Die Brücke“ und „Schindlers Liste“ laufen. Zudem gibt es eine Reihe zum Modeschöpfer Tom Ford. Dieses Kino – so viel wird klar – bietet einzigartige thematische Zeitreisen, ohne auf modernste Technik zu verzichten. Da es so zentral liegt, bietet sich im Anschluss ein Spaziergang in eines der nahe gelegenen Restaurants oder durch Planten un Blomen oder die Innenstadt an – erfrischt und inspiriert statt platt und satt.

Fischmarkt

„Wenn es uns an unserem Schattenplatz doch zu kühl wird, setzen wir uns oft vor die Fischauktionshalle, direkt in die Sonne und genießen die letzten warmen Strahlen.“

Annarhea Stoffel, SZENE-Autorin
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Schattenplätze mit Top-Ausblick gibt es einige am Fischmarkt (Foto: Anarhea Stoffel)

Die Tage werden länger, das Wetter wärmer, da heißt es für mich: Endlich wieder runter zum Hafen fahren! Hamburg ist vor allem im Sommer immer gut besucht, da habe ich oft keine Lust auf große Menschenmengen, Gedränge und lange in der Sonne herumstehen. Umso schöner ist es dann abends am Fischmarkt.

Da ist zwar auch immer einiges los, unter der Terrasse des Hamburger Elbspeichers hat man aber meist gute Chancen auf einen ruhigen Platz an der Mauer. Vorher hole ich mir mit Freunden eine Limo oder ein Bier am Kiosk. Manchmal haben wir auch Lust auf ein Fischbrötchen vom Lütt & Lecker auf der anderen Straßenseite. Dann sind wir perfekt ausgerüstet und es kann losgehen, auf zum Wasser. Auch bei ganz heißen Temperaturen weht hier noch ein frischer Wind vom Hafen herüber. Und schattig ist der Platz unter der Terrasse auch, es lässt sich also super aushalten.

Wenn es uns an unserem Schattenplatz doch zu kühl wird, setzen wir uns oft vor die Fischauktionshalle, direkt in die Sonne und genießen die letzten warmen Strahlen. Da vergehen die Stunden ganz schnell, während man auf den weiten Hafen hinausschaut und das Treiben an den Docks beobachtet. Hin und wieder fährt ein riesiges Containerschiff vorbei, Richtung Meer in die weite Welt hinaus und ich frage mich, wo es wohl als nächstes anlegen wird.

Haynspark

„Mit Freunden packe ich gegen Feierabend gerne die Picknickdecke aus und genieße ein Bier auf der Wiese.“

Katharina Stertzenbach, SZENE-Volontärin
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Augenweide: Blick vom Haynspark auf die Alster (Foto: Erik Brandt-Höge)

Sommer ist, wenn ich wieder einen ganzen Tag im Haynspark verbringen kann. Bei der Joggingrunde am frühen Morgen ist das grüne Areal zwischen Eppendorfer Landstraße und Alster noch nahezu menschenleer, und ich genieße die Ruhe beim Sport. Gegen Mittag wird es schon voller und der Haynspark zum Treffpunkt für Familien, Stand-Up-Paddler, Schlauchbootbesitzer und Grillfans. Ein bunt gemischter Haufen, und das nicht bloß an Land.

Wer Lust auf eine Abkühlung hat, nutzt einen Wasserzugang und geht plantschen. Mit Freunden packe ich gegen Feierabend gerne die Picknickdecke aus und genieße ein Feierabendbier auf der Wiese. Manchmal treffen wir auch uns am historischen Pavillon, wo wir zu Live-Musik, die dort immer wieder ganz verschiedene Künstler spielen, schon viel getanzt und gefeiert haben. Auf die Anwohner haben wir dabei natürlich stets Rücksicht genommen.


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Japan-Filmfest: Gegensätze durch Liebe vereinen

Das Japan-Filmfest Hamburg hat eine lange Tradition. Vom 22. bis 26. Juni 2022 läuft die 23. Ausgabe in drei Hamburger Kinos

Text: Mascha Sprenger

Vom 22. bis zum 26. Juni 2022 bietet das 23. Japan-Filmfest Hamburg einen Einblick in die japanische Filmkultur. Das diesjährige Festival steht unter dem Motto „Japan – Tradition und Moderne versöhnt durch die Kraft der Liebe“. Passend dazu beginnt das Filmfest mit dem Drama „The Last Goze“ – ein Film über die 2005 im Alter von 105 Jahren verstorbene blinden Künstlerin Haru Kobayashi, mit dessen Tod eine Jahrhunderte alte Tradition erlosch.

Von Anime bis Rakugo

Das 23. Japan-Filmfest Hamburg findet neben dem Metropolis Kino auch im, das 3001 und im Studio Kino statt. Über 80 japanische Filme stehen auf dem Programm, darunter zahlreiche Deutschland-, Europa- und auch Weltpremieren – vom abendfüllenden Spielfilm bis zum experimentellen Kurzfilm. Zu sehen sind farbenfrohe Anime- und Arthaus-Filme der Noh-Reihe sowie Komödien der Rakugo-Reihe. Japan gilt als Land großer Gegensätze: Postmoderne Gesellschaft und jahrhundertalte Traditionen sind genauso präsent wie strenge Konventionen. Das Festival will diese durch die Kraft grenzenloser Liebe vereinen.

Hier gibt’s einen ersten Eindruck vom Eröffnungsfilm „The Last Goze“:


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Der Film-Pate

In einem Keller in St. Georg befindet sich ein filmhistorischer Schatz in Form von 35mm- und 16mm-Kopien. Thomas Pfeiffer vom Metropolis Kino hegt und pflegt die Filmrollen seit knapp 30 Jahren

Text: Marco Arellano Gomes

Es gibt Menschen, die können mit ihrem Wissen ganze Archive füllen. Thomas Pfeiffer ist ein solcher Mensch. Seit 30 Jahren hütet er das Filmarchiv der Kinemathek Hamburg, versteckt in einer Seitenstraße, mitten im quirligen St. Georg. Lediglich ein Klingelschild weist darauf hin, dass sich hinter einer gläsernen Tür, im Untergeschoss, das Archiv des Metropolis Kinos befindet. „Kinemathek Hamburg e. V.“ steht drauf.

Als Pfeiffer als Archivar begann, stand dort bloß ein M für Metropolis. „Damals sollte niemand wissen, dass sich hier Filmkopien befinden“, so Pfeiffer. Heute sehe er das nicht mehr so eng: „Kaum jemand verfügt heute überhaupt noch über das Equipment, um die Filme abzuspielen.“ Wertvoll sind die Filme noch immer, wenngleich aus nostalgischen Gründen. Cineasten schätzen und lieben das echte Filmerlebnis. Nichts kommt dem originalen Kinofeeling näher als historische Filmkopien – und davon gibt es im Archiv der Kinemathek jede Menge.

Wer die Treppen hinuntersteigt, steht zunächst direkt in einer Küche. Eine holzvertäfelte Schiebetür führt zu einem Vorraum, in dem sich mehrere Arbeitstische, Regale, Filmkartons, Filmrollen und Spezialreiniger befinden. Gebogene Tischlampen hängen über den Schneidetischen der Hamburger Marke Steenbeck, mit ihren charakteristischen blauen Arbeitsflächen.

Bilderrahmen mit Filmstars wie Shirley MacLaine, Jean Simmons, Audrey Hepburn, Montgomery Clift, Cary Grant und Gregory Peck zieren die Wand. Auf der gegenüberliegenden Seite steht ein Kasten mit Karteikarten. Darin sind alle Filme auf gelben DIN-A5-Karten notiert, erklärt Pfeiffer. Filmtitel, Filmformat, Regisseur, Archiv-Nr., Fassung, Land, Jahr, Bildseitenverhältnis, Ton, Akte, Länge, Material, Prüfungsdatum, Prüfer, Zustand – alles wird erfasst und penibel aufgelistet.

Der Hüter des Filmarchivs

Thomas Pfeiffer trägt Brille, schwarzen Rollpulli, dunkelblaue Jeans und kurze, grau melierte Haare. Optisch erinnert er ein wenig an den legendären Apple-Gründer Steve Jobs. Auch Pfeiffer ist technikbegeistert, perfektionistisch und ein guter Redner. Zum Metropolis stieß er 1989 als Filmvorführer, als Student der Elektrotechnik. Die Aufgabe, das Archiv zu hüten, folgte knapp zwei Jahre später. „1991 wurde die Stelle im Archiv frei“, erinnert er sich. „In versammelter Runde wurde gefragt, wer die Stelle übernehmen mag. Keiner meldete sich, aber alle Augen fielen auf mich.“ Pfeiffer nahm sich der Aufgabe an.

Das Archiv umfasste damals etwa 2000 Kopien. Seither gelang es Pfeiffer und seinen Kollegen und Kolleginnen, den Bestand auf das Dreifache zu erhöhen. Mittlerweile liegen hier 5900 Filme, in 35mm und in 16mm. Der kürzeste Film ist eine Minute lang, der längste umfasst 250 Minuten. Alle Filmrollen sind einzeln verpackt, gestapelt, beschriftet und katalogisiert. Sie liegen in metallenen Regalen, die etwa sieben Meter quer durch den Raum verlaufen, den gesamten Kellerraum durchziehen und durch drei Gänge erreichbar sind. „Das ist schon ziemlich umfangreich“, sagt Pfeiffer.

In Hamburg sind nur noch das Metropolis, das B-Movie, das Lichtmess und das Savoy (70mm) in der Lage, Filmrollen abzuspielen. „Angeblich haben das 3001 und das Alabama auch noch Projektoren. Aber einen Projektor haben und einen benutzen, sind zwei Paar Schuhe. Vorführen braucht Routine – und die geht wahnsinnig schnell verloren.“ Pfeiffer führt im Metropolis noch immer selbst vor. Er brauche die Praxis und das Gefühl, mit dem Film verbunden zu sein. Immer wieder präpariert er Filmklassiker aus dem eigenen Archiv – für das eigene Programm, aber auch wenn andere Kinos und Filmfeste sich einen Film leihen wollen.

Die Prüfung der alten Filmrollen erfordert präzise Handarbeit und Erfahrung; (Foto: Marco Arellano Gomes)

Eine Frage der Rechte

„Moment!“, korrigiert er sich selbst. „Filme werden nicht verliehen, sie werden zur Nutzung zur Verfügung gestellt“. Das sei ein wichtiger Unterschied. „Filme verleihen“ könne man nur, wenn man die „Rechte am Film besitzt“. Dies sei bei der Sammlung der Kinemathek aber so gut wie nie der Fall. „Jeder, der unsere Filme abspielen möchte, muss also vorab die Rechte dafür einholen“, so Pfeiffer.

Auch das Metropolis klärt, ehe es sich im eigenen Archiv bedient, die Rechte vorher ab. Und das ist manchmal gar nicht so einfach. In der Regel wenden sich die Kinos hierzu an Park Circus, einen internationalen Händler, der für 25.000 Titel die Rechte mit den Studios – von MGM, Warner Bros., Universal über Paramount, Sony Pictures bis hin zu Walt Disney und vielen mittelgroßen Studios abwickelt. Die Major-Studios seien längst dazu übergegangen, die Abwicklung auszusourcen.„Warner ist einer der letzten Verleiher, der noch analoge Kopien zur Verfügung stellt“, erklärt Metropolis-Kurator Nils Daniel Peiler, der gerade zu seinem wöchentlichen Besuch im Archiv ist. Für ihn sei dies „das Highlight der Woche“, weil er direkt am Material arbeiten könne: „Ich greife immer gern einen Film aus den Regalen und lasse mich überraschen.“

Das Filmmaterial …

Thomas Pfeiffer öffnet eine metallene Tür, auf der ein Filmplakat von „Frühstück bei Tiffany“ hängt. Direkt dahinter lagern kühl und trocken die Filme und warten darauf, entdeckt zu werden. „Zwei Drittel der Filme bestehen aus Triacetat, ein Drittel aus Polyester“, erklärt Pfeiffer. Nitrofilm, besser bekannt als Zelluloid, gäbe es hier nicht, da dieses aufgrund der hohen Entflammbarkeit nicht gelagert werden darf. „Das Zeug ist hochgefährlich, weil es nicht löschbar ist!“ Seit dem Sicherheitsfilmgesetz von 1957 dürfe Nitrofilm nicht mehr eingesetzt werden. Zunächst wurde es durch Triacetat, später in den 90ern durch Polyester ersetzt. Beide Materialien seien wesentlich schwerer zu entflammen und vor allem auch löschbar. Letzteres sei zudem extrem robust und könne recycelt werden.

Pfeiffer holt zwei kurze Streifen Film und fordert zum Reißen auf: Der erste Streifen aus Triacetat zischt und ist direkt kaputt, der zweite Streifen aus Polyester biegt sich, hält aber stand. „Mit Polyester-Film kann man ein Auto abschleppen“, erklärt Pfeiffer und schiebt einen Scholz’schen Satz hinterher: „Es reißt nicht, da es sehr sehr stabil ist.“ Verkratzen kann aber auch ein Polyester-Streifen: „Wenn ein erfahrener Filmvorführer am Werk ist, kann ein Film etwa 1000-mal gezeigt werden und man sieht so gut wie gar nichts. Wenn jemand keine Ahnung hat, reicht schon ein Durchlauf.“ Vor 30 Jahren sei er diesbezüglich entspannter gewesen: „Es gab damals zwar auch schwarze Schafe, aber grundsätzlich wussten alle, wie Filme vorgeführt werden. Heute fehlt vielen einfach die Erfahrung und Praxis.“

… und sein Zerfall

Kürzlich habe das Locarno Film Festival nach einem Film gefragt. Die Kinemathek Hamburg scheint die einzige verfügbare Kopie zu besitzen. „Das Material ist laut Katalogeintrag nicht mehr im einwandfreien Zustand, weshalb ich das noch prüfen muss“, sagt Pfeiffer. Der erste Schritt der Prüfung überrascht: Pfeiffer greift eine Filmdose, öffnet diese und hält seine Nase drüber. Zwei Dinge setzen Triacetat-Filmkopien zu: Der Zerfall der Farben, das sogenannte Fading, das wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß bei allen Trägermaterialien auftritt und durch eine optische Überprüfung am Schneidetisch ermittelt wird, und der chemische Zerfall, auch als „Essigsyndrom“ bekannt, der durch simples Riechen festgestellt wird.

Das Essigsyndrom ist ein großes Problem bei der Lagerung von Filmen: Die drei („Tri“) Essigsäuregruppen, aus dem die Filme bestehen, lösen sich mit der Zeit aus dem Molekülverband. Das Material riecht nach Essig, schrumpft, wird wellig und klebrig. Irgendwann ist der Film nicht mehr vorführbar: „Im Endzustand wird jeder Triacetat-Film zu einer schleimigen Masse“, sagt Pfeiffer. Stoppen könne man diesen Prozess nur durch Kühlung auf 17 Grad unter null. Das sei allerdings teuer, energieintensiv und wenig praktikabel.

Alle paar Monate fischt Pfeiffer eine Kopie heraus, die nach Essig riecht. Seine Nase ist geschult. Er rieche den Essig bereits beim Vorbeigehen. „Wir hatten hier eine Kopie von ‚Der gewöhnliche Faschismus‘. Die stank bestialisch.“ Am liebsten würde er Louis, den Hund einer Kollegin, darauf abrichten, die sauren Filme aufzuspüren, sagt er scherzhaft, „aber, ich befürchte, dass ich dann die Hälfte rausschmeißen müsste“.

Die Lagerbedingungen der Kinemathek seien mit knapp 19 Grad Celsius und 55 Prozent Luftfeuchtigkeit okay. „Ideal wäre eine konstante Temperatur um 15 bis 16 Grad Celsius und eine Luftfeuchtigkeit zwischen 40 und 50 Prozent“, sagt Pfeiffer. Degenerierende Filme werden umgehend isoliert, da sie andere befallen könnten. Eine gewisse Zeit lang könne man diese noch abspielen. Die Projektoren müssten danach allerdings aufwendig gereinigt werden, da es zu einem minimalen Abrieb kommen kann. Irgendwann hilft nichts mehr: Der Film kann dann nur noch vernichtet werden.

Der finale Test

Nach dem Schnuppertest erfolgt die mechanische Prüfung am Umroller: Pfeiffer greift eine Filmrolle und geht in den Vorraum zurück. Behutsam wickelt er den Film um die einzelnen Rollen und wirft den Motor an. Pfeiffer lässt den Film zwischen Daumen und Zeigefinger hindurchlaufen. So könne er am besten fühlen, ob es eine Einkerbung gebe, die den Film reißen lassen könnte. Im Anschluss lässt er den Film durch den Schneidetisch laufen.

Es brummt, rattert und knarzt. Während der Film über die Rollen rauscht, schaut er auf den mit Sichtschutz versehenen Monitor: „Ein sattes Schwarz zu Beginn ist immer ein gutes Zeichen“, sagt Pfeiffer. „Wenn alle Farben stimmen und der Ton vernehmbar ist, ist alles prima.“ Pfeiffer schaut sich stets den gesamten Film an. Gibt es Klebestellen oder Verschmutzungen komme ein Spezialreiniger zum Einsatz. Kratzer, Laufstellen und Verregnungen sowie Beeinträchtigungen der Farbe werden vermerkt.

Mag er nach über 30 Jahren noch immer gern Filme sehen? Er bejahrt die Frage ohne zu zögern. Wobei er zugibt, Filme anders zu sehen: Mit einem prüfenden, technisch geschulten Blick. Dennoch betritt er gerne den Kinosaal und nimmt als Gast darin Platz: „Ich hatte kürzlich einen richtig schönen Moment, als ich einen Film in unserer Programmreihe ‚Blick ins Archiv‘ zeigte. Der Film heißt ‚The Big Circus‘ („Die Welt der Sensationen“). Kein Meisterwerk. Ich hatte ihn vorher am Schneidetisch gesehen, um zu prüfen, wie verkratzt er war. Bereits dort wurde mir klar, dass er unfassbar schöne Farben hat.

Aber auf der Leinwand hat er dann so richtig gestrahlt! Das war … das war geil, einfach nur geil!“ Nils Daniel Peiler sitzt in dem Moment am Nebentisch, unterbricht seine Arbeit am Laptop, schaut herüber: „Ich empfinde das nach wie vor wie Zauberei. Man hat diesen Streifen und auf einmal sieht und hört man was.“ Pfeiffer entgegnet: „Ja, ja, das ist Physik und die Trägheit des Gehirns. Aber das reicht schon aus.“

metropoliskino.de


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Metropolis Kino zeigt Kurzfilme aus Hamburg

Am 23. Januar 2022 lädt das Metropolis Kino zu „Der Animationsfilm in Hamburg hat viele Gesichter“ und widmet sich damit dem Kurzfilm. Gezeigt werden Animationskurzfilme von verschiedenen Hamburger Künstler:innen

Text: Felix Willeke

 

Zehn Filme in rund 100 Minuten gibt es bei der Kurzfilmmatinee „Der Animationsfilm in Hamburg hat viele Gesichter“ am 23. Januar 2022 um 11 Uhr im Metropolis Kino. Hamburg hat eine große Film- und Kinogeschichte. Das zeigt nicht zuletzt die aktuelle Ausstellung „Close-up“ im Altonaer Museum. Begleitend dazu sind im Metropolis Kino noch bis Mitte Juli zahlreiche Filme zu sehen. Mit „Der Animationsfilm in Hamburg hat viele Gesichter“ widmet sich das Kino einer besonderen Form dieser Kunst: dem Animationskurzfilm.

Zu sehen sind mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Animationskurzfilme Hamburger Künstler:innen. Darunter Filme unterschiedlichster Techniken und Längen. Neben dem Urgestein der Hamburger Filmszene Mariola Brillowska sind außerdem Hanna Nordholt, Fritz Steingrobe und Jim Lacy zu Gast. Moderiert wird die Matinee vom Kurator der neuen Animationsausstellung „Trickkiste und Wolkentheater“ im Altonaer Museum, Till Penzek.

„Der Animationsfilm in Hamburg hat viele Gesichter“, am 23. Januar 2022 um 11 Uhr im Metropolis Kino
Die Martinee ist eine 2G-Plus-Veranstaltung.

 

Vorgeschmack gefällig? Hier gibt’s den Kurzfilm „Stampede“:

 


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#MOINKINO: Kostenlos Hamburger Kinos besuchen

Bei #MOINKINO gibt es zur Wiedereröffnung Freikarten in 16  Hamburger Kinos

Text: Felix Willeke

 

Unter dem Motto „MOIN – Die erste Runde geht auf uns“ startet eine besondere Aktion zur Wiedereröffnung der Kinos. Vom 1. bis 4. Juli 2021 gibt es in Hamburg und Schleswig-Holstein in insgesamt 50 Filmhäusern Freikarten für eine Vorstellung. „Mit der Kampagne möchten wir den Neustart des Kulturortes Kino zu einem Fest machen und Hamburgerinnen und Hamburger nach der langen Zeit der leeren Leinwände zum ersten Kinobesuch einladen“, sagt der Hamburger Senator für Kultur und Medien, Dr. Carsten Brosda.

Das Kontingent an Freikarten ist begrenzt. Tickets gibt es bei den teilnehmenden Kinos, bei NDR 90,3, dem Hamburg Journal und NDR 1 Welle Nord. Aus Hamburg sind folgende 16 Kinos mit dabei:

Unter den gezeigten Filmen sind neben der neuen Komödie „Catweazle“ mit OTTO als verrücktem Magier auch zwei Premieren: Das Animationsabenteuer „Die Olchis – Willkommen in Schmuddelfing“ und die Politsatire „Curveball – Wir machen die Wahrheit“. Beide Filme laufen exklusiv bei der Aktion „#MOINKINO“ und starten erst im Laufe des Sommers in den anderen deutschen Kinos.

 

Seht hier den Trailer zu „Curveball – Wir machen die Wahrheit“

 

Mit der Aktion feiert die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein nicht nur die Wiedereröffnung der Kinos; gleichzeitig läutetet sie ihren eigenen Relaunch ein: Ab sofort heißt es nicht mehr Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, sondern MOIN Filmförderung, das MOIN steht dabei für „Moving Images North“. „Wir möchten für die Bewegtbildbranche in Hamburg und Schleswig-Holstein die bestmögliche Partnerin sein und die besten Filme und Serien in den Norden holen“, sagt Geschäftsführer Helge Albers.


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Zeitreise: Metropolis Kino feiert 40. Jubiläum

Das kommunale Kino ist mehr als ein Leinwandtempel: Es ist ein Ausstellungsraum für Filme, die sonst nicht in Hamburg zu sehen sind. Und das seit 40 Jahren

Text: Maike Schade

 

Es war Mitte der 70er Jahre. Eine Gruppe avantgardistischer Filmemacher aus Hamburg gründete eine Initiative. Das Ziel: ein kommunales Kino, um zum einen das eigene Filmschaffen, vor allem aber auch Filme abseits des Mainstreams – aktuell wie historisch – der Allgemeinheit zugänglich zu machen. „Zunächst wurde das von Seiten der Politik misstrauisch beäugt. Filmemacher, experimentelle noch dazu. Was für ein linker Haufen mochte das sein, und wer weiß, was sie wirklich vorhatten?“, erinnert sich Martin Aust, heute Geschäftsführer des Metropolis Kino.

Es wurde ein exemplarisches Filmprogramm zusammengestellt und gezeigt, verhandelt, geredet – „und plötzlich war das Geld da“. Auch ein Geschäftsführer wurde gefunden: Heiner Roß, damals tätig im Arsenal Kino in Berlin, das mit seinem Programm Vorbild für das Hamburger kommunale Kino war.

 

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Von Anfang an dabei: der heutige Geschäftsführer Martin Aust (Foto: Kinemathek Hamburg)

 

Auch ein Raum für das neue Kino war bereits anvisiert: das (seit 1982 geschlossene) Programmkino Klick auf St. Pauli, in dem die Initiative schon seit Jahren seine Programme gezeigt hatte. „Aus irgendeinem Grund platzte die Vereinbarung aber. Und nun stand das kommunale Kino da: mit Geld, mit einem Plan und einem Geschäftsführer – aber ohne Räume.“ Heiner Roß, so erzählt Martin Aust, hat sich damals auf die Suche gemacht.

Irgendwann landete er im Kino am Dammtor, seinerzeit noch Aktualitäten­ und Neuheitenkino. „Er ging hinein, kaufte eine Eintrittskarte und sah sich einen Film an. Danach kaufte er eine weitere, sah noch einen Film. Und noch einen. Danach ging er zur Kassiererin und sagte: Ich möchte das Kino mieten. Die Kassiererin war konsterniert, fürchtete um ihren Job. Heiner Roß sagte: Sie miete ich mit. Haben Sie keine Sorge. Und er bekam das Kino – und die Kassiererin, Frau Herta Prigge, blieb noch viele Jahre bei uns.“ Zumindest, so Aust, sei das die Geschichte, die Roß erzählte.

Eines ist definitiv eine Tatsache: Mitte Oktober 1979, vor rund 40 Jahren, wurde das Me­tropolis Kino – benannt nach dem gleichnamigen Film von Fritz Lang, der zur Eröffnung ge­zeigt wurde – eingeweiht.

 

 

Martin Aust war von Anfang an dabei. Eher zufällig, wie er heute sagt: „Ich kam als Student nach Hamburg und hatte einen Job beim Filmfest. Da lernte ich Heiner Roß kennen, und er fragte mich, ob ich nicht in dem neuen Kino arbeiten wollte. Klar wollte er. „Ich habe alle möglichen Jobs da gemacht, zum Beispiel die Filmrollen, die tagtäglich am Bahnhof Dammtor per Express ankamen oder losgeschickt werden mussten, mit dem Auto hin-­ und hergefahren.“ Nach und nach war er aber immer mehr in die Programmgestaltung eingebunden, und als der bisherige Programmchef im Jahr 1986 das Kino verließ, bekam er den Job. Seit 2005 ist er Geschäftsführer. Das Programm macht er noch immer.

 

Zeitzeugnisse und Kunst

 

Und das unterscheidet sich fundamental von dem anderer Hamburger Kinos. Denn ein solches im eigentlichen – kommerziellen – Sinne sei das Metropolis nicht, sagt Aust: „Ich sehe uns mehr als Ausstellungsraum für Filme.“ Eine Art Museum, im dem das ansonsten nicht zugängliche Werk Filmschaffender aus über einem Jahrhundert für alle zu sehen ist, vom Stummfilm mit Live­-Musik der 1920er Jahre bis hin zum utopischen Experimentalfilm der Gegenwart, digital, aber auch auf 8, 16 und 35 Millimetern, abgespielt von zwei Filmprojektoren.

Dafür hat das Metropolis Kino ein eigenes Archiv aus mittlerweile rund 5.500 Fil­men, die in einem Keller in St. Georg fachgerecht verwahrt werden. Darunter befindet sich das Belegarchiv der Filmförderung Hamburg Schleswig-­Hol­stein plus eine große Sammlung aus Werken von US-­amerikanischen Exil­-Hamburgern aus den 1940er Jahren, die vor den Nazis nach Amerika geflohen waren – Zeitzeugnisse und Kunst zugleich, wie Aust sagt.

Die Relevanz des kommu­nalen Kinos – oder der Kine­mathek, wie sich der Verein, der Kino und Archiv betreibt, nennt – sei in der Politikaner­ kannt, sagt Aust. Zu zwei Dritteln wird das Kino von der Stadt subventioniert, ein Drit­tel spielt es selbst ein.

Das Pu­blikum sei dabei so bunt wie das Programm. Tendenziell älter, ja, „aber ich bin überzeugt, das wächst nach. Irgendwann ha­ben die Leute genug vom Pop­corn-­Kino und wollen mehr sehen.“ Die Auslastung sei konstant und in Ordnung. Reichen tut das Geld trotzdem nie. „Wir zeigen die Filme ja nur zwei oder drei Mal, und die Ausleihe der Filme kostet manchmal horrend viel Geld.“ Ganz zu schweigen von der nötigen Digitalisierung der Archiv­Schätze – irgend­wann wird das Filmmaterial auf den Rollen mürbe. Und ir­gendwann, auch wenn das lange dauert, ist es unbrauchbar und für immer verloren.

 

Originalzustand der 1950er Jahre

 

Nicht nur die gezeigten Filme entführen in vergangene Zeiten. Auch das Kino selbst: Der Saal ist (bis auf brand-­ und sicherheitstechnische Kleinigkeiten) im Originalzustand der 1950er Jahre. Dabei stand das auf der Kippe, als das Gebäude im Jahr 2008 von Investoren auf­gekauft wurde und abgerissen werden sollte. Doch der Kino­saal wurde unter Denkmal­schutz gestellt und Stuhl für Stuhl, Schraube für Schraube sorgfältig abgebaut, eingela­gert und absolut originalgetreu wieder aufgebaut.

https://szene-hamburg.com/wp-content/uploads/2019/11/metropolis-kino-Eingang-alt-c-Kinemathek-Hamburg.jpg

Im Filmtheater Dammtor fand das Metropolis sein Zuhause (Foto: Kinemathek Hamburg)

Nicht im Erd­geschoss, wie früher, sondern ein Stockwerk tiefer im Keller. Aber dennoch. Der Besuch einer Filmvorführung im Metropolis Kino ist wie eine Zeitreise – in die längst verflogene Vergangenheit, in die jüngere, manchmal auch in die Zukunft. Eine Er­fahrung ist es immer.

Das Jubiläum feiert das Metropolis Kino für die Öf­fentlichkeit (plus den 30. Ge­burtstag des Hamburgischen Filmforschungszentrums Cine­ Graph) ab dem 26. Oktober mit einem vielseitigen Programm, unter anderem mit einer vir­tuellen Reise ins Archiv. Mehr Infos dazu auf der Homepage.

metropoliskino.de


szene-hamburg-november-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Jana und Petja von Move the North

Hamburg, Kopenhagen, Malmö – drei Städte, ein Festival. Mit „Move the North“ bringen die Initiatoren Jana und Petja Pulkrabek die Menschen grenzübergreifend zusammen – was nicht nur der Kunst guttut.

Interview: Hedda Bültmann

SZENE HAMBURG: Jana und Petja, ihr betreibt gemeinsam die Produktionsfirma Manusart. Was steckt dahinter?

Petja: Wir produzieren Filme, Theaterstücke und Kultur. Jana kümmert sich etwas mehr um den Theaterbereich und meine Leidenschaft liegt vorrangig beim Film.

Und ihr habt eine internationale Plattform initiiert, die im Januar startet …

Jana: Genau, das „Move the North“-Festival. 2019 starten wir mit unserem ersten Cross-Border-Jahresprogramm. Neben Manusarts-Produktionen werden wir viele internationale Kulturprojekte zwischen Hamburg, Kopenhagen und Malmö hin und her schicken.

Petja: Das Festival beinhaltet aber nicht nur Veranstaltungen, sondern ist auch eine Plattform, auf der wir Leute aus den drei Ländern zusammen bringen und schauen, welche Möglichkeiten sich auftun. Wir hoffen, dass über internationale Kooperationen neue Impulse gesetzt werden wie beispielsweise länderübergreifende Trilogien. Sodass sich nicht nur die Kunst zwischen Ländern bewegt, sondern sich auch das Publikum mit uns bewegt, um die einzelnen Teile in den unterschiedlichen Städten zu sehen.

 

Eine Kultur-Achse über die Ostsee

 

Funktioniert Kultur als Brücke zwischen den Ländern?

Petja: Die Idee ist, dass sich Norddeutschland mit Skandinavien kulturell stärker vernetzt. Es finden ja bereits in der Wirtschaft, bei Studiengängen, in der Forschung viele Kooperationen statt. Ein nordeuropäisches Zentrum dynamischen Wachstums wird zwischen den großen Wirtschaftsräumen um Hamburg, Kopenhagen und Malmö kreiert. Aber der Bürger bekommt das gar nicht mit und für mich ist die Kultur ein Weg, das sichtbar zu machen, indem wir eine bewegte Kulturachse über die Ostsee schaffen.

Jana: Dass man zueinanderfindet, neugierig aufeinander ist, über Grenzen hinaus miteinander arbeitet. Aber auch, dass gemeinsame Werte wie zum Beispiel Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit kommuniziert werden. Gerade die nordischen Regionen vereint eine ähnliche Haltung, die über Kultur gut vermittelt werden kann.

Jana, du leitest in Kopenhagen auch das House of International Theatre

Jana: HIT haben wir Anfang 2017 in Kooperation mit dem Kopenhagener Jeremy Thomas-Poulsen gegründet und das ist auch ein Grund, warum dieses Festival entstanden ist. Mit fünf deutsch-dänischen Koproduktionen im ersten Jahr haben wir in Kopenhagen eine feste Adresse für Kultur aus Hamburg etabliert und Manusarts wurde vom The Copenhagen Post für dieses Engagement mit dem dritten Platz als Trailblazer für internationales Theater gekürt. Das Festival ist jetzt der nächste Schritt, um größer zu denken und den Austausch in beide Richtungen zu generieren.

Petja: Es gibt viele Hamburger Künstler, die großes Interesse haben, in Kopenhagen aufzutreten und vice versa. Und von Kopenhagen ist es nur über eine Brücke rüber bis nach Malmö und so ist die Koppelung der drei Länder zustande gekommen. Mit dem geplanten Bau des Fehmarnbelttunnels sollen Hamburg und Kopenhagen zusammengeführt werden, Kultur kann dafür bereits im Vorfeld eine Weiche stellen.

Unterscheidet sich die Kulturszene in Kopenhagen von der in Hamburg?

Jana: In Kopenhagen scheint es so, als wenn Kultur ein Bürgerrecht wäre. Gerade im Sommer findet an allen Ecken Kultur statt, die für alle frei zugängig ist. Wie das Opera und das Jazz Festival, das Filmfestival. Kultur begegnet einem überall, nur wenn man durch die Straßen geht. Hamburg hat viele tolle große internationale Produktionen vom Thalia Theater oder dem Schauspielhaus. Aber dieses einladende, gemütliche zeichnet Kopenhagen aus.

Petja: Stichwort Hygge. Kopenhagen hat einen anderen Zugang zur Kultur.

Petja, du bist Filmemacher. Wie sind dafür die Bedingungen in Hamburg?

Petja: Es ist toll in Hamburg. Die Zusammenarbeit mit der Filmförderung ist immer sehr angenehm, es gibt viele gute Filmleute in Hamburg, es gibt hier viele tolle Teams, eine gute Ausbildung in dem Bereich, die HMS ist eine wirklich sehr gute Filmschule. Hamburg ist schon die Filmstadt. Besser als Berlin (lacht). Es ist hier nicht so überlaufen.

 

Filmtage in Hamburg und Kopenhagen

 

Und was magst du am dänischen Film?

Petja: Das dänische Kino ist sehr besonders mit einer ganz eigenen Filmsprache und einem eigenwilligen, sehr guten Humor. Beim Filmfest in Hamburg werden jedes Jahr dänische Filme gezeigt, aber es gibt noch so viel mehr, die es zu schauen lohnt. Deshalb wollen wir im Rahmen von Move the North Filmtage in Hamburg und Kopenhagen etablieren, in Kooperation mit dem Metropolis Kino und dem Husets Biograf. Es wäre schön, wenn sie regelmäßig stattfinden würden, um das bisherige Angebot zu ergänzen.

Habt ihr Themen, die ihr künstlerisch umsetzen wollt?

Petja: Ich lass mich immer gerne überraschen, was so auf mich zukommt. Generell mag ich Geschichten, die verbinden, die das Menschliche zeigen. Wir haben zum Beispiel den preisgekrönten Kurzfilm „Occasus“ gemacht, der die Geschichte eines afrikanischen Flüchtlings auf seiner tragischen Odyssee nach Europa zeigt. Momentan arbeite ich an einem Stoff, der sich mit den unfairen Arbeitsbedingungen in der Modeproduktion in Indien auseinandersetzt.

 

Seht hier den Trailer zu „Occasus“

 

Jana: Die Art unserer Produktionen geht tendenziell in Richtung Arthouse. Künstlerisch hochwertig, etwas experimentell, aber unsere Geschichten haben immer eine Struktur. Man muss aufpassen, dass man in der eigenen kreativen Umsetzung das Publikum nicht aus den Augen verliert. Es sollte schon Entertainment bleiben, aber das schließt eine hochwertige Qualität und tiefgründige Themen nicht aus. Mit Move the North wollen wir Kultur transportieren, die bewegt.

Ihr seid ja Geschwister, wie klappt die Zusammenarbeit?

Petja: Jetzt gerade gut (lacht). Wir sind sehr unterschiedlich, aber gerade deshalb ergänzen wir uns auch total gut. Mittlerweile weiß ich ganz genau, was Janas Stärken sind, sie kennt meine und deshalb können wir auch die Arbeitsbereiche bestmöglich aufteilen. Das funktioniert und wir sind auf einem guten Weg unsere Manusarts-Projekte zu etablieren.

Jana: Petja ist der Strategische von uns beiden, ich sehr impulsiv, manchmal eigensinnig. Ich bin eben auch eine Schauspielerin, die auf der Bühne steht, während Petja lieber inszeniert. Manchmal auch mich (lacht).

www.manusarts.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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